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Full text of "Zeitschrift für Ethnologie"

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ZEITSCHKIFT 

FÜli 



ETHNOLOGIE, 



Organ der Berliner Gesellschaft 



für 



Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte. 

RedactioDS-Coramission: 

A. Bastian, R. Hartmann, R. Virchow, A. Voss. 




Neunzehnter Band. 
1887. 



Mit 5 lithographirten Tafeln. 

BERLIN. 

Verlag von A. A s h e r & Co. 
1887. 



THtGLirV CENTER 
LIBRARY 



1 n h H 1 1. 



Ehrenreich, Dr. Paul, Berlin, üeber die Botocudos der brasilianischen Provinzen 

Espiritu santo und Minas Geraes. (Mit Tafel I — II) 1, 49 

(ioehlert, Dr. Vinc, in Gratz, Statistische Betrachtungen üt)er biblische Daten . . 88 
Dolbescheff, W. J., Oberlehrer am Gymnasium zu Wladikawkas, Archäologische For- 
schungen im Bezirk des Terek (Nordkaukasus) 101, 153 

Schoeteusack, Dr. Otto, in Freiburg i. B., Nephritoid-Beile des Britischen Museums 11') 
Bischoff, Prof. Theod., in Taquara do Mundo Novo, Ueber die Sambaquys in der 

Provinz Rio Grande do Sul (Brasilien). (Mit Tafel V) H^i 

Besprechungen: 

Gust. Jäger und Anton Reichnow, Handwörterbuch der Zoologie, Anthropologie, 
und Ethnologie, S. 47. — China. Imperial Maritime Customs, Medical Reports f. 1885—86, 
S.48. — Karl Vogt, Einige Darwinistische Ketzereien, S. 48. — Carl Freih. von C zornig, 
Die ethnologischen Verhältnisse des österreichischen Küstenlandes, S. 94. — Dr. R. A. 
Hehl, Von den vegetal)ilischen Schätzen Brasiliens und seiner Bodencultur, S. 94. — 
Fritz Pichler, Vorgeschichtliche Studien zur kärntischen Orte-Bildung, S. 95. — Martin, 
Westindische Skizzen, S. 95. — H. v. Wislocki, Märchen und Sagen der transsilva- 
nischeu Zigeuner, S. 95. — R. von Erckert, Der Kaukasus und seine Völker, S. 96. — 
Matth. Much, Die Kupferzeit in Europa und ihr Verhältniss zur Cultnr der Indo- 
germanen, S. 97. — G. Jacob, Die Gleichberge bei Römhild, S. 99. — Oiiginal-Mit- 
"heilungen aus der Ethnologischen Abtheilung der Königlichen Museen zu Berlin, 
S. 100. — Mallery, Garrick: Pictographs of the American Indians, S. 100. — Archivos 
do Musen Nacional do Rio de Janeiro, S. 100. — Edward S. Morse, Newest and 
modern Methods of Arrow-Release, S. 149. — Daniel G. Brinton, The Phonetic 
Elements in the Graphic System of the Mayas and Mexicans, S. 149. — G rem p 1er, 
Der Fund von Sackrau, S. 149. — Bruno Stehle, Orts-, Fluss- und Waldnamen 
des Kreises Thann im Olier-Elsass, S. 150. — Ludwig Steub, Zur Ethnologie 
der deutschen Alpen, S. 150. — Giuseppe Bellucci, Materiali paietnologici della 
provincia dell' Umbria, S. 151. - Alfred Kirch hoff, Länderkunde der 5 Erdtheile, 
S. 151. — W. Reiss und A. Stübel, Das Todtenfeld von Ancon in Peru, S. 151. — 
Hugo Jentsch, Die prähistorischen Alterthümer aus dem Stadt- und Landkreise Guben, 
S. 199. — P. Treutlein, Dr. Ed. Schnitzer (Emin Pascha), der ägyptische Geueral- 
gouverneur des Sudan, S. 199. - Fr. Florian Homer et Jos. Hampel, Congres 
international d'anthropolotjie et d-archeologie prebistoriques. huitieme Session, Budapest 
1876, S. 199. — Festschrift zur Begrüssung des XVIII. Kongresses der Deutschen 
Anthropologischen Gesellschaft in Nürnberg, S. 200. —Alb. Voss und Gus t. Stimming, 
Vorgeschichtliche Alterthümer aus der Mark Brandenburg, S. 201. — Julius Naue, Die 



Hügelgräber zwischen Ammer- und Staffelsee, S. 202. - H. Ploss und M. Bartels, 
Das Weib in der Natur- und Völkerkunde, S. 203. — Oscar Schneider, 1) üeber 
Anschwemmung von antikem Arbeitsmaterial an der Alexaudrinischen Küste. 2) üeber 
den rothen Porphyr der Alten. 3) Zur Bernsteinfrage, insbesondere über sicilischen 
Bernstein und das Lynkurion der Alten, S. 204. 



Verhandlungen der Berliner Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte 

mit besonderer Paginirung. 

Ein specielles Inhalts -Verzeichniss der Sitzungen, sowie ein alphabetisches Namens- und 
Sach-Register befindet sich am Schlüsse der Verhandlungen. 



Verzeichniss der Tafetri. 



Tafel I— II. Botocudos der brasilianischen Provinzen Espiritu santo und Minas Geraes. 

(Zeitschr. f. Ethnol., XIX., 8. 1.) 
Tafel III. Beigaben aus einem Urnenfelde bei Tangermünde. (Verh. S. 216.) 
Tafel IV. Ethnographische Geräthe der Marokkaner. (Verh. S. 241.) 
Tafel V. Sambaquys in der Provinz Rio Grande do Sul. (ZeiLscbr. f. Ethnol. S. 176.) 



Verzeichniss der Zinkographien und Holzschnitte. 



(H. r= Holzschnitt.) 

Zeitsclirift für Ethnologie, 1887. 

Seite 23. Urwaldhütte der Näk-erehä (Botocudos). 

„ 33. Tanz der Nep-nep (Pancas). 

, 104. Thurm in Meridji, Kaukasus. 

„ 107. Ruinen Muschgen-Gaala, Kaukasus. 

, 115. Erdwall aus dem nördlichen Kaukasus. 

„ 120 — 147. 54 Nephritoidbeile und -Geräthe anderer Art des Britischen Museums. 

, 153. Ruinen von Chaibachoij, Kaukasus. 

„ 154. Grabmal in Mulchoij, Kaukasus. 

„ 155. Bergspitze Datych-Kort, Kaukasus. 

„ 159. 5 Fundgegenstände aus dem Leicbenfelde bei Scharoij, Kaukasus. 

„ 161. Ruinen von Zessi, Kaukasus (2 Zinkogr.) 

, 169. Stein-Kurgan bei der Stanitza Troitzkaia, Kaukasus. 

, 177. Kartenskizze der Sambaquys von Rio Grande do Sul. 

„ 186—187. H. Schmuckgegenstände und Gefass aus Gräbern der Canipos-Bugres in 
Rio Grande do Sul. 

Verhandlungen der Berliner Gresellscliaft für Antropologie, Ethnologie 

und Urgeschichte, 1887. 

Seite 18. Hieroglyphe eines Maya-Gottes (Mondgottes). 
,, 21. Kupferaxt von S. Paulo, Brasilien. 
„ 23. Segel-Canoes von den Marshall-Inseln. 



Seite 25. 4 Muscheläxte von den Marshall-Inseln. 

26. Holzbainuier und Drillbohrer von den Marshall-Inseln. 

30. Soul-catcher und Ohrenzierrath von den Hervey-Inseln. 

31. Tanzbekleidung von Neu-Guinea, 4 Zinkogr.; vergl. S. 424. 

38. Armring aus Kupfer- oder Bronzeblech aus dem Ostjordanland. 

40. Steinaxt aus Gabbroschiefer von Kielbaschin, Kr. Thorn. 

48. Alterthümer aus der Gegend von Lenzen: vom Höhbeck in Hannover und von 
Warnow, Steesow, Gandow in der Westprignitz. 

52. Kartenskizze der Umgegend von Wusterhausen an der Dosse. 

78. Schulzenzeichen aus Alt-Dollstädt an der Sorge, Ostpreussen. 

85. Alterthümer aus Rudelsdorf, Kr. Nimpsch, Schlesien. 

87. Kartenskizze der Umgegend von Feldberg, Meklenburg-Strelitz. 

811. Wasserstandsverhältuisse des Haus-Sees von ebendaher. 

91. Kartenskizze von Feldberg mit den dortigen Alterthümern. 

99. Grondriss eines Spreewaldhauses. 
115. Prähistorische Grabkammer auf Kyushu, Japan. 

116—118. Künstliche Felshohlen aus den Provinzen Tschikuzen und Bungo, Japan. 
, 119—121. Altes Thongeräth aus Japan. 
„ 122. Tomoye (Triquetrum) in Japan. 

. 127. Grundriss des Mithraeum in den Externsteinen, Westfalen. 
„ 140. Säbelnadelo aus dem Pfahlbau von WoUishofen, Zürich. 
„ 142. Arm- und Halsring von dem Schönauer Hof bei Gr.-Gerau. 
, 143. Eimerförmiges Fhongefäss von Kl. Rade, West-Sternberg. 
, 146. Tättowirung der Banao von Luzon, Philippinen. 

„ 148. Guinanen der Rancheria Labuagan in der Gran Cordillera Central von Luzon. 
^ 160 — 161. Fig. 1 — 7, Bronzeschmuck von Labaticken bei Prökuls, Ostpr. Fig. 8, 
Verzierte Bernsteinscheibe aus der Bernsteinbaggerei von Schwarzort, Kurisches Hatt. 
„ 161. Kartenskizze der Gegend von Prökuls und Schwarzort. 
„ 163. Gräberkarte des Sachsen waldes. 
, 166. Specialkarte der Gräbercentren, ebenda. 
„ 174. Maya-Hieroglyphe des Monats Toxcatl. 

„ 204 — 205. Ketinirter Caninus im Unterkiefer mit oti'ener Wurzel. 
„ 217. Kartenskizze der ümenfelder bei Tangermündc. 
j, 218. Beisetzungsart der dortigen Urnen. 
, 219. Abbildungen der Urnen. 

., 221. Urnenscherben mit abweichender Verzierung von da. 
, 222. Schmucksachen aus Bronze. 

„ 226 — 236. 63 hieroglyphische Zeichen aus Maya-Handschriften. 
„ 239. 21 hieroglyphische Zahlzeichen der Maya. 
, 284. Muster von Körperbemalung von Schauja, Marokko. 
„ 288. Gesichtsurne von Dürschwitz, Kr. Liegnitz. 

„ 289 — 290. Alterthümer von Seilessen, Kr. Spremberg und Pohlo, Kr. Guben. 
, 291. Wendentöpfe aus der Lausitz. 
., 298 — 299. Umrisszeichnungen eines Motiloneu-Schädels, Venezuela. 

303. Bildliche Darstellung der Scbädel-Indices. 
r 305. Alterthümer aus der See bei Ascherslebeu. 
, 308. Alterthümer aus dem Urnenfriedhole vom Galgonberge bei Friedrichsaue, l'rov. 

Sachsen. 
- 329. Thonkopf aus einer Grabhöhle der Key-Inseln. 

351. Vorslavische Thougefässe mit Bodenzeichen aus der Lausitz. 

352. Knochenkamm von Guben. 

3.Ö3. Bronzering von Stenfscb, Prov. l^osen. 
. 354. Situationsski/.ze der Gräber von Kawenczyn, Posen. 
, 357. Steinbeil aus Lydit-Kieselschiefer von da. 

362 Knochenschlitten, -Schlittschuh und -Pfriemen aus Pommern. 



Seite 371. Durchlöcherter Topf n\m Aufbewahren vou Krebsen aus Thüringen. 

„ 379. Urnendeckel mit Falzrand aus der Lausitz. 

„ 393. Bronzefunde vom Grossen Kachau bei Arneburg, Altmark. 

, 394. Alter Begräbnissplatz l)eiui Ilühnerdorf, Tangermiinde. 

„ 395—396. Funtie vom Viererl)er Hof vor Tangermünde. 

, 100. Alte Funde aus der Mark Brandenburg. 

^ 401 — 402, Bernsteiiitigur von Stolp, Pommern 

403. Slavische Thonscherben vom Burgwall bei Stolzcnburg, Pommern. 

404 — 405. Fundstücke und Hügelgrab aus später Zeit bei Homo. Kr. Guben. 

406. Räuchergefässe aus der Lausitz. 

409. Schädel von Schubert, Beethoven und Haydn. 

413—414. Prähistorische Steingeräthe vom Ural. 

414. Thongefäss für Quecksilber aus Turkestan. 

, 415. Desgleichen von Koniah, Kleinasien. 

„ 418. Taus, indisches Saiteninstrument. 

422. Landkartenstein auf dem Schiossberge bei Neustadt, Westpr. 

„ 424. Tanzmaske von Südost-Neu-Guinea. (cf. S. 31.) 
445—446. Saml>aki Christoväo, Rio Tiruquinha, Brasilien. 

, 451. Zwergin Hilany Agyba (Maria Gasal?). 

, 452. Schädel von Merida, Yucatan. 

, 454. Thonfiguren von da. 

, 455. Jadeitkeil von S. Salvador, Central- Amerika. 

, 457—458. Assyrische Steiuartefakte, zum Theil aus Nephrit. 

, 461—463. Niederlausitzer Gräberfunde von Seilessen. 

^ 463—464. Geometrische Linien, mit mehrzinkigem Geräthe gezogen, aus der Lausitz. 

^ 466— 4T9, Situationsskizze und Durchschnitt des Hn'idek in Caslau, Böhmen, nebst 
30 Abbildungen archäologischer Gegenstände von da. 

. 493. Kartenskizze der Völkervertheilung zur Wendenzeit in Meklenburg und Vor- 
pommern. 

„ 496. Situationsskizze der vermuthlichen Lage von Rethra auf der Fischerinsol in der 
Tolleuse. 

, 507—508. Tbongefässe von Goschen und Reichersdorf, Lausitz. 

^ 509 — 510. Situationsskizzen des Gräberfeldes bei Brunn, Kr. Ruppin. 

„ 511. Thongefässe und sonstige Fundstücke von da. 

„ 513. Situationsskizzen des Gräberfeldes vou Kommerau, Kr. Scbwetz, Westpr. 

, 515. Thongefässe und sonstige Fundstücke von da. 

, 520 — 522. Bildziflferschrift auf einem Brett aus einem alten Brunnen bei Neustettin, 
nebst Versuch einer Erklärung. 

„ 523—524. Funde aus einer neolithischen Station bei Caslau, Böhmen. 

„ 529. Tüllencelte aus dem Nationalmuseum zu Budapest. 

„ 535. Bronzekessel von Hennickendorf bei Rüdersdorf. 

„ 537. Scheinbare Gesichtsurne von Pehlitz, Kr. Angermünde. 

„ 539. Bronzearmring aus derselben. 

, 554 — 555. Bleifiguren aus dem Gräberfelde von Frögg bei Rosegg in Kärnthen. 

, 561. Geschlagene Feuersteine vom Wadi Tarfeh und der Galala, Aegypten. 

„ 565. Diluvialer Schädel von Nagy Sap, Ungarn. 

„ 566. Westafrikanisches Ringgeld. 

, 567. Haus mit Rauchöffnung in Moor, Westprignitz. 

, 569 — 571. Grundplan und Ansichten eines altsächsischen Hauses in Neu südende bei 
Rastede, Grossh. Oldenburg. 

, 572. Kirche zu Zwischenahn im Ammerland mit quergestelltem Thurm. 

, 573. Holzgestell über dem Feuerheerde des Bauernhofs Zum Horst am Zwischen - 
ahner Meer. 

, 577. Fränkisches Haus zu Heilsbronn bei Ansbach. 

„ 578 — 579. Oberbayrische Häuser vom Südende des Tegern-Sees. 



Seite 581. Schweizer Häuser aus dem Canton Bern. 

584. Haus von 1346 in Marhach bei Heimensch wand, Canton Bern, nebst Grundriss. 
. 585. Spicheren von ebendaher. 

586. Grundriss eines alemannischen Hauses von Hottingen über Säckingen. 

601—603. Ornamente der Pueblo-Indianer, Nordamerika. 

606—607. Fundstücke aus Gräbern der Bronzezeit zwischen Polzin und Bärwalde, 

Hinterpommern. 
011—613. Formen und Ornamente von Thongeschirr aus dem Gräberfelde von Kerpen, 

Ostpreussen. 
626—629. Tättowirungen von Frauen der Wabari-Bateke, Wampfuno und Bangala am 
Congo. 
, G49. Gesichtsumrisse eines Muteke vom Congo. 
, 657. Spitzohren eines Buschmannes. 

„ 659. Angewachsene und ausgezogene Ohrläppchen einer Hottentottin. 
„ 667. Hofanlage eines südslavischen Hauses. 
„ 668. SQdslavisches Pfahlhaus. 

, 670. Grundpläne von westfälischen und ostfriesisehen ßauerhäusern. 
^ H76— 677. Dorfanlagen im Kreise Neidenburg, Ostpreussen. 

, 679 — 681. Thongefässe und Bronzenadeln von Schlaupitz, Kr. Reichenbach, Schlesien. 
, 681. Bronzenadel von Meilendorf, im Besitz des Fürsten von Caroiath. 
, 685. Eisernes Messer der Bena Lusambo in Centralafrika. 

, 686. Griflfende eines eisernen Messers aus der Gegend östlich vom Lomami und Holz- 
becher der Baluba, beides aus Centralafrika. 
, 687. Holzbecher der Batetela, Stuhl der Baluba und Messer der Batua, von ebenda. 
_ 689. H. 2 Glasgemmen aus Trier. 
„ 698. Fundkarte der Glasgemmen vom Alsentypus. 
„ 702—703. H. 4 Glasgemmen von Briesenhorst, Lüneburg und Darmstadt; Carneol- 

gemme von Kreta. 
„ 710 — 711. H. 7 Glasgemmen vom Alsentypus. 

, 721. Rohe menschliche Figur auf einem prähistor. Thongefäss von Repten, Niederlausitz. 
„ 722. Eisernes Geräth von Haaso, Niederlausitz. 
, 723. Silberschale von Wichulla, Oberschlesien. 

, 742. Skizze des neolithischen Gräberfeldes bei Tangermünde und Thongefässe von 
demselben. 



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1. 

lieber die Botocudos der brasilianischen Provinzen 
Espiritn santo nnd Minas Geraes. 

Von 

Dr. PAUL EHRENREICH, Berlin. 

Hierzu Tafel I uud II. 



Yorbemerkung. 

Als ich im Frühling 1884 Europa verliess, um einige Theile Brasiliens 
behufs ethnologischer Studien zu bereisen, war es zunächst meine Absicht, 
die noch vorhandenen Reste der Urbevölkerung des Ostküstenlandes, über 
welche wir ausführliche Nachrichten nur aus den ersten Decennien dieses 
Jahrhunderts besitzen, aufzusuchen, sodann aber einige Völkerschaften des 
Amazonasbeckens eingehender zu studiren. Da schwere Erkrankung mich 
zur plötzlichen Rückkehr nach Europa nöthigte, konnte leider nur der erste 
Theil dieses Programms zur Ausführung gebracht werden. 

Ein mehrmonatlicher Aufenthalt in der Urwaldregion des Rio Doce, inner- 
halb der Provinzen Espiritu santo und Minas geraes, brachte mich in Be- 
rührung mit einigen der dortigen Botocudenstämme, auch hatte ich 
Gelegenheit, wenigstens eine Anzahl von Individuen der früher bedeutenden 
Nation der Puris, sowie der Nachkommen der Tupivölker des Küstenlandes 
zu sehen. 

Obwohl wir über die Botocudos bereits vortreffliche Arbeiten aus 
älterer und neuerer Zeit besitzen, — in erster Linie die classische Dar- 
stellung des Prinzen ZU WiEP im zweiten Bande seines Reisewerks, sodann 
die zahlreichen eingehenden Mittheilungen AUGU.ST ST. UILAIKE's und die 
gleichfalls sehr sorgfältige Abhandlung von HARTT in seiner „Geology and 
physical geogr oi Brazil". — so erschien es doch noth wendig,die oft sich Avidcr- 
sprechenden Angaben der einzelnen Autoren auf Grund eigener Beob- 
achtungen zu kontroliren uud nach den Gesichtspunkten uud der Methode 
der neueren ethnologischen und anthropologischen Forschung, unter Benutzung 
alles zur Zeit vorhandenen Materials , eiue monographische Beschreibung 
dieses Volkes zu liefern. Auf Vollständigkeit kann natürlich auch diese 
Darstellung keinen Anspruch machen. Erstlich war mein Aufenthalt bei den 

Zeitschrift für Ethnologie. Jalirg. 1887. 1 



2 Paio. Ehrenreich: 

Indianern bei weitem nicht lange genug, um über alle wichtigen Punkte ins 
Klare kommen zu können, zweitens aber war es mir nicht möglich, alle 
Hauptstämme derselben zu besuchen, namentlich nicht die im Mucurygebiete 
hausenden Meine Mittheilungen beziehen sich vorwiegend auf die Horden 
am mittleren Rio Doce und seinen Nebenflüssen, welche freilich von den 
früheren Beobachtern wegen ihrer früher absolut feindlichen Haltung am 
wenigsten berücksichtigt worden sind. Auch der Prinz musste am Rio Doce 
bekanntlich unverrichteter Sache umkehren. Immerhin ist bei der Wichtig- 
keit der Aufgabe, die mehr und mehr dahinschwindenden Naturvölker zu 
Studiren, so lange es noch Zeit ist, für die Ethnologie jede neue gut beob- 
achtete Thatsache von Wertli und glaube ich deshalb trotz der unleugbaren 
Lückenhaftigkeit meiner Mittheilungen auf die Nachsicht der Fachleute 
rechnen zu können. 

Ich erfülle an dieser Stelle zugleich die angenehme Pflicht, den Herren 
Aug. Adnet, Director des Aldeamento von Mutum, und Joäo Maria 
Moussier, Polizei-Subdelegaten des Guandu, die durch stets bereite, liebens- 
würdige Unterstützung, durch Rath und That mich bei meinen Studien we- 
sentlich gefördert haben, hiermit meinen herzlichsten Dank auszusprechen. 



Verzeichniss der wichtigsten Quellenwerke: 

SOUTHEY, History of Brazil. London. 1810/17. 2 Bde. 
VON Eschwege, Journal von Brasilien. Weimar. 1818. 
Maxdhlian Prinz von Wied- Neuwied, Reise nach Brasilien 1815 — 17. Frankfurt a./M. 

1820. 2 Bde. 
A. DE Saint Hilaire, Voyage dans Tinterieur du Bresil. I. Partie: Voyage dans les prov. 

de Rio de Janeiro et Minas. 2 Bde. II. Partie: Voyage dans le district des dianiants et 

sur le litoral du Bresil. 2 Bde. Paris. 1830/33. 
Martius, Beiträge zur Ethnographie und Sprachenkunde Amerikas. I. Theih Ethnographie. 

II. Theil: Glossaria linguarum Bras. Erlangen. 1868. Leipzig. 1867. 8°. 
VON TSCHUDI, Die brasilianische Provinz Minas geraes. Gotha. 1862. 4°. 
Varnhagen, Historia geral do Brazil. Rio, 1854/57. 2 Bde. 
VON TsciiUDi, Reisen durch Südamerika. Bd. II und III. Leipzig. 1866. 8°. 
Hartt, Geology and physical Geography of Brazil. Boston. 1870. Appendix on the Boto- 

cudos. p. 577-606. 
Lacerda e Peixoto, Contribuipoes para o estudo anthropologico das ra(;as indigenas do 

Brazil. Archivio do museu nacional. Rio. I. 1876. p. 47 — 75, 
Ph. Marius Rey, Etüde anthropologique sur les Botocudos. Paris. 1880. 
Keane, on the Botocudos. Vortrag in der Londoner anthrop. Gesellschaft. 1882. 
Rodriguez Peixoto, Novos estudos craniologicos sobre os Botocudos. Archivio do museu 

nacional. VI. Rio de Janeiro. 1884. p. 205—256. 

Unter den wilden Urvölkern Südamerikas beanspruchen die Botocudos 
oder Aimores ganz besonders das Interesse des Ethnologen. Obwohl sie noch 
heut ihrer Mehrzahl nach auf der untersten Stufe der Gesittung stehen, 
haben sie doch nicht ohne Erfolg den sie umdrängenden Einflüssen der 
Civilisation bis auf die jüngste Zeit Wider.stand geleistet, während die übrigen 
indianischen Stänime der Ostküste Brasiliens theils ganz vernichtet sind, 



Ueber ilif Bofocudos. 3 

theils sich unter Verlust aller nationalen Eigcnthümlichkeiten der weissen 
und farbigen Bevölkerung des Landes assimilirt haben. So sind denn die 
Botocudos noch heute die unbestrittenen Herren ihrer Waldgebirge, wenn 
auch ihr früheres Territorium bereits erheblich geschmälert ist. In unmittel- 
barer Nähe der Küste, nur wenige Tagereisen von lebhaft besuchten, theil- 
weis mächtig aufblühenden Hafenplätzen, hat sich in den Urwäldern zwischen 
Rio Doce und Rio Pardo ein Stück ächten alten Ind iaji«rlet)ens erhalten, wie 
wir solches sonst nur in dem tiefen Innern des ungeheuren Continents zu 
finden glauben. 

I. Historisches. 

Bereits aus der ersten Zeit der Besiedelung Brasiliens wird uns von den 
Kämpfen der eingewanderten Portugiesen mit den kriegerischen Tapuya- 
stämmen der Bergländer der Küste berichtet, die durch ihre unbezähmbare 
Wildheit, ihre Hinterlist, ihren Kannibalismus aufs äusserste gefürchtet 
wurden. Schon ihr barbarischer Nationalschmuck, die grossen Holzpflöcke 
in den durchbohrten Ohren und Lippen, machte sie zum Gegenstand des 
Schreckens und Absehens. 

Um das Jahr 1560 erschienen die wilden Aimores zum ersten Male an 
der Küste und beunruhigten durch ihre Raubzüge die Capitanie von Porto 
Seguro. VARNHAGEN berichtet von ihnen '): „Sie wurden unter den übrigen 
Barbaren für mehr als barbarisch gehalten, redeten eine völlig unbekannte 
Sprache und ihre Sitten waren abweichend von denen aller anderen brasi- 
lianischen Stämme. Sie bauten keine Häuser, kannten nicht den Gebrauch 
der Hängematte, sondern schliefen auf Blättern auf dem Boden. Sie trieben 
keinen Ackerbau, sondern zogen in kleinen Banden umher und waren un- 
kundig des Schwimmens. Sie sprachen in tiefen Kehltönen und waren 
Menschenfresser, nicht aus Rachsucht oder Hass gegen den Feind, sondern 
aus Feinschmeckerei^)." 

Es gelang zwar dem tapferen Mem de Sa, sie zweimal zu schlagen, 
300 ihrer Dörfer (!) niederzubrennen und sie 60 Leguas weit ins Innere 
zurückzuwerfen, doch hinderten diese Niederlagen die Wilden nicht, einige 
Jahrzehnte später (1601) die Stadt Ilheos völlig zu zerstören. Was durch 
Waffengewalt nicht zu erreichen war, bewirkte der Pflanzer Alvaro Rodri- 
guez mit Hülfe einer Indianerin, die gefangen genommen, später zum Christen- 
thum bekehrt und civilisirt worden war. Ihrer Vermittelung verdankte man 
eine friedlichere Gesinnung der Wilden. Es Hessen sich viele derselben auf 



1) Varnhagen, Bist, do ßrazil. I. p. 242. 

2) An einer andern Stelle, Ilist. I, p. 447, sagt er: „os estrangeiros Aiuiores a que muito 
provavelmente pertencem conio dizemos eni outro lugar os chaiuados hoje Puris ou Boto- 
cudos", er betrachtet also irrthümlicher Weise beide Stünune als identisch, während seine 
Schilderung nur auf die Botocudos passt. Freilich werden unter dem Namen Tapuya die 
Puris mit einbegriffen, wie alle Nationen der Ostküste, welche nicht dem grossen Tupivolke 
angehörten. 

1* 



A Paul Ehreneeich: 

der Insel Itaparica nieder, um unter Leitung der Missionare sich dem Acker- 
bau zu widmen. Leider zerstreuten sich schon 1603 die meisten dieser 
domesticirten Indianer wieder in Folge einer dort ausbrechenden mörderischen 
Epidemie. Später kehrten viele zurück, die dann von dem ihrer Sprache 
kundigen Jesuiten Domingo Rodriguez bei llheos in zwei Dörfern ange- 
siedelt wurden. In anderen Gegenden des Küstenlandes dauerten die Kämpfe 
indessen fort»). Im Jahre 1664 griffen die Aimores im Verein mit den 
Tupistämmen der Tupinambas und Tamoyos, die, erbittert über die 
Misshandlungen seitens der Portugiesen, kein Bedenken trugen, sich mit 
ihren früheren Feinden zu verbinden, den wichtigen Hafenplatz Porto Seguro 
an. Der grösste Theil der Bewohner wurde während der Charfreitagsmesse 
von den Wilden überfallen und niedergemetzelt, die Stadt nebst den Ort- 
schaften S. Cruz und S. l^maro zerstört. Nur eine plötzlich unter den India- 
nern ausbrechende Blatternepidemie verhinderte ihre weitere Ausbreitung an 
der Küste. Erst im Anfang des 18. Jahrhunderts fanden neue Einfälle statt, 
die jedoch diesmal glücklich zurückgeschlagen wurden. Im Jahre 1758 2) 
wurde auch die Capitanie Minas geraes durch die Wilden beunruhigt, 
von den Portugiesen jedoch unter dem Beistand des ihnen befreundeten 
Stammes der Coroados glücklich vertheidigt. Bis in unser Jahrhundort 
hinein wüthete aber gerade in dieser Provinz, besonders im Stromgebiete 
des Rio Doce, der erbittertste Rassenkampf, der auf beiden Seiten mit 
gleicher Grausamkeit und Barbarei geführt wurde. Noch im Jahre 1809 
und 1810 forderten königliche Decrete zum Vernichtungskrieg gegen die 
Wilden auf und die ergreifenden Schilderungen unseres trefflichen V. ESCH- 
WEGE bezeugen, mit welcher Unmenschlichkeit man dabei verfuhr. 

Obwohl es nun seit der Unabhängigkeitserklärung Brasiliens gelungen 
ist, wenigstens mit einem grossen Theil der Wilden ein leidliches Verhältniss 
anzubahnen, auch mehrere Stämme in festen Wohnsitzen zu aldeisiren, be- 
sonders durch die Bemühungen des Franzosen Marliere"') am Rio Doce 
in den ersten Decennien und des Colonialdirektors von Philadelphia, Theo- 
philo Ottoni, in den fünfziger Jahren dieses Jahrhunderts, so sind doch 
noch bis in die letzte Zeit wiederholt Feindseligkeiten am mittleren Rio Doce 
und oberen Mucury vorgekommen, meist natürlich provocirt durch das Ge- 
bahren der brasilianischen Bevölkerung. Gerade jetzt sind die wilden Stämme 
am Mucury zwischen S. Clara und Philadelphia wieder in vollem Aufstande. 
Noch bei Eröffnung der neuen Eisenbahn zwischen Caravellas und Santa 
Clara wurden mehrere Theilnehmer an der ersten Fahrt dicht am Bahnhofe 
des letzteren Ortes aus dem Hinterhalt niedergeschossen. Dass unter solchen 
Umständen auch seitens der Ansiedler kein Pardon gegeben wird, ist selbst- 
verständlich. Auch mögen heute noch hier und da Scheusslichkeiten vor- 

1) SOTITHEY, History üf Brazil. II. p. 664 11'. 

2) SOUTHEY, a. a. 0. III. p. 600. 

3) Aug. St. TTilaike, Voyage dans le distr. des diam. II. p. 337 ff. 



Ueber die Botocudos. 5 

kommen, wie im Anfang des Jalirlmndeits, wo nach ESOTTWECR und ST. 
IIILAIRE bisweilen Kleidungsstücke von Pockenkranken den Wilden in die 
Hände gespielt wurden, um diese Seuche unter sie zu bringen. Habe ich 
doch selbst an einem Orte darüber discutiren hören, ob es sich empfehlen 
möchte, vergifteten Branntwein unter die bugres bravos zu vertheilenü 

Natürlich kann der Ausgang des Kampfes jweht zweifelhaft sein. 
Auch hier wird schliesslich der Wilde der andringenden Kultur weichen 
müssen. Am Rio Doce ist es neuerdings ruhiger geworden. Die feindlichen 
Stämme bleiben in ihren unwegsamen Bergwäldern, wohin ihnen Niemand 
zu folgen wagt. 

II. Name. 

Der Name „Aimores", mit welchem diese Nation bis Mitte des vorigen 
Jahrhunderts bezeichnet wurde, ist nach MARTIUS aus dem Tupi abzuleiten 
von Goyai-mura, d. h. „Feinde, welche umherschweifen". Mit welchem Recht 
man diesen Namen mit dem der Aymara Boliviens hat in Verbindung setzen 
können ^), braucht nicht des weiteren erörtert zu werden. Die neuere Bezeich- 
nung „Botocudos" ist unzweifelhaft abzuleiten von dem portugiesischen bo- 
toque „Fassspund", bezüglich der hölzernen Lippen- und Ohrpflöcke dieser 
Wilden. MiLLIET's Deutung dieses Worts als zusammengesetzt aus boto 
„kurz, dick" und codea „Gopalharz", also „untersetzte Leute, welche ihren 
Körper zum Schutz gegen Insectenstiche mit einer Harzschicht bestreichen", 
ist zu gezwungen und schon deshalb wenig annehmbar, weil eine solche Sitte 
von keinem directen Beobachter erwähnt wird. Es findet sich allerdings 
eine Notiz darüber bei SOUTHEY'-). HaRTT3) verwirft mit Recht auch die 
Ableitung von bodoques, den Thonkugeln, welche mittelst eines eigenthüm- 
lichen Bogens zur Erlegung kleiner Vögel geschleudert werden. 

Heutzutage ist wenigstens in den von mir besuchten Gegenden die Be- 
zeichnung Bugres (wahrscheinlich corrumpirt aus dem frz. bougre) die einzig 
übliche. Der Ausdruck Botocudos wird nur in der Schriftsprache verwendet. 

Wie nennt sich dieses Volk nun aber selbst? In dem Werke des 
Prinzen ZU WiED ist das Wort „Engrekmung" als der nationale Stammname 
genannt. Es heisst daselbst*): ,.,Sie nennen sich selbst Engrekmung und 
sind unwillig, wenn man sie Botocudos nennt." Woher der Prinz diesen 
Namen hat, ist aus seiner Darstellung nicht zu ersehen. Als Bedeutung 
desselben giebt er an: „Wir Alte, die weit aussehen." HaRTT *) sagt, er 
könne das Wort nicht übersetzen, bemerkt jedoch ganz richtig, dass 7nung 
gehen bedeutet. Es dürfte wirklich an der Zeit sein, dass dieses auf die 



1) vgl, W. Schultz, Natur- und Kulturstudien. S. 43. 

2) SouTHEY, Bist, of ßr. III. p. 808. 

3) Hartt, Geolog, of Brazil. p. 378. 

4) Pr. zu WiED, Reise. II. S. 2. 

5) Hartt, 1. c. p. 577. 



g Paul Eitrenreich: 

Autorität des Prinzen hin von allen späteren Berichterstattern bis in die 
neueste Zeit wiederholte Wort aus unsern ethnologischen und geographischen 
Werken endlich einmal verschwindet. 

Emgrekmung oder phonetisch genauer nkreU^ymü heisst w^örtlich „wohin 
flehen?, wohin gehst du?" Hiernach hätten wir es überhaupt nicht mit einem 
Namen zu thun, sondern mit einer Antwort oder vielmehr Gegenfrage der 
Wilden auf die Frage des Prinzen nach ihrer nationalen Staramesbezeichnung, 
welche sie nicht verstanden. 

Aehnlichen Missverständnissen verdanken ja so viele geographische 
Namen ihren Ursprung. Ein jeder, der mit uncivilisirten Menschen zu thun 
gehabt hat, weiss, wie schwierig es ist, auf solche Fragen eine richtige Ant- 
wort zu erhalten. Es ist jedoch schwerlich anzunehmen, dass ein so sorg- 
fältiger Beobachter, wie der Prinz ZU WiED, bei seinem relativ langen Auf- 
enthalt unter den Wilden diesen Irrthum nicht hätte bemerken sollen. Wir 
müssen uns deshalb nach einer anderen Erklärung umsehen. 

Engrehnung ist, wie mir scheint, miss verständlich gesetzt statt Krakmun 
oder Krekmun, ein Familien- oder Hordenname, der sich nach ST. HILAIRE^) 
bei den Stämmen in Minas novas, am Rio Jequitinhonha und am Südufer des 
Rio Doce, findet. Mit dem Worte krak „Messer" sind solche Namen überhaupt 
sehr häufig zusammengesetzt. Die in London 1882 der anthropologischen 
Gesellschaft vorgestellten Botocuden erklärten, wie es in KEANE's Bericht 
heisst y^Engerekmung (sie!) not as a tribal, but only as a family or personal 
name"! Hier ist natürlich ebenfalls statt Engerekmung Krakmun zu lesen. 
Sehr entstellt erscheint bei anderen französischen Autoren dieser Name als 
Craikmous, was schon deshalb falsch sein muss, weil der Laut s der Boto- 
cudensprache fehlt. 

Im Gegensatz zum Europäer {Karat) bezeichnet der Botocude sein Volk 
d. h. seine Rasse mit dem Namen Bvrn. Dieses Wort scheint dem in einigen 
Berichten sich findenden „Buturunas" zu entsprechen. Jeder der 4 oder 5 
grösseren Stämme hat ausserdem seinen besonderen Namen, wie Näk-nenuk^ 
Takruk-krak u. s. w., ferner nennen sich die einzelnen Horden, in welche 
ein solcher Stamm zerfällt, wieder nach ihren Häuptlingen oder sonst weit 
bekannten Personen, wie z. B. Po.sesä, eine Tribus der Näk-nenuk, nach einem 
früheren bedeutenden Chef genannt ist. So erklärt sich die grosse Zahl von 
Namen »), die sich in der Literatur findet. 

Auf die Frage nach dem Namen seines Volks nennt der Indianer in der 
Regel nur den des grösseren Stammes, dem er angehört. 

III. Wohnsitze und Verbreitung. 

Das grosse ostbrasilianische Küstenwaldgebiet, welches sich von der 
Mündung des Rio S. Francisco beginnend bis gegen den 30.° S.B. erstreckt, 

1) Der Laut y[; ist nur undeutlich hörbar. 

2) vergl. seine ausführlichen Bemerkungen in der Voyage d. I. prov. Rio. II. p. 150. 

3) Maktius, Eth., S. 315. 



Ueber die Botocudos. 7 

erreicht seine weiteste Ausdehnung nach Westen etwa zwischen dem 16. und 
20.° S. B. Diese Westgrenze ist die Serra do Esi)inha(;;o, die Wassersclieide 
der Gebiete des Rio Doce, Rio Mucury, Rio 8. Francisco und Parana. Von 
diesem Gebirge aus dacht sich das Lnnd östlich turassenförniig gegen die 
Küste ab. Den östlichen Rand des eigenthchen Hochlandes bilden die pa- 
rallel der Küste ziehenden Ketten der Serra dos Airaxires, 'welche südlicher 
dicht an das Meer herantretend unter dem Namen Serra do mar bis zum 
30.°S. B. weiter gehen. Ansehnliche Ströme kommim von der Serra do 
Espinha^o herab, welche von zahlreichen Schnellen unterbrochen das Tafel- 
land des südöstlichen Theils der Provinz Minas geraes durchfliessen und 
die Serra dos Aimores durchbrechend ruhigeren Laufes, durch die Küsten- 
niederungen zum Meere ziehen. 

Während im Bereich der Provinz Bahia die Küstenwaldungen, nament- 
lich durch den Zuckerbau, stark gelichtet sind, die Gebiete des oberen Rio 
Pardo und Rio Jequitinhonha grösstentheils schon der Camporegion ange- 
hören, bedecken noch heut ungeheure Urwälder das ganze Land des Mucury, 
Rio S. Matheus, Rio Doce und ihrer Nebenflüsse. Nur unmittelbar an der 
Küste von Espiritu santo und am oberen Rio Doce hat die Cullur sich 
bereits auszubreiten begonnen. 

Die Abhänge und Ausläufer der Serra dos Aimores, welche dieses Ge- 
biet durchziehen, sind die eigentliche Heimath der Botocudos. Die Schwierig- 
keit der Schifffahrt auf den von dem Plateau von Minas herabkommenden 
Strömen hat eine stärkere Besiedelung dieser von der Natur so reich be- 
dachten Gebiete bisher verhindert, so dass die Söhne des Waldes noch heut 
in einem grossen Theile des Landes ungestört ihr Wesen treiben können. 
Trotz des so lebhaften Handelsverkehrs der brasilianischen Ostküste mit 
Europa zeigt noch jetzt auf unsern Karten dicht am Litoral, zwischen den 
Flüesen Doce und Mucury, ein weisser P'leck eine Terra incognita an. 

Während noch im Anfang dieses Jahrhunderts die Horden der Boto- 
cudos vom Parahyba im Süden bis über den Rio Pardo in der Provinz Bahia 
nach Norden streiften, ist ihr Gebiet jetzt weit beschränkter. Heutzutage 
kann eigentlich nur noch das Viereck zwischen den Flüssen Rio Doce, 
Mucury, Sassuhy grande und Rio do S. Matheus als ihr unbestrittenes Terri- 
torium bezeichnet werden, soweit es sich nelinilich um wilde, unabhängige 
Horden handelt. Wahrscheinlich sind aber auch die feindlichen Nocy-Aocg^) 
am unteren Rio Pardo zu den Botocuden zu rechnen. Im Jahre 1882 beab- 
sichtigte die Regierung, dieselben im Districte Ilheos zu aldeisiren. In Al- 
deamenten angesiedelte sog. bugres mansos finden sich noch am Rio .lequi- 
tinhonha und südlich vom Rio Doce bei Cuiete (Prov. Minas geraes) und 
am Rio Guandu. 



1) Dieser Name erinnert an den Stammnamen Säk-ntnuk , mit dem er vielleicht iden- 
tisch ist. 



g Paul Eitrenreich: 

IV. Stämme und Horden. 

Eine genauere Aufzählung der Stämme und Horden, sowie Mittheilungen 
über ihre Verbreitung innerhalb der Provinzen Minas, Espiritu santo und 
Bahia hat TSCHUDI gegeben auf Grund der Arbeit THEOPHILO OtTONI's 
und der Relatoriaos officiaes der fünfziger Jahre ')• Auch WOLDEMAR 
SCHI'LZ verdanken wir eine Zusammenstellung hierüber in seinen „Natur- 
und Kulturstudien". 

Ich will nunmehr auf Grund eigner Erkundigungen unter Benutzung der 
Kelatorios der letzten Jahre eine Uebersicht der gegenwärtigen nomadischen 
und aldeisirten Stämme geben. 

Die Nation der Botocudos zerfällt in folgende Hauptstämme: 

Näk-nenuk, 
Näk-erehä, 
Etwet, 

Takruk-krak^ 
Nep-nep. 

Jeder derselben theilt sich wieder in kleinere Tribus, die sich entweder 
nach ihrem jeweiligen oder einem früheren berühmten Oberhaupte nennen. 

I. Die Näk-nenuk. Die Deutung dieses Namens ist nicht ganz leicht. 
Näk bedeutet „Erde, Land", nenuk könnte sein = Negationspartikel nuk^ so 
dass das Ganze soviel hiesse, wie „nicht das Land, nicht von diesem Lande". 
Es würde ein solcher Ausdruck auf eine Einwanderung dieses Stammes aus 
entfernteren Gegenden hindeuten, über welche sich jedoch sonst keinerlei 
Tradition erhalten hat. Diese auch von TsCHUDI^) erwähnte Uebersetzung 
wurde mir von dem Dolmetscher des Aldeaments von Mutum als die richtige 
mitgetheilt. Doch erscheint sie recht gezwungen. 

Der mir als bester Kenner der Botocudensprache gerühmte Canoeiro 
Morreira, im Orte Guandu wohnhaft, übersetzte näk nanuk (sie!) „Land 
vieler Palmen, Frucht tragender Bäume", konnte jedoch die eigentliche 
Grundbedeutung des Wortes nanuk nicht angeben, auch war es unmöglich, 
mit Sicherheit herauszubringen, ob für Palme oder Baum ein derartiges Wort 
existirt. Die Richtigkeit dieser Erklärung scheint demnach mindestens 
zweifeliiatt. 

Eine dritte Deutung ist nach MARTIUS, „homines terrae". Nach dem 
Vocabular J. (Glossar, S. 177) heisst nämlich gnuk der Mann. Dieses Wort 
ist, wie ich versichern kann, wenigstens gegenwärtig nicht im Gebrauch. 
Das eigentliche Wort für Mann ist wahä. 

Die zutreffendste Erklärung ist meines Erachtens nach die, dass nenuk 
ein Possessivpronomen = „unser" ist, nak nenuk also „unser Land", in diesem 

1) Tscniui, Reise. II. S. 264 ff. 

2) Tsciiuui, Die Provinz Minas geraes. S. 19. 



üeber die Botocudos. 9 

Sinne auch „Inhaber, Herren des Landes" bedeutet, wie auch TSCHUDI 
verinuthetO- Mit Sicherheit war indess nur die Existenz der Pronomina 
miniuk mein, huk sein zu constatiren, zu denen nenuk allerdinj^^s der Form 
nach sehr gut passen würde. 

Die Näk-nenuk sind über das ganze Gebiet zwischen Mueury, Rio Doce, 
Sassuhy und Serra dos Aimor^s vertheilt und leben theils als feindselige 
Wilde, theils schon mehr oder weniger domesticirt. Unter den wilden ist 
die berüchtigste die grosse Horde des Pösem am Mueury, die auch schon 
zu TsCHUDrs Zeit mehrfach mit den Mucurycolonisten in Fehde lag und 
namentlich in den letzten Jahren durch räuberische üeberfälle der zwischen 
S. Clara und Philadelphia verkehrenden Maulthiertragen sich übel berüchtigt 
gemacht hat. 

Als sesshafte Horden werden in den neuesten Relatorios erwähnt: 
Im Gebiet des oberen Mueury: Pote, 

Pontora, 
Norek. 
Am Rio Sassuhy Grande: ßatum, 

AJenino, 
Fache, 

Manoel Cameiro^ 
Chique Chique, 
Felipe Giporok, 
Joaquim Giporok^ 
Maranca, 
Sargento bi'anco, 
Patu^ 
Amanpan. 
Herr Pfarrer HOLLERBACH in Theophilo Ottoni am Mueury führt ausser 
den Poksa noch folgende, wahrscheinlich ebenfalls den Nak-nenuk zugehörige 
Horden dieser Gegenden auf: 1. die Poding, angesiedelt in dem von Capu- 
zinern geleiteten Aldeament, 5 Legoas SSW. 2. die Pmntrus (sie!), 7 Legoas 
östlich von der Stadt. 3. die Jikagirün, östlich von der Colonie. 4. Ui-ucu 
in den Wäldern zwischen Mueury und Rio S. Matheus. 

Fest aldeisirt unter Leitung von Direktoren leben sie im Aldeament 
N. S. dos Anjos de lUimbacury, :30 km südlich von Philadelphia im Muui- 
cipio Minas novas. 

Nach dem Relatorio von 1884 sind hier folgende Horden der Näk-nenuk 
angesiedelt: Giporok, Paruntum, Cracataö, Pontaö, Catule, Crenhe, Pote. Ihre 
Kopfzahl wird, wahrscheinlich zu hoch, auf 886 angegeben. 

U. Die Näk-e)'ehä, d. h. die Leute „des guten Landes", leben am oberen 
und mittleren Guandu, früher aldeisirt unter der treffliehen Leitung des 



1) TseuuDi, Reise. II. S. 264. 



IQ Paul Epirenreich: 

Kapuziners Frei Bento, aber nach dessen Abberufung wieder verwildert. 
Sie besitzen kleine Mais- und Zuckerpflanzungen, wohnen in Blockhütten, 
verlassen ihre Wohnsitze jedoch häufig, um wieder ihr altes Nomadenleben 
in den Wäldern zu führen. So traf ich sie mit ihrem Häuptling Cangike 
im Urwald am Fasse der Serra do Guandu unterhalb der Fazeuda Milagre. 
Zuweilen leisten sie den Ansiedlern zur Erntezeit Hülfe gegen kärglichen, 
leider oft genug aus Branntwein bestehenden Lohn. Wegen ihrer Neigung 
zu Diebereien fallen sie jedoch in der Nähe von Ortschaften lästig. Sie bil- 
deten früher im Verein mit den jetzt bei Figueira und Puaya (am Rio Sassuhy 
grande) fest angesiedelten 

in. Etwet das Volk des berühmten Häuptlings Pokran, der in den 
dreissiger Jahren es verstand, seine Leute an sesshaftes Leben zu gewöhnen 
und zur Arbeit anzuhalten. Die Regierung ernannte ihn dafür zum Ober- 
häuptling über alle Indianer i). In einer Fazenda bei Linhares sah ich 
noch das Bildniss dieses energischen Mannes, das ihn in europäischer 
Tracht, doch nach alter nationaler Sitte mit weit durchlöcherten Lippen 
und Ohren, darstellt. Seine Leute waren an einem linken Nebenfluss 
des Rio Manhuassii, dem jetzigen Rio Focran, angesiedelt und zerstreu- 
ten sich nach seinem Tode. Die Näk-erehä blieben am Manhuassu und 
Guandu. Die EOwet siedelten sich bei Guiete (Aldeamento bananal) und 
Figueira an. 

IV. Die noch völlig wilden und feindseligen Takruk-krak leben am 
linken Ufer der Serra dos Aimores bis zum Sassuhy grande und belästigen 
in derselben Weise, wie die PoSesä, die Umgegend von Philadelphia mit ihren 
Raubzügen. Sie zerstörten im Jahre 1882 das Aldeament von Mutum, 
mit dessen Bewohnern sie in Streit gerathen waren. Sie sind die Feinde 
der zwar gleichfalls noch wilden, jedoch den Europäern freundlich gesinnten 

V. Nep-hep d. h. „Leute, die hier sind". 

Dieselben bewohnen die Urwälder östlich von der Serra dos Aimores 
bis gegen den Rio S. Matheus hin. Sie zeigen sich gewöhnlich bei den 
Stromschnellen des Rio das Pancas, woselbst ich 3 Tage mit einer ihrer 
Tribus zubrachte. 

Sie waren früher erbitterte Feinde der Weissen und dehnten ihre 
Raubzüge bis unterhalb Linhares aus, setzten sogar ans rechte Ufer des 
Flusses über, um auch die Küstenorte, besonders Riacho, zu beunruhigen. 
Noch im Anfang der sechziger Jahre zerstörten sie die Ansiedlung Transil- 
vania an der Pancasmündung und verzehrten den Besitzer Fran^a Leite. 
Trotz ihrer augenblicklich friedlichen Haltung ist zu erwarten, dass auch sie 
über kurz oder lang wieder feindselig sich erweisen werden, wegen der vielen 
Uebervortheilungen, denen sie im Verkehr mit den Ansiedlern^oder FIolz- 



1) Auf ihn bezieht sich die Bemerkung von Martius Etbnogr. S. 316. 



Ueber die Botocudos. 11 

Suchern ausgesetzt sind. Namentlich ist es der auch von TSCHUDP) so 
scharf vcrurtheilte Kinderhaudel, welcher oft genug Streitigkeiten herbeiführt. 
Immerhin hat noch jetzt der Reisende am Rio das Pancas zur Zeit, wo die 
ITolzsaramlcr vom Guandu dorthin ziehen, nehmlich im A])ril, Mai, Juni die 
beste Gelegenheit, die wilden Söhne des Urwaldes in ihrer primitiven Lebens- 
weise kennen zu lernen, doch kann man nie sicher darauf rechnen, sie dort 
zu treffen, und empfiehlt es sich, von den zum Guandu zurückkehrenden 
llolzsuchcrn Erkundigungen einzuziehen. Am wenigsten günstig für eine 
Fahrt zum Pancas sind die eigentlichen Hochwasser-Monate December 
bis März, wo die Schiffahrt sehr schwierig und gefährlich zu werden pflegt. 

Die Näk-pörük (d. h. „Land vieler Fussspuren, Wildfährten") lebten am 
linken Ufer des Rio Doce zwischen Figueira und dem Guandu, sind jetzt fast 
erloschen. Ajidere früher bedeutende, jetzt sehr zusammengeschmolzene 
Stämme sind: 

Die Arauan, angesiedelt am mittleren Rio Arauan, Nebenfluss des 
Urupuca, der sich in den Sassuhy grande ergiesst. 

Die Bakues, nördlich vom Mucury bis zu den südlichen Nebenflüssen 
des Jequitinhonba. 

Die Pampan^ am gleichnamigen Nebenflusse des Rio Mucury bei 
Agoa branca Farrancho, Robim e Gram, S. Francisco und S. Pedro. 

Endlicham R\oFa,rdo die Nocg-nocg (Nak-nenuk?). Ueberden letztgenannten 
Stamm vermochte ich keinerlei Nachrichten einzuziehen. Die Gesammtzahl 
aller dieser Indianer beläuft sich auf etwa 5000 Köpfe, von denen die Hälfte 
sich noch im völlig unabhängigen Zustande befindet. 

Wirklich geordnete Aldeamente giebt es im Ganzen in diesem Gebiet 
nur 2, nehmlich 

1. das obengenannte N. S. dos Anjos de Itambacury, 1884 bewohnt von 
886 Köpfen. 

2. Immaculadaconcei^do doRio Doce (Puaya), von 241 Indianern bewohnt. 
In diesen Niederlassungen besteht regelmässiger Anbau von Kaffee, Mais, 
Bohnen, Manioc und Zucker, und zahlreiche Eingeborene besuchen Schule 
und Kirche. 

Alle übrigen Indianer-Niederlassungen befinden sich dagegen im Zu- 
stande völliger Verwahrlosung, so dass dieselben wahrscheinlich mehr zur 
Verwilderung und sittlichen Depravation ihrer Insassen, als zu ihrer Civili- 
sirung beitragen. Auch das noch vor einigen Jahren in leidlichen Verhältnissen 
befindliche Aldeament von Mutum am rechten Ufer des Rio Doce, das ein- 
zige der Provinz Espiritu santo, 1 legoa unterhalb des Emporiums Porto 
Tatu, früher auf dem linken Ufer des Flusses gelegen, erfüllt seinen Zweck 
nicht mehr. Die Ansiedelung besass bis dahin gutes Ackerland, sowie feste, 
ziegelgedeckte Häuser und zählte 1880 ca. 150 indianische Colonisten, meist 
vom Stamme der Näk-nenuk. Im Jahre 1881 kam es jedoch mit den die 



1) TscHUDi, Minas geraes p. 20. 



12 



Fall Eiiuexreich: 



benachbarten Wälder bewohnenden bugres bravos zu Feindseligkeiten. Der 
Dolmetscher des Aldeameuts (einer der besten Kenner der Indianer), wurde 
meuchlings von den Wilden erschossen, die dann wieder bei erneuten Ein- 
teilen die Häuser zerstörten, Vorräthe und Einrichtungsgegenstände raubten, 
bis sie schliesslich von den bugres mansos im Verein mit den befreundeten 
Xep-iiep vom Rio Pancas unter Verlust mehrerer Leute in ihre Wälder 
zurückgetrieben wurden. 

Da jedoch das Aldeament mit seinen halbzerstörten Gebäuden am linken 
Ufer gegen die feindseligen Horden keine Sicherheit mehr bot, so wurde 
dasselbe verlassen. Der Direktor siedelte sich gegenüber auf dem rechten 
Uler des Flusses an, der Dolmetscher blieb auf einer Insel, von wo aus beide 
Ufer zu übersehen sind, die Indianer endhch hausen seitdem eine halbe 
Stunde stromabwärts am rechten Ufer in elenden, aus Stangengerüst er- 
richteten Baracken. Da der Bitte des Direktors (zur Zeit Hr. August Adnet, 
ein Nordamerikaner), dem Aldeament Geldmittel zur Verfügung zu stellen, 
um neue, feste, gegen üeberrumpelungen gesicherte Häuser zu errichten, 
seitens der Regierung nicht entsprochen wurde, von der geringen, regelmässi- 
gen Subvention (abzüglich der Beamtengehälter jährlich 2 Conto ä 800 Milreis 
= 5000 Mark) nichts zum Neubau erübrigt werden konnte, so blieb das 
eigentliche Aldeament bis auf den heutigen Tag verlassen. Sümpfe und 
Capoeiragestrüppe nehmen die Stelle der früheren Pflanzungen ein, Wohn- 
häuser und Wirthschaftsgebäude stehen verödet. In JSIutum ist der Direktor 
wenigstens einige Monate anwesend, während die übrigen Niederlassungen 
entweder, wie z. B. die der Näk-erehä am Guandu, ohne jede Oberleitung 
sind, oder doch, wenn Direktoren existiren, selten oder nie von denselben be- 
sucht werden. 

Dass so die Indianer ohne rationelle Leitung, ohne Unterricht und regel- 
mässige Arbeit mehr und mehr deraoralisirt werden, ist leicht einzusehen. 
Die Regierung giebt Geld zur Beschaffung von Kleidern, Lebensmitteln, 
Werkzeugen, ohne dass die richtige Verwendung desselben genügend con- 
trolirt wird. Wieviel in Folge dessen in fremde Taschen fliesst, vermag 
niemand zu sagen. Viele Stämme, wie die verwahrlosten Näk-erehä, erhalten 
überhaupt nichts und sind, wenn sie nicht durch Jagd und Fischfang ihren 
Unterhalt gewinnen können, wesentlich auf Betteln und Stehlen angewiesen, 
da sie ihre eigenen Pflanzungen aus Mangel an Werkzeugen kaum unter- 
halten können, und ihre Arbeit bei den Colonisten von letzteren erbärmlich 
oft nur einfach mit Cacha^a (Branntwein) bezahlt wird. Sie besitzen so- 
wenig, wie die von Mutum, irgend welche Hausthiere, weil sie, unbekümmert 
um die Zukunft, alles Vieh oder Geflügel, das sie gelegentlich erhalten, so- 
fort zu verzehren pflegen. 

Von irgend welcher geistigen Kultur ist dabei, wie gesagt, keine Rede; 
die Bemerkung „o aldeamento näo tem escola nenhum sabe 1er" 
lesen wir leider nur zu oft in den Relatorios der Regierung. Die Notiz „saö 



üeber die Botocudos, 13 

todos baptizados" findet sicli dabei freilich ebenso häufig. Eine rühmliche 
Ausnahme macht in dieser Beziehung das obenerwähnte Aldeament N. S. 
dos Anjos de Itambacury. 

Ein sehr grosser Uebelstand liegt darin, dass die Stellung der aldeisirten 
Indianer gesetzlich nicht genügend präcisirt ist. Sie geniessen unbedingten 
Schutz der Regierung, ohne ihrerseits zur Erfüllung ihrer Pflichten angehalten 
zu werden. Die Bestrafung von Missethaten liegt de» -Direktor ob, wenn 
ein solcher anwesend ist, diesem steht jedoch nur das Recht zu, die Schul- 
digen einzusperren, woraus der Indianer sich bei seiner angeborenen Faul- 
heit und Indolenz wenig genug macht. Die schlimmsten Verbrechen bleiben 
so unter dieser wilden Bande nur zu oft ungerächt. Ein Mann aus Mutum 
erschoss vor einiger Zeit seinen Bruder aus Rache oder Eifersucht bei Ge- 
legenheit einer Jagd und entschuldigte sich dem Direktor gegenüber einfach 
mit den Worten: „Ich habe ihn im Dickicht für ein Capivary (Wasser- 
schwein) gehalten!" 

Besonders häufig ist Weiberraub zwischen den einzelnen Stämmen. 
So kamen während meines Aufenthaltes in Mutum eines Tages mehrere 
civilisirte bugres aus Cui^te angeblich zum Besuch ihrer Verwandten dort- 
hin. Sie trugen europäische Kleidung, waren mit Messern und Flinten be- 
waffnet und benahmen sich äusserlich recht manierlich. Schliesslich stellte 
es sich jedoch heraus, dass sie nur gekommen waren, um einige Familien 
aus Mutum einzuladen, sie nach Cuiete zu begleiten. Auf dem Marsche 
sollten dann die Männer ermordet und die Weiber entführt werden. Glück- 
licherweise wurde der Anschlag noch rechtzeitig entdeckt und die Leute vom 
Subdelegaten des Guandu gefangen gesetzt. 

Die Nähe grösserer Ortschaften leistet der Verbreitung von Trunksucht 
und Sittenlosigkeit unter den „christlichen, civihsirten" Indianern in jeder 
Weise Vorschub. Etwaiger Geldverdienst wird von ihnen in der Regel so 
schnell wie möglich im nächsten Orte in Cachaca (Rum) umgesetzt, und die 
umwohnenden oder durchziehenden Weissen und Farbigen sorgen im Ver- 
kehr mit den indianischen Weibern fleissig für die Produktion von Misch- 
lingen in allen erdenklichen Nuancen, leider aber auch in bedenklicher Weise 
für die Ausbreitung venerischer Krankheiten. ]\lit der Rassenreinheit der 
nächsten Generation wird es auf den meisten Aldeamenten deshalb wohl 
schlecht bestellt sein. 

So erheben sich die „christlichen" bugres mansos hinsichtlich ihrer Ge- 
sittung in keiner Weise über ihre wilden Stammesgenossen. Auch sie haben 
ihre Annäherung an die Civilisation mit moralischer und physischer Ver- 
kommenheit theuer genug bezahlen müssen. 

Inwieweit diese Verhältnisse in den obengenannten fest organisirten Al- 
deamenten bessere sind, vermag ich aus eigener Anschauung nicht zu sagen. 
Doch habe ich im Allgemeinen recht günstige Urtheile über die Thätigkeit 
und Erfolge der dortigen Missionare gehört. Eine wirkliche Kulturarbeit 



1 i Paul Ehrenreicu: 

unter den Indianern wird schon durch ihre ungenügende Kenntniss der 
portugiesischen Sprache sehr erschwert. Das einzige Mittel, sie der wahren 
Civilisation näher zu bringen, wäre, sie inmitten europäischer Kolonisten 
anzusiedeln, ihre Kinder in den Häusern der letzteren zu unterrichten und 
mit leichteren Arbeiten zu beschäftigen. An der alten Generation dürfte 
kaum mehr etwas zu bessern sein. Die junge dagegen würde sich in anderer 
Umgebung unter Anleitung zu geregelter Thätigkeit bei humaner, aber 
energischer Behandlung als vollkommen culturfähig erweisen, wie sich 
dies bei einzeken Individuen ja schon genügend gezeigt hat. 

y. 

Eine ethnologische Schilderung der Aimores muss sich natürlich in erster 
Linie auf die Betrachtung der nomadisch lebenden wilden Stämme stützen, 
die seit den Tagen des Prinzen zu Wied kaum etwas in ihrer ursprüngli- 
chen Lebensweise geändert haben und, unbekannt mit „Europa's übertünchter 
Höflichkeit, noch heute die düsteren Waldregionen am Rio Doce und Mucury 
durchstreifen. Ein nur kurzer, doch hochinteressanter Besuch bei einer 
Tribus der Nep-hep am Rio das Pancas verschaffte mir wenigstens einen Ein- 
blick in das Leben und Treiben dieser Naturmenschen. Meinem längeren 
Aufenthalt bei den Näk-nenuk im Aldeament Mutum und den Nak-erehä 
am Guandii verdanke ich mein anthropologisches und linguistisches Material, 
sowie mancherlei Erkundigungen über Sitten und Gebräuche dieser und 
anderer noch nicht zugänglicher Stämme. 

Was die körperliche Erscheinung dieser Wilden anlangt, so ist 
dieselbe keineswegs so abschreckend, wie man vielfach nach den Schilde- 
rungen und Abbildungen früherer Reisender anzunehmen geneigt ist. Manche 
Beobachter haben sich offenbar verleiten lassen, nur die hässlichsten Typen 
zu reproduciren, um beim europäischen Publikum damit Effect zu machen. 
Dasselbe sehen wir unter anderen auch bei Afrikareisenden, wie BUETON, 
dessen Negertypen grossentheils als Carricaturen anzusprechen sind. Ich 
wenigstens kann in vollem Umfange bestätigen, was unser trefflicher Be- 
obachter, der Prinz ZU WlED^), über diese Leute sagt: 

„Die Natur hat diesem Volke einen guten Körperbau gegeben, denn 
sie haben eine bessere und schönere Bildung als die übrigen Stämme. Sie 
sind grösstentheils von mittlerer Statur, einzelne erreichen eine ziemlich an- 
sehnliche Grösse; dabei sind sie stark, fast immer breit von Brust und 
Schultern, fleischig und musculös, aber doch proportionirt; Hände und Füsse 
zierlich; das Gesicht hat starke Züge und gewöhnlich breite Backenknochen, 
ist zuweilen etwas flach, aber nicht selten regelmässig gebildet. Mund und 
Nase sind oft etwas dick. Ihre Nasen sind stark, meist grade, auch sanft 



1) Pr. zu WiKL.. Reise II. S. 3. 



Ueber die Botocudos. 15 

gekrümmt, kurz, bei manchen mit etwas breiten Flügeln, bei wenigen stark 
hervortretend ", 

Zur Ergänzung dieses Gesammtbildes mögen nun noch folgende An- 
gaben dienen : 

Nach 15 von mir gemachten Körpermessungen beträgt die K(')r[)er- 
grösse bei 10 5 183— 148 m, im Mittel 158,6 cw, bei 5 $ 153,5-146 cm, 
im Mittel 149,5 cm'). 

Die Statur kann danach höchstens als mittelgross bezeichnet werden. 

Die Spannweite übertrifft bei manchen die Körperhöhe um ein be- 
trächtliches, bei anderen wiederum bleibt sie hinter derselben zurück. 

Die Länge der oberen Extremitäten ist ziemlich erheblich. In Pro- 
zenten der Körperhöhe beträgt dieselbe bei 10 5 48,8—43,2, Mittel 46,3; 
bei 5 ? 45,1—43,5, Mittel 44,25. 

Die Hände sind klein und zierlich. Ihre Länge beträgt in derselben 
Weise berechnet bei 10 $ 9,03—12,1, Mittel 10,65 (nur einmal über 11,4); 
bei 5 $ 9,2—11,3, Mittel 10,36. In dieser Beziehung stehen die Botokuden 
diametral den Mongolen gegenüber, deren Handlänge vielleicht die grösste 
unter allen Rassen ist^). 

Die unteren Extremitäten sind etwas kurz, erscheinen jedoch länger in 
Folge der schwachen Entwickelung ihrer Musculatur, besonders an den 
Unterschenkeln. Die Trochanterhöhe ist bei 10 S 52—47, Mittel 49,8; bei 
5 $ 51,7—50,5, Mittel 50,7 in Prozenten der Gesammthöhe. Die Fusslänge 
ist bei 10 $ 13,-16,2, Mittel 14,97; bei 5 $ 15,05—15,7, Mittel 15,3; 
weicht also nicht vom europäischen Durchschnitt ab. Sonst ist die Körper- 
musculatur gut ausgebildet, obwohl sie niemals so stark ausgeprägt erscheint 
als beim Neger. Die Gestalt des Thorax ist fast rechteckig, der Bauch meist 
stark aufgetrieben, besonders bei Kindern. Die Brüste der Weiber werden 
bald schlaff. Die Hüften treten bei ihnen wenig hervor. Auffällige Klein- 
heit der männlichen Genitalien, die von einigen Reisenden der amerikanischen 
Rasse zugeschrieben wird, vermochte ich nicht zu constatiren. 

Betreffs der Gesichtsbildung ist noch zu bemerken, dass der Mund 
trotz seiner Breite keine besonders dicken Lippen besitzt, auch ist das am 
knöchernen Schädel so prononcirte Hervortreten der Jochbeine beim Lebenden 
wegen der meist vollen Backen nicht so sehr auffallend. Die Nase ist an 
der Wurzel sehr schmal, verbreitert sich gegen die Spitze mehr und mehr. 
Die Flügel sind sehr breit mit weiter Oeffnung, der Nasenrücken ist stark 
concav, die Spitze etwas nach oben gerichtet. 

Die Augen stehen, entsprechend der Schmalheit der knöchernen Nase, 
nahe zusammen und liegen sehr tief in Folge der Prominenz der Supra- 
orbitalwülste. Die Lidspalte ist klein, etwas geschlitzt mandelförmig, ähnlich 

1) Von den von Serrks in den Coinptes rendues XXI beschriebenen Individuen hatten 
die Männer eine Grösse von 185—118, die Weiber eine solche von 135—116 cm, 

2) TOPINARD, Anthrop. S. 1090. 



16 



Paul Ehrenreich: 







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2. 


3. 


4. 


5. 


6. 


7. 


Körpermaassc 
















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Gesammt-Hühe .... 


161 


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1.547, 


183 


15472 


15674 


157 


Klafterlänge 










169 


170 


160 


178 


152 


15772 


159 


Schulterbreite . 










36 


40 


38 


40 


35 


36 


35 


Schulterhöhe . 










134 


134 


1297, 


13972 


1287., 


131 


131 


Ellbogenhöhe . 










103 


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99 


105 


99 


100 


101 


Handgelenkhöhe 










76 


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76 


7872 


Mittelfingerhöhe 










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5872 


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Brustbeiuhöhe . 










113 


112 


11072 


11772 


111 


112 


113 


Nabeihöhe . . 










96V, 


95 


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99 


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94 


95 


Beckenhühe . . 










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91 


91 


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96 


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Trochanterhöhe 










78 


78 


78 


86 


8072 


8072 


80 


Kniehöhe . . 










44 


48 


4572 


4672 


44 


4274 


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Knöchelhöhe . 










8 


8 


772 


7V 


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672 


7 


Handlänge . . 










17 


17 


1672 


17 


17 


1672 


16 


Handbreite A. . 










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8 


9 


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9 


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9 


B. . 










H 


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8 


8 


774 


774 


8 


Fusslänge . . 










24 


257. 


23 


24 


23 


24 


24 


Fussbreite . . 










9 


10 


9 


9 


9 


10 


9 


Brustumfang . 










89 


93 


84 


95 


87 


94 


87 


Kopfmaasse 
















in Millimetern. 
















Grösste Länge 


192 


190 


190 


185 


184 


190 


193 


Grösste Breite 


155 


146 


140 


145 


149 


146 


156 


Ohrhöhe 


114 


120 


133 


120 


120 


126 


133 


Stirnbreite 


115 


125 


110 


120 


120 


121 


118 


Gesichtsh. (Haarrand-Kinn) 


195 


184 


195 


190 


185 


184 


185 


, (.Nasenw. - Kinn) 


126 


110 


115 


125 


120 


127 


118 


Distanz der .Jochbogen . . 


140 


128 


125 


133 


125 


128 


125 


, der Kieferwinkel . 


120 


112 


103 


107 


112 


113 


100 


Distanz der inneren Augen- 
















winkel 


25 


19 


17 


20 


20 


20 


20 


Distanz der äusserenAugen- 
















winkel 


85 


80 


83 


80 


88 


78 


80 


Nasenhöhe 


61 


50 


45 


50 


54 


52 


52 


Nasenlänge 


56 


52 


45 


49 


40 


52 


49 


Nasenbreite 


45 


40 


35 


36 


40 


39 


40 


Mundlänge 


60 


50 


55 


57 


52 


54 


55 


Färhunir. 
















Farbe des Gesichts . . . 


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33 p 


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Farbe des Körpers . . . 


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Farbe der Iris . 










51 


51 


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4h 


4h 


3h 


4k 



üeber die Botocudos. 



17 



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155 
153 

34 
129 

99 

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96 

76 

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23 

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56 
113 

98 
77 
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12. 






13: 



14 



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143 

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24 

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190 


182 


183 


172 


180 


180 


151 


150 


140 


144 


140 


148 


143 


125 


120 


115 


122 


114 


135 


127 


116 


130 


121 


122 


120 


120 


120 


186 


190 


186 


184 


169 


177 


175 


114 


130? 


123 


110 


91 


110 


109 


130 


130 


125 


128 


125 


126 


127 


110 


105 


102 


104 


103 


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108 


20 


20 


18 


20 


20 


18 


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51 


45 


45 


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48 


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37 


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16. 



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Zeitschrift für Kthnologie. Jalir^'. 1867. 



18 



Paul Ehrenreich; 





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2-1 W 



üeber die Butocudos. J9 

niiindelförmig, äbulich der moDgülisclieii, doch ist die Falte des Oberlids, 
welche den Canthus internus bedockt, nicht so entwickelt, wi(^ beim Mongolen- 
iiuge. Die Ctiruncula lacrymalis bleibt immer noch sichtbar. 

Die Farbe der Iris ist selbstverständlich nicht „schwarz", wie wir 
so oft in den Reiseberichten lesen, sondern ein mehr oder weniger dunkles 
Braun, entsprechend etwa 5 1, 4 c, 4 h, 3 h, 4 k, 4 1 der UADDE'schen l'\irb(Mi- 
scala. Blaue Augen, von denen der Prinz') spricht, habti'ich niemals gesehcu. 
Solche dürften wohl auf Mischungen zurückzutührcn sein. 

Der Gesichtsausdruck ist zumal bei jungen Leuten „offen, frei und 
gutmüthig", während es bei älteren Individuen an wilden, finsteren 
Physiognomien nicht fehlt. Auch das Temperament der Botocuden ist 
nicht 80 ruhig, fast melancholisch, ihre Haltung nicht so gravitätisch und 
würdevoll, wie bei den Rothhäuten Nordamerika's''^). Sie sind trotz ihres 
Lebens in den düsteren Wäldern ihrer Heimat entschieden heiter und ge- 
sprächig, lieben auch leidenschaftlich Tanz, Gesang uud europäische Musik ^). 

Ziemliche Schwierigkeit macht eine genaue Bestimmung der Haut- 
farbe, da bei einem und demselben Individuum sehi- viele verschiedene 
Nuancen vorkommen. Im Ganzen ist dieselbe sehr hell, vor allem bei jüngeren 
Personen, die das „chlorotische Weiss" AVE LALLEJIANT's oft in auf- 
fallender Weise zeigen (33 der RADDE'schen Scala). Bei älteren hält 
sich die Farbe innerhalb der hellen Nuancen des Braun*), das an einzelnen 
Körperstellen, wie dei- Brust, den Oberschenkeln und der Aussentläche der 
Arme, in dunkle Schattirungen übergeht. Die hellste Färbung zeigt in der 
Regel das Gesicht, Bei vielen Individuen grenzt sich diese in der Mitte 
des Halses deutlich gegen die dunklere Farbe der Brust ab. 

Das Haar der Botocuden schliesst sich in seiner Form, als grob, 
stark, straff, walzenförmig im Querschnitt, dem aller Amerikaner an. Seine 
Farbe wird von deu meisten Autoren einfach als schwarz bezeichnet, 
was, in dieser Allgemeinheit ausgedrückt, jedoch unrichtig ist. Bei den 
Stämmen am Rio Doce ist das Haar der Neugeborenen entschieden roth- 
braun (RADDE'sche Scala 3 f — i), dunkelt allmählich bis gegen die Pubertäts- 
zeit nach, behält aber selbst bei alten Leuten immer noch einen rothbräunlichen 
Schimmer, zumal bei schräg auffallendem Licht. Schon der Prinz '') thut 
dieser Färbung Erwähnung, sehreibt sie jedoch nur denjenigen Individuen 

1) Pr. zu WuoD a. a. 0. II. 

2) Haiitt, a. a. 0. pag. 632. 

3) A. DE S. HiLAHtE, Voy. d. 1. pr. Kio II, V'>\). 151. Im Gejfensatz hierzu saj:t Hkv 
1.0. 71: ,1a Physiognomie est habitueliement grave et ue change guere »jue pour s'epanouir 
dans un gros rire"*. 

4) Die gewöhnlichsten sind 331 — q (Rax>d1;). Ausserdem kommen von hellen Schatti- 
rungen des Braun noch solche vor, denen ein röthlicher Grmidtou, besonders Zinnober oder 
Orange, zu Grunde liegt, z.B. 2 u, 3 t, 4 s, 4 t. Die dunkelsten von mir beobachteten Fär- 
bungen sind gleichfalls mit rüthlicbem Grundton 3 g uud 41. 

5) Pr. zu Wi£l>, Reise II S. 4. 



20 Paul Ehrenreich: 

zu welche sich zugleich durch besonders helle Hautfarbe auszeichnen'). 
Sie fand sich aber ausnahmlos bei allen, welche ich sah, am auffälligsten 
freilich bei den ganz hellgefärbten Kindern. Bei dem im Vordergrunde des 
Bildes (Tafel 1) knienden jungen Mädchen tritt auf der Photographie die 
helle Haarfarbe sehr deutlich hervor. Wie verschieden in dieser Hmsicht 
die einzelnen Stämme sind, bew^eisen zwei Haarproben, die ich der Güte des 
Herrn Pfarrer HOLLERBACH (aus Theophilo Ottoni am Mucury) verdanke. 
Ein 8— 9 jähriges Mädchen vom Stamme der Folgern zeigt nur eine schwach 
ausgesprochene Braunfärbung des Haars, während das eines Jünglings von 
16_17 Jahren vom Stamm der ^Jikagirüri''- keine Spur einer bräunlichen 
Beimischung aufweist. 

Der Bartwuchs ist nicht so unbedeutend, wne man gewöhnlich an- 
nimmt^), wird jedoch durch Ausrupfen meist auf ein Minimum reducirt. 
Dasselbe gilt von den Pubes. 

Von manchen Reisenden ist die Mongolen - Aehnlichkeit vieler 
amerikanischer Stämme hervorgehoben worden, ja man hat sogar die 
Amerikaner überhaupt mit den Mongolen zu einer Rasse vereinigt (vgl. 
z. B. PeSCHEL). Bezeichnet doch AVE LALLEMANT die Indianer geradezu 
als „westliche Mongolen"! Auf die schwierige Frage, ob Mongolen und 
Amerikaner eine Rasse bilden oder nicht, kann hier natürlich nicht weiter 
eingegangen werden. Unser bis jetzt verfügbares Material an anthropo- 
logischen Beobachtungen reicht bei weitem noch nicht aus, dieselbe zu ent- 
scheiden. Ihre Beantwortung wird noch dadurch complicirt, dass sich mehr 
und mehr Spuren früherer Berührung der Amerikaner mit der Bevölkerung 
Polynesiens zeigen. Vor der Hand sind wir, wie ich glaube, genöthigt, die 
amerikanische Urbevölkerung ebenso für eine besondere Rasse anzusehen, 
wie etwa die Malayen, bis es uns einmal gelingen ward, sie in ihre Compo- 
nenten zu zerlegen. 

Der Behauptung so vieler Reisenden aber, dass speciell die Botocudos 
diesen mongoloiden Typus in Amerika vertreten sollen^), muss aufs ent- 
schiedenste widersprochen werden. Allerdings erinnern manche Physiogno- 
mien an den nordostasiatischen Typus, bei der Mehrzahl aber beschränkt sich 
diese Aehnlichkeit auf die Form der Lidspalte, welche bei beiden Rassen 
mandelförmig geschlitzt ist und leicht schräg gestellt erscheint. Mit Recht 
macht aber auch schon der Prinz darauf aufmerksam^): „man würde sehr 
irren, wenn man allen diesen Wilden eine ähnliche Bildung zuschreiben 



1) AucL andere amerikanische Stämme zeigen eine ähnliche Haarfärbung. Dr. VON 
DEN Steinen konstatirte sie z. B. bei den Jurunas (Durch Centralbras. S. 265). Andere 
Beispiele führt ändree auf, Zeitschr. f. Ethn. 1878 S. 337 tf. 

2) Key, 1. c. pag. 71. 

3) Vgl. z. ß. St. Uilaire, \oy. d. 1. pr. Rio. IL, 231 und Voy. d. 1. distr. d. diam. 
II. 362. 

4) Pr. zu WrKi>: a. a. 0. II, 68. 



lieber die Botocudos. 21 

wollte." Die Hautfarbe, welche gleielifalls wegen ihrer relativen Helligkeit 
mit dem „Gelb" der Chinesen verglichen wird, enthält ihrem Grundton nach 
mehr Roth und nähert sich in den hellsten Nuancen eher dem europäischen 
Weiss. Wangenrötlie ist deshalb bei sehr hellen Individuen oft genug zu 
beobachten. 

Schon die grossen Verschiedenheiten, die der Schädelbau der Botocuden 
im Vergleich zu dem mongolischen erkennen lehrt, bedingen bedeutende 
Unterschiede in der Kopf- und Gesiclitsbildung lebender Individuen beider 
Kassen. Die Stirn des Botocuden ist breiter und niedriger, die Augen er- 
scheinen tiefer liegend und viel näher zusammenstehend als beim Mongolen. 
Der Nasenrücken tritt bei dem ersteren viel schärfer hervor, so dass das Gesicht 
trotz der Prominenz der Jochbogen lange nicht so flach erscheint, wie das 
des Asiaten'). Ein Vergleich der Körperproportionen beider Rassen, der 
sich bei der Spärlichkeit des bis jetzt vorhandenen Materials noch nicht in 
befriedigender Weise anstellen lässt, dürfte ebenfalls manche Verschiedenheiten 
zeigen. Dem Haare des Botocuden, wie des Amerikaners überhaupt, fehlt 
der eigenthümliche Glanz des Mongolenhaars, obwohl die Querschnittsform 
fast dieselbe ist, zeigt auch nie das tiefe Blauschwarz des letzteren. Trotz 
mancherlei unleugbarer Aehnlichkeiten der äusseren Erscheinung beider 
Ivassen dürfen wir auch ihre beträchtlichen Unterschiede nicht übersehen. 

V. 

Von den künstlichen Veränderungen, die der Botocude an seinem Körper 
vornimmt, ist die Durchbohrung der Unterlippe und der Ohrläppchen zur Auf- 
nahme mächtiger HolzpHöcke, der sog. hotoques, die bekannteste. Die älteren 
Reisenden wissen Ausserordentliches davon zn erzählen. So berichtet der Prinz 
ZU W'IED (Reise H, S. 5) von dem 4 Zoll im Durchmesser haltenden Pflocke 
des Häuptlings Kerengnatnuk. Diese Zierrathe sind aus dem äusserst leichten 
Holze eines Bombaxbaumes, der bekannten Cborisia ventricosa, verfertigt. Den 
vollständigen Schmuck in Lippe und Ohren tragen gewöhnlich nur die Weiber, 
während die Männer nur die Ohren damit ausstaffiren. Heutzutage ist diese 
Sitte indessen im Erlöschen und wird in weiterer Verbreitung nur bei den 
Stämmen südlich vom Mucury und den Taktik krak am oberen Rio Doce 
gefunden. Von den Pancasleuten soll etwa die Hälfte damit versehen sein. 
Die Horde des Zu7iuk, welche ich zu besuchen Gelegenheit hatte, entbehrte 
dieser Zierrathe gänzlich. Ich sah Lippenpflöcke überhaupt nur l)ei den 
alten Weibern von Mutum und (4uandu (Näk-ereha), ausserdem freilich viele 
Männer mit lang herabhängenden durchlöcherten Ohrläppchen, die, wenn sie 
einmal auf dem Marsch in den Wäldern ausreissen sollten, einfach mit Bind- 
faden wieder zusammengebunden werden-). Dii' mit dem ^oto^^e geschmückte 

1) Archiv f. Anthr. IV., S. 141. 

2) üeber ähnliche Zierrathe hei den verschiedensten Völkerschaften der Erde. Vgl. 
Pr. zu WiED, Reise II, S. 8 und Keane iu seinem Vortrage. 



22 Paul Ehrenreich-. 

Lippe steht horizontal ab und berührt niemals die Oberlippe, wie die Ab- 
bildungen im Atlas des Prinzen ZU WiED zeigen. 

Mehr verbreitet ist gegenwärtig noch die eigenthümliche Haarschur, 
bei der nur eine Haarkappe vom Scheitel bis zum oberen Rand der Ohr- 
muschel stehen bleibt. Das übrige Körperhaar, — Bart, Augenbrauen, selbst 
Augenwimpern u. s. w. — wird von den Wilden meist vollständig epilirt. Bei 
den aldeisirten Horden kommt auch diese Sitte mehr und mehr in Abnahme. 
Das Abschneiden des Kopfhaars geschieht mit scharfen Spähnen des Taqua- 
rarohrs. Bemalung des Körpers findet im Kriege und bei Festlichkeiten 
statt und geschieht meist mit vrucu^ den gepressten Samen der Bixa orellana. 
Es wird daraus eine Art Paste hergestellt, welche nach Anfeuchtung intensiv 
roth färbt. In derselben Weise wird der schwarzblaue Farbstoff der Jeni- 
papo (Genipa brasiliensis) benutzt. 

Die Pancasweiber wiesen an vielen Stellen des Körpers spannenlange 
Narben auf, von Schnittwunden herrührend, die ihnen gelegentlich von 
den Männern wegen irgendwelcher Vergehen, z. B. solcher gegen das 
sechste Gebot, beigebracht waren. Sie sollen jedoch, wie ST. HILAIRE 
berichtet, letzteren häufig genug mit gleicher Münze heimzahlen. 

Materielle Cultur. 

Die Culturstufe der ßotocuden ist gewiss eine der niedrigsten, die wir 
heutzutage bei irgend einem Volk der Erde finden. Noch gegenwärtig leben 
die wilden Stämme in absoluter Nacktheit, selbst die von dem Prinzen 
ZU WiED erwähnte Umhüllung der Genitalien mit einem Blattfutteral sah ich 
bei den Pancasleuten nicht. 

Die oft so geschmackvollen Federzierrathe anderer südamerikanischer 
Stämme sind ihnen unbekannt und waren auch zur Zeit des Prinzen nur 
ganz ausnahmsweise in Anwendung^). Ihr einziger Schmuck sind Hals- 
ketten, früher aus aneinander gereihten Früchten oder Kernen nebst Thier- 
zähnen (bes. vom Capivary), gegenwärtig vielfach aus Glasperlen bestehend. 

Ihre Wohnungen {Kizem) sind einfache schräge Dächer aus 
frisch abgehackten Stämmchen des Unterholzes, die mit Cipos zusammen- 
gebunden und mit Palmen- oder Heliconienblättern überdeckt sind. Bei 
schlechtem Wetter werden die offene Front und die Seiten ebenfalls mit Blättern 
verstellt, die an einer Stelle, welche als Eingang dient, bei Seite gesetzt 
werden können. Noch ])rimitivere Hütten errichten sie nach Angabe des 
Prinzen aus Palmzweigen, die im Kreise in die Erde gesteckt werden, 
so dass ihre Wedel laubenartig zusamnienstossen. Gewöhnlich dient ein 
solches Obdach mehreren Familien zum Quartier. Die JSep-Xep am Pancas 
hatten eine 10 Schritt lange Hütte, in welcher neben einander 4 Familien 
Sassen, jede von der andern durch ihr Feuer getrennt. Die sesshaften In- 

1) Pr. zu WiKD, a. a. 0. II, 13. 



Ueber die Rotocudos. 



23 



dianer erbauen aus Stangengerüsten Blockhütten, die sie mit Borke oder 
Schindeln decken. 

Als Unterlage beim Schlafen dienen Blätter oder auch wohl Asche, 
wälnend die aldeisirten Stämme sich der Stangengerüste bedicnt-ii. Völlig 
uribekaunt sind ihueu die au der Ostküste ausser von Tupistämmeu nur 
von den Coroados und Puris gebrauchten Hängematten. 

Sehr auffallend ist der Umstand, dass sie auc1i' den Gebrauch der 
Canoes nicht kennen'). Nur die Aldeisirten haben die Anfertigung der- 
selben aus ausgehöhlten Bäumen von den Ansiedlern gelernt, deren Lehr- 
meister darin ja wieder andere indianische Stämme waren. 




Fig. 1. Urwaldhütte der Säk-erehii. 

Das Wort üön kät „Baumhaut, Baumrinde" mit welchem sie die Canoes 
bezeichnen, obwohl solche aus Rinde in diesen Gegendon vöüig ausser Ge- 
brauch sind, könnte darauf hindeuten, dass die Botocuden früher derartige 
Fahrzeuge verwandten, während sie jetzt, abgedrängt von schiffbaren Flüssen 
in ihren von reissenden Bergwässern durchströmten Waldgebirge lebend^), 
dieselben nicht mehr herzustellen wissen. Wahrscheinlich jist jedoch, dass 
es die Rindencanoes der Küstentupis waren, welche von ihnen mit obigem 
Namen belegt wurden. Die Botocuden hätten wohl schwerlich den Gebrauch 



1) A. S. HiLAiUE, Voy. d. 1. pr. Rio I, 193. 

2) Schon der Insektenplage wegen vermeiden die Wilden längeren Aufenthalt an den 
niedrigen (^fern des leicht m befahrenden unteren Laufes der Ströme. 



24 Paul Ehrenreich: 

solcher Fahrzeuge wieder aufgegeben, weuu sie sie wirklich einmal selbst 
herzustellen verstanden. Das völlige Fehlen einer auch noch so primitiven 
Schiffahrt bei dieser Nation steht im Einklänge mit ihrer wenig ausgebildeten 
Fertigkeit im Schwimmen, von der weiter unten noch die Rede sein wird. 

Ebensowenig hat sich bei ihnen die Keramik entwickelt. Die Thon- 
gelasse, die in manchen Sammlungen als botocudiscbe aufgeführt und aus- 
gestellt sind, stammen wohl grösstentheils aus den Ansiedelungen, wo nament- 
lich die Neger in der Herstellung von Topfgeräthen aus Speckstein oder 
dem vortrefflichen Thon dieser Gegenden erfahren sind, oder sie sind 
von den Weibern der Aldeamentos verfertigt, welche diese Kunst gleich- 
falls erst von der eingewanderten Bevölkerung erlernt haben. Natürlich 
sind jetzt alle Stämme, auch die wildesten, durch Tausch oder Raub in den Be- 
sitz eiserner Kessel gelangt. In Ermangelung derselben benutzen sie die 
Schalen verschiedener Früchte, z. B. die der Sapucaya (Leythis ollaria), 
welche schon ohne jede Bearbeitung einen natürlichen, sehr soliden 
Topf mit Deckel repräsentirt, ferner die Schalen der Aboboras (kürbisartige 
Frucht) oder die des Kalebassen - Baumes (Crescentia cujete), nament- 
lich aber die Internodien des grossen amerikanischen Bambu Taquarussü, 
in denen sie das Wasser bei ihren Streifzügen in den Urwäldern bei sich 
führen. Dieselben sind von solcher Dauerhaftigkeit, dass das Wasser 
darin zum Sieden gebracht werden kann'). 

Die Feuerbereitung geschieht mittelst des bekannten, bei so vielen 
Wilden und vorgeschichtlichen Völkern benutzten Feuerbohrers. Derselbe 
besteht aus 2 etwa 60 cm langen Stäbchen aus dem trockenen Holz der 
parasitischen Feige (^ipo matador^), von denen einer in einer Aushöhlung 
am Ende des anderen zwischen den Händen schnell herumgedreht wird. Der 
Botocude kniet dabei auf dem rechten Knie, fixirt den ausgehöhlten Stab mit 
dem linken Fuss, setzt das Ende des anderen Stabes in die Höhlung des 
am Boden festgehaltenen ein und beginnt erst langsam, dann immer schneller 
zu quirlen, indem beide Hände sich dem unteren Ende des bohrenden Stabes 
mehr und mehr nähern. Ist der Indianer mit seinen Händen unten an- 
gelangt, so fängt er schnell am oberen Ende des Stabes wieder von vorn 
zu drehen an und wiederholt dieses Spiel so oft, bis sich aus der Höhlung 
Rauch entwickelt und endlich der unter dem liegenden Stab befindliche 
Zunder ins Brennen geräth, was in der Regel in 30 — 40 Secunden der Fall 
ist. Die Angabe des Prinzen, dass diese Art der Feuerbereitung mühsam 
und zeitraubend sei, kann ich nicht bestätigen. Es gelingt vielmehr sehr 
leicht in der angegebenen Zeit, wenn der Mann während der ganzen Dauer 
der Operation, namentlich aber in dem Moment, wo seine Hände wieder nach 



1) Vgl. die Abbildung^ im Atlas des Prinzen zu Wied. 

2) Der Prinz erwähnt auch noch das Holz der Cecropia und des Gamelleiro (Ficus 
doliaria Mar.) a. a. 0. II, 19. 

3) Fr. zu Wied, a. a. 0. II, 19. 



Ueber die Botocudos. 25 

oben gehen, beide Stäbe im Contact lässt, andernfalls ist die bis dahin ver- 
wendete Mühe vergeblich. Natürlich ist die Sache weit leichter, wenn sich 
zwei Leute im Drehen ablösen können, doch ist dies nicht unbedingt er- 
forderlich. 

In Ermangelung geeigneter Hölzer tragen sie aucli wohl glimmende 
Holzstücke mit sich herum. Feuerstahl, sowie Zündhölzchen werden SL'lbst- 
verständlich hochgeschätzt und mit Begierde als Tauscliiiutikrl oder (ieschenk 
entgegen genommen. 

Aus rohem Bienenwachs drehen sie eigenthümliche kurze Fackeln zu- 
sammen, von denen TSCHUDI (Reisen H S. 280) eine Abbildung giebt. 
Zwei von mir mitgebrachte sind dem kgl. Museum für Völkerkunde über- 
geben worden. 

Die Industrie beschränkt sich auf die Anfertigung der unentbehr- 
lichsten Geräthe, in erster Linie ihrer Waffen, der Bogen und Pfeile. Ibre 
Herstellung ist ausschliesslich Sache der Männer. Der Bogen der Botocuden 
ist aus dem schweren Holz der Brejaubepalme (Astrocaryum Airi) ver- 
fertigt, 4 — 6 Fuss lang, mit einer Sehne aus dem Baste oder der Faser ver- 
schiedener Pflanzen, wie der Cecropia, der Xylopia, verschiedener Malven- oder 
Bombaxarten. Der Schaft der Pfeile besteht entweder aus den dünnen 
Enden des jungen Taquararohrs oder des übä (Gynerium parviflorum), dessen 
schöne Fächerblätter eine Hauptzierde der brasilianischen Flussufer bilden. 
Um den Pfeil in seiner Richtung zu erhalten, sind am unteren Ende beider- 
seits zwei Schwanzfedern des Arara oder der grossen Waldhühnei' befestigt. 
Dreierlei Pfeile sind im Gebrauch. 

Die erste Art, waiik körn, mit einem langen, spindelförmigen Taquara- 
spahn als Spitze, dient namentlich zur Jagd auf grössere Thiere, eventuell 
auch zum Kriegsgebrauch. Der zweite Pfeil, wazik zikpok, besitzt als eigent- 
licher Kriegspfeil eine Spitze aus Brejaubaholz, an einer Seite mit mehreren 
unter einander liegenden Widerhaken besetzt. 

Die dritte Art endlich dient, gewisserumssen den Schrotschuss vertretend, 
zur Erlegung kleinerer Thiere, besonders der Vögel. Die Spitze dieses 
Pfeils ist quirlförmig, aus einem Zweige des eigenthümlich nach grünem Käse 
riechenden Strauchs „catinga do porco" verfertigt, dessen radiär sich ver- 
breitende, sparrig abstehende Aestchen kurz abgeschnitten den Quirl dar- 
stellen. Diese Spitzen werden gleichfalls durcb Binden aus jener Philo- 
dendronrinde im Schafte fixirt. 

Während die meisten Stämme diese Pfeile ganz roh und schmucklos 
herstellen, sollen die der feindseligen Horden östlich der Serra dos Airaores 
bei weitem kunstvoller sein. Ihre Spitzen sind sorgfältig geschärft, der 
Schaft mit kleinen Federn vom Colibri, Pavao (Coracina scutata) und Tucan, 
welche zwischen den Bindentouren des vorderen und hinteren Endes an- 
gebracht sind, kunstreich verziert. Bei den verschiedenen Besuchen der 
Buqres bravos im Aldeament von Mutum wurde eine grosse Anzahl solcher 



26 Paul Ehrenreich: 

Pfeile erworben; sie soll theilweise dem Museum in Rio bei Gelegenheit der 
1882er Ausstellung überwiesen worden sein. Ich konnte indess keine da- 
selbst zu Gesicht bekommen und Niemand wussie etwas über den Verbleib 
derselben zu sagen. Ein anderer Theil soll in den Besitz eines Franzosen 
gelangt sein. Es scheint, als haben auch hier wiederum die, europäischen 
Einflüssen am fernsten stehenden Stämme eine alte Kunstfertigkeit bewahrt, 
die den übiigen verloren gegangen ist^). 

Beim Schiessen^) wird der Bogen in die linke Hand genommen und 
vertikal gehalten. Der Pfeil wird auf die linke Seite des Bogens aufgelegt 
und mit dem Zeigefinger der linken Hand fixirt. Während Daumen und 
Zeigefinger der rechten das befiederte Ende des Pfeils sichern, ziehen die 
übrigen Finger die Sehne soweit als möglich zurück und lassen dieselbe 
dann noch einmal etwas nach. Nunmehr wird der Pfeil, nur noch von den 
beiden ersten Fingern der rechten Hand gehalten, von neuem auf die Sehne 
zurückgezogen und abgeschnellt. Seine Tragweite ist etwa 100 Schritt; auf 
der Hälfte dieser Distanz ist seine Kraft und Präcision noch eine sehr be- 
trächtliche. Ich sah neben vortrefflichen Schussleistungen auch recht mangel- 
hafte, wobei indessen zu berücksichtigen ist, dass der Indianer im Allgemeinen 
seine Geschicklichkeit im Schiessen nicht gern zeigt und, dazu aufgefordert, 
oft absichtlich schlecht schiesst, um einen etwa anwesenden Feind sorglos 
und sicher zu machen. So war der als Meisterschütze bekannte Potetü von 
Mutum. dessen Schädel von mir mit nach Europa gebracht wurde, nicht 
dazu zu bewegen, seine Fertigkeit öffentlich zu zeigen. 

Um den Bogen abzuspannen, stellt der Indianer ihn auf den Boden, 
stemmt sein Knie gegen das untere Ende, biegt mit der Last seines Körpers 
dasselbe zusammen und zieht mit einer Hand das obere Ende an sich. 
Die andere Hand kann dann die Schlinge der Sehne von letzterem leicht 
abstreifen. Der linke Unterarm des Schützen wird gegen den Anschlag des 
zurückschnellenden Sehne durch Umwickeln mit Bastbinden geschützt. 

Die Industrieprodukte der Weiber bestehen vorwiegend aus Flecht- 
arbeiten, Taschen und Säcken, ebenfalls aus dem Bast der Cecropien oder 
der Bombaxbäume. 

Da sie keinerlei Spinnvorrichtungen besitzen, so werden die Fäden 
dazu einfach durch Zusammendrehen der befeuchteten Fasern zwischen den 
Händen, die längeren dagegen durch Hin- und Herstreichen auf dem Ober- 
schenkel hergestellt. Die Weiber der Aldeamentos benutzen jetzt auch 
Baumwolle zur Verfertigung solcher Taschen und färben sie mit bunten 
Streifen von ürucu, Genipapo u. s. w. 

Von sonstigen Geräthen und Kunstprodukten der Wilden ist wenig zu 

1) Der Prinz erwähnt Reise II, 13 einen mit Federn geschmückten Bogen, 

2) Pr. zu WiEü, Reise II, •!.). 



Ueber dio Rotocudos. 27 

sagen. Steinäxte und scharfe Rohrspäline dienten fVülier als Werkzeuge, 
letztere werden sogar jetzt noch zur Haarschur verwendet. Gegenwärtig sind 
wohl alle Stämme im Besitz von Messern, so mangelhaft und primitiv die- 
selben auch manchmal sein mögen. Selbst die absolut feindlichen und un- 
zugänglichen Stämme des mittleieu Rio Doce und Mucury haben sich durch 
ihre räuberischen Ueberfälle der Kolonisten und Reisenden eine Menge ^'uti-r 
Eisengeräthe u A. zu verschaffen gewusst. Die Panf(fj^sleute trugen Messer 
um den Hals gebunden, die nur aus einem kurzen dreieckigen Stück 
Eisen, jedenfalls einer abgebrochenen Klinge, bestanden; um das eine 
Ende derselben waren als Griff beiderseits zwei Holzplättchen mit Bast- 
binden befestigt. 

Lebensweise und Nahrung. 

Wie bei den meisten nomadischen Jägervölkern, nimmt auch bei den 
Botocuden die Beschaffung der Nahrung durch Jagd und Fischfang alle 
Kräfte des Geistes und Körpers in Anspruch, so dass für höhei-e Interessen, 
als die Befriedigung der nöthigsten körperlichen Bedürfnisse, keine Zeit 
bleibt. Man hat vielfach Ijehauptet, dass die Völker der kälteren Zonen 
im Allgemeinen deshalb grössere Kulturfortschritte gemacht haben, weil die 
unwirthliche Natur ihrer Heimat sie zu grösseren Anstrengungen zur Be- 
schaffung ihres Unterhaltes nöthige, während die von pflanzlichem und tliieri- 
schem Leben erfüllten Länder der heissen Zone ihren Bewohner fast mühelos 
ernährten und ihn dadurch, seiner Lidolenz und Trägheit Vorschub leistend, 
auf vergleichsweise niederer Stufe der Gesittung beharren Hessen. Es gilt 
dies jedoch nur bezüglich der ackerbautreibenden ansässigen Bew^ohner der 
Tropen. Die Noraaden des Waldlandes haben im Allgemeinen mit viel 
grösseren Schwierigkeiten zur Erlangung ihrer Nahrungsmittel zu kämpfen, 
als die Nationen kühlerer Erdstriche. Bei der Ueberfülle tropischen Pflanzen- 
wachsihums, dem der Mensch in den Wäldern jeden Schritt abringen muss, 
sind jagdbare Thiere, wild wachsende Früchte u. s. w. weit schwieriger zu er- 
langen, als in den Wäldern und Steppen der gemässigten Zone oder der 
von Vögeln, Fischen, Robben u. s. w. wnmmelnden Küsten der arktischen 
Länder ' ). 

Die niedere Kulturstelluug der meisten südamerikanischen Ürvölker 
beruht nicht zum wenigsten auf dem totalen Mangel an nutzbaren Haus- 
thieren. Selbst der Hund scheint den Botocuden wenigstens erst durch 
Vermittelung der Europäer bekannt geworden zu sein, da dieses Thier von 
ihnen mit dem, dem portugiesischen cdo entsprechenden Worte nkan bezeichnet 
wird. Thierfreunde, wie fast alle Indianer, halten sie indessen oft Thiere 
gezähmt in ihren Hütten. Ich sah bei ihnen Papageien, Atelesaffen, Sahuins, 
namentlich aber Peccariferkel (Dicotyles torquatus). Avelche die Weiber der 



1) Vgl. hierzu die treffenden Bemerkungen Ratzels, Authropogeograpbie .'?. 3G2. 



28 Paul Ehrenreich: 

Näk-erehä wie Sclioosshündchen mit sich herumtrugeu und hätschelten, sie 
sogar an die Brüste legten. Aehnliches ist ja auch von Stämmen Austra- 
liens und Melanesiens bekannt. 

Dass die Botocuden in der Geschicklichkeit zur Erlangung ihrer Jagd- 
beute keinem Jägerstamme der Welt nachstehen, wird von allen Beobachtern 
bestätigt. Von frühester Jugend an lernen sie das Wild im Dickicht ihrer 
fast undurchdringlich erscheinenden Wälder aufspüren und beschleichen, die 
Thiere durch Nachahmung ihrer Stimmen heranlocken, die höchsten Bäume 
zur Erlangung von Eiern und Früchten besteigen, Fische mit dem Pfeil 
oder durch Vergiften des Wassers tödten, den wilden Bienen ihren Honig 
nehmen u. s. w. Trotzdem können sie, wie TSCHUDI bereits betont, 
nicht eigentlich als kühne Jäger bezeichnet werden. Ihi-e Waffen sind gegen 
grosse Raubthiere, wie den Jaguar, doch zu primitiv, daher auch diese ge- 
waltige Katze aufs Aeusserste von ihnen gefürchtet wird. 

Eine Fertigkeit, die bei ihnen durchaus keine allgemeine Verbreitung 
findet, ist das Schwimmen. Schon in den älteren Berichten (vgl. das 
Citat aus VaENHAGEN Historia auf S. 3) wird von den Aimores erzählt, 
dass sie des Schwimmens unkundig waren, im Gegensatz zu den Tupi- 
stämmen der Küste, deren Meisterschaft in dieser Kunst gerühmt wird. 
Hingegen behaupten wieder andere Beobachter, z. B. der Prinz ZU WiED, dass 
sie vortreffliche Schwimmer seien. Dieser Widerspruch erklärt sich leicht. 
Schwimmen können nur diejenigen von ihnen, welche in der Nähe grösserer, 
verhältnissmässig ruhigen Laufes dahinströmender Gewässer leben, während 
die Stämme des Berglandes, die sich nur gelegentlich einmal an die Flüsse 
hinab begeben, keine Gelegenheit finden, diese Kunst auszuüben. Immerhin 
ist die Thatsache, dass noch heutzutage der grösste Theil der Bugres 
bravos des Schwimmens unkundig ist, sowie der oben erwähnte Mangel 
an Fahrzeugen, ethnologisch von hervorragendem Interesse. Sie beweist, 
dass die Botocuden bereits seit undenklichen Zeiten dieselben Gegenden be- 
wohnen, wie heute. 

Zum Ueberschreiten kleinerer reissender Gewässer bedienen sie sich langer, 
von den Bäumen herabhängender Qipos oder Luftwui'zeln, an denen sie sich 
einer hinter dem andern halten. Am andern Ufer befestigt kann ein solcher 
ripo dann weiterhin als Brücke dienen. Auch werden wohl, wie der Prinz 
berichtet'), zwei (,'ipos übereinander ausgespannt, so dass die Wilden, auf 
dem unteren tretend, sich mit den Händen an dem oberen halten können. 

Bei ihren Jagdzügen in den Wäldern gehen sie immer auf be- 
stimmten Pfaden, die sie durch abgebrochene Zweige kenntlich machen. 
Kommen sie von denselben ab, so verirren sie sich ebenso leicht, wie der 
Europäer ohne Kompass, wenn die Stellung dei- Sonne ihren Blicken ent- 
zogen ist. Der Weisse, dem es zumeist unmöglich ist, nach solchen 



1) Pr. ZL- WiED. a. a. 0. II, 37. 



üeber die Botocudos. 29 

Zeichen ♦•inen Weg aufzufinden und zu verfolgen, wc das scharfe Auge 
des Wilden leicht sich orientirt, ist so zu dem Glauben geneigt, dass 
der Indianer ohne jedes Merkmal seines Weges sicher siä. 

Nahrung. 
Es dürfte kaum ein lebendes Wesen geben, welches dem Botocuden 
nicht zur Nahrung dient. Abgesehen von den grössw?t.+n J^äugethieren des 
Waldes, wie dem Hirsch, dem Tapir, dem Coati, dem Capivary, und allen 
möglichen Vögeln, verschmähen sie auch Frösche, Eidechsen und besonders 
Schlangen nicht. Letztere scheinen überhaupt ein ganz besonderc'r Lecker- 
bissen für sie zu sein. ST. HlLAlRE (Voyage d. 1. prov. Rio 11, 168) 
sagt zwar: excepte les serpents les Botocudos mangent toutes les especes 
d'animaux, doch ist dies meinen Beobachtungen nach entschieden unrichtig. 
Unter den zahlreichen Insektenlarven, welche sie geniessen, spielen die grossen 
eiweissreichen Engerlinge der Passalusarten des faulen Holzes, ferner die zu 
gewissen Zeiten massenhaft in dem Taquararohr auftretenden Käferlarven eine 
Hauptrolle. 

Fische weiden entweder mit Pfeilen geschossen, oder durch Vergiften 
des Wassers mittelst des Saftes einer Paullinia (des Cipo timbo) erlegt. 
Durch den Verkehr mit der Kolonistenbevölkerung sind jedoch die meisten 
Stämme nunmehr auch in den Besitz von Angelhaken gelangt. 

Ueber die Nahrungsmittel, welche ihnen das Pflanzenreich liefert, 
hat uns der Prinz (Heise H, 32 ff.) einen so eingehenden Bericht geliefert, 
dass ich demselben nichts wesentliches hinzufügen kann. 

Hinsichtlich der Gewürze und Genussmittel ist wenig zu sagen. 
Der Gebrauch des Salzes ist ihnen unbekannt, nicht einmal die aldeisirten 
Stämme bedienen sich desselben. Als Ersatz dafür dürften wohl, wie 
St. HilaiBE bemerkt 0, salzhaltige Erden oder Bilanzen dienen, von denen 
erstere in der Provinz Minas nicht selten sind. Jedenfalls ist Geophagie 
unter ihnen sehr verbreitet. Der Bericht des Prinzen (Reise II, H2) beweist 
übrigens, dass bei den Küstenstämmen am Jequitinhonha, welche er besuchte, 
sich der Salzgebrauch bereits Eingang verschafft hatte, angeblich zum Schaden 
der Eingeboren, deren Zahl sieh dadurch sehr vermindert haben soll (?). 

Berauschende Getränke besassen sie ursprünglich nicht, haben aber 
leider heutzutage den Zuckerrohrbrantwein der Kolonisten, welchen sie 
muniä hrok nennen, d. h. starkes, bitteres Wasser, allzusehr schätzen ge- 
lernt. Ebenso verdanken sie den Tabak erst dem Verkehr mit den Europäern. 
Ihr Wort dafür küm ist das portugiesische ,,fumo'', indem sie den ihrer Sprache 
fehlenden Laut f durch k ersetzt haben. 

Eine Schlingpflanze, welche der Prinz, Reise H. 33 und ST. HlLAlKE. 
Voy. I, Part. II, 203 erwähnen, soll, wie ich hörte, narkotische Eigenschaften 



1) St. HlLAraE, Voyage d. 1. pr. Rio II 168. .\nch .\zara ist derselben Ansicht. 



30 



Paui> Ehrenreich: 



besitzen und als Excitans von den Wilden benutzt werden. Leider gelang 
es mir nicht, ein Exemplar davon zu erhalten. 

Die Zubereitung der Nahrungsmittel ist die denkbar einfachste. Vieles 
wird überhaupt roh verzehrt. Fleischstücke werden an einem spitzigen Holze 
am Feuer geröstet oder mit Blättern umwickelt in heisser Asche gebacken. 
Auch Früchte und Knollen, wie Bananen, Bataten, Carawurzeln, werden in 
die Asche «^elegt. Das Kochen in Wasser ist nur den Aldeisirten bekannt, 
die bereits über brauchbare Töpfe verfügen. Eigenthümlich ist bei ihnen 
die Sitte, mitten in der Nacht aufzustehen, um Nahrung einzunehmen. 

Kannib alismus. 

Dass die Botocuden auch dem Kannibahsmus ergeben sind, ist un- 
bestreitbar, wenn auch die älteren Berichte darüber sehr übertrieben sind. 
Es beschränkt sich dieser barbarische Gebrauch jedoch auf die gelegentliche 
Verzehrung von Feindesleichen im Kriege, wofür freilich zahlreiche Zeugnisse 
von allen Reisenden vorliegen'). Der bekannteste Fall aus neuerer Zeit 
ist der oben ewähnte Ueberfall der Pflanzung Fransilvania an der Mündung 
des Pancas, deren Besitzer sammt mehreren Sklaven damals von den Wilden 
getödtet und verzehrt wurde. Jetzt ist keine Spur einer Ansiedlung mehr 
dort vorhanden. Zwei Rippen, zwischen denen ein Pfeil steckte, sollen, wie 
mir erzählt wurde, von den Kannibalen, wahrscheinlich als Siegeszeichen, am 
Ort der That zurückgelassen worden sein. Auch hörte ich von einem noch 
jetzt lebenden Pancashäuptling erzählen, der auf die Frage, ob er an dem 
Mahle betheiligt gewesen, die Antwort gab: „Nein, ich habe nur die Brühe 
gekostet!" 

Bei alledem wurde von den Botocuden die Menschenfresserei niemals 
in so raffinirter Weise betrieben, wie von gewissen südasiatischen und 
australisch-polynesischen Völkern. Am richtigsten fasst wohl TSCHUDI die 
Sache auf, wenn er sagt: „Ich glaube nicht, dass sie einen Feind erschlagen, 
um ihn zu fressen, sondern dass sie einen erschlagenen Feind auffressen, 
weil er ihnen eine gelegene und bequeme Nahrung bietet und sie überhaupt 
alles fressen, was sie erreichen können" (TSCHUDI, Reisen II, S. 280). 

Sociales und Familienleben. 

An der Spitze jeder Horde steht ein Häuptling, dessen Einfluss jedoch 
im Allgemeinen sehr beschränkt ist. Der kühnste und kräftigste Mann des 
Stammes wird dazu erwählt oder masst sich selbst diese Würde an, doch 
reicht seine Macht im Wesentlichen nicht weiter als seine Körperkraft. Er 
leitet Jagd- und Kriegszüge, schlichtet Streitigkeiten, bestimmt Lagerplätze 
u. s. w. Aeusserlich ist er vor den übrigen in keiner Weise durch Schmuck 



1) Vgl. besonders die Schilderung des l'rinzen zu Wied, Reise U, 50 tf. St. Hilaire 
ist freilich wenig geneigt, derartigen Berichten Glauben zu schenken, Voy. d. 1. pr. Rio I, 
439, II, 63. 150. 



üeber die Botocudos. 31 

odfr Abzeichen ausgezeichnet. Die vom Prinzen VA' VVlED erwähnten 
Federzierathe sind jedenfalls schon längst ausser Mode gekommen, selbst 
8T. HILAIEE weiss nichts mehr davon i). 

Neuerdings hat es auch unter den Aldeisirten einige intelligente und 
einflussreiche Häuptlinge gegeben, die es verstanden haben, über ihre Leute 
grösseren Einfluss zu gewinnen, indem sie dieselben zur geregeltini Kullurthälig- 
keit anhielten, wie der früher erwähnte Pocraii, der voa-TiSCHLIUl genannte 
Fokran und in gewisser Beziehung der noch jetzt am Guandu lebende 
Häuptling der Näk-erehä^ Kangike. Was ESCHWEGE (Journal 43 ff.) von 
einem König aller Botocuden auf Grund der Erzählung eines alten Negers 
mittheilt, ist, wie schon der Prinz ZU WlED") richtig vermuthet, jeden- 
falls eine Mystifikation. 

Sonst ist von einer Stamraesverfassung weiter nicht die Rede. Die Männer 
jagen, fischen, bereiten ihre Waffen, aber überlassen alle sonstigen Arbeiten 
den Weibern. Den Feind greifen sie stets aus dem Hinterhalt au, jedoch nur 
beiTage, da sie ausAberglaubenesvermeiden, Nachts durch die Wälder zuziehen. 
Man wagt es daher nur Nachts in den Gegenden zu reisen, wo man den Angriffen 
feindlicher Stämme ausgesetzt ist, wie zwischen Urucu und Philadelphia. 
Es herrscht übrigens bei ihnen, was Nahrungsmittel betrifft, strengster Coiumu- 
nismus. Die Beute wird an alle Angehörigen der Horde vertheilt, ebenso 
Geschenke, die man ihnen macht, auch wenn sich jeder dann mit einem noch 
so unbedeutenden Antheil begnügen müsste. Von der Sitte, dass ein Jäger 
nichts von seiner Jagdbeute geniessen darf ^), ist mir nichts bekannt geworden. 

Die Stellung der Weiber ist, wie bei den meisten Naturvölkern, eine 
sehr gedrückte. Ihnen liegen alle Arbeiten ob, die nicht unmittelbar auf 
Krieg und Jagd sich beziehen, und selbst bei solchen Unternehmungen müssen 
sie den Männern Lebensmittel und Pfeile nachtragen. 

Ehen werden ohne weitere Ceremonien geschlossen und ebenso leicht 
wieder gelöst, doch herrscht meist Monogamie. Ehebruch wird mit Schlägen 
oder den oben erwähnten langen Schnitten mittelst scharfer Rohrspähue be- 
straft. Die Cohabitation geschieht in liegender Stellung und zwar gewöhn- 
lich in dem Kizem selbst, ohne Rücksicht auf die Gegenwart der anwesenden 
übrigen Familienglieder oder Stammesgenossen. 

Die Weiber gebären leicht und tragen die kleinen Kinder stets auf 
dem Rücken mit sich herum, legen sie sogar bei ihren, oft ganze Nächte 
hindurch dauernden Tänzen nicht ab. Das Kind sitzt in einer Bastschlinge, die 
um die Stirn der Mutter herumgelegt, über den Rücken derselben herabfällt. Die 
Hände des Kindes sind dabei um den Hals der Mutter zusammengebunden. 

1) J>T. HiLAiRE. Voy. I, l'arl. 2, 149. A \a ^:;uerre les capitaiues sunt tii^tin!^lu•^ par 
uue maniere particuüere de peindre leur corps; mais d'ailleurs ils ne portent aucune marque 
de dignite. 

2) Martius, Ethuog. 325. 

3) Pr. zu WiED II, (J2. 



32 Paul Ehkbnreich: 

Im grellen Widerspruch zu der Sorgfalt, mit der sie diese armen Würmer 
pflegen, steht die Thatsache, dass sie leicht zu bewegen sind, dieselben gegen 
kleine Geschenke zu verkaufen^). Ja, sie sollen sie sogar bei ihren Streif- 
zügen in den Wäldern gelegentlich aussetzen, wenn Mangel an Nahrung ent- 
steht oder die Last der Mutter zu schwer wird. 

Die kleinen Kinder schreien sehr wenig. Die älteren haben zwar ein 
scheues, doch ruhiges und bescheidenes Benehmen, wodurch sie sich vor 
denen der farbigen Bevölkerung ganz besonders vortheilhaft auszeichnen. 
Im Ganzen sind übrigens die Ehen wenig kinderreich, was nach TSCHIIDI wohl 
zum Theil in der Inzucht begründet liegt, die bei den kleinen, zerstreut 
lebenden und untereinander oft sich befehdenden Horden sich schwer ver- 
meiden lässt. 

„Gegen hilflose Alte", sagt MARTIUS"^), „hat man unter ihnen eine hier 
kaum zu erwartende Zärtlichkeit bemerkt." Hiermit kontrastlrt einigermassen 
eine Beobachtung, die ich bei der Pancashorde machte. Ein alter, völhg 
erblindeter Mann wurde hier von seinen Stammesgenossen in auffälliger 
Weise vernachlässigt. Niemand von den anderen dachte daran, ihn zu führen, 
man liess ihn ruhig mit seinem Stabe durchs Dickicht tappen, selbst in ein 
dorniges Gestrüpp oder einen Morast hineingerathen ; sein Körper war mit 
Schmutz bedeckt, da ihn Niemand zum Wasser führte, obwohl alle täglich 
im Flusse badeten. 

Bei festlichen Gelegenheiten, also wenn es gilt, einen glücklichen Jagd- 
zug, einen Sieg zu feiern oder einen Fremden zu begrüssen, versammelt 
sich die ganze Horde Nachts um das Lagerfeuer zum Tanz. Männer und 
Weiber, letztere selbst mit ihren kleinen Kindern auf dem Kücken, bilden 
einen Kreis in bunter Reihe, jeder Tänzer legt die Arme um den Nacken 
seiner Nebenleute, worauf der ganze Kreis sich nach rechts oder links zu 
drehen beginnt, indem alle gleichzeitig mit dem der Drehungsrichtung ent- 
sprechenden Fusse stark aufstampfen und den andern schnell nachziehen. 
Bald rücken sie dabei mit gesenkten Köpfen dichter und dichter aneinander, 
bald lockern sie ihre Reihen. Während der ganzen Dauer des Tanzes ertönt 
ein eintöniger Gesang, nach dessen Tact sie die Füsse setzen. Oft hört 
man dabei längere Zeit nichts, als ein fortwährend wiederholtes käläni ahö., 
wie HaRTT dieses Wort sehr richtig aufgefasst hat^) ; dann aber lassen sie 
auch kurze improvisirte Lieder hören, in welchen sie die Vorfälle des Tages, 
die Gegenstände ihrer Freude u. A. besingen z. B.: Heute hatten wir gute 
Jagd, wir tödteten dieses oder jenes Thier, jetzt haben wir zu essen, Fleisch ist 
gut, Branntwein ist gut u. s. w." St. HlLAIRE*), TSCHUDl und AVE LALLEMANT 
theilen derartige Gesänge mit, ebenso sind ein Paar von mir bei den Näk 
ereliä am <Tuandü gehörte niedergeschrieben worden. 

1) St. HiLAUtE, \oyage 1, Bd. 2, 145. Habtt, a. a. 0. 59Ü. Tschudi, Minas geraes 119. 

2) Maktils, Ethno^r. 322. Pr. zu Wied II, 40. 
3j Uaktt, 1. c. 601. 

4; bT. HiLAiRE, Voy. d. 1. prov, Rio II, 166. 



Ueber die Botociidos. 



33 



Bisweilen stimmt einer das Lied an und die rd)rigen antworten im 
Weehselgesang. Nieraals tanzen sie im Halbkreis, wie dies St. HLLAIRE 
(Voy. de la pr. Rio T. 2, 172) schildert. 

Auffallender Weise spricht der Prinz ZU WlEH nur von (lesängen und 
stellt den Rundtanz dabei in Abrede, du sein botocudischcr Diener (^läck 
ihm versicherte, nie einem solchen Tanzfeste beigewohnt zu haben'). Sie 
singen jedoch thatsächlich niemals, ohne zugleich zu tatixen, und umgekehrt, 
daher sie auch beides mit demselben Worte bezeichnen. Obscöne Bewegungen, 
wie sie bei den Tänzen der meisten Wilden vorkommen, beobachtete ich einige 
Male, jedoch nur seitens der männlichen Thcilnehmer. Die einzigen musikali- 




Tanz der Nep-nep (Pancas). 

sehen Instrumente der Botocuden sind Flöten aus Taquavärohr, die ich jedoch 
nicht zu Gesicht bekam, sowie eine Art Blashorn aus der Schwanzhaut des 
Riesengürtelthiers (Dasypus gigas), von welchem der Prinz ZU WiED in seinem 
Atlas eine Abbildung giebt. Von letzterem befindet sich ein Exemplar im 
Museo Nacional zu Rio de Janeiro. 

Von gymnastischen Spielen erwähnt der Prinz ein Ballspiel. Em 
improvisirtes Turngeräth befand sich vor der Hütte der Pancas, nehmlich eine 
aus einer herabhängenden Liane hergestellte Schaukel. 

Begräbniss. 
Stirbt ein Botocude, so wird seine Leiche lini'ach in der Nähe des 
Lagerplatzes eingescharrt, und zwar in Hückonlage mit gekreuzton Armen. 

1) Pr. zu WiED, Reise II, 42. 

Zeitschrift für Etliiioloyie. Jahr;,'. 1887. " 



34 Paul Kubenreicti: 

ohne irgendwelche Beigabe. Die Erde wird dann möglichst fest gestampft, 
um die Seele zu verhindern, herauszukommen und als ntsö (Geist, Gespenst) 
umzugehen, und endlich auf der Grabstätte ein Feuer angezündet. 

Sonst ist von einem Todtenkultus bei ihnen nicht viel die Rede. 
Legen sie doch selbst mit Hand an, um die Leiche wieder auszugraben, 
wenn ein Schädel sammelnder Anthropolog ihnen eine Belohnung dafür ver- 
spricht'). Immerhin wird der Todte einige Zeit wenigstens von seinen 
nächsten Anverwandten betrauert. HARTT a. a. 0. 600 erwähnt die Sitte, 
gestorbenen Säuglingen eine Schale mit Muttermilch und einige Thier- 
knochen mit ins Grab zu geben. In wieweit diese Mittheiluug richtig ist, 
steht dahin, doch finden sich ähnliche Gebräuche bei vielen wilden Völkern. 

Religiöse Ideen. 

Unter rtt-^ö'^) verstehen die Botocuden nicht ein böses Prinzi]i in unserem 
Sinne, also „Teufel", sondern nur die Seelen von Abgeschiedenen, welche 
Nachts umherschweifend den Menschen alles mögliche Böse anthuu können. 
Dieser rohe Animismus ist die einzige Spur einer Religion, wenn man es 
so nennen will ^), welche man bisher bei ihnen beobachtet hat. Jedenfalls 
fehlt ihnen ein Gottesbegriff, für den ihre Sprache auch kein Wort hat. 
Das Wort tupan, welches sich in einigen Vocabularien dafür findet, ist das 
bekannte Tupi-Guarani-Wort, welches sich durch die Missionare fast über 
den ganzen südamerikanischen Continent verbreitet hat. Der Botocnde 
versteht darunter jedoch nicht „Gott", sondern den christlichen Priester selbst! 

St. HiLAIRE*) behauptet, dass sie der Sonne, der Prinz, dass sie dem 
Monde eine gewisse Verehrung erweisen. Ich habe indess nichts in Erfah- 
rung bringen können, was diese Annahme bestätigt. Dass der Name tarn 
(sowohl für Sonne, als für Mond gebraucht) mit so vielen Benennungen von 
Himmelserscheinungen verbunden wird, wie: Donner tani te hiivö, Blitz 
tatni te rneräp^ Wind taru te kuhü^ Nacht taru te tu^ beweist nichts 
für eine Cultur dieser Himmelskörper, wie der Prinz meint °). Tani be- 
deutet nehmlich weder Mond, noch Sonne, sondern zunächst nur das helle 
Himmelsgewölbe, den durch Sonne, Blitz oder Mond erleuchteten Himmel, 
w^eiterhin auch einfach „Wetter oder Zeit". Also Nacht = Zeit des 
Hungers, taru te tu. 

Die Meinung eines der Gewährsmänner, ST. HlLAIRE's^), dass sie den 
Mond besonders verehren, weil er sie bei ihren nächtlichen Unternehmungen 
leitet, ist schon deshalb unrichtig, weil sie im Gegentheil sich scheuen, 



1) St. HiLAiKE, T. I, 2, 1G2. 

2) Der Prinz schreibt Janchon. Reise II, 58. 

3) Tylok, Auf. (1. Kultur I, 418. 

4) Aug. St. Hii>aire, Vuy. de la i)r. Rio II, 23. 

5) Pr. zu Wiicu, Reise II, .09. 

6) St. II ILAIRE, T. I, 2, 155. 



lieber die Rotociitlos. 35 

Nachts umlierzuziclien. Nur HENATU.T'), oiiicr (I.t I^rgleiter CASTELNAU's, 
will eine Bemerkung gemacht liabon, welche auf das Vorhandensein eines 
johen Güttesbegriffs hindeutet. J^ci einem Gewitter sollen sie Pfeile in die 
Luft geschossen haben mit dem Rufe: „Der grosse Häuptling zürnt." 
Audi St. HILAIEE^) erzählt Aehnliches von den bei Pessanhas hausenden 
Stämmen, glaubt aber, dass sie diese Vorstellung den Malali entlilmt hatten, 
weil sie wie diese den (lOtt mit dem Namen fupan bezTiichnoten. 

Die aldcisirteu „getauften Indianei''' ahmen natürlich alle Gebräuchi^ des 
christlichen Kultus ohne das geringste Verständniss nach. Einer dieser 
„Christen" erklärte mir auf die Frage nach seinem Glauben einfach: „Wir 
fürchten Aveder Gott noch den Teufel." 

Krankheiten und lioilmittcl. 

Die wilden Stämme sind im Allgemeinen nur wenigen endemischen 
Krankheiten unterw^orfen, werden aber von eingeschleppten acuten Affec- 
tionen, wie Blattern, aufs schlimmste decimirt. Malariainfectionen, Katarrhe 
der Kespirationsorgane, sowie Augenleiden sind wohl die am meisten ver- 
breiteten Krankheiten. Dem intermittirenden Fieber widerstehen sie so wenig, 
wie die Europäer, und vermeiden deshalb längeren Aufenthalt in fieber- 
gefährlichen Niederungen. Bronchitiden sind namentlich bei Kindern nicht 
selten, in Folge des jähen Temperaturwechsels und der Mangelhaftigkeit des 
Obdachs und der Bedeckung. Die Häufigkeit von Augenaffectionen dürfte, 
wie der Prinz mit Recht vermuthet^), den Insulten zuzuschreiben sein, 
denen der sein Wild verfolgende Jäger im Walde bei dem dichten Pflanzen- 
gewirr so leicht ausgesetzt ist. 

Bei den aldeisirten Stämmen, vor Allem solchen, die in der Nähe 
von Ortschaften wohnen, spielen venerische Krankheiten eine Hauptrolle. 
Auch der Alkoholismus macht sich in den Gegenden geltend, wo es 
den Indianern nicht schwer fällt, sich Zuckerrohrbranntwein zu ver- 
schaffen. Ihre Kenntniss der vielen Arzneipflanzen ihrer Wälder ist jeden- 
falls weit beschränkter, als der Prinz*) sie angiebt. Bestätigt doch selbst 
sein Diener Quäck, dass seine Landsleute keinerlei Mittel gegen Schlangen- 
biss kennen, wie man von ihnen behauptet hatte. Indessen sind doch eine 
«ranze Anzahl von wirksamen Pflanzen bei ihnen im Gebrauch. Namentlich 
wird die Ipecacuanha sehr viel verwendet, was REY mit Unrecht in Abrede 
stellt, ferner verschiedene Purgantien, wie die Andaussu (Joannesia princeps), 
Diaphoretica, wie Jaborandi u. s. w. Bei einem der Leute von Mutum sah 
ich ein grosses Ulcus molle, welches in wenigen Tagen nach Application einer 



1) Renault in Castelnau -Voy. V, 259 (T. 

2) St. Hilaikk, Voy. de la pr. Rio I, 439. 

3) Pr. ZTT WiED, Reise II, 56. 

4) Ebend. II, 53. 



36 PAUIi ElIRENREICH: 

Pflanze heilte, die mir leider nicht gebracht wurde. Ueberhaupt hält es 
sehr schwer, in dieser Beziehung etwas von ihnen zu erhalten. Wichtige 
Kurmethoden sind kalte Bäder, sowie Diaphorese durch den auf heissen Steinen 
entwickelten ^Yasserdampf ^). 

Von ihren chirurgischen Leistungen ist die wichtigste der Aderlass; 
derselbe wird an der Stirn vene gemacht, entweder mit einem scharfen 
Rohrspahn, oder, wie auch sonst noch in Südamerika üblich, mittelst eines 
kleinen Bogens und Pfeils. Auch in der Heilung von Frakturen sind sie 
bewandert. Eines der Skelette des hiesigen anatomischen Museums zeigt 
einen gut geheilten Oberarmbruch. 

Aeussere Hautreize sollen nach dem Bericht des Prinzen'^) durch Peitschen 
mit einer nesselartigen Pflanze hervorgebracht werden, über die ich nichts 
in Erfahrung bringen konnte. 

Tl. 

Geistige Fähigkeiten und Charakter. 

Dass die Botocudos auf einer ausserordentlich niedrigen Stufe geistiger 
Ausbildung stehen, ergiebt sich aus den bisher geschilderten Verhältnissen 
zur Genüge und wird noch evidenter, wenn wir die ungewöhnliche Armuth 
und Unbehülflichkeit ihrer Sprache betrachten. Dennoch muss man sich 
hüten, ihre geistigen Fähigkeiten zu gering anzuschlagen, wozu der 
flüchtig Reisende sich ja oft genug verleiten lässt. Haben sich andere rohe 
Naturvölker, wie Buschmänner und Australier, bei genauerer Betrachtung 
als weit intelligenter erwiesen, als man nach ihren sonstigen Kulturverhältnissen 
anzunehmen geneigt war, so dürfen wir Aehnliches auch bei diesen Stämmen 
erwarten. Sind doch schon Fälle genug constatirt, wo Botocudos unter 
eui'opäischer Erziehung eine nicht unbedeutende Bildung sich erworben 
haben. Freilich fehlt es aber nicht an Beispielen, wo solche Individuen 
voll Sehnsucht nach dem fernen ungebundenen Waldleben die Civilisation 
wieder abgestreift haben und zu ihren wilden Stammesbrüdern zurück- 
gekehrt sind. 

V Der bekannteste, hierher gehörige Fall ist der von TSCHUDI^) mitgetheilte. 
Ich selbst sah unter der Horde des Cangike am Guandu ein Mädchen, welches 
von Kindheit an auf einer benachbarten Pflanzung erzogen und anscheinend 
völhg civilisirt wieder zu seinen Stammesgenossen entwichen war, deren 
Sprache es nicht einmal mehr verstand. Witz, scharfes Aufi'assungs- und 
Nachahmungsvermögen ist den Botocuden keineswegs abzusprechen, selbst 
eine gewisse rednerische Gabe ist ihnen eigen, ähnlich den Rothhäuten 
Nordamerikas. Als interessantes Beispiel ihrer Rhetorik führe ich in Folgen- 



1) Martius Ethn. 32G. Eschwege, Journal I, lOü. 

2) Pr. ZL' WiED, Reise II, 54. 

3) TscmjDi, Reise II, 268. 



üeber die Botocudos. 37 

dem einen Passus aus einer Rede an, mit der einer der feindlichen Bugres 
bravos nach dem letzten Gefecht bei Mutum den Gegnern entgegentrat. 
Leider gelang es mir nicht, den Urtext dieser Ansprache zu erhalten, ich 
gebe sie vielmehr nach den Mittheilungen des Herrn MoTJSSIEll und einiger 
anderer Personen, die dabei zugegen waren. Nachdem die Wilden unter 
Verlust mehrerer Leute sich in den Wald zurückgezogen hatten, trat plötz- 
lich einer von ihnen wieder heraus und rief mit weitseiKillender Stimme zu 
den Weissen und den Bugres mansos herüber: „Dies Land ist das unsrige, ihr 
habt kein Recht, hier einzudringen, wir waren eure Freunde, dennoch habt 
ihr uns feindselig behandelt. Ihr habt mehrere meiner Brüder getödtet. 
Wir werden uns rächen. Wenn ihr in unsere Wälder dringt, so werden 
wir euch angreifen. Die Bäume sollen über euch zusammenstürzen und 
euch erschlagen. Schlangen sollen euch stechen, die Tiger euch fressen und 
alles Land am Flusse soll dann kalt werden." Die letztere Wendung er- 
innert sehr an die bilderreiche Ausdrucksweise der Wihh'u Nordamerikas. 

Für gewöhnlich sind derartige Bethätigungen geistiger Regsamkeit bei 
ihnen freilich selten genug. Das unstäte Wanderleben in den Wäldern ge- 
stattet dem Botocuden keine Entwicklung höherer Geistesthätigkeit. Be- 
friedigung der körperlichen Bedürfnisse ist zunächst sein einziges Streben, 
die einzige Triebfeder seiner Handlungen. Der Wilde denkt nicht an die 
Zukunft, noch weniger kümmert ihn die Vergangenheit: keine Traditionen, 
Sagen u. s. w. melden etwas über seine Vorfahren. Auch besteht keinerlei 
Zeitrechnung, nicht einmal sein Alter vermag der ßotocude anzugeben. 
Kaum eine dunkle Ahnung eines höheren Waltens ist bei ihm nachweisbar, 
wenn wir dieselbe nicht in jener unbestimmten Furcht vor den Naclit- 
gespensiern oder den gewaltigen Naturerscheinungen, die am Himmel sich 
abspielen, ausgesprochen sehen wollen. 

Völlig unter der Herrschaft seiner Leidenschaften stehend, ist der Wilde 
wie ein Kind unstät, wankclmüthig uud launisch. „Weder von sittlichen 
Grundsätzen geleitet", sagt der Prinz i), „noch durch Gesetze in die Schranken 
bürgerlicher Ordnung zurückgehalten, folgen diese rohen Wilden den Ein- 
gebungen ihres Instincts und ihrer Sinne gleich der Unze in den Wäldern." 
Gute, wohlwollende Behandlung kann sie zutraulich machen, desto mehr ist 
ihre Rache zu fürchten, wenn sie sich beleidigt glauben. Neigung zum 
Diebstahl theilen sie mit den meisten Naturvölkern, doch reizen sie in der 
Regel Lebensmittel mehr, als Geräthe oder Werkzeuge, wie denn überhaupt 
das Nahrungsbedürfniss bei ihnen alle sonstigen Interessen weitaus über- 
wiest. Aber alle schlimmen Charactereigen Schäften der Wilden, die sich 
so oft in roher Gefühllosigkeit in der Behandlung ihrer nächsten Angehörigen, 
in dem Mangel an Pietät gegen Verstorbene und an Fürsorge für Kranke 
und altersschw^ache Personen kimdgeben, dürfen wii- nicht von sittlicher 



1) Pr. ziT Wird, Reise II, 15. 



3g Paul Ehremretch: 

Yerderbtheit ableiten wollen. In moralischer Beziehung stehen die Botocuden 
gewiss höher, als beispielsweise die in ihrer Kultur erheblich weiter vor- 
geschrittenen Volker der Südsee. Von der raffinirten Art des gewohnheits- 
niässigen, förmlich legalisirten Kindermords auf Tahiti, der Menschenfresserei 
und des obligatorischen Elternmordes auf Viti, welche Abscheulichkeiten 
unbedingt bereits als Resultat sittlicher Depravation einer in voller Ent- 
artung und in Verfall begriffenen Halbkultur aufzufassen sind, findet sich bei 
diesen, so niedrig stehenden Naturvölkern Südamerikas keine Spur. Ihre 
Kultui' ist eine eben noch zu primitive, um schon Verfall zeigen zu können. 

Nicht moralische Verkommenheit ist es, welche sie zu Handlungen ver- 
leitet, gegen die unser menschliches Gefühl sich empört, sondern ihre In- 
dolenz, ihre Gleichgültigkeit gegen Alles, was nicht dem augenblicklieben 
Nutzen dient. Der Botocude verkauft sein Kind, weil er der Axt oder des 
Kessels, der ihm dafür geboten worden, dringend bedarf, er verspeist seinen 
erschlagenen Feind nicht, wie der Polynesier, aus Rache, Hass oder Aber- 
glaube, sondern weil er überhaupt alles verzehrt, was essbar ist. 

Der Character dieser Wilden ist ein rein negativer. Sie haben keine Laster, 
aber auch keinerlei Tugenden, zeigen keinen sittlichen Verfall, aber auch keinen 
Trieb zur Vervollkommnung. So fristen sie, nur von den thierischen Instincteu 
der Ernährung und Fortpflanzung getrieben, ihr Dasein, einzig die Bedürf- 
nisse der Gegenwart im Auge, unbekümmert um Vergangenheit oder 
Zukunft. 

Bei ihnen giebt es keine besonders verderblichen Laster oder barbari- 
sche Gebräuche abzuschaffen. Der Feind, den ernstgemeinte Culturarbeit in 
erster Linie zu bekämpfen hat, ist jene fast absolute Indifferenz gegenüber 
allen, nicht rein materiellen Interessen. Hierzu aber wäre zunächst un- 
erlässlich, sie vor Hunger und Mangel am Nothwendigsten zu schützen, nicht 
dui-ch Lieferung von Lebensmitteln und Geschenke ohne Gegenleistung, 
sondern dadurch, dass man ihnen Gelegenheit zur Arbeit verschafft und sie 
an andauernde, geregelte Thätigkeit gewöhnt. 

Trieb zum Erwerb, Sorge für die Zukunft, Ausbildung des geistigen 
Lebens werden dann auch nicht lange auf sich warten lassen. Wir sahen 
aber bereits, wie verfehlt das jetzige System der Katechese ist und wie ge- 
ring die Aussicht auf Aenderung desselben in absehbarer Zeit. Dadurch, dass 
man, wie bisher, den Indianer tauft, d. h. ihn unter einigen ihm unverständlichen 
P^örmlichkeiten mit Wasser besprengt, und ihn durch spärlicheZufuhr von Lebens- 
mitteln undGeräthen von der Hand in denMund leben lässt, ohne sich im übrigen 
viel um ihn zu kümmern, wird man schwerlich im Stande sein, ihn zu 
einem nützlichen Gliede der menschlichen Gesellschaft zu machen. Der 
Untergang der aldeisirten Horden ist ebenso, wie der der nomadischen, unter 
den jetzigen Verhältnissen nur eine Frage der Zeit. 



lieber die Botocudos. 



39 



YII. Spraclu*. 

Die ersten ausfülirlicheieii Mittheiliuigen über die Spraclio der liulocudeu 
verdanken wir dem Prinzen ZTI WIRD, dessen pjranimalisches Material von 
Gi)TTLING bearbeitet wurde. Seitdem sind nur einiji^e, \v<Mii|:,'(' VViMtci- 
verzeiehnisse liinzuj^ekonimen, auch giebt IJaKTT noch einige grammatische 
Notizen (a. a. O. |)g. (»08 ff.). Die Ergänzungen, \5;e.k'he ich auf (Irund 
eigener Ermittehmgen zu machen versuchte, können natürbch auf N'ollständig- 
keit keinen Anspruch machen. Dazu wäre ein viel längerer Auti-nthak 
unter diesen Menschen nöthig, als mir verstattet war. Da.'v P\jlgende wird 
indessen genügen, wenigstens ein Bild von der niedrigen Ausbildung-sstufe 
dieses Idioms zu geben. Die Wörter sind niedergeschrieben, wie ich sie 
aufgefasst habe, untcM- Anwendung des allgemein linguistisclien Alphabets. 

Alphabet. 



Vocale. iMiifacho: 



" ä (i-) 



at) (o) dumpfes, offenes u, zuwoilen 

fast wie Uli 



„ Na&alirte: (7, e, T, (7, «, ad. 

Jeder Vocal kann lang oder kurz sein. Der Accent liegt stets auf der 
letzten Sylbe. I^oppel vokale, wie ui, in, uc sind stets getrennt zu sprechen. 

Consonauten. 







h 














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k(k) 


9 ! 

1 




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Iß 




S 



Es fehlen gänzlicli /, s, z und reines /. Selten sind r und 7, am selten- 
sten </, welches im Yocabular nur einmal vorkommt (in hodii tniUa). 

k ist vorwiegend velar. 

w englisches w. 

r eigenthümlicher Mittellaut zwischen r und /. 

n ein dentales w, oft am Anlang eines Wortes voi- einem Consonanieii. 
auch am Ende zuweilen nachklingend. Es scheint eine Art Präfix oder 
Suffix zu sein. 



40 Paul Ehrenreich: 

k ein vorgeschlae:ener oder undeutlich nachklingender k-Laut koroJ^ spr. 
koro *" . 

n ein palatales w, sich der Lautverbindung w?/ (nj) nähernd, deutlich 
intonirt und langirezogen. 

// wird stets deutlich aspirirt gehört, auch am Ende einer Sylbe. Wenn 
frühere Reisende, wie der Prinz, so viel von der undeutlichen näseln- 
den und giunzenden Aussprache der Wilden zu erzählen wissen und die 
Schwierigkeiten, die Laute zu fixiren, als sehr erheblich schildern, so dürfte 
dies wohl den früher noch allgemein im Gebrauch gewesenen Lippenzierrathen 
zuzuschreiben sein, die eine deutliche Intonation der Lippenlaute fast un- 
möglich machen'). Jetzt aber, wo die entstellende Operation der Lippen- 
durchbohrung mehr und mehr ausser Uebung kommt, kann man sagen, dass 
bei den meisten Individuen die Aussprache verhältnissmässig deutlich und 
rein ist. 

Das eigen tlüiiDliche Langziehen der Endsylben im AfFect, oder wenn es 
gilt, einen Gegenstand oder eine Handlung als gross und wichtig darzustellen, 
giebt der Rede einen fast singenden Tonfall'^). 

Wenn M.IETIUS sagt^), dass die fünf ihm vorliegenden Vocabularien 
in zahlreichen Abweichungen die Unbestimmtheit und Volubilität bekunden, 
womit ein und dasselbe W^ort von verschiedenen Individuen ausgesprochen, 
je nach Laune und Umständen abgewandelt und verändert wnrd, wenn 
ferner RENAULT die Leichtigkeit hervorhebt, mit der die Wilden, nament- 
lich die Weiber, neue Worte für irgend einen Gegenstand erfinden*), so ist 
dabei doch festzuhalten, dass wir keineswegs auf eine schnelle Veränderung 
der Sprache im Laufe der Zeit durch individuelle Sprechweise, neu erfundene 
Wörter und dergl. schliessen dürfen. Bestände wirklich eine solche fort- 
währende Sprachschaffung und zugleich eine weitergehende Zersplitterung, 
wie MaRTIUS sie anzunehmen scheint, so würde die heutige Sprache ent- 
schieden nicht in dem Grade der früheren, in nunmehr 40 — 60 Jahre 
alten Vocabularien niedergelegten conform sein, wie es in Wirklichkeit der 
Fall ist. Wo wir in den Wörtersamralungen Abweichungen von dem jetzigen 
Idiom finden, erklären dieselben sich grösstentheils aus Missverständnissen 
der Beobachter oder der Indianer, die sich von ihnen examiniren Hessen'*). 

1) Auch die Suyt am oln-ren Xingu sprechen nach Dr. K. v. D. Steinen (Durch Central- 
brasilien S. 357) mit ihren Lippenpflöcken statt y> stets cp oder h. 

2) MAUTirs Eibn. 330. St. HiLAmE, Voy. de la pr. Rio II, 164. 

3) Ebendaseihst. 

4) In gleichem Sinne äussert sich TSCHÜDI, Reisen II, 287: ,Es ist eine bemerkens- 
werthe Erscheinung, wie schnell sich unter rohen Naturvölkern durch Abgliederuug einzelner 
Familien vom Hauptstamm und durch Fortfahren eines mehr oder weniger isolirten Lebens, 
Dialecte mit einem abweichenden, ganz eigenthümlichen Sprachschatze bilden". 

5) Es ergiebt sich hieraus, wie absolut irrig die Behauptung Keaxe's in seinem Vortrag 
ist: Amongst the Botocudos themselves a great diversity of speech prevails, a circumstance 
which belp.s to expl.iin the serious discrepancies some times observed in the few short vo- 
cabularies. 



Uelier die Hotociidos. 41 

Hiermit steht im Einkkug, dass ilii' Mundarten der verschiedenen 
Stämme keine erliebliche Dialectverschiedenheit zeigen. Das Vocal)ular 
des Prinzen ZU WlEl>, 1817 am Rio Jeqnitinlionha aufgenommen, erwies 
sicli im Wesentlichen noch im .lahre 1884 für den Verkoin mit den 
Stämmen am Rio Doce brauchbar. Schwieriger war die lienulzun^- dcv in 
französischer Orthographie geschriebenen Wörterverzeichnisse Nr. 2 — 4 
(MaRTIUS Glossar. 177 ff,). Die ursprünglichen Ijaute siatU darin oft bis zur 
Unkenntlichkeit entstellt. 

Die Gebärden spräche spielt, wie bei den meisten Naturvölkern, auch 
bei den Botocuden eine wichtige Rolle. Namentlich dient sie zum Aus- 
druck der Zahlbegriffe. Schall nachahmende Wörter sind ausseroi'dentlich 
häufig. Sie bezeichnen erstens Handlungen oder Gegenstände durch Nach- 
ahmung der denselben eigenlhäralichen Geräusche, wie uhum husten, icah 
zischen, pfeifen, Im blasen, terörö vor Frost schauern, zujia das kochende 
Wasser (Fieberhitze), pä die Flinte, zweitens aber ganz besonders Thier- 
namen, z. B. solche, die die Wilden erst im Verkehr mit den Europäern 
kennen gelernt haben: /m^ära^ Ararapapagei, ae/iä Krocodil, mäh-inüh. Schaf, 
ä-ä Hase u. s. w. 

Ebenso häufig sind Verdoppelungen, um die Verstärkung oder Wieder- 
holung einer Handlung oder eines Zustandes auszudrücken, aö reden, aO-ao 
laut reden, singen, Tnau krank, maö-mao sehr krank, nähd springen, nä/id-nähd 
hochspringen, sich bäumen. 

Manche Wörter finden sich in gleicher Weise auch in den Sprachen 
benachbarter Stämme, ohne dass man jedesmal sicher zu entscheiden ver- 
niöchte, welche davon die entlehnenden waren, z. B. munid Wasser = 
mniamü (Puri), ketovi Auge = kedö (Camacan, Malali). 

Aus dem Guarani oder der Lingua geral stammen Wörter, wie karai weisser 
Mann, tupan Gott u. s. w. Dem Portugiesischen direct entnommen sind 
fikd Hund, port. cdo, kit7n port. fumo Tabak (der ihnen ursprünglich un- 
bekannt ist), compra kaufen, comprar, wofür indess gewöhnlich einfach j'.)r(7??^ 
wollen, gebraucht wird 

Das Nomen kennt nur ein Genus, indessen zeigt das Pronomen 
tokonim^ kum, pd dieser, diese, dieses, dass wenigstens bereits der Anfang 
einer Differenzirung in verschiedene grammatische Geschlechter gemacht ist. 

De]- Pluralis wird gebildet durch Anfügung von uruhu viele, oder 
vaiihicitn viel, pantö alle, nankrfin alle Jjeute (die ganze Gesellschaft). 
llAKTT ^) erwähnt auch einen Dual, der durch das Suffix cliovo bezeichnet 
sei, z. ß. nönhen das Ohr, nönhön chovo beide Ohren, ('koiw, dessen Be- 
deutung HARTT nicht hat ermitteln können, ist jedoch nichts anderes als 
die Präposition vfio mit, zusammen, ein Paar. Von der liihlung einer wiik- 
lichen Dualform ist somit nicht die Rede. 



1) FlAurr, u. a. o. G04. 



42 Paul Ehrenreich: 

Durch Anfügung solcher, die Vielheit bezeichnender Wörter können 
daun auch Collectivbegriffe aus einfachen gebildet worden. Kizem Haus, 
Kiztm uruJui viele Häuser = Dorf, Stadt, tsön Holz, t-^6n uruhü viele Hölzer 
= Wald, 2^" Flinte, pü ymhü Flinte mit mehreren Läufen. Eine Deklination 
existirt nicht. Spuren einer Art von Casusbildung, nehmlich die Unter- 
scheidung eines objektiven und subjectiven Casus, will GÖTTLING^) in der 
Anwendung des oft zwischen zwei Substantivbegrififen stehenden Wörtchens 
te sehen. taru te tu Zeit des Hungeis, Nacht tarv te kuliu Zeit des 
Brausens (oder wenn es braust). iarü te krl Zeh (Wetter) des herab- 
fahrenden Blitzes u. s. w. Die Anwendung dieser Partikel ist jedoch durch- 
aus keine regelmässige, dieselbe wird auch eben so oft fortgelassen. 

Adjectivbegriffe stehen stets hinter dem Substantiv. Ihre Steigerung 
geschieht gleichfalls durch uruJiFi viel oder nanlnoit. 

Diminutive werden durch den Zusatz m angedeutet, kuruk Kind, luruk- 
i'n Kindchen. 

Trotzdem die Redetheile im Allgemeinen noch wenig von einandergeschieden 
sind, finden sich doch schon differenzirte Pronomina und Präpositionen. 

Pron. personale hik ich, 

antsuk du. ihr (Plur.), 
oti er. 

Wir und sie werden, wenn nöthig, einfach durch /j«?^/o' „alle" umschrieben. 

Als Possessi va waren nachweisbar 
minuk mein, 
huk sein, 
wahrscheinlich auch noch das im Namen Nük-nuk (S. 8) vorkommende 
nenuk = unser. 

Demonstrative tokonim. is, 
kum ea, 
pd id. 

Negativ ist Tnclm niemand, niemals, 

Interrogativ nkom wer, was? 

Indefinitum konim etwas. 

An Präpositionen Hessen sich bisher constatiren^): 

nähre. Die unmittelbare Nähe, im Sinne, bei, vor, hinten bezeichnend, 
nähre mü mitgehen, begleiten. 

ntno mit, zusammen. 

Ijiek drinnen, in (eigentlich durchbohren, eindringen), pompö in Mitten 
(das Mittlere, das Herz). 

Letztere beiden Worte lassen vermuthen, dass die Präpositionen über- 
haupt eigentlich substantivische Begriffe oder Verben sind. 

1) Pr. zu WiED II, 315. 

•J) Die im Vocabular aufgeführten Präpositionen pok supra nnd ozvh infra, sind noch 
nicht sicher festgestellt. 



Ueber die Rotocudos. 



43 



Als Ortsadverbien dienen: 
etr hier, 

ere ni hierher (komm her), 
kre^ krfk wo? doit, 

nki'P, nkrck wohin, widirschi-inliih entstandi'n aus /u-krc. 
Das Verbum unterscheidet sich in seiner l''oim nicht vom Nomen. 
Es wird nur inlinitivisch oder als Particij) ^ebraucht,-<i{t!igt weder l'lexion 
noch Tempusbihluni;'. Die Conjugation geschieht einfach durch Vorsetzen 
der Personal[)r()U()minu. Zur Tempusbezeichiiunif dient zuweilen das \V(ut 
temprän morgen. 

Als eine Art Impersonale ist /u'i er sie, es ist zu betrachten, hä lu-rü 
er ist krank, hä nyot-ngot es schmerzt, liä-mot es ist voll, wahrscheinlich 
ebenso auch hä-reliä es ist gut. 

Dass dieses /m' nach GtVrTLTNGS') Ansicht dasselbe ist,wie die Bejahungs- 
partikel hä-hä\ ist wenig glaubhaft. Letzteres Wort ist nehmlich überhaupt 
kein artikulirter Laut, sondern nur eine zweimalige kurze Inspiration, wie 
sie auch von uns selbst oft genug in der Umgangssprache zur Bejahung 
benutzt wird. GoTTLINCVS Form het statt ha ist mir unbekannt. Kbenso 
wenig konnte konstatirt werden, ob eine eigene Verbalendung öt oder ein 
n als Infinitivzeichen vorkommt, wie GÖTTLING will. Vergl Prinz ZU WiED 
Reiseil 317. Negations partikeln sind nuk nicht, amlnik nichts. 

Als Beispiel, wie der Botocude es fertig bringt, mit seinen wenigen 
Ausdrücken complicirtere Begriffe zu bezeichnen, diene noch folgendes: 



Insel heisst 


näk 


munid 


pompö 


nep 




Land 


Wasser 


Mitte 


hier ist 


nüchtern 


atsim 


nuk 


kuä 






Speise 


nicht 


Bauch 




Eingeweide 


kuä 
Baucli 


öron 
langes 






Nasenloch 


ki<jin 


viäli 


kät 






Nase 


Oeffnung 


Haut 




Augenlider 


ketom 


mäli 


kät 






Auge 


Loch 


Haut 




sich entfernen, den 










Rücken wenden 


gehen 


katinak 
Rücken 






traurig sein 


pompö 
Herz (Mitte) 


takrek 
unzutrieden 






Baum-Ast 


t^Ö7l 

Baum 


mäk 
Knochen 






graben 


nük 


müh 


tsek 






Erde 


Loch 


b(diien 


(drinnen) 



1) Pr. zu WiEU, Keise II, ÖIT. 



kr an 
Kopf 


zun 
Zähne 




bokrl 


zapi'f = 




pö 


kekrl 


zapä 


Fuss 


gespalten 


Mutter 


pö 


kekri 


pakizv 


Fuss 


gespalten 


gross 


po 


kekri. 


kugi 


Fuss 


gespalten 


klein 



44 Paul Ehrenreich: 

Interessant ist ferner die Bezeichnung der neu eingeführten Thiere: 
Pferd 

Kuh 

Stier 
Schaf 

Alle Thiere mit gespaltenem Huf heissen somit po kekrl oder hokrl und 
werden nur durch Epitheta gross, klein u. a. von einander unterschieden. 

Ueber die eigenthiimliche Benennung der Finger s. d. Vocabularium. 

Die neueren Untersuchungen über den Farbensinn und seine historische 
Entwiekelung beim ^lenschengeschlecht haben unzweifelhaft dargethan, dass 
die früher auf Grund linguistischer Vergleichungen vermuthete Un Vollständig- 
keit desselben bei den Naturvölkern nicht besteht, dass es überhaupt 
unstatthaft ist, aus einer mangelhaften Farben bezeichnung auf die mangelnde 
Perceptionsfähigkeit dieser Farben zu schliessen, vielmehr oft genug unvoll- 
kommene Farbennomenclatur bei vollkommen entwickeltem Farbensinn vor- 
handen ist. Wir wissen jetzt, dass bei primitiven Völkern nur eine grössere 
Energie in der Perception langwelliger Farben im Vergleich zu solchen mit 
kurzer Wellenlänge sich bemerkbar macht. Die Quantität des Lichts wird 
früher von ihnen erfasst, als die Qualität. Die lichtstärksten Farben werden 
demnach fi'üher und präciser bezeichnet als die lichtschwächeren. So nimmt 
die licht.stärkste Farbe, das Roth, die Aufmerksamkeit des Kindes und des 
Naturmenschen zuerst in Anspruch. Die bedeutende Rolle, w^elche das Roth 
bei den meisten Völkern spielt, ist bekannt. Es ist die einzige Farbe, die 
von Wilden so genau bezeichnet wird, wne von den Kulturvölkern, indem 
ihre ver.schiedenen Schattirungen, lichtstarke wie lichtschwache, in ein Wort 
zusammengefasst werden. 

Ausser Roth wird zunächst nur der Begriff „hell" oder „dunkel" 
sj)rachlich unterschieden. Die übrigen Farben werden erst später je nach 
den praktischen Bedürfnissen des täglichen Lebens mit besonderen Namen 
bezeichnet 1). Namentlich vermehrt sich die Nomenklatur mit der sich ent- 
wickelnden Färbekunst, dem Aufblühen einer Textilindustrie, dem Import 
fremder Waaren und Produkte u. s. w. 

Dass auf der niedrigsten Stufe der Farbenbezeichnung ausser Roth nur 
„hell" und „dunkel" benannt werden, haben ALMQUIST's^) vortreffliche 

1) So haben bekanntlich gewisse südafrikanische Völker, denen Bezeichnungen für die 
gewöhnlichsten Farben fehlen, deren eine grosse Anzahl zur Bestimmung aller nur möglichen 
Nuancen, die ihr Vieh bietet. 

2) Bresl. ärztl. Zeitschr. 1880, S. 1G9 flf. 



Heber die Botocudos. 15 

Untersuchungen bei den Tschuktschcn dargethun, welche nur tnlgciKlc <lrei 
wirkliche Farbennamen besitzen: müUikin weiss, lirll für die mi-isten licht- 
starken Farben ohne Roth, nukiu schwarz, duiikol für lichtschwache Karben 
ohne Roth, tscheiyu für alles, was Roth enthidt. 

Ganz dieselbe Methode dei- Farbenbenennun.L,' liiidcL sich uuii auch l)ei 
den Botocuden. Die einzige Farbe, welche präcis ausgedrückt wird, ist 
„roth" pm kukv, alle übrigen Farben sind entweder nrtit „hell" oder X'""^ 
„dunkel", ersteres also zugleich weissgelb, lielll)iau, hellgrau, letzteres schwarz, 
dunkelblau, dunkelgrün bezeichnend. 

Ob das Wort hiom im Vocabular 1 bei MAlfTHS wirklich „weiss"" 
heisst, ist zweifelhaft, es wurde mir wenigstens wiederholt mit ^neu'' über- 
setzt. Vielleicht ist letzteres aber auch nur eine abgeleitete Bedeutung. 
Wahrscheinlich bezeichnet hiovi ein unbestimmtes Grau, daher taru hiom 
grauer Himmel, Nebel. Zur eigentlichen Farbennomenclatur gehören nur 
die drei erstgenannten: ynikulai, nen', Jem, roth, hellfarbig, dunkelfarl)ig. 
Dennoch unterscheiden die ßugres die reinen Farben, wie blau, grün, gelb 
und weiss ganz ffut, wie man sich leicht bei denen, welche der portugiesischen 
Sprache mächtig sind, überzeugen kann. Desto unsicherer sind sie m der 
ßestiiumung von Mischfarben. Einer der Leute von Mutum bemerkte, als 
ihm graugrüne Wollfäden vorgehalten wurden: Jsto nao fem nome, nao 
presta e feio,'' „Diese Farbe hat keinen Namen, sie taugt nichts, sie ist 
hässlich." Es scheint hiernach in der That: der Wilde bezeichnet eben nur 
die Farben, welche sein Wohlgefallen erregen oder [)raktische Wichtigkeit 
für ihn haben. Nun ist „roth" entschieden die Lieblingsfarbe der Botocuden, 
zumal der Farbstoff der Bixa Orellana, welcher sie liefert, in grossen Mengen 
vorkommt und leicht zu beschaffen ist. Das Xfm bezeichnet wahrscheinlich 
zunächst den schwarzblauen Farbstoff des Genipapo, nerü scheint dagegen 
nur auf natürliche Färbungen angewendet zu werden. Namentlich alles 
Gelbe. Fahle ist neru., in diesem Sinne auch die Färbung des Kranken: kicä 
hei'u, wörtlich gelber Bauch, ist einsehr gewöhnlicher Ausdruck, um Zustände 
chronischen Siechthums, z. B. Malariakachexie, zu bezeichnen, hä nerv 
es giebt Krankheit, er ist kiank und andere derartige Ausdrücke. 

Die aldeisirten Indianer, welche den Gebrauch und den Werth des 
Geldes kennen, sind bei ihrer mangelhaften Zählkunst geuöthigt, das Papier- 
geld einfach nach seiner Farbe zu unterscheiden. Ein rother 500-Reisschein 
ist pmkuk»! roth, ein grüner l-Milreis und ein blauer 2-Milreis sind beide 
X<'nt dunkel. Zwischen diesen beiden machen sie keinen Unterschied, haben 
das auch kaum nöthig, da sie ja nur selten in die Lage kommen, 2-Milreis- 
scheine annehmen oder ausgeben zu müssen. Dagegen wissen sie widil. 
dass sie für einen ^'/» mindestens 2 /»/v<^/^/?<-Sc.heine erlmlten. Has kleine 
Geld (Kupfer und Nickel) heisst schlechtweg pafak (vom port. pataco 320 
Reis) oder wahrscheinlich onomatopoetisch das Klirren andeutend, rt-p. 

Die Zählkunst der Botocuden ist so unentwickelt als möglich. Wie 



46 F'AUI. Eiirknkrkii: lieber die Botocudos. 

die meisten Wilden, besitzen auch sie Fingernumeralien, aber nur für 1 und 
2, nehmlich pöfjik ein Finger (auch zur Bezeichnung von „allein" verwendet) 
und kr/'-pn doppelter Finger. Das Wort möhenam für „eins", welches sich 
im Vocabular 1 bei MAETIUS findet (nach Prinz ZU WiED), scheint ein 
Missverständniss zu sein. Dasselbe bedeutet nehmlich „Kopflaus"! Was 
über zwei hinausgeht, ist uruhu viel; kommt es auf genauere Zahlen bis 10 
an, so werden einfach die Finger zu Hülfe genommen. Um zu sagen: „ich 
reise 5 Tage", wiederholte mir ein Mann 5 mal mit nach einander erhobenen 
Fingern das Wort temprän morgen^). 

Der Subdelegat von Guandu, Herr MOUSSIER hat mir noch eine Reihe 
von Zahlwörtern mitgetheilt, die er im Verkehr mit den Indianern ermittelt 
haben will. Es sind dies folgende: 

3 krot-t/wip 6 nukruk 9 irapihkum 

4 kitsakan hankwitii 7 nukwä 10 pantö 

5 nunte 8 nuik 

Es erscheint indessen einigermassen zweifelhaft, ob diese Wörter wirk- 
lich bestimmte Zahlbegriffe bezeichnen und nicht vielmelir nur eine unbe- 
stimmte Anzahl ausdrücken. Für letzteres spricht die Thatsache, dass der 
Zusatz haiikwit bei 4 „viel", pantö 10 eigentlich „alle"' bedeutet. Auch die von 
TSCHUDI (Reise II 288) mitgetheilten Zahlwörter dürften schwerlich zuver- 
lässig sein, zumal er selbst ihre Richtigkeit in Zweifel zieht. 

Der kurzen Liste von Personennamen, die der Prinz ZU WiED (Reise 
II 60) giebt, füge ich hiermit noch folgende zu: 

Männer: orayi^ zaketon, vdk, morokmön, zentnuk, zunuk, zamnuk^ za- 
rna/ikff, kupärak. 

Weiber: kanzirän, zunukmä, nikantip^ zakuv'n, hanhd. 

1) Ganz dasselbe berichtet Hartt 1. c. 1)05. 

(Schlnss folgt.) 



£rklärnng der Tafeln. 

Tafel I. 
Fig. 1. Weiber der Sey-nep (Rio des Pancas). 
Fig. 2. MäaDer „ , ^ , „ 

Tafel 11. 
Fig. 1. Weib der Säk-namik (Mntnm). 
Fig. 2. Junger Mann der Näk-erehä (Guanda). 
Fig. 3. Alter Mann der Säk-erehä. 
Fig. 4. Weib und Kind der Näk-erehä. 



Besprechunfreo. 47 



13esprecliunfi;en. 

lliiiidwiirttMbiicIi der Zoologie, Anthropologie und Ktluiologic (Encyelopildic 
der Naturwissenschaften. Abth. I. Th. lll). Breslau, Ed. Trewendt, 
gr. 8. Th. I. u. IL 1880—83, herausg. von GUST. JÄGER. Bd. III 
und IV, 1885—86, herausg. von ANTON REICHNOW. 

In der grossen Encyclopädie der Naturwissenschaften, welche der sehr eifrige und hin- 
gebende Verleger publicirt, gehört der vorliegende, unsere Leser allein berührende Theil (oder 
Abschnitt) nicht zu den glücklichsten. Die Vereinigung von Zoologie, Anthropologie und 
Ethnologie zu einem gemeinsamen Abschnitte würde nur dann einen Vorzug haben, wenn 
auch eine gemeinsame Bearbeitung, oder doch eine Bearbeitung nach gemeinsamen Gesichts- 
punkten stattfände. Dies ist aber schon dadurch ausgeschlossen, dass die lexikalische Form 
der Bearbeitung gewählt und jeder Artikel in alphabetischer'FoIge einem der Bearbeiter, 
deren Zahl zuerst auf 12, jetzt auf 15 angegeben ist, übertragen wurde. Verzichtet man 
aber einmal auf die einheitliche Behandlung, so hätte man auch auf die Vermischung aller 
dieser Disciplinen verzichten können. Ein rein anthropologisch -ethnologisches Wörterbuch 
wäre gewiss eine angenehme Sache für das deutsche Publikum, zumal wenn die einzelneu 
Artikel von competenten Forschern bearbeitet würden. Aber die Bequemlichkeit eines solchen 
Lexikons hört auf, wenn zugleich grosse Disciplinen von gänzlich abweichendem Inhalt ein- 
gemischt werden. Wir können in dieser Beziehung darauf verweisen, dass die 4 Bände, von 
denen jeder zwischen 34 — 40 Bogen stark ist, erst bis zum Anfange des Buchstabens L 
reichen, wobei nicht einmal die Rücksicht genommen ist, dass jeder Band mit einem neuen 
Buchstaben anfängt. Es kommt noch das Andere hinzu, dass das Wort Anthropologie in 
einem so weiten Sinne genommen ist, dass nicht nur ein gewisser Theil der Archäologie, 
der prähistorische, sondern auch Anatomie, Physiologie, organische Chemie, Physik darin 
untergebracht sind In einer Encyclopädie, welche einen besonderen Abschnitt von grosser 
Ausdehnung für die Chemie hat, sucht man doch die Eiweisskörper, die Kohlenhydrate, die 
Kohlensäure und gar den KohlenstotV nicht in dem Abschnitt Zoologie oder Anthropologie. 
Der besondere Vorzug, dass Herr GuST. JÄGER in einer Reibe von Artikeln jeine individuellen 
Anschauungen über die Riechstoffe und andere Gegenstände ausführlich erörtert, würde 
auch in einem Abschnitt über Physiologie zu erreichen gewesen sein. Für die eigentliche 
Anthropologie und Ethnologie ergiebt sich daraus eine Art von Druck, der die erforderliche 
Ausführlichkeit und selbst die Verständlichkeit hindert. Hr. VON Hellwald, der die ge- 
samnite Ethnologie behandelt, findet trotz seines anerkannten Talents der Darstellung nicht 
den Raum, den die Wichtigkeit der Gegenstände erfordert. Einige Beispiele mögen dies 
erläutern. 

„Kongosprachen. Mit den Bunda die Westabtheilung der Bantuidiome, umfasst das 
eigentliche Kongo, Mpongwe, Kele, Joulm und Fernando Po." 

Vergeblich wird man aber unter Bunda und Bantu nähere Angaben über die Besonder- 
heit der Sprachen dieser Westabtheilung suchen. Niemand, sollte man meinen, wird dem 
Verfasser eine derartige Aufgabe stellen, die in der That nur ein vergleichender Linguist zu 
lösen im Stande ist. Hat man denn gar nicht daran gedacht, für diesen Zweck sich der Bei- 
hülfe eines Philologen zu versichern? 

Unter „Friesen" sagt Hr. von IIellavald Folgendes: 



48 Besprechungen. 

„Die Schädelform der Friesen hat in den letzten Jahren Anlass zu einer 
wissenschaftlichen Controverse f^egeben. Viichow wollte den Friesen eine überaus 
niedrige Schädelform zuschreiben; nach Sasse sind die Friesen - Schädel aller- 
dings niedrig". 

Wo ist hier die Controverse? Liegt sie in dem Zusatz , überaus" zu „niedrig"? Ein 
Anatom würde das gewiss anders ausgedrückt haben. Aber es scheint, dass die Herausgeber 
die Mithülfe eines anthropologisch geschulten Anatomen für überflüssig halten. Daher fehlt 
das Wort HypsicephMl in dem Lexikon, und ebenso das Wort Chamaecephal, während 
Brachycephalie und Dolichocephalie in einer Bearbeitung des Hrn. Meiilis aufgenommen 
sind. Das Wort Index fehlt, obwohl es bei der Dolichocephalie ohne Weiteres angewendet 
wird; nur bei der Brachycephalie findet sich eine Aiigal)e über die Natur des Breitenindex, 
welche zeigt, dass der Verfasser darüber nicht ins Klare gekommen ist, warum die Methode 
des Hrn. Welckek allgemein aufgegeben wurde. 

Vergleicht man die anthropologischen Artikel mit den zoologischen, so erhellt unmittelbar, 
wo der Fehler liegt. Während die letzteren durchweg von Fachmännern, darunter hervor- 
ragenden, geschrieben sind, ist beinahe kein einziger der anthropologischen Artikel in die Hand 
eines Fachmannes gelegt worden. Die Folge ist eine überwiegend populäre, in vielen Stücken 
lückenhafte und nicht selten irrthümliche Darstellung, welche weder dem grossen Publikum, 
noch dem Gelehrten gerecht wird. Eine Encyclopädie soll mehr sein, als ein Conversations- 
lexikon; sie soll eine freilich allgemein verständliche, aber doch fachmännische Belehrung geben. 
Wie wenig das hier zutrifft, zeigt wohl am besten die kurze Expektoration des Hrn. JÄGER 
über Abstammungslehre und Darwinismus, die nicht einmal die Hauptgesichtspunkte und 
die Hauptphasen dieser Lehren auf Grund eines erkennbaren Quellenstudiums wiedergieht. Wir 
fürchten, dass damit dem Wissensdrange der deutschen Leser wenig gedient ist. Jedenfalls 
lässt sich nicht sagen, dass diese Leistung auf der Höhe der fremdländischen Parallel- 
arbeiten steht. ViRCHOW. 

China. Imperial Maritime Custoras. II. Special Series Nr. 2. Medical 
Reports for the half-year ended 3P* March 1886, published by order of 
the Inspector General of Customs. Shanghai. 1886. 4. 36 p. 8 PI. 

Aus der Einleitung des Berichtes ergiebt sich, dass der Inspector General Mr. ROB. 
Hart durch Circular vom 31. December 1870 die Erstattung regelmässiger Berichte durch 
die europäischen Aerzte der chinesischen Hafenorte angeordnet hat. Der vorliegende ist der 
31., jedoch sind uns die früheren nicht bekannt geworden. Da zugleich regelmässige meteo- 
rologische Berichte gegeben werden, so haben die Publicationen einen doppelten Werth. Das 
Heft enthält Nachrichten aus Newchwang, Shanghai, Hoihow (Kiungchow), Pakhoi, Chinkiang, 
Canton, Kiukiang, Wuhu. Die beigegebenen Zeichnungen betreffen meist Geschwülste, dar- 
unter einen Fall von Hyperplasie des rechten Armes. ViRCHOW. 

KAKL Vogt, Einige darwinistische Ketzereien. Westermanns lllustr. deutsche 
Monatshefte 1887. Jan. Heft 364. 

Der berühmte Verfasser erörtert in aller Kürze einige tief einschneidende Differenzen, 
die ihn von den „gewöhnlichen" (sit venia) Darwinisten trennen. Insbesondere zeigt er, dass 
die fast allgemeine Voraussetzung der heutigen Zoologen, als drücke ihre Classification zu- 
gleich die phylogenetische Entwicklung aus, eine irrige sei, ja dass sie in vielen Fällen nicht 
einmal die ontogenetische Entwicklung zum Ausdruck bringe. Im Gegentheil, die zoolo- 
gische Classification stelle oft ähnliche Charaktere zusammen, welche ganz verschiedenen 
Stämmen entsprungen seien. Er bekennt sich also in einem gewissen Sinne als Poly- 
phyletiker und er tröstet sich damit, dass auch Hr. E. HÄCKEL neuerlich die Medusen zu 
.den polyphyletischen Thierklassen" zählt. In sehr überraschender Weise wird die Gattung 
Equus als eine polyphyletische dargestellt. Das Einzelne möge im Original nachgelesen 
werden. K. Virciiow. 



lieber die ßotocudos der l)nisiliaiii8ctiein Provinzen 
Espiritu santo und Minas Geraes. 



Von 

Dr. PAUL EHRENREICH, Ikrlin. 

(Schluss.) 



Vocabularium. 

Vorbemerkung. Die besten, bisher publicirten W()rtersammlungen 
hat MaRTIUS zusammengestellt, Glossaria ling. bras 177 ff. Bei genauerem 
Studium dieses Idioms stellte sich jedoch heraus, dass auch diese Samm- 
lung noch zahlreiche Fehler und Missverständnissc enthält, wie dies ja bei 
derartigen Aufzeichnungen unvermeidlich ist. Da von den 4 MARTIUS'schen 
Vocabularicn nur Nr. I nach der deutschen, Nr. II— IV dagegen nach franzö- 
sischer Orthographie niedergeschrieben ist, so erscheint oft dasselbe Wort 
in den einzelnen Listen so verschieden, dass es kaum wiederzukenuen ist. 

Es schien unter diesen Umständen zweckmässig, diese Wörtersamm- 
lungen einer genaueren Durchsicht zu unterziehen, die Irrthümer nach Mög- 
lichkeit auszumerzen oder wenigstens zu erklären, und die Schreibweise 
nach den Regeln des allgemeinen linguistischen Alphabets zu fixiren. 

Das Resultat dieser lexicalischen Studien') liegt im Folgenden vor. 

Der lateinische Text des MARTIUS'schen Originals ist aus praktischen 
Gründen beibehalten w'ordcn. 

Die römischen Zahlen 1 — IV hinter einem Wort zeigen an, in welchem 
der vier MARTIUS'schen Vocabularien sich ein ähnliches oder gleichlautendes 
findet. 



1) Ich bediente mich bei dieser Arbeit der Beihülfe des Dolmetschers von Miitum. Ter- 
tullian, und mehrerer intelligenter Eingeliorenen, namentlich aber des Herrn Joao Maria 
Moussier, welcher, seit Jahren im Verkehr mit den Indianern .«stehend, in der Lage war, mir 
manche wichtige Mittheiinng machen zu können. Derselbe hat auch das Verdienst, mir einen 
Theil meiner Aufzeichnungen, der in Victoria vom Feuer vernichtet wurde, durch geschickte 
und umsichtige Ausfülinng einiger Fragebogen, welche ich ihm zusandte, wieder der Haupt- 
sache nach ersetzt zu haben, wofür ich ihm an dieser Stelle muhinals meinen tiefgefühlten 
Dank ausspreche. 

Zeitüchrift liir Ethnologie. .Jalirtr. 1.S87. 4 



50 



Pai'l Khrenreich; 



abire, iamyaii II. 
oti mene IV - oti m'it er erreichen, fassen cf. 
attingere. amoukaiiynan IV = mü kutiiiak 
gehen. Rücken, d. h. den Rücken wenden, 
abscessus (gibbus tumor), möyöji IV. 
accendere, numpruk I. 
acidus, rö. 

koui IV = kul wohlriechend, 
acuere, nukrok. 

aiujreuk IV = ahrök, abreiben cf. desquaiuare. 
acutatus, meräp I, IV. 

Der Zusatz inkarame IV = zikaram sehr, 
adeps, zekökan. 
tcliine-ma IV = atsim ist mehr Fleisch, 
Nahrung, jagdbares Thier. 
adducere, Uöyun. 
fasse, tatte IV ist nicht zu erklären. Der 
Laut s kommt überhaupt in der Sprache 
nicht vor. 
aeger, maö-mao I, III, IV. 

kouanen gron II soll heissen: kud htrii. 
Bauch, gelber (kranker), also kranker Leib, 
ala, iiimäk IV. 

Der Zusatz hakan I bed. ,, Vogel". 
albus (f. flavus), nerv. III, IV. 
nniom I = nioin „neu", vielleicht aber auch 
rgrau". 
alii, nahkrün III. 
altus, pawl. 

orounl aröne IV = öron lang, weit, 
amare, fehlt. 

statt dessen dient präm IV wollen. 
amarus, korok. 

Davon munid korok d.h. bitteres starkes Wasser 
(Branntwein) IV. 
ante, apud, inde, nah-re, eigentlich 
nahe, benachbart, 

gnanri, gouare IV indyore IV scheinen dem 
zu entsprechen, 
antrum, näk-niah, Erde, Loch, 
apportare, öh. 
aqua, munid I — IV. 
aqua fervida, munid zigia. 
aqua frigida, munid himUiak. 
aquam bibere, vumid zöp. 

inignan proin II = munid prüm Wasser wollen, 
arbor, tJiön I, IV. tsw uruhü. viele 

Bäume, Wald, 
arcus, nem I. 



area, nom-nd. 
argilla, häk T. 
articuli, kekri III, IV. cf. cubitus, genu. 

Das Gespaltene, Getheilte(bipartitum). 

po III = Finger, Fuss, Glied, 
ascendere, küvi III. 
assare, qp IV. 
attingere, men IV. 

Der Zusatz anti IV = oti er. 
auris, nunk-hön II, III. 
avarus, kt I. 
avis, häkan III. 

baculus, tsön d. h. Holz III. 
balbutire, aö ton-ton reden schlecht I. 
barba, zakiöt II III. 
bellum, duellum, kiakuem I. 

gniniaio-koni IV scheint dasselbe zu sein, 
bibere, zöp 1, IV. 

prouni II ist yräm wollen, verlangen, 
bonus, erehä I, scheint zusammengesetzt 

aus hä-rehä^ es ist gut. 
brachium, zipörok I, IV. 

inchopok II wahrsch. dasselbe. 

kiijink nounne III = nsvyun Ellbogen, 
brevis (parum), mek-mek III. 
bulbus oculi, ketom j(em I, d. h. das 

Dunkle im Auge. 
buUit, hä-mot I? 

cacumen, ahkupö IV. 
cadaver, kuem I. 
cadere, näh-rak I, IV. 
caedere, nut-näh 1. 

ton-ton II heisst schlecht, 
caespes, yom IV, Blattei', Kräuter, 
calamus, körn I. 
calcare, td I. 

calceus, pö-kät III, Fuss-Haut. 
calidus cf. febris, zigia I. 
calor, tSompek II, Feuer, 
calvus (capilli abscissi), krän liiom I, 

Kopf neu. 

kraine-tno IV wahrscheinlich statt krän ton- 
ton schlechter, hässlicher Kopf. 
\ candela, karantäin I. 



Ueber die BotocufJos. 



T)! 



canere, cantare, aöaö-aöaö 1, redeii- 

reden. 

(jriiM II, taroungri IV = taruhri gleichzeifip; 
tanzen und sinpen. Auch ntäk I, II, IV. 
capeie cf. attingere, nien. 

gouefie IV = fiep, hier ist, hier bin ich, hier 
habe ich. 
capillus, kiän-kr 1, 11, Koi)t-Haar. 
capillum tondere, krän-män I. 
Caput, krän 1 — IV. 

Der Zusatz cat I = kät Haut, 
carbo candens, ?. 

tchon peuk prome IV = Üompek präin, Feuer 
will ich. 
caro, atsim I, III. 

Der Zusatz bakan I bed. Vogel, 
cauda, giuk I, III. 

Der Zusatz inkan. III = nkan Hund. 

o 

celer, nd-nd IV. 
cera, yd-ketimi. 

pang quekonka II dasselbe, pökeknt I = 
pö-kät Schuhe, Fuss, Haut, Rinde, 
cerebrura, maniak I. 

„ palmaruin, yontiäk-atä I. 

chorda arcus, nevi zitak I, IL 
cilia, ketom-kä, Auge- Haar, 
cinis, (/iako I. 

inkakon III scheint dasselbe zu sein, 
circumdare, ?. 

tchik-guera IV = oder tiek kre drinnen, 
hier, 
clamare, pö-kä. 
ong merong l = aii-merö stark, laut reden, 
koiiang IV wahrscheinlich = aö reden. 
darus, amtsin I. 
clericus, pai tupan I. 

Vom portugiesischen pai Vater (Priester) 
und dem Guaraniwort tupan. Gott, für 
welches das Botocudische keinen Ausdruck 
hat. 
cognoscere, zazi IV. 
coecus, ketom-it'ä, Auge. 

Zusatz touö in IV scheint zu stehen statt 
ton oder ton-ton „schlecht." 
coelum, tarü III, IV helles Himmels- 
gewölbe, auch Wetter, Blitz. 
coUare (globuli precatorii), pö-it I, 

111, IV. 
collare dentibus constans, pö-n-zfm 
Zahn Hl, IV. 



cülloqui, iiUo-ao IV, zusammen (mit) 

reden. 
Collum, hipuk \, 111, IV. 
concubitus (cf. soror), tiok-üok HJ. 
connubere, kizem-üh, Haus besorgen, 

biingen. 
comitari, nähre mü, nahe bei gehen, 

da iiitw mü TV zusammen gehen. 

indgiore mou IV dasselbe, 
considere, /lep IH, hier sein. 

nok heppe IV = nak nep, Erde hier sitzen, 
construere tugurium, kizi'm topim. 
cor, hätii V. 

pompeu IV = pompö, in der Mitte, 
cornu, krän tiwem I. 
corpus, kizum. 

vergl. lavare. 
cortex, tSön kät I, Holz, Haut. 
cos, karatä I. 
Costa, ozek. 

Zusatz oront IV = öroii lang. 
coxa, keprötam I. 
cranium hominis, krän ho 1. 
cras, ternprän H. 
crassus, zekökan oder hä-räk es ist breit. 

rouou II = uruhü viel, juipaküvou 111 = 
zipakizü gross, ankupcu-iipaküou IV = 
ankupö zipakizü grosse Anschwellung, 
crescere, maknotö I. 

cribrum, ?. 

hacanne-tontöne IV = häkan tun-tvn, Vogel 
schlecht, 
crudus (rudis), tip, 1, II, iV. 
crus, mäk IV. 
cubitus, nsäijicn. 

kcicri IV gespalten, bipartitum. Knie, ingrc 
II scheint damit identisch zu sein, ki/Jink 
krai 111? 
culmus ad conficiendas sagittas, kvak 

kucjl II, Messer klein, 
culter, krak 1, 111. 
cunnus, kizuk. 
cur, kokonim 111. 
currere, mpörok. 

velociter, mpörok urnhu, viel. 
„ longe, mpörok merö^ stark, 
cutis, kät I. 

cymba, tsön-kat 1, IV, Baum-Kinde. 

4* 



/ 



52 



Paul EHRENREicn: 



da, üp I. 

nh III = bringe, praitnme III = präm wollen, 
üock geiu:s IV bedeutet wahrscheinlich in 
gebeugter Haltung bitten. Da nach IV 
kekri iiock-jok jenes = genu flexo petere ist. 

debilis, hehok I. 
decumbere, hep 1. 

kome-te-konippe — könie-kuip, liegen, faul, 
deficere cf. errare, zinUik III. 
dens, zün^ Mzün, I — IV. 
deglutire, nonkut. 

nomm kousse IV ist dasselbe. 
desquamare, angrök IV. 
deus, fehlt. 

tupan ist Guaraniwort für Gott und bezeichnet 
in Verbindung mit dem Port, pai einen 
Priester. 

diabolus, ntsö 1, III, IV, 

Bedeutet eigentlich Geist eines Veistorbencn. 

dicere, aö. 
dies, tarü. 

po-jaonne IV vermuthlich dasselbe, 
digitus, pes, pö. 

jekke IV = gik allein, p6-ijik ein Finger, 
eins (Zahlwort). 

digitus primus (poUex), pö zapil, Finger- 
Mutter. 

GÖTTLING versteht unter po jopou, Zeige- 
finger und sucht dieses Wort von joop, 
trinken, lecken abzuleiten, also Leckfiuger. 
Dies ist jedoch völlig irrig. Prinz zu 
WiED, Reise II 318. 

digitus secundus, pö kut^k^ Finger-Kind. 
„ medius, pö ztkan, Finger-Vater. 
„ quartus, pö kunik, Finger-Kind. 
„ minimus, pö kuruk kufff, Finger- 
Kind kleines, 
digito tangere cf. perforare, ätup IV. 
diligens, kütip-nuk III, faul nicht, 
disputatio cf. rixari. 
dividere, /jtkik IV, 

Der Zusatz houme scheint = kürn Tabak zu 
sein, der am häufigsten unter die Indianer 
vertheilt wird. 

dolet, hä-nrrü I, er ist krank, gelb. 
dolor, nyot-ngot II, IV, 

(jnouk-mouk moua II = liik inan-maö, ich 
krank, krank. 

dormire, kukzün f, IL JV. 



dorsum, kutinak I, II cf, abire. 
dulcis, könim-nek^ oder nkom-nek^ süsse 

Sache, etwas Süsses, 

cui I, koui IV = wohlriechend cf. acidus, 
durus, rigidus, mero IV. 
dux, kr an III. 

edere, nonkut^ I, IV, atnm. 
ego, nik. 

Ott III, IV = er. 
emere, fehlt. 

Dafür comprn des Port, comprar, sonst meis' 
dafür präm, wollen, 
erectus stans cf. surgere. 
errare cf. deficere, 
evadere, ntalY, herauskommen (geboret 

werden), 
evacuare cf. tinire, nöyöm IV. 
eventrare, kud avö I, IV, Bauch ent 

leeren, 
excrementa, ninkü I. 
expergefacere, merat I. 
exstinguere, ni'tkü I, ausblasen. 

exstinctus IV pojotnme = noyöm beendigen, 
extendere, remitiere, äpö IV. 
extra, arap. 

eratte IV, auch in Bedeutung „fort", 
extrahere, antik, nutik IV. 

facies, mpaö III, IV. 

Zusatz kattn IV = kät Haut, 
facies barbata, mpaö-ke, Haar. 
facies imberbis, /iipaö-ke-nuk II, Ge 
sieht Haar nicht. 

impony jeukWl - mpao-kizäk. (ie!«iclit , K nochen 
falx, krak-n-td, Messer gebogen, 
faraes, tu I. 

fatigatus, räraräh IV oder mpera 1, IV 
^bris cf. calidus. 
fem in a, zoknä I, III. 

jopon IV = zapii, Mutter, 
feraur, mäkn-iöpok I — IV. 
filius, kuruk II, III. 
findere, ampä IV, 
finire, nöyöm. 
flare, hü III. 

flavus, krän-ke hom, I oder nerü III. 
flere, puk I. 



lieber die Botocudos. 



.3 



flexus et", falx, td-td IV. 1 

ttumeii, watü I. 

tnilick I konnte nicht ermittelt werden. 
Humen rcplt'tiiin, nuitü /tä-viot, Fluss 

ist voll, geuiiif. 

Dies bedeutet znorleicb in I flnraen valde 

profnndum est, der Zusatz zlkaram „sehr". 

Humen non profund um, tratü hä-mot 

ltuk\ Fluss ist voll nicht. 

Der Zusatz mah I bed. das Aiisgeböhlto. das 
Loch, OetVnnng, also in diesem Sinne 
auch ,. Fürth" 
lodere, näk a'/\ terra. 

Der Zusatz atä I bed. stechen atu. 
foedus, ion-ton 1, IIT. 
folium, zäm 1, 111, auch Rasen, Gras. 
Iblium palmae cf. palma. 
toramen, mak 1, IV. 

Zusatz nak in IV ~ näk Erde, 
fortis, zakizavi I. 

kinaran, nankmaran III soll wahrscheinlich 
sein nd-merö schnell, weit laufen, 
fossa sepulcralis näk-mah^ Erde, Loch, 
fragmeutum, nin IV, das kleine Stück, 
träte r, kihik III. 

enkack II, nicht erklärbar, jikäk. stehlen. 

o 

fremit canis, nkä puk, Hund weint. 
„ crax, kontsd-hä-hll (crax alector). 

t'rigidus, frigor, ampurü I, II, IV. 

tructus, tSö7i kön IV, Baum, Frucht. 

iugere cf. evadere, nta-niri IV. 

fulgur, tani-te-vieräpl, tarü fg Ar? (Nach- 
ahmen des klirrenden Donners). 

fumus ligni, tsön ankakä I, IV. 

funis arcus, nPvi Pitäk IV. 

furtum committere, nkäk I, IV. 

gemere, nak-tü. 

nohon I = nöhon, Ohr. 
genitalia viri, kizuk III. 

„ fem., kizü II. III. 
genu, näkeriniam I, cf. patella. 

kekrl III, IV, cf. articulus, cubitus. 
genu flexo petere, kekrl üok IV, cf. daie. 
gibbus tumor, möyön IV. 
gravida, kud hä-räk, venter est rtassus. 

zipi 1 von Thieren gehraucht. 
guttur, krek-kim IV. 

In Fei.dnkk's Vocalnilar krisc/iain. 



habere, ?. 

(iiikoui • aineiwi<k lU - niikui - ntniiuk , (zenup 
nicht, d. h. es giebt noch etwas, ich hiibe 
etwas, verRl. Ueonahlt bei t'ASTKl.NAU, 
Voy. VI, 259. nakmi IV kann nicht richtig 
sein, da der Conson. « der Sprache fehlt, 
hallux cf. digitus, pO zapft. 
hamus, 7nuk-7id^y . 

mutuny I scheint dasselbe, 
herba cf. folium. 
herba nicotiana fumatorin, kfim 
ist das Portugiesische fumo, das /, welches 
der Botocudensprache fehlt, ist durch k er- 
setzt. 
hic, haec, hoc, tokonim, kuni^ />'<^II1. 
hie loci, krP III, IV. 
hodie, temprän III, der Morgen, 
homo, .samnaJid (jder wahä IV. 

gnuk I = nuk, mein, gniok II - nik, ich. 
horao albus, käral, 

übernommen aus dem Guarani. pai 1 ist 
Portugiesisch, pai, Vater, Priester, 
homo aethiops, kärcü oder minnalul 

^j^<7/n. Mann schwarz, 
homicida, numpok-zazlW ^ zu tödtcn 

wissen. 
horrere frigore, terövö. 

aerä i scheint dasselbe zu sein, 
hostis, timankh 
huc, nl I. 
humerus, knad II, III, IV. 

iiikmaknok-gniak scheint mit nimr,!:. Flügel, 
zusammen zu hängen. 
humidus, -not I. 



1, ire, mu 



IV. 



tang III wahrscheinlich - nd, schnell. 
i cito, mü nd. 

nank-nank-ti III = schnell- schnell- er (oti), 
nank meron outi IV = ml mer'i oti\ schnell- 
sehr (weit)- er. 
ictus, 7iup maö I, IV. 
ignis, tiO/npek, scheint zusamIncngc^el7,t 

mit t^ön, Holz II, III. 
ignis exstinctus, Uöv\pek kwäm II, Feuer 

fort, 
ignis suscital)uliini, nükctoh. 

iHtmnn I scheiiit zu sein: üom-ül. Sand, 
ignotus, tokonim IV, dieser. 



54 



Paul Ehrenreich: 



illuminare, nvmpruk I, anzünden. 

to kon ampruk IV würde heissen wörtlich: 
„dieses kalt", scheint aber missverständlich 
gesetzt zu sein für tSön numpruk, Holz an- 
zünden. 

imitari, ?. 
näAälll bedeutet springen, cf. salire. 

implere, ntsek III, hinein machen. 

incubare cf. partum edere. 

incurvus, ntä I 

in, povipö IV, inmitten. 

inde cf. apud, comitari. 

indumentum penis, zükan I. 

infans, kuruk-nini, IV, Kind, kleines. 

innuere, ?. 

kmakeUt I = nakerit ausspeien, vergl. spuere. 

insula, näk muniä pompo IV, Land- 
Wasser-Mitte. 

intelligere, zazL 

intestina, kuci öron I, Bauch, langes. 
jotang IV, vielleicht = ntä, das Gekrümmte, 
Gewundene. 

intrudere cf. fodere, näk ata t-son, Erde- 

stossen-Holz IV. 

ira, tikerä III. 
jiakßiues IV = zakiz'am, wild, erzürnt. 

ire, mü I, IV. 
i cito, ank meron outi III = na mero oti, schnell- 

sehr-er. 
i lente, mü ninok I. 
is, ea, id, tokonim., kum pu. 
hä I ist Impersonale „es ist", amchttk IV = 
antsuk du, ihr. 

jacere, nük-tä, Erde-gekrümmt, d. h. 

am Boden liegen, 
jacere, nanrl III, IV. 

naktan II = näk-td, jacere. 
jaculari lapidem, takruk nahri I, III, IV. 

caratung I = karatü, Schleifstein, 
jejunus, kuü-hä-mah I, Bauch ist Loch 

' "(hohl). 

tclüne nuk kuang lY = atSim-nuk-kwä, Speise 
nicht Bauch, 
jocus, wö^wnV, eigentlich Kraftspiel, 

Ringkampf, vergl. luctatio, vis. 
jugum inontliim. krak-zün W , Messer, 



Zahn, also wie port. und span. sei^ra, 
Sierra Säge, Bergkette, 
juvenis, orä. 

labium, nimä-kät II, Mund, Haut. 
kijink makatte III = kvjT-mäh-kät , Nase-Oeff- 

nung-Haut, also Nasenflügel. 
Bei St. HILAIRE himp-mäh, Loch. 
ketomp makasselV = ketom-mäh-kät, Äugen- 
Loch-Haut, also Augenlider; vergl. os. 
laborare, laboriosus, kütip-nuk IV, faul 

nicht, 
lac, pökfi-pärak I, IV, Kuh-Milch, 
lacerare, nünö I. 
lacrima, ketom-munidl, Augen-Wasser. 

pukpuk IV, weinen, 
lacrimat, hä-puk I, er weint, 
lapis, takruk IV. 

caratung I = karatü, Schleifstein, 
latus est, cf. crassus, hä-räk L 

aiikoupa iipakijou IV -aiiküpo zipakizü, Gipfel 
hoch, gross, 
lavare, kürt. 

Der Zusatz kijoumme I, IV - kizutn, Körper, 
lignum, t^ön I, III. 
lignum siccum, tsön kwäm II, IV. 

Holz, todtes. 
lignum ardens, tsön kero I. 
lingua, kzigiok I — IV. 
longus, örön I, IV. 
loqui, aö I, IV. 

angueppe mero III, wahrscheinlich = aö merö, 
laut reden, 
luctari, nä-men IV, schnell fassen, 
luctatio, nöyut nann III, Spiel, werfen, 

ringen, 
luna, kmuniak II, III, IV. Das eigent- 
liche Wort. 

tarü I, II, bedeutet ,der helle Himmel", sowohl 
Mond- als Sonnenlicht und durch Blitz er- 
hellte Nacht. 
luna plena, tarü zipakizü I. 
luna prima, tarü karäpok kugl., Mond- 
Beil-kleines; die Hörner des ersten 
Viertels andeutend, 
luna dimidia, tarü kärapok^ Mond- Beil, 

Halbmond, 
luna nova, tarü :j^^w, Mond dunkel. 



üeber die Botocudos. 



55 



macei", Lud 1, 111. 

gouene IV scheint dasselbe zu sein. 
macrescere, knd oti IV, mager er. 
madere, mot I. 
luagDus, pakizü oder zipakiiü 1, II, III 

touroutoun II wahrscheinlich - iiru/ifi, viel, 
malus, ton-ton I, IV. 

ijack-Jahnes III = zakizam, wild, tapfer. 

mamilla, kwpälS"^. 

wahrscheinlich identisch mit nnkupü, Er- 
höhung. 
manus, po I, III. 

„ dorsum, pö kutinak II. 
„ palma, 'pö-nl I. 
„ vacua, pö küri. 
antchouk hokouri IV = antSuk pö kun, ihr 
Hand rein, leer, 
raare, ivatä zipakizü III, IV, Fluss 
grosser. 

magnanäräckl = mimt'd hä rcik, Wasser ist 
ausgedehnt. 

maritus, waliä I. 
mater, zapü I — IV. 

jokanne III = zikan, Vater, 
medulla opium, kizäk yötoiii I. 
mel, pd II, III, IV. 
membrum virile, kizuk I. 
mentiri, zapi'dn I. 
meridies, tarü ponipö nep IV, Sonne 

Mitte steht, 
mingere, mim-kid I, IV, cf. urina. 
mollis, -idm-niot I. 

mens cf. j ugum montium, krak aükfqjö III, 
zupik III, IV. 

mordere, körop I, II, III. 

Der Zusatz ,97-0 III, nkrö, perforare, vulnerare. 

raori, mors, mortuus, kuPml — 1\. 
morsus, köi'op. 

Der Zusatz encarang I = nkarä, Schlange. 

multum, uruhü I, III, IV, 

adjektivisch djipakion gorou II = zipakizü, 
gross, 

oder nanhuitn, viel, adverbiell. 

gnorou, wahrscheinlich = uruhn. 
mulier, zokend I. 
mundare, kmd^ IV, vergl. lavare. 
muugere, Ä-iV/m kiirl I, Nase reinigen. 



mutarc et", reddere. 
mutilatus, vergl. vulnerare, tundere. 
po tikke IV = pö l»ek, Fuss gestossen, durcii- 
bohrt. po inou mou IV - p" viüö-vki''), 
Fuss krank, 
mutire, aö mck-viek IV, reden wenig, 

abgerissen, 
mystax, lumO-ki.l\, 'Mund-Haar. 

nares, Hf/in-malt 1 — IV, Nase, Loch, 
nasci, yta IV. 
nasus, kifh'n I — IV. 

„ curvus, kiyin-n-fd \^ Nase ge- 
krümmt, 
nasus rectus, kif'iin prii. 
natare, küum I — IV. 

Der Zusatz Jagi IV = z'az'l, wissen, also „ich 
kann schwimmen", 
nebula, tarü nom I, Himmel neu (grau), 
necessarius, amnim. 
nemo, nunquam, onäm IV. 
nescio, zazl nuk. 

mamme III = nemo, nunquam. 
nidus, hakan-kizcm, Vogel-Haus. 

tinenun I wahrscheinlich = kizein. 
niger, j(em I. 

Der Zusatz kere ill = kran Kopf, 
nihil, ankul III, IV, es ist fertig, d. h. 
zu Ende, genug, nichts mehr. 
mame IV = nemo nunquam. 
nolo, präm nuk. 
amnük 1 = nein, 
non, nuk, oder I, III, IV amnük (nein), 
novus, /lom, cf. albus. 

Das Wort scheint auch „grau*" zu bedeuten, 
nox, tarü- te -tu I, Hand (Zeil) des 
Hungers. 

loruulu ainpkouin II - tarute tu afikwl, Nacht 
ist XU Ende, 
nubere, kizcm-äh, nach Haus tragen, 

ins Haus führen. 
nubes cf. nebula. 

pnrü I Druck- oder Schreil)fehler, ^tatl tarü, 
möglicherweise aber auch dialektisch, 
nuere capite, krän-apmah. 

caiiii I wohl Druck- oder Schreibfehler, statt 
krän. "" 
nuntiarc, ao. 

litis IV scheint dasselbe zu sein. 



56 



Paul Ehrexkeich: 



obscui-us, ampim III, IV. petere sclopeto, pu apü I. 

oceiput, ?. 5) sagitta, n'aHk nutä. 

iiigregnaon \l = nkre kiiaö, „hier ist Arm". petere cf. dare. 

Wahrscheinlich erhob der Fragende den piger, kamnuk I, kutip III. 

pingere, nocü I. 



Arm, nach dem Hinterkopf zeigend. Der 
Wilde, diese Bewegung missverstehend, 
antwortete statt , Hinterhaupt" mit ,Arm". 

oculus. ket077i I — in. 
oculum aperire, ketom amruk I. 
odi (non velle), präm amnuk, wollen 
nicht, 

in IV fälschlich durch ein Komma getrennt. 

olere, kul I. 

ornamentum aurium et labiorum, nimä- 

tok II. 
OS, oris, nimä I. 

ketom-mah I = Augenöffnung. 

OS, ossis, kizäk 1. 
Ovum, nkü IL 

„ gallinae, a-a-nkil. 

„ avis, hükan-nkü I. 

palpebra, ketom-kät I, III, Augen-Haut. 



pinguis, kökaa II, IV. 

piscis, impok oder mpok I — IV. 
i piscari (sagitta petere piscem) impok 
I atä I, Fisch durchstechen. 
I owuk I = avö ausnehmen, eventrare. 

plaudere, pö ampd I, Hand zusammen- 
schlagen. 

plenus, mat^ mot I, IV, auch = satis. 
kuaiiff III = kua, Bauch. 

plorare, puk I, IV. 
aouin III, wahrscheinlich onomatopoetisch. 

pluma cf. ala, nimäk I, IV. 

bacaune-ke IV = häkan ke, Vogel-Haar. 

pluvia, muniä pö I — III. 

pollex, pö zapft II. 

porro, mw merö I, gehen stark. 
mou katian oder mou katignan cf. abire. 

post cf. prope. 



partum edere cf. incubare, knik-hin nta j postridie, tarä w^liü III, Morgen viele. 

kud IV, Kind klein Bauch. praeterire, nahrä mü IV, dabei gehen, 

parum, pögik lY, einer, allein. Auch precari, tüpan nähd lll, Gott erheben. 

mek-mek parvus. prehendere, cf. sumere. 

parvus, cf. brevis kugll, II, Tnek-mek premere, cf. rigidus, men apmeralW, 



I— IV. 

patella cf. genu. 
pater, :ika7i I — III. 
pati, t^ek IV. 
paucus, amnuk I, nichts, 
pectus, mivi\'-YH. 
perforare cf. tangere digito, ätup IV. 
angro IV = ngrö, vulnerare. 

pes, digitus, pö I — IV. 
pedis digiti, ?. 

„ dorsum, po kutinak II. 

„ planta, pö nl I, II. 

„ unguis, pö-krän I, II, Fuss-Kopf. 

Zusatz kennt I vergl. unguis. 
pedes dolentes, pö zigia^ heiss, kochend, 
pellis, kät I, III, IV. 
persona ignota, ? 

krain-toin-imk-kuang IV = krun-tokonim-intk 
kud, Haupt dieses nicht Bauch. 



fassen, starr, fest, 
prope, propinquus (post, ante, apud, 
retro) nähre 1, Grundbedeutung: bei, 
in der Nähe. 
gnare IV, prope — inedyore IV post, dasselbe. 

prurire, 7ikurä I. 

pubes, kizuk-ke II, Scham-Haar. 

pudet, tikerök. 

pugnare id est frangere arcum ante 

tentorium, ki^em tä nem IV. 
pulcher (bonus), e7'ehä, wahrscheinlich 

eigentlich = hä-rehä I, III, IV. 

Zusatz kitomme III = ketom, Auge. 

pulvis ignifer, pü zakü. 

gningcü 1 wahrscheinlich damit identisch, 
pungere, nunkoi'ö I. 
purus, nur'dro, 

kuring I = kürT, waschen, 
pus, pantHk^ cf. vulnus. 



Lieber die liotocudo«!. 



T)? 



putamen, puteie, putrescere, loma 1, IV. 
nua II wohl dasselbe. 



rudere pedibus terram, näk owit I. 
nulix, kUjitü 1. 

tchonne jitnk II scheint = Cxon kn/ita, Haiiin, 
Wurzel, 
rami, tsön iiulk 111, Baum, Iviioclicii. 
rectiis, tä I. 

che IV scheint dasselbe. 
reddere, mutare, up I. 

hoppe mou IV — huup moune IV = up mü, 
tauschen gehen. 
relinquere, remittere, laxare, äpö IV. 

empauH II scheint dasselbe. 
respondere, aii IV. 
restare, manere, mm. 

Zusatz gnek II = nik, ich. 

retentus cf. surgere 

retro cf. prope. 

ridere, ha I, II, IV. 

rigidus cf. premere. 

rivus, watü III. 

rixari (disputatio, iratus), zuik-zuik II, 

III, IV. 
rostrum, ziun I. 

djige IV scheint dasselbe zu sein. Zusatz 
bakan IV = Vogel. 

ruber, prukukü 111. 
tiongrän I = tson krän, die Frucht der Bixa 
orellana, welche den Wilden zur Bereitung 
der rothen Farbe dient, 
rudis cf. crudus. 
rugire, hi/. I. 
angroni IV wahrscheinlich - uö-merö, laut, 
heftig reden. 

sabulum, mü-nd. 
nak III = Erde. 

Saccus, teil, 11. 
Zusatz giokaun II bedeutet Weil). 

sagitta, wazik II, III. 

sagitta pro aviculis, ivazik bakan num- 
pok 1, Pfeil Vogel tödten, oder auch 
muk-niak, Name des Holzes (catinga 
do porco), aus dem der Pfeil ver- 
fertigt wird. 

sagitta pro l)ello, icazik körn, Pfeil- liolir. 



d. h. dosseu Spitze aus dem Kolir 
taquainissü hergestellt ist. 

sagitta cum uncis (für Krieg und gfgcu 
grössere .lagdtliiore), iraiik iikpok 
(Spitze aus dem Holz der Brejanba- 
Palme, Astrocaryum Airi). 

sagitta [)etere, wazik. nuiigri 1 (zuiu 
Spiel). '^'^ 

salire, cf. imitari, nälui I. 

saliva, hivia-lnot I. 

saltar, anküpö tsön IV, Gipfel, Wald. 

saltare cf. cantare, ntäk \, II, IV. 
Zusatz taru in IV bed. Zeit, d. li. jedesiual 
die Nacht. 

saltatio, taruhrl III, IV, scheint zu- 
sammengesetzt aus tai'u-nuitri , Zeit 
zu tanzen und zu singen; beides ge- 
schieht immer gleichzeitig, so dass 
die Wörter dafür nunr/, vtäk pro- 
miscue gebraucht werden können. 

sane, recte (Partikel der Bejalmng), ä-ä 
(sehr kurz, eigentlich gar keine arti- 
culirten Laute, sondern zwei scharfe, 
schnell auf einander folgende In- 
spirationen, ähnlich unserem km, hm, 
aber weit schärfer und lauter). 
rik II — hemhem III geben diesen Laut nur 
sehr unvollkommen wieder. 

sanguis, komtsäk I, II. 

sapere cf. scire. 

satis, eviot. 

scabere, nwä. 

kiagan tjep I wahrscheinlich (/iako nep, „Asche 
hier ist", wonach der Fragende, um das 
scabere deutlich zu machen, in der Asche 
gekratzt hatte. 

Scabies, mj^mankut IV, steht in 1 unter 
Variola. 

scindere (cf. fissus),' a?/«/)'\ 
Zusatz konc III = kön, Frucht. 

scire, sapere, ca;?" III, IV. 

securis, karäpok I. 

krakma III = krak, Messer. 

senex, makltam I, IV. 

sepelire, näk - niah - Hek , Erde lioch 
drinnen, bohren. 

sero cf. sol, tari(-iiiii IV, Sdiuic klrm. 

serpens, g-vO III, I \ . 



58 



Paul Ehrenreich: 



sibilare, wäh^ onomatopoetisch ampä. 
siccus, niimt^ä I. 

gilchenk IV wahrscbeinlicb dasselbe. 
sidera, to-meräp^ scheint, blitzt. 

tom liette III, IV scheint dasselbe. 
Signum, pö nep, Hand, Fuss hier. I 

po hettc IV - po nep. Das p am Ende wird 
bei denen, welche Lippenpflöcke tragen, 
leicht undeutlich. 
silva, tson üi'uhü I, Bäume viele, 
sinus, pärak II, III, Euter. 
kupa IV = ankupu, Erhöbung, also insofern 
auch weibliche Brust, 
sitiens, muniä präm IV, Wasser wollen, 
sociatim, pantö IV, alle, 
sol , iarft te pö III oder tarü tsompek^ 

heller Himmel, Feuer I, II, IV. 
sol oriens , taru te nin I, Sonne klein, 
auch für die niedrigstehende Abend- 
sonne gebraucht, vergl. sero. 
sol meridiei, tarä pawT^ Sonne hoch, 

auch tai'u nep I, Sonne steht, 
sol occidens, taru te mu, I. 
solus, 2^0-gik, d. h. Finger allein, auch 

= 1 iii, IV. 

hokourin IV = pö kurl, Hand rein, d. h. 
wenig oder nichts in der Hand habend. 
mokenam I = mökenam, Kopflaus. 

soror, kizak II. 

kgi-cutä I = kiz'uk kutä actum facere, von 
kizuk cunnus. 
speculari, ni-ketom II, Auge, über ni 

vergl. Grammatik, 
spina, täkaii I, I\ . 
Spiritus vini, munid krok\, Wasser bitter, 

scharf, 
spuere, ^öw, nahe rit IV. 
Stillare, 'munid zu. 

magnan kniu I = myniä nin, Wasser wenig, 
strabere, ketom ton-ton, Auge schlecht, 
sternutare, näk nin I, II. 
storaachus, zukupü nim. 

cunng mniack I soll wahrsch. heissen kuä 
nak, Bauch mein, poinpeu lY = poinpü, 
die Mitte (des Leibes). 

sub, infra, zoklY(?). 
subtus, pawi I. 
sudor, aniti^ä. 

cucanycui I = kuhi kuJ, etwas stark riechendes. 



sugere, äk I. 

Zusatz kiaka I bed. Kleidung, Wäsche, 
sumere, prehendere, pP III, IV. 
supercilia, kan-kf- I — III, Stirn-Haar, 
supra, pok IV (?). 
surdus, aö iiuk, reden nicht. 

impao munt IV dasselbe, 
surgere, cf. retentus, erectus, mü him IV. 

talus, pö kekrllll, Fuss, Glied (ge- 
spalten). 

telum pyrium, pu (Schall nachahmend). 
„ duplex, pa uruhft, Flinten viel. 

tempus matutinum cf. sol oriens. 

terapestas, taru zakizam IV, Hitomel 
wild. 

tendere arcum, 7iem pamü. 
neem gita I = nein zitak, Bogen, Sehne. 

tenuis, nöp. 

nnin I - riin, klein, kurz, 
terere cf. desquamare, akrok IV. 
tergere, nümaö I. 
terra, näk^ I, IH, IV. 

toron chompek !I = taru tsompek, Sonne. 

tibia, zäk merüm. 

„ fistula, kekrok ampä IV, Rohr- 
Halm, Blasen. 

timeo non, arinv. 

tonat, taru te krl\ onomat. 

ingri IN scheint identisch mit krl zu sein. 

tonitru, taru te kuu I, onomat. 

to7'ou djipanion II = tai'u zipakiz'u. Himmel 
gross, d. h. grosses Wetter. Häutiger 
wird dafür gesetzt, taru zakizam, wilder 
Himmel, Gewitter. 

totus, omnes, pantö III. 

trahere, vehere, nun j(örot I. 

tristis, pompo takrek III, Herz unzu- 
frieden. 
I truUa, kodn. 

tu, vos, antsuk III. 
oti III - er. 

turaor, ahküpö. 
apugnion II dasselbe. 

tundere, tsik. 

tussis, tussire, nhüm I, II. onomatop. 
kekrek II scheint ebenfalls onomatopoetisch 
zu sein. 



Ueber die Botocudos. 



59 



ubi, akre (okre), kre IV. 

umbilicus, nik-nu-nik I. 

unguis, 'pö-krän-käi II, Fuss-Kopf- 

Haut. 

vioraine katte. 
unus, pöf/ik I. 

viukenam vergl. solus. 
urere, hü. 
urina, mim-kid I. 

vacuus, mah I, Loch. 

vadere (per vadum ire), mü muniä malt 
I, gehen, Wasser, Loch. 

valde, zikäram I. 

Variola cf. Scabies. 

vas aquae e calamo, kekrok I, cf. tibia 

vehere cf. trahere. 

vena, pö-nim-nit I. 

venaesectio, kanotiok I. 

venari cf. caedere. 

veni (huc), tu I. 

mou era II = mü nkre (kre nt), gehen dort- 
hin (wohin). 

venter, kud I. 

venter valde plenus, kud zipakizü zi- 
käram, Bauch gross sehr. 



venter dolens, kud neru 1, Bauch 

gelb (krank), 
ventus, tarfi to kühn I. 
verber ad aures, cf. ictus. 
Verruca, kid. 
verus, veritas, rnupä. 

za itt'iiii aini/nk F, I^üge nicht, 
veru, tsön meräp^L, Holz spitz. 
Vesper, tarü te mü I, Sonne geht, 
vestigium, pü nep I, Fuss hier ist. 
vetus, maknam I. 
via, viayoköm, mpon) 1, 1\ . 
videre, plp J, nikut im Sinne visitaru. 

niketön FI = ketom, Auge, 
vir, wahä. 

viridis, ^(?m III, dunkel, 
vis cf. luctatio. 

viscera, kwd-öro7i, Bauch langer. 
vitellus(ovis), nak I, (^vaccsie) j^^' kekrl nak. 
volvere, nurat. 

vulnerare, nkrö IV, cf. perforare. 
vulnus, nak III, IV. 

„ stillans pus, pantsik zu. -zu, 
Eiter tröpfelnd lU. 
vulnus pure plenum, pantsik-inot IV, 
Eiter genügend voll. 



alligator, ä-ehä, onomatopoetisch, 
anas moschata, katapmü I, III. 

mpacaun II = bäkan, Vogel. 
anguis, nkard I, nkrä. 
apis, pd III, IV. 
aranea, ankörl I. 

katmerak III = kat-merak, Krebs. 

boa constrictor, kud zipakizü I, Bauch 
langer. 

yrak nipokioum II = 7ign7 zipakizü, Schlange 
gross. 
bos, pö kekrl zipakizü I — IV, Fuss ge- 
spalten, gross. 

äocling I = pokrl ist corrunipirt aus pö kekri. 
Alle Thiere mit gespaltenem Huf werden 
so bezeichnet. 



Animalia. 

Cancer, katmerak IV. 

canis, nkan, dasselbe wie das Portu- 
giesische cdo I, III. 
inbaon IV soll wohl onomatop. sein. 

oassicus cristatus, bükan \''m, Voge 
schwarz. 

cervus, pökekrl II, cf. bos. 
pocling I — mokrl III dasselbe. 

coelogenys paca, akäron I, III. 

coiuuiba, köiven I. 

cophias jararaca, >jffrd, Schlange. 

corvus, ampö lY (uinihu), Aasgeier. 

crax, kuntsd l. 

crotalus horridus, kud-kud III, liuuih- 
Bauch, d. h, Schlange. 

Culex, pötd I, iiekicd. 
kappe IV = kap, Fliege, Bremse. 



bovis cornu, kräti tiivem I. 

bradypus, i/w7 1, onomat. — Ai, das Ge- < dasyprocta aguti, merak »in. 

schrei des ThiereS nachahmend. mayuacelU mer(ik,monhakinhim\hVEL.US\:H 



60 



Paul Eukenreich: 



clasypus, kuntsü I — 111. 

o-isas, kuntsü kökan 1, fett, 

dick, 
flicotyles labiatus, kuräk 1, 111, IV. 
dici'tyles torquatus, hokwä I, II, IV. 
didelphys, ntm ntsü I. 

eqaus (asinus), krän zun, Kopf-Zähne. 
hacann niang corok I ist sinnlos, wahr- 
scheinlich auf einem Missverständniss be- 
ruhend, bäkan, Vocrel, muniäkorok, Schnaps, 
cacha^'a. 

falco, aqh II. 

ampö I = corvus oder urubu. 
felis, kiiparak kugl IV, klein. 

„ concolor, kupärak I. 
formica, pelik näk I. 

gallina, a-a (sehr kurz hervorgestosseues 
a) 111, IV, aber ohne Aspiration. 

helix, hokwäk I. 

hydrochoerus capivara, nim-pon I, 111, 

IV. 
hystrix, akoro yö 1, 111. 

musca, kap. 

kook II wahrsch. dasselbe, 
mycetes ursinus, küpllik 1, 111, 1\ . 
myrmecophaga jubata, kuiäl, 111. 
^ minor, kuid kugl 1. 

nasua socialis, zak-zek IV. 



Ovis, pökekrl kuc/l 1 oder mäh- mäh, 

onomat. 
palamedea cornuta, ?. 
papilio, parin. 

penelope leucoptera, pö-km-/ 1, 111. 
perdix dentata, atärat 1. 
picus, ä-ä I. 
psittacus (arara), tätäran II, III, IV. 

hatarat 1 = perdrix. 
psittacus conurus, kräkia 11, 111. 
pulex, nekwän \, auch Moskito. 

simia cebus, gerä I, II, IV. 
iraho III dasselbe. 

simia miriki, kupö 1, III. 

sus, kuräk I, IV. 

tabanus, kap 111. 

tapirus americanus, kuprä II. 
mowpran III, IV, dasselbe. 

tinamus brasiliensis, ankomk I. 

testudo, korotiok I, IV. 

trochilus, morok nü I. 

vacca cf. bos, pö-kekrl-zap/'t 111. 

vespa marimbondo, ^öÄo«. 

pa/?(/ — nortton I, pan^r = p«, Biene. 

vespertilio, naken ät I. 

vitulus, pö Ä:eÄ;rZ kuruk nin, wörtlich: 
Fuss gespalten Kind klein, oder ;jö 
kekrl niak, das aus dem Rind Ge- 
zogene. 



ananassa silvestris, manan I. 
astrocaryum airi, zik pok. 
bambusa, tekrok II. 
bixa orellana, tson krän IV^. 
cocos, worö I. 

„ nucifera, pönt^äk I. 
convolvulus batata, erehä (sie). 
faba nigra, zawatä. 

joanta II dasselbe. 
farina maniocea, öe. 
musa paradisiaca, zipokan III, IV. 



Plaiitae. 

nicotiana tabacum, küm, das Portug. 

fumo\ auch am. 

anguinang, anganan III, gniunavg, vielleicht 
= am. 
saccharum, könim-nek, etwas Süsses 

(eine Sache). 

kainerine, kitomnik IV scheint dasselbe. 

Urtica, akan. 

zea mais. zawojtl. 
jaonirun wohl dasselbe, in Zusammensetzuu« 
mit 7'ieru. 



Ich reise fünf Tage. 

/dk zürn tarü temprün-temprän. 
ich reise Tatf morgen nior^ren (fünfmal 
wiederholt mit erhobenem Finger). 



Sätze. 

Ich reise, um meine Verwandten zu 

besuchen. 

nik zürn nikut kizak zankrün. 

ich reise sehen Verwandte alle anderen. 



lieber ilie Botocudos. 



61 



Auf Sturm folgt Regen. 

tarü zakizam munici po nqhrä. 
Himmel wild Wasser Regen nahe. 

Er stieg zu Pferde, dasselbe bilumte 
sich, er fiel herab. 

oti krän-zvn heb nähd-nähä oti näk 
er Pferd steigen springen springen er Erde 
nahräk. 
lallen. 

Was bedürfen wir zur Heise? 

amnim nkom präm zäm. 
uöthig was wollen reisen. 

Ich schlief schlecht wegen der vielen 
Moskitos. 

hik körn ton-ton nekiväm nanhwit. 
ich liegen schlecht Mücken viel. 



Bring trockenes Hol/. Fpu.t anzu- 
machen. 

tsfön kuem äh erelv 
Holz todtes bring hierher. 
üompek ampruk. 
Feuer anzünden. 

Die Weissen haben liaitc Köpfe, nicht 

können sie dicSj^iaciiv der iJotocudon. 

kara'i krän tnerö bf/ru nikml za:nnd\ 

Weisser Kopf hart Botocude Sprache kennen 

nicht. 

Gesang beim Tan/.. 

Chor: näm zapii ora nkäk amliuk. 
Weib jung stehlen nichts. 
ein Weib singt: hik pravi inil- 
ich ich will nicht (stehlen)! 
capitaö (port.) arinö. 
Der Häuptling hat keine Kurcbt. 



VIII. Craiüologisclies. 

Bis vor zwei Jahrzehnten war die Zahl der wissenschaftlich beschriebenen 
Schcädel und Skelette von Botocuden eine sehr geringe. Selbst der T/iesaunm 
craniorum von Davis zählt nur 5 Schädel auf. 

Der erste nach Europa gekommene ist wohl der, welchen der Prinz 
ZU WiED der Sammlung BLUMENBACH's überwies. Er wurde abgebildet 
und beschrieben in den Decades craniorum, sowie im zweiten Bande des 
Keisewerkes des Prinzen. Auch MORTON nahm ihn in seine Crania 
americana auf. Lange Zeit galt dieser Schädel als Typus seines Stammes, 
bis endlich mehr und mehr bezweifelt wurde, ob er als normal zu betrachten 
sei. Die bisher von ihm publicirten Abbildungen zeigen nehmlich manches 
vom gewöhnlichen Typus abweichende. Die Schädelkapsel erscheint aut- 
fallend hoch und kurz; die Stirn weniger fliehend, das Hinterhaupt weniger 
vorspringend als wie wir es bei anderen Botocudenschädeln finden. Nament- 
lich aber ist der Unterkiefer ausserordentlich kui'z, so dass er vom Obeikiefer 
um ein Beträchtliches überragt wird. 

Diejenigen Autoren, die nur diese carrikirten Abbildungen zu Gesicht 
bekamen, sahen bald, dass die weiterhin untersuchten Schädel keineswegs 
derartige Bildung zeigten. JEFPRIES WYMAX, der einen von HaRTT ihm 
zugesandten Schädel von S. Matheus beschrieb, betont die grosse Ver- 
schiedenheit zwischen letzterem und dem BLUMENBACH'schen. Während 
jener einem wohlgebildeten Amerikaner angehört habe, sei dieser einem 
Affenmenschen zuzuschreiben'). 

LaCERDA und PEIXOTO^) behaupten sogar, dass der soweit zuiüek- 
tretende Unterkiefer gar nicht zu dem Schädel gehöre, ..hw.hl dir Schilderung. 



1) Hartt a. a. 0. .587. 

2) Arch. d. Mus. nac. 187Ü pg. 50. 



62 Paul Ehrenreich: 

welche der Priuz von der Exhumirung des Skelets giebt'), keinen 
Zweifel hieran aufkommen lässt. Kein Wunder, dass man sich allmählich 
daran gewöhnte, diesen Schädel für pathologisch oder doch für eine anatomische 
Curiosität zu halten. Sogar BLUMENBACH, der ihn selbst untersucht hatte, 
meinte, der Schädel ähnele mehr dem eines Orang-utans, als die Neger- 
schädel seiner Sammlung! 

Nachdem ich Gelegenheit gehabt, das Präparat selbst in Augenschein 
zu nehmen, kann ich bestätigen, dass es ein durchaus normal gebildeter 
Botocudenschädel ist, der sich in allen Merkmalen den bis jetzt bekannten 
anschliesst, nur etwas sehr hoch ist. Namentlich ist der Unterkiefer durch- 
aus nicht verkürzt; er erscheint nur so auf den Abbildungen, weil ihm die 
vorderen mittleren Incisivi fehlen. Die Alveolen derselben sind völlig ver- 
ödet, statt ihrer hat sich eine scharfe Schneide gebildet. Der Alveolenrand 
ist an dieser Stelle in seiner ganzen Höhe atrophisch und erscheint wie ein- 
gedrückt. Dass diese Veränderung der Einwirkung des Botoque zuzu- 
schreiben sei, wie bereits BLUMENBACH vermuthet, ist sehr wahrscheinlich, 
zumal sich auch bei anderen Schädeln ähnliches findet, z. B. bei No. 6351 
der Berliner anatomischen Sammlung. 

Der Schädel, welchen AUG. ST. HILAIRE in der Provinz Minas geraes 
erworben und dem Pariser Museum übergeben hat, gehört nach REY nicht 
einem Botocuden, sondern vielleicht einem Tupi-Guarani an^). 

Gegenwärtig hat das Schädelmaterial sich so bedeutend vermehrt, dass 
wir uns bereits ein ziemlich vollständiges Bild der craniologischen Charaktere 
dieses Volkes machen können. Alle grösseren Sammlungen Europas besitzen 
jetzt ein oder mehrere Specimina, auch das reiche Material des Museums in 
Rio ist durch die Publicationen von LaCERDA und PeIXOTO der europäischen 
Gelehrtenwelt zugänglich gemacht worden. 

In ihrer Abhandlung: „Contribufioes para o estudo anthropologico das 
rapas indigenas do Brazil (Archivio do Museu Nacional, Rio de Janeiro 1876 I)" 
beschreiben die beiden brasilianischen Forscher 9 indianische Schädel, 
von denen jedoch nur 5, nehmlich 3 '6 (No. 3, 4, 6) und 2 ? (No. 2, 5), 
unzweifelhaft botocudische sind, No. 1 aus einem Höhlengrabe bei Babilonia 
(Provinz Minas) stammend, wird zwar gleichfalls als Botocudenschädel 
bezeichnet, gehört jedoch, ebenso wie der in einer Höhle bei Macahe an 
der Küste gefundene Schädel No. 8^), unzweifelhaft einem anderen Volke an. 
LaDISLAUS Netto schreibt den letzteren den Goytacazes oder Coropos zu, 
doch halte ich es für wahrscheinlicher, dass alle Höhlengräber dieser 
Gegenden des Küstenlandes und der südöstlichen Grenzgebirge von Minas 
von Tupistämmen angelegt worden sind. Die Art der Bestattung und die 
gefundenen Beigaben sprechen entschieden dafür. 

Von den übrigen Schädeln gehört einer (No. 7) zu den von LüND in 



1) Prinz zu WiED, Reise I, 355. 

2) Key, Botocudos 40. vergl. dagegen Quatrefages et Hamy, Crania ethuica 476. 

3) Die Verfasser bezweifeln übrigens die Rassenreinheit dieses Schädels, a. a. CK pg. 72. 



lieber die Botocudo«. ß3 

der Höhle von Sumidouiü bei Lagoa santa auigelundencu, auf die i( li am 
Schlüsse noch zurückkommen werde. 

In neuester Zeit hat PEIXOTO eine noch umfan^MeichtTC Abhandlung in 
demselben Archiv (Bd VI, 1884) veröffentlicht, in der (! männliche und 
4 weibliche Botocudenschädel sehr eingehend beschrieben werden. Von den 
weiblichen Schädeln ist jedoch einer (No. 8), aus der Provinz Santa Catharina 
stammend, keinesfalls ein wirklich botocudischer, sondern rührt von einem 
der dortigen Stämme her, die wegen ihrer Lippeuzieri'ifthe zwar gleichfalls 
Botocudos genannt werden, aber mit den hier zu behandelnden eigentlicluin 
Botocudos des Küstengebietes Mittelbrasiliens nicht das mindeste zu schaffen 
haben. 

Da diese beiden Arbeiten, besonders die vortreffliche letztgenannte, in 
Europa wenig bekannt geworden sind, so werden sie im Folgenden vor- 
zugsweise Berücksichtigung finden. 

Von neueren europäischen Abhandlungen sind zu nennen: GANESTRINI 
E MOSCHEN, Sopra due crani di botocudi. Padova 1879, worin ein t von 
Mutum und ein $ vom Pancas beschrieben werden, ferner aber die aus- 
gezeichnete Dissertation von PHILIPPE KEY: Etüde anthropologique sur les 
Botocudos, Paris 1880, welche, von guten Abbildungen begleitet, 4 männliche 
und 2 weibliche Schädel vom mittleren Rio Doce behandelt. Einer derselben 
ist auch abgebildet in Hamy und Quatrefages Crania ethnica. 

Die meisten ßotocuden-Schädel hat wohl ViRCHOW untersucht und 
beschrieben, und zwar zunächst 1874 in den Verhandlungen der Berliner anthrop. 
Gesellschaft 3 in Stockholm befindliche, über welche ReTZIUS bereits in 
seinen „ethnologischen Schriften" Einiges mitgetheilt hatte. Zwei derselben, von 
Dr. ABBOTH aus Bahia geschickt, werden als „Tapuios" aufgeführt, sind 
aber jedenfalls nichts anderes als Botocudos'), freilich, wie ViRCHOW ver- 
muthet, vielleicht nicht von ganz reiner Rasse. 4 weitere, vom Kaiser 
Dom Pedro 1875 geschenkte Schädel wurden von ihm in den Verhand- 
lungen derselben Gesellschaft, Bd. VI 1875, besprochen, endlich 5 (4 5, 1 ?) 
von mir selbst mitgebrachte in den Verhandlungen Bd. XV 11 1885, 

S. 275 ff. 

Ausser den letztgenannten 9 der hiesigen anthropolog. Ciesellschafl 
gehörigen Schädeln befinden sich in der Kgl. anatomischen Sammlung noch 
4 andere (2 S und 2 '^), von denen 2 (1 5 und 1 -V) zu Skeletten gehören. 
Dieselben wurden von SELLOW am mittleren Rio Doce erworben. Da auch 
von ihnen bereits eine kurze Characteristik unter Angabc der wichtigsten 
Maasse durch Herrn Dr. BROESICKE im Archiv f. Anthr. 1881 Suppl. 
geliefert worden ist, glaube ich von einer genaueren Beschreibung dieser, in 
mancher Beziehung etwas vom gewöhnlichen Typus abweichend gestalteten • 
Schädel absehen zu können, lasse vielmehr eine vergleichendeGesammtüberiicht 



1) vergl. Aug. St. Hilaihe, Voy. de la pr. Rio 11 119. 



g4 Paul Eiirenreich: 

über alle 13 mir zugänglichen Cranien folgen, unter Berücksichtigung der 
oben erwähnten Arbeiten von KEY, LaOERDA und PEIXOTO RODKIGUEZO. 
Die 13 Schädel sind im nachstehenden in drei Serien getheilt: 
Serie I. Die 4 vom Kaiser DOM PEDRO gesandten (5 Poton 3, Poton 4 
Poton 5 und $ Poton 6). 

Serie II. Die 5 von mir mitgebrachten (ß Potetu, Greis von Mutum, 
Pancas Jüngling, 5 Pancas (deformirt), 9 Pancas). 

Serie III. Die des hiesigen Anatoraischen Museums 6 No. 6351, 6356 
und 2 6352 und 6357. 

Die Schädelkapsel erscheint in der Verticalansicht als längliches 
Oval, vorn oft verschmälert, im hinteren Drittel durch Prominenz der 
Parietalhöcker stark verbreitert, bisweilen fast als EUipsoid, namentlich 
wenn die Temporalflächen hervorgewölbt sind, wie bei den Schädeln der 
Serie III und PeIXOTO's Schädel 1. 

Vorn treten bei Männern die Arcus superciliares, hinten das Occiput, an 
den Seiten die stark gekrümmten Jochbogen kräftig hervor; bei den weib- 
lichen ist dies in weit geringerem Grade der Fall. Am Stirnbein ist die 
Glabella prominent, Tubera frontalia fehlen bei Männern fast vollständig, bei 
Weibern sind sie schwach angedeutet. Eine deutliche Crista metopica, 
welche die Sagittalnaht trägt oder, wenn sie sich am Scheitel theilt, dieselbe 
zwischen sich fasst, zieht bis zur hinteren Fontanelle. Die Gegend des 
hinteren Drittels der Pfeilnaht erscheint meist etwas abgeplattet. 

In der Occipitalansicht fällt die pentagonale Form des Schädels 
auf, bedingt durch die Höhe des Scheitels, die starke Prominenz der Parietal- 
höcker und die verticale Stellung der Temporalflächen. Der Winkel der 
Lambdanaht ist meist sehr weit. Die Hinterhauptsschuppe zeigt in der 
Regel einen ausgeprägten Torus occipitalis transversus-). Ganz besonders 
besitzen ihn die Schädel der Serie I und IIl, in geringerem Grade die von 
11. Den Abbildungen nach scheint er auch den Schädeln von REY und 
PEIXOTO sämmtlich zuzukommen. Der Torus bildet entweder eine starke 
zusammenhängende Knochenleiste, die von einem Processus mastoides, die 
Prütub. occ. ext. in sich aufnehmend, zum gegenüberliegenden zieht 
(Poton 3, Poton 4, 6351, 6356, 6357), oder er bildet schwächer ausgeprägt 
an Stelle der Prot, externa zwei durch eine seichte Furche getrennte Tubera, 
wie wir sie auch bei Europäerschädeln beobachten. So zeigt ihn der weib- 



1) Dr. ßiEGER (Würzburg) hat neuerdings ein Messverfahren angegeben, welches für 
das Vcrständiiiss der Morphologie des Rassenschädels von ausserordentlicher Bedeutung zu 
werden verspricht. Obwohl ich bereits begonnen habe, das hiesige Material mittelst des 
RiEGEu'schen Craniographen zu verarbeiten, so ist diese Arbeit doch noch lange nicht weit 
genug gediehen, um bereits für die vorliegende Schrift zur Verwerthung kommen zu können. 
Ich muss deshalb auch davon y\bstand nehmen, hier .»ichon die Botocudenschädel mit denen 
anderer amerikanischer oder altweltlichen Völker einer eingehenden Vergleichung zu unter- 
ziehen, behalte mir dies vielmehr für eine spätere Arbeit vor. — 

2) Waluever. Archiv f. Anthropologie. 1881. 



lieber die Botocudos. 65 

liehe 6352. Cnsta mediana und alle Muskellinien der Unterschuppe sind 
kräftig ausgeprägt. In der Basilaransicht tritt die von KEY zuerst 
bescliriebene Abflachung des Hinterhau|)ts zu beiden Seiten der Lambdanaht 
hervor, am deutlichsten bei den Schädeln der Serie II, roindor ausgesprochen 
bei III, wo sie dem 6 6356 ganz fehlt. Die Muskelflächen beiderseits von der 
Crista mediana sind bei männlichen Schädeln sehr stark hervorgewölbt. Hei 
einem der Cranien PEIXOTü's (Nr. 4) überragt diese Wölbyng des Klein- 
hirntheils sogar das Niveau der Spitzen des ProcessflS^mastoides um ein 
Beträchtliches. 

Das Hinterhauptsloch ist im Allgemeinen läugsoval, bei einigen fast 
spindelförmig (Poton 5, Pancas-Jüngling und Pancas Q) Hinsichtlich der 
Neigung desselben zur Schädelbasisaxe hatte schon HUXLEY^) nach- 
gewiesen, dass bei prognathen Schädeln der Winkel, welchen die Ebene des 
Foramen raagnum mit der genannten Axe bildet, kleiner ist als bei orthognathen, 
so dass das Hinterhauptsloch mehr nach hinten geneigt erscheint. Auch bei 
den Botocudenschädeln zeigt sich dasselbe Verhältniss. Näher auf diese 
Frage einzugehen, muss ich mir vorläufig versagen, da die bezüglichen 
Untersuchungen noch nicht abgeschlossen werden konnten, und verweise ich 
deshalb auf die bei REY-) mitgetheilten Winkelmessungen. 

In der Seitenansicht ist das Bemerkenswertheste das Fliehen der 
Stirn und das steile Umbiegen der Sagittalcurve an der Prot. occ. externa, 
von wo dieselbe ziemlich steil zum Foramen magnum verläuft. Die starken 
Tubera parietalia werden von den Lineae semicirculares superiores weit über- 
schritten; letztere nähern sich der Sagittalnaht. 

Die Temporalflächen der grossen Keilbeinilügel hegen meist sehr tief, 
sind aber gut ausgebildet und ziemlich breit. Geringe Stenokrotaphie nur 
bei dem 2 Schädel 6357 nachweisbar. Die Proc. pteryg. ext. sehr gross. 
Am Schläfenbein ist zunächst die Häufigkeit und starke Ausbildung eines 
Supramastoidal-Wulstes an der Wurzel des Process. zygomaticus beraerkens- 
werth. Nur beim jungen Pancas ist er wenig bedeutend. Auch an ReY's 
und PEIXOTO's Abbildungen ist er deutlich erkennbar. 

Die Schläfenschuppe zeigt vier verschiedene Formen: 

1. Sie ist verhältnissmäsig klein, fast halbkreisförmig, wie bei Euro- 
päern (bei dem Pancas-Jünghng und dem Q Poton 6). 

2. Sie ist ziemlich gross mit einem steil zum Pterion ansteigenden vor- 
deren Rande. Der obere geht dann vom Pterion aus in .sehr flachem 
Bogen, bei dem 2 Schädel 6357 sogar in einer geraden Linie, nach 
hinten zur Pars mastoidea (Greis-Mutum, Pancas $). 

3. Viereckige Form der Schuppe (Trapez): ein vorderer steiler Rand 
steigt an bis zum Pterion (meist mit einem kurzen, nach oben 
gerichteten Fortsatz). Von dort geht die Naht in sehr flachem Bogen 

1) HüXLEY, Zeugnisse i. d. Stellung des Menschen S. 170 

2) Rey, a. a. 0. 56. 

Zeitschrift für Ethnologie. Jahrg. 1887. ö 



66 



Paul Ehrenreich: 



Botocudos 



Capacität 

Grösste Länge .... 

ürösste Breite 

Kleine Stirnbreite . . . 

Ganze Höhe 

Ohrhöhe 

Horizoiitaliimfauß^ . . . . 
Verticalumfang .... 
Sag.-Umfang lies Os frontis 

„ d. Sut, sagitt. 

„ (1. Os occipitis 

Gesichtsbreite 

Jochbreite 

Gesichtshöhe 

Obere Gesichtshöhe . . . 

Nasenhöhe 

Nasenbreite 

Grösste Orbitalbreite. . 
Grösste Orbitalhöbe 

Gaumenlänge 

Gaumenbreite 

Länge d. For. raagnum. . 
Breite d. For niagnum . . 
Entfernung d. Kieferwinkel 
Jochbreiten-Oberges.-Ind. . 

LBI 

LHI 

OHI 

NI. 

Ol 

GL (OKL) 

Profilwinkel 



Männlich 



f. I. I. II. 

Poton 3 ! Poton 4 Poton 5 Greis 



IL IL 

Potetu Pancas J. 



1260 
171,.o 
136 

S7 
134 
115 
485 
305 
120 
113 
107 
100 
139 
121 

72 

55 

22 

m 

35 
48 
42 
38 
32 
100 
51,09 
79,3 
78,1 
67 
40,0 
89,7 
72 
77° 



1330 
185 
137 

94 
143 
121 
517 
316 
135 
125 
112 
101 
143,4 
120 

72 

54,5 

22 

44 

35,5 

49 

44 

36 

29 

93 

50,2 

74 

77,3 

64,3 

40.3 

80,6 

71,3 

81° 



1280 

185,2 

133 
92 

131 

116 

512 

305 

129 

119 

122 

109 

143 

108 
65 
56 
26 
41 
33 
50 
45 
39 
29 

108 
45,4 
71,8 
72,8 
62,6 
46,4 
80,4 
59,6 
80° 



1255 
181 
125 
H6 
139 
110 
495 
293 
122 
130 
110 
102 
140 
114? 

55 
25 
43 
35 



38 
31 
95 

69,1 
76,8 
60,7 
45,4 

81,3 



1300 

182 

130 
91 

141 

120 

500 

303 

135 

115 

109 

100 

134 

121 
72 
53 
26 
40 
35 
52 
41,5 
35 
30 

106 
53,7 
71,4 
77,5 
65,9 
49,0 
87,5 
72 
89° 



1320 

177 

130 
93 

139 

114 

480 

305 

120 

125 

115 
97 

122 

106 
64 
45 
22 
40 
33 
55 
37 
38 
29 

101 
52,4 
73,4 
78,5 
64,4 
48,8 
82,5 
64,8 
77° 



Uebcr die Botocudos. 



67 





Mäni 


lieh 








Weihlich 






I'üncas 
def. 


III. 
6351 


III. 
6356 


Durch- 
schnitt 


I. 

Potftn () 

.iiiiij: 


11. 

Paiica.s 


III. 
6352 

--4 


III. 
63.57 


Durch- 
schnitt 














• 1 




13U5 


1570 


1420 


1342 


— 


1380 


1220 


1460 


1353 


174 


189 


185 


isi 


167 


180 


171 


182 


175 


140 


151 


145 


i:»7,:. 


130 


138 


138 


143 


137 


it2 


96 


10(i 


93 


92 


90 


95 


100 


»4 


148 


137 


130 


140 


123 


140 


124 ' 


133 


130 


12G 


112 


115 


1 10.5 


110 


125 


106 


110 


II2,K 


495 


535 


520 


304.3 


473 


505 


.300 


320 


399,8 


325 


315 


307 


30H.2 


292 


307 


480 


515 


398,5 


123 


130 


130 


127 


119 


128 


11.'. 


130 


123 


130 


125 


ur. 


121,8 


115 


130 


n^ 


125 


122 


108 


126 


135 


IIA 


111 


113 


108 


115 


111,8 


107 


102 


101 


102,1» 


87 


95 


96 i 


96 


93,2 


136 


145 


140 


138 


110 


130 


124 


140 


126 





127 i 


125 


117,7 


95 


— 


101 


138 


111,3 


73 


75 


79 


71,5 


57 


— 


60 


80 


65,6 


54 


54 


55 


53,5 


43 


49 


44 


56 


48 


22 


26 


29 


24,4 


22 


21 


22 


27 


23 


41 


43 


43 


41,5 


37 


37 


39 


45 


39,5 


36 


40 


38 


35,6 


31 


33 


34 


36 


33,5 


52 


50 


54 


51,25 


42 


45 


47 


53 


46,8 


36 


41 


4« 


41,8 


35 


36 


35 


40 


36,5 


39 


38 


33 


37 


36 


35 


35 


37 


35,75 


33 


30 


30 


33,7 


25 


27 


29 


30 


27,75 





104 


100 


100,0 


95 


— 


85 


94 


91,3 


53,7 


51,7 


56,4 


— 


51,8 


— 


48,4 


57,1 


— 


80,5 


79,8 


78.4 


74,5 


77,8 


76,6 


80,7 


78,6 


78,4 


85,1 


72,5 


70,3 


75,5 


73,6 


77,8 


72.5 


73,07 


74,24 


72,4 


59,8 


62,1 


63,8 


66,4 


69,4 


61.9 


(?0.4 


64.5 


40,7 


48,1 


57.5 


46,2 


51,1 


42,8 


56,4 


60,0 


52,57 


87,8 


90.7 


88,3. 


85,4 


83.6 


89,1 


87,2 


! 80,0 


' 84,97 


68,2 


73,5 


78,2 


— 


65,5 


- 


62,5 


83,3 


— 


si'A^ 


) 


78° 




82 ^ 




81° 


79° 





68 



Paul Ehrenreich: 



bis zum Ansatz der Wurzel des Processus zygomaticus , biegt dann 
scharf um und geht parallel zum vorderen Rande nach unten zum 
Proc. mastoides. 

4. Bei 6351 ist die Form der Schuppe fast pentagona!. 

Die Schädel III zeigen mit Ausnahme des $ 6357 eine starke Vor- 
wölbung der Temporalgegend. 

Die Capacität der Schädel schwankt ausserordentlich. 

Bei den hiesigen Schädeln (abgesehen von dem jugendlichen 2 Poton 6) 

ist sie 

bei 9 5 1570— 1255 com, im Mittel '[U2cbcm 
„ 3$ 1460— 1220 c6m, „ „ 1353 „ 

Differenz 11 cbcm. 

Dieses auffällige Ergebniss resultirt daraus , dass von diesen 3 9. zwei 
eine ungewöhnlich grosse Capacität besitzen. Betrachten wir eine grössere 
Anzahl 9. Schädel, so finden wir auch hier, dass sie den 5 an Cubikinhalt 
nachstehen. Bei den Schädeln Rey's und der brasilianischen Beobachter 
ergiebt sich nehmlich: 

für 14 6 1625—1255, im Mittel 1446 
„ 6 $1390—1140, „ „ 1269 

Uebrigens ist auch bei REY's Schädeln die Capacität der q eine sehr 
beträchtliche, nämlich 1390 und 1375, was denselben zu dem Schlüsse führt, 
dass bei den niederen Rassen die Capacitätsunterschiede der Geschlechter 
gering sind; während er aber nur 85 cbcm Differenz fand, ergab PEIXOTO's 
Serie eine solche von S20 cbcm. 

Offenbar liegt der Grund der grossen Verschiedenheit des Schädelinhalts 
der einzelnen inderverschiedenenKörpergrösse. Auch diese schwankt 
bei den Botocuden in ziemlich weiten Grenzen und steht sicherlich in Corre- 
lation mit den Dimensionen des Schädels. Bei meinen Individuen (s. die 
Tabelle) bewegt sich die Körperhöhe zwischen 183 und 142 cm. Da die 
Weiber im Allgemeinen kleiner sind als die Männer, haben sie naturgemäss 
kleinere Schädel. 

Der Längenbreitenindex. Die Form des Botocudenschädels ist 
vorzugsweise eine dolichocephale. Abgesehen von dem künstlich deformirten, 
brachycephalen Pancas, machen die Schädel III eine scheinbare Ausnahme, 
insofern sie ihrem Index nach als entschieden mesocephal betrachtet werden 
müssen. Es ist dies bei denselben bedingt durch die starke Auftreibung 
der Temporalgegend, die selbst das Niveau der Tubera parietalia noch 
überragt und auf diese Weise den Breitendurchmesser sehr erhöht (bei 
6351 sogar bis 151, während das Mittel aus 9 Männern 137,5 beträgt). 

Den höchsten Grad von Dolichocephalie zeigt der Greis von Mutum 
mit 69,1, den höchsten mesocephalen Index 79,8 hat der Schädel 6351. 



Ueber die Botocudos. g9 

Im Mittel haben wir bei den Männern 

1. Serie 3 (71,80-79,30), Mittel 72,40 
IL „ 3(69,10—73,40), „ 73,30 (ohne def. Pancas) 
III. „ 2 (78,40—79,80), „ 79,60 
Key 4 (71,67—74,80), „ 73,21 

Lacerda 3 (73,00—76,47), „ 74,20 
PeixuTO 6 (71,73—74,79), „ 73,30 ^ 
Unter 21 S Schädeln schwankt der Index zwischen 69,1 und 79,8, oder, 
wenn wir die Extreme ausser Spiel lassen, unter 18 S zwischen 71,87 
und 76,5. 

Es sind von 23 5 Schädeln: dolichocephal 21 

mesocephal 1 
brachycephal — 
Bei den Weibern sehen wir im Gegensatz dazu eine entschiedene 
Neigung zur Mesocephalie. Der Index ist bei 

4 9- Berlinern 76,6—80,7, im Mittel 78,40 

2 ? Rey 72,0-73,8, „ „ 72,97 

3 $ PeixoTO 71,0—75,9, „ „ 74.20 

2 $ Lacerda 77,1-79,9, „ „ 78,90 

Von 11 weiblichen sind 
dolichocephal 4 

mesocephal 6 (wovon 2 an der Grenze der Brachycephalie) 
brachycephal 1 
Der Längenhöhenindex. Auch bei diesem zeigt sich ein ab- 
weichendes Verhalten der Serie III, deren 5 Schädel bedeutend niedriger 
sind als die übrigen, abgesehen von den deformirten Pancas. 

Bei I ist der LHI im Mittel bei 5 76,0, bei $ 73,6 

» J-'^ ?5 » n 15 n 5j n • •)") n n < <,o 

» -'■-'■^ » 5? » 55 » 55 55 '■'5"5 55 55 '^5'" 

1. Die Indices dieser sämmtlichen 12 vergleichbaren Schädel schwanken 
bei 5 zwischen 70,3 (Nr. 6356) und 78,5 (junger Pancas): Mittel 75,5, 
bei ? zwischen 72,5 (Nr. 6352) und 77,8 (Pancasweib) : Mittel 74,24. 

2. Rey's Serie. 

Der Index von 4 $ schwankt zwischen 72,07 — 77,29, Mittel 73,21 
„„,52? „ „ 74,71-79,86, „ 75,20 

3. LACERDA's Serie. 

Index von 3 5 schwankt zwischen 73,68 — 78,49, Mittel 76,21 
„ „ 2 $ „ „ 74,71-79,86, „ 77,28 

4. PeIXOTO's Serie. 

Index von 6 $ schwankt zwischen 73,68—79,34, Mittel 75,00 
„ „ 3 ? „ „ 73,41-77,10, „ 74,68 



7Q Paul Ehrenretch: 

In I sind 2 5 hypsicephal 
1 i orthocephal. 
In II sind 3 6 hypsicephal 

1 $ hypsicephal. 
In III "2 5 orthocephal an der Grenze der Chamäcephalie 

2 i orthocephal bis hypsicephal. 
Bei RF.Y sind von 4 S 1 orthocephal, 

1 orthocephal bis hypsicephal, 

2 hypsicephal. 

2 $ sind hypsicephal an der Grenze der Orthocephalie, 
Bei LaCERDA sind von 3 Ö 1 orthocephal, 

2 hypsicephal, 
von 2^1 orthocephal, 
1 hypsicephal. 
Bei PEIXOTO sind von 6 5 alle hypsicephal, 
von 3 9 1 orthocephal, 
2 hypsicephal. 
Demnach sind von 21 5 hypsicephal 15 = 71,4pCt. 

orthocephal 6 = 28,6 „ 
davon 2 an der Grenze der Chamaecephalie, 
1 ,. „ „ „ Hypsicephalie. 

Von 11 $ sind hypsicephal 6 = 54,5 pCt. 
orthocephal 5 = 45,5 pCt. 
davon 2 an der Grenze der Hypsicephalie. 
Im Allgemeinen können wir demnach beide Geschlechter als hypsi- 
cephal bezeichnen. Die auffälligen Abweichungen im Höhen- und Breiten- 
index der Serie III können nur als lokale Besonderheit gelten, indem diese 
Schädel sämmtlich aus derselben Gegend stammen. Die weiblichen 
neigen in gleichem Verhältniss zur Orthocephalie, wie zur Mesocephalie. 
Der Ohrhöhenindex meiner drei Schädel bewegt sich 
bei Ö zwischen 59,8 und 67,0, im Mittel 63,3 
bei ^ „ 60,4 „ 69,4, „ „ 64,5 

Der niedrigste Schädel ist 6351 5 = 59,8 
Der höchste Schädel ist Pancas 2 = ^9,4 
Schalten wir diese Extreme aus, so ergiebt sich 
für 7 S der OHI = 60,7-67,0 
für 3 9 „ „ = 60,4—66,4 
Beide Geschlechter stimmen somit in den Höhenverhältnissen ziemlich 
überein. 

Die Schädel REY's und der Brasilianer sind leider hinsichtlich ihrer 
Ohrhöhe nicht untersucht worden. 

Bezüglich der Sagittalcurve hatte VlRCHOW schon ])ei der Be- 
sprechung der Schädel -Serie I [Verh. d. anthr. Ges. 1875 (178)j darauf 



Ueher die Botociidos. 71 

hingewiesen, dass die Ausbildung dieser Schädel wesentlich eine frontale und 
parietale ist, während bei den gleichzeitig beschriebenen Schädeln eines 
Caygna, zweier Sambaquileittc und des llöhlensclutdels von iiabilonia (lie 
Kntwickelung als eine mehr occipitak' erscheint. 

Die von mir mitgebrachten Schädel II /eilten ebi-ntulU ilie stärkere 
Ausbildung des Vorder- und Mittelkopfes, ebenso die ^ der Serie IIJ. während 
die beiden S der letzteren Gruppe die occipitale Entwickelung darbieten. 
Namentlich ist Nr. ()35() durch eine ausserordentliche (iiösse der Ilinter- 
hauptscurve ausgezeichnet. 

REY's Schädel stimmen in dieser Beziehung genau mit der Serie 1 überein: 
frontale Curve bei 5 im Mittel 131, bei $ 126,5 
parietale „ „ 'ä „ ,. 128, „ $ 120,5 
occipitale „ „ * m w 1 1 2,5, „ 9 1 1 1 ,ö 
Bei LACERDA nur die drei 6 Nr. 3, 4, 6. 

front. Curve 129,H 

par. „ 129,3 

occip. „ 111 

Sein Babilonia-Schädel Nr. 1 documentirt sich schon daduich als nicht 
botoeudisch, dass sich auch bei ihm, wie bei dem in Berlin betindlicheu 5, 
eine relativ grosse occipitale Entwickelung zeigt. 

Die frontale Curve ist 131 
„ parietale „ „110 
,. occipitale „ „ 131 
Die beiden $ dagegen zeigen im Mittel 

frontale Curve . . . . 116 
parietale „ .... 105 
occipitale „ .... 116,5 
Doch wird dies Resultat nur dadurch herbeigeführt, dass der sehr 
jugendliche weibliche Schädel Nr. 5 den in Anbetracht seiner Kleinheit 
ausserordentlichen Occipitalumfang von 120 c?« hat, also schwerlichals typisch 
anzusehen ist. 

PeIXOTO's Schädel endlich weisen gleichfalls dasselbe Verhiiltni-s. wie 
die Serien 1 und II, auf. 

bei 6 5 im Mittel bei 3 Q im Mittel 

frontale Curve 133,6 117,6 

parietale „ 132 123,5 

occipitale „ 110,5 105,6 

PeIXOTO's Liste enthält unter den 9 auch einen Schädel aus Sta. 
Catharina (Nr. 8), von ihm ohne genügenden Grund den botocudischen 
angereiht, ferner, separat aufgeführt (Nr. 11). nt)ch einen 5 „Bugre- derselben 
Provinz. 

In letzterem glaubt PEIXOTO Charactere der Sa m I. uq ui be vö Iker u n tr 

zu erkennen. 



72 Paul Ehrenreich : 

Wirklich zeigen auch beide Schädel ein entschiedenes Ueberwiegen der 
Occipitalcurve, wie sie ViRCHOW bei dem Caygua und den Sambaquileuten 
constatirt hatte. 

Bei dem 9. Nr. 8 PEIXOTO's ist die Länge der verschiedenen sagittalen 
Abschnitte wie folgt: 

frontal 110 

parietal 108 

occipital 116 

Bei dem 5 Bugre Nr. 11, 

frontal 125 

parietal 125 

occipital 130 

Hiernach scheint es in der That, als ob, wie ViRCHOW meint, diese 
Gegensätze in der Ausbilduog der sagittalen Curven von einiger Bedeutung 
für die Trennung der süd- und niittelbrasilianischen Stämme anzusehen sind. 
Gesichtsschädel. Die Augenhöhlen sind weit und geräumig. Ihre 
Ränder verdickt, was im Verein mit den vortretenden Supraorbitalwülsten 
und der aufgetriebenen Glabella dem Gesichte einen wilden Ausdruck verleiht. 
Die Form der Orbitalöffnung ist vorwiegend rechteckig. Durch Ab- 
rundung der Ecken wird sie bei Potetu und 6357 oval. Bei dem jungen 
Pancas ist sie fast regelmässig elliptisch. Die Längsaxe verläuft bei letzterem 
nicht schräg von innen oben nach aussen unten, sondern horizontal. Der 
Index zeigt beträchtliche Schwankungen: 

Aus den Serien I— III sind 9 $ • 4 $ 

chamaeconch — 1 

mesoconch 4 1 

(davon 2 an der Grenze 
der ChaiDaeconchie.) 

hypsiconch 5 2 

Bei Key von 4 6 2 2 

chamaeconch 1 1 

mesoconch 2 — 

(1 an der Grenze 
Chamaeconchie.) 

hypsiconch 1 1 

Bei PEIXOTO von 6 6 3 $ 

chamaeconch ... 3 1 

mesoconch .... 1 (Grenze der Cham.) 2 

hypsiconch .... 2 — 

Es sind also von 19 6 9 $ 

chamaeconch 4 3 

mesoconch 7 3 

(4 an der Grenze der 
Chamaeconchie.) 

hypsiconch ^S 3_ 

19 6 9$ 



Üeber die Botocudos. 73 

Der Orbitalindex, welcher nur Liinge und Breit«' der Orbitulöffnung 
l)erücksichtigt, ist demnach zur Characterisirung dieser Schädel unbrauchbar. 

Nase. Bei den 5 von I und II sind die Nasenbeine verhiUtnissniässig 
kurz und schmal, besser ausgebildet dagegen bei Serie 111. ])er dei'orniirte 
Pancas zeigt eine Anlage zur Katarrhinie. Die Nasenwurzel ist im Ganzen 
schmal, so dass die Augenhöhlen nahe bei einander lieg(!n. liäulig ist 
Synostose der Nasenbeine. Die meist stark vorspringende GJabella liisst im 
Verein mit den mächtig entwickelten Supraorbitalwülsteh die Nasenwurzel 
eingedrückt erscheinen. Der Nasenrücken ist stark concav. Der Winkel, in 
welchem die Nasenbeine sich aneinander lehnen, ist verschieden. Bei der 
Serie I (sowie auch den meisten Schädeln IvEY's und PeixoT()\s) ist er spitz, 
bei den anderen, besonders denen der Serie III, öffnet er sich mehr. 

Bei den 9 ist der Nasenrücken nicht so stark eingebogen, di»- gut 
gebildeten Nasenbeine fallen ziemlich steil ab, das ganze Nasendach erscheint 
abgeplattet. Sehr deutlich zeigt sich das bei dem $ Pancas, wenn wir 
ihn mit den männlichen vergleichen. Dasselbe Verhältniss beobachtet man 
bei PeixoTo's 2 Nr. IX und X. Der Schädel 6356, Serie III. hat dagegen 
dieselbe Bildung, wie die männlichen. 

Die Apertura pyriformis ist im Allgemeinen kartenherzförmig. Die 
Spina nasalis ragt stark hervor. Der untere Rand der Naseuöffnung ist 
beiderseits von der Spina, abgeglättet, fast rinnenförmig, oft mit deutlichen Prä- 
nasalgruben. Nur die weiblichen zeigen der Mehrzahl nach eine gut ent- 
wickelte scharfe Crista. Dieselbe fehlt von meinen 9- nur dem Pancas. 

Der Nasenindex: 

Berliner Schädel 
von 9 5 sind: von 4 $ sind: 

5 . . leptorrhin . . 1 
3 . . mesorrhin . . 1 

1 . . platyrrhin . . 2 

REY's Schädel 

von 4 6 sind: von 2 9 sind: 

— . . leptorrhin . . — 

2 . mesorrhin . . 2 
2 . . platyrrhin . . — 

LACERDA's Schädel 
von 3 5 sind: von 2 9 sind: 

1 . . leptorrhin . . 1 (index 38,9') 

— . . mesorrhin . . 1 

2 . . platyrrhin . . — 

PEIXOTO's Schädel 

von 6 5 sind: von 3 9 sind: 

— . . leptorrhin . . 2 

6 . , mesorrhin . . 1 

— . . platyrrhin . . — 



74 Paul Ehrenreich: 

Hiernnch sind 

vou -22 5: von 11 $: 

6 . . leptorrhin . . 4 

11 . . mesorrhin . . 5 

ö . . platyrrhiu . . 2 

Bei beiden Geschlechtern ist somit die Hälfte mesorrhin mit Neigung 
zur Leptorrhinie. 

Der Oberkiefer zeigt eine mehr oder weniger starke alveoläre Pro- 
gnathie. Die Fossa canina ist häufig völlig verstrichen, die Spitze des 
Proc. zyg an der .Sutura malaris stark nach unten gebogen. 

Das sehr massiv entwickelte Jochbein springt kräftig nach aussen vor. 
lieber seine äussere Fläche läuft eine stark ausgeprägte Muskelleiste, parallel 
dem unteren Rande. Letzterer ist verdickt, mit starken, stumpfen Höckern 
besetzt und verbreitert sich bei der Mehrzahl der Cranien an der Sutura 
malaris zu einer rauhen Fläche, die zuweilen fast den Eindruck einer 
Läsion macht ^). Die ^ Schädel der Serie I und 11 zeigen dieses Verhältniss 
besonders deutlich. Bei Pancas 9- ist der Rand schmal und glatt, nur 
linkerseits zeigt sich ein Ansatz zur Flächenbildung. Dem 'i- 6352 fehlt 
letztei'e völlig. 

Bei weitem die meisten Schädel besitzen am hinteren Rande des Proc. 
temporalis des Jochbeins die von VlRCHüW^) sogenannte Tuberositas tempo- 
ralis ossis malaris. Auch Rey's und PeIXOTO's Cranien zeigen diese Bildung. 
Nur bei den weiblichen ist der Fortsatz schwächer entwickelt, bisweilen 
ganz fehlend, wie z. B. bei (Vdb2. 

Die Jochbogen sind durchweg sehr kräftig und stark gekrümmt. 

Der harte Gaumen bietet wenig Charakteristisches. Er ist in der 
Regel sehr vertieft und mit zahlreichen scharfen Höckern besetzt. 

Der Unterkiefer besitzt gleichfalls mächtig ausgeprägte Muskelansätze. 
Die vordere Kinnfläche ist dreieckig, das Kinn überhaupt gut vorspringend, 
stets mit doppelter Spina externa. Die aufsteigenden Aeste kurz und breit, 
häufig fast rechtwinklig ansteigend (namentlich bei Poton 5). Die Kiefer 
der Serie HI zeigen etwas schmälere, nur etwas schwächere Aeste, während 
die von 11 die Mitte halten. Die hoiizontalen Aeste sind überall von be- 
trächtlicher Stärke. Die Winkel mit Ausnahme des 9. 6352 weit ausgelegt. 

Was die Zähne betrifft, so zeichnen sich alle Schädel durch eine 
ausserordentliche Kleinheit der Incisivi des Unterkiefers aus, die an Breite 
von den oberen um das Doppelte, ja selbst um das Dreifache übertroffen 
werden Der erste Malaiis ist in beiden Kiefern stets der grösste. Die 
Canini sind im Allgemeinen ebenfalls sehr klein. Sämmtliche Zähne sind 
stark abgekaut; Caries ist ziemlich häufig. 



1) vgl. die Bemerkung ViRcnow's. Verh. d. Kerl. anth. Ges. XVII S. 275. 
•J) ViRoiiow, Verh. d. auth. Ges. VII S. 162. 



lieber die Botoeudos. 75 

Dem Ober-Gesichts -Joch breiten -In (lex nacli sind: 

von 8 ^ chamaeprosof) ... 1 

Icptoprosop ... 7 

von 3 ^ chamaeprosop ... 1 

leptoprosop ... 2 

Anomale Bildungen sind verhältnissmässig selten. Ein Oslncae') kornmi 
unter den 18 Schädeln nur einmal bei dem Pancas-Jünglin» der Serie 11, 
Schaltknochen am Pterion nur bei dem Greise von Mutuin vor. Die .An- 
deutung eines sogenannten Condylus tertius findet sich bt-i Poton b. Stiin- 
fortsatz der Schläfenschuppe und Stirnnaht sind bei keinem Botocudcii^cjiiidcl 
nachgewiesen. 

Sehr interessant sind die beträchtlichen sexuellen Differenzen, wcjclif 
sich an diesen Schädeln kundgeben. 

Die weiblichen sind zunächst überhaupt weniger roh in ihrer Contigu- 
ration, als die der erwachsenen Männer. Die Muskelansätze sind demnach 
bei ihnen minder ausgeprägt. Der Proc. temp. ossis malaris ist nur 
unbedeutend entwickelt, der untere Jochbeinrand schmäler und glatter. 
Noch bedeutendere Verschiedenheiten zeigt die Nase. Die Nasalia springen 
in ihrem unteren Theile nicht so scharf hervor, wie die der Männer; der 
Nasenrücken setzt sich vielmehr ohne sattelförmige Einbiegung gerade nach 
unten fort und ist dabei eher etwas glatt gedrückt. ^ 6352 zeigt indess 
eine den 5 analoge Nasenbildung, während ReYs, MOSCHENs und meine 
übrigen Weiberschädel die oben bezeichnete Foi'm des Nasenrückens auf- 
weisen. 

Der untere Nasenrand der 9 ist fast stets gut ausgebildet mit deutlicher 
Crista nas. inf. Nur das Paucasweib zeigt eine den männlichen ähnliche 
rinnenförmige Abplattung des unteren Nasenrandes. 

Der wichtigste sexuelle Unterschied liegt jedoch in der entschiedenen 
Tendenz zur Brachy cephalie, die fast die meisten bisher bekannt 
gewordenen weiblichen Schädel zeigen. Es ergiebt sich dieselbe in gleicher 
Weise aus den Messungen an Lebenden. 

Im Vergleich zu der grossen Zahl der bereits wissenschaftlich unter- 
suchten Schädel ist das Material an ganzen Skeletten noch recht spärlich. 
Ich finde bis jetzt nur eines ausführlich beschrieben, nehmlich das vom 
Kaiser Dom PEDRO dem Pariser Museum übersandte, welches HEY (1. e. (iO) 
sehr eingehend behandelt hat. LaCERDA und PEIXOTO besprechen ausserdem 
in ihrer Abhandlung 2 Becken und mehrere lange Knochen. 

Das hiesige Skeletmaterial besteht aus den beiden von SeLLOW dem 
kgl. anatomischen Museum überwiesenen Skeletten (5 Nr. 6351, 5 Nr. 
6352 des Katalogs) und dem des alten Mamies, welches beim Aldeament 

1) lieber die ungewöhnliche Form desselben, vgl. \ naiiow's Bemerkung in d. Verb. anth. 
Ges. Berlin XVII S. 275. 



'JQ Paul Ehrenreich: 

von Mutum von mir selbst exhumirt wurde O« I^i Folgenden ist REY's 
Skelet mit I, der Greis von Mutum mit II, das 5 und ? der Berliner ana- 
tomischen Sammlung mit III und IV bezeichnet. 

Sämmtliche Skelette zeigen sehr starke Muskelansätze^ namentlich am 
Oberarm, Oberschenkel und Becken. 

Die Wirbelsäule übertrifft die obere Extremität an Länge. Die Hals- 
wirbel sind bei II auffallend niedrig; die Ränder der Lendenwirbelkörper 
sind wallartig aufgeworfen, mit zackigen Knochenvorsprüngen besetzt. 
Interessant ist, dass an beiden Skeletten III und IV der erste Lendenwirbel 
überzählige Rippen trägt. Doch ist leider von denselben nur noch die rechte 
von III vorhanden, die linke und die zu IV gehörigen sind verloren gegangen 
und nur die Gelenkflächen für die Rippenköpfchen, welche die betreffenden 
Wirbel aufweisen, deuten noch ihre einstige Existenz an. 

Die Rippen sind im hinteren Drittel schmal, im mittleren besonders 
bei III enorm verbreitert. 

Die Clavicula ist durchweg sehr lang und kräftig. ReY macht darauf 
aufmerksam, dass an seinem Skelet die Länge derselben 50,8 pCt. der 
Humeruslänge ausmacht, während beim Europäer dieser „Clavicularindex" 
nur 44,6 durchschnittlich beträgt. Die 5 II und III weisen sogar einen 
Index von 52,5 auf, wogegen bei ? IV das Verhältniss sich mehr dem 
europäischen nähert. Hier ist dafür das Sternallende ausserordentlich verdickt. 
Am Humer US scheint die Perforation der Fossa olecrani häufig zu 
sein: sie fehlt zwar bei III und IV, findet sich aber, ausser bei I und II, 
auch bei dem jungen Pancas und an den von LACERDA beschriebenen Ober- 
armbeinen. Der rechte Humerus von III zeigt in seinem oberen Drittel 
eine gut geheilte Fractur. 

Am Becken fällt im Allgemeinen die geringe Krümmung des Sacrum 
auf. Das Promontorium ist dabei wenig prominent. Eine Ausnahme macht 
5 in mit stark gekrümmtem Sacrum und weit vorspringendem Promon- 
torium. Der $ IV ist bemerkenswerth durch eine Ankylose des Steiss- 
beins. Die Darmbeinschaufeln sind meist stark nach aussen gebogen und 
schwach gekrümmt. Die Spinae ant. sup. stehen deshalb weit auseinander, 
bei I wird ihre Distanz von der der inneren Darmbeinränder nur um 3, 
bei II um 4 , bei III nur um 5 mm übertroffen. Selbst bei Männern er- 
scheint das Becken daher flach und niedrig. Gut nach vorn gekrümmt ist 
die Crista ilium bei ? IV. Der Beckeneingang ist bei Männern dreieckig, 
fast kartenherzförmig, ziemlich weit, der Ausgang dagegen, namentlich im 
Querdurchmesser, sehr eng. Ebenso der Symphysenwünkel. Beim Weibe 
(IV und dem von LaCERDA beschriebenen) ist der Eingang längsoval, fast 
rund, der Ausgang weit, mit weitem Symphysenwinkel. 

1) Ein zweites, zu dem der Schädel des Pancas- Jünglings gehört, war leider zu defekt, 
um montirt werden zu können. 

2) LaCükua, a. a. 0. pg. 08. orilicio superior da excava?äo da bacia quasi circular. 



Ueher Hie Botocudos. 
Skeletmaasso. 



77 



Botocudos 


I. 
Key S 


11. 
Greis von 
MutUm 5 


Hl. 
6351 -6 


IV. 
6352 2 


Ganze Höhe 


1550 


1 
1485 


1550 , 


110<) 


Länge der Wirbelsäule 


594 


585 


^=&I5 


575 


„ der Clavicula 


157 


154 


160 


124 


, des Hunierus 


309 


297 


308 


266 


„ des Radius 


240 


232 


240 


215 


, der ülna 


— 


240 


268 


238 


, der Hand 


— 


173 


185 


162 


„ des Femur 


422,5 


415 


425 


383 


„ der Tibia 


352 


335 


865 


322 


der Fibula 


340 


322 


355 


312 


des Fusses 


220 


— 


225 


210 


Beckcnmaassc. 










Distanz d. Sp. il. ant. sup. . . . 


226 


217 


270 


217 


, d. Lab. int. Cr. ilium . . 


229 


219 


275 


240 


, V. Spina ischii z. Crista ilium 


138 


122,5 


157 


120 


„ V. Tuberos, ischii z. Cr. ilium 


— 


166 


200 


172 


Conjugata vera 

Querdurchmesser 


91 
123 


100 
118 


110 
133 


128 
120 


Clavicularindex 


50,8 


52,5 


52,4 


45,6 


Antibrachialindex 


77,6 


78,1 


77,9 


80,9 


Tibiofemoralindex 


83,4 


80,7 


85,9 


84,08 


Verh. d. oberen z. unteren Extremität 


70,9 


70,05 


69,4 


68,07 


Verh. der Wirbelsäule zur oberen 
Extremität 


92,4 


90,4 


, 84,9 


83,6 


Verb, der Wirbelsäule zur unteren 
Extremität 


130,8 


128,2 


122,5 


122,6 



Am Femur fällt die enorme Entwickelung der Linea aspera auf, ebenso 
der sich überall findende Ansatz zum Trochanter tertius; an der Tibia ist 
ein gewisser Grad von Platyknemie gleichfalls allgemein. 

Genaueres über die Proportionen des Skelets ergiebt die vorstehende 
Maasstabelle. 

IX. 

Suchen wir zum Schluss die Frage zu beantworten, wolchor Platz den 
Botocuden innerhalb der grossen amerikanischen Yölkertamilie zuzuweisen 
sei, so werden wir uns am sichersten vor nutzlosen Speculationen hüten, 
wenn wir uns dabei auf die Betrachtung der benachbarten Völker des 



7S Paul Ehiusnreicu: 

östlichen Südamerika beschränken. Leider ist das anthropologische Material 
über die meissten Stämme dieses ungeheuren Gebiets noch ausserordentlich 
spärlich, so dass wir noch lange nicht zu endgültigen Resultaten gelangen 
werden. Schädel und Skelette aus dem Inneren Brasiliens sind bisher nur 
in ganz vereinzelten Exemplaren bekannt geworden, die Zahl der Körper- 
messungen und sonstiger anthropologischer Beobachtungen an Lebenden ist 
womöglich noch geringer. Gerade die hier am meisten in Betracht zu 
ziehenden Völker sind bisher am wenigsten studirt, von mehreren aus- 
gestorbenen besitzen wir nicht einmal Knochenreste. 

So müssen wir uns denn bei dieser Betrachtung vorläufig mit dem 
geringen Schädelmaterial begnügen. 

Die Botocuden sind ihrer Schädelbildung nach Repräsentanten des über 
das ganze östliche Südamerika weithin zerstreuten dolichocephalen Typus, 
wenngleich sich bei ihnen bereits eine entschiedene Neigung zur Mesocephalie, 
bei den Weibern sogar zur Brachycephalie kundglebt. Ueber die Frage, ob 
sie deswegen als Mischvolk anzusehen sind, und aus welcher Völkerver- 
schraelzung oder Penetration sie hervorgegangen sein mögen, ebenso wohl- 
feile, als haltlose Hypothesen aufzustellen, dürfte zum Mindesten über- 
flüssig sein. 

Sie sind unzweifelhaft verschieden von der südbrasilianischen 
Sambaquibevölkerung, deren Schädeltypus dem botocudischen fast 
diametral entgegengesetzt ist und dabei eine grosse Constanz zeigt. Grösser 
ist schon die craniologische Aehnlichkeit mit den Tupi-Guarani, namentlich 
im Breiten- und Höhenindex. Wie oben bemerkt, sind auch die Höhlen- 
gräberschädel wahrscheinlich dem Tupi-Guaranistamme angehörig zu be- 
trachten. Der jugendliche Berliner Schädel von Babilouia ist als exquisiter 
Hypsibrachycephalus vom Botocudentypus so verschieden, dass ViRCHOW von 
einer vollkommenen Trennung zwischen beiden Typen spricht. Der La- 
CEEDA'sche indessen, der einem erwachsenen Manne angehört, zeigt denn 
doch so viel Gemeinsames, dass er von LACERDA geradezu als botocudischer 
beschrieben wird. RETZIU8 stellt gleichfalls die Botocuden ohne Weiteres 
zu den Guaranis. Hüten wir uns aber, in den so oft begangenen Fehler zu 
verfallen, anthropologische und ethnologische Merkmale zu confundiren. 
Nichts berechtigt uns, aus der Gemeinsamkeit einiger Charaktere, die beide 
Völker unstreitig haben, auf eine nahe Verwandtschaft beider zu schliessen, 
und sie innerhalb der grossen amerikanischen Rasse zu einer Gruppe zu 
vereinigen, wie D'OrbIGNY, RETZIUS und wunderlicher Weise auch noch 
Keane dies thun'). Die Botocuden sind eben ethnologisch so völlig von 
den Tupi-Guarani verschieden, dass bereits den ersten Einwanderern der 
wesentliche Unterschied zwischen Tupis und Nicht - Tupis oder Tapuyas 

1) Derselbe äussert in seinem Vortrage die total falsche Ansicht: ,at any rate the Botocudos 
are not in this sense Tapuyas n« should be expected, but clearly (?) of the Guarani stock 
physically, althoug;h of not Guarani speech". 



lieber die liotocudos. 70 

(Tapuios) auffiel. Der mächtigste und i]jefürchtetste .Stamm dieser Tapuyas 
waren aber bekanntlich die Aimores oder Botocudos. Wir dürfen unter 
diesen Umständen auch beträchtliche anthropologisch«- Ditfnenzen zwischen 
beiden Völkergruppen vermuthen. Solche sind aucli in der That vor- 
handen. Abgesehen von der Verschiedenheit der äusseifu ^Erscheinung, 
zumal der Gesichtsbildung, — man vergleiche z. II ein Botocudenporträt 
mit dem des von KELLER- LeUZINGER gezeichneten Caygualiä^iptlings'), — 
sind auch die Unterschiede in der Schädelbildung bedeutende. Ich erwähnte 
bereits früher die bei Guaranischädeln so staike Entwickelung des Hinter- 
haupts, gegen welche die des Vorderkopfs erheblich zuiiicktrete, während 
bei den Botocuden das Gegentheil der Fall ist. Ausführlich 'bespricht 
PEIXOTO-) in seiner Abhandlung die Unterschiede beider Schädeltypen auf 
Grund des reichen Materials im Museo nacional zu Rio. Auf diese Frage 
näher einzugehen, würde zu weit führen; ich beschränke mich daher darauf, 
auf die antlu<)[)ologische und ethnologische Verschiedenheit der Tupi-Guaranis 
von den Botocuden nachdrücklich hingewiesen zu haben. 

Von andern uns hier interessirenden Völkein, vor Allem den sog. 
Ges-Natiouen, ist das craniologische Material so dürftig, dass wir uns noch 
kein Urtheil über ihre anthropologische Stellung zu den Botocuden erlauben 
dürfen. Desto wichtiger ist, wie wir sehen werden, was sie in ethnologischer 
Beziehung uns bieten. 

Von allen bisher in Südamerika bekannt gewordenen Schädeln stehen 
den botocudischen keine so nahe, wie die von LUND in der Höhle von 
Suraidouro bei Lagoasanta gefundenen. Wenn dieselben auch, wie 
LÜTKEN auf dem Copenhagener Amerikanistencongress 1883 überzeugend 
nachgewiesen hat, kein diluviales Alter beanspruchen dürfen, so sind sie doch 
jedenfalls sehr alt und müssen einem lange vor der europäischen Einwanderung 
verschwundenem Volke angehören, denn in diesem ganzen Theile der Provinz 
Minas trafen die ersten Entdecker keine indianische Bevölkerung mehr an. 

Diese Cranien gleichen in allen Stücken so sehr den botocudischen, 
dass über die nahe Verwandtschaft beider Typen kein Zweifel herrschen 
kann. Bereits LACERDA und PeIXüTO haben bei Besprechung des einen, 
in Rio befindlichen Lagoasanta-Schädels darauf aufmerksam gemacht, 
QUATREPA(iE8 hat sich verschiedentlich in demselben Sinne ausgesprochen. 
KOLLMANN's^) neueste Untersuchungen an den übrigen LUND'schen Schädeln 
haben es bestätigt. Ich selbst endlich habe mich bei Gelegenheit eines 
Besuches der Copenhagener Sammlung von der vollkommenen Identität beider 
Schädelformen überzeugt. Am ähnlichsten den Lagoasanta-Schädeln sind von 
den Berlinern die der Serie 1 (Poton). 



1) Zeitschr. f. Ethn. 1875 Taf. IV. 

2) Archiv, d. Mus. Nr. VI 1884 S. 250. vgl. auch KeyV Bemerkunfr über don Schailel 
St. Hilaire's I. c. 40. 

3) Zeiischr. f. Ethn. 1884 S. 194 «. 



30 PAUIi EnRENRElCH: 

Wir sind, wie ich glaube, wohl berechtigt, die alten Höhlenmenschen des 
Centrums der Provinz Minas als die directen Vorfahren unserer heutigen 
Botocuden im östlichen Theile dieser Provinz zu betrachten. 

Es ergiebt sich somit als Resultat, dass eine weitere Verbreitung der 
Botocudenrasse nach Westen in alter Zeit zum mindesten höchst wahrscheinlich 
ist, während nach Norden und Süden hin sich keine anthropologischen 
Anknüpfungspunkte finden. Die hier ansässigen Völker sind craniologisch 
alle mehr oder weniger von den Botocudos verschieden. 

Dieses Ergebniss erhält seine völlige Bestätigung durch die ethnologischen 
Thatsachen. Es existiren ethnologisch keine Beziehungen zu den nördlichen 
und südlichen Nachbarvölkern i). desto mehr jedoch zu anderen Stämmen 
fern im Westen, MaRTIUS hat bereits in seiner Ethnographie Nr. 341 die 
Ansicht ausgesprochen, dass die Völker, welche er unter dem Namen Crens 
zusammenfasst, und deren bedeutendstes die Botocuden sind, mit der grossen 
Völkerfamilie der Ges, die fast das ganze Centrum Brasiliens, die Provinz 
Goyaz und die angrenzenden Theile von Matto grosso, Maranhdo, Piauhy, 
Bahia u. s. w. bewohnt, verwandt sein möchten. 

Die Erforschung des Rio Xingu und seines Quellgebietes durch die 
V. D. STEENEN'sche Expedition 1884 hat auf die Ges-Frage ein ganz neues 
Licht geworfen. Ein neuer interessanter Ges-Stamm, die Suya, wurde entdeckt, 
der, noch in voller Steinzeit lebend, mancherlei ethnologische und linguistische 
Berührungspunkte mit den Botocuden zeigte; es gelang dann auch mit 
Sicherheit, die sprachliche Verwandtschaft der letzteren mit der grossen 
Ges-Nation überhaupt nachzuweisen. Ebenso liess sich die Zugehörigkeit der 
bisher als Goyatacas bezeichneten, jetzt verschwundenen Stämme des süd- 
östlichen Küstengebiets zwischen Rio und Bahia zu den Ges feststellen, 
während die jetzt w^ohl gleichfalls erloschenen Tapuyastämme der Camaacans, 
Catoxos, Meniens u. s. w. zwischen Rio Pardo und Rio Contas schon von 
MaRTIUS als östliche Ges zusammengefasst worden waren. 

Ausser linguistischen Thatsachen sprechen auch manche kulturgeschicht- 
liche V'^erhältnisse für eine nahe Verwandtschaft der Botocuden mit den 
Ges-Völkern, wie die Unkenntniss des Gebrauchs der Hängematte, welche die 
Suya beispielsweise erst vor Kurzem dem benachbarten Karibenstamme der 
Bacairi entlehnt haben, ferner die bei der Mehrzahl der Ges-Stämme mit Aus- 
nahme der Suya mangelhaft entwickelte Keramik, die noch äusserst primitiv 
betriebene Scliiöfahrt, endlich der fast allgemein verbreitete Gebrauch der 
Ohr- und Lippenpflöcke, die bei den Suya und anderen den botocudischen 
recht ähnlich sind. 



1) Auch nicht zu den Coroados und I'uris, die nach Martius von den Botocudos in 
uralter Zeit sich abgezweigt haben sollen. Dieselben sind nicht nur in Sprache und Sitte, 
sondern auch, wie ich mich aus eigener Anschauung überzeugt habe, in ihrer äusseren 
Erscheinung wesentlich von letzteren verschieden. Ihre Stellung ist /.ur Zeit noch völlig 
unsicher. 



üeber die Rotocudos. 81 

Nur die jetzt fast erloschenen östlichen luul südöstlichen Ges (Goyatacas) 
sind auf gleich niederer Culturstufe stehen geblieben, wir die Botocudos; 
die "westlichen haben eine ausserordentlich viel höher«! Ausbildung erreicht, 
viele ihrer Stämme stehen geistig und niateriell selbst mancht-n Kariben- oder 
Tupivölkern voran. Man vergleiche hier die iienicrkungen Dr. V. I). STEINEN's 
über die Suya (Durch Central-Bras. 207 fl".). Dieselben besitzen vortreffliche 
Häuser, verfertigen Matten und Holzschnitzereien, zeigen ästhetischen Sinn 
in der Herstellung von buntem Ft'derschmuck und kunstvoller Arabeskcn- 
malerei und haben im Ackerbau, der Kultur von Baumwolle, Mais, Bohnen, 
Manioc u. s. w, ganz erhebliche Fortschritte gemacht. Eine wie traurige 
Rolle spielen ihnen gegenüber die Botocudos, welche niemals über das 
Stadium niedrigster Barbarei hinausgekommen sind! Alles dies nöthigt uns 
zu der Annahme, dass die östlichen Ges die ältesten Repräsentanten ihres 
Völkerkreises sind. Die Urwaldgebiete östlich von der Serra do Espinhapo 
waren, wie es scheint, die Urheimath des Ges- Volkes, der Ausgangspunkt seiner 
Wanderungen. Mehr als 8 Längengrade trennen die heutigen Botocuden 
von den heutigen Ges in der Provinz Goyaz ; indianische Stämme finden sich 
auf diesem weiten Räume nicht mehr. Diese Lücke wird indessen einiger- 
massen ausgefüllt durch LUND's Höhlenschädel, die, weit westlich von dem 
heutigen Verbreitungskreise der Botocuden, den letzteren doch so ausser- 
ordenthch gleichen. Die Lagoasanta-Menschen sind entweder als Ueberreste 
uralter, auf der Wanderung nach dem Westen begriffener Ges zu betrachten, 
oder, was mir wahrscheinlicher scheint, sie repräsentiren das Urvolk, von 
dem Botocuden und heutige Ges sich abgezweigt haben. Die Botocuden 
wären als derjenige Theil der Ges anzusehen, welcher, jener alten Ur- 
bevölkerung am nächsten stehend, noch heute in oder doch nahe bei seinen 
ursprünglichen Wohnsitzen lebt. Ihre Unkenntniss der Schifffahrt, des 
Schwimraens, des Anbaues irgend welcher Culturpflanzen, namentlich auch 
des Tabaks, macht die Annahme, dass sie je irgendwelche Wanderungen 
unternommen haben oder auch nur mit anderen Völkern dauernd in Verkehr 
getreten sind, wenig wahrscheinlich.' 

Die nach dem fernen Westen vorgedrungenen Ges haben in den Wechsel- 
fällen des Wanderlebens, im Kampfe ums Dasein mit anderen Völkern und 
der sie umgebenden Natur, einen nicht unansehnlichen Grad der Ausbildung 
erreicht, während die Botocuden, zum „Standvolk" geworden, auf der 
untersten Stufe der Cultur stehen geblieben sind. 

Endgültig wird sich die Frage nach dem Verhältniss der Botokudcn zu 
den Gesvölkern erst auf Grund einer exacten anthropologischen Untersuchung 
der letzteren entscheiden lassen, wozu bis jetzt leider noch nicht einmal der 
Anfang gemacht werden konnte. Das im Vorhergehenden beigebrachte 
Material genügt, wie ich glaube, um wahrscheinlich zu machen, dass wir 
in den Botocuden die ältesten Vertreter der Ges vor uns haben, 

Zeitschrift für Ethnologie. Jahrg. 1887. *> 



Qo Paul Ehrejikeich •. üeber die Botocudos. 

die, ihrer Gesittungsstufe nach, dem Urzustände dieser Völker- 
familie am nächsten stehen. 

Das es je gelingen wird, sie der wahren Civilisation zu gewinnen, ist 
schwerlich anzunehmen. Die Aldeamenten können, wie oben gezeigt wurde, 
in ihrer jetzigen Verfassung nichts leisten, und an eine Aenderung des bisher 
befolgten Systems ist sobald nicht zu denken. Dazu kommt, dass auch der 
Culturgrad der umwohnenden brasilianischen, hauptsächlich farbigen Be- 
völkerung ebenfalls noch ein ausserordentlich niedriger ist. 

Die aldeisirten Stämme werden schliesslich in der letzteren aufgehen 
denn die Zahl der Mischlinge wächst von Jahr zu Jahr. Die Wilden 
werden ihre Unabhängigkeit wohl noch so lange bewahren, bis die Eisen- 
bahnen, welche das Hochland der Provinz Minas mit der Küste von Espiritu 
Santo verbinden sollen, vollendet sein werden. Schon ist die Linie Caravellas- 
Philadelphia zum dritten Theile im Betrieb, die zweite von Victoria nach 
dem Guandu wenigstens vermessen. Wenn auch die Fertigstellung der 
letzteren noch in weiter Ferne steht, so ist sie doch nur eine Frage der Zeit. 
So wird das Gebiet der Wilden mehr und mehr von allen Seiten eingeengt. 
Ertönen erst der PfifP der Locomotive und die Axtschläge fleissiger Colonisten 
durch die Waldwildnisse des Rio Doce und Mucury, so hat auch die Stunde 
der Vernichtung für die Naturmenschen geschlagen. 

„Die amerikanische Menschheit hat keine Zukunft mehr". Dieser Aus- 
spruch unseres MAKTIUS mag für die „rotbe" Rasse in ihrer Gesammtheit 
vielleicht nicht ganz zutreffend sein, nachdem neuerdings auf dem Boden der 
alten amerikanischen Culturländer die eingeborene Bevölkerung, trotz mehrerer 
Jahrhunderte der Bedrückung, des physischen und geistigen Verfalls, zu 
neuer Bedeutung zu gelangen scheint. Um so mehr aber gilt er diesen 
niedrigsten, im eigenen Lande heimathlos umherirrenden Horden, von deren 
Dasein im nächsten Jahrhundert nur noch hier und da beim Urbarmachen 
des Waldes gefundene, spärliche Skeletreste und Steinwerkzeuge Kunde 
geben werden. 



III. 

Statistische Betraclitungen über biblische Daten. 

Ein Beitrag zur Volkskunde des Alterthums 

von 

Dr. VINC. GOEHLERT in Gratz. 



I. 

Die, im alten Testamente enthaltenen, zahlreichen statistischen und ins- 
besondere biologischen Daten haben mich zu dem Versuche angeregt, zu 
erforschen und ein Unheil darüber zu gewinnen, ob die Lebenserscheinungen 
der Menschengattung und überhaupt die Bevölkerungsverhältnisse vor mehr 
als 3000 Jahren mit den Ergebnissen, wie sie die heutige Bevölkerungs- 
Statistik liefert, in Einklang stehen. 

Allerdings wird eine solche Untersuchung durch den Umstand getrübt, 
dass sich die, zu diesem Behufe gesammelten Daten blos auf einen nicht sehr 
zahlreichen Volksstamm beziehen, dessen Entwickelung unter ganz anderen 
Verhältnissen erfolgt ist, wie sie die Völker Europas bieten. Nichtsdesto- 
weniger werden sich, wenn man von ethnologischen und klimatischen Ver- 
hältnissen absieht, immerhin Anhaltspunkte finden lassen, welche jene Er- 
scheinungen des rein physischen Lebens der Menschen, die in der heutigen 
Bevölkerungs-Statistik Geltung haben, ziffermässig zum Ausdrucke bringen 
und sonach eine Vergleichung gestatten. 

Wenn man glaubt, dass das Leben der Menschen in den ältesten Zeiten 
länger als heut zu Tage gedauert habe, so beruht dies auf einem Irrthum, 
wiewohl vor der Sintfluth von einzelnen Manschen ein Lebensalter angegeben 
wird, w^elches uns in Erstaunen setzt: von Adam bis Noah finden wir sieben 
Personen, welche mehr als 900 Jahre alt geworden sein sollen. So soll 
Adam 930, Seth 912, Enos 905, Cainan 910, Jared 962, Methusalem 9G9 
und Noah 950 Jahre gelebt haben. Nach den angegebenen Lebonsjabren 
hätte Noah noch zur Zeit der Geburt seines achtfachen Urenkels Abraham 
gelebt! 

Dagegen lässt sich einerseits einwenden, dass das Jahr nicht mit 
12 Monaten gerechnet ist, und einen, nach unserer Zeitrechnung, viel kürzeren 
Zeitraum umfasst hat. So wird von Einigen (insbesondere von HENSLEK) 

6* 



84 



VrN'C. GOEHLERT: 



behauptet, dass das Jahr der Israeliten bis zu Abrahams Zeiten bloss drei 
Monate umfasst habe. Wenn dies auch zugegeben werden könnte, so würde 
die durchschnittliche Lebensdauer der Menschen bis zu Sem's Zeiten 200 Jahre 
und das mittlere Zeugungsalter 28 Jahre betragen haben; nach dieser Zeit 
bis auf Abraham würde jedoch die erste Zahl auf 75 und die andere auf 9, 
in einigen Fällen sogar bis auf 7 Jahre fallen, was w^ohl nicht glaublich 
erscheint. 

Andererseits kann man aber auch annehmen, dass das für einzelne 
Personen angegebene Lebensalter blos Zeitperioden umfasst, welchen der 
Name der, in einer solchen Periode besonders hervorragenden Persönlichkeit 
gegeben wurde (wie z. B. die Zeit der Carolinger, der Jagelionen), die, in 
Folge einer verhältnissmässig langen Lebensdauer, auch eine erhöhte Wirk- 
samkeit entfalten konnte. Denn soweit wir in die Entwicklungsgeschichte 
des Menschengeschlechts haben Einsicht gewinnen können, ist es unwahr- 
scheinlich, dass der Cultur-Fortschritt der Menschheit in so raschem Maasse 
erfolgt sei, dass wir schon in der neunten Generation nach Adam, nehmlich 
zur Zeit Noahs, eine unter einem Herrscher stehende Gesellschaft finden, 
welche ihre Rechte gewaltsam durch Kriege vertheidigt, oder auch in ihrer 
Ueberlegenheit andere Gesellschaften unterjocht und tributpflichtig macht. 
So finden wir schon Nimrod als einen gewaltigen Herrn; auch wird schon 
in der zweiten Generation, zur Zeit Kains i), die Gründung von Städten und 
in der neunten Generation, zur Zeit Tubalkains-), der Anfang der metallurgischen 
Arbeiten erwähnt^). 

Die Adam'sche Periode stellt uns überhaupt den ersten, zum Selbst- 
bewusstsein gelangten Menschen dar, und seine mit Mythen umwebte 
Biographie bezeichnet nur eine Entwicklungsstufe vom instinctiven Menschen- 
thiere bis zum Höhlenbewohner, welcher sich in Felle kleidet und mit 
Baumfrüchten nährt, und in welchem zuerst das Gefühl der Abhängigkeit 
von, ausserhalb ihm wirkenden Kräften zum selbstbewussten Ausdrucke 
gelangt. 

Erst mit der Zeit Abrahams tritt die Sage immer mehr in den Hinter- 
grund, und beginnt eigentlich die Geschichte der Israeliten. Wird das Jahr 
1492 V. Chr. Geb. als jenes der Auswanderung der Israeliten aus Aegypten 
als feststehende Thatsache angenommen*), so lässt sich die Zeit, in welcher 
Abraham lebte, nach den folgenden Daten genau bestimmen: 



1) Kaiu baute eine Stadt, welche er nach seinem Sohne Henoch benannte. 

2) Tubalkain, der Sohn Lamechs, wird als Meister in Erz- und Eisenwerk gerühmt. 

3) Dass übrigens die genealogischen Daten bis zur Zeit Moses' unvollständig sind und 
nur einige Generationen besonders hervorgehoben werden, erhellt auch daraus, dass, nach 
den im zweiten Buche Moses enthaltenen Daten, nur 3 Generationen während des 430 jährigen 
Aufenthalts der Israeliten in Aegypten angegeben sind; Levi zeugte Kahath, dieser Amram 
und dieser Aron und Moses. 

4) Lauth: Aegyptische Chronologie. Strassburg 1877. 



Statistische Betrachtungen über biblische Daten. 85 

Der Aufenthalt der Israeliten in Aegypten dauerte 430 Jahre. 

Jakob war zur Zeit der Einwanderung alt 130 

von der Geburt Isaaks bis zur Geburt Jakobs sind vertlossen . GO „ 
Abraham stand zur Zeit der Geburt Isaaks im Alter von . . 100 „ 

sonach erhalten wie . . . . 720 Jahre 
und, mit Zurechnung der oben erwähnten Jahreszahl (14l»2), im Ganzen 
2212 Jahre. Da Abraham ein Lebensalter von 17ö Jahren erreichte, so hat 
er in der Zeit von 2212 bis 2037 v. Chr. Geb., stJnach vor beiläufig 
4000 Jahren gelebt i). 

Zur Beurtheilung der Culturgrade der Völker Vordcr-Asiens zu der 
damaligen Zeit können folgende Daten dienen: Abraham, reich an Schafen, 
Rindern, Eseln und Kameelen, an Gold und Silber, an Knechten und Mägden, 
reiste mit seinem Zelte, welches er auf seiner Wanderung aus Mesopotamien 
an verschiedenen Orten aufschlug; als Lastthiere dienten ihm Kameele; er 
sandte seine Diener mit zehn, mit \ielen Gütern beladenen Kamcelen in die 
mesopotamische Stadt Nahor, um dort für seinen Sohn Isaak eine Frau 
(Rebekka) zu holen; als Brautgabe wurden ihr goldene Stirn- und Arm- 
bänder übergeben. Abraham stiftete auch eine Familiengruft im Haine 
Mamre, allwo eine zweifache Höhle ist; in dieselbe wurden die einbalsamirten 
Leichname Abrahams, Isaaks und Jakobs und jene der Frauen Sarah, Re- 
bekka und Lea hinterlegt (Moses, I. B.). 

Den Cultur-Forts<ihritt in der Folgezeit (bis zu Moses' Zeiten) bezeugen 
folgende Daten: Moses verfasste ein Gesetzbuch, welches in der Bundeslade 
aufbewahrt wurde: die Gebote Gottes waren auf, mit Kalk übertünchten 
Steintafeln geschrieben, welche in der Stiftshütte aufgestellt wurden. An 
der Verfertigung der Teppiche für die Stiftshütte und an der Herstellung der, 
für die Leviten bestimmten Kirchengewänder, welche aus gefärbter Seide 
und Goldfäden mit Borten und Spangen bestanden, haben sich auch die 
israelitischen Frauen betheiligt. Die Vergoldungsarbeiten für die Bundes- 
lade wurden unter Aufsicht eines sachkundigen Meisters (Ahaliab) aus- 
geführt. In zwei Onyxsteinen waren die Namen der zwölf Stämme gravirt-) 
(Moses, IL B.). 

II. 

Es lässt sich nicht läugnen, dass den Menschen in den ältesten Zeiten, 
unter günstigen klimatischen Yerhältnissen, im Vollbesitze ihrer physischen 

1) In den historischen Werlien wird die Zeit des Todes Abrahams gewöhnlich um das 
Jahr 1800 v. Chr. G. angegeben. 

2) Zu Jaiiobs Zeiten (um das Jahr 1920/5 v. Chr. Geh.) wurden in Aegypten der Zehent 
und das Unterthäniglieitsverhriltniss eingeführt: denn Joseph, der Minister des Pharao, welcher 
von demselben ein goldenes Collier und einen Siegelring (vielleicht Staatssiei^el) als Zeichen 
seiner Würde erhalten hatte, kaufte dem Pharao das ganze Land (ausgenommen der Priester 
Felder). Joseph sagte zum Volke: Ich habe euch und euer Land dem Pharao gekauft, da 
habt ihr nun Samen und besäet das Feld, von dem Getreide sollt ihr den fünften TLeil dem 
Pharao geben. Das Volk sagte: Lasst uns nur bauen, wir wollen gerne dem Pharao leibeigen 
(servi) sein (Moses, I. B. c. 47.). 



86 



Venc. Goehlert: 



Kräfte und ohne den Kampf um das physische Leben ein höheres Lebens- 
alter beschieden sein konnte, als in der Folgezeit, da mit der Ausbreitung 
des MenschengescUechts und bei der verschiedenartigen Gestaltung der 
socialen Verhidtnisse der, die physischen Kräfte aufreibende Kampf um das 
Dasein eingetreten war. Dass aber vor mehr als 3000 Jahren die mittlere 
Lebensdauer der Israeliten nicht länger gewesen ist, als sie von bewährten 
Statistikern für einzelne europäische Länder berechnet wird, hierfür liefern 
uns die Bücher Moses den entsprechenden Beleg. Nach denselben wurden 
die Israeliten nach dem Auszuge aus Aegypten am Berge Sinai gezählt, und 
diese Zählung erstreckte sich auf die zwanzig und mehr Jahre alten männ- 
lichen Personen; vor der Erstürmung von Jericho, beiläufig 37 Jahre später, 
fand eine zweite Volkszählung statt, bei welcher keiner von jenen (ausser 
Moses, Aaron und Caleb) mehr am Leben war, welche am Berge Sinai ge- 
zählt worden waren. Sonach erreichte die mittlere Lebensdauer der zwanzig- 
jährigen Männer 87 Jahre, und die mittlere Lebensdauer im weiteren Sinne 
stellt sich auf 57 (37 -f 20) Jahre, wobei allerdings auch zu berücksichtigen 
ist, dass die männliche Bevölkerung während ihres Zuges durch die Wüste 
im fortwährenden Kampfe mit den dort heimischen Völkern lebte, und über- 
dies der liungersnoth und Seuche ausgesetzt war. Nach der Mortalitäts- 
Tafel für den Kanton Genf (vom Jahre 1838 bis 1845), berechnet von Dr. 
Marc D'ESPINE, beträgt die mittlere Lebensdauer der zwanzigjährigen Männer 
37 Jahre und nach der, für die österreichischen Länder berechneten Absterbe- 
ordnung (vom Jahre 1870 bis 1880) 36,79 Jahre i). 

Auch das durchschnittliche Lebensalter der jüdischen Könige, welche 
eines natürlichen Todes gestorben sind, stellt sich nur auf 56 bis 57 Jahre; 
das höchste Alter hat König David erreicht, welcher im siebzigsten Lebens- 
jahre in Folge Altersschwäche (Marasmus senilis) gestorben ist 2). Dass 
Moses 120, JosuallO und der Hohepriester Eli 90 Jahre alt geworden sind, 
darf uns hierbei nicht beirren; denn diese Männer bilden eben eine Aus- 
nahme von der allgemeinen Regel, sowie auch heutzutage noch ein solches 
Alter zuweilen vorkommt. ^) 



1) Oeslerreichische Statistik. B. V. II. 3. Nach anderen Mortalitäts-Tafeln schwankt 
di« mittlere Lebensdauer der Zwanzigjährigen zwischen 35 und 39 Jahren. 

2) Die mittlere Lebensdauer der männlichen Personen aus der Dynastie der Capetinger 
(von Robert von Clermont bis Uenri von Chambord) berechnet sich mit 55,5 Jahren; das 
höchste Lebensalter mit 79 Jahren hat König Carl X. erreicht (Annales de demographie 
internat. T. V. Pari.-.). Auch klagt schon König Salomo in seinem 90. Psalm: „Das mensch- 
liche Leben dauert 70, und wenn es hoch kommt, 80 Jahre." 

3) Der französische Chemiker Chevreul feierte im Jahre 1886 seinen hundertsten Geburts- 
tag, an Heiner .Seite stand M-in 70 jähriger Sohn. Während des Aufenthalts des österreichischen 
Kai.-ers in Tirol (im Jahre 1880, kamen unter anderen auch vier Greise aus dem Sextenthale 
zur MuldiffUHK, «olche zusummc-n 307 Lebensjahre (im Durchschnitte jeder 92 Jahre) zählten. 
Im Jahre 188G starb im Mililär.spitale zu Algier der Fähnrich Jbn Mustapha im Alter von 
126 Jahren. 



Statistische Betrachtungen über biblische Daten. 87 

Dies bezeugt der LouduuiT Banquier Sir Moses Montefiore, welcher im 
Jahre 1885 im Alter von 101 Jahren gestorben ist. Nach Dr. B. ORNSTEIN's 
biostatistischen Mittheilungen ') kommen hundertjährige Personen in Griechen- 
land nicht selten vor: in Athen (mit 79 000 Einwohnern) sind in 6 Monaten 
des Jahres 1883 drei Personen (darunter eine im Alter von 140 Jahren) und 
im Jahre 1884 fünf, 100 und mehr Jahre alte Personen (darunter eine im 
Alter von 120 Jahren) gestorben. 

Die mittlere Lebensdauer (im engeren Sinne) stallt sich, nach den oben 
angegebenen Daten, auf 30 Jahre; nach der, für die österreichischen Länder 
berechneten Absterbeordnung beträgt die mittlere Lebensdauer für das männ- 
liche Geschlecht bei der Geburt 30,95 Jahre; in der Familie der Capetinger 
hat sich die mittlere Lebensdauer während eines Zeitraums von 700 Jahren 
zwischen 26 und 32 Jahren bewegt. 

III. 

Der Laie geräth in Erstaunen, wenn er hört, dass die Nachkommenschaft 
des Patriarchen Jakob, während ihres Aufenthaltes in Unter-Aegypten, auf 
mehr als zwei Millionen Seelen gestiegen ist. Hierbei ist jedoch zu bedenken, 
dass die Israeliten in einem sehr fruchtbaren Landstriche (Gosen) wohnten, 
welcher der Ausbreitung derselben keine Hindernisse bot, dass feraer ^wahr- 
scheinlich Zuzüge von Stammverwandten, insbesondere in der ersten Zeit 
der Ansiedelung, stattgefunden haben, und dass endlich der Aufenthalt der 
Israeliten in diesem Lande 430 Jahre gewährt hat. Die ursprüngliche An- 
siedelung bestand aus 70 männlichen Personen (Jakob mit seinen Söhnen 
und Enkeln), und nach der Auswanderung aus Aegypten zählte Moses 
603 550 männhche Personen im Alter von 20 und mehr Jahren -). Wird 
nun nach der EULERschen Berechnung die Verdoppelungs-Periode gesucht, 
so erhalten wir für dieselbe beiläufig 30 Jahre, und die jährliche Zuwachs- 
Quote stellt sich auf etwas mehr als zwei Prozent. Dass eine solche Zu- 
nahme eine ungemein rasche^) ist, lässt sich nicht läugnen, doch finden wir 
durch statistische Untersuchungen belegt, dass eine solche rasche Zunahme 
auch noch in der heutigen Zeit stattfindet. So ist die Bevölkerung der 
Vereinigten Staaten von Nord-Amerika innerhalb 30 Jahren, nehmlich vom 
Jahre 1850 bis 1880, von 23 191876 auf 50 155 783, sonach um mehr als 
das Doppelte, gestiegen. Auch hat schon G. TUCKER nachgewiesen, ^ dass 



1) Archiv für pathologische Anat. und Physiologie, herausgegeben von R. VmCHOW. 
1884, Bd. 96. S. 475 und 1885, Bd. 101. S. 377. 

2) Nimmt mau die Generations-Dauer nach der, von Herodot erwähnten Berechnung der 
aegyptischen Priester mit 33 Jahren an, so sind während des 430jährigen Aufenthalts der 
Israeliten in Aegypten 13 Generationen auf einander gefolgt; zu dieser Zahl gelangt man 
auch, wenn man die Verdoppelung in einfacher Weise von 70 bis G03 550 verfolgt. 

3) Diese rasche Zunahme hat sogar den Pharao zu dem grausamen Befehle bewogen, 
dass alle neugeborenen Knaben getödtet werden sollten. Auch in den starkbevölkerten 
Districten Chinas soll Kindesmord und Kindesaussetzung jetzt noch stattfinden. 



Qn ViNC. GOEHLERT: 

die Bevölkerung dieser Staaten ohne Rücksicht auf neue territoriale Er- 
>verbungen in diesem Jahrhundert durchschnittlich um 2,6 Prozent jährlich 

zugenommen hat '). 

Uebrigens zeichnen sich die Israeliten jetzt noch durch grosse Frucht- 
barkeit aus, und statistische Untersuchungen lassen erkennen, dass die Zu- 
nahme der Israeliten in den österreichischen Ländern vom Jahre 1850 bis 
1880 mehr als zwei Prozent betragen hat. So ist die Zahl der Israeliten in 
den Österreichischen Ländern innerhalb 30 Jahren von 476 423 auf 1 005 394 
und insbesondere in Galizien von 333 450 auf 686 600, sonach um mehr als 
das Doppelte, gestiegen, wobei noch zu berücksichtigen ist, dass während 
dieser Zeit keine Zuzüge, vielmehr Wegzüge (nach der Bukowina, Ungarn 
und Wien) und auch Uebertritte zu einer anderen Confession oder Er- 
klärungen zur Confessionslosigkeit stattgefunden haben. 

Der Statistiker J. G. HOFMANN hat als Ursachen der raschen Yer- 
raehrung der Israeliten die grosse Fruchtbarkeit der Ehen und die geringe 
Sterblichkeit, insbesondere der Kinder, angegeben. Dass die israelitischen 
Ehen thatsächlich fruchtbarer sind, als jene der europäischen Völker, insoweit 
sich diese Fruchtbarkeit statistisch bestimmen lässt, hierfür finden sich schon 
im alten Testamente Belege. Nach der, in der Chronik enthaltenen Genealogie 
der Erzväter kommen auf je eine Ehe durchschnittlich 4 bis 5 Knaben, 
welche ein höheres Lebensalter erreicht haben; so hinterliessen sieben Söhne 
des Patriarchen Jakob 31 männliche Nachkommen, welche neue Familien 
gründeten: der Richter Gideon und der König Achab zählten je 70 Söhne, 
was auf eine Nachkommenschaft von mehr als 100 Kindern schliessen lässt. 
Der Richter Jephthah war Vater von 30 Söhnen und 30 Töchtern, und der 
König Rehabeam Vater von 28 Söhnen und 60 Töchtern. 

Der Stammvater der Banquier - Familie M. A. Rothschild war mit 
Iti Kindern (darunter 5 Söhne) und sein Sohn Anselmo mit 7 Kindern 
(darunter 3 Söhne) gesegnet. 

IV. 

Dass die Zunahme des israelitischen Volkes nach der Auswanderung 
aus Aegyplen minder rasch erfolgt ist, darauf haben mancherlei Ursachen 
eingewirkt. Die Zeit des Zuges durch die Wüste, während welcher erst eine 
neue, tliatkräftige und durch die Zügel der Religion geleitete eigenartige 
Generation durch den bisher unübertroffenen Heerführer und Gesetzgeber 
Moses herangezogen wurde, war der Volkszunahme nicht günstig; nicht nur 
dass die Israeliten während dieser Zeit zuweilen Mangel an Lebensmitteln 
z^ leiden hatten und von Seuchen zweimal heimgesucht wurden'''), mussten 

1) WAi'JMiL'H: Allgemeine Bevölkerungs-Statistik. 

2) Im »icrten I3uche Moses wird der Ausbruch einer Seuche (Plage) zweimal erwähnt: 
in der eiDcn Bind 14 700 und an der anderen 24 000 Menschen gestorben. 

Den Götzendienst mit dem goldenen Kalbe Hess Moses mit der Ermordung von 3000 Menschen 
betrafen (Moi«h, II. H.). 



Statistische Betrachtungen über biblische Daten. 89 

sie auch in fortwährendem Kampfe mit den heimischen Völkern leben und 
vordringen. Dass diese Kämpfe zugleich mit Raub und Plünderung ver- 
bunden waren, bezeugt der Kampf mit den Midianitern. Die Beute aus 
diesem Kampfe umfasste G75 000 Schafe, 72 000 Rinder, 61 000 Esel, 32 000 
Jungfrauen, (welche zu Kebsweibern genommen wurden) und 16 750 Säckel 
Grold, bestehend in Geräthen, Ketten, Ringen und verschiedenen Geschmeiden 
(Moses, IV. B.). ^ ^ - 

In einem späteren Kampfe mit den Hagaritern (zur Zeit der luchter) 
wurden 5000 Kameele, 2000 Esel, 25 000 Schafe und 100 000 Menschen 
weggeführt i) (Chronik, I. B,). 

Die Zahl der über 20 Jahre alten streitbaren Männer, welche am Berge 
Sinai gezählt wurden, hatte sich bei der zweiten Zählung am Flusse Jordan 
(37 Jahre später) nur wenig geändert. Bei der ersten Zählung betrug diese 
Zahl 603 550 und bei der zweiten 601,730, sodass sich nur ein Unterschied 
von 1 820 ergiebt. Eine Zunahme weisen nur die Stämme Manasse (um 
63,6 pCt.), Asser und Benjamin (um je 28,7 pCt.) Isaschar (um 10,8 pCt.), 
Sebulon (um 5,4 pCt.), Juda und Dan (um je 2,6 pCt.) auf, während bei 
den übrigen Stämmen eine Abnahme eingetreten ist, welche als Maximal- 
grenze 62,5 pCt. bei dem Stamme Simeon erreicht. 

Auch die Zeit der Richter war für die Volkszunahme keineswegs günstig, 
da die Israeliten ihre Herrschaft in dem eroberten Lande Canaan erst be- 
festigen mussten und auch innere Spaltungen eingetreten sind, welche be- 
deutende Menschenverluste zur Folge hatten. So fielen nach dem Buche der 
Richter im Kampfe mit Jephthah 42 000 Ephraimiter, und in der Schlacht 
bei Gibea verloren die Israeliten 18 000 und der Stamm Benjamin 25 000 
Mann. Im Kampfe mit den Philistern erlitten die Israeliten einen Verlust 
von 30 000 Mann (Samuel, I. B.). Wir finden daher, dass nach der Volks- 
zählung, welche beiläufig 440 Jahre später, zur Zeit der Regierung des Königs 
David, stattgefunden hat, "die Vermehrung der Volkszahl seit der Occupation 
Canaans nur eine geringe gewesen ist. Allerdings hat sich die Zahl der 
streitbaren Männer von 601 730 auf 1 300 000^') während dieser Zeit gehoben, 
sonach mehr als verdoppelt, doch berechnet sich die Zuwachs- Quote nur mit 
116 pCt. (im Durchschnitt jährlich mit 0,24 pCt.). Diese Volkszählung 
(eigentlich Militär-Conscription) wurde unter der Leitung des Feldherrn Joab 
vollführt und erstreckte sich jenseits des Jordans von Jaser bis Dan und 
diesseits des Jordans von Bersaba bis Tyrus und Sidon nordwärts. 

Die Daten über diese Volkszählung fliessen aus zwei Quellen: nach dem 
zweiten Buche Samuel's wurden im Lande Israel 800 000 und im Lande Juda 
500 000, sonach im Ganzen 1 300 000 streitbare Männer gezählt ; im ersten 

1) Der Viehreichthum des Landes erhellt auch daraus, dass König Salomo bei dem Jubel- 
feste anlässlich der Eröffnung des Tempels 120 000 Schafe und 20 000 Ochsen für das sieben- 
tägige Festessen zum Geschenke gegeben hat. 

2) In Jerusalem wohnten 3620 streitbare Männer. Die Bevölkerung dieser Stadt dürfte 
zu jener Zeit 15- bis 16 000 Einwohner betragen haben. 



q^ YrKC. Goehlert: 

Buche der Chronik finden Nvir jedoch als Zahlangsergebniss in ganz Israel 
1 100 000 und in .ludu 470 000 Männer, mit dem Beifügen, dass hierunter 
die Stämme Benjamin und Levi nicht enthalten sind. Der Stamm Benjamin 
umfasste nach "einer anderen Angabe der Chronik 59 000 Mann und der 
Stamm Levi 38 000 Mann (im Alter von 30 bis 50 Jahren), welche jedoch 
für den Kriegsdienst nicht verwendet wurden; denn unter denselben befanden 
sich 24 OÖO Personen für die Verrichtung des Religionsdienstes und 6000 Per- 
sonen als Richter und Amtleute. 

Die Ui-sache der ungleichen Zählungs-Daten dürfte darin zu suchen 
sein, dass sich die in der Chronik erwähnte Zählung, welche höhere 
Ergebnisse liefert, auch auf die, vom König David tributpflichtig gemachten 
Volker, wie Ammoniter, Philister, Edomiter u. s. w. erstreckt hat; denn der 
Feldljcrr .loab ist zu diesem Behuf jenseits des Jordans nordwärts bis Dan 
und diesseits des Jordans von Sidon südwärts bis Berseba gezogen. Aus 
diesem Grunde haben wir auch die, im Buche Samuels enthaltenen Daten, 
als zur Vergleichung allein geeignet, herangezogen und die Zunahme seit der, 
von Moses vorgenommenen, zweiten Zählung mit 116 pCt. berechnet. Diese 
Berechnung lässt sich nur für einige Stämme, von welchen die betreffenden 
I)aten nachgewiesen sind, weiter ausführen; hiernach haben sich der Stamm 
Rüben nur um 2,3 pCt. und die Stämme Benjamin, Juda und Isaschar um 
30,2 bis 35,3 pCt. vermehrt. Die Zählung der Leviten erfolgte mit Rück- 
sicht auf ihre dienstlichen Leistungen nach einem anderen Maassstabe; bei 
denselben war uchmlich das Lebensalter von 30 bis 50 Jahren maassgebend, 
während für die übrigen Stämme das Alter von 20 und mehr Jahren ge- 
golten hat. Die Zunahme der Leviten erreichte seit derselben Zeit 342 pCt. 
(im Durchschnitte jährlich 0,78 pCt.). 

Wenn wir weiter die Grösse des ganzen israelitischen Volkes bestimmen 
wollen, 80 lässt sich eine solche Berechnung nur unter gewissen Voraus- 
setzungen ausführen. 

In den europäischen Ländern berechnet sich die Zahl der IJnterz wanzig- 
jährigen zwischen 42 bis 48 pCl. der ganzen Bevölkerung; wird nun diese 
Zahl mit 45 pCt. für das israehtische Volk angenommen, so steigt die ganze 
männliche Bevölkerung nach der ersten Zählung Moses' auf 1 097 170 Per- 
bonen und, unter der Voraussetzung der Gleichheit füi' beide Geschlechter, 
erreicht die allgemeine Bevölkerungszahl die Höhe von 2 194 340, wozu noch 
beiläufig 50000 Personen des Stammes Levi zu rechnen sind. Diese Menschen- 
maes)' ibt unter der Leitung des genialen siebzigjährigen Führers Moses durch 
UDwirlhliche Gegenden, ohne Zufuhr von Lebensmitteln und im beständigen 
Kfimpfv mit anderen Völkern, durch 40 Jahre gewandert, um das, von ihrem 
I'ülirer ho-iiiiimte Ziel, die Occupation Canaans, zu erreichen und einen, 
durch Keligion und Sitten geordneten Staat zu gründen, dessen Glanz- 
periode, uuu-r den Königen David und Salomo, uns jetzt noch mit Be- 
wunderung ei-fullt! 



statistische Betrachtungen über biblische Daten. öl 

Wird diese Berechnung auch bei den Zählungsergebnisseu aus der Zeit 
des Königs David in Anwendung gebracht, so gelangen wir von den, in der 
Chronik angegebenen 1 629 000 männhchen Personen (über 20 Jahre alt) 
zu einem ßevölkerungsstande von 5 923 600, wozu noch beiläufig 200 000 
Personen des Stammes Levi kommen, wonach das israelitische Keicli zur 
Zeit Davids über 6 Millionen Einwohner uiufasst hat*), eine Bevölkerung, 
wie wir sie, unter den europäischen Ländern, in Belgien, Bayern, Galizien 
und Rumänien gegenwärtig finden. ■^"' 

Endlich wird noch eine vierte Volkszählung erwähnt, welche zur Zeit 
der Regierung des Königs Amazia, beiläufig 200 Jahre später, erfolgte. Die- 
selbe umfasste blos die Ländereien der Stämme Juda und Benjamin, und das 
Ergebniss derselben zeigt nur eine geringe Zunahme der Einwohner (im 
Ganzen 31,3 pCt.), was auch begreiflich ist, da nach dem Tode des Königs 
Salomo und nach der Spaltung des Reiches in zwei Theile fortwährend 
imiere Unruhen stattgefunden haben. Welche Menschenverluste die Israeliten 
durch Kriege zu erleiden hatten, kann mau daraus entnehmen, dass in dem 
Kriege zwischen Jerobeam und Abia 500 000 Israeliten gefangen und ge- 
tödtet wurden, dass in dem Kriege zwischen Pekach und Achas von Seite 
der Juden 120 000 Mann gefallen und überdies 200 000 Weiber und Kinder 
in die Gefangenschaft gerathen sind. Zur Zeit des Judenkönigs Achas führte 
der assyrische König Tiglath Pilessar die Stämme Raben, Gad und Manasse, 
welche jenseits des Flusses Jordan wohnten (beiläufig 120 000 Menschen), 
weg. Auch raffte in den letzten Jahren der Regierung des Königs David 
die Pest durch drei Tage 70 000 Menschen hin -) (Chronik, L B.). 

V. 

Die Grösse der Bevölkerung des israelitischen Reiches lässt sich auch 
nach der Stärke des Heeres, welches bei dem Ausbruche eines Krieges den 
Königen zur Verfügung gestanden hat, einigermaassen beurtheilen. 

Davids Heer in dem Bürgerkriege gegen Saul zählte 339 600 Mann; 
nicht viel weniger dürfte Sauls Heer gezählt haben ^). In der Folgezeit 
bestand das Friedensheer Davids aus 288 000 Mann, an dessen Spitze 
12 Oberste mit je 24 000 Mann standen, welche abwechselnd in jedem Monate 
des Jahres zu militärischen Hebungen einberufen wurden^). Li dem Bruder- 
kriege zwischen Rehabeam und Jerobeam gebot der erste über 180 000, 
der andere über 800 000 Mann; im Kampfe mit Abia, König der Juden, 



1) Nach Josephus Flavius zählte man in Palästina zur Zeit der Zerstörung Jerusalems 
durch die Römer (70 n. Chr. Geb ) 2 700 000 Einwohner. 

2) Aus derselben Ursache dürfte sich auch die grosse Sterblichkeit im Heere des assyrischen 
Königs Sanherib erklären lassen, welcher bei der Belagerung von Jerusalem 185 000 Mann 
durch Tod verloren hat (Chronik, II. B.). 

3) Im Kampfe Sauls mit den Aramonitern betrug dessen Heeresmacht 330 000 ilann. 

4) Die Rüstung der israelitischen Soldaten bestand aus Helm, Panzer, Schild, Spiess oder 
Bogen und Schleudersteinen. Assa's Heer zählte 300000 Spiessträger und 280000 Bogen- 



q.^ YlKC. GOEHLERT: 

xvelcher mit 400 000 Mann ins Feld zog, verlor jedoch Jerobeam mehr als 

die Hälfte seiner Truppen O- j iz • 

Mit der Zunahme der Bevölkerung ist unter den nachfolgenden Konigen 
vonJuda auch die Stärke des Heeres gestiegen; Assa und Josephat verfügten 
über eine Heeresraacht von 580 000 Mann 2). Unter Amazia und Ussia 
sinkt der Armeestand jedoch auf 300 000 Mann, was dem, unter der Regierung 
Jorams eingetretenen Abfall der Edomiter zuzuschreiben ist; dem erst- 
genannten Könige standen noch 100 000 Miethtruppen aus Israel zu Gebote, 
für deren Ueberlassung 100 Ctr. Silber bedungen wurden. Schliesslich wird 
noch eine chronologische Zusammenstellung der Könige (von Juda) beigefügt, 
welche zugleich die, während der Regierungszeit der einzelnen Könige ein- 
getretenen, mchtigen Ereignisse und sonstige Daten enthält. Zu dieser Zu- 
sammenstellung wollen wir nur noch eine Bemerkung beifügen. Wenn man 
nehmlich die Regierungszeit der einzelnen Könige von David bis Josua zu- 
sammenrechnet und hierbei von jenen Königen absieht, welche nur durch 
kurze Zeit regiert haben, so erhalten wir 431 Jahre als die gesammte Re- 
gierungszeit von 13 Königen, so dass die Regierungsdauer eines Königs im 
Durchschnitte 33,2 Jahre beträgt, wie auch schon die ägyptischen Priester 
die Reihenfolge der Könige nach einer durchschnittlichen Generationsdauer 
von 33 Jahren gezählt haben sollen (Herodot). Werden von David bis 
Zedekia (Hosias Sohn) 14 Generationen mit je 33,3 Jahren gerechnet, so 
erhält man 466 Jahre. Die Gefangenschaft des letzten Königs erfolgte im 
Jahre 687 v. Chr. Geb., welche Zahl mit Zurechnung der obigen 466 Jahre 
sich auf 1053 erhebt, auf welche Zeit nahezu der Regierungsantritt des 
Königs David fäUt. 

schützen; zu diesen gehörten auch die Schleuderer, welche links waren, ohne Fehl auf 
ein Haar treffen konnten und vorzugsweise aus dem Stamme Benjamin genommen wurden. 
(Die Leibgarde des Königs Salomo bestand aus 6200 Mann, welche goldene Schilde trugen, 
die Pharao Sissak als Beute nach Aegypten wegführen liess. 

1) Der Perserkönig Cyrus zog mit 128 000 Mann in den Kampf gegen Crösus, welcher 
über 136000 Mann gebot, und dem überdies kleinasiatische Griechen und Assyrer als Hülfs- 
truppen zur Seite standen (Xenophon Cyrop. II. B.) Im Kampfe gegen Babylon umfasste 
Cyrus' Heer 160 000 Mann Fusstruppen und 120 000 Reiter (ebend. VIII. B.). 

2) Die Zahl der waffenfähigen römischen Bürger betrug nach Dionysios zur Zeit des 
Königs Servius Tuiiius (580 v. Chr. Geb.) 80 700, seit Errichtung der Republik 150 000, zu 
Ende des ersten punischen Krieges 300 (X)0, zur Zeit des Kaisers Octavianus Augustus 
4 137 000 und zur Zeit des Kaisers Claudius 6 940 000 Mann (Moreau de Jonnes: Statistique 
des peuples de l'antiquite. Paris 1851). Bei dem Einfalle der Gallier in das römische Ge- 
biet (225 V. Chr. Geb.) konnten die Römer mit ihren Bundesgenossen in Mittel- und Unter- 
Italien auf 700 0(X) Mann im Nothfalle rechnen (Polybius, II. B.). 

Wie Caesar (im siebenten Buche „de bello gallico") erwähnt, hat Vercingetorix, der Held 
von Alisia, einen Theil der gallischen Völker zum Aufstande gegen die römische Herrschaft 
bewogen; von den 260 000 Aufständischen sind 80 000 im Kampfe gefallen. Nach dem 
zweiten Buche konnten die Beiger 340 000 streitbare Männer (darunter die Belovaken 
KX)(XXJ Mann) ins Feld stellen. Zu Caesars Zeit fielen 92 000 waffenfähige Helvetier und ihre 
BondesRenossen (mit Frauen und Kindern im Ganzen 368 000 Menschen) in Gallien ein; nur 
110 000 sind wieder in ihre lleimath zurückgekehrt. Ariovistus zog mit 120 000 Germanen 
nach Gallien, wohin Sjiäter noch 24 000 Haruden gekommen sind (Caesar de bello gall. I. B.). 



statistische Betrachtungen über biblische Daten. 



93 











ReLrieruncrs- 






Ge- 


Ge- 










König*) 


boren 


storben 


alter 


An- 
fang 


Ende 


Dauer 


Anmerkung. 




Jahr 




Jahr 








V. Chr. G. 


Jahre 


V. Ch 


r. G. 


Jahre 




Saul 








1070 


1055 


15 


Der Leichnam wurde verl)rannt. 


David 


1085 


1015 


70 


1055 


1015 


40 


rebidirte 7,5 Jahre zu Hebron 
u, 33 J.'zu Jerusalem. DreiJ. 
Theuerung. Pestepidemie. 


Salomo 


1035 


976 


59 


1015 


976 


39 


1012 Grundsteinlegung zum 
Tempelbau, vollendet in 
7 Jahren 8 Monaten. 


Rehabeam .... 


1016 


958 


58 


976 


959/8 


17 


971 Pharao Sissak fällt mit 
600000 Mann Fussvolk und 
60000 Reitern ins Land ein. 


Abia 


988? 


956 


32 


958/9 


956 


2 


eroberte einen Theil des Lan- 
des Israel. Leichnam ver- 
brannt. 


Assa 


976? 


916 


60? 


956/7 


916 


41 


Raubzug der Mohren. Leich- 
nam verbrannt. 


Josephat 


950 


890 


60 


916 


890/1 


25 


Dreijährige Theuerung. Erd- 
beben. 


Joram 


923 


883 


40 


890/1 


883/4 


7 


Abfall der Rdomiter Sieben 
jährige Theuerung. 


Ahasia 


905 


883 


22 


883/4 


884 


0,5 


getüdtet. Regentin Athalia 
(durch 6—7 Jahre). 


Joas 


884 


837 


47 


877 


337/8 


39 


erdrosselt. Im Anfange der 
Regierung der Hohepriester 
Jojada Stellvertreter. 


Amazia 


862 


808 


54 


837/8 


808 


29 


getüdtet. 


Ussia 


824 


756 


68 


808/9 


756 


52 


an Aussatz gestorben. Erd- 
beben (Prophet Anios). Der 
Assyrer König Phul fällt ins 
Land ein (760). 


Jotham 


780 


740 


40^5 


756/7 


7401 


15,5 


machte dieAmmoniter zinsbar. 
Jährlicher Tribut 10000 Kor 
(Scheflfel) Weizen u. lOOOOK. 
Gerste nebst 100 Ctr. Silber. 


Achas 


747 


697 


50 


726 


697 


29 


Wasserleitung in Jerusalem. 
722/20 Salmanassar zerstört 
Samaria u. führt die Stämme 
Israel in die Gefangenschaft. 
712 Sanherib fällt ins 
Land ein. 


Manasse 


709 


642 


67 


697 


642 


55 


von dem assyrischen König ge- 
fangen, jedoch wieder frei- 
gelassen. 


AmoQ 


664 


640 


24 


642 


640 


2 


wurde erschlagen. 


Josia (Hosia). . . 


648 


609 


39 


640 


609 


31 


627 Pharao Necho überzieht 
das Land. In der Schlacht 
tödtlich verwundet. 


Joahas ] ( 


— 





— 


609 


609 


0,3 


abgesetzt und nach Aegypten 


[Brüder 1 














geführt. 


Joaläim j 1 


~ 




~ 


609 


597/8 


11 


Nebukadnezar fallt ins Land 
ein. Gefangen und durch 
drei Jahre unterthänig. 


Jechonia 


— 


— 


— 


597/8 


597 


0,3 


in derbabylonischen Gefangen- 
schaft gestorben. 


Zedekia 

fc 








597/8 


586/7 


11 


durch drei Jahre unterthänig: 
gefangen und geblendet. 
Zerstörung von Jerusalem. 
Babylonische Gefangenschaft 
der Juden. 



H 



*) Die Personennamen lauten nach der Bibel-Uebersetzung M. Luthers. 



Besprechungen. 



CaeL Fieih. VON CZÖKNIG, Die ethnologischen Verhältnisse des österreichi- 
schen Küstenlandes. Triest, Schimpf, 1885. 8. 35 S. Mit einer 
ethnographischen Karte in 2 Blättern. 

Der Verfasser liefert in der kleinen Schrift und der grossen, dazu gehörigen Karte eine 
recht lehrreiche Darstellung der in stetem Wechsel begriffenen Völkerverhältnisse von 
Triest, Görz und Gradiska, sowie Istrien, also derjenigen Kronländer, in welchen slavische 
und romanische Stämme und Sprachen seit länger als 1000 Jahren mit einander kämpfen. 
Er legt seiner Betrachtung die Ergebnisse der Volkszählung vom 31. Dezember 1880 zum 
Grunde, die er durch eigene Nachforschung richtig (oder richtiger) gestellt hat und die er 
mit den Ergebnissen der Zählung von 184G vergleicht. Natürlich dient ihm die Arbeit 
seines berühmten Vaters überall als Ausgangspunkt. Als einen Hauptmangel beklagt er, 
dass bei der Erhebung von 1880, bei welcher nicht die Nationalität, sondern die Umgangs- 
sprache zu Grunde gelegt wurde, das Friaulische als selbständiges Idiom gestrichen und 
dem Italienischen zugerechnet worden ist. Er weist nach, dass die friaulische, zu der ladi- 
nischen Gruppe gehörige Sprache noch gegenwärtig in der Grafschaft Görz-Gradisca von 
52 567 Personen gesprochen wird, während die Zahl der italienisch sprechenden Leute nur 
20 858, die der slovenisch sprechenden 129 857 und der deutsch sprechenden 2 659 betrug. 
Indessdie linguistische Statistik ist überall ein zweifelhaftes Ding; wie viel mehr erst in einem 
Laude, wo die Nationalitäten so stark auf einander drücken, und wo selbst die Beamten mit 
ihren Sympathien in ganz verschiedenen Lagern stehen. Der Veifasser giebt sich ehrliche 
Mühe, die Verhältnisse zu klären, und seine Arbeit darf als das Beste bezeichnet werden, 
was augenblicklich über diese Länder an Statistik geliefert ist. Man wird darin viele sehr 
interessante Detailnachweisungen linden. Hier mag noch angeführt sein, dass in diesem 
ganzen Küstenlande die Zahl der Deutschen nur 12579 = 2,06 pCt. betrug. 

R. ViRCHOW. 



Dr. II. A. Hehl, Von den vegetabilischen Schätzen Brasiliens und seiner 
Bodencultur. Nova Acta der Kais. Leop. Carol. Deutschen Akademie 
der Naturforscher. Bd. XLIX. Nr. 3. Halle 1886. 4. Mit 1 Karte 
und 1 Tafel. 

Eine gedrängte Darstellung der klimatischen und Bodenverhältnisse des grossen Landes 
eröffnet die interessante Schrift, welche den Zweck verfolgt, einerseits den natürlichen Roich- 
thum an nutzbaren Gewächsen, andererseits die Art des wirthschafllichen Betriebes vor Augen 
zu führen. Bei der stets wachsenden Aufmerksamkeit, welche sich dem noch so wenig be- 
völkerten und, in vielen Theilen, noch so unvollkommen gekannten Reiche zuwendet, wird 
dieser, von einem im Lande ansässigen Gelehrten unternommene Versuch Vielen zu einer 
angenehmen und bequemen Belehrung dienen. Eine grosse Karte erläutert in übersichtlicher 
Weise die Vertheilung der einzelnen Vegetations- und Gulturgebiete. Sie kann, wie der 
Verfasser selbst anerkennt, nur als ein vorläufiger Versuch gelten, im Grossen die Gegen- 
sStze und Unterschiede der einzelnen Provinzen eines Landes, welches so viele Breitengrade 
umfasst, zur Anschauung zu bringen, aber wie jeder erste Versuch, in wissenschaftlicher 
Weise geographische Verhältnisse bildlich zu vergegenständlichen, in sich selbst den Anreiz 
inr VervollKiändigung und Berichtigung enthält, so darf man gerade hier, wo dem Ansiedler 



Besprechungen. 95 

verhältnissmässig so günstige Umstände geboten werden, zuverlässig erwarten, dass es an 
Nachfolgern nicht fehlen wird. Die Leopoldinische Akademie, welche die Abhandlung in 
ihre Acta aufgenommen und dieselbe in einem Separatabdruck dem Publikum zugänglich 
gemacht hat, verdient besondere Anerkennung, dass sie, über den gewöhnlichen Rahmen 
ihrer Schriften hinaus, die Möglichkeit der Verört'entlichung geboten hat. 

R. ViBCHOW. 



Fritz PICHLER, Vorgeschichtliche Studien zur kärntisclTsn Orte-Bildung. 
Carinthia, Zeitschrift für Vaterlandskunde, Belehrung und Unterhaltung, 
herausgegeben vom Geschichtsvereine und naturhistorischen Landes- 
museuüi in Kärnten. 1886. Nr. 5 — 8. — Das Entstehen und Vergehen 
der Stadt Virunum. Sep.-Abdruck aus der Zeitung „Freie Stimme" 1886. 

Eine Reihe weit umfassender Schilderungen, welche von der ersten geologischen Aus- 
sonderung der Gebirge Kärntens bis zum Schlüsse der Völkerwanderung reichen, bringt in 
populärer Form die Auffassungen des Verfassers von der allmählichen Besiedelung und socialen 
Entwickelung des Landes. Bei dem Mangel ausreichender Localerfahrungen über die Einzel- 
heiten in dem Fortgange der , Orte-Bildung" greift seine Darstellung vielfach in die all- 
gemeine mitteleuropäische Vorgeschichte über und ergänzt auf diese Weise die territorialen 
Lücken. Dagegen lässt sich an sich nichts einwenden. Aber es will dem Referenten scheinen, 
als ob dem ungeschulten Leser daraus eine nicht geringe Schwierigkeit erwächst, zu unter- 
scheiden, was denn eigentlich für Kärnten als gesichertes Wissen gelten darf, und was von 
anderen Orten hergenommen ist. Der Verfasser gebietet über ein so grosses Maass lite- 
rarischer Gelehrsamkeit, dass ihm bei jeder Einzelfrage ein überwältigendes Heer von Citaten 
zur Verfügung steht; so unterliegt er auch zu oft der Versuchung, dieses gelehrte Wissen 
in einer schwer zu entwirrenden Weise mit dem einheimischen Stoflf zu mengen. Seine 
Localethnologie beginnt mit den Mongoliten, wie er sagt, „einer Art Ur-Finnen", ohne dass 
er sich die Mühe giebt, die Existenz derselben in Kärnten nachzuweisen. Dann lässt er von 
Asien her, nordwärts vom schwarzen Meere, ,eine Art Thrako-Illyrer' einwandern, „stamm- 
verwandt mit jenen späteren, historisch also benannten Thrakern und Illyrern." Dieses Alles 
schwebt ein wenig in der Luft. Aus den Illyrern und den Nachkommen der Ur-Finnen 
sollen weiterhin ,die Etrusko-Räter oder Ost-Etrusker und Rasener" hervorgegangen sein, die 
er auch Proto-Norer und Ür-Noriker nennt, und neben denen er auch die Carner und Vindeliker als 
illyrische Descendenz anspricht. Dann erst kommen die Kelten (von 600 — 800 n. Chr.). In sehr 
ausführlicher Weise erörtert er die Wohnsitze der keltischen Noriker, und mit besonderer 
Sorgfalt studirt er die Frage nach der Lage ihrer alten Hauptstadt Noreja. Er glaubt die 
Lösung der Schwierigkeiten darin gefunden zu haben, dass er diesen Platz mit dem Viru- 
num der römischen Zeit identificirt. R. Vikchow. 



|k Martin: Westindische Skizzen (mit 22 Tafeln und 1 Karte) Leyden, 1887. 

Dieses, neben der Bearbeitung der geologischen Reise-Ergebnisse, für einen weiteren Leser- 
kreis bestimmte Buch liefert zugleich Nachrichten über die Indianer Surinams (S. 92—99), 
sowie einen weiteren Beitrag zu den südmerikanischen Felsinschriften und den Höhlen bei 
Fontein und von Carachito auf Aruba (mit Tafel). Bastian. 



Märchen und Sagen der transsilvanischen Zigeuner. Gesammelt und aus 
unedirten Originaltexten übersetzt von Dr. HEINRICH VON WiSLOCKI. 
Berlin 1886 bei Stricker (Nicolaische Buchhandlung). 

Der Verfasser, der, wie die Vorrede zeigt, getragen von deutschen Studien, für Durch- 
forschuijg der Sage und des Volksthums begeistert ist, hat sich zunächst den Zigeunern zu- 



q/. Besprechungen. 

eewandt-nnd lebte luehrere Monate hindurch und wanderte mit einer Zigeunertruppe durch 
Lz Siebenbürgen und die südöstlichen Theile Ungarns. Während dieser Zeit sammelte 
er neben vielen anderen höchst interessanten Daten auch diese Märchen und Sagen, 
welche er hier Teröffentlicht.» - Das Tolkstbümliche Gepräge tritt auch in denselben 
überall hervor, invsieweit man von einem Volkscharakter bei derartigen, sich mehr 
familienweise leicht zusammenschaarenden Gruppen reden kann. Wir betonen dies vve.l 
gerade aus diesem Typus sich gleich eine gewisse hervortretende sociale Unentwickeltheit 
erklärt indem die ethischen Motive in den Geschichten sich fast nur auf die Liebe der Ge- 
schlechter und die Noth des armen, wandernden Mannes u. dgl. beschränken, alle anderen 
Familienbaude z. B. dem ersteren Motiv gegenüber nicht blos in den Hintergrund treten, 
.ondero sogar eine gewisse Geringschätzung erfahren. Dies vorausgeschickt, liegt doch über 
dem Ganzen ein eigenthümlicher Hauch von Poesie, wie sie überall des Menschen Brust 
entquillt, die, je einseitiger das sonstige Leben sich in der Wirklichkeit . gestaltet, sich 
in die Welt der Phantasie flüchtet. In diesem Sinne ist alles eigenthümlich, auch wo 
uns sagenhafte Reste und Züge an Ueberlieferungen anderer Völker erinnern, mit denen die 
Zigeuner in Verkehr gekommen. So begegnen wir z. B. auch einer Sage von der Sünd- 
flutb, welche durch die Naschhaftigkeit einer Frau herbeigeführt wird, der ein alter Mann, 
d. h.' irgend ein Geist, der zu ihr gekommen, einen kleinen Fisch übergeben hatte, dass s^e 
ihn 9 Tage aufhebe, bis er wiederkomme. Sie wiedersteht nicht lange dem Gelüst und brät 
ihn. Als sie ihn auf die Kohlen wirft, ,da fuhr der erste Blitz auf die Erde und erschlug 
die Frau." Dem Manne aber befiehlt der Geist, sich ein anderes Weib zu nehmen und seine 
Verwandten, sowie Thiere und Samen von Bäumen in einem Kahn zu sammeln, damit er die 
Fluth, die kommen werde, überstände und die Welt von ne^em bevölkere und besame. — 
Als besonders eigenartig und für die mythologische Wissenschaft höchst interessant treten 
uns eine Menge charakteristischer Vorstellungen entgegen, z. B. die vom Sonnenbaum, von 
dem Jemand ein Reis holen soll, damit er die Königstochter bekäme, desgl. die Geschichte 
von den drei goldenen Haaren des Sonnenkönigs, von der Schlange als Ehemann u. dgl. m. 
Es wäre zu wünschen, dass mehr Sammlungen der Art entständen, die uns darüber auf- 
klärten, was als selbständige, gemeinsame Tradition der Zigeuner in dieser Hinsicht an- 
zusehen. Jedenfalls hat sich der Verf. mit dieser Arbeit ein Verdienst um die Wissenschaft 
erworben, und wir empfehlen das Buch Allen, die sich für derartige Studien interessiren. 

W. SCHWARTZ. 



R. VON ERCKERT: Der Kaukasus und seine Völker. Leipzig, Froliberg, 1887. 
8. 385 S. Mit einer ethnographischen Karte, Textabbildungen und Licht- 
drucken. 

In einem Bande von massiger Stärke legt der Verf. die reiche Fülle seiner Beobachtungen 
über die Völker des Kaukasus dar. Seine Stellung an der Spitze der Militärbezirke von 
StawTüpol und Petrowsk gewährte ihm während zweier Jahre die günstige Gelegenheit, die nörd- 
lichen und östlichen Theile des weiten Gebietes in den verschiedensten Richtungen zu durch- 
fofhchen und mit den Leuten selbst iu näheren Verkehr zu treten. Die Aufgaben der anthro- 
I>ologiscben und ethnographischen Untersuchung waren ihm von früher her geläufig; seine 
Aufmerksamkeit auf die wesentlichen und unterscheidenden Züge der einzelnen Stämme war 
durch seine amtlichen Beziehungen in der, aus so zahlreichen Volkselementen gemischten, 
russischen Armee seit langer Zeit geschärft, und seine Uebung in der Fixirung charakteristischer 
Kigenthümlichkcitcn lieiähigte ihn, selbst linguistische Probleme in den Kreis seiner Er- 
mittelungen aufzunehmen. Ref. hatte das besondere Glück, auf seiner kaukasischen Reise 
den General mitten in der Steppe, auf der Eisenbahnstation Armawir, zu treffen und mit ihm 
»einen ersten Verstoss auf ossetisches Gebiet zu machen; bald nachher sah er ihn in Tiflis 
wieder, besuchte mit ihm Kutais und nahm in seiner Gesellschaft Theil an der, von Dr. 
Kkmmkkt geführten Expedition nach Borjom, Achalziche und Abastuman. Er kann daher 
persÜDÜcb Zeugniss ablegen von der Hingebung, der Ausdauer und der Geschicklichkeit, 
mit welcher der General seine authropologischen Arbeiten ausführte. Das vorliegend.e Werk 



Besprechungen. 97 

enthält die Ergebnisse von 819 Einzeliiiitersuchungen von Köpfen Lebender, wobei jeder 
Kopf beschrieben, nach IG Ditnensionen gemessen und nach 10 Indices berechnet wurde. 
Die mifgetheilten Wort- Verzeichnisse betreffen ausser Grusinisch, Tscherkessisch und Tsche- 
tschenisch vorzugsweise die dem Verf. zunächst zugänglichen Sprachen des Daghestan, von 
denen 32 Sprachen, bezw. Dialekte aufgeführt werden. Der Verf. ist bescheiden genug, seine 
Leistungen als Vorarbeiten für die endliche, so schwierige Analyse dieser höchst verwickelten 
Verhältnisse zu bezeichnen, und man mag zugestehen, dass noch recht grosse Anstrengungen 
dazu gehören werden, eine abschliessende Klärung herbeizuführen. Aber man wird auch an- 
erkennen müssen, dass es brauchbare Bausteine sind, welche hier gebogen werden, und dass 
dadurch schon jetzt für die vergleichende Ethnologie ein nicht zu-fmterschätzender Fortschritt 
gemacht worden ist. Die Beobachtungen des Verf. haben die Schlussfolgerung bestätigt und 
für den Ostkaukasus erweitert, zu welcher der Verf., auch auf Grund des osteologischen 
Materials, gelangt war, dass keiner der kaukasischen Stämme einen Anhalt für die Vermuthung 
bietet, dass von hier aus die arische Bevölkerung Europas ihren Ursprung genommen habe. 
Selbst die Gelehrten konnten bisher das weit zerstreute und widerspruchsvolle literarische Ma- 
terial schwer erreichen und noch schwerer kritisch beurtheilen; für das grosse Publikum warder 
Kaukasus ein Buch mit sieben Siejieln. Das ist nun durch den Verf. geöffnet und erläutert 
worden, leider ohne irgend welche Uinweise auf die literarischen Quellen, welche doch auch 
er benutzen musste. Seine Schilderungen, namentlich des Daghestan, der so selten be- 
sucht worden ist, und der seit den Tagen Schamyls dem Europäer wie ein einheitlich an- 
gelegtes und bewohntes Gebiet zu erscheinen pflegt, sind ganz besonders dankenswerth 
xind durch die Frische der Darstellung anschaulich. Durch die Pforte von Derbeud, deren 
„Mauer" von dem Verf. zuerst genau beschrieben worden ist, zogen wahrscheinlich schon 
seit den Kinimeriern und Skythen erobernde und plündernde Schaaren, und eine Mehrzahl 
derselben hat in den Thälern und Schluchten des Gebirges Rückstände hinterlassen. So ist 
der Ostkaukasus zu einem so bunten Aggregat ethnologischer Sonderbarkeiten geworden, dass 
schon die geradezu verwirrende Mannichfaltigkeit der Namen jedem, der nicht durch anhaltende 
Lokalstudien sich eingewöhnt hat, das volle Verständniss sehr erschwert. Höchst anziehend 
sind dabei die psychologischen Bemerkungen des Verf. über die Natur der verschiedenen Stämme, 
wobei auch die Küssen vielfach herangezogen werden. Der Verf. zeigt hier sein Verständniss 
für die „Volksseele" und zugleich den wahrhaft humanen Grund seiner Anschauungen im 
hellsten Lichte. — Die Ausstattung des Buches ist eine treffliche. Die Illustrationen sind 
gut ausgewählt und höchst sauber wiedergegeben. Ganz besonders lehrreich wird für die 
Mehrzahl der Leser die in grossem Maassstabe beigefügte ethnographische Karte sein, die, bei 
dem immer fortgehendem Wechsel und der Verschiebung dieser Völker, vielleicht nicht mehr 
an jeder Stelle ganz correct sein dürfte, die aber doch im Ganzen ein getreues Bild der Rassen- 
vertheilung liefert. ß. Virchow, 



MATTH. MUCH: Die Kupferzeit in Europa und ihr Verhältniss zur Cultur 
der Indogermanen. Wien 1886. 8. 187 S. Mit 5d Abbildungen. 
(Separat- Abdruck aus den Mittlieilungen der k. k. Central-Commission 
für Kunst- und historische Denkmäler. N. F. Jahrg. 1885 und 188(5.) 

Nachdem vor einigen Jahren Herr VON PiiLSZKi durch seine Arbeit über die Kupferzeit in 
Ungarn die allgemeine Aufmerksamkeit auf die merkwürdigen Funde gelenkt hatte, welche in so 
grosser Zahl in seinem Vaterlande gesammelt worden sind, hat es der Verfasser unternommen, 
eine zusammenfassende Darstellung der, überhaupt aus Europa bekannt gewordenen, ähnlichen 
Fundstücke zu liefern. Seine eigenen Forschungen im Mondsee, sowie andere Beobachtungen 
aus österreichischen Seen, Mooren, Höhlen u. s. w. gewährten die sichere Unterlage für die 
Einreihung der Erfahrungen über das Vorkommen von Kupfergeräth in den Schweizer Pfahl- 
bauten. Mit erstaunlicher Kenntniss der Literatur und mit der, an ihm bekannten, minutiösen 

Zeitschrift für Ethnologie. Jahrir. 1887. 7 



qe Besprechungen. 

Sorgfalt hat der Verf. die Funde in Deutschland, Italien, Frankreich, Portugal, England, 
Skandinavien Griechenland, Kieinasien zusammengestellt (S. 59) und so den Beweis geliefert, 
dass es sich nicht um vereinzelte Erscheinungen, sondern um regelmässige, zahlreiche und 
uuter einander in Verbindung stehende Vorkommnisse handelt. Allerdings fehlt bei der 
Mehrzahl der Stücke, wie er selbst hervorhebt, die chemische Analyse, und es ist nicht un- 
niöglicb dass mancher lirthum untergelaufen ist, auch vielleicht in der Richtung, dass 
manche^ Bronzegeräth als ein kupfernes aufgeführt sein wird. Trotzdem wird man zu- 
ue^tehen uifissen, dass die Liste so gut und so vollständig als möglieh ist. Es wird dann 
nachgewiesen, dass das Kupfer schon zur neolithischen Zeit erscheint und in der Regel 
der Bronze vorhergeht: indem zugleich die anderen Fundstücke, besonders das Thongeräth 
dieser Zeit, einer eingehenden Prüfung unterzogen werden, gelangt der Verf. zu dem be- 
stimmten Ausspruch, dass es wirklich eine Kupferzeit in Europa gegeben hat. Seine Unter- 
suchungen auf dem Mitterberg, welche bekanntlich die Existenz eines prähistorischen Kupfer- 
bergwerkes ergeben haben, führen ihn zu dem Schlüsse, dass dieses und einige benachl)arte 
Werke mit den Pfahlbauten des Mondsees gleichaltrig waren, und dass von daher das selbst 
gewonnene und selbst verarbeitete Kupfer den Pfahlbauern zugekommen ist. Die Verarbeitung 
ist nach seiner Darstellung durch den Guss und nicht durch Hämmern bewirkt worden. In 
allen diesen Punkten ist die Beweisführung eine höchst genaue und wahrscheinlich zutreffende. 
Etwas l)edeiiklicher dürften die folgenden Kapitel sein, welche das Verhältniss des Kupfers 
zur Bronze, die Fra-je der Einwanderung neuer Stämme, das Verhältniss der Arier überhaupt, 
genug die 'schwierigsten Fragen der Prähistorie betreffen. In der Hauptsache nimmt der 
Verf. an, dass seit der neolithischen Zeit keine neue Einwanderung stattgefunden habe, 
sondern dieselben Stämme, welche schon in der jüngeren Steinzeit im Lande Sassen, alle die 
verschiedenen Phasen der fortschreitenden Cultur durchgemacht haben. Dagegen findet er 
keine Vermitteluug zwischen den Leuten der Mammut- und Renthierzeit und den Neolithikern. 
Er glaubt nachweisen zu können, dass diese Neolithiker schon angefangen haben, Bronze zu 
besitzen und die Leichen der Krieger zu verbrennen, dass also kein Hiatus zwischen den 
Trägern beider Kulturen bestanden habe. Als Beispiel hierfür citirt er die Bornholmer Be- 
übachlungen und die Parallelen dazu aus Schweden. Indess darf die Frage aufgeworfen 
werden, ob diese Erfahrungen auch für Deutschland gleiche Geltung haben. Für die Pfahl- 
bauten der Schweiz dürften sie kaum zutreffen, wie Ref. besonders durch seine Untersuchung 
der Schädel gezeigt zu haben glaubt. Man muss aber nicht übersehen, dass selbst ein gewalt- 
samer Wechsel der Bevölkerung nicht mit Nothwendigkeit voraussetzt, dass die Rasse im 
engeren Sinne des Wortes wechselt, dass also z. B. Mongoloiden durch Arier verdrängt wurden. 
Auch die arischen Stämme sind verschieden genug unter sich, um den Wechsel recht stark 
er^cheinen zu lassen. Man erinnere sich nur an die, selbst historisch nachweisbare Geschichte 
Oberitaliens. Ligurer und Veneter, Etrusker und Gallier, Römer, Longobarden und Slaven 
sind hier auf einander gefolgt und haben ihre Besonderheiten zur Geltung gebracht, ohne 
dass wir genöthigt sind, eines dieser Völker als ein nicht arisches zu bezeichnen. Wollte 
aber jemand die Ligurer oder Veneter als Turanier ansprechen, so würde dieselbe Frage auch 
vielleicht nach Noricum und Pannonien zu richten sein. Die Verbreitung des Leichenbrandes 
in der Bronzezeit bleibt eine so gewaltige Erscheinung, sie setzt eine so tiefgreiiende Aeu- 
derung in den religiösen Anschauungen voraus, dass sie nicht blos als eine Modesache an- 
gesehen werden kann. L)azu gehören gewaltige Erschütterungen, und diese dürften in prä- 
historischer Zeit ohne Wechsel der Herrschaft schwerlich gedacht werden können. Referent 
glaubt daher seine Auffassung auch jetzt noch aufrecht halten zu dürfen, obwohl er anerkennt, 
dass der Verf. viele und gewichtige Gründe beigebracht hat, welche für eine Persistenz der 
Bevölkerung sprechen. Vielleicht wird sich eine Vermitteluug finden lassen, wenn man an- 
nimmt, dass der Wechsel meistentheils nicht ein so vollständiger war, wie bei der Völker- 
wanderung in Norddeutschland, dass vielmehr neben den Eroberern die grosse Masse des 
Volkes sitzen blieb, wie in Frankreich und Oberitaiien, und sich nachher wieder empor 
arbeitete. Auf alle Fälle wird jeder Leser das inhaltreiche Buch mit dem Gefiihl aus der 
Hand legen, dass ein grosses und dunkles Gebiet so weit als thunlich aufgehellt worden ist, 
und dass er einem Manne zu danken hat, dessen Anschauung neben einer erstaunlichen 
Fülle selbst gefundener Thatsachen die Mehrzahl der europäischen Sammlungen umfasst, 



Besprechungen. 99 

und dessen sinnender Geist das grosse Material an Einzelerfahrungen zu onJnen und eine 
längst verschwundene Welt wenigstens in uiisorn Gedanken wieder zu beleben weiss. 

H. ViRCHOW. 



Vorgeschichtliche Alterthüraer der Provinz Sachsen utul angrenzender Ge- 
biete, herausgegeben von der Historischen Coramission der Provinz 
Sachsen. Abth. I. lieft V — VIII. Die Gleiehberge bei Römhild als 
Culturstätten der La Tene - Zeit ^litteldeutschlands. Von G. JACOB. 
Halle 1886/87. Mit 8 Tafeln und zahlreichen Textabbildungen. 

Den ersten Heften dieser schönen Publikation (vgl. diese Zeitschrift 1886, S. 198) sind 
recht schnell 3 neue gefolgt, welche einen, ganz ausserhalb der Provinz Sachsen und noch 
mehr ausserhalb des sächsischen Bodens gelegenen Platz behandeln. Die Commission zeigt 
so, wie vorurtheilsfrei sie verfährt, und die wissenschaftliche Kritik hat ihr dafür zu danken. 
Indess dürfte bei dieser Gelegenheit doch wohl daran gemahnt werden dürfen, dass auch die, 
mit dem II. Hefte unterbrochenen Publikationen des Herrn Klopfleisch fortgesetzt, und dass 
mindestens die Fundberichte über die Gräber, von denen schon Abbildungen vorliegen, bald 
geliefert werden sollten. 

Die Arbeit des Herrn Jacob über die Gleichberge oder genauer über den kleinen Gleich- 
berg bei Römhild ist eine Fortsetzung und Vervollständigung seiner früheren Mittheilungen 
(Archiv f. Anthrop. Bd. X. und XII.). Die forlschveitende Zerstörung der alten liefestigung 
durch Steinbrecher fördert stets neue Gegenstände zu Tage, und es ist unter diesen Umständen 
besonders anzuerkennen, dass der Verf. eine lange Reihe von Jahren hindurch Alles gesammelt 
hat, was ihm erreichbar war. Ausser ihm besitzen noch das Museum in Meiningen und 
einige Private kleine Sammlungen; das Meiste ist wahrscheinlich verschleppt. Unter Kor- 
rektur früherer Angaben schliesst der Verf. gegenwärtig aus seinen Beobachtungen, dass die 
Wallanlage auf dem kleinen Gleichberg eine Festung war, welche während der ganzen Dauer 
der Teue-Zeit, vielleicht 5 Jahrhunderte hindurch, bewohnt wurde. Er vergleicht sie mit 
La-Tene selbst und mit Stradouitz, nur dass sie grösser war und längere Zeit hindurch benutzt 
worden sei. Ein reiches Material an Waffen, Haus- und Feldgeräth, Schmuck, Gelassen, 
Thierknochen u. s. f. bezeugt, dass der Ort schon in der Früh-Tenezeit besiedelt war und dass 
er bis zu den spätesten Ausläufern derselben fortbestand. Neuerlich ist es dem Verf. ge- 
glückt, innerhalb der Wallanlage auch zahlreiche Steinfundamente alter Wohnungen auf- 
zufinden. Nach vereinzelten Funden schliesst der Verf., dass die Bewohnung oder wenigstens 
die Benutzung des Platzes schon in der Bronzezeit begonnen habe, dagegen schliesst er die 
neolithische Zeit gegenwärtig ganz aus. Ref. kann in dieser Beziehung ein Bedenken nicht 
ganz unterdrücken. Wenn Verf. (S. 20) so weit geht, eine Steinzeit ,ini Sinne des Nordens" 
(was soll das heissen?) für Mittel- und Süddeutschland überhaupt zurückzuweisen, so müssen 
ihm, von den Pfahlbauten des Bodensees und anderer süddeutscher Fundplätze ganz abgesehen, 
die ostthüringischen Hötilen- und Gräberfunde ganz entgangen sein. In seinen Mittheilungen 
ist ein Punkt, der besonders überraschend wirkt: er bespricht Scherben von Thongefässen 
(S. 21, Fig. 29 und S. 39, Taf. VIII. Fig. 142 — 44), welche jene eingeritzten und mit weisser 
Masse inkrustirten Dreiecke mit schräger Schraftiruug zeigen, die ein so charakteristisches Er- 
zeugniss der Neolithiker waren. Dass sie bis in die Bronzezeit hineinreichen, wussten wir, 
aber dass sie nun auch noch Leitfunde für die späte Tenezeit sein sollen, erscheint, selbst 
nach der Beschreibung des Verf. über einen scheinbaren Depotfund mit reichlichen Eisen- und 
Glasbeigaben, nicht genügend gesichert. Denn es wird von diesem Funde gesagt, die Sachen 
seien unter dem Grabbrunnen „in derselben Fundschicht" gesammelt worden, — eine 
so vage Angabe, dass sie den Zweifel an der Zusammengehörigkeit der Fundstücke nicht 
ausschliesst, zumal da auch das beschriebene Kugelgefäss (S. 38, Fig. 129) weit mehr neo- 
lithisch, als tenisch aussieht. Man wird zugestehen müssen, dass es eine der schwierigsten 
Aufgaben ist, auf einem umfangreichen und höchst unebenen Terrain, wo fast nur zufällige 
Funde gemacht, grössere absichtliche Ausgrabungen aber niemals stattgefunden haben, genau 



•jrjrj Besprechungen. 

festiustellen, welche Fun^lgegenstände unter einander zusammenhängen und welche nicht. 
Der Verf. hat genug und mehr als genug gethan, indem er den sicheren Nachweis erbracht 
hat, dass auf dem Gleichberg in der Tene-Zeit eiue starke Festung unterhalten wurde. Die 
bttWDdereu Beziehunseu ihrer Bewohner zu ihren Vorfahren, ihren Zeitgenossen und ihren Nach- 
f,,' •,.,, sich wahrscheinlich klarer übersehen lassen, wenn wir über die mitteldeutschen 

j^, iiiid Gräber mehr wissen werden. So mag es ein Zufall sein, dass kein einziges 

Stück licrhstein auf dem Üleichberge gefunden ist, während von gebändertem Glase Bruch- 
stücke, namentlich von Armringen, mehrfach vorkommen. Eiue der sonderbarsten Analogien 
scheint ein Stück zu bieten, welches der Verf. (S. 21, Fig. 31) erwähnt: ein apfelgrosses, 
im Ganzen kugelförmiges Gebilde aus Sandstein, das an einer Seite concentrische Ringe und 
darunter guirlandeulGrmige Ornamente zeigt; es erinnert den Ref. lebhaft an gewisse Stein- 
kugeln, which are essentially Celtic in character (J. Anderson Scotland in Pagan times. 
Ediub.*lS83. p. IGl, Fig. 142-46), die nicht selten in Schottland gefunden werden. Mit 
Recht hält der Verf. die Frage offen, ob es Kelten waren, welche den Gleichberg besiedelten. 
Seine Arbeit wird gerade für die Zeit, wo diese Frage ernsthaft diskutirt werden muss, einen 
grossen Werth haben. VlECHOW. 



Original-Mittheilungen aus der Ethnologischen Abiheilung der Königlichen 

Museen zu Berlin. Herausgegeben von der Verwaltung. Heft 2—4. 

Berlin 1886. 

Ueber das erste Heft dieser Sammlung ist in der Zeitschrift für Ethnologie 1886, S. 43, 
berichtet. Mit dem vierten Hefte ist die Sammlung abgeschlossen worden, nachdem die Ethno- 
logische Al)lheilung -ihre Räumung erhalten und die Verwaltung nach dem Museum für 
Völkerkunde verlegt ist."* Der Inhalt der drei Hefte ist ein xingeiuein reichhaltiger. Ein 
nie hl geringer Theil, der Verzeichnisse der neuerworbenen Sammlungen (FiNSCH, Boas, VON 
DES Steinen, Joest, Pogge, Wissmann u. A.) bringt, wird den Fachmännern, welche die, 
zum Theil schon vollständige Aufstellung in dem neuen Museum studiren wollen, werthvolle 
Aufschlüsse bieten. Ein anderer Theil bringt Erörterungen über wichtige Gebiete der ethno- 
logischen Forschung. So namentlich von Kubary: Verbrechen und Strafverfahren auf den 
Pelau-Insein, UrCnwedel: Lamaistische Ikonographie, Ritzau: Fabrikation von Töpfen in 
Jütland und von Holzschuhen in Dänemark, WiSLOCKi: Hochzeitsgebräucbe der Zelt-Zigeuner 
in Siebeni)ürgeu, BOAS und GÖKEN: Bella-Coola, endlich mehrere schwungvolle Artikel von 
Bastian über Geschichte, Bedeutung nnd Aufgaben der ethnologischen Forschung, welche 
ge«i>s ihre Wirkung nicht verfehlen werden. ViRCHOW. 



M ALLER V, GaKKICK: Pictographs o£ the American Indians, Washington. 

Kin Werk, das in dem, mit den Hülfsmitteln der, in der Union methodisch eingeleiteten 
Förderung der Ethnologie beschafften Material einen werthvollen Beitrag liefert zu derjenigen 
enleu Grundlegung, welche für die Inductiou sich erforderlich erweisen wird, um eine bisher 
vorwiegeod theoretisch behandelte Frage in exactere Behandlung nehmen zu können. 

Bastian. 



Archivoh d(i Museu Nacional de Kio de Janeiro. Volume VI, Rio de 
Janeiro 1885. 

Auf VcranlasKung der Anthropologischen Ausstellung im Jahre 1882 mit einer einleitenden 
Getrhicbl« dcB Museums durch den Director desselben versehen und in reicher Fülle den 
anwMhacn'leo Bc-itzstand vor Augen führend. Bastian. 



IV. 

Archäologische Forschungen im Bezirk des Terek 

(Nordkaukasus). 

(Fortsetzung von ßd. XVI. S. 1G3.) 
Von 

W. J. DOLBESCHEFF, 

Oberlehrer am Gymnasium zu Wladikawkas. 



IV. Im Flachlande der Tschetsclma. 

Das Thal Meridji (Meridjoij.) 

Westlich von dem Aul Yalchoroij senkt sich die Bodenerhebung und 
geht von der Alm zum Waldgürtel über. Auf einer Strecke von etwa 
10 Werst in besagter Richtung trifft mau auf allmählich sich senkende Aus- 
läufer der Kaukasuskette, die meist Lehmboden, nur hier und da Felsgrähte 
und vereinzelte Klippen bieten. Vielleicht sind es Reste von Moränen, aber 
sie zeigen überall starke Spuren von der Wirkung herabfliessenden Thau- 
und Regenwassers und von Abschwemmungen. 

Weiterhin, immer westlich, bis fast zum Bette der Assa, auf einer Strecke 
von etwa 20 Werst nehmen die, bis dahin nach Norden gerichteten Ausläufer 
der Hauptkette eine westliche Richtung und treten parallell laufend von 
einander zurück, indem sie das schöne Waldthal Meridji bilden, welches, bald 
breiter, bald enger, das Bett eines ansehnlichen Baches einschliesst, in den 
sich der von Süden, von der Hauptkette her fliessende Bach Martan ergiesst, 
der aus einem Seitenthal herabströmt. Diese vereinigten Wässer nehmen eine 
Strecke weit ihren Lauf nach SW., dann, ohne die Assa zu erreichen, die 
von ihnen durch einen Ausläufer der Bergkette, der sich in nördlicher 
Richtung herabsenkt, getrennt bleibt, fliessen sie nach N. unter dem Namen 
Fartang aus den Vorbergen ins Flachland der kleinen Tschetschna, wo sie 
in die Ssunja einmünden. Das Thal aber, oberhalb bis zur Wendung dieser 
Wässer nach N., heisst Merdji. Dasselbe ist fast ganz mit Wald bedeckt, 
besonders der nördliche Abhang, auf dem sich nur wenige lichte Stellen 

Zeitschrift für Ethnologie. Jahrg. 1887. 8 



.^.-^ W. J. Doi>BESCHKFF : 

fiuden. Am südlichen Abhänge schlängelt sich, auf einer immer noch an- 
sehnlichen Höhe ein Pfad, an dem ich in einiger Entfernung hie und da 
Haufen von grossen Geröllsteinen, darunter auch behauene Steine, fand. 
Das sind Gemäuerreste und überhaupt Ruinen von früheren Bauten, die in 
Mörtel aufgeführt waren. Ausserdem sah ich auf beiden Abhängen, bald 
hier, bald da, aus dem Walde Ruinen von Gemäuer und von Thürmen ragen. 
Es sind deren hier sehr viele. Das Thal muss einst stark bevölkert gewesen 
sein. Nachfragen, die ich über diese Bauten anstellte, ergaben vorläufig nichts 
über ihren Ursprung. Nach dem Ueberwuchern des schönen Hochwaldes 
und den starken Eichen- und Buchenstämmen, die schon mitten in den Höfen 
dieser früheren Ansiedlungen gewachsen sind, zu urtheilen, mögen diese 
Bäume zu ihrem Wachsthum mindestens 2 bis 3 Jahrhunderte gebraucht 
haben ; wenn man aber noch die Voraussetzung hinzunimmt, dass die lichten 
Stellen, wo die Bauten standen, nicht sofort nach Abgang der Bewohner 
mit Wald bewachsen werden konnten, da doch um die Bauten bedeutende 
lichte Stelleu gewesen sein raussten, die beackert worden waren, so kann 
man vielleicht auf 400 bis 500 Jahre schliessen. — Hierzu kommt noch 
der Umstand, dass die wenigen Bewohner dieses Thaies, die in ihren Ueber- 
lieferungen bis zur 7, 8, ja 14. Generation reichen, — nichts von diesen 
Ruinen, ausser unbedingt Legendarischem, mittheilen konnten. Eine Aus- 
nahme macht nur der viereckige Thurm im Dorfe Meridji selbst, der bis 
jetzt bewolint wird; darüber werde ich später sprechen. Im Gedächtniss 
der älteren Bewohner haben sich nur einige Legenden von wenigen Thürmen 
und Bauten erhalten, ohne irgend eine Beziehung zu einer näheren Ver- 
gangenheit. Die jetzigen Bewohner von Meridji und Tsetschi-Akki (westlicher 
gelegen) halten sich für die Nachkommen von Auswanderern aus Arabistan, 
aus der Stadt Schemy. Diese Ueberlieferung empfing ich von dem Moliah 
des Dorfes Meridji, Doulet-Gireij, in folgender Gestalt: 

Tradition über die Auswanderer aus Arabistan. 

„Die Bewohner von Meridji und Tsetschi-Aki waren die ersten Ansiedler 
der Stellen im Thale, die sie noch gegenwärtig einnehmen. Sie stammen 
aus der arabischen Halbinsel, unweit der Städte Mekka und Medina, aus 
der Stadt Schemy. Nach der Hedschra herrschte 140 Jahre nach dem Tode 
des Projjheten in Arabien der grausame Chudji-Dsalam. Sein tyrannisches 
Verfahren war die Ursache davon, dass ein Thoil seiner Unterthanen von 
ihm fortzug, um sich seiner Grausamkeit und Härte zu entziehen. Das 
waren unsere Vorfahren. Der Tyrann machte sich mit einem zahlreichen 
Gefolge auf und verfolgte sie. Lange Zeit verfolgte er die Flüchtlinge, die 
endlich, ganz erschöpft, an ihrer Rettung verzweifelnd, hinter sich auf einem 
Steine eine Aufschrift Hessen, in der sie den sie verfolgenden Khan verfluchten, 
inj Falle er noch weiter gehen und die Verfolgung fortsetzen werde. Als 
der Khan den Stein erreichte, las er die Inschrift und befahl, den Stein vor 



Archäologische Forschungen im Bezirk des Terek (Nordkaukasus). 103 

sich zu tragen, um auf diese Weise die Flüchtlinge einzuholen, ohne den 
Stein mit dem Fluche zu passiren. So wurde dieser Stein auf einem Kameele 
vor dem Khan drei Tage lang geführt; darauf gab er endlich seine Verfolgung 
auf und kehrte nach Arabien zurück. — Indess kamen die Auswanderer 
hierher, wo wir jetzt wohnen, fanden die Gegend unbesetzt und Hessen sich 
hier nieder. Eigentlich waren es aber nur zwei: der Vater Kumbij ') und 
dessen Sohn Kundschu. Bald starb Kumbij und Kundschu blieb hier. Das 
sind unsere Stammesväter, Kundschu hatte zwei^^öhne: Mirasch und 
Kurtschulo. Von dem älteren, der hier ansässig blieb, erhielt denn auch das 
Thal und die Ansiedelung den Namen Meridji oder Miridjoi; der jüngere, 
Kurtschulo zog ins Flachland und siedelte sich in der heutigen kleinen 
Tschetschna an. Von ihm stammt die grosse Familie Kurtschuloij, die 
jetzt fast alle Aule des Bezirks von Grosno'ie bevölkert. Dem Mirasch 
folgte sein Sohn Dak, dann Makha, dann Temurko, dann dessen Sohn 
Aadoza, dann Lantsch I., Lantsch IL, Schachmirza, Bortsch, Djemy, der gegen 
100 Jahre lebte, dann Karysch, der auf dem Schlachtfelde fiel, dann folgte 
mein Vater Dou, der 120 Jahre lebte, und endlich ich, Douletgirej. Wir 
haben jetzt das Jahr 1299 nach der Hedschra. In den Bergen leben die 
Menschen sehr lange, denn Hochbejahrte sind keine Seltenheit bei uns, daher 
denke ich, dass die Berechnung von 77 Jahren auf jede von den angeführten 
18 Generationen richtig sein dürfte; somit könnte das Jahr 140 (Hedschra), 
in dem unsere Vorfahren aus Schemy flüchteten, dem Zeitraum und den 
Begebenheiten entsprechen. 

„Die Thürme, deren Ruinen in unserem Thale stehen, sind von unseren 
Vorfahren erbaut. Krieg führten wir beständig mit den Kabarden und den 
Tschetschenen aus dem Flachlande. Der berühmteste aller meiner Vorfahren 
war Djemy, von dem noch gesungen wird: 

„Gegen Fünfe wehrte er sich 
„Und erschlug Fünfzehn ..." 

„Der Thurm, in dem wir jetzt wohnen, ist von ihm erbaut worden. 
Schach-Mirza wehrte dem Andränge des Miatkhau, der ins Thal kam, um 
uns tributpflichtig zu machen, Bortsch gilt als kluger Herrscher. Abgaben 
haben wir nie Jemandem gezahlt und bezogen auch selbst keine. Gleich- 
zeitig mit unseren Vorfahren, die aus Schemy hierher kamen, kamen auch 
die Vorfahren der Bewohner von Tsetschi-Aki, deren jetziger Repräsentant 
der Greis Serali ist, der dort lebt. Es ist uns bekannt, dass in Akki ein 
gewisser Wokkule gelebt hat, das war aber lange vor JNIiatkhan. 

„Zu Zeiten meines Grossvaters Karysch plünderten uns die Nochtschi -) 

1) Zwei Flüsse westlicher führen die Namen Kumbilej und Ssunscha. Sind das nicht 
verwandte Namen? 

2) Nochtschi sind die Tschetschenen aus dem Flachlande, wogegen sich die Tschetschenen, 
die das Hochland bewohnen, Lamroy nennen, d.i. Bergbewohner. Lam - Berg. Nochtschi = 
Käsemacher. Noch = Käse. 



UM 



W. J. DOLIiESClIEFF 



aus dem Flatlilande aus, nach einem unerwarteten Einfall derselben in unser 
Thal, wobei im Treffen Karysch iiel. Unter anderen Sachen, die uns 
<»ehörten, trugen sie uns eine arabische Schrift fort, die wir bewahrten, 
Sie fanden sie in einem Kasten, in einem ledernen Futteral, das mit 
Wachs verkl«'bt war. Wo sich gegenwärtig diese Schrift befindet, weiss 
ich nicht. 

,ln den Wäldern des Meridji-Thales stehen viele Ruinen; es ist uns 
vtjUig unbekannt, wer sie erbaut hat und wer sie bewohnte. In einigen aber, 
bei denen Thfirme stehen, und die, nach der Bauart und dem Zerfallzustande 
zu urlheilen, merklich jünger sind, wohnten unsere Vorfahren. Die Strecken 
in Mt-ritiji werden von Wald überwuchert. Die verlassenen Höfe mit Stein- 
mauern und Resten von Thürmen und Bauten stehen schon ganz im W^alde. 
Nach der Aussage unserer Greise waren die Stellen um die Bauten in früheren 
Zeiten licht, jetzt aber stehen sie schon theilweise in viele Jahrhunderte 
altem Urwalde (S. 110)". 



Thurm- Oberwerk 



Flechtwerk. 




Neue Baute auf altem Gemäuer. 



Hofum/.äunung (zer- 
fallen). 






^> 



f!»\ lA 



Ostseite, 
Tburm in Meridji, in dem die Vorfahren des Douletgirej gelebt, und der von ihm auch 
,i-t/i .um ih..,l l,..wohnt wird. Zugang auf einer Hängebrücke aus leichtem Flechtwerk 

mit Sprossen. 

Legende von Kkyingaala (vom weissen Thurm), 

IWh über dem üorfe (Aul) Meridji, gegen 3 Werst nach NW, über 
dem Pfade nach Yalchoroy, der sich am Süd-Abhange des Thaies Meridji 
h,n.chlaDg.it, an ein.r Vertiefung der Felswand, die den Ausläufer der 



Archäologische Fürsclmngen im i^ezirk des Terek (Nordkaukasus). 105 

Hauptkette an dieser Stelle krönt, hiinpjen dis Ruinen eines Tliurmes, 
einiger anderer Bauten daneben und eines Grabthürmchens; (Collectivgrabmal 
des Typus bei^Kij), die alle wohl erhalten sind, gut in Mörtel gelegt und 
weiss getüncht. Der Platz ist von einer überhängenden, concaven Felswand 
gegen N. und W. vollkommen überdeckt, wie unter Dach, und nur nach S. 
und O. offen (lihnlich wie bei Itirktde). Dieser Tliurtn heisst Kkyin-gaala, 
auf Tschetschenisch = weisser Thurm. — 

Es lebte dort einst ein Nachkorarae der jüugereii' Linie der Bewohner 
von Meridji, Namens Ssenk. Er war sehr stolz und führte beständig Streit 
mit seinen Nachbarn wegen Weiderechte und Grenzen. Ein benachbarter, 
älterer Nachkomme verlor darüber die Geduld und befahl seinem Hirten, 
ihn zu tödtcn. Um solches zu vollführen, trieb der Hirt seine Heerde auf 
Ssenks Weide und stellte sich schlafend. Kaum bemerkte Ssenk die fremde 
Heerde auf seiner Weide, so stieg er von seinem Thurme herab zum 
schlafenden Hirten und schlug ihn mit einem Stocke. Der Hirte aber zog 
unerwartet für den Ssenk sein Messer, das an seiner Seite hing, und brachte 
dem Ssenk einige Wunden bei. Ssenk fiel, in seinem Blute schwimmend. 
Er wurde von den Seinen nach seinem Adlerneste gebracht, wo er sterbend 
seine Feindseligkeit tief bereute und den Seinen empfahl, die Burg zu ver- 
lassen und von da fortzuziehen, was auch erfüllt wurde. Seine Nachkommen 
zogen in den jetzigen Bezirk von Khassaw-Jurt auf die Grenze der 
Kumukken in den Aul Aretsche-Akka, wo noch heutzutage ihre Nach- 
kommen leben. — 

Legende von der Burg Moutzgatia. 

Von einer anderen Feste, die auf dem Nordabhangc des Thaies erbaut 
ist, Moutzgatia, wird Folgendes erzählt: In diesem Schlosse wohnten sehr 
stolze Leute. In der Nachbarschaft aber, in einer anderen Burg, lebten fünf 
Brüder. Der eine von den Fünf freite um die Tochter eines Inguschen'). 
In dieser Zeit führten wir beständig Krieg mit den Nochtschi -') Vier Brüder 
mit Gefolge zogen nach Galgai, um die Braut des Fünften heimzuholen; der 
Freier aber, wie es Sitte war, blieb zu Hause. Auf dem Heirazuge blieben 
die vier Brüder mit der Braut des Fünften und mit ihrem Gefolge über 
Nacht auf dem Weideberge Khoy, wo die Schafheerdeu von Moutzgatia 
weiden. Hier wurden sie nicht bewirthet, wie es sich gehörte, man schlachtete 
ihnen kein Schaf. Morgens zog nur einer aus dem Gefolge mit der Braut 
zum Freier, unter der Leitung des jüngsten der vier Brüder; die anderen drei 
mit ihrem Gefolge legten sich in Hinterhalt. Sie passten ihre Zeit ab 



1) Inguscher, Galga'ier, — Völkerschaften westlicli von'deu Tsclietscbenen an diMi Flüssen 
Assa und Ssunja ansässig. 

2) Tschetschenen des Flachlandes. 



.no W. J. Dolbescheff: 

Wo 

und stahlen aus der Heerde des ungastfreundlichen Moutzgatia 25 erwachsene 
Schaff und brachten sie nach Hause, wo sie sie auf dem Hochzeitsschmause 
verzehrten. In Fol-e dessen entstanden Feindseligkeiten zwischen dem Burg- 
herrn und den fünf Brüdern. In verschiedenen Treffen fielen beiderseits 
sech«^ Manu. Zuletzt erschlug noch Moutzgatia einen Siebenten, einen un- 
bewaffneten Jüngling, einen Verwandten der Brüder, aber aus Furcht vor 
Rache verliess er mit den Seinen die Burg und zog ins Flachland. Sem 
Stamm soll noch heutzutage in der Kabarda leben. — 

In jenen Zeiten konnte jeder, der ein grosses Gefolge hatte, sich Alles 
erlauben. Die Schwachen gingen entweder zu ihm als Knechte oder 
zogen fort ins Flachland. — 

Ueberlieferung über MIatkhan 
(im Aul Merulji aufgenommen). 
Miatkhan unterwarf sich alle Bewohner der Berge, die ihm Abgaben zu 
zahlen hatten, aber bis nach Meridji war er mit seinen Eroberungen und 
Raubzügen noch nicht vorgedrungen. Es war hier überall bekannt, dass er 
ein mächtiger Fürst sei, dass er ein grosses Geleite habe, und man erwartete 
ihn schon lange im Thale. Endlich erschien er mit seinem Geleite, lagerte ohne 
Kampf in der Nähe des Aul und sandte ins Thal hinab seine Forderung, 
dass alle Bewohner zu ihm kämen und ihm den von ihm bestimmten Tribut 
l)rächten. Die Bewohner des Thaies berathschlagten darüber und sammelten 
sich auf Forderung des Schachmii-za, Sohnes von Lantsch II, zu Fuss oder be- 
ritten, bewaffnet in der Nähe des Lagers des Miatkhan, ohne aber Tribut- 
gegenstände mit sich zu führen. Endlich kam auch Schachmirza, einen Esel 
vor sich treibend, auf den er goldbeschlagenes Geschirr und Saumzeug gelegt 
hatte. Er ging geradeswegs zu Miatkhan, den er auf einer Burka^) sitzend 
fand. Dieser fragte ihn, ganz erstaunt, warum er einem Esel so theueres 
Geschirr auflege, welches man nur mit Mühe und grossen Kosten für ein 
edles Ross bekommen könne, das allein doch verdiene, so reich geschmückt 
zu werden. Hierauf antwortete Schachmirza: „Wie dieses Geschirr einem 
Esel nicht steht, — also geziemt es nicht den Männern von Meridji, dem 
Miatkhan Abgaben zu entrichten." Worauf er mit einer unerwarteten, 
.schnellen Bewegung den Miatkhan von der Burka, auf der dieser sass, in 
den Abgrund warf. Dann gab er den Seinen das Zeichen zum Kampfe 
und schlug und zerstreute das Geleite des Miatkhan, der selbst sich nur 
mit grosser Noth rettete. Seit der Zeit ist nie ein Eroberer ins Thal ge- 
kommen und seine Bewohner haben nie jemandem Abgaben gezahlt. 
Ebenso sind die Bewohner des Aul Tsetschi - Akki nie tributpflichtig 
gewesen. — 

1 Kilzmaiitel. 



Archäologische Forschungen im Bezirk des Terek (Nordkaukasus). 



107 



Die Ruinen Muscligen-Gaala. 

Rechts, über dem Pfade von Meridji nach Tsetschi-Akki, das am Ende 
des Thaies am Ufer des J3aches Maitan geh^gen ist, stehen die Ruinen von 
zwei Thürmen, die auf einem ßerggraht, in einer Entfernung von 4 Sachen 
hinter einander, in Mörtel und mit behauenen Ecksteinen aufgeführt sind. 
Diese Thürme sind au Dimension und Bauart denjenigen, die wir auf der 
Georgisciien Militärstrasse an den Abhängen sehen, v^l-kommen gleich. Nur 
lässt sich nichts von der Bekrünung sagen, denn die ist zerfallen, — 

S. >*^->N. 




Diese Thürme sind viereckig. 



Ausgrabungen bei dem Aul Tsetschi-Akki. 

Eine Werst unterhalb Tsetschi-Akki, dem Laufe des Baches Martan 
folgend, fand ich auf dem rechten Ufer ein Grabmal, das wiederum 
dem bekannten Typus der Collectivgräber in Kij entsprach, obgleich es viel 
grösser und geräumiger ist. Die Wölbung ist schon zum Theil zerfallen, und 
ich konnte in die Baute nur durch eine durchgebrochene Stelle in der östlichen 
Wand hineingelangen. Innerhalb fand ich einen Haufen von Steinen, Schutt 
und Knochen, worunter Menschen- und Thierknochen. — Nach Entfernung 
einer dicken Lage von Schutt und Steinen erwies es sich, dass diese Baute 
auf einer schrägen Felsfläche stand, die sich von 0. nach W. senkte. Daher 
setzte ich meine Forschungen in dem westlichen Theile fort, wo ich noch 
nicht auf den Boden gestossen war. Die Baute ist aus Plieten und mit 
Mörtel gebaut, — Hier fand ich im Durcheinander von Schutt, Moder, 
Steinen und Knochen^) bei einem verschobenen Skelet den Schädel A 
mit einer Hauwunde, daneben ein eisernes Messer. Dann den Schädel B 
mit angetrockneter Haut und hellbraunem Haar, mit Kleiderresteu, einem 



1) Diese Gegenstände gehören zur übersendeten Tafel II: a) eisernes Messer, b) Fingerhut 
und Kamm, c) eiserne Schnalle, d) desgl., e) Pfeilspitze und Messer, f) Stück einer eisernen 
Spange, g) eisernes Messer, Kleiderreste, h) eisernes Messer, ein Stück Ring und Kleiderreste, 



,/^o \V. J. DOLBESCHEFr : 

Kamm und einem Fingerhut. Ferner ganz in der NW.-Ecke zwei eiserne 
Schnallen in einem, in einen Haufen zusammengeschobenen Gerippe, bei dem, 
mit dem Gesichte nach W-, ganz in der Ecke ein Schädel D lag, mit Spuren 
zweifacher Trepanation, mit Kopfhaut und hellbraunrothem Haar. Südlicher 
davon, dicht an der Westwand, fand sich wiederum ein verschobenes Gerippe, 
mit dem Schädel E, dessen Gesicht nach unten gekehrt war. Bei diesem 
Schädel fand sich eine Pfeilspitze und im Gerippe ein Messer. Noch weiter 
südlich, in der SVV.-Ecke, fand sich ein Gerippe mit Kleiderresten, das auf 
der rechten Seite, mit dem Gesichte nach W., scheinbar in voller Ordnung 
lag, mit gebogenen Knieen, die das Kinn berührten; der rechte Oberarm lag 
unter dem Gerippe, der Unterarm mit dem Handgelenk, perpendikulär zum 
Oberarm, au die Wand gelehnt, der ganze linke Arm abgetrennt, gestreckt 
am Rücken, das Handgelenk bei den Fersen, wobei der Ellbogen etwas ge- 
boc^en war. Aber ausser diesen Knochen, die dem Anscheine nach zusammen- 
gehören mussten, waren in, unter und auf dem Gerippe verschiedene Fragmente 
fremder Gerippe. Hier lag der Schädel F, und unter dessen rechtem Ober- 
arm fand sich ein Stück einer eisernen Spange. 

Unter dieser Schicht und daneben östhcher lagen scheinbar noch andere 
Reihen von Gerippen, nach der Anzahl der Schädel und ihrer relativen Lage 
zu den Gerippen zu urth eilen, doch waren sie derart durcheinander gemengt, 
dass sich nichts in Bezug auf ihre ursprünghche Lage schliessen lässt; auch 
die Schädel lagen meist in Stücken ohne Unterkiefer, so dass ich auch nichts 
Genaues über die Anzahl der Gerippe sagen kann. Es mögen ihrer 20—30 
gewesen sein. In den NW.- und SW.-Ecken fanden sich noch zwei Gerippe 
einer scheinbar dritten, unteren Lage, die in ihren Theilen mehr Ordnung 
boten. Das in der NW.-Ecke hatte den Schädel G mit Resten von 
schwärzlichem Haar; hier fand sich wiederum ein sehr verrostetes Stück 
Eisen, das wohl ein Messer gewesen sein mag. Das Gerippe in der SW.-Ecke 
schien wiederum ursprünglich auf die rechte Seite, mit dem Gesichte nach W., 
gelegt worden zu sein, gleichfalls mit gebogenen Knieen und Armen. Hier 
lag der Schädel /, mit Resten von hellbraunem Haar über der Stirn, Kleider- 
resten, einem Messer und einem Stück eines eisernen Ringes. Ausserdem 
fand ich noch beim Herumwühlen ein eisernes Messer. — 

Es scheint, dass hier schon früher gesucht wurde, wobei nur die unteren 
und die dicht an der westlichen Wand liegenden Gerippe nicht gelitten zu 
haben scheinen. Ich will hier nur noch des Umstandes erwähnen, dass ich 
unter den in Unordnung herumliegenden Schädeln einen fand, der über der 
rechten Ohröö'nung wiederum ein Loch bot, das auf Trepanation schhessen 
lässt. Dann hatten noch 9 andere Schädel Spuren von Hiebwunden in ver- 
schiedenen Richtungen und an verschiedenen Stellen. Ausserdem fanden sich 
die Schäd»;l eines Wildschweins und einer Hauskatze. 

Die Bewohner von Tsetschi-Akki halten ihre Vorfahren für Auswanderer 
aus Arabistan, aus der Stadt Schemy, folglich müssen sie Muhammedaner 



Archäologische Forschungen im Bezirk iles Terek (Nordkaukasus). 10!) 

gewesen sein; sie müssea aber wohl ihre Religion allmählich vergessen und 
Götzen verehrt haben. Darauf deutet ihre Anbetung heiliger Orte aut 
Höhen, auf denen Steinhaufen aufgeführt wurden, wo Opfer gebracht und 
Eide geleistet wurden. Dort wurde um Regen gebetet, wie es jetzt noch 
o-escbieht. — In neuerer Zeit soll ein gewisser Abu - Muslim, der hierher 
aus Stambul gekommen war, die muharamedanische Religion restituirt 
haben. — 

Immerhin genügt das nicht, um auf die AbstaiMtruug der jetzigen Be- 
wohner der Umgegend von den hier begrabenen Leuten schliessen zu können. 
Im Gegentheil scheint die Schädelform der hier gefundenen Gerippe eher den 
georgischen Thurmköpfcn, als der arabischen Form, näher zu stehen '). Auch 
zeigt sich in der Tracht der hier Bestatteten nichts der Tracht der hiesigen 
Bergleute Aehuliches, wohl aber finden wir ausgenähte Gegenstände, z. li. 
Ilemdkragen mit Lederbesatz bei den Georgi<irn. Stickerei ist bei den 
Tschetschenen völlig unbekannt. — 

Ebenso ist auch die helle, braunlich-rothe Haarfarbe, die noch die an 
den Schädeln haftenden Haarreste deutlich zeigen, in Betracht zu nehmen, 
indem hellere Haarftirbe bei den Georgiern häufig zu finden, bei den Tsche- 
tschenen aber durchweg eine grosse Seltenheit ist. — Daher möchte ich vor- 
läufig die Vermuthung aufstellen, dass, wenn auch die Bewohner von Tsetschi- 
Akki und Meridji wirklich aus Arabien stammen sollten und ihre Herkunft 
recht alt sein mag, was die Flussnamen Kumbelij (von Kumbij) und Ssunja 
(von Kunju) voraussetzen lassen, sie doch die Stellen, wo sie jetzt ansässig 
sind, erst nach Verlauf einer geraumen Zeit nach ihrer Einwanderung ein- 
genommen haben müssen, und dass wahrscheinlich, wie beide Flussnamen zu 
beweisen scheinen, ihr anfänglicher Wohnsitz etwa an den Flüssen selbst, w^eiter 
westwärts gewesen sein mag, von wo sie verdrängt und auf die Stellen ge- 
kommen sein müssen, die sie jetzt inne haben. Hier mögen sie durch Kampf 
die jetzigen Wohnsitze errungen haben, oder, was auch möglich ist, sie haben 
die Landstrecke unbewohnt und von der Bevölkerung verlassen gefunden, 
die hier die zahlreichen Bauten aufführte, deren Ruinen und Bestattungsthürme 
überall im Walde zu finden sind. Dass hier aber seiner Zeit stark gekämpft 
wurde, beweisen unbedingt die zahlreichen Spuren von Verletzungen an den 
Schädeln. Wenn unter 20 bis 30 Bestatteten sich 10 bis 15 Schädel finden mit 
Spuren von Hiebwunden und zwar so verstümmelt, dass man mit Gewissheit auf 
gewaltsamen Tod schliessen kann, so giebt das 30 bis 50 pCt. Erschlagener. 
Was konnte denn auch die Bewohner des Thaies dazu bewegen, eine solche 
Menge fester Burgen aufzubauen, wenn hier nicht beständiger Krieg gewesen 
wäre? Auch weist hierauf vielfach die Tradition, — Jedenfalls würden 
Schädelmessungen die Sache aufhellen. — 



1) Messungen kann ich leider bei gänzlichem Mangel an Instrumenten nicht an- 
stellen. 



110 



W. .T. Dolbesciiepf: 



Tradition, 
aiifgeuomuien in Tsetschi-Akki vom Stammeshaupt Serali. 

^U\c Ik'wohuer von Meridji und Tsetcliuo-Achki i) waren die ersten, die 
sich au den Stellen, wo erstere und wir ansässig sind, niederliessen. Unsere 
Vorfahren stammen aus der arabischen Halbinsel, aus der Stadt Scliemy, 
unweit der Städte Mekka und Mediua (?). Sie landen die Ortschaft wüst 
und nahmen sie ein. Die Galgaier-Inguschen, die unsere Nachbarn nach 
Westen hin sind, werden für Auswanderer aus Persien, aus der Stadt 
Schemacha, gehalten. Wer unsere Vorfahren hierher führte, ist mir unbekannt; 
doch habe ich gehört, dass aus Schemy hierher vier Brüder gekommen sind: 
Tsetschuo, Beij, Aktola und Elij. — Beij Hess sich am Ausflusse der Ssunja 
nieder, etwa 15 W^erst östlich vom Terek und von der Stelle, wo jetzt 
Wladikawkas erbaut ist. Dort findet sich ein Thiurm, der von seinem Stamme 
erbaut wurde. Aktüla nahm die Ufer der Assa bis zum Aul Jandyr ein. 
Elij Hess sich im jetzigen Bezirk von Khassaw-Jurt, im Aul Aretsche-Akka 
nieder. Die Landschaften jenseits der Ssunja gehörten den Galgaieru. In 
Galgai steht ein griechischer (?) Thurm in Khairy-Khoij. Der älteste aber 
von den vier Brüdern, Tsetschuo, Hess sich hier nieder. Ihm folgte Achki. 
Nach ihren beiden Namen wurde die Ansiedlung hier Tsetschuo -Achki 
genannt-). Später lebten Garda, dann Alkhast I., dann Mutal I. und dessen 
Sohn Mutal 11., dann kam Alkhast IL, dann Osdemur, dann Djen, dann 
Guschk, dann Uoppii und ich, dessen Sohn, Sserali. 

„Zu Zeiten des Alkhast I. erschien bei uns der Fürst Buogol (Kabardiner?) 
vom Flachlande her und wollte uns tributpflichtig machen. Buogol Hess den 
Alkhast vor sich kommen und forderte Tribut. Alkhast antwortete, dass er 
ausser Bogen •*) and Speer nichts habe, und weigerte sich, seine Waffen 
niederzulegen. Es kam zum Gefechte und Buogol fiel von der Hand des 
Alkhast. Seit der Zeit ist nie Jemand gekommen, um von uus Tributabgaben 
zu fdidern". — 

Gewiss ist die Angabe der einzelnen Glieder der genealogischen Stamm- 
bäunn*, wie in Meridji, so auch in Tsetschi-Akki, nicht fehlerfrei. Doch 
scheint die Angabe „in Tsetschi-Akki" richtiger zu sein, erstens, weil nur 
12 Glieder genannt werden, die auf einen Zeitraum von 360 bis 400 Jahren, 
vielleicht auch auf etwas mehr deuten, da doch wirklich die Menschen hier 
in den B.Tg.'n in der Regel ein hohes Alter erreichen; und zweitens, weil 
'M)0 bis 400, vielleicht auch 500 Jahre nöthig gewesen sind, um den 
scbuncD Hochwald in und um die Burghöfe zu einer solchen Stärke wachsen 

1; Genau »o sprach der Krzähler diese Orlsbeneniiung aus. 
'Jy Wah Hr. Ha\kun wahrscheinlich für Tsetschakli nimmt. 
'i) Auf TocLet.^chenihch Tuüp (Top) = Bogen, Flinte. 



Archäologische Forschungen im Bezirk des Terelt (Nordliaukasus). 11] 

zu lassen und sich auszubreiten. — Es mag demnach seine Richtigkeit haben, 
dass wirklich die vier Brüder, wie sie in di(!ser letzten Tradition augegeben 
sind, vor ca. 400 Jahren sich hier uiederliessen und die Ortschaft wüst und 
verlassen fanden. Nur waren sie jedenfalls nicht die ursprünglichen Aus- 
wanderer aus Arabistan, wenn diese Auswanderung überhaupt stattgefunden hat. 
Mit weit mehr Wahrscheinlichkeit ist anzunehmen, dass es eine jüngere, jedoch 
stammverwandte Linie der Bewohner von Meridji war, die^ wenngleich sie 
hiren Stammbaum bis auf 15 Generationen (S. 102 — 3) aTt^iebt, wahrscheinlich 
gleichzeitig, d. h. vor «^twa 400 Jahren, sich im Thale niederliess. — Dass 
die Namen der Staramesväter Kumbij und Kundju einer viel älteren Generation 
angehören, die auch wirklich vielleicht die erste war, die hier, ob aus 
Arabistan oder einer anderen Gegend, eingewandert ist, darauf deuten die 
Flussnamen Kumbilej und Ssunja, die, wie gesagt (S. 109), den ursprünglichen 
Wohnsitz der Auswanderer andeuten, von wo erst später, nach Verlauf einer 
geraumen Zeit, etwa die 13, Generation in aufsteigender Linie vor ca. 400 
bis 450 Jahren in Meridji festen Fuss fasste. Was mir der ehrwürdige 
Mollah Doulet-Girej als Jahreszahl, d. h. „nach Iledjra 140 nach dein 
Tode des Propheten" als Auswanderungsjahr angiebt, mag seine Richtig- 
keit haben; auch mögen sich die Namen Kumbij und Kundju in verschiedeneu 
Schriften, die sie führten, später auch in Traditionen erhalten haben; dass 
er aber diese beiden Namen, nach Angabe der 13 letzten Generationen, als 
die 14. (Kundju) und die 15. (Kumbij) in aufsteigender Linie angiebt, darin 
irrt er gewiss. Auch irrt er sich unbedingt, indem er auf jede von den 
15 Generationen 77 Jahre Lebenszeit rechnet; das ist augenscheinlich ein 
Ding der Unmöglichkeit. Wenn wir von dem Jahi^e der Hedjj-a 1299 das 
Jahr 140 der Auswanderung abziehen, so erhalten wir 1159 Jahre, die durch 
15 dividirt, für jede Generation 77 Jahre geben! Mir scheint, dass, wenn 
das Auswanderungsjahr richtig angegeben ist und wir für Kumbij ') und 
Kundju je 35 Jahre zählen, so dass wir das Jahr Hedjra 210 erhalten, die 
Namen der folgenden Generationen bis ungefähr auf das Jahr der Hedjra 
844 sich nicht erhalten haben werden. Dann haben wir von diesem Zeit- 
punkte bis heute, d. h. Hedjra 1299, einen Zeitraum von 455 Jahren, auf 
den wir die 13 Generationen (zu 35 Jahre gerechnet) vertheilen können, die 
uns die Tradition von Meridji überliefert. Dies stimmt mit der Annahme, 
dass die jetzigen Bewohner etwa vor 400 bis 450 Jahren in das Thal 
eingewandert sind, so ziemlich überein. — 

Von grossem Interesse wäre das Aufsuchen der arabischen Schrift, 
die in einem ledernen Futteral, mit Wachs verklebt, aus Meridji entwendet 
wurde. — 



1) Kumbiley heisst auf Tschetschenisch: Untergebenes, Sklaven oder auch Besitzthuni 
des Kumbij. Ley = Sklave, Angehörendes. 



jj.;) W. J. DOLBKSCHEFF: 

Lege-nde vom Sohne des lahmen Timur^), 
aufgenommen in Tsetsclii- Akki. 

„Vom hihmen Timur haben wir gehört, dass er seinen Sohn, den er ver- 
loren hatte, überall suchte, und dass er überall kleine Festungen aus Lehm 
und Erde baute, um die er Gräben grub und Wälle aufwarf, damit sein 
Sohn einen Anhaltepunkt fände und darnach seinen Heimweg wähle. Sein 
Sohn kam während seiner Wanderungen auch einst zu uns. Er war i-eich 
gekleiilet, gut bewafiFnet und beritten. Als er zu uns kam, sagte er, dass er 
ein Wunderross und eine Schaschka'-) aus reinem Magnet suche. Er hiess 
Sohn des lahmen Timur, Mussa. Es waren zu der Zeit nur wenige Pfade, 
die alle kannten und auf denen man Getreide fortführte. Mussa bewachte 
diese Wege in Erwartung des Rosses und des Säbels. Einst zog eine 
Karavane heran; Mussa bemerkte unter anderen Lastthieren ein unansehnliches 
Kössk'in und bat sofort dessen Besitzer, mit ihm gegen sein prächtiges Ross 
zu tauschen. Dieser glaubte ihm nicht und sagte: „Lass mich, spotte nicht," 
Mussa aber machte Ernst: er stieg sofort von seinem Rosse ab und händigte 
es dem armen Treil)er ein, der ganz beglückt über den vortheilhaften Tausch 
heimzog. 

„Nun wartete Mussa noch auf den Säbel. Endlich bemerkte er einen 
unansehnlichen Säbel in einer zerrissenen Scheide an einem Vorüberziehenden 
und tauschte ihn auf ähnliche Weise für ein goldbeschlagenes schönes 
SchwtM-t ein. — Darauf Hess Mussa das eingetauschte Rösslein nebst drei 
Stuten auf die Weide. Nach Verlauf eines Jahres schlachtete er eine Stute 
und untersuchte ihre Knochen; sie w^aren voll Mark. Nach dem zweiten 
Jahre schlachtete er die zweite Stute und fand, dass die Knochen dicker 
geworden waren und weniger Mark enthielten. Nach Verlauf des dritten 
Jahres schlachtete Mussa die dritte Stute und besah die Knochen; es erwies 
sich, da.ss die Knochen eine ganz kompakte Masse ohne Mark darboten. 
Da nahm er das Rösslein, welches jetzt zu einem stattlichen Rosse heran- 
gewachsen war, zu seinem Wirthe, bei dem er gastete, auf Stallfütterung. 

„Zum Bairam ^) ritt der Wirth des Mussa aufs Turnier und letzterer bat, 
ihn auch mitzunehmen mit seinem Rosse und seinem Schwerte. Nachdem 
er sich vielfach am Feste belustigt hatte, verabschiedete sich Mussa bei allen 
und ritt fort. Die Krieger, die in den Festspielen wetteiferten, wie es Sitte 
war, verfolgten ihn, um ihn einzuholen. Einer, auf einem Schimmel, ritt 
ihm nahe. Da lenkte Mussa sein Ross ins Wasser und ritt daselbst weiter 
fort. Der Schimmel kam nicht fort und blieb zurück. Nunmehr ritt einer 
auf einem Fuchse vor und war dem Mussa nahe; der Fuchs hatte eine 

1) Tschetachenisch Essek-Timur. 

2) Säbel. 

'd) Fe»l bei den Muselmännern. 



Archäologische Forschungen im liezirk dos 'I'erek (Nordkaukasus). 113 

weisse Stirn. Da ritt Mussa gegen die Sonne. Der Fuchs blieb zurück. 
Jetzt kam einer mit einem Kappen mit üppiger Milhne und dichtem Schweife 
heran und näherte sich dem Mussa. ISIussa sprengte gegen den Wind und 
bald blieb auch dieses Koss zurück. Die Krieger stellten die Verfolgung ein, 
was bedeutete, dass sie ihre Rosse von dem des Mussa im Wettrennen für 
besiegt hielten. Als Mussa dies sah, wendete er sein Ross und ritt heran, 
indem er höflich die Eigenschaften der Renner seiner Gegner pjies. Man fragte 
ihn, warum er vor dem Schimmel durch Wasser, vor deriTweissstirnigen Fuchs 
gegen die Sonne und vor dem Rappen mit üppiger Mähne und dichtem 
Schweife gegen den Wind geritten sei, Mussa antwortete: „Ein Schimmel 
führt unsichtbare Flügel, und wenn er sie anfeuchtet, verliert er die Schnellig- 
keit seines Laufes, deshalb ritt ich ins Wasser, um ihm zu entgehen. Der 
Fuchs mit einer weissen Stirn hat feine Knochen, wenn die Sonne sie stark 
wärmt, verliert das Ross seine Kraft; deshalb entging ich ihm, indem ich 
der Gluth der Sonnenstrahlen entgegenritt. Endlich ritt ich vor dem Rosse 
mit üppiger Mähne und dichtem Schweife gegen den Wind, weil die Masse 
seiner Haare dem Winde Widerstand bot und somit den Lauf des Renners 
hemmte." Nach dieser Erklärung verabschiedete sich Mussa, gab seinem 
Renner freie Zügel und verschwand wie der Blitz. 

„Indessen suchte der lahme Timur immer seinen Sohn und fragte jeden 
Morgen sein Geleite nach ihm, und was die Wachthabenden im Laufe der 
Nacht gesehen oder vernommen hätten. Sein Sohn kam gegen Nacht ans 
Lager herangeritten und erkannte die Seinen, Unbemerkt stieg er ab, liess 
sein Ross in den Tabun^) abgesattelt los, that seine Rüstung zu den Waffen 
des Geleites und legte sich selbst zu demselben hin. Am Morgen meldete 
das Geleite dem Timur, dass die Rosse die ganze Nacht gewiehert hätten, 
und dass alle Waffen, die aufgehängt waren, aneinander geschlagen hätten. 
Timur erklärte fröhlich, dass sein Sohn zurückgekehrt sei, hielt Musterung 
und liess den unter seiner Burka schlafenden Krieger rufen. Das war Mussa, 
der freudig seinem Vater entgegentrat". 

Gräben und Wallaufwürfe. 

Von den steinernen Umwallungen von Uesik-Jurt (Bd. XVI, S. 155) an, die 
am Ausflusse des Argun ins Flachland stehen und mit Gräben versehen sind, 
fand ich in meinem Zuge nach Westen am Fusse der Vorbergkette fast an 
jedem ansehnlichen Bache Spuren von Gräben und Wallaufwürfe, die ihnen ent- 
sprachen. So traf ich beim Ausflusse des Martan aus der Schlucht in den Vor- 
bergen ins Flachland der kleinen Tschetschna, in der Nähe der Aule Kudenet und 
Mudaij, zwei mit Gräben umgebene Stellen (von denen ich auch im Bd. XVI, 
S. 141 sprach). W^eiter westlich, an dem folgenden Bache, ist im Uferlehm 
eine durch Gräben umgrenzte Stelle zu bemerken. Dann bei dem Ausflusse 



1) Pferdeheerde. 



.. , \V. J. DOLBESCHEFF: 

de> Bache> la. um-, der aus dem Meiidji-Thale seinen Anfang nimmt, findet 
uian A^-huliches. -bei dem Ausflusse der Assa ebenfalls. Bei dem Ausflusse 
der Ssunja, die ein breiteres Thal bildet, habe ich mich noch nicht gehörig 
Orientiren können imd kann daher noch nicht den Ort der Gräben genau be- 
stimmen. - Bei dem Ausflusse des Kumbilej ist auf dem linken Ufer im 
Lferlehm wiederum eine mit Gräben umgebene Stelle, auf dem rechten aber 
zeugen Haufen von Steinen von Ruinen einer Baute, die ansehnlicher und in 
Mörtel aufgeführt war. Weiter, bei dem Ausflüsse des Terek, rücken die 
Ufer wiederum sehr weit von einander und sind überdies so sehr verbaut, 
dass die etwaige Stelle der Gräben schwer zu finden ist. Noch weiter, 
etwa -l Werst westlich, bei dem Ausflusse des Baches, der schon den 
russischen Namen Tschernaja Rjetschka (schwarzes Flüsschen) trägt, ins Flach- 
land von Ossetien, steht wiederum ein derartiger Lehmaufwurf mit Gräben. 

Weiter habe ich noch nicht geforscht; ich will daher hier nur den Umstand 
bemerken, dass diese Gräben und Aufwürfe, wie gesagt, am Ausflusse fast 
jedes Wassers aus den Bergen zu sehen sind, dessen Ufer und Bett selbst 
zum Theil noch heutzutage als Wege dienen. Daher mochten diese Be- 
festigungen von den Bewohnern des Flachlandes zum Schutz gegen Anfälle 
der Bergbewohner erbaut worden sein, die von ihren Höhen, dem Laufe der 
Bäche in den Schluchten folgend, unbemerkt die Wohnsitze der Flachländer 
erreichen, berauben und verwüsten konnten, wogegen die Bergbewohner 
in den Schluchten an Engpässen ihre Thürme, Doppelschlösser und Burgen 
aufbauten, um den Weg nach ihren Höhen vor dem Eindringen der Flach- 
länder zu sperren. Unbedingt würden ausgedehnte Ausgrabungen in den 
Lchniaufwürfen am Fusse der Vorberge und der an ihnen stehenden grösseren 
imd kleineren Kurgane, sowie der Vergleich des auf solche Weise gewonnenen 
Materials den Ursprung dieser Aufwürfe und Gräben aufklären und auch die 
Möglichkeit bieten, das Volk kennen zu lernen, das sie baute. 

ich muss hier noch erwähnen, dass in einigen Aulen des Hochlandes 
der Tschetschna, am Schar -Argun (östlichem Nebenfluss des Argun), mir 
mitgelhcilt wurde, dass Uesik-Jurt ein alter Aul hiess, der etwas oberhalb 
jener Kuinou gestanden habe, die diesen Namen führen, dass ferner diese 
Ruinen von einer Baute herrühren, die viel älter wäre, als der auch schon 
verschwundene Aul, und die von Essek-Tiraur erbaut worden sei. — 

Hie i'irdaufwürfe, richtiger Lehmaufwürfe, sind nach folgendem Typus 
gegraben: Sie stehen auf dem rechten oder linken Ufer, bei breiteren 
I lifdem auch auf beiden Ufern eines aus den Vorbergen kommenden Wassers, 
aul höheren Abstufungen früherer Betten solcher Wasserdurchbrüche. Es 
Hud grö>.M're und kleinere, meist runde, auch ovale Ausschnitte in der Ufer- 
kantc, au Flächeninhalt nicht über 1000 Quadrat-Faden betragend. Der 
n hat meist die Form eines Hufeisens, dessen Enden nach dem Bach 

'.'•r früheren, höheren Uferstufe auslaufen. Höchst wahrscheinlich wurde 
der aus der Grabenvertiefung gewonnene Lehm auf den, im Centrum stehen 



Archäologische Forschungen im Ikzirii des Terok (Nordkaukasus). 



115 




blcibencleii Kegel iiut'gevvorfon. Aus diesem Aufwurf mag 
auch eine niedrige Umvvallung errichtet worden sein; 
wenigstens ist eine Erhöhung noch bemerkbar, obgleicii 
das Setzen des aufgeworfenen lockeren Erdreichs und 
das Abschwemmen durch Thau und Regenwasser dieselbe 
bereits dem anliegenden Boden des Aufwurfes fast gleich 
gemacht haben. Einige solche Kegel,' z. B. bei den 
Aulen Mudaij und Kudenet, fand ich bewaldet. — Die 
senkrechte Tiefe der Gräben beträgt H— 7 Faden. — 

Noch etwas über Miatkhan. 

Bei meiner Rückkehr aus dem Meridji - Thale ins Hochland nach 
Yalchoroy forschte ich nach Miatkhan und erfuhr, dass die Tradition von 
ihm auch hier noch lebt. Die Bewohner dieses Aul halten sich für 
seine Nachkommen. Der Stammesälteste Zickman^), der die alte Burg 
daselbst bewohnt, stammt aus dem Burgthurme Kaussi bei Itir-Gaala aus der 
Familie Singaloij, deren Stammvater einer der Genossen des Miatkhan ist, 
Gasbek I. genannt. Dieser hatte einen Sohn Tschuapan, dessen Sohn, 
Garsch, den Burgthurm Kuassi erbaute. Das war war ein stolzer, berühmter 
Herrscher. Ihm folgte sein Sohn Gasbek IL, dann dessen Sohn Eji, tlanu 
Juapa, dann Zizi und endlich Zickman, den ich schon als einen sehr be- 
jahrten ehrwürdigen alten Mann antraf. Die Burg in Yalchoroij, in deren 
zum Thcil zerfallenen und neuerdings angebauten Theilen gegenwärtig 
die Familie des Zickman lebt, soll von dessen Grossvater Juapa erbaut 
worden sein. 

In früheren Zeiten sollen die benachbarten Aule bei Kij, Guloij, Metij, 
Maestoij und Schatiloij hierher Abgaben gezahlt haben, auch sollen die Be- 
wohner von Galan tschotsch (westlicher) je 2 Maass Weizen gezahlt haben. 
Die Bewohner von Yalchoroij selbst zahlten aber keine Abgaben. Miatkhan 
bezog solche von den weiter entfernten Nachbarn. — 

Legende vom lahmen Timur, 
in Galantschotsch aufgenommen. 

„Vom lahmen Timur hörten wir, dass er überall seinen Sohn suchte und 
ümwallungen und Gräben herstellte. Seinen Sohn verlor er folgendermaassen : 
Einst sandte er ihn aus, um Schafe zu weiden. Es kam ein Hase 
in die Heerde, der immer aus der Heerde fortlaufen wollte, aber Timur's 
Sohn liess ihn nicht fort, indem er ihn immer in die Heerde zurücktrieb, 
da er den Hasen für ein Böcklein hielt. So brachte er seine Heerde mit 
dem Hasen nach Hause bis in den Stall und erzählte seinem Vater, dass 



1) bald nach meiner Abreise gestorben. 



,,„ W. J. DOLBESCHEFP: 

lln 

ihn eiu uubäudiges Böcklein viel Mühe gekostet habe. Den anderen Tag 
trieb der Vater die Heerde selbst, aber er vermochte es nicht, den Hasen 
in der Heerde zu halten, der fortlief, woraus er schloss, dass sein Sohn ein 
ungewöhnlicher Mensch sei. Bald darauf geschah es aus Versehen, dass der 
Sohn den Vater au dem einen Fuss beschädigte (?); in Folge dessen wurde 
dieser lahm. Dann verschwand sein Sohn plötzlich. Ohne Sohn verarmte 
Timur bald. — Einst ging er in die Schmiede. Der Schmied schlief in der 
Schmiede bei dem Amboss und den Bälgen. Timur bemerkte, dass dem 
Schmiede aus dem einen Nasenloche eine Fliege herauskam und sich auf 
dfu Amboss setzte, von da flog sie auf die Bürste, mit der man Wasser 
aufs Feuer spritzt, die quer über dem Wassertrog lag, dann verschwand sie 
hinter dem Trog in der Erde. Nach Verlauf einer Weile kam sie wieder 
aus der Erde hervor und verschwand in dem Nasenloche des Schmiedes. 
Da erwachte dieser, fuhr mit den Händen übers Gesicht und sprach: „0, 
was mir doch träumte! Ich habe grosse Seltenheiten gesehen. Es träumte 
mir, als ob ich über einen eisernen Berg gestiegen, dann auf einer eisernen 
Brücke über das Meer gegangen, dann in felsigen Gegenden in den Schooss 
der Erde gestiegen wäre und dort hätte ich viele ßeichthümer, Gold und 
Edelsteine gesehen." Timur hörte zu und merkte sich alles genau. Dann 
bat er den Schmied, er möge ihn als Gesellen annehmen, wobei er in dieser 
Schmiede leben und arbeiten wolle, der Schmied aber solle sich eine andere 
Hütte zur Schmiede aufbauen. Letzterer war in allem einverstanden und so 
wurde Timur Schmiedegeselle und lebte in der Schmiede allein. Am Tage 
arbeitete er fleissig und Nachts holte er die Erde hinter dem Wassertroge 
heraus, wo die Fliege in die Erde gegangen war. Auf diese Weise kam er 
denn auch endlich zum Schatz und holte ihn heraus. Dann miethete er 
sich ein grosses Heer, zog ins Flachland und lebte in den Steppen. 

^Inzwischen kam sein Sohn zum Herrscher eines Landes und lebte bei 
ihm. Einst sprach er zu seinem Wirthe: „Können mir die Menschen sagen, 
wie ich ein Wunderross und ein magnetisches Schwert gewinnen könnte?" — 
Er bekam keine genügende Antwort und beschloss, beides selbst zu suchen. 
Er setzte sich auf den Weg, betrachtete die vorbeiziehenden Pferde und be- 
fragte die Reisenden. 

„Einst ging ein unansehnliches Füllen an ihm vorbei, das dem Sohne 
des Timur so sehr gefiel, dass er es gegen sein eigenes schönes Ross ein- 
tauschte, was den Führer des Füllens nicht wenig in Erstaunen setzte. 
Ebenso tauschte er mit einem Vorüberreisenden sein schönes, silberbelegtes 
Schwert für eine scheinbar schlechte Klinge in zerrissener Scheide ein. Nun 
Hess er das Füllen weiden und gesellte ihm drei Schafe bei. Nach Verlauf 
des ersten Jalires schlachtete er das eine Schaf und betrachtete die Knochen, 
dann das zweit«* nach dem Verlauf des zweiten Jahres, dann nach dem dritten 
Jahre das dritte Schaf, bei dem schon kein Mark in den Knochen war, 
sondern letztere bildeten eine ganz compacte Masse. Da fuhr Timur's Sohn 



Archäologische Forschungen im Bezirk des Terek (Nordkaukasus). 117 

aufs Bairam-Fest u. s. w.'* — Von hier an weicht die ErzähluDg nicht mehr 
von dem ab, was ich in Tsetschi-Akki aufnahm, und was ich vorher (S. 112) 
in der Legende vom Sohne des hihmen Timur mitgetheilt habe. 

Die Ruinen bei Galantschotsch. 

Diese Ruinen liegen auf einem hohen Almberge, am Wege von dem Aul 
Galantschotsch nach Naschchoij, und stellen eine vierecjcige Baute aus Plieten- 
steinen mit behauencn Ecksteinen in Mörtel dar. Diese Baute ist umgeben 
von einer Steinmauer, auch in Mörtel. 

Ueberlieferung. „Diese Burg baute ein gewisser Ghoij, der viele, 
Blutrache') suchende Feinde hatte. Er stammte aus Tscheberloij. Er kam 
hierher und liess sich hier mit zwei Brüdern, Mesir und Tychil, nieder, 
die sich im Thale anbauten und dort lebten. Diese versöhnten sich mit 
ihren Feinden und kehrten alsdann nach Tscheberloy zurück, Choij aber 
blieb hier, der Sühne nicht trauend. Er lebte sehr lange in seiner festen 
Burg und starb seinen natürlichen Tod. Die Bewohner von Galantschotsch 
halten sich für seine Nachkommen. Von Miatkhan haben sie gehört und 
erkennen ihn als Fürsten an. Steuern entrichteten sie ilmi nicht, auch hätten 
sie nie Jemandem welche gezahlt. Die Bewohner von Tscheberloij bezogen 
Steuern von den Bewohnern von Kaghatoij (im Bezirk von Daghestan); 
einen Theil dieser Steuern bekamen auch die Nachkommen des Choij in 
Schafen, Salz, Korn und Sachen". 

Links von den Ruinen bei Galantschotsch auf dem Gipfel eines Hügels 
steht ein sehr hoher, viereckiger, pyramidal abgedachter, thurmartiger 
Obelisk, aus Plieten aufgebaut. — Es w^ar Abend und es gewitterte, so dass 
ich leider auf den Versuch, dieses interessante Denkmal näher in Augen- 
schein zu nehmen, verzichten musste. Das sehr hohe, schmale Monument 
kann kein Wehrthurm sein, es hat auch keine Schiessscharten und stellt 
wahrscheinlich ein Grabdenkmal vor. 

In Yalchoroij theilte man mir noch Folgendes mit: Der georgische 
Padschach Irkl-') (Irakhus?) flüchtete nach einer Niederlage aus Georgien 
über Pchi, Schatyl, Melcbisti, Kij, Tschantij zu unseren Vorfahren, den 
Assultanen, und zog nach Daghestan. Er verweilte bei uns etwa zwei Nächte, 
verbarg sich und machte Geschenke. — 

Eine Münze aus Silber fand ein Einwohner von Galantschotsch in 
einer Höhle bei einem Gerippe nebst noch 17 anderen, die er zu Waffen- 
beschlag verwendete. Ich kaufte ihm die eine, die er noch behalten hatte, 
ab. Daselbst soll er auch silberne Ohrringe gefunden haben. — 



1) Blutrache ist ein barbarischer Brauch, der noch Jetzt üblich ist. Vergossenes Blut 
müssen Verwandte am Mörder selbst oder an den Seinen rächen. 

2) Die Tschetschenen sprechen oft Fremdwörter nur nach Consonanten aus, indem sie 
die Vocale fallen lassen, so z.B. General = Juri u.a. 

Zeiischrilt liir Ethnologie. Jahrg. 1887. 9 



Ijs; W. J. DohBKSCHEFK: Archäologische Forschungen im Bezirk des Terek. 

Der Bergsee Galantschotscli. 

Früher befand sich dieser See unten im Kesselthale bei Yalchoroij. 
Einst verunreinigte ein Weib dessen reines Wasser dadurch, dass sie im See 
unreine Wäsche wusch. Darauf verwandelte sich der See in einen Stier und 
dieser kam auf die Alm nach Galantschotsch. Hier wollte man ihn an- 
spannen, aber einige Leute bemerkten, dass das ein ungewöhnlicher Stier sei. 
In dem Augenblicke wurde der Stier wieder zum See und ergoss sich in 
eine Höhlung im hohen Berge mit solcher Schnelligkeit, dass er diejenigen, 
die ihn anspannen wollten, verschlang und in seinen Wassern ertränkte. 
Die anderen aber blieben unversehrt. Er ergoss sich an der Stelle, wo er 
noch jetzt ist. 

Der See liegt südwärts von einem Hügel in der Almregion, an dessen 
Fusse. Auf dem Hügel steht ein bewohntes, alterthümliches Burggebäude 
aus Stein, an dem ein viereckiger Thurm und Nebengebäude, zum Theil in 
Zerfall, befindlich sind. Die Gebäude gehören einem gewissen Tzuako 
Uranoff, der für einen Nachkommen des Hirten gehalten wird, der den 
Nachkommen des Miatkhan, Suldan, bei seinem Ueberfall nicht beleidigte. — 

Die Fläche des Sees beträgt etwa 14 bis 16 Dessätinen. Er liegt auf 
einer Höhe von 5 — 6000 Fuss über dem Meeresspiegel. Seine Ufer sind von 
grünen Abhängen der Alm begrenzt, nicht steil. Dicht am Ufer östlich und 
nördlich wächst eine Zwergj)appelart; die anderen Ufer sind mit feinem Schilf 
bewachsen. Einen wahrnehmbaren Ab- und Zufluss hat der See nicht, er 
nimmt aber bei Regen an Umfang zu. Das Wasser hat eine dunkelblau- 
graue Farbe und ist so durchsichtig, dass man sehr weit vom See die 
Wasserpflanzen auf seinem Grunde erkennt. Fische hat er nicht, aber wohl 
eine Art Schlangen. Auch Blutegel sind nicht darin. Im Frühling hört 
man ab und zu ein dumpfes, nicht lautes, unterirdisches Brausen, wahr- 
sclu-inlirli den Ablauf einer Quelle. — 

(Fortsetzung folgt). 



I 



V. 

Nepliritoid- Beile des Britischen Museums 

von 
Dr. OTTO SCHOETENSACK in Freiburg i. B. 



Naclidom wir die Nephritoide des Freiburger Universitätsmuseums einer 
eingehenden Untersuchung und Besprechung in dieser Zeitschrift (1H85, 
Band XVII) unterzogen hatten, erschien es angemessen, dieses Studium auch 
auf andere grössere Museen auszudehnen. Denn, wie dies auch von anderer 
Seite des Oefteren betont wurde, nur durch Herbeiziehung alles uns zu- 
gänghchen Materials werden wir erst in den Stand gesetzt werden, in dieser, 
seit dem Erscheinen des grundlegenden Werkes von H. FISCHER, die l*rae- 
historiker lebhaft interessirenden Frage sichere Schlüsse zu ziehen. 

Wir richteten unser Augenmerk zunächst auf das Britische Museum, 
weil uns bekannt war, dass die praehistorisch-ethnologischen Schätze desselben 
nunmehr in ihrer Gesaramtheit zugänglich gemacht sind, während bislang 
aus Mangel an Raum ein grosser Theil derselben nicht besichtigt werden 
konnte. Nachdem das Department of British Antiquities aber die Säle der 
früher hier aufgestellt gewesenen naturhistorischen Sammlung hinzu erhalten 
hat, kann es den gewaltigen Reichthum, namentlich an ethnologisch werth- 
voUen Gegenständen, geziemend zur Anschauung bringen. 

Insbesondere die Sammlung von Steinbeilen, von welchen ein grosser 
Theil noch nie in den Händen eines Mineralogen war, ist ausserordentlich 
umfangreich. So werthvoUe Beiträge auch von verschiedenen Seiten über 
eine grosse Anzahl der Gegenstände geliefert sind, es wäre doch ein Menschen- 
alter erforderlich, um das hier angehäufte Material nach allen Richtungen 
hin zu durchforschen. 

Wir beschränkten uns darauf, nur diejenigen Nei)hritoid-Beile zur Unter- 
suchung zu ziehen, welche wegen des Fundortes oder auch in anderer Be- 
ziehung ein besonderes Interesse bieten, während wir die übrigen einstweilen 
unberücksichtigt lassen mussten. 

Eine Schwierigkeit, die wir sogleich hier hervorheben wollen, bestand 
darin, dass wir, den Satzungen des Britischen Museums zu Folge, in keinem 



120 



Otto Schoetensack: 



Falle Sul..Uinz von den Gegenständen ablösen durften; wir mussten also von 
vornherein uut eine mikroskopische, bezw. chemische Untersuchung der 
Minerale Verzicht leisten. Es blieb uns demnach nur die Bestimmung der- 
selben mit Hrdfe der hydrostatischen Wage, der Härtescala und der Lupe 

übrig. , , 1 1 • 

Bezüglich der Abbildung der Beile sei noch bemerkt, dass wir uns 

hierin nacl der von JOHN EvANS in seinem trefflichen Werke „The Ancient 
Stone Implements of Great Britain« gewählten Darstellungsvveise richten und, 
ausser der Vorderansicht, auch die Seitenansicht und den Querschnitt zur 
Anschauung bringen. Auf diese Weise werden alle, bei Vergleichen mit 
anderen Beilen in Betracht kommenden Verhältnisse schneller und schärfer 
klargelegt, als dies eine lange Beschreibung vermag. 

Das Material, nach den Fundorten geordnet, ist in nachstehender Reihen- 
folge vorgeführt: 1. Nephrit, 2. Jadeit, 3. Chloromelanit. 



A 



Europa. 

England. Nr. 6. Steinbeil von Brierlow, 
Derbyshire. (Fig. 1.) Dasselbe wurde 18(32 daselbst 
gefunden und ist in dem oben erwähnten Werke von 
John Evans S. 98 folgendermaassen beschrieben: „In 
tbe coUectioD of Mr. J. F. Lucas is a celt of this type 
slightly unsymmetrical in outline, owing to the cleavage 
of the stone. It is 5 V2 inches long, 2 Vg broad, and 
^/g thick. It is Said to have been found near Brierlow, 
Buxton. The material is a green jade-like stone, but 
so fibrous in appearance as to resemble fibrolite." 
Wir haben dem noch hinzuzufügen, dass die genauen 
Verhältnisse des Beils folgende sind: Länge*) 14,1cm, 
Breite 5,4 cm, Dicke 1,6 cm. Die Farbe des Minerals 
ist grasgrün (Radde's Farbenscala 15 n, jedoch mehr 
grau). 

Da Hr. H. FISCHER am Schlüsse seiner letzten, 
im Archiv für Anthropologie erschienenen Ab- 
handlung, welche die von Herrn E. V. TRÖLTSCH 
entworfene Karte der Verbreitung der Werkzeuge 
aus Nephrit, Jadeit und Chloromelanit begleitet, 
dieses Beil erwähnt und dasselbe, auf Grund der 
ihm gewordenen Mittheilungen, für Jadeit erklärt, es aber von grossem 
Interesse ist, zu wissen, ob auf den Britischen Inseln Nephritoid- Werkzeuge 
vorkommen, .so war eine Untersuchung dieses Beils dringend geboten. Dieselbe 
ergab, dass wir hier kein Nephritoid vor uns haben. Das specifische 
Gewicht ist freilich = 3,3.39 (eine frühere, wohl nicht so genau vorgenommene 
Bestimmung desselben, laut darauf angebrachten Zettels, ergab 3,35), doch 




1, rD»erc MaahHc ^eben jeweils die fjrösste vorhandene Länge, Breite und Dicke der 
Beile an. 



Nephritoid-Beile des Britischen Musenms. 



121 




ist die Härte entschieden unter 6. Dabei ist der ganze llabilus des 
Minerals, vor Allem der auft'iillig matte Glanz und die so scharf aus- 
gesprochene Schieferung, welche in dem ganztsn Stücke, durch hellere gelb- 
liche Linien gekennzeichnet, auttritt, (vergleiche unsere Al)liil(king), dem Jadeit 
durchaus fremdartig. 

Italien. Nr. 4. Stumpf(!r Jiuleit-Keil von 
Caltanisetta, Sicilien. (Fig. 2.) Derselbe lünfl lui 
dem einen Ende spitz zu, an dem anderen Ende betiudot 
sich eine ebene, im Umrisse ovale Fläche (Nr. 4 c 
unserer Abbildung), welche sorgfältig geglättet ist. 
Die Farbe Ist dnnkebneergrün. H = 7. Spec.-Ge- 
wicbt = 3,337. 

Aehnlich geformte Steinwerkzeuge hat Hr. H. 
SCHLIEMANN in den vier ältesten Städten von 
Hissarlik in grösserer Anzahl aufgefunden und 
sie als Polirsteine gedeutet'). Unter den im 
Berliner Museum für Völkerkunde hiervon aus- 
gestellten Exemplaren befinden sich einige, die 
mit dem unsrigen grosse Aehnlichkeit haben. Pi?- 2. Ve 

üebrigens sind noch jetzt ganz gleich gestaltete Instrumente zum Glätten 
der Thongefässe bei einigen afrikanischen Naturvölkern in Gebrauch, wie 
uns die in der Colonial-Ausstellung in London befindlichen Steinkeile von 
der Sklavenküste in Ober-Guinea und die „Bushman, Hottentot und Kafir 
Stone Implements" belehrten, 

Nr. 41. Chloromelanit-Keil von Vol terra (Fig. 3). 
Derselbe wurde 1874 in dieser Stadt, welche u. A. durch 
ein reiches etruskisches Museum bekannt ist, gekauft. Die 
eigenthümliche Form ist aus unserer Abbildung ersichtlich. 
Rings um den Keil herum läuft eine Vertiefung; ausserdem 
ist derselbe quer durchbohrt. Das Mineral zeigt zahlreiche, 
winzig kleine, gelbglänzende Interpositionen (Pyrit V). H. = 7. 
Spec. Gewicht = 3,343. 

Griechenland. Nr. 14. Chlo- 
ronielanit - Beliehen von 
Elis (Figur 4). Dasselbe 
ist 2,5 cm lang und ebenso 
breit, sowie 1,1 cm dick. Die 
sauber polirte Oberfläche ist 
dunkelschwarz, glänzend. H. 
= 7. Spec. Gewicht = 3,353. 
Die Form dieses Beils hat 
grosse Aehnlichkeit mit 
mehreren ungefähr gleich Fig. 4. V^ 

grossen von Hrn. H. SCHLIEMANN in den prähistorischen 
Städten yon Hissarlik ausgegrabenen Nephrit-Beilchen: 

1) H. SCHLIEMANN, lüos S. 249, 260, 493 u. G36. 





122 



Otto Schoetensack : 



Man vergleiche unsere Abbildung Fig. 4 mit den in „Ilios, Stadt und Land 
der Trojaner- gegebenen Fig. 86 und 675. 

Asien. 






i i 





c. 




Fig. 6. V, 



Fig. 5. V» 

Klein-Asien. Nr. 22. Nephrit- Beilchen von Smyrna (Fig. 5). Dasselbe, 
mit gn»M'r Sorgtiilt hergestellt, ist 5,2 cm lang, 1,8 cm breit und 0,9 cm dick. 
Die Farbe ist grasgrün (Radde 14 g). H. = 7. Spec. Gewicht = 2,967. 

Nr 2409. Nephrit-Beilchen aus Klein-Asien (Fig. 6). (Die nähere 
Ortfangabe fehlt). Dasselbe ist 3,3 cm lang, 0,8 cm breit und 0,8 cm dick. Das 
niedliche Instrument ist mit denkbar grösster Sorgfalt und Sauberkeit hergestellt. 
Eigenthumlich sind die auf der Seite angebrachten Vertiefungen, und zwar ist auf 
der einen Seite (b. unserer Skizze) eine nur wenige Millimeter tiefe Bohrung vor- 
handen, auf der anderen Seite (c.) smd einige ungefähr gleich tiefe Einschnitte 
^ielltbar, deren Linien nicht parallel zu einander liegen. 

Das Mineral, welches sich deutlich als Nephrit charakterisirt, gleicht hinsichtlich 
der Farbe (Radde 37;*) und des ganzen Habitus auffallend der bekannten turke- 
jHtanischen ^molkeufarbigen" Varietät. H. = 6— 7. Spec. Gewicht = 3,058. 

Nr. 17. Jadeit-Beil von der Insel Samos (Fig. 7). Dasselbe ist 11,7 c/« 
lang, 5,2 cm breit und 2,9 cm dick. Die Farbe des Minerals, welches deutliche 
(Jerrillspuren zeigt, ist dunkelgrün. Die Schneide ist wenig verletzt. H. = 7. Spec. 
Gewicht = 3,310. 

Dieses Heil unterscheidet sich durch seine beträchtliche Grösse von den 
übrigen an der kleinasiatischen Küste oder den benachbarten Inseln gefundenen 
Nephritoid- Werkzeugen; sodann ist auch die Arbeit an demselben nicht so 
sorgfiiliig ausgeführt. 

Genau eben.so gestaltete Heile sind uns aus den verschiedensten Theilen 
Europas bekannt, wir erwähnen nur aus dem Freiburger Universitäts-Museum 



Nephritoid-Beile des Britischen Sruseums. ]93 

Nr. 9 ein Dioritbeil von Athen, Nr. 19 ein Saussuritbeil aus einem Pfahl- 
l)au bei Neuchatel, und Nr. 2 ein Steinbeil aus der Provinz Algarve 
(Portugal); ferner sind derartig geformte Beile in England zu finden, z. B. 
Nr. 72 ein Syenitbeil von Wareham, in EVANS „Ancient Stone Impl.-ments" 
abgebildet. Auch von Neu-Guinea tritt uns eine derartige Beilforni in unserer 
Abbildung Nr. -}- 727) entgegen. 

Die Uebereinstimmung der Gestalt derartiger Steinbeile, deren Verfertiger 
zeitlich und örtlich weit von einander getrennt lebteij^. veranlasst uns nach 
der Ursache dieser, für den ersten Augenblick auffälligen Ersch/^inung zu 
forschen. Und da ergiebt sich denn, dass alle die so geformten Beile mehr 
oder weniger Geröllspuren aufweisen ; auch die völlig abgerundeten Seiten- 
kanten, welche die Beile im Querschnitt oval erscheinen lassen, sprechen 
dafür, dass sie aus Geschieben hergestellt wurden. Da letztere aber überall 
ie nach dem Material, eine ähnliche Form annehmen (schieferiges Gestein 
wird z. B. Hache Gerolle ergeben), und die Verwendung der in den Fluss- 
läufen gefundenen Steine dem Menschen zunächst lag, so folgt daraus die 
oben erwähnte Uebereinstimmung der Formen gewisser, auf der ganzen Erde 
zerstreut gefundener Steinbeile. 

Den durch Zerschneiden grösserer Stücke herzustellenden Steinbeilen 
gab man eine Form, welche sich nach dem Zwecke, zu welchem das Beil 
bestimmt war, richtete. Hierbei bildeten sich im Laufe der Zeit an ver- 
schiedenen Orten verschiedene Formen heraus, die demnach auch für den 
betr. Fundort charakteristisch sind und sich von den aus den Gerollen 
hergeleiteten, überall ähnlichen, Steinbeil-Typen unterscheiden. 




Fig. 8. Y 



124 



Otto Schoetensack: 




Nr. 5909. Jadeit-ßeilcheu von Ephesus (Fig. 8.) Dasselbe ist 5,6 cm 
lang, 2,2 cm breit und 1,4 cm dick. Die Farbe ist dunkelgrün. Die Oberfläche 
sauber polirt. Die Schneide wenig verletzt. H. = 7. Spec. Gewicht = 3,386. 

Nr. 8. Jadeit-M eissei von Ephesus (Fig. 9.) Derselbe ist 6,3 cm lang, 
1,5 cm breit und 1,3 cm dick. Die Farbe ist grasgrün (Radde Um, aber mehr 
fTau); dant'ben treten zahlreiche weisse runde Flecken auf. Die Oberfläche ist 
sauber polirt. H. = 7. Spec. Gewicht = 3,349. 

Nr. 2. Chloromelanit-Beilchen von Ephesus (Fig. 10.) Dasselbe ist 
3,G cm lang, 2,9 cm breit und 1,6 cm dick. Die Farbe des Minerals ist schwarzgrün 
und zeigt die polirte Oberfläche desselben einen schwachen Glanz. Die Schneide 
ist unverletzt. H. = 7. Spec. Gewicht = 3,315. 

Nr. + 1812. Chloromelanit-Beilchen von Hierapolis 
(Fig. 11.) Dasselbe ist 2,2 cm lang. 1,4 cm breit und 0,7 cm dick. 
Die Farbe ist dunkelgrasgrün (Radde 15 d). Die Oberfläche ist 
sauber polirt und die Schneide ist unverletzt. H. = 7. Spec. 
Gewicht = 3,423. 

Die sonst aus Klein-Asien bekannt gewordenen Nepbritoid- 
Beile stammen von der Küste oder von den benachbarten 
Inseln. Das Beilchen von Hierapolis ist also als ein w^eiter 
in das Land hinein, im Bereiche Grossphrygiens der Alten, 
gemachter Fund von Interesse, 
l-ig. 11. V2 Wenn man unsere Abbildungen von dem Beliehen von 

Hierapolis und den beiden Beilen von Ephesus (Fig. 8 und Fig. 10) ver- 
gleicht, so findet man, dass die Schneide, wie die Abbildung der Seiten- 
ansicht ergiebt, bei den drei Instrumenten ganz gleich angelegt ist. 

An dem Flusslaufe des Maeander, der genannte Orte nahezu verbindet 
und der auch den praehistorischen Bewohnern dieser Gegend, welche sich 
der Steinbeilchen bedienten, zum Verkehr gedient haben wird, dürften noch 
manche ähnliche Funde zu erwarten sein. 

Syrien. Nr. + 2408. Nephrit- Beilchen von Sidon 
(Fig. 12.) Dasselbe, im Querschnitt ein Oblongum darstellend, 
ist 2,3 cm lang, 1,1 cm breit und 0,7 cm dick. Die Farbe gras- 
grün (Radde 15e). Die Schneide wenig verletzt. H. = 7. Spec. 
Gewicht — 3,313. 

Soweit uns erinnerlich, sind bisher von Syrien noch keine 
Nephritoid-Beile bekannt geworden; es ist dieses Beilchen 
also von besonderem Interesse, insoweit es einerseits die 
vorderasiatischen Fundorte vervollständigt und andererseits 
uns den Weg zeigt, auf welchem die ganz vereinzelt in 
-^^''gypten gemachten Funde, die wir noch näher beschreiben 
werden, nach Afrika gekommen sein mögen. 
Mesopotamien. Ncplirit - Cylinder (Fig. 13), welcher durch Layard in 
AssarliMild-Mi'« Südwestpalast von Nimrud gefunden wurde^). Das 




Vifr. 12 



1) A. II. Layard, Discoveries in the ruins of Niniveh and Babylon, London 1853, 
pag. If/J. ' 



Nephritoid-Beile des Britischen Museums. 



125 




Fig. 13. V, 



li(;utige Dorf Niniriid steht bekaiiiitiicli 
auf den Riiiiieu der alten Stadt Calacli 
((ienesi.s 10), assyr. Kalkli, welclic von 
dem ebenfalls v(ui Lavakd er.schlos.senen 
Kojnndseliik, dem alten Ninive, 30 km enl- 
fi'rnt war und keineswegs zu letzterem 
gellölte, wie man irrthilnilicli geglaubt hat. 
Auf dem Cylinder sind zwei bärtige 
Männer dargestellt, zwisehen welchen eine 
kleinere, eb(>nfalls bärtige (Gestalt sicli be- 
iludet; ausserdem ist Keilsc'hrift darauf 
eingravirt. Der Cylinder ist der Länge nach durchbohrt, misst .3,4 cm in der Länge, 
1,3 cm im Durchmesser und bat eine grasgrüne Farbe (Radde 14//), mit helleren 
durchscheinenden Flecken. 

Das Mineral, dessen Härte 7 und dessen spec. Gewicht = 2,931 beträgt, ist 
ein typischer Nephrit, welcher in Farbe; genau dem im Freiburger Universifäts- 
Museum befindlichen Thwang-Yü (Nr. 2 der Sammlung) von Khoten (Turkestan) 
gleicht; auch das spec. Gewicht des letzteren 2,87 stimmt möglichst genau mit dem 
für den Cylinder festgestellten überein. 

Einen Siegelabdruck dieses Cylinders, dessen Al)bildung oben zinkographisch 
wiedergegeben ist, verdankt das Freiburger Universitäts-Miisenm der (Jiite des 
Hrn. BuDüE vom Britischen Museum. — 



Nephrit- und Jadeit-Beile von Mughcir. Diese Beile, deren 
mehrfach in der Literatur Erwähnung gethan ist, ohne dass dieselben unseres 
Wissens bis jetzt einer genaueren Untersuchung unterzogen wurden, sind 1851 
von LAYAED bei Mugheir ausgegraben, üeber den Ort findet sich in 
RiTTER's Erdkunde folgende Stelle: 

„Mugheir oder Maguier liegt im Süden des Euphrat bei Arkah. Der 
Name soll, nach AlNSWORTH, einen „Ort mit Bitumen aufgemauert" be- 
zeichnen. Diese Etymologie hatte schon P. DeLLA VaLLE aufgezeichnet 
(Mugeijer') cioe impegolato b. D. V.), der im Jahre 1625 zuerst bei 
seinem dortigen Besuche diese grosse Ruine erwähnt, aus grossen Back- 
steinen erbaut, in denen er den Charakter der Keilschrift zuerst erkannte, 
den er daselbst auch auf schwarzen Marmorfragmenten, wie auf Siegeln, vor- 
zufinden verwundert war. Schon ReNNELL hielt diese Ruine für das Orchoe 
^ bei Strabo und Ptolemaeus, womit AlNSWORTH und auch MANNERT sich 
B vereinigen lassen. Sie erhebt sich, nach AlNSWORTH, zu dei- kolossalen Höhe 
B von 200 Fuss, südwärts der Vereinigung des Shat ei Hijeb mit dem Euphrat, 
B und überragt das antike Bett des Pallacopas, umgeben von anderen Hügeln 
■ geringerer Art an Umfang und Grösse, die aber ebenfalls wie er mit Back- 
steinfragmenten, Scherben und Bitumen überschüttet sind. Die Kühnheit 
des Aufsteigens, sagt AlNSWORTH, übertreffe noch die des Birs Nimrud; 
aber er giebt keinen näheren Aufschluss darüber. Glücklicherweise hat 



Nach dieser Schreibweise scheint das englische Mugheir gebildet zu sein. 



12ß 



Otto Schoetensack: 



H FU\.<ER diesen TrQmmerberg späterhin besuchen können (1835) und jene 
Behauptung, dass hier ein zweites kolossales Monument gleich dem 
Birs Nimrud bei Babylon die Vernichtung der Jahrtausende überdauert 
habe, vullkomiuen bestätigt." 

Seitdem haben die Ausgrabungen LAYARD's neues Licht über diese 
altehnvQrdigen Ruinen, denen die nachfolgend beschriebenen Beile entstammen, 
gebracht. Die betreffenden Publikationen standen uns leider nicht zur 
Verfügung. 




Fig. 17. V4 





Fig. IG. V, 



Fig. 15. V, 



Nr. .50. 9—3. 278, Nephrit-Beilchen von Mugheir (Fig. 14). Dasselbe 
ist (jucr iliirchbohrt und stelU ira Querschnitt ein Oblongum dar, wodurch es sich 
von doli nachfolgend beschriebenen nicht durchbohrten, mit abgerundeten Seiten- 
kaiiteii versehenen drei Beilen desselben Fundortes unterscheidet; es ist 0,2 cm 
lang, 3,5 cm breit und 1,1 cm dick. Die Farbe ist grasgrün (Radde 15<7), von 
helh-ren Adern durchzogen. H. = 7. Spec. Gewicht = 3,031. 

Nr. 56. 9-2. 279. Nephrit-Beilchen von Mugheir (Fig. 15). Dasselbe 
i«t 4,9 cm lang, 2,1 breit und 1,1 cm dick. Die Farbe ist grasgrün (Radde 15 e), 
mit heileren Stellen. II. = 7. Spec. Gewicht = 2,972. 

Nr. 50. 9—3. 273. Jadeit-Beilchen von Mugheir (Fig. 16). Dasselbe ist 
2,9 cm lang, 2,8 cm l)reit und 0,9 cm dick. Die Farbe ist grasgrün. H. = 7. Spec. 
(iewicht — 3,325. 

Es sei auf die Aehnlichkeit hingewiesen, welche dieses Beil in der Form 
mit demjenigen von Ephesus (Fig. 8) zeigt. 

.Nr. 56. 9 — 3. 271. Jadeit-Beilchen von Mugheir (Fig. 17). Dasselbe 
int 4,9 cm lang, 2,7 cm breit und 1,4 cm dick. Die Farbe ist blaugrüu (Radde lö/'.) 
11. - 7. Spec. Gewicht = 3,312. 



Nephritoid-Beile des Britischen Museums. 



127 




Figr. 18. Vi 



Auffällig ist die vollständige Uehereinstimniung der Farbe und des 
spec. Gewichtes dieses Beils mit dem nachfolgend beschriebenen aegyptischen 
Amulet, von welchem die Vermuthung nahe liegt, dass es aus einem Beilchen 
hergestellt wurde, welches aus Asien nach Aegypten verschleppt wui-de. 

G. 24. .A.egyp tischer 
Intaglio ans Jadeit 
(Fig. 18 a — c). Derselbe 
zeigt auf der einen convex 
geschliffenen Seite Osiris 
als Mumie eingewickelt, mit 
Mütze auf dem Haupte und 
Krummstab, sowie Geissei 
in den Händen, demnach 
als Fürsten der Todten 
dargestellt. Auf der anderen 
ebenen Seite ist die von uns 
wiedergegebene Inschrift, 
von einem Kranze umwun- 
den, zu lesen. Deji Abdruck, welchen wir in unserer Abbildung bringen, verdanken 
wir der Güte des Herrn Budge vom Britischen Museum. 

Die Oberfläche dieses Amulets, Avelches 4,3 cm in der Länge, 3.1 cm in der 
Breite und 0,6 cm in der Dicke misst, ist sehr sauber polirt. Die Farbe ist blau- 
grün (Radde 16/"). Das Mineral stellt einen typischen Jadeit dar, welcher auch 
makroskopisch auf den angeschliftenen Flächen die charakteristische faserige Textur 
desselben erkennen lässt. H. = 7. Spec. Gewicht = 3,314. 

Unsere Annahme, dass dieses Amulet aus einem Beilchen hergestellt 
ist, stützt sich, abgesehen von dem Analogen, welches wir in dem von Hrn. 
C. W. King zuerst beschriebenen, mit Inschrift versehenem, aegyptischen 
Steinbeilcheu (Fig. 19) besitzen, darauf, dass der Uniriss unseres Amulets 
ganz dem eines Steinbeilchens gleicht: oben ist die Basis, unten die Schneide 
desselben noch erkennbar; auch die Rundung der Kanten und die Zuspitzung 
der Schneide trifiPt zu. Die eine Fläche des Beils, in deren Mitte nur eine 
kleine Figur einzugraben war, blieb convex, während die andere, welche 
die Inschrift erhalten sollte, zur bequemeren Anbringung der letzteren, zuvor 
völlig eben geschliffen werden musste. 

Zu der Vermuthung, dass das in Rede stehende aegyptische Amulet als 
Beil aus Asien herübergebracht ist, werden wir durch die auffällige voll- 
ständige Uebereinstimmung der Farbe und des spec. Gewichtes zwischen 
diesem Gegenstande und dem mesopotamischen Jadeit-Beile Nr. 56. 9 — 3. 271 
(S. 126) um so mehr veranlasst, als Nephritoid-Beile aus Aegypten bis auf 
das sogleich zur Besprechung gelangende Nephrit-Beilchen (Fig. 19) gar 
nicht bekannt sind. Auch der Umstand, dass diese beiden Beile mit 
Aufwand einer ausserordentlichen Kunstfertigkeit und Mühe zu Amuletten 
umgestaltet wurden, beweisst an und für sich schon, dass solche Beile als 
grosse Seltenheiten in Aegypten betrachtet wurden. 



128 



Otto Schoetensack: 




Nr. 11. Nephrit - Beilchen, welches, aus 

-.^8 \ A*egypten st JinnutMid, vom Oberst Miller, dem 

\)fH \ Fliigehuljutanteii des Lord J. Bathurst während der 

Öil-^v'fT \ i-iiglistlien Ofciipation von Sicilien, im Jahre 1812 mit- 

i' t 'jJ \ gebracht A^rde (Fig. 19). Dasselbe, auf beiden Seiten 

I, U l /, n \ ^^^.^ ^ji^^^j. g,iostischen Inschrift in griechischen, während 

I v^/ ^ I j \\jj \ ii^.g dritten und vierten Jahrhunderts in Alexandria üblichen 

. Y I Lettern versehen, wurde zuerst von Hrn. V>. W. King, 

J L -. , Tir I einer auf dem Gebiete der Epigraphik wohlbekannten 

•^^ ^ \|| Autorität, beschrieben und ist auch von anderen Autoren 

erwähnt'). 

Da das spec. Gewicht dieses interessanten Gegen- 
standes noch nicht bestimmt war, so erachtete Hr. H. 
*^" ■ ' Fischer die Aufführung desselben unter den Nephritoiden 

aL mineralogisch nicht genügend begründet. Wir ermittelten nun das Voluragewicht 
des, aurh dem ganzen Habitus nach, als Nephrit sich keimzeichnenden Minerals = 
i,y95 und die Härte = 6— 7; es wird also hierdurch die zuerst von Hrn. Rüdler 
vorgenoniniene Bestimmung des Minerals dieses Amulets als Nephrit bestätigt. 

Nach den über den Intaglio Nr. G 24 von uns ausführlich gegebenen 
Darlegungen neigen wir zu der Annahme, dass auch dieses Beilchen ein 
Fremdling in Aegypten war, und dass sein Ursprung ein asiatischer ist. 

Dass in Aegypten aus Jadeit und Chloromelanit gefertigte Scara- 
bäen vorkommen, ist bekannt. Auch im Britischen Museum (Schrank 72—74 
der ägyptischen Abtheilung) befinden sich mehrere, welche sehr wahrscheinlich 
aus dem genannten Material hergestellt sind. Es war uns leider unmöglich, 
die Zeit für die genaue Untersuchung derselben zu gewinnen, weshalb wir 
uns vorbehalten, dies baldthunlichst nachzuholen. Darauf wollen wir aber 
schon jetzt hinweisen, dass diese Scarabäen nicht in eine Linie gestellt 
werden dürfen mit den Nephritoid-Beilen, so dass, sollte man auch die 
Verbreitung der Nephritoid-Werkzeuge ausserhalb Europas kartographisch 
darstellen wollen, man keinenfalls die so heterogenen Gegenstände mit dem- 
selben Zeichen versehen dürfte. 

Die Nephritoid-Beile treten uns in den an das mittelländische Meer an- 
grenzenden Ländern, wie namentlich die von Hrn. H. SCHLIEMANN in 
lljssarlik gemachten Funde überzeugend darthun, (und die auf den Inseln des 
ügäischcD Meeres, sowie in Griechenland gefundenen Nephritoid- Beilchen 
haben der Form nach unverkennbare Aehnlichkeit damit,) als prähistorische 
SK'inwerkzeuge entgegen. Anders die Scarabäen: Diese in enger Beziehung 
zu dem Cultus stehenden mit hieroglyphischen Schriftzeichen ver- 
sehenen Gegenstände der ägyptischen Miniaturkunst sind ursprünglich als 
Ainuleite, sput**r als Schmuck und Siegelsteine in unzähligen Exemplaren 
(man versah sie bekanntlich mit einem Loche in der Länge des Käfers und 
zog .sie an Schnüren auf), sowie aus dem mannichfachsten, z. Th. aus fernen 

\) bio (raru.e dieses Ainulet betrelTende Literatur lindet sich bei „A. B. Mever, Jadeit- 
UDd Nephril-Objectf?" III. g:U :iuf((eführl. 



Nephritoid-Beile des Britischen Museums. 129 

Ländern stammenden Material gefertigt und gehören einer Zeit an, in welcher 
schon ein ausgedehnter Verkehr der Acgypter mit anderen Ländern bestand. 
Während also die Praehistorio ein Intci-esse daran hat, von jedem ein- 
zelnen Funde der vorgeschichtlichen Nephritoid- Werkzeuge Vormerkung zu 
nehmen, um aus dem sich schliesslich ergebenden Gesammtbilde der Ver- 
breitung derselben eventuell Schlüsse auf praehistorische Beziehungen der 
verschiedenen Länder untereinander herzuleiten, werden die ^carabäen, deren 
kunstvolle Arbeit genügend für die vorgeschrittene IfÜltur der Verfertiger 
spricht, hinsichtlich ihrer Verbreitung oder der auf ihnen aufgezeichneten 
Hieroglyphen, den Geschichts-, bezw. Sprachforscher angehen. — 

China. Aus diesem Lande sind nur wenige Steinbeile bekannt. In 
dem Referate, welches Hr. H. FISCHER über „JOS. EDKINS, Stone hatchets 
in China" im Archiv f. Anth., Bd. XVI, gab, bemerkt der auf diesem Ge- 
biete so bewanderte Forscher u. A. Folgendes: „Die Steinbeile scheinen in 
China bis jetzt überaus selten beobachtet worden zu sein, und ist darum 
jeder neue Fund und seine Geschichte um so beachtenswerther. Mir ist erst 
ein einziges Beil (aus Fibrolith) aus der Sammlung des Hrn. JOHN EVANS 
in London 1879 zu Gesicht gekommen. — Der Kaiserl. deutsche bevoll- 
mächtigte Minister in Peking, Hr. v. BRANDT, bemüht sich schon seit 
Jahi-en, aber vorerst immer vergeblich, mir ein chinesisches Steinbeil zu ver- 
schaffen. — Hr. H. V. SiEBOLD sagt in seinem schönen Werke über japanische 
Steininstrumente, Yokohama 1879, es würde wohl in China und Korea so 
gut, wie wo anders, ein Fortschritt von Stein zu Metall stattgefunden haben, 
nur müsse man daselbst nicht unter der Bodendecke von Jahrhunderten, 
sondern von Jahrtausenden graben, um Steinwerkzeuge zu entdecken. In 
einigen Gegenden Chinas gäbe es Völkerschaften, welche bis auf den 
heutigen Tag Stein anstatt Metall verwenden, und selbst chinesische 
Schriftsteller schreiben solchen Völkern, welche jetzt Metalle kennen, die 
frühere Benutzung von Steininstrumenten zu." 

Hr. A. B. Meyer erwähnt in seinem verdienstvollen Werke „Jadeit- und 
Nephrit-Objecte III, 46 — 48" neben einem Cliloromelanitbeil aus China imK. K. 
Mineraliencabinet zu Wien und einem in Cambodja von Hrn. MOURA ge- 
fundenen schwarzen Steinbeile, die durch den Bericht des Hrn. ANDERSON 
über die „Expedition nach West-Yunan via Bhamo" zuerst bekannt ge- 
wordenen 150 Steinbeile, welche theils in dem Bazar in Momien, theils im 
Sanda-Thal (beide Orte nicht allzu fern der birmanischen Grenze gelegen) 
erworben wurden. Der grössere Theil dieser Beile, worunter (dem spec. 
Gewichte nach zu urtheilen) nur vereinzelt Nephritoide sich zu befinden 
scheinen, liegt im Indian Museum in Calcutta; ein Theil wurde jedoch durch 
Hrn. Major SlADEN, welcher nebst Capitain BOWERS an der besagten Ex- 
pedition theilnahm, dem Britischen Museum übergeben. Wie man uns ver- 
sicherte, sind die letzteren noch nicht untersucht worden, weshalb es uns 



130 



Otto öchoetensack-. 



zur Befriedigung gereicht, über diese, ihrer Herkunft nach hochwichtigen 
Steinwerkzeuge berichten zu können. 

Dieselben sind im Britischen Museum als von Bharno stammend registrirt. 
Da sie aber an mehreren Orten erworben zu sein scheinen (die übrigens 
.-ämmtlich nicht weit entfernt von der Yunan-Birmanischen Grenze liegen), 
und wohl kaum noch der jedem Beilchen zukommende Herkunftsort fest- 
zustellen ist, so führen wir sie unter folgender Collectiv-Bezeichnung auf. 

Steinbeile von der englischen Expedition nach West-Yunan 

via Bhamo. 




L 




Fig. 21. V2 



Fie:. 20. V, 

Nr. 7U8Ö. Nephrit-Beilchen (Fig. 20). Dasselbe ist 6,5 c/// lang, b,b cm 
breit und 1,(J c/// dick. Die Farbe ist grasgrün (Radde 14/), und zeigt das Mineral 
schönen Gl.-inz. Die Schneide ist wenig verletzt. H. = 6 — 7. Spec. Gewicht 
= 3,000. 

Nr. 7098. Nephrit-Beilchen (Fig. 21). Dasselbe ist 3 cm lang, 2,2 cm breit, 
sowie 0,6 cm dick und zeigt an der Seite einen Sägeschnitt. Das Mineral ist gras- 
grün (Radde 14?) und weist schwarze dendritisch ausgebildete Interpositionen auf 
(.Magnetit?). 11. = 6— 7. Spec. Gewicht 2,950. 

Nach der von Hrn. A. B. MeYER mitgetheilten Analyse des Hrn. 
FkeNZEL') von einem Abschnitte des aus gleicher Quelle stammenden 
Heilchens, welches im Indian Museum in Calcutta liegt, und welches nach 
der Beschreibung des Hrn. ANDERSON eine ähnliche Farbe, wie vorstehend 
beschriebene zwei Beile, besitzt, ist anzunehmen, dass das Material derselben 
ebenfalls Nephrit (und nicht etwa Jadeit mit niedrigem Voluragewichte) ist. 

Dass die aus den Flüssen Kitoy, Sljudjanka, Belaga und von dem 
Batugol-Gebirge stammenden Nephrit -GeröUe hinsichtlich der Farbe (die- 
selben /.eigen z. Th. auch die schwarzen Dendrit- Interpositionen) mit den 
Beilen Nr. 7085 und 705J8 übereinstimmen, wollen wir nur nebenbei be- 
merken, ohne hieraus, sowie aus der Uebereinstimmung der Farbe des nach- 
folgend beschriebenen Beils mit der einer turkestanischen Nephrit- Varietät 
Schlüsse ziehen zu wollen. Vielmehr wäre eine mikroskopische Untersuchung 



1) ,LiiB', Dresden 1883, Abb. 9. 




Nephritoid-Beile des Britischen Museums. 131 

unerlässlich , um festzustellen, ob das Mineral der Beile von Yunan mit 
irgend einem uns bekannten Vorkommen zu identificiren ist. 

Nr. 7099. Nephrit- Bei Icheii (Fig. I'l). Dasselbe ist 
4,8 cm lang, 4 cm breit, 0,9 cm dick und zeigt deutliclie 
Geröllspuren. Die Farbe grüngrau (Radde 37o); die Schneide 
des Beils wenig verletzt. H. = 6 — 7. Spec. Gewicht = 2, 9G5. 
Die Farbe dieses Beils ist recht eigentlich die für den 
turkcstanischen Nephrit charakteristische. So zei^n 
die von Khoten (in Turkestan) stammenden Nummern 19 
und 24 der Special-Sammlung der Nephritoide der Frei- 
burger Universität, sowie das in der grossen minera- 
logischen Universitäts- Sammlung befindliche Handstück Fig. 22. 7^ 
von Khoten genau die gleiche Farbe. 

Höchst bemerkenswerth wäre es, wenn unter den 150 Steinbeilen, welche 
die „englische Expedition nach West-Yunan" mitgebracht hat, sich, wie es 
den Anschein hat, kein Jadeit befindet. Es würde dieser Umstand den 
Schluss nahe legen, dass in prähistorischer Zeit die mächtigen Jadeit-Lager 
bei Monghoung den Menschen jener Gegenden noch nicht zugänglich 
waren. 

Diese Thatsache, die wir allerdings durch die verhältnissmässig kleine 
Anzahl von Beilen, welche uns aus jener Gegend bekannt sind, noch nicht 
iür genügend begründet erachten (neue F^unde können ein ganz anderes Bild 
ergeben), würde für die Beurtheilung der Annahme, dass die in Europa und 
selbst die in Mexiko vorgefundenen prähistorischen Gegenstände von Jadeit 
aus Südostasien stammen, von Bedeutung sein; denn, wenn dieses Mineral 
in vorgeschichtlicher Zeit im eigenen Lande selten oder wohl gar nicht be- 
kannt war, so ist nicht anzunehmen, dass es trotzdem in jener Zeit schon 
von hier aus in bedeutenden Quantitäten nach dem Auslande wanderte. 

Für den Jadeit sind aber derartige Schlüsse um so werthvoller, als wir 
durch eine mikroskopische Untersuchung voraussichtlich über die Herkunft 
der in den verschiedenen Ländern gefundenen Objecto aus diesem Material 
weit weniger werden ermitteln können, als dies bei den Gegenständen aus 
Nephrit der Fall ist, weil unter dem Mikroskop (in polarisirtem Lichte) 
die meist grobkörnige Aggregate darstellende Textur des Jadeit weniger 
charakteristische Unterschiede darzubieten scheint, als die bei dem ver- 
schiedenen Vorkommen sich meist auch diflFerent verhaltende Fasertextur des 
Nephrit. 

Forschungsreisende in Yunan oder Barraa würden sich in der Tliat hohe 
Verdienste um die Prähistorie erwerben, wenn sie die in diesen Tjändern 
vorkommenden Steinbeile sammeln und einem grösseren öffentlichen Museum 
übergeben würden, damit durch Untersuchung derselben Klarheit in die oben 
besprochene interessante Materie gebracht werde. 

Wir lassen nun die Beschreibung derjenigen Beile von der englischen 



132 



Otto Sciioeit.nsack: 



Expedition nach West-Yunau folgen, welche sich bei vorgenommener Prüfung 
nicht als Nephritoide erwiesen. 





Fig. 24. V4 



C. 



■23. 




Fig. 25. Ve 



Nr. 7093. Steinl.t'ilcheii (Fig. 23) vom 3,6 cm Länge, 3,5 cm Breite und 
0,8 OH Dicke. Die Farbe ist neiitralgrau (Radde 31/;), zum Theil heller. H. = 7. 
Spec. Gewicht = 3,626; mithin kein Nephritoid. 

Nr. 7101. Steinbeilchen (Fig. 24) von 5,2 cm Länge, 4,3 cm Breite und 1 cm 
Dicke. Die Farbe ist nfutralgraii (Radde 31 r). H. = 7. Spec. Gewicht = 3,563 ; 
ebenfulls kein Nephritoid. 

Nr. 7097. Steinboilchen (Fig. 25) von 3,7 cm Länge, 3,6 cm Breite und 1 cm 
Dick.'. Die Farbe ist grüngran (Radde 37 k). H. = 7. Spec. Gewicht = 3,580; 
kein Nephritoid. 

Die vorgenannten drei Beilchen machen ganz den Eindruck moderner 
Arbeit, namentlich tragen sie gar keine Spuren eines hohen Alters, wie sich 
solche bei den drei Nephrit-Beilen durch erodirte, bezw. unebene Stellen auf 
der Oberfläche ergeben, an sich. Hr. ANDERSON macht bereits auf diesen 
Umstand aufmerksam hinsichtlich einzelner der in Calcutta befindlichen 
Beile und hält dieselben für moderne Amulette, welche von den Chinesen 
luTf^ostellt wurden als Nachahmung der verhältnissmässig seltenen prä- 
historischen Beile. 

Uns erscheint diese Vermuthung durchaus gerechtfertigt, denn, wie uns 
Hr. .X.N'DKILSON berichtet, kennen die Bewohner jener Gegend nicht den 
l r>prung der in der P>de beim Pllügen u. s. w. gefundenen Steinbeile; sie 
htilten dieselben für Donnerkeile u. dergl. und schreiben ihnen übernatürliche 
Wirkungen zu. Wir citiren hier ferner aus Hrn. ANDERSON's Werke 1) 
de intcressaDte Stelle über die „Shans and Kakhyens to the East of 
i.u.iuif)": ^TIh-v place great faitli in llic restorative povvers of bronze and stone 

1; A rcport on ibo expeditioa to Western Jiman via Bhaino by John Anderson, 
CWcuUa 1871, p. 111. 



Nephritoid-Beile des Britischen Museums. 



133 




6 



implements, which are frequently cairied about the person as charms in 
small bags. They are also said to be most useful in tedious labour, and to 
ensure the immediate birth of the child after the mother has been given a 
glass of water in which one of them has been placed beforehand.« 

Was ist nun wahrschein- 
licher, als dass man, da die 
relativ seltenen alten Stein- 
beile für den Bedarf an 
Amuletten nicht ausreichen, 
solche in der benöthigten 
Anzahl herstellt? Es darf 
also bei der Betrachtung der 
Steinbeile aus Südostasien 
nicht ausser Acht gelassen 
werden, die modernen von 
den prähistorischen zu unter- 
scheiden, worauf wir die 
Forscher auf diesem Ge- 
biete besonders aufmerksam 
machen. 

Es möge hier noch die 
Beschreibung eines chinesi- 
schen Beiles Platz finden, 
welches seiner bedeutenden 
Grösse halber unser Interesse 
in Anspruch nimmt. 

D.IV. 37. Steinbeil, durch 
Herrn William Lockhardt 
von China mitgebracht (Fig. 
26). Dasselbe ist 22,5 cm 
lang, 7,5 cm, breit und 2,1 cm 
dick. Die Farbe des Beils, 
dessen Schneide keine nennens- 
werthe Verletzung trägt, ist 
schwarz, an einer Stelle dunkel- 
grün. Die Oberfläche zeigt 
starken Glanz. H. = 6. Spec. 
Gewicht = 2,G79; mithin kein 
Nephritoid. 

Es sei darauf hingewiesen, 
dass dieses Beil sowohl wie 
die anderen vorgenannten 
Beile aus China im Quer- 
schnitt ein Oblongum dar- 

Zeitschrift für Ethnologie. Jahrg. 1387. 10 




c 



Fig. 26. V« 



Otto Sciioetensack: 

<t^llt, wa^ für die Steinbeile aus diesem Lande also als charakteristisch an- 
le^ebeu worden darf. Dass ein Nephrit-Beil aus Sibirien und die aus Nord- 
amerika stammenden Nephritoid- Beile die gleiche Form im Querschnitt 
zeigen, ist bei der Beschreibung derselben erwähnt. Auch lehrt dieser Um- 
stand/dass die Steinbeile der betreffenden Länder durch das Zerschneiden 
grösserer Stücke hergestellt wurden; wären sie aus kleinen rundlichen 
Gerollen gefertigt, so hätte man nicht nöthig gehabt, ihnen die im Querschnitt 
vierkantige, müh.'sam herzustellende Form zu geben. 

Oceanien. 

.^—x /--5S Nr. + 727. Jadeit-Beil, durch die Challenger-Ex- 

■ ' pedition von Neu -Guinea mitgebracht (Fig. 27). 
Dasselbe ist 10 cm lang, 4,8 cm breit und 2,3 cm dick. Die 
Farbe ist blaugrün (Radde 16/), mit zahlreichen helleren 
Flecken. Das Mineral lässt im Bruch glänzende Fasern er- 
' ' , kennen und weist deutliche Geröllspuren auf. H. = 7. Spec. 

Gewicht = 3,183. 

Das niedrige Volumgewicht, welches Hr. A. B. MeyER 
bereits bei dem im Dresdener Museum befindlichen, von 

-V Hrn. FEENZEL analysirten Beile Nr. 5082 hervorgehoben 

V ^ ^'^ hat, scheint dem Jadeit, bezw. Chloromelanit von Neu- 
Fip. 27. Vs Guinea eigenthümlich zu sein. 

Die Form dieses Beiles ist, wie wir bereits gelegentlich der Besprechung 
des Jadeit- Beiles (Fig. 7) von Samos gezeigt haben, eine in den ver- 
schiedensten Ländern der Erde wiederkehrende, so zu sagen, Universal- 
Form für Steinbeile, bedingt durch die ähnliche Gestalt der Steingerölle, aus 
welchen die Beile gefertigt wurden. Es liegt in der Natur der Sache, dass 
es eine ganze Anzahl derartiger, von Geröllformen abzuleitender Steinbeil- 
fornien geben muss. 

Nr. 4-732. Jadeit-Beilchen, durch die Challenger- 
Expedition von Neu-Guinea mitgebracht (Fig. 28). 
Dasselbe ist 4 cm, lang, 2,8 cm breit, 1 cm dick und befindet 
sich in einer hölzernen Handhabe, wie sie bei „F. Ratzel, 
Völkerkunde" 1886 H, 259 abgebildet ist. Das Mineral, welches 
grasgrün ist (Radde \5f), zeigt das spec. Gewicht 3,291, die 
Härte 7 und ist übereinstimmend mit Nr. 727. 

Ausserdem befinden sich noch zwei ganz ähnliche 
Jadeit-Beile, Nr. 729 und 730, ebenfalls in Holzfassung 
^ ' * und aus der gleichen Quelle, im Britischen Museum. 

Von der Südostküste Neu-Guineas (Moresby Island) hat das Britische 
Musoum zuhln-iche Steinbeile aufzuweisen, welche eine grasgrüne Farbe 
(Kaddc 15 e) haben und von parallel gelagerten, gelblich-grauen Partien durch- 
zogen sind. 

Hr. AUüUisiüö W. FRANKS vom Britischen Museum war so Hebens- 





Nephritoid-Beile des Britischen Museums. 



135 



würdig, lins ein gleiches in seinem Privatbesitze befindliches Steinbeil zum 
Geschenk zu machen, wofür wir genanntem Herrn hier Namens des Frei- 
burger Universitäts-Muscums, welchem der interessante Gegenstand ein- 
verleibt ist, den verbindlichsten Dank abstatten. Wir wurden dadurch in 
den Stand gesetzt, das Material dieser Beile eingehend untersuchen zu können 
und lassen das Ergebniss hier folgen: 

Nr. 100. Diabas-Beil von Morosby- 
Islaiid, im Südosten von Neu-Guinea (Fig. 
29). Dasselbe ist 21,6 cm lang, 9,9 cm breit und 
1,3 cm dick. Die Farbe ist grasgrün (Radde 15 e) 
und ist das Gestein, wie oben erwähnt, von paraUol 
gelagerten, gelblicli grauen Stellen durchzogen. 
Der Bruch ist muschelig feinkörnig. Spec. Gewicht 
= 2,986. 

Das makroskopisch homogen erscheinende Ge- 
stein löst sich unter dem Mikroskop auf in eine 
feinkörnige krystallinische, folgende Bestandtheile 
zeigende Masse: Plagioklas mit der bekannten 
Zwillingstreifung in leistenförmiger Ausbildung; 
vereinzelt treten auch tafelartige Durchschnitte auf. 
Augit in unregelmässigen Krystallkörnern (die 
Zwischenräume zwischen den Feldspathen ausfüllend) 
von röthlich brauner Farbe, mit schwachem Pleo- 
chroismus. Magnesiaglimmer. Als Inter- 
positionen sind vorhanden: Magnetit (zum Theil 
von den Feldspathen umschlossen) und Titaneisen. 

Demnach haben wir es hier mit einem 
typischen Diabas zu thun; es ist offenbar das- 
selbe Material, aus welchem das Dresdener Museum ebenfalls eine Anzahl 
Steinbeile von dem gleichen Orte aufzuweisen hat'). Die für diese Beile 
charakteristische Handhabe gleicht der bei „F. KATZEL, Völkerkunde" 1886, 
11, 246 (in der untersten Figur) abgebildeten von Neu-Caledonien. 

Nr. 6478. Nephrit-Beil von Neu-Caledonien (Fig. 30, siehe umstehend). 
Dasselbe ist 18,8 cm lang, 8,3 cm breit und 2,5 cm dick, ist also wegen seiner be- 
trächtlichen Grösse bemerkenswerth. Das Mhieral, Avelches deutliche Geröllspuren 
zeigt, ist grasgrün (Radde 14 i) und von helleren und dunkleren, aderartig ver- 
laufenden Bändern durchzogen. H. = 7. Spec. Gewicht = 3,004. 

Wie Hr. A. B. MeYER (Jadeit- und Nephrit-Objecte, HI. 54a) erwähnt, 
erinnert die Farbe eines von ihm daselbst besprochenen Beiles (Nr. 5104 aus 
dem Dresdener Museum) lebhaft an gewisse dadeit-Varietäten. Dies trifft 
auch bei mehreren im Britischen Museum befindlichen Beilen von Neu- 
Caledonien zu. Durch die von Hrn. FRENZEL ausgeführte Analyse des 
Beiles aus dem Dresdener Museum wird aber dargethan, dass Nephrit vor- 
liegt. Ueberdies Hess sich das im Freiburger Universitäts-Museum befind- 




Fiff. 29. Vi 



1) Meyer, Jadeit- und Nephrit-Objecte, III, 53a. 



10^ 



136 



Otto Schoetensack: 



liehe Beil Nr 357, welches offenbar aus dem gleichen Material besteht (die 
Beschreibung folgt später), durch eine mikroskopische Untersuchung un- 
ifelhafi als Nephrit bestimmen 0- 



zwei 



Fig. 30. V,.. 







Fig. 31. 79 




Fig. 33. V, 



Fig. 32. V9 

Nr. 1774. Nephrit-Beil von Neu-Calcdonien (Fig. 31). Dasselbe ist 
7.4 cm laii{<. ."ijS cm breit iiiid 1,3 cm dick. Die Farbe ist grasgrün (Radde 14/). 
UM« Mineral, wclclu-s wie Nr. 6478 deutliche Geröllspnren zeigt, stimmt auch be- 
xüglirli der aderarfig verlaufenden helleren und dunkleren Stellen mit demselben 
ülx-rein. H. = 6,5. Spec. Gewicht = 3,000. 

Nr. 54. 12—20. 110. Nepbrit-Heil von Neu-Caledonien (Fig. 32) durch 
Sir George Gkey eingesandt. Dasselbe ist 12 cm lang, 9,4 cm breit und 2,3 cm 

\, Demnich Bind auch die bei ,F. Ratzel, Völkerkunde", II, 247 abgebildeten Streit- 
iit», b«w. Heile von Neu-Caledonien, welche daselbst als Jadeite aufgeführt werden, als 
Ne|>brite m bezeichnen. 



Nephritoid-Beile des Britischen Museums. 



137 




dick. Die Färbt' des Minerals ist grasgrün, uud es durcbzieheu dasselbe gleicb- 
falls hellere und dunklere, aderartig verlaufende Bänder. H. = 7. Spec. Gewicht 
---^ 3,18G. 

Nr. 54. 12 — 29. 111. Nephrit-Bci! von Neu-Cal edouien (Fig. 33) 
durch Sir George Guey eingesandt. Dasselbe ist 6,6 cm lang, 5 cm breit und 
1,5 cm dick. Die Farbe ist grasgrün (Radde 15?//), sonst wie Nr. 110. H. = 7. 
Spec. Gewicht = 3,136. 

Nr. 357. Nephrit-Beil von Neu-Cale- 
donien, im Besitze des Freiburger Uni- 
versitäts-Museums (Fig. 34). Die Aufschrift 
auf demselben lautet: „Steinbeil des Häuptlings 
Korikiki, der 1868 erschlagen wurde " Dasselbe 
ist 12 cm lang, 9,3 cm breit, 2,1 cm dick und 
zeigt an der Schneide mehrfache Verletzungen. 
Die Farbe ist dunkelgelbgrün (Iladde 10a); daneben 
zeigen sich im ganzen Stück, wie dies auf unserer 
Abbildung angedeutet ist, wurmartig verlaufende 
Bänder von hellen grünlichen und gelben Tönen. 
H. = 6. Spec. Gewicht = 3,01. 

Die mikroskopische Untersuchung des Minerals 
ergab folgenden Befund: In gewöhnlichem Lichte 
erkennt man die Textur nicht, dagegen zeigen sich zahlreiche dunkle, durch Diffusion 
entstandene Streifen, welche übrigens z. Th. schon mit blossem Auge beim Durch- 
schauen durch den Dünnschliff bemerkbar sind. Dieses nur stellenweise in dem 
Minerale auftretende Pigment erklärt die für den Nephiit von Neu-Caledonien 
charakteristische Erscheinung der aderartig verlaufenden Bänder. Ausserdem 
treten als Interpositiouen zahlreiche dichroitische Körner auf, deren Axenfarbe gelb- 
braun uud gelbgrün ist (Epidot?), sowie dunkel braunrothe, unregelmässig geformte 
Interpositiouen von Rutil. 

Bei gekreuzten Nicols zeigt der Schliff eine Textur von verworren liegenden, 
kurzen, gebogenen, mit lebhaften Farben polarisirenden Fasern. Daneben zeigen 
sich asbestartige Stellen, welche, soweit sich dies beurtheilen lässt (eine genaue 
Bestimmung ist wegen der geschwungenen Fasern nicht möglich), Amphibolcharakter 
haben. 

Die Textur zeigt demnach eine gewisse Aebnlichkeit mit derjenigen von 
turkestanischem Nephrit. Die Rutil-Interpositionen würden, wenn sie bei 
allen neucaledonischen Nephriten auftreten, uns ein weiteres Erkennungs- 
zeichen (neben dem oben beschriebenen Pigment) für dieses Vorkommen an 
die Hand geben. 

Nr. 9975. Nephrit-Beil von den Loyalty-Inseln (Fig. 35 s. umstehend). 
Dasselbe ist 6,7 cm lang, 6 cm breit und 1,5 cm dick. Die Farbe ist blaugrün 
(Radde 37 rf). H. = 7. Spec. Gewicht = 3,007. — Dieses Beil hat ganz die für Neu- 
Caledonien charakteristische kurze, mit sehr breiter Schneide versehene Form und 
scheint also die Richtigkeit der nach Herrn Garniek von den Neu-Caledoniern 
gegebenen Auskunft, dass die Bewohner der Loyalty-Inseln früher selbst kamen, 
um Nephrit zu holen, zu bestätigen '). 



1) A. B. Meyer, Jadeit- und Nephrit-Objeete, III, 56 li, Anmerkung. 



138 



Otto Schoetensack: 




Fi?. 35. Vb 





Figr. 37. Vr 



Fig. 36. 7,6 

Neu - Seeland. Nr. 54. 12 — 29. 2. Papa-Tahi, die Nephrit-Streitaxt 
(Mere-Piiiiamu) de?; Häuptlings Te-Rauparaha von dem Ngati-toa-Stamme (Fig. 36) *). 
Dieser Häuptling spielte in dem Autstande der Maori gegen die Engländer Ende 
der vierziger Jahre die Hauptrolle neben dem Häuptlinge Rangiaiata. Rauparaha 
wurde bei Niederwerfung des Aufstandes gefangen genommen, jedoch später wieder 
freigelassen *). 

Die Streitaxt ist 43,7 cm lang, an dem Griff 3,4 cm und an der Schneide 10,5 cm 
breit, sowie 1,3 cm dick. Die Querbohrung ist von beiden Seiten aus hergestellt. 
Die Farbe ist grasgrün (Radde 15o), theils dunkler, theils 36 Ä;. 

Nr. 54. 12 — 29. 1. Tuhi-Wai, die Nephri t- Streitaxt des Häuptlings Te- 
Liko-o-Te-Rangi, ebenfalls von dem Ngati-toa-Stamme. — Die Maassverhältnisse 
dieser durch Feuer in mehrere Stücke zersprengten Streitaxt sind annährend die 
gleichen, wie bei der vorigen Nummer; nur der Griff ist laut unserer Zeichnung 
(Fi^;. 37). etwas abweichend in der Form, Die Farbe ist bei beiden dieselbe. 

1 >iese beiden Streitäxte, von Sir GEORGE GREY 1854 von Auckland 
eingesandte), veränderten sich durch Hitze, der sie bei einer Feuersbrunst 
im dortigen Gouvernements-Hause ausgesetzt waren, in der Weise, dass die 
bekannte schone grasgrüne Farbe des neuseeländischen Nephrits in eine matt- 
grüne bis weisse, wie man sie bei einigen Jadeiten antrifft, überging. Ver- 
fos-ior wurde l)cim Anblick derselben sofort an bestimmte, in den schweizer 
Pfahibuutt'n vorgefundene Nephrite erinnert, die, ebenfalls in der Farbe ver- 

1) Der Kaumerepariiiss wegen ist von der Streitaxt nur der obere und untere Theil abgebildet. 
Uf-r mittlere, in der Abbildung fehlende Theil verjüngt sich von unten nach oben allmählich. 

2) WAiTC-(iKKLANU, Anthropologie der xNaturvölker, VI, 489. 

ti) Der um die Hebung der eingeborenen Bevölkerung Neu-Seelands so hoch verdiente 
Hir Ow^RciB (iRi-:Y war 1847 — 1853 Gouverneur dieses Landes und wurde 1861 abermals 
dabio berufen. Die Streitäxte werden wahrscheinlich im Jahre 1853 von Auckland abgesandt 
uwd IHM in den Besitz des Britischen Museums gelangt sein. 



Nephritoid-Beile des Britischen Museums. 



139 



blichen, ein gleiches Geschick gehabt haben mögen. Auch die in den 
Pfahlbauten bei Maurach gefundenen, mehr oder weniger verwitterten 
Nejjhritbeile, deren mikroskopischer Befund von Hrn. H. FISCHER ver- 
öffentlicht ist'), und wovon Fragmente in der Nephrite. id-Sammlung der 
Freiburger Universität sich befinden, dürften ihre Farbe zuerst durch ein 
heftiges Feuer eingebüsst haben. Das Mineral war nach dieser molekularen 
Auflockerung der Verwitterung um so zugänglicher. 

Elf weitere wohlerhaltene Exemplare dieser grosse« Sireitäxte hat das 
Britische Museum noch aufzuweisen, dazu eine grosse Anzahl kleinerer neu- 
seeländischer Beile, sowie 27 der bekannten Tiki-Amulette, alle aus Nephrit. 
Wenn man berücksichtigt, was an anderem Orte über die Zeit gesagt 
ist, welche von den Maoris zur Herstellung dieser Gegenstände verwendet 
wird, sowie über den Werth, welchen dieselben bei den Maoris haben, 
namentlich wenn sie von hervorragenden Häu])tlingen herrühren, so kann 
man sich erst einen richtigen Begriff machen von dem Reichthum des 
Britischen Museums an diesen Schätzen. 

Nr. 54. 12—29. 61. Nephrit- 
Beil, welches von Sir George 

Gkey von Auckland eingesandt 

wurde (Fig. 38). Dasselbe, quer 

durchbohrt, ist 16,3 cm lang, an der 

Basis 3,6 cm und an der Schneide 

6, 5 cm breit, 0,9 cm dick. Das Mineral 

ist blaugrüngrau (Radde 38p), mit 

hellereu, aber auch mit dunklereu 

Flecken übersäet und scheint eben- 
falls grosser Hitze, durch welche die 

Farbe verblich, ausgesetzt gewesen 

zu sein. H. = 7. Spec. Gewicht = 

2,990. — Die Oberfläche des Beils 

ist ausserordentlich sorgfältig polirt 

und scheint dasselbe, da die Schneide 

unverletzt ist, als Prunkwaffe gedient 

zu haben. 

Nr. 4095. Nephrit-Beil von Neuseeland (?) (Fig. 39) 




Z} 




Flg. 38. Vi2 

Fig. 39. 

Dasselbe, mit 

querer Durchbohrung versehen, ist 23,4 cvi lang, 3,04 cm an der Basis und 7 cvi 
an der Schneide breit, sowie 1,5 cm dick. Die Farbe ist einheitlich gelbgrüngrau 
(Radde 36m). H. = 6. Spec. Gewicht = 2,993. 

Die Aufschrift auf dem dieses Beil begleitenden Zettel lautet: „From a 
tomb in Greece within a cyclopean enclosure." Hr. AUGUSTUS W. FRANKS 
vom Britischen Museum bezweifelt indess die Zuverlässigkeit dieser Notiz 
und hat es der neuseeländischen Abtheilung zugetheilt und zwar, wie es uns 
scheint, mit vollem Rechte. Denn erstlich stimmt der Querschnitt dieses 
Beiles (Fig. 39, c) auffällig mit dem Querschnitte der Mer^-Punamu Fig. 36, 



1) Neues Jahrb. f. Min. 1883, II, 80—82. 



zw 



,._ Otto SCHOETENSACK: 

Qberein: beide Beile erscheinen darin biconvex mit scharfen Seitenkanten. 
Sodann' ist die bei den neuseeländischen Beilen übliche Querdurchbohrung 
auch bei fraglichem Beile vorhanden, und schliesslich spricht die Grösse 
desselben für'' unsere Annahme: Nephrit-Beile von dieser Grösse sind 
nehmlich nui- von Oceauien bekannt, und hier wieder passt die Form nur 
aui Neu-Seelaud. 

Auf die Besprechung der Formen der neuseeländischen Steinbeile ein- 
drehend, finden wir, dass vornehmlich zwei Arten hergestellt werden: die 
oben beschriebenen Streitäxte mit scharten Seitenkanten, die gleich einem 
,'eischneidigen Schwerte als üauwaffe dienen können, und Beile, welche 
tumpfe Seitenkanten, sowie nur eine Schneide haben. Bei diesen letzteren 
ist wieder zu unterscheiden zwischen Prunkbeilen (Fig. 38) und dem Ge- 
brauche dienenden Beilen, wie sie zahlreich in den verschiedenen Museen 

liegen. 

Uas Beil Fi^r. 39 ist auch insofern interessant, als es die Eigenschaften 
der zweischneidigen Hauwaffe und des mit einer Schneide versehenen Beiles 

vereinigt. 

Es möge gestattet sein, hier unsere Beobachtungen niederzulegen, 
welche wir auf der vorjährigen Colonial- und Indischen Ausstellung in 
London hinsichtlich des neuseeländischen Nephrit machten. 

Ueberall und in den mannichfachsten Beziehungen tritt uns dieses 
Mineral in der neuseeländischen Abtheilung entgegen. Neun grosse zwei- 
schneidige Streitäxte in der Form, wie wir sie in Fig. 36 und 37 abgebildet 
haben, sowie viele kleine einschneidige Beile und Tiki- Amulette sind hier 
ausgelegt. 

Eine grosse Anzahl (von eingewanderten Europäern nach der Natur ge- 
malter) Portraits von Maori-Häuptlingen und ihren Weibern geben uns ein 
lebendiges Bild von diesem ebenso tapferen, wie klugen polynesischen Volks- 
stamme. Die Gesichtszüge der Männer sind durch ihre bekannte Tättowirung 
zu sehr entstellt, um eine richtige Beurtheilung zu ermöglichen. Die Frauen 
aber, bei welchen die Tättowirung meist ganz fehlt, zeigen einen recht 
intelligenten, theil weise auch, selbst nach europäischen Begi'iffen,fc, schönen 
Gesichtsausdruck. 

Die Häuptlinge tragen, ausser der zweischneidigen Streitaxt, meist eine 
15 — 30 cm lange und 1 — 2 cm dicke Nephrit-Nadel, ähnlich wie wir sie in 
Fig. 49 von den Eskimos abgebildet haben, am Ohre. An derselben hängt 
ein Schweif von Pflanzenfasern nieder, und verleiht dieser Schmuck dem 
Manne ein anmuthiges, keckes Aussehen. 

Eine solche Nephrit-Nadel befindet sich auch unter den Reliquien vom 
Capitain JaJLES COOK, welche auf den Wunsch des Gouverneurs von Neu- 
Süd- Wales von Ilrn. JuHN MACKRELL ausgestellt wurden. Die nahezu 
30 an lange und ungefähr 2 cm dicke Nadel ist bezeichnet als „one of the 
inost beautiful specimens Jade, worn by a New Zealand chief thro' the lobe 



Nephritoid-Beile des Britischen Museums. 141 

of bis ear as an ornament and presented by him to Capitain COOK." In 
der That haben wir nie einen solchen, fast ganz durchsichtigen, in den ver- 
schiedensten Farben prächtig scliillernden Nephrit gesehen, derjsirh inil dem 
schönsten Chrysoberyll messen kann. 

Die Tikis, z. Th. aber auch die Nephrit-Nadeln werden, den Porliaits zu- 
folge, von den Frauen an einer um den Hals laufenden Schnur getragen. 

Da es ein auf der Colonial and Indian Exhibition vertretenes neusee- 
ländisches Geschäftshaus, wie es scheint, mit gutem JSffoIge unteinommen 
hat, alle nur erdenklichen Schmuckgegenstände aus Nephrit fabrikmässig her- 
zustellen, wobei sich auch Imitationen von Maori-Nadeln befinden, so ist 
beim Ankauf dieser für ethnographische Sammlungen Vorsicht zu üben. Die 
mit Hülfe des feinsten Schmirgels hergestellte tadellose Politur wird das 
beste Erkenn ungsmerkmal dieses modernen Fabrikates bilden. — 

Wenn wir das, was über das Vorkommen von Nephritoiden in 
Oceanien bekannt geworden ist, kurz zusammenfassen, so zeigen sich uns 
als Oentra für 

a) Nephrit-Artcfacte: Neu-Seeland und Neu-Caledonien, In 
beiden Ländern kommt auch das Mineral vor. Das Vorkommen 
in Neu-Seeland ist durch zahlreiche Forscher (FOßSTEE, VON 
Hochstettee u. A.), dasjenige in Neu-Caledonien durch Hrn. 
Garnier beschrieben worden '). 

b) Jadeit-, bczw. Chloromelanit-Artefacte: Neu-Guiuea. Das 
Vorkommen des Rohmaterials auf der Insel ist noch nicht beobachtet 
worden. 

Besonders klar scheinen die Verhältnisse bezüglich der Nephrit-Artefacte 
von Neu-Seeland zu liegen. Die von dort erhaltenen Streitäxte, Beile und 
Amulette sind, wie das vielfach untersuchte Material lehrt, ausnahmslos aus 
einheimischem (auf der Westküste der Südinsel vorkommenden) Materiale 
von den Maoris, seitdem sie diese Insel-Gruppe bewohnen, gefertigt. Diese 
Zeit kann nur auf Grund der unter den Maoris noch fortlebenden Traditionen 
geschätzt werden und wird dem entsprechend auch von den meisten Autoren 
verschieden angegeben. 

Die Annahme, dass vor der Einwanderung der Maoris nach Neu-See- 
land eine eingeborene Menschenrasse dort vorhanden gewesen sei, lässt sich 
nach Hrn. GeRLAND 2) durch nichts stützen. „Denn, wenn man auch die 
Mythen und Erzählungen von Göttern und Geistern, welche das neue Land 
bewohnt hätten, auf eine später erloschene Urbevölkerung gedeutet hat, so 
st dies nach alledem, was wir über die Mythologie der Polynesier wissen 
ein entschiedener Irrthum." 



1) Der Literatur-Nachweis, betreffend das Nephrit- Vorkommen in Neu-Caledonien, findet 
sich ausführlich bei „A. B. Meyer, Jadeit- und Nephrit-Übjeete", III, 56 u. 57. 

2) Waitz-Oerland, Anthropologie der NatiirvüJker, VI, 471. 



142 



Otto Schoetensack: 
Amerika. 




Fig. 41. Vi2 
Fig. 40. Vi2 

Süd-Amerika. Nr. V. 12. Nephrit-Beil aus einem alten indianischen 
Grabe aus Venezuela (Fig. 40). Dasselbe ist 17,3cm lang, 4,9 cm breit und 
2,7 cm dick; auf der einen Seite zeigt es, wie aus der Zeichnung des Querschnittes 
.•rsichtlich ist, der ganzen Länge nach eine Schnittfläche. Die Schneide und Basis 
ist stark verletzt. Die Ftube ist einheitlich grasgrün (Radde 14e), die Oberfläche 
sorgfältig polht. H. = G. Spec. Gewicht = 3,015. 

Nr. V. 40. Nephrit- Beil von Tucacas, im nördlichen Venezuela (Fig. 41). 
Dasselbe ist IG cm lang, 4,1 cm breit und 2,8 cm dick; es zeigt, wie das Beil 
Fig. 40, eine sorgfältige Politur und auf der einen Seite der ganzen Länge nach 
eine Schnittfläche. Die Farbe ist grasgrün (Radde 15 c); an den Stellen, welche 
Sprünge zeigen, erscheint sie heller, etwa Radde 15o. H. = G. Spec. Gewicht = 
3,007. Das Mineral zeigt schieferigen Charakter und lässt im Bruch asbestartige 
Fasern erkennen. 

Diese zwei Beile erinnern in der Form an das in dieser Zeitschrift 1885, 
Verh. 8. 127, von Hrn. VlRCHÜW beschriebene und 1886, Verh. S. 133, von 
Hrn. ARZRUNI als Nephrit bestimmte grosse Nephrit-Beil von Venezuela. 

l)t'r an den Beilen Fig. 40, 41 und auch an Fig. 43 sichtbare Säge- 
scLnitt zwingt zu der Annahme, dass das Rohmaterial in grösseren Stücken, 
welche zersägt werden mussten, den Verfertigern zur Verfügung stand. Die 
Grösse der Beile aber lässt auf ein gewiss nicht spärlich vorbanden gewesenes 
li<jhmut€rial schliessen, denn sonst hätte man sich, wie dies Seitens der Be- 
wohner der schweizer Pfahlbauten geschah, mit der Herstellung kleinerer 
Instrumente begnügt. 

Nr. V. 41. Nephrit-Beilcheu von Tucacas (Fig. 42). Dasselbe ist 
4,5 cm lang, 3,2 cm breit und 1,3 CJft dick. Die Schneide zeigt zahlreiche Schrammen, 
wcirhi- «»ffenbar bei der Zuschärfung des Beilchens entstanden sind. Das Instrument 
wiinl«' demnach zum Schneiden oder Meissein verwendet, wobei auch die Basis 

1) Waii/ (.1 in.xsn, Anthropologie der Naturvölker VI., 471. 



Nephritoid-Beile des Britischen Museums. 



143 



(durch Daraufschlagen mit einem schweren (Tegenstande) schadhaft geworden zu 
sein scheint. Das Mineral zeigt unebenen Brucli und lässt makroskopisch Glimmer- 
Hitterchen erkennen. H. = G — 7. Spec. Gewicht = 3,039. 





<?. i 




Fig. 44. Vc 



Fig. 45. V. 



Nr. V. 11. Nephrit-Beilchen aus einem alten indianischen Grabe 
in Venezuela (Fig. 43). Dasselbe ist 6,7 cm lang, 2,8 c?« breit, 1,6 cm dick 
und zeigt auf der Seite, wie die Beile Fig. 40 und 41, eine Schnittfläclie. Die 
Schneide ist stark verletzt. Die Farbe ist grasgrün (annähernd Radde I5f), aber 
mehr grau, und zeigen sich gleichmässig vertheilt bald dunklere, bald hellere Stellen. 
Die Oberfläche ist sorgfältig polirt. Das Mineral lässt eine schieferige Textur er- 
kennen. H. = 6 — 7. Spec. Gewicht = 3,000. 

Nr. V. 10. Nephrit-Beilchen aus einem alten indianischen Grabe 
in Venezuela (Fig. 44). Dasselbe ist 7,5 cm lang, 2,6 cm breit und 1,4 cm dick. 
Die Schneide ist stark verletzt. Die Farbe ist grasgrün (annähernd Radde 14o), 
jedoch mehr grau; daneben treten parallel gelagerte weissliche Streifen auf, wie dies 
in unserer Abbildung angedeutet ist. Die Oberfläche ist sauber polirt. H. ^ 7. 
Spec. Gewicht = 3,024. 

Nr. V. 19. Nephrit-Meissel von Caracas (Venezuela), über Paris bezogen 
(Fig. 45). Derselbe ist 4 cm lang, 1,2 cm breit und 0,5 cm dick. Die Schneide 
und die Basis des Instrumentes, dessen Oberfläche ziendich roh bearbeitet ist, sind 
schadhaft. H. = 6— 7. Spec. Gewicht = 2,974. 

Aus Venezuela sind uns ausserdem bekannt geworden: 

1. ein Nephrit-Beil vom Valencia-See in Venezuela (FISCHER, Nephr. 
u. Jadeit, S. 47 u. 340, ferner Neues Jahrb. f. Min., 1884, II, 216); 

2. ein Nephrit-Messer aus der Umgegend von Tocuyo, westl. von 
Valencia (Ztschr. f. Ethn. 1884, Verb. S. 457); 

3. ein Nephrit-Beilchen aus der Umgegend von Caracas (ebend.); 

4. ein grosses Nephrit-Beil aus Venezuela (Ztschr. f. Ethn. 1886, Verh. 
S. 133); 

5. eine lange, grasgrüne, halbtransparente Nephrit (?)-Platte aus Venezuela 
(Meyer, Jadeit- und Nephrit-Objecte, 11, 5a). 



Otto Sciioetensack: 
1 44 

Wir können also nicht mehr das Vorkommen der Nephrit-Artefacte in 
Venezuela als ein seltenes bezeichnen. Den prähistorischen Bewohnern 
dieses Landes scheint das Material vielmehr reichlich zur Verfügung ge- 
standen zu haben, wie wir dies bereits bei Besprechung der grossen Beile 
Fig. 4U und 41 andeuteten. Da Hr. ARZRUNI bezüglich der oben unter 
1. bis 4. erwähnten Nephrite bereits durch das Mikroskop nachgewiesen 
bat, dass die Textur derselben sich mit derjenigen anderer uns bekannter 
Varietäten nicht vereinigen lässt, so müssen wir für Venezuela, bezw. über- 
haupt für Süd-Amerika ein eigenes Nephrit-Vorkommen annehmen. 

Nr. + 380. Nephrit-Beil aus einem alten Grabe 

von Baizar, Canton Daule, Provinz Guayaquil 

(Eiuador) (Fig. 46). Dasselbe ist über Peru bezogen; es 

misst 13,8 cm in der Länge, 5,3 cw in der Breite, 2 c?« 

/ in der Dicke. Die Grundfarbe stellt ein tiefes Dunkelgrün 

,1 dar, auf welchem hellere, gelblich grasgrüne (Radde 13 A) 

I ' ' Flecke erscheinen. Diese sind durchscheinend und zeigen 

'/ einen schönen Farbenschiller. Die Oberfläche des Beils 

; ist auf das Sorgfältigste polirt. H. = 6—7, Spec. Gewicht 

'j I ' ^ =2,990. 

i \ ■ ! Dieser Gegenstand verdient wegen seines prächtigen 

; Aussehens (ausser dem im Besitze des Freiburger 

_,.^~ Universitäts-Museums befindlichen Nephrit-Beile von 

■"" y Blansingen, welches beträchtlich kleiner ist, wüssten 

„. ,^ ,, wir keines, welches ihm in Bezug auf Schönheit gleich- 

rig. 4ü. Vg 1 1 11 

zustellen wäre) besondere Beachtung; sodann aber stellt 

er auch den ersten, uns bekannt gewordenen Fund eines Nephritbeiles an 
der Westküste Süd-Amerikas (und zwar noch im Gebiete des Inka-Reiches) 
dar, unterscheidet sich jedoch der Form nach wesenthch von den sonst be- 
kannU-n peruanischen Steinbeilen. Es wäre nun in erster Linie darauf zu 
fahnden, ob weitere, ähnlich gestaltete Nephrit-Beile, wie das in Fig. 46 ab- 
gebildete, in dem nordwestUchen Theile Süd-Amerikas vorkommen. Sodann 
würde festzustellen sein, wie sich unter dem Mikroskop das Material dieses 
Beiles zu dem von Venezuela und Brasilien bekannten, von Herrn ARZRUNI 
beschriebenen verhält. 

Wenn wir Umschau halten unter den uns bekannten Nephritoid-Beilen 
von Central- und Süd-Amerika, so kommt der Form nach das im Reichs- 
museum zu Leiden (Holland) befindliche, freilich etwas flachere, Jadeit- 
Beil aus Yucatan dem Nephrit-Beile von Ecuador am nächsten. Doch lassen 
sich aus der Uebereinstimmung der Gestalt vereinzelt gefundener Beile 
»cliwerlich Schlüsse ziehen, und müssen wir vor allem weitere Funde aus 
Kiiiador. bezw. I'(;ru abwarten. 

Nord - Amerika. Nr. 8205 und 8206. Zwei Nephrit- Labret s (Lippen- 
Hchtnuck) von den Eskimo« aus di;i- Beringstrasse (Fig. 47). Dieselben, 



NephritoicI-Beile des Britischen Museums. 



145 




¥ig. 47. V, 





aus der BELCHER-Collection stammend '), verrathen eine grosse Kunstfertigkeit in der 
sauberen Bearbeitung dieses enorm zähen Materials. Das Labret Nr. 8205 ist 8,5 cm 
lang, 3 cm breit und in der Mitte am Knopf 1,2 cm dick, Nr. 8206 hat ganz ähn- 
liche Maass Verhältnisse, nehmlich 9 cm in der Länge, 3,5 cm in der Breite und 1,1 cm 
in der Tiefe, weicht jedoch in der Form etwas von Nr. 8205 ab. Während letzteres 
grasgrün ist (annähernd Radde 15 o, aber mehr grau), zeigt Nr. 8206 eine blau- 
grüngraue Farbe (Radde 38p) mit helleren, aber auch dunkleren Flecken. Das 
spec. Gewicht von Nr. 8205=3,013, von Nr. 8206 = 2,989; beide haben eine 
Härte von 6 — 7. 

Nr. 8217. Längliche Nephrit-Platte (Needle) von den Eskimos 
(Belcher - Collection) (Fig. 48). Dieselbe, 7,7 cm lang, 1,5 cm breit, 0,4 cm 
dick, ist gelbgrüngrau (Radde 36 m) und sauber polirl. H. = 7. Spec. Gewicht 
= 3,032. 

Nr. 749. Nephrit-Nadel von den Eskimos (?) (Fig. 40). Dieselbe ist 
21 cm lang, 1,5 cm breit und 0,8 cm dick. Die Farbe ist grasgrün (Radde 13g). 
Auf der einen Seite ist (Fig. 49, c) der Länge nach ein Sägeschnitt sichtbar. H. = 7. 
Spec. Gewicht = 2,968. 

Nr. 599. Nephrit-Nadel von der Nordküste von Nord- Amerika, 
westlich vom Mackenzie (Fig. 50). Aus der BARROW-Collection 1851. Die- 
selbe ist 10 C7n lang, 0,9 cm breit, 0,8 cm dick und zeigt ebenfalls, wie aus unserer 
Abbildung (Fig. 50c.) ersichtlich ist, der Länge nach einen Sägeschnitt. Die Farbe 
ist grasgrün (Radde 14/"). Das spec. Gewicht koinite, da es nicht angebracht war, 
die an dem Gegenstande befestigte Schnur zu lösen, nicht bestimmt werden. Das 
Mineral ist aber ein typischer Nephrit, ähnlich der bekannten grasgrünen Varietät, 
wie sie uns aus den Flüssen Transbaikaliens als Geröll bekannt ist. 



1) Edw. Belciibr. On the manufactnre nf works of art by the Esqnim;inx (Transactions 
of the ethnological society of London N. S. 1, 129). 



U6 



Otto Schoetensack: 



Diese Nadel ist, wie Fig. 49, auf den angehefteten Zetteln als Messer- 
schärfer bezeichnet; uns will aber diese Benennung nicht richtig erscheinen, 
da jedes Stück quarzhaltigen Gesteins dem genannten Zwecke besser ent- 
sprochen haben würde, als diese feinpolirten Nephrit-Nadeln. Auch in An- 
sehung der auf die Herstellung derselben aus solch zähem Material ver- 
wendeten Zeit und Sorgfalt dürften die Nadeln vielmehr, wie dies bei den 
Maoris der Fall ist, als Affections-, bezw. Schmuckgegenstände gedient haben. 
Wir neigen uns um so mehr dieser Auffassung zu, als wir ja auch für den 
Lippenschmuck Nephrit bei den Eskimos verwendet sehen. 



r"i 




Fig. 51. Ve 





L 



Fig. 53. 79 



Fi?. 52. Ve 

Nr. 6775. Nephrit-Beil vom Fraser-FIuss (Britisch-Columbia), von 
Dr. CoMRiE gesammelt (Fig. 51). Dasselbe ist 5,9 cm lang, 3,9 cm breit imd 
1,2 cm dick. Die Farbe ist grasgrün (Radde 14)^), daneben treten hellere und 
dunklere Adern auf. H. = 7. Spec. Gewicht = 2,977. 

Nr. 6773. Nephrit-Beil von Nord-Amerika (Fig. 52), aus der Christy- 
Collccfidn. Dasselbe ist 9 cm lang, 4 cm breit und 2,2 cm dick. Die Farbe ist 
gra^igrün (Radde 14: g), ebenfalls mit helleren luid dunkleren Adern versehen. 
H. = 6. Spec. Gewicht = 3,002. 

Nr. 6772. Steinbeil von Nord-Amerika (Fig. 53), von Dr. Comrie ge- 
sammelt (auch von Britisch-Columbia, wie Nr. 6775?). Dasselbe ist 11,1cm 
lang, 6,8 cm brpit und 1,3 cm dick. Die Farbe ist gelbgrüngrau (Radde S6k). 
H. = 6. Spec. Gewicht = 3,335. Dieses würde event. für Jadeit sprechen, womit 
wir indess den Habitus des Minerals nicht genügend in Einklang zu bringen ver- 
mögen, um uns für eine derartige Bestimmung zu entscheiden. Eine mikroskopische 
oder chemische Untersuchung könnte hier allein Gewissheit bringen. Immerhin 
erschien uns der Gegenstand, da aus Nord-Amerika derartige Steinbeile selten sind, 
der Erwähnung werth. 

Die vorgenannten drei Beile stellen, wie aus unseren Abbildungen er- 
sichtlich ist, im Querschnitte Oblongen dar. Gleiches ist der Fall bei 



ly I»(;r Habere, durch einen Buchstaben ausgedrückte Farbeuton wurde leidernicht bestimmt. 




Nephritoid-Beile des Britischen Museums. 147 

sämmtlichen von uns abgebildeten chinesischen Beilen, sowie 

bei dem im Besitze des Freiburger Universitäts-Muscums 

(unter Nr. 79) befindlichen Nephrit-Beile aus dem Flusse ! - 

Wilony im ostsibirischen Gouvernement Jakutsk /a, 

(Fig. 54), — Dieser Umstand scheint uns, wenn man von ' ^^,i 

anderen Beziehungen gänzlich absieht, ausser dem, was 

wir bei dem chinesischen Steinbeile D IV, 37 darüber sagten^ 

darzuthun, dass alle diese Beile mit grosser Tei?hnik, 

welche von den Naturvölkern nur schrittweise im Laufe j c j 

langer Zeitläufe erworben werden konnte, hergestellt wurden. ■ ' 

Das Schneiden derartig zähen Materials in vierkantige Platten ^^' '^ 

bereitet selbst unseren heutigen Steinschneidereien, wie jedem bekannt ist, 
der sich in denselben umgesehen hat, trotz der zu Gebote stehenden Hülfs- 
mittel grosse Schwierigkeit. 

In „F. RATZEL's Völkerkunde" 1886, II, 748 finden wir unter den Ge- 
räthen der Eskimos die Abbildung eines Jadeit-Hammers aus der CHRISTY- 
Collection ^). Dieses kunstvoll hergerichtete Instrument ist mit Recht zur 
Demonstration der sinnreich angelegten Werkzeuge der Eskimos heran- 
gezogen, wie denn (nebenbei bemerkt) dieses treffliche Werk eine reiche 
Fülle sehr lehrreicher, vorzüglich ausgeführter Illustrationen darbietet. 

Um jedoch dem vorzubeugen, dass der genannte Hammer als Jadeit- 
Artefact der Eskimos weiter in die Literatur übergehe, halten wir es 
für erforderlich, darauf hinzuweisen, dass die Benennung des faustgrossen 
Steines des Instruments als Jadeit auf einem Irrthum beruht. Im Britischen 
Museum vermuthete man „Jade'^ d. h. Nephrit in ihm, eine Untersuchung 
desselben hat aber, nach der uns von dieser Seite gewordenen Mittheilung, 
noch nicht stattgefunden. Wir selbst unterzogen das Mineral einer Prüfung 
und fanden den ganzen Habitus desselben als einen für Nephritoide fremd- 
artigen. Die Bestimmung des spec. Gewichtes des Minerals war wegen des 
daran befestigten Stieles nicht ausführbar. — Ehe der Stein demnach als 
Nephrit anerkannt werden soll, müsste er einer Wäguug, und da der Habitus 
fremdartig ist, einer weiteren (mikroskopischen oder chemischen) Prüfung 
unterzogen werden. 

Was nun die Gesammtheit der von uns beschriebenen Nephrit-Gegen- 
stände bei den Eskimos anbelangt, so ist kaum anzunehmen, dass sie von 
einem einzigen Vorkommen dieses Materials herrühren, da sie hinsichtlich 
der Farbe und des ganzen Habitus des Minerals zu verschieden sind. Dieser 
Umstand ist insofern von Wichtigkeit, als der Beweis für das Anstehen von 
Nephrit in Alaska gebracht erscheint (vergl. Hrn. A. B. MeYER's Ab- 



1) Die CHRISTY-Collection ist, wie uns Hr. AuGCJSTüS W. Franks mittheilte, jetzt auch 
formell in den Besitz des Britischen Museums übergegangen, nachdem sie, dem Willen des 
Testamentars entsprechend, eine gewisse Reihe von Jahren, in letzter Zeit bereits in den 
Räumen des Britischen Museums, öffentlich ausgestellt war. 



148 Otto SchootenSACK : Nephritoid-Beile des Britischen Museums. 

handluD- „Ueber Nephrit und ähnliches Material aus Alaska«, XXI. Jahres- 
bericht des Vereins für Erdkunde zu Dresden 1884). Es würde sich nun 
fragen: welche von den oben erwähnten, im Britischen Museum befindlichen, 
von den Eskimos stammenden Nephriten sind identisch mit dem in Alaska 
vorkommenden Nephrit? und woher stammen die anderen? Eine mikroskopische 
Untersuchung des Materials würde uns voraussichthch Licht hierüber ver- 
schaffen. 

Es möge hier noch eine Bemerkung hinsichtlich Grönland's Platz 
finden, die auf das Fehlen von Nephrit-Gegenständen daselbst schliessen lässt. 
In der Collection WEY^^ER im Britischen Museum befinden sich nehmhch ca. 
300 Steinartefacte von der Westküste Grönlands; darunter ist aber kein 
Nephritoid vorhanden. — 

Zum Schluss geschehe hier noch kurz der Steinbeile Erwähnung, welche 
zum ersten Male gelegentlich der Colonial- und Indischen Ausstellung in 
London der Oeffentlichkeit sich zeigten. Es sind umfangreiche Privat- 
Sammlangen aus Britisch Honduras und den kleinen Antillen, von woher 
bislang verhältnissmässig wenige Funde bekannt waren. 

Britisch Honduras. Unter den von den Hrn. J. H. PHILLIPS, Sir 
Graham Briggs u. A. ausgestellten Steinbeilen befinden sich sowohl ge- 
schliffene, wie einfach behauene, letztere aus Feuerstein. Unter ersteren 
scheinen sich, soweit sich dies ohne eine nähere Prüfung beurtheilen lässt, 
Jadeite zu befinden. 

Dominica (Kleine Antillen). Hiervon ist die schöne Privatsammlung 
des Hm. Dr. med. ALFORD NiCHOLLS besonders bemerkenswerth und gilt 
das hinsichtlich der Steinbeile von Britisch Honduras Gesagte auch für diese 
Collection. 

Ausser von Dominica waren noch von folgenden Inseln der kleinen 
Antillen Steinbeile in grösserer Anzahl ausgestellt: St. Kitts, Nevis, Antigua, 
St. Lucia, St. Vincent, — ein Beweis, wie wenig verhältnissmässig von den 
auf der ganzen Erde verbreiteten Stein werk zeugen bis jetzt uns bekannt ge- 
worden, bezw. in den öffentlichen Museen niedergelegt ist. Hoffentlich 
wird auch ein Theil besagter Privatsammlungen durch Uebergabe an ein 
grösseres Museum der näheren Untersuchung zugänglich gemacht! 

Es möge dem Verfasser gestattet sein, an dieser Stelle Hrn. Geheimrath 
VlHCHoW für die freundlichst gegebene Empfehlung, sowie den Herren des 
Britisclien Museums, welche mit ausserordentlicher Bereitwilligkeit das Unter- 
suchunKsmuterial zur Verfügung stellten, insbesondere Hrn. AUGUSTUS 
W. Franks M. A , F. R. S, den tiefstgefühlten Dank auszusprechen. 



Besprechungen. 



MOKSE, TEDWARD, S. : Newest and modern Methods of Arrow-Release Essex- 
Instituts Bulletin, Oct. Dec. 1885, 

Mit Vordringeu in Detailkenntniss beginnt die bisher nur telescopische Fernschan 
in der Ethnologie allmählich ihre mikroskopische DifTerenzirung zu erhalten, und welche 
Mannigialtigkeit neuer Einblicke, auch auf verhältnissmässig eng umschriebenem Bezirk, sich 
im Ausverfolg zu eröffnen haben, dafür liefert obige Abhandlung durchschlagenden Beweis. 

Bastian. 



BRINTON, Daniel, G.: The Phonetic Elements in the Graphic System of 
the Mayas and Mexicans. American Antiquorions, No. 1886. 

Eine weitere Vermehrung in der Reihe derjenigen Beiträge, durch welche der Verfasser 
fortfährt, das Studium der amerikanischen Alterthumskunde in erfolgreicher Weise zu be- 
reichern. Bastian. 

GREMPLER. Der Fund von Sackrau. Mit 5 Bildtafeln und 1 Karte. 
Brandenburg a. H. und Berlin, P. Lunitz. gr. 4. 16 S. 

■-Der ungemein reiche Fund von Sackrau (8 km nördlich von" Breslau, in der Nähe von 
Ober-Kehle und Massel) erregte im vorigen Jahre auf der Generalversammlung der deutschen 
anthropol. Gesellschaft in Stettin die allgemeine Aufmerksamkeit. Der Verf., dessen Eifer 
am meisten dazu beigetragen hat, den Fund zusammenzuhalten und seine Verhältnisse 
genau zu ermitteln, bringt nunmehr eine genaue Beschreibung aller einzelnen Stücke 
und erläutert sie durch sorgfältige Abbildungen, deren Veröffentlichung der Verein für das 
Museum schlesischer Alterthümer in Breslau und die Provinzialverwaltung bereitwillig er- 
möglicht haben. Durch umfassende literarische Studien ist es dem Verf. gelungen, zahl- 
reiche Analogien zur Vergleichung und Erklärung heranzuziehen. Als Gesammtergebniss 
seiner Forschungen betrachtet er den Nachweis, dass der Fund trotz zahlreicher älterer 
römischer Bestandtheile (die mitgetheilten Analysen zeigen ausnahmslos die ächte Bronze- 
mischung ohne Zink) in das Ende des 3. oder den Anfang des 4. Jahrhunderts zu setzen 
sei. Er nimmt an, dass es sich um ein Frauengrab gehandelt habe, aus dem freilich jede 
Spur der Leiche selbst durch fortschreitende Verwesung verschwunden sei. Es lässt sich 
nicht leugnen, dass diese Annahme, zumal im Hinblick auf die zahlreichen Metallsachen, die 
doch sonst einen conservirenden Einfluss auf Knochen auszuüben pflegen, etwas überraschend 
erscheint; auch ist die Fülle der Thon-, Glas- und Metallgefässe, des Hausgeräthes und der 
Schniucksachen eine so grosse, dass es schwer ist, sich ein einziges Frauengrab damit aus- 
gestattet zu denken. Es ist wahr, dass alle Gegenstände eine nähere Beziehung zu 
weiblicher Ausstattung erkennen lassen: Waffen und männliches Geräth fehlen gänzlich. 
Auch der Umstand, dass sich um die Fundstätte eine aus Geröllsteinen ohne Mörtel auf- 
gerichtete Mauer in Hufeisenform, also an der einen Schmalseite offen, herumzog, mag für 
die Deutung als Grab geltend gemacht werden. Trotzdem scheint der Zweifel berechtigt, ob 

Zeitschrift für Ethnologie. Jahrg. 1887. H 



■1 rß Besprechungen. 

eine so grosse und an Edelmetallen, namentlich Gold und Silber, sowie an niellirten und 
mit tigürlicheu Ornamenten ausgestatteten Stücken so reiche Sammlung, in welcher allem 
Anschein nach ein durch Generationen aufgehäufter Familienschatz zu Tage tritt, nicht viel- 
leicht als ein Depot anzusehen ist. Mit zahlreichen Gründen belegt der Verfasser seine 
Meiuun<y, dass in verschiedenen Stücken pontischer Einfluss erkennbar sei und duss andere 
nächste" Verwandtschaft mit ungarischen Funden darbieten. Wir haben uns seit längerer 
Zeit an derartige Betrachtungen gewöhnt und der Goldfund von Vettcrsfelde hat manche 
Bedenken, die noch stehen geblieben waren, beseitigt. In der späteren Kaiserzeit hatten die 
Völker der Oder- und Weichsel-Gegenden ständig das Bestreben, gegen die Donau vorzu- 
dringen: in Krieg und Frieden waren hier zahlreiche Beziehungen geknüpft. Es ist daher viel- 
leicht nicht nöthig, mit dem Verfasser das Bestehen einer besonderen Strasse anzunehmen, welche 
auch in der Zeit der beginnenden Völkerwanderung durch Schlesien geführt hat; "es dürfte 
genügen, für Vandalen oder welche Völker immer damals Mittelschlesien bewohnten, südliche 
Beziehungen und Verständniss für die Schätze der Gulturnationen in Anspruch zu nehmen. 
Jedenfalls wird der Fund von Sackrau stets als ein besonders bemerkenswerther Zeuge jener 
vorzeitlichen Ereignisse gelten, und wir müssen es dem Verf., sowie den Schlesiern und nicht 
zum wenigsten dem unternehmenden Verleger Dank wissen, dass die Kunde dieses Schatzes 
in einer so vorzüglichen Publikation gesichert ist. RUD. Vlrchow. 



BliUNO Stehle: Orts-, Fluss- und Waldnamen des Kreises Thann im Ober- 
Elsass. Zweite Auflage. Strassburg, Schultz & Co. 1887. 8. 48 S. 

Ein sehr lehreicher Versuch, aus den Ortsnamen die Verbreitungsgeschichte der Stämme 
im Oberelsass und den Nachweis ihres Antheils an der Besiedelung des Landes darzuthun. 
Als das wesentliche Ergebniss dieser Namenforschung findet der Verfasser, dass in ältester 
Zeit die ganze Gegend mit Ausnahme des Ochsenfeldes mit Wald oder Sumpfwald bestanden 
war und dass erst langsam darin die Walddörfer (üffholz, Thann, Rodern) besiedelt wurden. 
Während sich nun die Alemannen in der Ebene und den nächsten Bergthälern festsetzten, 
kamen von Westen her über' das Gebirge fränkische Ansiedler, deren Südgrenze nicht etwa, 
wie so lange angenommen ist, der Forst von Hageuau bildete, sondern die bis in die süd- 
lichsten Theile des Oberelsass vordrangen. Aber sie kamen über Lothringen und das QTiell- 
gebiet der Saar, über Luneville und Remiremont und über den Hochkamm der Vogesen in 
die Seitenthäler, namentlich in das Masmünsterthal. Dagegen blieben die Alemannen im 
Besitz der Niederung und gewisser anderer Seitenthäler. Sie schützten auch die herüber- 
gekommenen Franken vor der Romanisirung, der ihre Brüder jenseits der Vogesen so schnell 
erlegen sind. RUD. Virchow. 



Ludwig STEUB. Zur Etlinologie der deutschen Alpen. Salzburg 1887. 97 S. 

Das kleine Büchlein wird jedem Leser eine besondere Erfrischung gewähren. Der Verf., 
ein Veteran auf dem Gebiete der alpinen Ethnologie, hat darin eine Reihe kleinerer Aufsätze 
vereinigt, die in allerlei schwer zugänglichen Zeitschriften zerstreut waren. Mit dem 
Humor der Jugend und der üeberzeugungstreue des Alters kämpft er für seine etruskische 
Theorie, die durch neuere Funde eine so unerwartete Verstärkung erfahren hat. Vielleicht 
sind die Alterthümer von Gurina nicht ganz so beweiskräftig, als er sie nimmt, aber sicherlich 
stellt er sie an der Hand seiner vielen sprachlichen Untersuchungen in ein glänzendes Licht. 
Für die jüngere Generation wird es besonders lehrreich sein, die vielen Beispiele in Kürze 
mustern zu können, welche er für die ehemalige Existenz etruskischer Niederlassungen in 
den Alpen beibringt. Seine Polemik gegen die Italiener und Welschtiroler wird dabei zu- 
weilen herber, als die Gerechtigkeit erforderte. Denn unzweifelhaft steht die etruskische 
Linguistik noch auf so schwachen Füssen, dass es fraglich erscheinen darf, ob auch nur 
einer der Lobenden die Lösung des schwierigen Räthsels erleben wird. RuD. VmCHOW. 



Besprechungen. 151 

Giuseppe BELLUCCI. Materiali paletuologici della provincia dell' Uuibria. 
Perugia 1884—86. Disp. 3 con. 12 tavole. 4. 72 p. 

Der Verf., seit Jahren der gelehrten Welt rühmlichst bekannt durch seiue umfassenden 
Untersuchungen über die Steinzeit und selbst Besitzer einer grossen, fast ganz durch eigene 
Forschungen in verschiedenen Ländern gewonnenen Sammlung von Steinsachen, deren Zahl 
allein aus Umbrien 17 000 beträgt, bietet in den vorliegenden 4 Heften eine Darstellung 
wichtiger Abschnitte aus der umbrischen Steincultur bis zur Zeit des polirten Steins. Unter 
den 600 Objecten der letzteren Periode befinden sich in seiner Sammlung mehr als 150, 
welche aus exotischen oder wenigstens ihrer natürlichen Lagerstäit« nach unbekannten Ge- 
steinen gearbeitet sind. Die Bedeutung dieser Mittheilungen wird erhellen, wenn wir eine 
kurze Inhaltsübersicht der Haupteapitel geben: Ueber die mandelförmigen Steine der Quaternär- 
zeit, über Armbänder aus Stein in der neolithischen Periode, über kleine Werkzeuge von 
geometrischer Gestalt (rhomboideal, trapezoideal, dreieckig und halbkreisförmig) derselben 
Periode. Es handelt sich hier um Gegenstände von ganz allgemeinem Interesse, zum Theil 
von grosser Schwierigkeit; der Verfasser erläutert sie, an der Hand seines reichen Materials 
und mit Hülfe umfassender literarischer Nachweise, in höchst lehrreicher Darstellung. Möge ein 
schneller Fortgang des Werkes uns bald in den Stand setzen, uns desselben als eines grund- 
legenden Leitfadens in dem Dunkel der ältesten Vorzeit bedienen zu können. 

RUD. VlRCHOW. 



Alfred Kirchhoff. Länderkunde der 5 Erdtheile. Europa. Leipzig und 
Prag, Frey tag und Tempsky. 1886 — 87. Lieferung 1 — 30. 

Schon früher (Zeitschr. f. Ethu. 1886. S. 202) ist die erste Lieferung dieses Werkes an- 
gezeigt worden, welches eine Fortsetzung des grossen Buches „Unser Wissen von der Erde" 
bildet. Die vorliegenden Lieferungen bringen, nach einer, von dem Herausgeber verfassten, 
allgemeinen Darstellung von Europa, eine physikalische Skizze von Mitteleuropa von Hrn. 
A. PenCK und die Schilderung des deutschen Reiches von demselben. Letztere Schilderung füllt 
sämmtliche Lieferungen von der 4. bis zur 25. Lieferung. In so erprobten Händen entwickelt sich 
das Bild unseres Erdtheils und unseres Vaterlandes in allen den vielfachen Richtungen, welche 
die moderne Geographie eingeschlagen hat, zu einer Vollständigkeit und Klarheit, welche 
sicherlich allgemein befriedigen werden. Insbesondere werden die geologische Geschichte der 
einzelnen Länder und Provinzen des deutschen Reiches und im Anschlüsse daran die 
Siedlungsverhältnisse in höchst anschaulicher Weise geschildert. Mit der 26. Lieferung be- 
ginnt Oesterreich-Üngarn von Hrn. Ä. SüPAN. Die Ausstattung ist, wie schon in dem vor- 
hergehenden Theile, eine sehr reiche, ja man darf sagen, prächtige. Landschaftliche und 
Städtebilder in grosser Zahl gewähren dem Gereisten die angenehmste Rückerinnerung, dem 
Sesshaften eine genügende Anschauung für das Verständniss des Textes. Karten sichern die 
topographische üebersicht und die geologische Anschauung. Run. Virchow. 



W. REISS und A. STÜBEL. Das Todtenfeld von Ancon in Peru. Ein 
Beitrag zur Kenntniss der Kultur und Industrie des Inca-Reiches. Mit 
Unterstützung der Generalverwaltung der Königlichen Museen. Berlin, 
A. Asher & Co. 1880—87. gr. Fol. 3 Bände mit 141 Farbendruck- 
tafeln. 

Bei dem Erscheinen der ersten Lieferungen des Werkes ist die Aufmerksamkeit auf die 
hohe Bedeutung desselben von berufener Stelle aus dargelegt worden (Zeitschr. 1880. Bd. XII. 
S. 334). Was damals nur von den Wenigen, welche die Sammlungen der Verf. aus eigener 
Anschauung kannten, vorausgesehen wurde, das hat sich seitdem in herrlichster Weise ver- 
w^irklicht. Wir besitzen nunmehr über die best erhaltene, wenngleich nicht die reichste 



, p ., Besprechungen. 

Griberstaite Perus eine erschöpfende, für alle Zeit grundlegende Ikonographie, welche zu- 
gleich für die Berahignng und Hingebung der Verf., für den Geist der Forschung unserer 
Tage wie für den Stand unserer kunstgewerblichen Industrie ruhmvolles Zeugniss ablegen 
wird.' Die Belegstücke für die Tafeln sind in dem Berliner Museum für Völkerkunde nieder- 
gelegt: sie gewähren gegenwärtig dem Besucher alle Gelegenheit, die Treue und Gewissen- 
haftigkeit in der Wiedergabe der Objecte festzustellen, welche sich auf jedem Blatte des grossen 
Atlas lu neuer Freude und neuer Ueberrascbung des Beschauers wiederspiegeln. Aber der 
Tag wird kommen, wo ein grosser Theil des vergänglichen Materials der Verwitterung anheim- 
fallen, wo insbesondere die Pracht der Farben an den so so sorgsam gesammelten Geweben 
erbleichen wird. Dann erst werden die in wunderbarster Schönheit fixirten Abbildungen ihren 
wahren Werth gewinnen. Dann wird auch die opferwillige Leistung der Verf. voll gewürdigt 
werden, welche den ganzen Ersatz, den ihnen die Generalverwaltung der Königlichen Museen 
für ihre vielen Ausgaben gewährt hat, zur Herstellung dieses kostbaren Werkes verwandt 

haben. 

Es muss erwähnt werden, dass nach der vorliegenden Anzeige der Verlagshandlung ein 
besonderer Band vorbereitet wird, welcher in ausführlichen Darlegungen die wissenschaftliche 
Verarbeitung des Materials bringen soll. Dem gegenwärtigen Atlas sind nur kürzere Er- 
läuterungen beigefügt, wie sie zu einer einleitenden Orientirung und als unmittelbare Er- 
klärung der Abbildungen erforderlich sind. Den grössten Theil dieses Textes haben die Verf. 
selbst besorgt; nur die Pflanzen und Früchte der alten Gräber (3 Tafeln) sind von Herrn 
WiTTMACK, die Schädel (9 Tafeln) von dem Ref., die Säuge thiere (3 Tafeln) von Herrn 
NeintiXG bearbeitet worden, deren weitere Ausführungen gleichfalls dem neuen Werke an- 
gefügt zu werden bestimmt sind. 

37 Tafeln dienen zur Illustration des Gräberfeldes selbst und der Einrichtung der Gräber, 
insbesondere der Ausstattung und Aufstellung der Mumien. 44 Tafeln, und gerade die 
schönsten, zeigen die kunstvoll ausgeführten Gewebe. Daran schliessen sich 11 Tafeln mit 
der Darstellung der Gewänder und 4 mit Wiedergabe der Taschen, sowie 4 mit einer über- 
sichtlichen Erläuterung der Ornamente und der Tracht. 13 weitere Tafeln bringen den 
Schmuck und das Haus- und Handwerksgeräth, 4 das Kinderspielzeug zur Anschauung. 
y Tafeln zeigen das Thongeräth, an welchem gerade dieses Gräberfeld weniger reich war. 
Fast ganz fehlen Waffen, — ein Zeichen, dass die Bevölkerung, welche diesen armen Land- 
strich wohnbar gemacht hatte, in langer, ernster Arbeit ganz den Künsten des Friedens hin- 
gegeben war. Sie ist unter der Faust kriegerischer Eroberer dahingeschwunden, ohne dass 
die Geschichte auch nur den Namen des Ortes und des Stammes bewahrt hat; sie entsteht 
von Neuem unter der pietätvollen Pflege der Alterthumsforscher, um nicht wieder vergessen 
zu werden. . RUD. Virchow. 



Berichtigiiuj 



Heft 2, Seite 92: „Die Leibgarde Salomo's bestand nicht aus 6200 Mann, sondern 
nur aus 200 Mann;" Seite 93: ,Die für König Achas angegebenen Zahlen beziehen sich 
auf König Hiskia (Ezechia), während für Achas die Zahlenreihe 762, 726, 86, 740, 726, 
14 5 gilt." 



VI. 



Archäologische Forschungen im Bezirk des Terek 

(Nordkaukasus) 

(Fortsetzung von S. 118). 
Von 

W. J. DOLBESCHEFF, 

Oberlehrer am Gymnasium zu Wladikawkas. 



Die Ruinen bei Chaibachoij. 

Von dem vorher erwähnten See führt ein sehr beschwerhcher Pfad nach 
Osten über einige sehr steile Ausläufer, die den Weg sperren, indem sie sich 
von S. nach N, ziehen. In 13 stündigem Kitt legte ich diese Strecke zurück 
und gelangte in den Aul Chaibachoij, der zur Gemeinde Naschchoij gehört. 





■■■ .-.^:, 






SW.-Seite von Chaibachoij. 

Hier fand ich einen Thurm, der sich sehr gut erhalten hat, nebst Anbauten, 
die weit umfangreicher sind, als ich sie bis dahin gesehen hatte. Diese 
Rainen sind zum Theil bewohnt und zum Theil von neuerdings aufgeführten 
leichten Bauten umgeben, die in asiatischem Styl mit flachen Dächern ge- 
deckt sind und kleine Galerien nach der Sonnenseite hin haben. Diese 

Zeitschrift l'iir Ethnologie. Jalirg. 1887. 12 



• r, W. J. DOLBESCIIEFF : 

neuen Rauten hubeu durchaus nichts gemein mit den älteren Steinbauten, 
weder iui Styl noch in der Bauart. Der Mörtel, in dem die alten Bauten 
hergestellt sind, wird von den jetzigen Bergbewohnern gar nicht angewendet, 
ja sie haben kaum eine Idee davon, wie er gewonnen wird. 

Die Bewohner von Chaibachoij halten sich für Auswanderer aus der 
Türkei, namentlich aus Stambul(?!), die viel früher als andere sich hier an- 
gesiedelt hätten. Von ihnen, meinen sie, stamme die Bevölkerung des Bezirks 
von Grosnoie. Heu Thurm erbaute, nach der örtlichen Ueberlieferung, ein 
Ahne Boixomath's. — Es soll eine altertliümliche Schrift über die Herkunft 
der Bewohner von Chaibachoij existiren, die sich in den Händen eines ge- 
wissen llkha im Aul Geldschen im Bezirke von Grosnoie befinde. Leider 
habe ich noch nicht Gelegenheit gefunden, mich nach diesem interessanten 
Dokumente zu erkundigen, und kann daher die Richtigkeit der Aussagen 
nicht beurtheilen. 

An Schamyl wurden Steuern bezahlt; als ihm aber besagtes Document 
vorgewiesen wurde, befahl er, die schon bezogenen Steuern zurückzugeben. 
— Von Miatkhan haben die Bewohner von Chaibachoij gehört, denn ihre 
Vorfahren führten mit ihm Krieg; steuerpflichtig sind sie ihm aber nicht ge- 
wesen, bezogen auch selbst keine Steuern. 

Grabmal in Mulchoij. 

Von Chaibachoij zog ich 
O. 'J^pi'tA^ wiederum ins Thal des Argun 



'_ 




nachTschinuchoij. Auf dem Wege 
dahin, in einem sehr engen Thale, 
liegt ein kleiner Aul Mulchoij, in 
dem ich ein Grabmal fand, das 
von den bisher gesehenen wesent- 
__ lieh verschieden war. Dieses Grab- 

mal, wie hier abgebildet, hat wahr- 
scheinlich ein Dach gehabt, das zerfallen ist, was auch die in der Nähe 
herumliegenden Plietensteine zu bestätigen scheinen. Es hat eine Oefinung, 
duK in den iimeren, allem Anscheine nach, unterirdischen Raum führt, indem 
die ellenbreite Wand, in der diese Oeffnung angebracht ist, nur einen 
("ouimunicationscanal mit dem unterirdischen Gemach zu haben scheint. Die 
Oeffnung ist nicht weit genug, um einen Leichnam durchziehen zu lassen, 
und unmittelbar von ihr geht eine Röhre nach unten, an der ich nichts unter- 
scheiden knnntt'. Da ich deutlich die Unzufriedenheit des Starschina') dieses 
Aul wuhrnaliiii, die wohl von meinem lierumsuchen, auch wohl vom Betreten 
dos Grabmal«^ licrrühreii mochte, zog ich mich zurück. Sogleich wurde er 
freundlich und theilte mir mit, dass hier seine Urgrossmutter begraben läge, 

./ :..»a Schulze. > "r'.Msotzitr, Stamiuesältester. 



Archäologische Furscluinpen im Bezirk des Terek (Nordkaukasus). 



155 



Schüli, ihres Glaubens, wie auch er, nuihiuuniedaDisch, und dass die 3 Zeichen 
auf dem grossen Steine über der Oeffuung nur als Vciv.ierung zu betrachten 
seien, somit keine weitere Bedeutung liiitteii. Die Ijänge des Grabmals be- 
trägt etwas über einen Fatlen , die Oeffnung ist etwas über eine Arschin 
vom Niveau des Bodens. 

Die Ruinen des Thurmes Bianka (daselbst). 

In demselben kleinen Aul Mulchoij befindet sich*^in alterthümlicher, 
viereckiger Thurni mit Anbau, sehr zerfallen, doch bewohnt. Um Ihn sind 
neuerdings leichte Bauten in asiatischem Styl errichtet, mit flachen Dächern, die 
von der Familie und den Stammesverwandten des Starschina bewohnt werden. 

Von seiner Abstammung theilte er mir mit, dass er von den Galgaiern 
(östlich von der Assa) komme, und dass einige der Bewohner aus 
Arabistan stammten. Steuern haben sie nie gezahlt noch bezogen. Von 
Miatkhan haben sie gehört. Der Vater des Starschina, Machasch, ist noch 
vor der Geburt des jetzigen Starschina erschlagen worden. Der Gross vater 
hiess Irbachi, der für den Erbauer der Burg gilt; der Urgrossvater Elchi, die 
Vorgänger Utke II. und Utke I. Der Stammvater aber, der sich hier niederliess, 
war der Vater von Utke I und hiess Itun; nach seinem Namen sind die 
Ruinen an der Mündung dieser Schlucht ins Hochtiial des Argun benannt. 



Von hier zog ich wiederum nach der russischen Befestigung Jewdoki- 
mowskoiö und unternahm eine neue Reise nach Osten, deren Hauptziel 
Scharoij war, am Schar- Argun, wo ein Leichenfeld mit Bronzen sein sollte. 

Am Wege von Jewdokimowskoie nach dem Aul Scharoij, südw. vom 




ersteren, zeigte man mir die Bergspitze Datych- Kort '), wahrscheinlich 
einen früheren Vulkan, wie der Kasbek u. A. 

Sage: Auf dieser Höhe leben drei Jungfrauen in Erwartung von 
Freiern, — aber der Zugang ist unmöglich. 



1) Kort heisst auf Tschetschenisch Kopf. 



12' 



,,^ W. J. DOLBESCHEFF: 

lob 

Tradition, 

aufgenommen im Aul Schikaroij. 

Schikaroij, Scbaroij, Chulandoij, Tschanty, Chotschoroij , Dsumssoij, 
T^chinuchoij, Kesseloij, SsenducliDij, Chimoij u. a. Aule bis zum Gebiete der 
Bewohuer von Akki, zahlten Steuern dem Fürsten Wokku-Umachan 2), der 
aus dem Stamme Djaiia stammte (Tawlier aus Chunsach). Alle zahlten je 
nach der Grösse der Ländereien, die sie besassen. Nach dem Tode des 
Umachan trat Unordnung ein, in Folge dessen die Bewohner dieser Aule 
unter einander in ZNvist geriethen und endlich mit einander Krieg führten 
und liier und da ThQrme bauten. Die Ordnung in den Bergen stellte erst 
Schamyl wieder her, der die Neffen des Umakhan, die Urheber der Fehde, 
tödtet€. Sie hiessen Mutzelkhan und Umakhan IL Die Bewohner von 
Schikaroij halten sich auch für Nachkömmlinge von Auswanderern aus 
Schemij in Ai-abistan, die hierher, 500 Familien stark, gekommen seien, um 
die Georgier zum Islam zu bekehren, und die sich hier niedergelassen hätten. 
Von Miatkhan wissen sie nichts. Von der Flucht des Iraklius wissen sie, 
dass er zu den Kumukken gezogen sei, durch das Land des Schah (?). 

In älteren Zeiten befehdeten sich die Dörfer stets unter einander, indem 
sie Vieh stahlen, einander mordeten und beraubten. Zuweilen geschieht es 
auch jetzt. Als Umakhan die Aule zur Steuer zwang, zog ein gewisser 
Tzuagal, der sich ihm nicht unterwerfen wollte, in die Berge und erbaute 
sich eine feste Burg an einem jähen Felsabhange, gegenüber dem Dorfe 
Sseuduchoij, und als Umakhan zu ihm 60 Reiter schickte, die ihn überreden 
sollten, dass er zurückkomme, füllte er die Magen von 60 Gemsen mit Fett 
und legte sie unter jeden Reiter, was bedeuten sollte, dass er an nichts 
Maugel litte und dass er also keinen Grund finde zurückzukehren. — 

Das Völklein in Schikaroij hat ein bedrücktes Aeussere, sie sind sehr 
schmutzig. Die Bergnatur, in der sie leben, erscheint besonders unfreundlich 
und wild. Ihre Typen sind sehr verschieden. Schwarzäugige und Schwarz- 
haarige mit Habichtsnasen fehlen fast gänzlich. Ich traf sehr viele ganz 
slavische Typen, unseren Bauern ähnlich, andere, die verabschiedeten Soldaten 
gleichen, mit n)them imd blondem Barte und hellgrauen und bläulichen 
Aiit.'<Mi. Au<li kommen Typen von Lesghiern vor. Viele Kurzbeinige, meist 
kh-iueu \\ iich-x'S. 

Ausgrabungen bei Schikaroij. 

An einem Abhänge im Knotenpunkte dreier Schluchten, am linken Ufer 

de.s Schar-Argun, der diesen Abhang von S. und 0. bespült, und an der 

Mündung des in dieser Biegung einfallenden Baches Kischi-Atschk, der, vom 

Aul kommend, die NW. -Seite des Abhanges benetzt, befinden sich an der 

1) Wokku — gross, erhaben. 



Archäologische Forschungen im Bezirk des Terek (Nordkaukasus). 157 

NW. -Senkung desselben alterthümlichc Kisten- Gräber und Ruinen. Die 
Gräber sind an einer schwachen Erhöluiiig oder an einer vorstehenden Pliete 
kaum zu bemerken. Sie sind in eineui lehmigen Boden gegraben. Nach 
Entfernung einer manchmal nur wenige Zoll starken Schicht, einem Gemisch 
aus Humuserde und (jehra, findet sich der Plietenkasten. Er besteht aus 
einigen senkrecht, in liliiglichem Viereck (2 — 3 Ellen hing und etwa eine 
Elle breit) gestellten Kisten aus Steinplieten, die von einigen wagerecht ge- 
legten Plieten überdeckt sind. Die Seitenwände einigcr-*st)lcher Kisten waren 
auch aus einfachen, abgebröckelten, grösseren und kleineren Steinen ohne 
Mörtelverband zusammengelegt. Die Gerippe in diesen Kisten lagen von N. 
nach S., mit dem Gesichte nach O. Die Kisten waren voll von einer 
lockereu Mischung von Lehm und schwarzer Erde, die durch das durch- 
sickernde Thau- und Regen wasser eingeschwemmt sein mag. Die Gerippe 
waren sehr verwest. Hier und da waren an den Handgelenken und an den 
Schädeln grüne Flecken zu bemerken, die von oxydirten Bronze-Zierrathen 
herrühren mögen, die jedoch völlig zerfallen waren. Ich öffnete im Ganzen 
18 Gräber, m denen ich folgende Gegenstände fand: a) bearbeiteten Feuer- 
stein ^), Eberhauer und Zähne, b) Holzgefäss stück mit kleinen Bronzeleisten, 
c, d, e) Perlen, f) Bronzeblechröhren (3 Stück); hierher gehört der Schädel / 
mit Spuren einer zugeheilten kreisförmigen Verletzung, wahrscheinlich von 
einer Trepanation herrührend; g) Bronze-Ohrgehänge, /i) eiserne Sichel. — 
Ausserdem fanden sich noch einige ganz verrostete und zerblätterte Stücke 
Eisen, deren Form nicht zu erkennen war, meist länglich, vielleicht Messer oder 
Lanzenspitzen. Ferner traf ich fast in jedem Grabe Scherben von Thon- 
gefässen von scheinbar sehr grober Arbeit, wenig gebrannt. — Allem An- 
scheine nach ist dieses Feld schon früher durchwühlt worden, worauf viele 
ausgestemmte, auf der Erdoberfläche in Unordnung herumliegende Stein- 
plieten hinweisen, ebenso auch umherliegende Menschen- und Thierknochen. 
Letztere fanden sich auch hier und da in den geöffneten Gräbern und be- 
standen aus Zähnen und Schulterblättern von Schafen und Ziegen. — 

Der ziemlich grosse Aul Scharoij mit zum Theil bewohnten, weitläufigen 
Ruinen alterthümlicher, viereckiger Thurm bauten ist auf dem Rücken und 
den Abhängen eines Ausläufers der Hauptkette gelegen. Dieser Bergrücken 
zieht sich am linken Ufer des Schar-Argun von S. nach NNW., ist sehr 
hoch und dem Bache zu steil, zu dem er sich in vielen Ausläufern senkt. 
Diese Ausläufer sind von Gräbern bedeckt, die gegenwärtig beackert werden. 
Vom Ursprünge der Gräber wissen die Bewohner von Scharoij nichts. 
Dieses Gräberfeld ist sehr gross; nach den hier und da ausgeackerten Gegen- 
ständen und nach dem verschiedenen Bau der Gräber zu urtheilen, muss es 
verschiedenen Epochen angehören. Ausgedehnte Ausgrabungen würden hier 



1) Diese Gegenstände sind auf Pappe II aufgenäht. 



lo8 

sicher ein reiches Material ergeben. Obgleich schon etliche Gräber von Neu- 
gierigen -eüflFnet worden sind, die von hier vor einigen Jahren dem Be- 
zirkschef "einen ganzen Sack voll Bronzen brachten, so sind doch zu diesem 
Zwecke verhältnissmässig nur sehr wenige Gräber gestört worden, da sie 
nur hier und da an solchen Stellen geöffnet werden konnten, wo es die 
bearbeiteten Felder gestatteten, d. h. nur in den Zwischenräumen und im 

Gestein. 

Die Bewohner dieses Auls haben sehr wenig Land; die ärmeren von 
ihnen bemühen sich daher, kleine Strecken von Steinen zu befreien, um sie 
urbar und zum Weizenbau geschickt zu machen. Sie bebauen jeden Fleck 
auf diesem mächtigen Abhänge. Während meiner Arbeiten, die ich auch 
nur in den Zwischenräumen der Kornsaaten anstellen konnte, sah ich viele 
Eingeborene, die sich unterhalb der Stellen, die ich aufwühlte, postirten, um 
etwa beim Graben gelockerte und zum Herabrollen geeignete Steine und 
Lehmklum|)en aufzufangen, damit diese ihren Feldern nicht Schaden brächten, 
ohne Furcht selbst verletzt zu werden, da doch bei aller Vorsicht auf einem 
so steilen Abhänge beim Graben Steine herabrollten. Steine, die sie auf 
diese Art auffingen, legten sie mit grosser Vorsicht an den Rändern ihrer 
kleinen Ackerstücken zu den Haufen früher angesammelter Steine, die so eine 
Art Brustwehr gegen neu herabfallende bildeten. Ausserdem umschwärmten 
mich diese armen Leute in Masse und baten eindringlich, ihre Feldchen 
doch ja nicht zu verwüsten. 

Beim Anblicke der Noth und Sorge dieser armen Menschen, die für 
ihr Bischen Weizen und Welschkorn zitterten, und da ich nicht genügend 
Mittel halte, um sie einigermassen zu entschädigen, wenn trotz aller Vorsicht 
beim Graben an ihrer kärglichen Habe etwas beschädigt würde, stellte ich 
die Arbeiten bald ein, um so mehr, als ich doch noch einmal hierher zu 
kuirimen hotl'e und ich mir die guten Leute gewogen halten will. 

Die 13 Gräber, die ich aufdeckte, konnte icli daher auch nicht mit der 
gehörigen Aufmerksamkeit erforschen, da die ausgegrabene Erde nicht fort- 
geschafft wt'iden konnte und immer in die Gräber zurückfiel, weshalb ich 
weder die Lage der Gerippe, noch die dabei liegenden Gegenstände mit 
Gewissheit beschreiben kann. Ich will nur sagen, dass ich in diesen 
18 Gräbern, die ich in den Zwischenräumen einiger Felder, ungefähr auf 
der halben Höhe, an verschiedenen Stellen des Abhanges aufdeckte, nur 
Bronzen, einige Perlen und Scherben von grobgearbeitetem Lehmgeschirre 
fand. Die Gerippe waren ganz verwest, ich traf meist nur die Schenkel- 
lvn<«hen, das Uebrige aber fast gänzlich verfallen. Südlicher, an einem 
w.-it«-ren Zweige dieses Abhanges, auch in halber ßergeshöhe, fanden sich, 
auch bei völlig zerstörten Knochen, in 5 Gräbern einige eiserne Sachen und 
»ehr ge»chickt gearbeitete, kleine Lehmkrüge, von deren Verfertigung die 
j'-t/itren B<-w<ihn<T kein«- Idee haben. Bronzen fand ich hier nicht. Noch 



Archäologische Forschungen im Ikzirk des Terek (Nordkaukasus). 



159 



weiter südlicli stiess ich an einem steilen, steinigen Abhänge auf zwei oder 
drei Gräber, die aus Steinen und weichen Schieferplieten theils ausgehauen, 
theils damit ausgelegt waren, in bekannter Kistenform, mit Gerippen, die 
sich ziemlich gut erhalten hatten. Diesen Gerippen war nichts beigegeben 
worden, wenigstens fand ich gar keine Gegenstände. Bemerkenswcrth ist 
aber in diesen Gräbern der Umstand, dass sich an den Gerippen kein 
einziger Schädel fand. Diese Gräber erwähnte ich in Bd. XVI., S. 147, bei 
der Beschreibung der fremden Fragmente in den Gräbeiw-^bei Ober-Kij. An 
dem einen dieser Gerippe klebte ein verwitterter Fetzen grober Leinwand. 

Die Fundgegenstände, die ich auf diesem Leichenfelde gewann, finden 
sich auf Pappe III: d) zwei Perlen, li) ein gewundener Bronzedraht, c) Spiel- 
knochen aus dem Hinterbeingelenk eines Schafes, Fingerknochen grün an- 
gelaufen, d) Haken (aus Silber?), e) Stück von einem Ohrringe, /) zwei 
Eisenstücke, g) Bronze-Haken, h) Bronze-Schnalle, i) oxydirte Bronze-Reste, 
k) Bronze-Knopf, l) Stück Holz, tii) Stück Perle, n) Bronze-Knopf, 6) Ring- 
Schnalle, |)) Draht-Ring, q) grober Draht-Ring, r) eiserne fjanzenspitze, 
s) Pfeilspitze, t) eiserner Schaft zur Lanzenspitze, u) Ring und Schädel u, 
aus einem Grabe, in dem Eisen war und v) dito'). 



1) Die übrigen Gegenstände nehmen die eingesendeten Tafeln IV und V ein. 

Verzeichniss der Funde aus dem Leichenfelde hei Scharoij. 

Tafel IV. 
d) Eiserne Streitaxt, eisernes Messerstück, Stück Eisen; h) zwei eiserne 
Platten mit Ringöhsen verbunden, am Handgelenk gefunden; c) eiserne Pfeil- 
spitze; (1) Ring mit Oehse (zum Tragen eines Säbels?); e) Bronze — Gebrauch 
unbekannt; /) Fragment eines Bronzeringes; g) Medaille: h) Silberner Ohrring, 
späterer Zeit, wie er auch jetzt getragen wird; i) Bronze-Ohrringe; k) Eisenstück 
— Dolch- oder Lanzenspitze; /) lange eiserne Pikenspitze; m) Bronzering mit ein- 
gestelltem weissem Stein; ii) geschliffene Perle, Carncol; o) Stück Bronzebruch; p) Stück 
Ring (Material unbekannt); </) Bronze-Spange; r) eisernes Messer; s) Bronze-Ohrring; t) Stück 
Eisen; w) Bronze-Ornament (Fig. 1); v) Bronzehaken; w) Bronzekette mit Haken; x) Kupfer- 
ring, y) Ohrring, wie er auch heut zu Tage getragen wird. 

Tafel V. 



Fig. 1. 






<z7 



Fig. 2. 



Fig. 3. Fig. 4. Fig. 5. 

a) Bronze-Swastica (Fig. 2); //) Perlenschnur; c) Bronzehlech-Schnur; d) grosse Bronze 
(Fig. 3); e) Bronze-Ornament; /) grosse Perle; g) Gehänge zum Ohrring; //) Gürtelzierrath 
(Bronze); i) runder Zierrath (Bronze); k) grosse weisse Perle; /) rundes Bronze-Ornament; 
m) Bronzegehänge zum Ohrring; n) Bronze, unbekannt; o) Perle; p) runde Bronze; </) Ohr- 
gehänge aus Metall; r) Gürtelriemenspitze ans Bronze; s) Schelle; t) grosse runde Bronze 
(Fig. 4): u) Zierrath (Gold?); v) Zierrath (Fig. 5); w) Knopf; x) Bronze, unbekannt. 

Aus dem Kurgan bei Salam (Bd. XVL S. 141.) 
a) Radförmiger Zierrath aus Bronze; b) kreisförmige Eisenplatte mit Loch in der Mitte; 
c) grosser Krug. 



W. J. DüLBKSCHEFP: 

160 

Tradition, 
aufgenommen in Scharoij. 
Wer die zwei hoben Thürme und die festen, liolien Anbauten an ihnen 
erbaute ist den Eingeborenen unbekannt, sie denken aber, dass es ihre Vor- 
fahren gewesen sind. Dass sie dem Umakhan unterthan waren, ist richtig. 
Nach ilun herrsehte Faustrecht, Unordnung uud Kaub. Ein jeder hielt, wie 
uoch heute, das von ihm eingenommene oder erpresste Land für sein Eigen- 
thum. Der Unordnung im Lande machte Schamyl ein Ende, dem Steuern 
entrichtet wurden. Vor ihm aber, zur Zeit der Zwistigkeiten, regierten die 
StJimmesaltesten, deren Richtspruch oder Friedensschluss beachtet und geehrt, 
folglich auch erfüllt wurde. Zum Zeichen ihrer Entscheidung standen sie 
auf und schlugen mit ihren Stöcken auf den Boden. Das hiess fest und 
stark. Wenn sich Jemand widersetzte oder unzufrieden war, so erhob sich 
das ganze Dorf gegen ihn. Bei Krieg und Fehde mit den benachbarten 
Aulen wurden von den Alten folgende Strafen aufgelegt: Für Ermordung 
mit einem Dolche — 10 Kühe oder 5 Tumanen (50 S.-R.); für eine Wunde, 
die vermittelst eines Dolches beigebracht worden war — 5 Kühe oder 25 S.-R. 
Wenn es eine Kopfwunde war und wenn die Cur erforderte, dass der 
Schädel durchschabt werde (Trepanation), so bestrafte man den Schuldigen 
mit 20 Kühen oder gegen 100 S.-R., die er an den Leidenden zahlen musste. 
Die Alten wurden nach Stimmenmehrheit gewählt, woran das ganze Dorf 
theilnahm. Wenn man mit den Entscheidungen der Alten des einen Dorfes 
unzufrieden war, so wurden die Alten aus einigen Aulen versammelt und die 
cnt-<cliieden dann über die fra!2;lichen Angelegenheiten. Sie versammelten 
sich gewöhnlich auf der Stelle, wo wir unsere Ausgrabungen gemacht haben. 

Von Scharoij folgte ich dem Laufe des Schar-Arguu und kam in den 
kleinen Aul Khimoij, von wo ich in die Schlucht die hier von Westen her 
«'inmündet, zog, und meinen Weg bis zum Aul Zessi fortsetzte, der an einem 
Abhänge auf einem Kegel erbaut ist, östlich, unmittelbar vor dem Berg- 
rücken, der die Wasserscheide des Bassins des Argun von dem des Schar- 
Argun bildet. 

Die Ruinen von Zessi. 

l'^in winziges Dörfchen auf der Plattform eines schmalen Kegels mit 
■ i<ii iiuincn zweier viereckiger Thürinc, neben denen noch niedrigere vier- 
«•«•kif,'»' liuut(?u von derselben bekannten Architektur mit 10 — 12, neuerdings 
am o.\Uia Ggmäuer hier und da angebauten flachdachigen Hütten, das ist 
*I<T Aul Zessi. Die noch stehenden Mauern der alten Bauten dienen zum 
Schutz für das Vieh und für eine kleine Schafheerde. — Wer die Thürme 
••rbautc, ist den Bewohnern unbekannt. Letztere halten sich für Ansiedler 
uns dem Aul Tscheberloij (einer grossen Gemeinde östUch von Chimoij). 
Si." 7.:ihli'-ii den» ümaklian Tribut, später dem Schamyl. 



Archäologische Forschungen im Bezirk des Terek (Nordkaukasus). 



161 



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A.v'^Y 



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(Ostseite.) 

N. 



Die Ruinen haben behauene 
Ecksteine und sind in Mörtel- 
verband construirt. Auf dem 
Ecksteine eines Thurmes, ;m 
der NW. - Ecke ausserhalb, 
fand ich die Abbiklung eines 
Zeichens, das dem Zeichen auf 
der entsprechenden 'rhuimecke 
der Ruinen bei Schaloij (Bd. 
XVI, S. 146) gleicht. 

lieber den Eingangsöffnun- 
gen der altertbümliclien Neben- 
bauten, andeuThürmen, fanden 
sich eingemauert grosse Giebel- 
steine, die mit Verzierungen 
versehen waren, deren Linien 
und Schnörkel, ebenso wie die 
auf dem vorstehenden Eck- 
steine des Thurraes, im Gestein 
eingemeisselt sind. 

Die Enden der Verzierung auf dem ersten 
Giebelsteine laufen, wie hier angegeben, in deutlich 
zu uDterscheidende Schnörkel in Spiralform aus. 
Auf dem zweiten Giebelsteine aber ist der etwas '^ß. 
vorspringende Stein an seinen Enden so stark ver- 
wittert, dass ich die Schnörkelspiralen nicht er- 
kennen konnte. Vielleicht waren die Enden dieser 
Figur auch anders gezeichnet. Es fanden sich 
noch ausserdem auf den behauenen Ecksteinen 

der Bauten Spuren von eingemeisselten Zeichen oder Ornamentirung, aber 
sie sind so undeutlich geworden durch Zeit und VVitterungseinfluss, dass ich 
keine Möglichkeit fand, ihre Linien aufzunehmen. — 

Nur auf zwei Steinen sind die Spuren noch deutlich genug, um 
in den Zeichnungen die Figur einer offenen Hand, wie ich sie schon 
früher in Bauloij angetroffen habe (Band XVI, Tafel V, Figur 8), und 
die Figur eines aus Dreiecken bestehenden fünfspitzigen Sterns zu er- 
kennen. Auch diese Zeichen sind stark verwischt, aber doch er- 
kennbar. 

Die Einwohner von Zessi sind der Meinung, dass ein eben solches 
Zeichen eines Sterns auf dem Rücken des Pjopheten Muhammed gestanden 
habe. Die Zeichnung der Hand ist in übernatürlicher Grösse ausgeführt und 
besteht nicht aus Linien, sondern ist im Stein vertieft. 




,/.., W. J. DOLBESCHF.FF : 

Ueberlieferung, 
aufgenommen in Zessi. 

,Naoh dem Tode des Fürsten Uma-Kliau, der ül)er viele Schluchten 
herrschte, zahlten wir Steuern an seinen Sohn Mutzal-Khan im Laufe nur 
eines Jahres. Unser Vorfahre Tschautaniir widersetzte sich dieser Tribut- 
zahlung, indem er erklärte, dass er selbst von Fürsten stamme, so gut 
wie Mutzal-Khan, und forderte für sich die Hälfte der Abgaben, die bis 
dahin dem Mutzal gezahlt wurden, wobei er letzterem befahl, die Zahlung 
gänzlich aufzuheben. Bald darauf hatte Mutzal-Khan mit Tschautamir 
eine Zusammenkunft, auf der beschlossen wurde, dass ersterer keinen 
Tribut mehr zahlen, selbst aber solchen von den Einw^ohnern von Zessi be- 
kommen solle, da ihn Mutzal für einen Fürsten anerkannte. Nach dem 
Tode Tschautamirs herrschte sein Nachkomme Ssucho, dann wurde als 
Stammesältester dessen Sohn Amir beti-achtet, dann kam Murtasali und jetzt 
Tschautamir II. 

„Ks hat sich aber die Ueberlieferung erhalten, dass vor Tschautamir I. 
der Stammvater der Bewohner von Zessi ein gewisser Agadasch gewesen sei; 
ihm folgte Eleskender') (Alexander?). Dann Aldasch und dann erst Tschau- 
tamir I., der uns tributpflichtig machte. 

„Murtasali und Amir zahlten dem Schamyl Abgaben. Krieg führten wir 
mit den Bewohnern von Chimoij (westlich von Schaloij und Chokoroij, im 
Audischen Bezirk). Amir tödtete von diesen letzteren an einem Tage sieben. 
Ueber Assek-Timur haben wir gehört, dass seine Geleite hier gewesen sind 
und dass er die steinerne Festung Uesik-Jurt (S. 113) am Ausflusse des 
Argun erbaut hat. Das ist aber schon sehr lange her. Man sagt, dass 
i'in Nachkomme des Uma-Khan eine Schrift aufbewahre, in der umstäudhch 
von uns gesprochen wird. Diese Schrift soll sich jetzt im Aul Djaia, in den 
lländ«'U eines Nachkömmlings des bekannten Fat- Ali im Andischen Bezirk 
ln'iinden. Es sollen auch arabische Copien oder Schriften vorhanden sein, 
in Awarien oder im Bezirk Weden. Da soll gesagt sein, dass als die Andier 
mit den Benoiern um Land stritten, die ersteren sich als Nachkommen von 
Hebräern erwiesen; die Tschetschenen aber sind Auswanderer aus Schemy 
in Arahistan". 

I 'ic sich so oft w^iederholende Angabe vom Vorhandensein arabischer 
hör uiut-nte kann doch nicht als völlig erdacht erscheinen. Ich habe bis jetzt 
leider weder Gelegenheit noch Mittel gefunden, die Punkte zu besuchen, wo 
solche Schriften als aufbewahrt angegeben werden, aber ich behalte es mir 
vor, bei der ersten Gelegenheit, die sich mir bietet, sorglich nachzuforschen, 
und im Fülle sich etwas fände, eine Copie einzusenden. — 

1 Walirncheinlicb ein Christ, der etwa vor 200 Jahren den Glauben von griechischen 
ColoümUru angenommen haben mag, da er in der Generation das siebente Glied ist. 



Archäologische Forschungen im Bezirk des Terek (Nordkaukasus). I(j3 

A usgral)ung(Mi boi Zessi. 

Bein\ Herumwühlen im Schutt um und in den unbewohnten Theilen der 
Ruinen (S. 160) fanden sich in verschiedener Tiefe folgende Gegenstilnde. 
die auf Tafel Hl. aufgenäht sind: a) Bronze-Spange, b) eisernes Kettenstück 
(neuerer Zeit?), r) Bronze-Schnalle, d) Bronze-Knojjf, Kuj)fer mit angelötheter 
Oehse, e) Perlen, /") Perlen, f/) Bronze-Arbeitsbeilchen, h) Ohrgehänge (Ijronzer') 
i) Bronze in unbekannter Foini, k) Bronze-Oehse, l) hängender Zierrath, Metall 
unbekannt, y/t) desgl aus Kupfei- (?). — 

Tschetschenisches Lied (Uebersetzung). 
Batschi-E Imurza (Führer, der alle Wege kannte). Aufgenommen im Aul Sliulaij. 

Ein Bewohner des Auls Gechin, ein Djigliit'), loeschloss, auf die 
russische Kosakenline am Terek auf Raub zu ziehen. Jm Hinziehen kehrt 
er in die Moschee in Gechem ein und ruft die dort mit dem Verselernen 
aus dem Alkoran beschäftigten Jünglinge, mit ihm zu ziehen. Er sa<Tt: „Ich 
kenne einen Ort, von wo jeder seiner Braut ein reiches Geschenk bringen 
kann, kommt, ziehen wir!" Viele Jünglinge waren einverstanden und zogen 
mit, da doch zum Lesen des Alkoran keine Frist gestellt wäre. Sie kamen 
in Feindes Land. Vorsichtig und wohlerfahren, des Weges kundig, führt 
sie Elmurza. Die Heldeuschaar erreichte die Kosakenlinie wohlbehalten, 
vertiefte sich in das Land und überfiel eine reiche Meierei. Grosse reiche 
Beute fiel in die Hände der Helden an Gefangenen, Zeug^j, Vieh und 
Pferden, und sie traten schwerbeladen den Rückweg an. Bald aber war 
Alarm auf der ganzen Linie am Terek. Bald zeigten sich die Kosaken, die 
zum Verfolgen der Räuber ausgesandt waren. Elmurza und die Seinen 
warfen sich in den Terek und schwammen durch. Glücklich und ohne etwas 
von der Beute zu verlieren, erreichten sie einen offenen Berg unter den 
Schüssen der Kosaken. Das Gewehrfeuer wird beiderseits heftig und heftiger. 
Die Kosaken in unzähligen Schaaren umschwärmen den Berg und unterhalten 
ein stetes Feuer. Elmurza befiehlt zu halten und sagt: „Wenn wir auszogen, 
um Beute zu suchen, so ist es eine Schmach, mit leeren Händen nach Hause 
zurückzukommen, was geschehen wird, wenn wir die Beute im Stiche lassen 
und unsere eigene Rettung in der feigen Flucht suchen. Lasset uns daher 
kämpfen, dass wir die Kosaken zurückwerfen, und dann mit unserer Beute 
ruhig davonziehen, oder lasset uns den Heldentod sterben!" — Sie wurden 
ganz umringt. Die feindlichen Kugeln fielen wie Regen auf den Gipfel des 
Berges, wo sie standen. Das Gefolge des Elmurza lag da, die einen todt, 
die anderen verwundet. Die Verwundeten baten einen von ihnen, dass er 



1) Held. 

2) BaumwoUenzeug. 



- ,, W. J. DOLBESCHEFF: 

1()4 



ins 



.uS Flachland der kleinen Tschetschna eile und ihnen Hülfe gegen den über- 
mässig starken Feind brächte. Er zog fort. Das Gewehrfeuer war so stark, 
dass alle llirschheerden auf den nächsten Bergkämmen zusammenliefen und 
voll Staunen dem Gefechte zusahen. Es war ein heisser, sonnenheller Tag, 
aber der Kauch von den Schüssen war so dicht, dass er vor der Sonnengluth 
schützte. Lange, lange warteten die Bedrängten auf Plülfe, sie kam nicht. 
Ehuuiza focht allein; schon sieben Wunden hat er bekommen, aber er lässt 
nichts merken und sich auf seine Büchse stützend eilt er, vom Rauch gedeckt, 
durch den Feuerring der Kosaken in den heimathlichen Aul; schnell ver- 
sammelt er dort seine Krieger und bringt sie noch zu rechter Stunde den 
Hehlen zu Hülfe, verjagt die Kosaken, befreit die Seinen und erlöst die 
Beute. Dann zogen alle heim. Dort angelangt, wurden die Gefallenen in 
Ehren begraben. Dann erst trat Elraurza in seine Hütte und bat seine 
Mutter, dass sie ihm sein Bett bereite. Als er sich auszog, fielen aus seinen 
Kleidern sieben Kosakenkugeln, welche alle durch seinen Leib durchgedrungen 
waren. So sehr er verwundet war, so Hess er dennoch nichts merken und 
hielt bis zu seinem Ende aus. Als die Mutter ihres Sohnes Wunden sah, 
begann sie zu weinen. Elmurza aber beredete sie, sich zu beruhigen, und 
tröstete sie noch, indem er ihr sagte, dass es viele Mütter gäbe, die ihre 
Söhne nicht mehr lebend wiedersähen, er aber doch heimgekehrt sei. Seiner 
Frau sagte er, dass er auf Beute gezogen wäre, sie reichlich beschenkt habe, 
dass er aber in Zukunft nicht mehr Raubzüge unternehmen würde. — Da 
brach seine Schwester in Thränen aus: „Magst weinen, Mädchen, so viel 
du willst, aber einen solchen Bruder wirst du nicht mehr haben", sagte 
Elmur/a; seiner Mutter und seiner Frau aber verbot er zu weinen und zu 
klagen, und verschied. — 

Assek-Timur und Mollah Nassr-Eddin. 

An verschieileneii Orten der kleinen Tschetschna aufgenommen. 

L Assek-Timur war einst sehr böse auf den Mollah Nassr-Eddin. So 
litt der Mollah sehr durch den gewaltigen Fürsten und er beschloss sich mit 
ihm zu versöhnen. Er rief seine Frau und fragte sie um Rath zu einer 
Zeit, als Timur am Aule vorbeizog und sich zur Nacht in der Nähe lagerte. 
Die Frau rieth ihm, dem Timur zwei lebendige Kalkunen zu bringen, damit 
er sie nach Belieben selbst braten oder kochen möge. Das wäre zur Ver- 
söhnung genügend. Der Mollah that, wie es Sitte i) ist, das Umgekehrte. 
Er Hess seine Frau die Vögel abkochen und brachte sie dem Timur. Indem 
er sie ihm überreichte, entschuldigte er sich und versicherte, dass er arm sei 
und nichts besseres bringen könne, einen so angesehenen Fürsten zu be- 
wirthen. Timur aber gegen alle Erwartung erzürnte heftig, fasste die Kal- 

1 .Wenn du in Noth bist, versammle deine Frauen und fordere ihren Rath. Thue als- 
dinn da« Kntgepengesetzte von dem, was du vernimmst'', sagt der Muselmann. 



Archäologische Forschungen im Bezirk des Terek (Nordkaukasus). 165 

kunen an den Füssen und schlug damit auf den Mollah los. Da sie nun ab- 
gekocht waren, zerflogen sie bald in Stücke, und solche Prügel thaten dem 
Mohah nicht besonders wehe. Darauf trieb ihn Timur fort. Indem der 
Mollah nach Hause ging, bedachte er seinen Unfall sorgfältig und kam /ii 
clor Ueberzeugung, dass, wenn die Vögel nicht abgekocht gewesen wären, 
sondern lebendig, er gehörige Prügel hätte hinneiimen müssen. Darum, kaum 
zu Hause angekommen, prügelte er seine Frau tüchtig durch^ — 

H. Einst liess Assek-Timur den Befeid ergehen, "ÖSss alle Bewohner 
des Auls, in dem der Mollah lebte, ihm als Abgabe je ein Hühnerei brächten, 
auf den Kurgan, wo sein Lagerzelt stand. Diesen Befehl verheindichle er 
vor Nassr-Eddin, in der Absicht, ihn bestrafen zu können. Es zogen alle 
aus dem Aul, der Mollah auch, und kamen zum Kurgan. Ein jeder brachte 
ein Hühnerei und legte es dem Timur zu Füssen. Lange sah der anwesende 
Mollah dem Treiben zu und da er kein Ei hatte, sprang er urplötzlich in 
die Runde mit lautem Händeklatschen und rief mit voller Stimme: „Kikkeriki!" 
— Timur, ganz entrüstet über den dummen Streich, befragte den Mollah 
über die Ursache solchen Unfuges. Dieser antwortete dreist: „Es kamen 
zu dir nur Hühnchen und legten jedes ein Ei. — Wie, sollen sie denn, so 
viele an der Zahl, ohne Hahn sein?" — Timur lachte und entliess den 
Mollah, reich beschenkt. 

HI. Der Mollah war einst jemandem eine kleine Summe Geldes schuldig. 
Sein Gläubiger kam und forderte sein Geld, aber der Mollah befriedigte 
ihn nicht, indem er vorgab, im Augenblicke nicht bei Gelde zu sein. Den 
anderen Tag zog er aus und pflanzte am Wege Distelgewächse. Der 
Gläubiger kam wiederum zn ihm und da er ihn nicht antraf, so fragte er 
die Frau nach dem Mollah; diese sagte ihm, dass er auf x\rbeit ausgegangen 
sei, und bezeichnete ihm den Ort, wo er arbeite. Er ging und suchte den 
Mollah auf, den er an besagter Arbeit fand. Er staunte natürlich nicht 
wenig und fragte den Mollah, was er da mache. Dieser antwortetete: 
„Siehst du, ich arbeite für dich, ich pflanze Distelgewächse am Wege. Wenn 
nun hier die Baranta^) vorbeigetrieben wird, so sammle ich die Wolle, die 
an den Disteln hängen bleibt, verkaufe sie und das eingelöste Geld bekommst 
du!" Der Gläubiger lachte laut auf und der Mollah sagte: „Du hast gut 
dich freuen, weil du jetzt sicher bist, dein Geld von mir zu bekommen!" 

IV. Einst besuchten den Mollah zahlreiche Gäste. Da er aber keinen 
grossen Kessel hatte, um für alle genügend Speise zu bereiten, so borgte er 
sich einen solchen von einem seiner Nachbarn. Tages darauf legte er seinen 
kleinen Kessel in den grossen und brachte beide dem Nachbarn unter grossen 
Danksagungen zurück und sagte ihm, dass Allah ihn gewiss für seine Güte 
belohnen würde. — Der Nachbar bemerkte den kleinen Kessel erst später, 
nachdem der Mollah fortgegangen war. Nun lief dieser schnell zum Mollah 

1) Schaf- und Ziegenheerde. 



»/./» W. J. ÜOLBESCHEFP: 

und ^a^te ihm, dass im grossen Kessel ein zweiter kleinerer sich befände, 
der wohl dem Mullah gehören möchte. — Dieser verneinte es und sagte: 
,Dji siehst du! Das ist ein Lohn von AUali für deine Gefälligkeit: der 
grosse Kessel hat dir einen kleineren geboren!" — Sehr zufrieden eilte dieser 
heim. — Nach Verlauf einiger Zeit kam der Mollah aber wieder zu demselben 
Manne und bat wiederum um den grossen Kessel, den er auch bekam, nach 
Hause biaihte und dem Manne nicht mehr zurückgab. — Endlich kam dieser 
zum Molhih und fragte nach seinem Kessel. „Ja", sagte der Mollah, „mit 
den Kesselu gehts heutzutage wie mit den Menschen, — sie werden ge- 
hören und sterben auch; dein grosser Kessel ist gestorben und existirt nicht 
mehr!" — 

HomiilllM'lii von der Stauitza Troitzkaia (Verli. 1883. S. 331). 

Am S. Juli 1883 besuchte ich eine Stelle im Walde, in der Nähe der 
Stanitza Troitzkaia, auf dem nördlichen Abhänge der Vorberge der Kaukasus- 
keite, von wo man mir zwei Fibeln gebracht hatte, die zufällig gefunden 
worden waren. 

Der Kosak, der diese Fibehi und, wie er mir später sagte, noch einen 
Ring (auch aus Bronze und ohne Ornamentirung) fand, brachte mich an die 
Fundstelle. Es war ein kleiner Waldweg auf dem Ausläufer „Ssuchoij 
Bugor" genannt, wo er mir, etwas abseits vom rechten Geleite, eine kleine 
Vertiefung wies, in der die Sachen gelegen haben sollten, die er bei nassem 
Wetter, ein Holzfuder vom Berge hinunterfahrend, vor zwei Monaten un- 
mittelbar auf dem Wege fast bloss liegend bemerkt und aufgelesen hatte. Er fand 
anfang>i nur ein«' Fibel, dann wählte er mit seinem Peitschenstiele im feuchten 
Lfhnie. fand die zweite und schliesslich auch den Ring, in den man drei 
Finger stecken konnte. Der Ring zerbrach und die Stücke verlor der gute 
Mann. - 

Dem Wunsche des Hrn. Professor ViRCHOW folgend, machte ich mich 
an eine genaue Untersuchung der Stelle, was folgende Resultate ergab: 
Nachdem ich die Oertlichkeit, so gut es mir das Dickicht des Niederwaldes 
erlaubte, der ringsum alles bedeckt, besichtigt hatte, und auf der Oberfläche 
des Waldbodeus duichaus nichts entdecken konnte, was mir auf einen Be- 
jilatlungsort zu deuten schien, beschloss ich schlechtweg Trancheen anzulegen. 
Ich ffdirte dieselben vorerst am östlichen Abhänge, späterhin aber auf dem 
Grahte des Ausläufers selbst, auf dem der Weg hinläuft. 

Nor allen Hingen grub ich den Boden an der Stelle, wo die Sachen 
gefunden worden waren, auf, einen Faden in die Runde, den Waldweg mit 
hineingenommen, und 2 Ellen tief. Der Boden bestand aus Lehm mit kleinen 
Kalksteinen, in der Art, wie der Boden des Leichenfeldes von Koban, nur 
fanden sich hier weniger Kalksteinchen und der Lehm war reiner und gelber. 
Eine halbe Elle oberhalb der Stelle, wo die Sachen gefunden worden waren, 
traf ich bald eine Menge Knochensplitter, darunter flache, welche offenbar 



Archäologische Forschungen im Bezirk des Terek (Nordkaiikasus). 1()7 

dem Schädel eines Erwachseneu angehürt haben müssen. Leider war Alles 
zermalmt und von der Nässe zugleich mit dem sich setzenden Boden 
herabgespült. Es fanden sich auch einige Zähne und kleine Stücke nasser 
und zerfallender Holzkohle. Hierauf trat ich von dieser Grube, und somit 
auch vom Waldwege, der hier etwas vom Grahtrücken abseits geht, östlich 
ab und begann die Trancheeführung auf dem östlichen Abhänge. Es ging 
einen Faden weit gerade nach O. (eine Elle breit), wobei ich zuvor das 
Dickicht lichlen niusste. Hier stand vor Zeiten ein 'tVald mit mächtigen 
Stämmen, der von den Kosaken ausgehauen worden ist. Der Boden besteht 
hier aus einer Humusschicht von f bis 1 Elle stark; dann kommt eine 
Mischungsschicht von gelbgrauem Lehm, die tieferhin immer gelber und 
reiner wird und besagte Kalksteine enthält. In dieser Uebergangsschicht 
fand ich hie und da Holzkohle in kleinen Stücken zerstreut. Eine Masse von 
Wurzeln hemmte sehr die Arbeiten. Unter dem gelbgrauen Lehm, in einer 
Tiefe von 2 Ellen, stellenweise auch nicht so tief, wurde der Lehmboden so 
fest, dass er offenbar eine von Menschenhand unberührte Schicht darstellte. 
Von hier führte ich meine Tranchee im rechten Winkel nach Süden drei Faden 
weit. Der Boden und die Resultate waren dieselben. Es fanden sich hier 
nur noch zwei flache Stückchen rothgebrannten Lehmes, wahrscheinlich T'oj)f- 
scherben, aber sie waren so klein, dass ich keinen Schluss daraus ziehen 
kann. Von hier führte ich die Tranchee wiederum nach Osten, zwei Ellen 
weit: hier fand sich nicht einmal Kohle. 

Da der Weg, der sich auf dem Kamme des Ausläufers hinschlängelt, 
sich stellenweise bis auf It] Ellen in den Lehmboden eingeschnitten hat, 
wobei die Humusschicht gänzlich fortgeschwemmt ist, so bildet er schon 
an und für sich selbst eine Tranchee oder wenigstens bietet er den Anfang 
einer solchen; so beschloss ich für die folgenden Tage meine Arbeiten vom 
Wege an anzufangen und zwar um so mehr, als auf derartigen Leichenfeldern 
gewöhnlich die ältesten Gräber sich auf den erhabensten Stellen der Ab- 
hänge befunden haben. Vorerst besichtigte ich den Weg auf- und abwärts 
von der Fundstelle, im Ganzen auf eine halbe Werst. Dann liess ich hier 
und da, wo mir der Boden weicher schien, senkrecht vom Wege nach 0. 
und W. kleine Traucheen graben. Ueberall traf ich aber bald auf unberührtes 
Erdreich, obgleich in der oberen Plumusschichte hier und da zwischen 
den Wurzeln, die das Graben überaus erschwerten, Stückchen feuchter Holz- 
kohle lagen. Nur während eine Tranchee westlich von der Fundststelle ge- 
graben wurde, traf ich auf weicheres Erdreich, das aus einer Mischung von 
graugelbem Lehm mit Kalksteinchen bestand und offenbar umwühlt worden 
war. Hier, dem lockeren Erdreich folgend, wurde eine fast einen Kubik- 
faden grosse Grube ausgeworfen, bis ich wieder auf festes Erdreich stiess, 
aber ich fand absolut nichts. 

Auf den Leichenfeldern im Hochlande, in denen ich ßronzebeigaben ge- 
funden habe, wie in Koban, Tschemy, Kij, Scharoij, befinden sich die ein- 



,Q W. J. DOLBESCHEFF: 

Ibo 

zelnen Gräber so dicht an einander, dass man gar nicht zu suchen braucht ; 

man gräbt in beliebiger Richtung und stösst immer auf neue Grabstatten. 

Die Ursache einer solchen Nähe der Gräber an einander hegt offenbar dann, 

das«, im felsigen Oberlande überhaupt wenig grabbares Land ist und sobald 

sich ein Abhang fand, dessen tiefere Bodenschichten nicht sofort Felsen 

boten, so wurde" dort auch Alles beigesetzt. Das war hier nun durchaus 

nicht der Fall, da das Land und der Lehmboden hier weit und breit zum 

tiefen Graben geeignet ist und somit eine Anhäufung der Bestattungsplätze 

.^ar uicht erforderte. Es giebt hier weder Felsen noch Steine. Daher bieten 

Forschungen auf solchem Boden und im Waldesdickicht wenig Chancen auf 

Erfolg. — Die fast an der Oberfläche des Weges gefundenen Bronzen und 

Knochensplitter konnten überdies mit dem Erdreich abgeschwemmt worden 

sein, das hier, im Waldesdickicht und auf einer Lehm unterläge, stets sehr 

feucht, besonders aber in Folge häufiger Regengüsse einer unmerklichen Ab- 

schweaimung unterworfen sein mag, da die Abhänge, wenngleich nicht steil, 

doch merkhch sind. 

Ein Stein-Kurgan 
bei der Stanltza Troitzkaia. 

In der Umgegend dieser Stanitza giebt es viele Kurgane, besonders 
nördlich auf einer geräumigen, flachen ßodenabstufung (Throuzads). Diese 
Kurgane stehen gruppenweise zu 5 bis 8, auch paarweise, auch einzeln 
zerstreut auf besagtem Plateau, das höchst wahrscheinlich das frühere linke 
Ufer der Ssunja gewesen sein mag, nicht weit vom Rande desselben, und 
bilden im Allgemeinen eine unregelmässige Kette, die sich bis zur Stanitza 
Alchan-Jurt (östlich) fortzieht (14 Werst von Grosnoie). Besonders hohe 
Kurgane giebt es nicht, dagegen sind viele sehr ausgedehnt, aus deren 
Spitzen und Seiten Steine hervortreten. 

Ich wählte einen isolirten Kurgan, der einen Geröllsteinhaufen auf seiner 
Spitze bot, sehr umfangreich und nicht hoch war, — 1^ Ellen. Dieser 
Kurgan ist aus grossen Geröllsteinen zusammengetragen, unter denen sich 
auch gritsse Stücke ausgebrochenen bunten, ziemlich harten Sandsteins be- 
linden, der offenbar aus der Kabardiner Vorbergkette stammt, die das Thal 
(ItT kleinen Tschetschna nach N. zu begrenzt und die sich hier in einer Ent- 
fernung von 3 — 4 Werst hinzieht, wo solcher bunter Sandstein in Masse zu 
haben ist. — Die Zwischenräume zwischen den Steinen waren ausser zer- 
bröckeltem und vom Druck der Geröllsteine sogar pulverisirtem Sandsteine 
mit fint-r Miscliung von Erde und Lehm mit kleinen Kalksteinen, aus 
denen der Hoden ringsum besteht, ausgefüllt. Anfänglich, als dieser Kurgan 
aufgeführt wurde, mag er viel höher gewesen sein und erst in der Folgezeit, 
in Folge von Nässe und der sich setzenden Steine, die gegenwärtige Form 
bekommen haben. Die Tranchee, die ich von N. nach S. führte, entblösste 
den Stoinaufwurf, der je tiefer, um so regelmässiger zusammengelegt schien, 



Archäologfische Forschungen im Bezirk des Terek (Nordkaukasus). 169 

doch glaube ich hier kaum, auf ein systematisches Aufeinanderlegen schliessen 
zu können; mehr Wahrscheinlichkeit bietet die Voraussetzung, dass das 
allmähliche Setzen der Steine, durch den Druck der oberen Schichten, 






^4^:25: 



die unteren in eine so feste, kompakte Masse gebracht hat. Solch ein Auf- 
wurf ging nur bis zur Bodenoberfläche, höchstens stellenweise war er etwas 
tiefer. — 

Etwa eine Elle von der Mitte des Kurgan nach NO. trat unterhalb der 
Oberfläche des Bodens eine Art von genau zusammengefügter Mauer zum Vor- 
schein, die mehr aus länglichen Geröllsteinen und grösseren Sandsteinplieten 
bestand, ohne Kalkverband. Nachdem ich das Erdreich ringsum entfernt 
hatte, fanden sich auch die übrigen 3 Mauern dieses Steingrabes. Diese 
reichten bis auf eine Tiefe von 2\ Elle. Das Innere dieses Steinkastens war 
voll von Steine^ und Sand. Die Mauern dieses Steinkastens waren fast 
überall | Elle dick und die horizontale Länge fast gleich; nehmlich: die 
nördliche und südliche 2|, die westliche und östliche 2| Elle, von 
aussen gemessen. Nach dem Entfernen der Steine, die das Innere an- 
füllten, traf ich, in einer Tiefe von 1 ^ Ellen, an den inneren Seiten der 
Wände auf Vorsprünge, die aus grösseren Steinen und Plieten bestanden, 
die in die Mitte des Kastens gegen einander vorragten. Etwas tiefer fanden 
sich pulverisirte Holzreste, die in einer Schicht horizontal lagen und stellen- 
weise bis an den Stein vorsprung reichten, was den Schluss erlaubt, dass 
hier eine Holzbedachung gewesen sein mag; da die vorspringenden Steine 
auf gleicher Höhe an allen vier Wänden endigen, so meine ich, dass 
auch die Bedachung hier nicht schräg gestellt war, wie ich sie früher in 
anderen Kurganen getroffen habe, sondern horizontal. Unter dieser Holz- 
schicht, bis auf den Boden des Grabes, traf ich auf eine Mischungsschicht 
von Sand, Erde und Lehm, die sich offenbar durch die von oben durch- 
dringende Nässe gebildet hat, und zwar noch vor dem Verfaulen und Ein- 
stürzen der Holzbedachung. In dieser Schicht fand ich ein menschliches 
Gerippe, ganz zerdrückt und so verwest, dass ich nur Theile der Scheitel- 
knochen und Zähne herausnehmen konnte. Auf dem Gerippe, unmittelbar 
und an den Seiten desselben, auch um den Schädel fand ich Reste ver- 

Zeitschrift für Ethnologie. Jahrg. 1887. 13 



,„rt W. J. DOLBESCHEFF: 

1 (0 

Westen Holzes, was mir erlaubt, auf eine Beisetzung in einem Hoktroge zu 
schliessen. Die Lage des Gerippes war auf der linken Seite, der Kopf nach 
0., die FQsse nach W. Die Arm- und Handknochen fanden sich mit den 
Kippenknochen vermischt, woraus sich schliessen lässt, dass die Arme nicht 
ausgestreckt, sondern auf dem Oberkörper zusammengelegt worden waren. 
Ebenso waren die Kniee etwas gebogen. Die Dimensionen des Gerippes 
boten nichts Abweichendes und stellten die Reste eines Individuums mittlerer 
Grösse dar. Die Gesichtsknochen waren ganz zerdrückt und verwest, nur 
der linke Backenknochen, den ich beobachten konnte, und der zerfiel, als ich 
ihu aufnahm, deutete auf starke Entwicklung und Vorsprung, — daher mag 
dieses Gerippe zur mongolischen Rasse gehören, was ich übrigens nicht mit 
Gewissheit feststellen darf und nur als Vermuthung gelten lassen kann. 
Beigaben fanden sich nicht. Gegen die Mitte des Gerippes nach S., abseits 
von den Holzresten, die sich längs des Gerippes hinzogen, fand ich im Sande 
unter einem (wahrscheinlich herabgefallenen) Steine Scherben eines Napfes 
aus grauem Lehm, gebrannt, ohne Henkel, recht grob gearbeitet, mit Spuren 
von Russ inwendig und auswendig. Im Sande, innerhalb der Scheiben, fand 
ich 5 Wirbel einer Eidechse oder Schlange, die auch zerstreut lagen. 

Bumuth. 

U Werst von der Stanitza Assinska'ia nach S. befindet sich die Thal- 
mündung Bumuth, durch die der Bergstrom Fartang seinen Ausfluss aus 
den Vorbergen der kleinen Tschetschna ins Flachland derselben nimmt. 
Diese Thalmündung, die einst unseren Heeren als strategischer Punkt gegen 
die Ausfälle der Bergtschetschenen unter Schamyl gedient hat, liegt auf den 
malerischen Abhängen der bewaldeten Ausläufer der Vorberge und ist 
gegenwärtig nicht bewohnt. Auf dem linken (östlichen) Abhänge steht 
ein Kronsforsthäuschen und dicht daneben zwei bis drei Tschetschenen- 
hütten. In der Umgegend besichtigte ich zwei Leichenfelder und einige 
Höhlen: 

a) Leichenfelder. Beide Leichenfelder liegen im Walde. Das eine 
befindet sich auf einem Ausläufer des linken (östlichen) Abhanges der 
Schlucht, unterhalb des Forsthäuschens, am Rande eines etwa 30 Faden hohen 
Abhanges, der, von einer Krümmung der Strömung des Fartang abgerissen, 
die Gräber entblösst hat. Wenn man unten steht, sieht man eine Reihe von 
(iräbern mit zerfallenen Särgen und Gerippen am südlichen Rande des Ab- 
hanges, der auch jetzt, vom Wasser unterspült, abfällt und die Gräber mit- 
nimmt. Es sind Einzelgräber in Entfernungen von 2 — 3 Faden von einander, 
die Gerippe liegen auf dem Rücken, den Kopf nach W., die Füsse nach 0. — 
Auf dem Abhänge selbst trat ich in einen dichten Wald, dessen Bäume 
jedoch nicht älter als 50 — 70 Jahre sind (Rothbuche, Weissbuche, Ahorn). 
Arn Hjinde des abfallenden Abhangs und weiterhin nach oben zu zählte ich 
n\. 40 Vertiefungen zwischen den Bäumen, die an dieser Stelle nicht be- 



Archäologische Forschungen im Bezirk des Terek (Nordkaukasus). 171 

sonders dicht wachsen. Diese Vertiefungen sind länglich, und liegen reihen- 
weise ziemhch regelmässig, fast in gleicher Entfernung von einander. Das 
sind die Gräber, die von unten zu sehen waren, ich deckte zwei davon 
auf und fand in beiden unmittelbar unter der Erdoberfläche, ara Kopfende, 
fast gänzlich verfaulte, vertical eingegrabene Pfostenenden, etwa 5 Zoll im 
Durchmesser, — weiter, in einer Tiefe von 2 Ellen — den Deckel eines 
Sarges aus Brettern, mit eisernen Nägeln zusammengehalten. Diese Deckel 
waren verfault und, dem Drucke der über ihnen liegenden Erdschicht nach- 
gebend, lagen sie unmittelbar auf den Gerippen, deren Knochen zum Theil 
zerdrückt waren. Die Särge sind aus Rüsternholz. Beigaben, ausser einem 
kupfernen Kreuzchen mit Resten einer Seidenschnur in dem einen Grabe, 
fanden sich nicht. Die Lage der Gerippe ist ausgestreckt, auf dem Rücken 
liegend, mit auf der Brust gekreuzten Armen, der Kopf nach Westen, die 
Füsse nach Osten. Beide Schädel halte ich für orthognath-brachycephale 
mit schmalem Gesichte. Offenbar ist dieses Leichenfeld aus neuerer Zeit 
und gehört Christen. Sein Alter ist schwer zu bestimmen, aber in Be- 
tracht des Verwesungsgrades der Särge aus starkem, nicht leicht und 
schnell faulendem Holze und des Alters der hier stehenden Bäume, von 
denen einige auf den Gräbern selbst wachsen, denke ich, ist es wenigstens 
100 — 150 Jahre alt. Die in der Kopfgegend gefundenen verticalen Pfosten- 
reste, deren oberirdischer Theil vollkommen verschwunden ist, lassen auf 
das frühere Vorhandensein von hölzernen Grabkreuzen schliessen. 

Das andere Leichenfeld, diesem ähnlich, liegt auf dem entgegengesetzten 
Abhänge der Schlucht, auf einer ansehnlichen Höhe, auch auf dem Kamme 
eines Ausläufers, der sich westlich zum Fartangbette neigt. Hier steht eine 
Urwaldung, nach den hingefallenen riesigen Stämmen zu urtheilen, die hier und 
da faulen. Die Merkmale des Leichenfeldes sind regelmässig zerstreute Ver- 
tiefungen, hier aber in Trichterform, deren Zahl auf diesem Leichenfelde 
viel grösser ist. Ein starkes Gewitter, das bis in die Nacht anhielt, Hess 
mich leider hier nicht arbeiten. — 

h) Höhlen. Ich fand in dieser Schlucht auch zwei Typen von Höhlen. 
Beide Gruppen liegen am rechten Abhänge der Schlucht, nicht fern vom 
Wasser. Die eine Gruppe liegt etwa eine Werst oberhalb des Forsthäuschens 
an einem steilen Abhänge aus Sandstein, auf einer Höhe von 20 — 25 Faden 
über der Strömung des Fartang, an dessen rechtem Ufer. Diese Höhlen, 
sieben an der Zahl, liegen nahe neben- und übereinander, die Oeffnungen 
nach W. Die Eingänge zu einigen davon sind fast verschwemml und ver- 
schüttet vom abfallenden Erdreich. Ich besichtigte vier davon. Sie sind 
offenbar künstlich: die Spuren eines spitzen Werkzeuges sind an den Wänden 
und an der kuppeiförmigen Lage deutlich zu sehen. Ihre Form ist eine un- 
regelmässige Kreisform — im Gewölbe. An den Oeffnungen ist der harte 
Sandstein, in den diese Höhlen gearbeitet sind, verwittert und abgefallen, 
so dass die ursprüngliche Form derselben verschwunden ist; man kann 

13* 



172 



W. J. DOLBESCHEFF: 



nicht mehr als eine Vertiefung am äusseren Rande beobachten, die zum 
Einsetzen einer Steinpliete gedient haben mag, wie ich es sonst gefunden 
habe. Vor einigen Höhlen giebt es gar keinen Stützpunkt, so dass sie 
schwer zugänglich gind : nur von oben, an einem Stricke, konnte ich hinein- 
gelangen. Die Ausgrabungen, die ich in einer, stellenweise stärkeren, stellen- 
weise dünneren Schicht herabgefallenen Sandes im Boden der Höhlen selbst 
anstellt«, bis ich auf, von Menschenhand unberührtes Erdreich stiess, wobei 
ich den aufgewühlten Sand durchsiebte, gaben nur einige fast verweste, zer- 
bröckelte Knochenreste, unter denen ich nur ein einziges Fingerglied einer 
menschlichen Hand als solches erkennen kann. Es war grün angelaufen, 
wahrscheinlich von einem oxydirten Kupferringe, in Folge dessen es sich 
mehr erhalten hatte. 

Die zweite Gruppe der Höhlen liegt an demselben Abhänge, über einer 
flachen Abstufung des Uferrandes, 4 Werst unterhalb der Forsthütte, in viel 
festerem Grunde, der aus ganz besonderen rundlichen, glatten, kleinen, fast 
wie polirt abgeglätteten Steinen besteht, die unter einander durch eine sehr feste 
Mischung von grauweissem Lehm mit Sandkies verbunden sind. Diese Höhlen 
befinden sich in einem sehr steilen, mit Strauch bedeckten Abhänge im 
Walde und sind kaum zugänglich. Das Innere zweier Höhlen, in die ich 
gelangte, stellen Hohlgänge ins Innere des Abhanges dar. Eine solche Galerie 
geht 5 — 6 Faden tief, indem sie sich etwas senkt, die andere wohl etwas 
tiefer. In die Tiefe dieser zweiten Galerie drang links ein Lichtschimmer 
ein von den Strahlen der untergehenden Sonne, wahrscheinlich aus der 
Nachharhöhle, in die ich nicht kommen konnte; sie war unzugänglich, auch 
war nicht einmal der Eingang durch das Gesträuch zu sehen. Diese Höhlen 
sind ganz trocken, wogegen die der ersten Gruppe, im Sandstein, feucht 
waren. Folglich communicirte dieser Hohlgang mit einem anderen, vielleicht 
war er auch mit den übrigen verbunden. Es bot sich noch die Möglichkeit, 
in eine oberhalb, etwa 8 Faden höher gelegene Oeffnung zu dringen, aber zu 
dieser Oeffnung führte eine ganz frische, deutliche Bärenspur, die Krallen 
der Oeff"nung zu, und dieser Zugang war der einzige und zudem sehr steil; 
daher riskirte ich es nicht, hinauf zu klettern; zudem dämmerte es schon 
stark zur Nacht. Die Ausgrabungen in einer dünnen Schicht von lehmigem 
Kies und runden Geröllsteincheu im Innern der zwei Hohlgänge, in die ich 
gekommen war, gaben nur einige Stücke Holzkohle und wiederum verfaulte 
Reste menschlicher Knochen, unter denen ich sonderbarer Weise wiederum 
nur einige Gelenktheile von der linken Hand eines Erwachsenen erkennen 
konnte, die sich besser, als alles üebrige erhalten hatten, woraus ich 
überhaupt auf das Vorhandensein von Menschenknochen schliesse; weder 
Schädel, noch Zäiine, noch Beigaben fand ich. Ich muss freilich gestehen, 
da.ss ich nicht aufmerksam genug beim Herumwühlen gewesen bin, und dass 
ich mich mit dieser Arbeit nicht weiter als einen Faden ins Innere der 
Gange vertiefte, da einerseits die hereinbrechende Nacht, andererseits der 



Archäologische Forschungen im Bezirk des T^rek (Nordkaukasiis). 173 

Umstand, dass ich nun wusste, dass die Gänge commuDicirten, und auch 
mit der oben gelegenen Bärenhöhle verbunden sein konnten, in Folge dessen 
ich jeden Augenblick einen Anfall aus dem Inneren des dunklen Ganges er- 
warten konnte, — mich meine Arbeit zu beschleunigen und ungenügend aus- 
zuführen zwangen. Am anderen Tage konnte ich keinen einzigen Arbeiter 
finden, der sich mit mir in die Ilöblen hineinwageu^-woUte ; daher musste 
ich eine genauere Untersuchung auf künftige Zeit aufschieben. Auch diese 
Höhlen sind künstlich. Unweit derselben auf dem flachen Uferrande, nahe 
am Fartang", befinden sich die Ruinen eines viereckigen Thurmes, von dem 
Typus, den ich in meinen frühereu Mittheil ungeu aus dem Hochlande der 
Tschetschna beschrieben habe. An diesen Thurm schliessen sich die Ruinen 
von steinernen Nebenbauten. 

Ein Bogen und zwei Pfeile 
aus dem Meridji-Thale. 

Den Fartang hinauf führt eine meist enge, zu Ansiedelungen ungeeignete 
Schlucht bis ins Meridji-Thal hinauf. Hier, bei der Biegung des Stromes 
nach O. hinauf, unweit des Dörfchens Tsetschno-Achki, auf einem unzugäng- 
lichen Felsblocke, fand ich einen kleinen Bau vom Typus der mehrfach schon 
beschriebenen CoUectiv-Bestattungsthürmchen, die sich hier und da im Hoch- 
lande der Tschetschna finden. Von einem benachbarten, etwas höher 
stehenden Felsblocke aus konnte ich in dieses Thürmchen hineinsehen und 
bemerkte einen länglichen Gegenstand, der an der inneren Südostecke an- 
gelehnt zu stehen schien. Dahin zu gelangen war unmöglich; deshalb im- 
provisirte ich aus einem langen, nicht sehr starken Rothbuchenbalken eine 
Leiter, mit Hülfe derer sich ein Tschetschene hinaufwagte; er kam auch 
glücklich hin, im Heruntersteigen aber stürzte er und, wenngleich er sich 
erholt hat, so gilt doch dieser Unfall in der Meinung der Eingeborenen als 
eine Strafe für die Störung der Gräber, wie es regelmässig bei jedem noch so 
kleinen Unfall geschieht und mir im Allgemeinen grosse Hindernisse im 
Arbeiten überhaupt verursacht. — Dennoch glückte es mir, aus dem Ab- 
grunde einen Bogen, einen ganz heilen Pfeil und einen anderen, wenngleich 
zerbrochenen, wobei das grössere untere Bruchstück gänzlich verloren ging, 
zu gewinnen. Diese Sachen waren dem Tschetschenen im Hinabstürzen ent- 
fallen. Er fand den Bogen in der Ecke, wie es von aussen zu sehen war, und 
die zwei Pfeile rechts vom Gerippe. Folglich war es ein Einzelgrab. Den 
Schädel habe ich nicht einmal sehen können, denn mein Tschetschene wollte ihn 
auf keinen Fall anrühren. — Der Bogen hat eine Länge von 1 ^- Arschinen und 
besteht aus zwei Theilen, die in der Mitte des Bogens in einander gefügt und 
mit feinen, rothen Riemchen bewickelt sind. Das Holz, aus dem der Bogen 
gemacht ist, scheint junge Esche zu sein, oben mit zwei Hornplatteu be- 
deckt, — wahrscheinlich vom Steinbock oder Tur, der Länge und Schwärze 
nach zu urtheilen, — die sehr fest angeklebt sind. Die untere (innere) Seite 



,_, W. .1. DOLBESCHEPP: 

1 (4 

des Bogens ist mit dicker Birkenrinde beklebt. Der Bogen federt noch jetzt 
ziemlich gut. Die zwei Pfeile sind aus Ahorn, die Spitzen aus Eisen, lanzett- 
förmig mich, grob gefurcht. Die Spitzen sind in das Holz eingesteckt 
und wiederum mit ganz feinen Riemchen bewickelt. Auf dem unteren Ende 
des unversehrten Pfeils sind die Reste von Federn, die vierfach angefügt 
worden waren, deutlich zu sehen. Das untere Ende ist mit einem gefurchten 
Stückchen Holz versehen, das dieselbe Stärke mit dem Holze des Pfeils und 
eine rauhe Rinde hat, die wahrscheinlich das Ausgleiten der Finger beim 
Abschiessen verhüten soUte. Die Länge des Pfeils beträgt 17^ Werschok. 
Pfeile und Bogen sind sehr genau und künstlich gearbeitet. Leider kann 
ich nichts über die Lage des Gerippes sagen, denn mein Tschetschene sputete 
sich so sehr, dass er mir nichts genau beschreiben konnte. 

T. In Digorieii. 

Grosse Bronze aus Donifars. 

Bei meiner Durchreise von Komuntha nach Stur-Digor brachte man 
mir') eine grosse Bronze ganz eigener Art aus dem Leichenfelde in der 
Nähe des Dorfes Donifars. Das Leichenfeld ist, nach Aussage der Ein- 
geborenen, noch nicht ausgebeutet, aber man hat schon hier und da nach 
Goldgegenständen, die sich dort finden sollen, gegraben, und wenn dort über- 
haupt etwas für die Wissenschaft gethan werden soll, so ist es hohe Zeit, 
systematische Ausgrabungen zu unternehmen, — sonst hat das Leichenfeld 
bestimmt das Loos der Felder bei Komuntha u. a., wo Gold gefunden wurde, 
— es wird umwühlt und die schönen Bronzen gehen verloren. 

Eine Bronze, die der erwähnten ähnlich wäre, habe ich nirgends an- 
getroffen, auch in keiner Sammlung gesehen. Sie besteht aus einem wahr- 
scheinlich viereckigen Rahmen, denn nur drei Seiten desselben sind so weit er- 
halten, dass man auf die vierte schliessen kann. Es ist ein Gussstück, dessen 
Gebrauch und Anwendung mir völlig unbekannt ist; ich erlaube mir aber 
doch, liier die Voraussetzung zu machen, dass es vielleicht ein Stück vom 
Pferdegeschirr oder -Anspann sein dürfte. In der Mitte dieses Gussstückes, 
„ii jour", sind zwei Figuren: die untere offenbar eine Pferde-Figur, mit über- 
natürlich geschwollenem Leibe und vortretender Muskulatur, mit einem Stück 
zum Anspann um den Hals und mit geflochtenem Schweife, der auf dem 
Üahmenrande ruht. Die obere Figur ist wohl die eines Stieres, nach den 
Hörnern und dem Schwänze zu urtheilen, mit unnatürlich verbogenen Füssen, 
dessen Kopf von dem Rahmen ab und über demselben vorsteht, so dass er 
nur mit den Hörnern anliegt, mit dem Unterkiefer dagegen absteht und einen 
Ilaken bildet. Die rechte Rahmenplanke, an welche der Kopf des Rosses 
ansrhloss, ist mit einem Theil des letzteren abgebrochen; die anderen drei 
Rahmenplanken zeig«!n deutliche Spuren von Ornamentirung in Linien und ge- 

1) Ein abj^edankter Officier, KarabüGAIEPP, ein Ossete. 



Archäologische Forschungen im Bezirk des Terek (Nordkaukasus). 175 

raden Fleclitstübchen, die längs den Planken laufen. An den Ecken, welche die 
obere und untere Planke mit der linken bilden, befinden sich bedeutende 
konische Erhöhungen, wie Füsschen, inwendig hohl. Wahrscheinlich waren 
auch an den beiden anderen Ecken solche conische Füsschen oder Zapfen. 
Die untere Fläche dieser Bronze hat auf der Mitte der (von oben ge- 
sehen) linken Planke eine ziemlich starke Bronze -O^jise,* wahrscheinlich 
zum Durchziehen eines Bindfadens. Die conischen Zapfen sind, wie gesagt, 
innen hohl und scheinen mit einer sehr festen, kalkigen Masse ausgefüllt 
gewesen zu sein, die jetzt durch aufgesogene Auflösung der Brouze- 
oxydirung noch fester geworden ist. Von der oberen Rahmenplanke laufen 
drei, von der unteren vier Yerbindungsplättchen zu den Figuren, wahr- 
scheinlich, um sie zu halten, von denen drei untere Plättchen in Form eines 
auffliegenden Vogels mit Rumpf und abgebogenen Flügeln erscheinen. 

Das ist leider Alles, was ich von dieser Stelle (Donifars) bekommen 
konnte. Ich war dort im Juni 1884, als Mitglied einer Expedition zur Er- 
steigung der Schneespitzen und Gletscher, und konnte mich nicht länger als 
eine Nacht aufhalten. 

yi. Pfeilspitzen von Wladikawkas. 

In der Nähe der Stadt Wladikawkas, auf einer ansehnlichen Höhe, 
„Lyssaja Gora"^, finden sich die Ruinen eines zerfallenen, zum Theil aus ge- 
brannten Ziegeln, zum Theil aus Geröllsteinen aufgeführten Baues. Die 
Lage derselben hat sehr viel entsprechendes mit der Höhe Tatar-Tup, die ich 
in meiner ersten Mittheilung beschrieben habe, und liegt auch in derselben 
Entfernung vom linken Terekufer. Wahrscheinlich hat diese Höhe in früheren 
Zeiten, wie auch an vielen anderen Stellen in Ossetien, zu einer Opferstelle 
gedient; später mit der Einführung des Christen thums ist hier wohl ein 
Dzuär (auf Georgisch Kirche) gewesen, bei dem der heidnische Brauch, Opfer- 
gaben zu bringen, fortdauerte, wie auf Tatar-Tup und anderen Stellen noch 
heut zu Tage üblich ist. — Die Ausgrabungen gaben als Resultat einige 
Pfeilspitzen, meist lanzettförmig, klein. Nur eine einzige dreieckige fand sich 
darunter. 



VII. 

Ueber die Sambaquys in der Provinz Rio Grande 
do Sul (Brasilien). 

Von 
Prof. THEOD. BISCHOFF in Taquara do Mundo Novo. 



(Hierzu Tafel V.) 



I. 

Die nachstehende kleine Karte macht durchaus keinen Anspruch auf 
Genauigkeit, richtige Darstellung der Lagoas-Kette und Genauigkeit in An- 
gaben der Entfernungen: was allein durch dieselbe bezweckt werden sollte, 
ist, die gegenseitige Lage der Sambaquys zu bezeichnen, sowohl derjenigen, 
welche ich untersuchte, als auch solcher, die ich wohl auffand, wegen Mangel 
an Zeit aber nicht untersuchen konnte. Ich hielt es in solchen Fällen für 
genügend, dieselben anzugraben oder anzubrechen, um mich fest von der 
Existenz derselben zu überzeugen, wie z. B. bei der Sambaquy-Kette am 
Lagoa da Cerquinha, bei Cidreira, bei der Wohnung eines Gutsbesitzers am 
Lagoa da Cerquinha, auf einer Halbinsel am Lagoa da Fortaleza und bei einer 
Anzahl anderer, welche, da sie sämmtlich mehr oder weniger im Sande be- 
graben waren, viele und eben des, bei jedem Hieb mit der Hacke, empor- 
wirbelnden Sandes halber höchst widerwärtige Arbeit gemacht hätten. Es 
ist indess kein Zweifel, dass auch ausser den, von mir aufgefundenen 
Sambaquys noch eme ganze Anzahl in der , von mir untersuchten Gegend 
vorhanden ist; ich habe manchen Ritt vergebens ausgeführt, indem man mir 
Mitthcilung von mächtigen Sambaquys machte, die man noch kurz vorher 
gesehen haben wollte, wohl auch gesehen hatte, von denen aber jetzt keine 
Spur iiu'hr zu firulcn war: sie lagen mehr oder weniger tief im Sande be- 
graben, und vielleicht sind schon jetzt manche der von mir untersuchten 
Sambaquys ebenfalls verschwunden, denn der nie ruhende Wind, der fliegende 
Sand ändert eine Gegend von einem Tage zum andern. 

Die fiagoas- Kette konnte ich deshalb nicht richtig darstellen, weil 
mächtige, mit Schneidegras bestandene Sümpfe uns oft zwangen, die Ufer 
derselben zu verlassen und grosse Umwege zu machen, wobei wir die Seen 



Ueber die Sambiiqiiys in der Provinz Rio Grande do Sul. 



177 



total aus dem Gesichte verloren. Thatsache ist indess, dass die ganze Kette 
unter sich zusammenhängt, dass alle Seen ihren Abfluss in den Lagoa de 







Tramandahy und von dort ins Meer ünden. Zufluss von Quellen und 
Bächen findet kaum statt, - sie füllen sich bei andauerndem Regenwetter, 
— Trocknungen zehren an ihnen. Nach und nach werden sie von Osten 



_Q Theod. Bischoff : 

I/o 

her mit Dünensand zugeworfen, wie auch die weiter im Innern liegenden 
Ketten, welche bei früheren Hebungen der Küsten entstanden waren, grössten- 
iheils zugeworfen wurden, obgleich nicht so ganz, dass man ihre Spuren 
nicht leicht verfolgen könnte. Reichten die Dünen nicht aus, sie zu füllen, 
so entstanden Sümpfe, welche, mit Schneidegras bewachsen, zahllosen Säuge- 
thieren, Amphibien und Vögeln ein Asyl geben. Hier leben Capybaras, 
Myopotamus, Ottern, Sumpf hirsche (ich konnte feststellen, dass es von 
diesen zwei, an Grösse und Farbe verschiedene Arten giebt und brachte von 
beiden Schädel mit Geweih), zahllose Sumpf- und Wasservögel, Fische, 
aber auch Crocodile, darunter recht grosse, auch den Menschen gefährliche; 
auch soll es dort eine sehr grosse Wasserschlange (Anaconda?) geben, doch 
habe ich sie nicht angetroffen. 

Doch ist nicht aller Sand der alten Dünen in die Lagoas gegangen, er 
bedeckt den ganzen Campo bis an die Serra und, wo man angebrochenen 
Kamp findet, kann man sich leicht davon überzeugen. An manchen Stellen 
sind die Dünen nicht ganz eingeebnet worden und bilden dann ein welliges 
Terrain; tritt das Vieh hier einen Pfad in der Richtung des Windes, so ent- 
stehen bald tiefe Gräben, und nach und nach kommen solche Dünen wieder 
in Bewegung und vernichten und zerstören, was sie erreichen. In solchen 
Gräben fand ich zu wiederholten Malen eine grosse Anzahl von Topfscherben 
und Steinplittern, auch derbere Stücke; in den Wänden sassen sie vereinzelt, 
bald höher, bald tiefer — aber nirgends auch nur die geringste Spur von 
Sambaquys. So befinden sich solche, wieder von neuem fliegend gewordene, 
alte Dünen westlich von Tramandahy, mit zahllosen, 2 — 3 m tiefen Gräben, 
mit zahllosen Scherben, doch sind dort auch schon eine Anzahl von Stein- 
geräthcii und ganze Urnen gefunden worden, theils mit, theils ohne Knochen: 
drei enthielten mit den Knochen kleine, unregelmässig geformte Silberplatten 
mit je 2 Löchern; ich sah einige von letzteren. Auch das sog. Area Grande 
(grosser Sand) scheint eine wieder aufgewühlte alte Düne zu sein; fegt der 
Wind hier manchmal grössere Strecken rein, so dass der alte, härtere Meeres- 
boden zu Tage tritt, so kann man auch, nebst zahllosen Topfscherben, Stein- 
gerüthe und Urnen finden, wenn man Glück hat und sich nicht scheut, Tage 
lang knietief im Sande umher zu traben. Etwas anders ist eine Stelle auf der 
Fazenda do Cidreiro; hier hat der Wind Rasen und Dünen rein weggefegt, 
aber der Urboden ist total mit Raseneisenerz bedeckt, zwischen welchem 
Topfsclu-rben und Steinsplitter liegen. Sambaquys waren auch hier nicht, wohl 
aber fand ich mehrere Wurfkugeln, und letztere sind ein Beweis, dass hier 
iii«ht elende Muschelesser wohnten, sondern Jäger. Ich muss hier aus- 
drücklich erwähnen, dass die mit Raseneisenerz bedeckte Stelle jetzt höher 
liegt, als die gesaramte Umgebung. Auch vereinzelte Kohlen fand ich, aber 
keine Feuerstelle. 

Wieder anders, als die beiden erwähnten Stellen, ist ein Ort, genannt: 
Pento de Area - Sandspitze; auch hier sind alte Dünen wieder in Bew^egung 



Ueber die Sambaquys in der Provinz Rio Grande do Sul. 179 

gekommen, aber diese waren kaum 1 m hoch; Gräben sind nicht mehr vor- 
handen, doch linden sich noch überall Reste, bald als Kegel, bald lang- 
gestreckt, mit mehr oder weniger Gras bestanden. Zwischen diesen fand 
sich theils etwas mit Sand bedeckter, theils ganz rein gefegter Urboden, und 
auf letzterem traf ich, nebst Scherben, Spinn- und Topfsteinen, eine grössere 
Anzahl Wurfkugeln von verschiedener Form und Gröjge; einen sehr sorg- 
fiiltig gearbeiteten Spinnstein in Form einer plattgedrückten Kugel, u.nten und 
oben mit je nur einer Höhlung in der Mitte der beiden Flüchen; eine Wurf- 
kugel, welche man anfänglich rund geschliffen, dann aber mit verschiedenen 
Flächen versehen hatte, so dass sie jetzt einen Würfel mit abgerundeten 
Ecken darstellt. Spinnsteine, die Höhlung ausgenommen, unbearbeitet, lagen 
gewöhnlich mehrere — bis zu fünf — beisammen. Dasselbe fand ich, südlich 
von dem isolirten Sambaquy am Lagoa do Cerquinho, glaubte aber, dass sie 
von früheren Exploranten zusammengetragen worden seien, welche sie dann 
als werthlos liegen gelassen; hier aber, wo sie, wenigstens noch grössten- 
theils, unzweifelhaft in ihrem ursprünglichen Lager waren, konnte ich das 
nicht annehmen, — es müssen entweder mehrere Personen aus einer Hütte 
gesponnen haben, oder es vereinigte sich eine Anzahl solcher, um zu 
spinnen und zu — klatschen, wie noch heute; auf diese Weise würde 
sich auch erklären lassen, warum einige grössere Steine 2 — 5 Höhlungen 
haben. Solche, fast unbearbeitete Spinnsteine sind verhältnissmässig sehr 
häufig, ich fand deren mindestens 100, und sind die in den Sambaquys 
angetroffenen denen aus den alten Dünen, jenen oben beschriebenen aus- 
genommen, ähnlich, indem sie sämmtlich, bis auf die Höhlung, keine Spur 
von Bearbeitung an sich tragen, weshalb ich sie denn auch, bis auf einige, 
liegen liess, wo sie lagen; sie sind den Transport nicht werth. Sambaquys 
fanden sich auch hier nicht. 

Es Hesse sich an solchen Stellen noch Vieles finden, wenn mau Zeit, 
Geduld und Reitthiere zur Verfügung hat und sich nicht scheut, meilenweit 
in losem Flugsand umherzutraben, oft genug ohne Erfolg, wenn man trotz 
zahlloser Täuschungen den Muth nicht verliert, — Täuschungen, giössten- 
theils verursacht durch — „fossilen" Kuhmist, welcher, vielleicht schon 
100 Mal unter Sand begraben, vollkommen ausgetrocknet, vom Winde gerollt, 
Form und Farbe der Wurfkugeln hat. Sieht man einen solchen Ballen von 
Weitem liegen, eilt man freudig darauf zu und findet dann, anstatt einer 
Kugel von Stein, eine solche von Mist, so wird man, trotzdem sie „fossil" 
ist, keineswegs angenehm überrascht; man wirft sie ärgerUch weg, um — 
wenige Minuten später abermals hineinzufallen. Wenn man endlich sich 
nicht darum kümmert, ob man Augen, Nase, Ohren, selbst Rock- und Hosen- 
taschen voll Sand hat oder nicht, — derartiges mag ja zu den Leiden und 
Freuden eines Forschers gehören, mir waren solche Zugaben höchst un- 
erwünscht und belästigend. Bei nasser, regnerischer Witterung fallen sie 



^orx Theod. Bischofp 

freilich we«?, dann wei-deu aber auch keine Stellen von Neuem entblösst, 
mithin wenig oder nichts gefunden. 

Auf der Fasseuda des Hrn. Peixote, ca. 4—5 Meilen vom Meere ent- 
fernt, befinden sich ebenfalls sehr alte Sambaquys, doch konnte ich sie nicht 
untersuchen, da sie mitten in der Plantage lagen und bepflanzt waren. Auf 
eiuem jedoch hatte der Besitzer einen Schafpferch angelegt; die Schafe 
hatten im Laufe der Jahre die Muscheln so ziemlich pulverisirt, doch fand 
ich zwischen den Zauuplahlen nicht nur noch unversehrte Schlösser der 
Marisca, sondern auch Topfscherben, so dass die Existenz von Sambaquys 
in solchen Entfernungen vom Meere ausser Zweifel steht. Oestlich von den 
Gebüulichkeiten, Pferchen und Plantagen, welche auf einer leichten Schwellung, 
— wohl einer alten, eingeebneten Düne, — liegen, befindet sich ein grosser, 
mit Sclmeidegras bestandener Sumpf, nördlich eine Anzahl kleiner Seen, — 
Ueberbleibsel des in früherer Zeit bis hierher reichenden Meeres. 

Es mag hier noch erwähnt werden, dass ich im vorigen Jahre in den 
Wänden eines Hohlweges, mitten in der Villa Conceipaö do Arroio, fossile 
Mariscas entdeckte, welche genau dieselbe Stellung hatten, wie man sie 
noch heute an der Küste findet, und, ebenso wie liier, trifft man auch 
dort junge (kleinere) und ausgewachsene durcheinander, grösstentheils noch 
ganz, die Klappen geschlossen; eine Verwechselung mit Sambaquys ist 
mithin ausgeschlossen. Ich schätzte die Lage des Hohlweges damals auf 
50 Fuss über Meereshöhe, — welche Schätzung indess nicht massgebend sein 
kann und sein soll, — und später erfuhr ich von einem ehemaligen Bewohner 
von dort, dass nördlich von Concei9aö do Arroio noch mehrere, weit höhere 
Hügel liegen, welche ebenfalls ganz ähnlich gelagerte fossile Marisca-Lager 
inigen. Sie geben einen Massstab, um wie viel die Küste und wahrscheinlich 
auch die Serra geral im Laufe der Zeiten sich gehoben hat. Aber in welchen 
Zeiträumen? — diese Frage muss für's Erste unbeantwortet bleiben, vielleicht, 
dass spätere Entdeckungen und Beobachtungen einiges Licht darüber ver- 
breiten; es würde dann auch das Alter der Sambaquys mehr oder weniger 
bestimmt werden können. 

II. 

Eh mag auffallend erscheinen, dass die Sambaquys, im Verhältniss zu 
den europuiftcheu, nicht dicker sind; das dickste, von 40 cm Höhe, fand ich 
im Capao das Cabras, doch erklärt sich dies leicht aus der Natur der 
Marihcu-Schalen, welche überall in der, von mir durchforschten Gegend die 
liuuptmasse der Sambaquys bilden. Diese Muscheln sind nicht nur an sich 
sehr dünn und zart, sondern auch so zerbrechlich, dass ein massiger Druck der 
Finger tsie zerstört; andererseits brechen sie so lange, als, die Einzeltheile noch 
eine Krümmung zeigen, sowohl durch ihr Eigengewicht, als auch durch die auf 
ihnen ruhenden Lasten; mithin können sie mit der derberen Auster, welche den 
lluupibestundtlK-i! der dänischiiu K jökkenmöddinge ausmacht, nicht in Ver- 



Ueber die Sauibai|iiys in der Provinz Rio (irande do Sul. 181 

gleich gezogen werden, deren Schalen wohl grcisstentheils ganz geblieben 
sind, jede einzelne mithin ebenso viel und mehr Kaum einnimmt, als 
20 — 30 solcher von Mariscas. Die anderen, derberen Meermuscheln und 
Gehäuse finden sich immer nur vereinzelt, nie so zahlreich, dass sie Nennens- 
werthes zur Mächtigkeit iler Sambaquy-Schichten beitragen könnten. Weiter 
im Norden der Provinz, bei Torres, wo die Küste felsi^.wircl, giebt es nur 
aus Austernschalen gebildete Sambacjuys, welche den europäisolien an 
Mächtigkeit nicht nachstehen sollen, doch hat sich die Industrie derselben 
bemächtigt, es wird Kalk davon gebrannt, und bald wird man auch von 
diesen sagen können: sie sind gewesen! Ich kam leider nicht dorthin; Zeit 
und Umstände erlaubten es nicht; was aber wird in wenigen Jahren noch 
übrig sein von dem Allen? Dort werden sie vernichtet von Menschenhänden, 
hier von den Elementen, welche, wenn auch kaum bemerkbar, unaufhörlich an 
ihrer Auflösung arbeiten. In Taf. V. Fig. 9 habe ich versucht, eine solche 
theilweise Zerstörung eines Gliedes der Sambaquy-Kette am Lagoa da Forta- 
leza bildlich darzustellen. Auf der hnken Seite des Bildes führt ein, vom 
weidenden Vieh durch Düne und Sambaquy getretener Pfad bis in das, 
hinter demselben liegende Wäldchen; die linke Wand, welche den Pfad be- 
grenzt, erhebt sich steil, an einzelnen Stellen ist das Sambaquy bereits 
vom Winde unterniinirt und wird stückweise herunterbrechen, rechts des 
Pfades ist bereits der obere Theil der Düne sammt dem Sambaquy ver- 
schwunden; nur unmittelbar am Rande der zur See gekehrten Böschung ist, 
eigenthümlich genug, ein fast viereckiger Pfeiler, von ca. 2 m Durchmesser, 
stehen geblieben, auf welchem ein Rest des Sambaquy aufgelagert ist und 
frei zu Tage tritt; weiter aufwärts, ca. 6 m, hat eine starke Baumwurzel 
der weiteren Verwüstung Einhalt gethan, indem sie den herabrieselnden 
Sand aufhielt und so eine Unterminirung des Sambaquy durch den Wind 
unmöglich machte. Ganz rechts, auf dem Bilde nicht sichtbar, ist die Zer- 
störung viel weiter aufwärts gegangen, so dass nur noch die Ausläufer des 
Sambaquy vorhanden sind. Am Westende der Kette dagegen befindet sich 
ein 6 — 8 m breiter Graben, hüben wie drüben in den Böschungen sind noch 
Spuren von Sambaquys vorhanden, im Graben selbst ist Alles rein hinweg- 
gefegt, nicht nur Dünen und Sambaquys, auch die Bäume des Waldes, denen 
der Wind nach und nach die Erde nahm, sind verschwunden. Einige stehen 
noch, aber wie auf Stelzen, auf ihren Wurzeln; der Stamm, hoch oben frei 
in der Luft hin und her schwankend, wird stürzen, sobald der Wind noch 
etwas mehr Sand entführt Jiat; der Graben wird breiter und der Baum, der 
heute noch festgewurzelt dem Sturme trotzt, wird von leichten Winden dem 
Untergange entgegengeführt, wie auch sein Nachbar — und mit ihm ein 
Stück unserer Urzeit. An dem, von mir in Fig. 9 dargestellten Orte wird 
sich genau dasselbe ereignen; noch hält die quer vorliegende Wurzel das 
Verderben auf, aber sie ist schon dürr, der Stamm gebrochen, lange kann 
sie nicht mehr schützen. 



182 



ThEOD. BiSCHOPP: 



Das seltene Vorkommen von Knochen der Säugethiere mag theilweise 
seinen Grund darin haben, dass die Wilden ihre Nahrung mehr dem Meere 
entnahmen, als dem Lande, dass sie nicht Jäger waren, wenn sie auch ge- 
legentlich jagten und VVildpret durchaus nicht verschmähten, wie die Ueber- 
reste von Didelphys, Cervus campestris, Capibara u. 8. w. beweisen. Da- 
gegen fand ich nie Reste von Schildkröten, welche doch zur Laichzeit leicht 
zu erlangen sind, und ebenso wenig von gi-ossen Taschenkrebsen, bras. 
Ciri, welche, jetzt wenigstens, sehr leicht und ohne Mühe zu fangen sind, 
auch von den Bewohnern gegessen werden. Im Brackwasser des Lagoa de 
Tramandahy, auch im Rio sind sie sehr häufig, dagegen habe ich im Meere 
selbst keine angetroffen. Auch Reste des Cervus paludosus fand ich nicht; 
es mag den armseligen Wilden an Mitteln gefehlt haben, dieses scheue und 
flüchtige, stets in Sümpfen lebende Thier zu erlegen, was ja auch jetzt nur 
gelingt, wenn man ganz vorzügliche Hunde zur Verfügung hat. Von Lutra 
traf ich keine erkennbaren Reste, ebenso wenig von Myopotamus, so häufig 
diese Thiere jetzt auch dort vorkommen. Tatu und Tucutuco fehlen gleich- 
falls. Vorzüglich letztere sind jetzt in jenen Gegenden eine wahre Land- 
plage, indem sie auf weite Strecken den Boden unterhöhlen und dem un- 
vorsichtigen Reiter zu Purzelbäumen verhelfen. — Andern theils mag das ver- 
hältnissmässig seltene Vorkommen von Thierknochen darin seinen Grund 
haben, dass wilde Thiere, Füchse z. B. und die verschiedenen Arten Aas- 
geier, sie wegschleppten. Aasgeier sah ich in Tramandahy urgemüthlich 
zwischen den Fischern umherspazieren; trat oder warf man nach ihnen, so 
machten sie höchstens einen Seitensprung, oder flogen 3 — 4w weit; sie 
werden damals ebenso keck gewesen sein, wie heute. Die Frechheit der 
Füchse ist weltbekannt, und was ich selbst mit diesen Bestien im Capaö 
dos Cabras erlebte, bewies mir, dass man ihnen nie und nirgend zu viel 
gethan hat. Sie kamen bis unmittelbar an unser Lager, so dass wir vier 
erlegen konnten, ohne dass wir nöthig gehabt hätten, uns zu erheben. Sie 
schleppen alles weg, was sie erreichen können, selbst Stiefel mit sammt den 
Sporen, zernagen und zerkauen das Leder, fressen Riemen und Lassos. In 
unserem Falle hatten wir ihnen einen Feiertagsschmaus verschafft, indem wir 
kurz vor Nacht ein Crocodilnest mit 38 Eiern ausgehoben und diese, welche 
so gross sind, wie Gänseeier, nahe unserem Lager weggeworfen hatten. Am 
anderen Morgen fanden wir nur noch die Schalen, die Füchse hatten sie 
ausgeleert; wie aber der, die ganze Nacht währende heillose Spektakel be- 
wies, war es ohne Zank und Streit nicht abgegangen. Ebenso frech, ebenso 
keck werden sie auch zur Zeit der Muschelesser gewesen sein, und es war ge- 
wiss ein seltener Zufall, wenn ihnen ein Knochen entging. Die Spärlichkeit der 
Ueberrestc kaim demnach nicht als unumstösslicher Beweis gelten, dass die 
Samhaquy -Wilden nicht auch Jäger waren, freilich nicht in dem Maasse, 
wie die NNilden, welche später dort hausten und ausschliesslich von der 
Jagd gelobt haben müssen, da man nie Sambaquys und Wurfkugeln (Bolas) 



Ueber die Sambaquys in der l'rovinz Rio Grande do Sul. 183 

zusammentrifft. Dass jene Muschelesser im Laufe der Zeiten sich zu Jägern 
umgewandelt haben, scheint mir deshalb unwahrscheinlich, weil man die Bolas 
auch manchmal oben auf der, die Sambaijuys überlagernden, 1 — 2 m hohen 
Decke findet, — doch wohl ein Beweis, dass letztere später dort lebten, als 
jene. Die Jäger wohnten noch dort in der Neuzeit, also vor vielleicht 200 bis 
300 Jahren, denn es werden noch jetzt Bolas frei auf d^ir Campos gefunden, 
wenn sie gebrannt und so von Gras entbh'isst werden. Ich freilich durfte nicht 
wagen, einen Campo anzuzünden, denn die Trocknung war während meines 
Dortseins zu gross; das Feuer konnte weiter gehen, als mir lieb war. Ist der 
Campo gebrannt, haben Wind oder Regen die Asche beseitigt, so liegen 
die Kugeln entweder ganz frei oder doch nur wenig im Boden steckend 
auf der Erde, vereinzelt, nie mit Scherben oder sonstigen Geräthen zu- 
sammen: sie müssen mithin auf der Jagd verloren gegangen sein. Wo da- 
gegen diese Jäger gewohnt haben müssen, trifft man nicht nur Bolas, sondern 
auch Spinn- und Topfsteine, Steinsplitter und Scherben; auch Aexte und 
Messer sind gefunden worden, — leider nicht von mir, — wie z. B. in Ponte 
de Area, Area grande und anderen Stellen, aber keine Sambaquys. Freilich 
fand ich auch keine Knochen und nur an einer Stelle Kohlen. 

Es kann natürlich nur Muthmaassungen darüber geben, wie die Wurf- 
kugeln, welche den Bugres jedenfalls viel Mühe und Arbeit verursachten, 
verloren gehen konnten, doch können wir einige Aufklärung hierüber er- 
langen, wenn wir Form und Handhabung der, jetzt bei unseren Gampeiros 
und Gauchos üblichen Bolas in Betracht ziehen. Diese führen gewöhnlich 
3 Kugeln von verschiedener Grösse, welche mit Haut überzogen und, ver- 
mittelst 1,5 — 2 m langer Riemen, durch einen Knoten vereinigt sind. 
Der Bolador nimmt die kleinere Kugel in die Hand, greift die Riemen der 
andern beiden kurz, lässt solche aber nach und nach, die Kugeln um 
seinen Kopf schwingend, ausschiessen, und sobald sie den nöthigen Schwung 
haben, schleudert er sie nach den Beinen des Thieres, welches er fangen 
will. Die Bolas, um sich selbst wirbelnd, umschlingen die Beine des zu 
fangenden Thieres und bringen es zu jäbera Sturz. Es folgt aus dieser 
Methode, dass nur selten Kugeln verloren gehen: wird das Thier getroffen, 
so hängen sie an den Beinen desselben; geht der Wurf fehl, so fliegen sie 
gerade aus und können ohne Mühe aufgefunden werden. Daher glaube ich 
schliessen zu dürfen, dass unsere Wilden, welche überall, wo sie wohnten, 
zahbeiche Wurf kugeln verloren, andere Methoden Ln Anwendung brachten, 
dass sie entweder mit einzelnen Kugeln, in Form einer Schleuder, warfen 
oder aber, wie eine Tradition sagt, 10 — 12 derselben an 0,5 m langen 
Schnüren vereinigten, und endlich, was noch wahrscheinlicher, dass sie beide 
Methoden anwandten, erstere für kleineres Wild und Vögel, letztere für 
grössere Thiere: Cerv. camp., Capibara, Strauss u. s. w., welche nicht so leicht 
durch einen geschleuderten Stein betäubt oder getödtet werden konnten. 
Bei beiden Methoden gingen aber leicht Kugeln verloren; bei vielen Kugeln 



,Qt Theod. Bischoff: 

konnte eine die andere beim Widerprall wegschleudern; gingen einzelne 
Kugeln fehl, so war es schwer, sie im Grase aufzufinden; trafen sie, so 
konnten sie' nach links oder rechts abspringen und waren dann ebenfalls 
zum grössten Theile verloren. Es erklärt sich sO auf die einfachste Weise 
dixs verhältnissmäs.ig häufige Vorkommen zerstreut umherliegender Wurf- 
kugeln, theils unter, theils auf Dünen und Campo. Auch hier im Urwalde, 
im Gebirge habe ich einzelne, dem Anschein nach sehr alte Wurf kugeln ge- 
lunden, doch sehr selten. Der Wald, mit seinem dichten Unterholz, erlaubte 
die Anwendung einer solchen Waffe nur in Ausnahmefällen, hier waren 
Pfeil und Bogen am Platze, und überhaupt deuten andere Geräthe, z.B. 
durchboiirte, runde Streitäxte, die weder in den Sambaquys, noch sonst wo 
an der Küste gefunden werden, darauf hin, dass hier im gebirgigen Urwalde 
ganz andere Stämme hausten, welche weder mit den Sambaquys-, noch 
mit den Campos-Bugres identisch waren. 

ni. 

Aber auch die Befestigung der Schnüre war eine andere als die bei 
unseren heutigen Campeiros. Die Kugeln wurden nicht mit Haut um- 
schlossen, sondern waren mit einer eingeschlifienen Hohlkehle zur Aufnahaie 
der Schnur versehen. Fast alle haben die Form eines kurzen, etwas platt- 
gedrückten Eies; über die breiteren, aber immer noch convexen Theile, 
sowie über den stets gut gerundeten Kopf läuft die Rille, welche sich am 
spitzen Ende nicht immer vereinigt. Andere sind mehr breit als lang, noch 
andere fast rund. 

Die Verschiedenheit der Lebensweise, der Geräthe uud Waffen, wenigstens 
in der Form, legen klar dar, dass Sambaquy-, Campo- und Wald-ßugres 
drei verschiedenen Völkerschaften angehörten, von denen die Sainbaquy- 
Bugres auf der untersten Stufe standen, unsere W^ald-Bugres aber auch die 
(.'arnpos-Bugres an Intelligenz weit übertrafen; dies beweisen die durch- 
bohrten Streitäxte, die gut geaibeiteten, oft zierlich bemalten Scherben und 
Graburnen der Neuzeit, auch Kochtöpfe fand ich, welche auf der oberen 
Seite bemalt waren. Es beweisen dies ferner die oft zierlich gearbeiteten 
Pfeifen, aus denen sie einen giftigen, wenigstens stark betäubenden Stoff 
(Blätter, oder wie die Tradition will: den präparirten Bast eines Baumes) 
g«*raucbt haben müssen, denn die Höhlung des Kopfes fasst kaum das erste 
Glied eines kleinen Fingers. Bei Concei9a6 soll eine Pfeife gefunden worden 
Kein, doeli liegt hier die Serra mit ihrem Urwalde so nahe, dass es mindestens 
zweifelhaft bleil)t, ob sie von Campo-Bugres herrührt. Ferner hatten unsere 
Wald-Bugres IMantagen; sie pflanzten Mais, Mandiocca, eine Kürbisart und 
vicilricht noch anderes, auch eine wildwachsende Art des spanischen Pfeffers 
wurde tultivirt und als Gewürz verwandt. Die Campos-Bugres haben wohl 
nie Plantagen gehabt; der magere, unfruchtbare Sandboden, dem auch heute 
nur eine leidliche Ernte bei starker Düngung abzugewinnen ist, ermunterte 



Ueber die Samha(|uys in der Provinz Rio Grande do Sul. 185 

nicht dazu; die Erfindung und der Gebrauch der Wurfkugeln hebt sie aber 
hoch über die Äluschelesser, welche auf ihren Dünen, am Meeresstrande, oder 
mitten in den Sümpfen noch weniger an Plantagen dachten, als jene. 

Schon zu wiederholten Malen war von Spinnsteinen die Rede, und 
Mancher mag gefragt haben: wozu Spinnsteine? was spannen die Wilden, 
die doch weder Baumwolle, noch Hanf und Flachs hattenH. Das Alles hatten 
sie nun wohl nicht, auch keine Wolle und Seide, aber in einer Bromelienart, 
der Gravatä do Mato, und in der, auf dürrem Sandboden gedeihenden 
Pitta- Pflanze besassen sie ein ausgezeichnetes Spinnmaterial, welches, vor- 
züglich ersteres, dem Hanfe an Biegsamkeit nicht nachsteht, ihn an Dauer- 
haftigkeit aber weit übertrifift. Die Gravata wächst in den Wäldern am 
Fusse der Serra Geral noch heute in grosser Menge und wird auch jetzt 
noch von den Fischern zu Angelschnüren, Netzen u. s. w. verarbeitet. Um 
die Fasern zu gewinnen, wird die Pflanze aus der Erde genommen und ins 
Wasser gelegt, bis die äussere fleischige Bedeckung der Blätter gefault und 
die Randdornen abgefallen sind. Unter dem fleischigen Theile liegen jederseits 
bastartige, sehr feine Häutchen, welche die Fasern umschliessen. Ich sah 
jene zu Kopfkissen und Strohsäcken verwendet; sie werden, sobald sie 
trocken sind, auseinander genommen und man entnimmt ihnen die Fasern, 
welche ohne jede weitere Bearbeitung versponnen werden. Möglich, dass, wenn 
später der Kampf ums Dasein die dortigen Bewohner aus ihrem süsseL 
Nichtsthun aufstachelt, viele einen Erwerb in Herstellung dieses ausgezeich- 
neten Spinnstoffes finden werden. Wer hingegen grössere Mengen der Pitta- 
Faser haben will, muss sie cultiviren, obgleich sie auch wild vorkommt. 
Sie gehört wahrscheinlich zu den aloeartigen Gewächsen oder Agaven: die 
Blätter werden 2 m und mehr lang, sind nicht sehr fleischig, ohne Dornen, 
von hellgrüner Farbe. Die Form der ganzen Pflanze erinnert an Ananas, 
doch ist sie viel grösser. Ein Blatt, welches ich mass, hatte bei 1,5 m 
Länge in der Mitte 0,22, an der Basis 0,10 m Breite; es w^ar nur an der Basis 
0,04, sonst aber etwa 0,01 m dick. Die Pflanze treibt einen starken, 5 — 6 m 
hohen Blüthenstengel, welcher sich nach und nach von unteu bis oben mit 
kleinen weissen Blüthen bedeckt, deren jede eine Frucht hinterlässt und ihrer- 
seits von kleinen, sonst aber den Pitta-Blättern ähnlichen Blättchen umgeben 
ist. Dieses Gewächs wird gepflanzt. Um die Faser zu gewinnen, werden die 
Blätter ins Wasser gelegt, bis alle fleischigen Theile gefault sind; die Fasern 
werden dann gut ausgewaschen und sind zum Spinnen fertig. Sie sind 
weit rauher, als die der Gravata, aber ebenso dauerhaft und dabei so leicht, 
dass aus denselben verfertigte Taue auf dem Wasser schwimmen, daher sie 
auch nicht zu Netzen und Fischschnüren gebraucht werden können. Ob auch 
die Pitta schon zur Zeit der Bugres an der Küste einheimisch war, mag 
fraglich sein; die einzelnen, auf dem Campo wachsenden Stöcke können von 
cultivirten Pflanzen abstammen. Die Gravata dagegen wird vor Tausenden 
von Jahren ebenso häufig gewesen sein, wie jetzt, und war den Sambaquy- 

Zeitschrift für Ethnologie. Jahrg. 18S7. 14 



<n-> Theod. Bischoff: 

Bugres ebenso bekannt, als dcuen der Cauipos, von welchen die europäischen 
Einwanderer die Pflanze und ihre Behandlung kennen lernten. Die Wilden 
werden aus jenen Spinnstoflen nicht nur Schnüre zum Fischen und Schleu- 
dern gefertigt haben, sondern wahrscheinlich auch Kleidungsstücke, z. B. 
Sehamschörzen, welche wenigstens die Frauen ebensowohl getragen haben 
dürften, als die Wilden des Urwaldes, nur dass letztere sie nicht aus ge- 
webtem Zeug, sondern aus dem Bast eines Waldbaumes, der Embira a^u, 
herstellten. Diejenigen, welche ich sah, waren etwa 22 — 25 cm breit; dem 
Vordertheile hatte man nur die rauhe Rinde genommen und ihn dann mit 
schwarzer und rother Farbe bemalt; beide Enden dagegen waren durch 
Klopfen und Reiben weich gemacht, so dass man sie binden konnte. Spinn- 
steme habe ich im Urwalde nie angetroffen, obgleich die Steine, welche ich 
hier auffand, nach Hunderten zählen; damit ist indess nicht gesagt, dass die 
l.eute nicht ebenfalls gesponnen und sogar gew^ebt hätten. In den baumartigen 
Brennnesseln, Ortigaö, deren Stämme auf geeignetem Boden 30 — 40 cm 
Durchmesser erreichen, hatten sie einen leicht zu gewinnenden Faserstoff, 
ebenso in den Blättern der Stachelpalme, Tucum, deren Faser aber auch zu 
Bogensehnen benutzt wurde, da es wohl kaum einen Stoff giebt, der stärker 
und dauerhafter wäre, als dieser, denn, in Zwirndicke zusammengedreht, zer- 
reisst ihn Niemand. Um diese Faser zu gewinnen, werden die Blätter 
einzeln einmal geknickt, so dass die fleischigen Theile brechen, man schiebt 
die beiden Hälften an einander vorbei, wodurch die Faser freigelegt wird; 
dann knickt man das Blatt zur anderen Seite, wiederholt das Vorbeischieben, 
bis alle fleischigen Theile entfernt sind; sie kann gleich gebraucht werden. 

Ueber die Begräbniss- Methoden der 
Sambaquy- Bugres habe ich schon weiter 
oben gesprochen; die viel später auftretenden 
Campos- Bugres setzten, wenigstens zum 
Theil, ihre Todten in Urnen bei und fügten 

Schmuckgegenstände, falls solche vorhanden, 
Kit?. 2. Fig. 3. Fig. 4. j r • u i- • t> i- , , 

der Leiche bei, z. B. die oben erwähnten 

Silborplatten. Ich sah eine Platte aus Kupfer, fast herzförmig (Fig. 2), mit 
zwei Löehern, auch aus Knochen gefertigten Zierrath, auf Kupferdraht ge- 
reiht, in obenstehender Form und Grösse (Fig. 3 u. 4). Solche wurden ge- 
funden sowohl im Area Grande bei Concei9aö, als auch in Sta. Christina, 
zwischen hier und dem eigentlichen Campo; möglich, dass Sta. Christina 
damals auch Campo war. 

Gewöhnlich sind die Urnen so gross, dass sämmtliche Knochen des Ver- 
storbenen hineingingen, bei Conceipaö fand man aber drei kleine, flache 
Urnen mit je einem Theil derselben. Gewöhnlich sind die Urnen roh gear- 
beitet, die Aussenseite roh verziert, indem man mit den Fingernägeln, wohl 
auch mit kleinen, platten Steinen ringsum Eindrücke machte. Die Wilden 
stellten diese Gefässe her, indem sie den Thon zuerst in Schnüre formten 



o 



Ueber die Sambaquys in der Provinz Rin Grande do Sul. 187 

und diese nufeinauuer legten. Geeiguete ovale iSteiue dieuleii. um die Tüple 
innen zu glätten; ausserhalb suchte man die Fugen und Fingereindrücke da- 
durch zu verdecken, dass man mit dem Nagel Zierrathe anbrachte. An 
vielen Töpfen und Scherben kann man deutlich beobachten, dass sie nicht — 
so zu sagen — aus einem Stück geformt sind. Nachdem der Boden fertig, 
machte man Hinge von Handbreite, deren Untorrand jiher 'den Rand des 
Bodens geschoben wurde, ungefähr wie der Deckel über eine Schachtel. 
Solcher Ringe wurden mehrere übereinander gesetzt, bis die gewünschte 
Grösse erreicht war. Zuweilen sind diese Aufsätze eingeschnürt, so dass 
man sie ganz deutlich erkennen kann (Fig. 5), gew(>linlicher aber bemerkt 
man nur auf der Aussenseite die hervorragende verdickte Fuge. Ich denke 
mir, dass die Verfertiger die unteren Theile immer erst etwas antrocknen 
liessen, um das Zusammenbrechen ihres Fabrikates durch Eigengewicht zu 
verhindern. Neuere Töpferarbeiten sind gewöhnlich aussen so glatt, 
als innen, und wenn sie auch Eindrücke zeigen, so erkennt mau 
doch leicht an der Zierlichkeit derselben, der sauberen, regel- 
mässigen Stellung, der Dünnheit der Gefässwände, dass die Wilden 
bedeutende Fortschritte in diesem Gewerbe gemacht haben. Oft ^''S- 5. 
haben die glatten Gefässe einen weissen Ueberzug, der entweder mit ein- 
fachen, ringsum laufenden rothen Ringen versehen ist, oder sie haben 
ringsum rothe geometrische Figuren: Spiralen, Quadrate, Rauten u. s. w. 
Nie sah ich andere Figuren, etwa Blumen, Thiere oder dergl. mehr. Die 
Töpfe wurden gebrannt, indem man sie in glühende Kohlen begrub; die Ab- 
kömmlinge der Wilden in Nonahay verfahren noch jetzt so. 

Nie habe ich Urnen gesehen, welche gross genug gewesen wären, um 
einen ganzen Menschen zu fassen, und ebenso wenig sah ich solche, deren 
Oeffnung gross genug gewesen wäre, um einen Menschen unzertheilt hinein- 
stecken zu können. Wenn man mithin nicht annehmen will, dass die Ueber- 
lebenden das Fleisch verzehrten und dann die Knochen beisetzten, — ein 
Verfahren, welches mir sehr unwahrscheinlich ist, — so müssen sie andere 
Methoden gehabt haben, um das Fleisch zu entfeinon. Dass sie es von den 
Knochen herunterschnitten, dem widerspricht die Pietät, mit welcher sie 
dieselben zu bewahren und zu schützen suchten; ich glaube vielmehr, dass 
sie die Leiche eine bestimmte Zeit in die Erde legten, bis das Fleisch ver- 
west, das Skelet zerfallen war, wenigstens fand ich in den fünfziger Jahren 
hier im Ürwalde einen solchen Begräbnissplatz; die Knochen waren schon 
ganz mürbe. Man hatte die Leiche auf den Boden gelegt imd dann Erde 
darüber gehäuft, und eben diese Anhäufung verrieth sie. 



IV 



,gn ThEOD. BiSCHOPP: 

1. IJaniiuiueiia am westlichen Ufer des Lagoa das Cabras 
mit Resten von Sambaquys. 

(Tafel V. Figur 1.) 
Der 4—5 Quadrat- Meilen grosse See hat nicht nur am östlichen Ufer 
Sambaquys (im sog. Capao das Cabras = Ziegenhain), sondern auch an seinem 
westlichen, und müsssen letztere — den wenigen vorhandenen Spuren und 
Resten zufolge — sehr bedeutend gewesen sein. Die Reste, noch in ihrer 
ursprünglichen Lage, fast ausnahmslos dünn geschichtet, sind zur Seeseite 
dicker, verlieren sich jedoch schon, keilförmig auslaufend, nachdem man 

20 AO cm gegraben hat. Sie liegen nicht auf alten Dünen, auch nicht auf 

vom Meere abgelagertem Sand, sondern auf einer, aus Thon, Mergel und 
Sand gebildeten Meeresablagerung, wie ich dies sonst nirgends antraf. Man 
darf also wohl annehmen, dass sich an dieser Stelle die Küste höher ge- 
hoben habe, als an anderen, mithin den Wilden eine bequeme, sandfreie 
Wohnstätte bot. Jetzt sind die Reste der Sambaquys freilich mit Flugsand 
bedeckt, welcher eine leichte Grasnarbe und hin und wieder niederes Ge- 
strüpp trägt. Die Reste der Sambaquys sind, wie gesagt, sehr gering und 
dürften in wenigen Jahren ganz verschwunden sein ; um so mehr zeugen die, 
im See liegenden Spuren von der ehemaligen Breite derselben, bestehend in 
Steinen, Steinsplittern und Topfscherben; auch Meermuscheln fanden sich, 
jedoch selten. Leider konnten wir den Seeboden nur da untersuchen, wo 
das zurückfliessende Unterwasser den Sand weggerissen und mitgenommen 
hatte. Solche Stellen verfolgte ich bis zu SO m zum See hinein, bis er zu 
tief wurde, um auf dem Grunde etwas erkennen zu können, und fand überall 
Steine, Splitter und Scherben, welche an einzelnen Stellen den Urboden, 
mergeligen Sand, förmlich bedeckten. Bruchstücke von Steingeräthen, Aexten, 
Schleifsteinen u. s. w. fand ich mehrere, auch Spinnsteine, aber kein einziges, 
welches noch brauchbar gewesen wäre, — Alles war zerbrochen und zer- 
schlagen. Knochen fand ich keine, weder von Menschen noch Thieren. 
Das Ufer steigt, soweit Reste von Sambaquys vorhanden, überall steil und 
unmittelbar aus dem See auf, daher der Name dieser Stelle — Baranqueira — 
und zwar, mit dem jetzt überlagernden Sande, bis zu 5 m. Die Sambaquys 
liegen nur 3—4 7n hoch, liier hat sich mithin nicht, wie z. B. am süd- 
lichen Ufer des Lagoa da Fortaleza, eine Sandbank vorgelagert, da die, 
durch die fast beständig wehenden Nordwinde hervorgebrachte Strömung 
die unterwaschenen und herabstürzenden Ufertheile mitnimmt, anstatt sie, 
wie dort, mit Sand zu bedecken und zu festigen. Das steile Ufer ist 
mehrfach durch schmale Einschnitte zerschnitten, Wege, welche das, auf dem 
benachbarten ('am|)o weidende Vieh, wohl auch Wild, Capibaras, Crocodile, 
Ottern u. s. w. im Laufe der Jahre ausgetreten haben; sie gehen jedoch nicht 
alle bis auf den Wasserspiegel herab, da die unteren Theile von den Wogen 
weggewaschen .sind. Da hier der Boden durch Mergel und Thon mehr ge- 



Uel)or (lio Sambaqnys in <ier Provinz liio Gramio (In Stil. 189 

l)unclen ist, so können die Winde hier solche Wege nicht verbreitern, wie 
dies am südlichen Ufer dos Lagoa da Fortalc/a geschieht, wo auch die, unter 
den Saiiihaquys lagernden Schichten nui- aus Flugsand- Dünen bestehen und 
sich daher beständig verbreitern. Die Sambaquys düif'ten hier eine Länge 
von 500 — 600 m gehabt haben. 



2. Sainhiuiujs am südlichen Ufer des Lagoa da Fortaleza. 

(Tafel V. Figur 2-3.) 
Die Unterschiede zwischen diesen und jenen am Lagoa das Cabras habe 
ich schon im Vorigen angedeutet. Sie bestehen hauptsächlich darin, dass diese 
noch nicht so vollständig, wie jene, von Wind und Wogen zerstört sind; dass 
sie auf Sand — Dünen — liegen und auch von Sand überlagert sind; dass 
zwischen ihnen und dem Lagoa eine gewöhnlich trocken liegende und als 
Fahrstrasse benutzte Sandbank liegt, welche, wenn Hochwasser und Stürme 
herrschen, den Wellenschlag bricht und so die Sambaquys tragenden Dünen 
einigermaassen schützt; dass endlich am östlichen Ende der Sambaquy-Kette 
ein sehr altes und mächtiges Sambaquy liegt, welches weit älter sein muss, 
als die, dasselbe theil weise überlagernden, daneben liegenden, neueren. Die 
neuen Sambaquys werden vom Lagoa da Fortaleza begrenzt und sind mit Dornen 
und Gestrüpp überwuchert, so dass nur die, dem See zugewendete Seite frei, 
wenigstens an den meisten Stellen, zu Tage tritt. Hinter dem Gestrüpp, 
also da, wo höchst wahrscheinHch die Wilden ihren Wohnsitz hatten, er- 
hebt sich etwas höherer Wald, in welchem einige Figueiros (Ficus-Art) am 
mächtigsten hervortreten; alles übrige ist mehr oder weniger verkrüppeltes 
Zeug, — wohl eine Folge der heftigen Nordwinde und des mageren Bodens. 
Das alte Sambaquy grenzt nur mit seinem nördlichen Ende an den Lagoa; 
die Hauptfront, etwa 500 — 600 m lang, zieht von Nord nach Süd und bildet 
mit der Front der neuen Sambaquys-Kette einen rechten Winkel; es ist 
östlich von einem tiefen, mit Schneidegras (Tiririca) bedecktem Sumpfe be- 
grenzt, zieht sich durch den ganzen Capaö (Hain, Wäldchen) bis hinaus auf 
den freien Campo, wie dies die Tucotucos = Ctenomys brasiliensis, welche 
hier die Stelle der Maulwürfe vertreten, in den, von ihnen ausgeworfenen 
Erdhaufen, welche, wenn Sambaquys vorhanden, immer Scherben der Marisca 
enthalten, klar darthun. Die Breite dürfte zwischen 20 — 80 m wechseln. Die 
Grasdecke, bei jeder Trocknung verdorrend, dürfte 20 — 30 cm Erde haben. 
Gefunden wurde nichts des Mitnehmens werthes: Steine, einige Splitter ab- 
gerechnet, gar keine; Knochen von Menschen und Thieren ausnahmslos so 
verwittert, dass sie nicht transportabel waren. Von letzteren fand ich über- 
haupt nur die Schwanzwirbel einer grösseren Beutelratte. In Bezug auf 
Menschenknochen machte ich jedoch die höchst eigenthümliche Beobachtung, 
dass sie nicht, wie sonst in den neueren Sambaquys, in natürlicher Lage gelegt 
waren; vielmehr lagen sie wild durcheinander, und alle Röhrenknochen waren 



190 
zer 



Theod. Bischoff : 



schlagen(!), nicht gespalten, sondern quer durchgebrochen. Rohe und dicke 
Topfscherben fand ich auch einige, doch nur wenige. Ein Stück Stein, 
welches, sonst ungefornit, eine kleine Aushöhlung hatte, dürfte zum Spinnen 

gedient haben. 

In den neuen Sambaquys waren auch die Steine, rohe, wie geschliffene, 
sehr selten, immerhin aber häufiger, als in dem alten. Spinnsteine waren 
häufiger, auch fand ich einige ovale, richtiger eiförmige Steine, Kollkiesel, 
unbearbeitet, die höchst wahrscheinlich zum Glätten der Innenseite der Töpfe 
dienten, Bruchstücke von verschiedenen Geräthm (Aexten, Schleifsteinen, 
Messern, Schabern). Von den Spinnsteinen haben manche bis zu 5 Aus- 
höhlungen; solche haben 16—18 cm Durchmesser, sind platt, aber, jene 
Höhlungen abgerechnet, nicht weiter bearbeitet. 

Von Thieren fand ich die Knochen vom Kampreh (Cervus campestris), 
Didelphys, Sandfuchs (Canis vetulus) und einige Vogelknochen, z. B. vom 
Dachaö = Palamedea Chavaria und vom Joao grande = Giconia Maguari. 
Kamphirsch und Didelphys ausgenommen, konnte ich die Knochen mit solchen 
von uns erlegten Thieren vergleichen; jene kannte ich. Vom Karaphirsch 
fand ich ein Stück des Schädels mit Gehörn, freilich auch beschädigt; vom 
Beutelthier einen halben Unterkiefer mit einigen Zähnen, und auch einen 
solchen vom Kamphirsch, nebst unzerschlagenen Röhrenknochen desselben, 
jedoch nicht mit jenem zusammen; das Schädelbruchstück lag unter dem 
Sambaquy, die anderen mitten darin. 

Weit häufiger, als Thierknochen, fand ich solche von Menschen und, 
soweit ich dies beobachten konnte, in natürlicher Lage, der Körper gestreckt, 
die Markröhren unzcrbrochen. Nie fand ich solche zwischen den Muscheln, 
immer unter denselben, so dass sie wahrscheinlich den Leichnam auf den 
Boden neben dem Sambaquy legten und ihn dann entweder gleich oder 
nach und nach, vielleicht beides, mit Muschelabfällen bedeckten. Bruchstücke 
von Schädeln fand ich öfters, jedoch keinen so, dass man ihn hätte restauriren 
können. Es kommt hinzu, dass auch diese Sambaquys schon sehr zerstört 
sind, denn auch hier fand ich, weit hinaus im See, Scherben von Töpfen, 
St«insplitter und Muscheln. Grosse Strecken werden auch vom Wind zer- 
stört, denn haben Vieh oder "Wildthiere einen Pfad getreten, die Wurzeln der 
Gräser und sonstiger Gewächse vernichtet, so arbeitet der Nordwind rastlos 
weiter, die Pfade verbreiternd und vertiefend. An den Sambaquys richtet 
CT freilich nichts aus, so lange sie eine compacte Masse bilden, aber er unter- 
höhlt SIC, nimmt im Laufe der Zeiten den unterlagernden Sand weg, bis 
auch Muscheln und auflagernder Sand durch ihr Eigengewicht herunter- 
brecheo, auseinander fallen und dann ebenso, wie der Sand, verjagt werden. 
Eine Wur/..-l kann in solchen Fällen das allgemeine Verfallen aufhalten. An 
finr-r Stclht fand ich, vorn am Rande, einen isolirt stehenden, 2- 2\ m Durch- 
m.jsMT haltiMiden Pfeiler, nur mit Muscheln bedeckt, beiderseits und hinten 



Ueber die Satnhuquys in clor Provinz Rio Grande do Sul. 19] 

alles zerstört; nur etwa 4 — 5 m hinter demselben hatte eine Wurzel ein Stück 
Sambaquy gefestigt und erhalten (Taf. V, Fig. 9), 

Dass es unter solchen Verhältnissen ein ganz besonderer Zufall ist, 
wenn man ein gut erhaltenes, vollständiges Skelet findet, liegt auf der Hand. 
So fand ich 15 K'ückenwirbel, durch welche eine Wurzel gewachsen war, frei 
hängend, in horizontaler Lage, wie eine Perlenschnur, aHe übrigen Knochen 
waren verschwunden; der Wind hatte auch hier den Sand mitgenommen, 
den Sambaquy unterminirt, dieses war nach und nach weggebrochen, so 
dass nur die, auf die Wurzel gereihten Wirbel frei schwebend an Ort und 
Stelle blieben, als Rest eines Restes. Werden nun trotzdem keine Knochen 
gefunden, — ich wenigstens fand keine freiliegend, — so mag das frei- 
weidende Rindvieh Ursache sein, welches jene — frisst, um die Zähne zu 
schleifen, wie die Brasilianer sagen, — wahrscheinlicher aber wohl des 
Phosphors und der Kalksalze halber. Oft genug mag es sich auch ereignet 
haben, dass sie muthwillig von Passanten zerstört wurden. 

Die Dicke der Muschelschichten beträgt 15 — 18 cm, an einzelnen Stellen 
ist sie wohl noch dicker. Manchmal läuft sie rasch aus und ist kaum 
\—\\m breit; manchmal zieht sie sich aber zum Wald hinein und kann 
dann nicht wohl verfolgt werden. Ich fand sie an manchen Orten bis zu 
15 — 20 m Breite auf. 

Meine Untersuchungen ergaben bis zur Gewissheit, dass auch hier nur 
mehr Reste sehr ausgedehnter Sambaquys vorhanden sind; Wind und Wasser 
arbeiten unaufhörlich an ihrer weiteren Zerstörung, und in wenigen Jahr- 
zelmten wird keine Spur mehr davon da sein. 



3. Niedere uuljedeclite Saiiibaquy-Kette, westlich vom Lagoa da Cerquiiilia, 
westlich vou Sumpf begrenzt. 

(Tafel V. Fi^. 4.) 
Diese Sarabaquy-Kette und auch die zwischen Lagoa da Fortaleza und 
Lagoa do Cidreiro (sp. Cidraero), welche jener in allen Theilen gleich ist, 
unterscheidet sich wesentlich von den, unter 1, und 2. beschriebenen, denn 
einmal liegt sie auf einer kaum 6—8 m breiten Landenge, begrenzt einerseits 
durch den See, andererseits durch tiefen, mit Schneidegras bewachsenen 
Sumpf. Sie ist 300 — 400 7« lang, ihre Breite dürfte aber nur selten einen 
Meter übersteigen. Sie liegt unmittelbar neben dem Sumpfe, der See hat jedoch 
Land angesetzt, eine Sandbank, die sich augenscheinlich immer mehr ver- 
breitert. See und Sumpf müssen vor Hebung der Küste 2 Baien des Meeres 
gebildet haben; die sie trennende Landzunge war auf beiden Seiten reich 
an Mariscas und bot den Wilden, wenn auch keinen bequemen Wohn- 
platz, so doch ausreichende Nahrung. Sämmtliche Sambaquys dieser Kette 
liegen sehr niedrig, kaum 40 cm höher, als der See, müssen also unmittelbar 
am Meere entstanden sein: sie liegen weder auf Dünen, noch auf natürlichen 



,Qrt ThEOD. BiSCHOFP: 

Erbebungen. leb babe sie nur angebrocbeu, da mir die Zeit feblte, 
sie eingebend zu durcbforscben ; ibr Inbalt war durcbaus den be- 
scbriebenen gleicb: dieselben Muscbeln, wenig Steine und nocb weniger 
Knocben. Da sie bei Hoebwasser zweifellos von Wasser mebr oder weniger 
bedeckt werden, dann, bei heftigen Winden, wohl auch ganz überfluthet 
werden, so war bier ein Sueben nach Skeletten voraussichtlich vergebens; 
diese mussten längst zerfallen sein. Eben diese Lage verhinderte auch, dass 
die Sambaquys mit Dünensand überschüttet wurden: sie liegen fast überall 
frei zu Tage, und nur, wo sich etwas kümmerliches Gesträuch angesiedelt, 
hat sich eine dünne Erdkruste gebildet. Als einziges Ergebniss meiner 
flüchtigen Untersuchung fand ich einen Topfstein, zum Glätten der Innen- 
seite der Töpfe, welcher bearbeitet war. 

Die Sambaquy-Kette am Lagoa do Cidreiro ist der oben beschriebenen 
durcbaus ähnlich, nur hat der See keine Sandbank vor derselben abgelagert, 
weshalb die Strasse über die Sambaquys selbst führt und, da diese Strasse, 
vorzüglich zur Badezeit, vielfach benutzt wird, so fand ich es überflüssig, 
hier zu suchen. Da die Pferde nur auf Muscheln gehen, so verursacht jeder 
Schritt ein eigenthümliches, helles, lautes Klingen. Diese Kette wird nördlich 
vom See, südlich von einem, ebenfalls mit Schneidegras überwucherten 
Sumpfe begrenzt. Die Sambaquy-Kette am Cerquinha ist 20 — 33 cm hoch, 
am Cidreiro dürfte sie ebenso hoch gewesen sein; genau lässt sich das nicht 
mehr erkennen. 



4. Sambaquy im Tapeira des Joaquim Bernardes. 

(Tafel V. Fig. 5.) 

Dieses Sambaquy liegt etwa 1 Meile südHch von Tramandahy, in den 
neuen Dünen, vollständig von denselben umgeben, theilweise noch von Flug- 
sand überdeckt, weshalb ich seine Grösse auch nicht bestimmen konnte. 
Seine Lage, auf einer niederen Düne, mitten in einem, von hohen Sandhügeln 
umgebenen Kessel, machte die Arbeit an demselben ausserordentlich be- 
schwerlich, da die gerade ziemlich stark wehenden Winde, bei jedem Schlag 
mit der Hacke, ganze Wolken Sand emporwarfen, in Folge dessen wir schon 
nach wenigen Minuten halb erblindet waren. Da es aber der erste Sam- 
baquy war, den ich antraf, so arbeitete ich trotzdem weiter, fand aber auch 
nicht viel des Mitnehmens werthes: Muscheln, wie gewöhnlieh, einige Stein- 
splitler, Scherben, Knochen von Menschen und Thieren, erstere in natür- 
licher Lage; von letzteren fand ich einen halben Unterkiefer von Didelphys 
mit allfu Zähnen, ein Bruchstück Unterkiefer vom Cervus campestris, einige 
lieinknociien von Capibara hydroch. ; einige andere konnte ich nicht be- 
stimmen. 

In (lii'sem Sambaquy fand ich die einzigen Reste von zwei Fischarten, 
von jedem den Flossenstachel, welche ich überhaupt gefunden habe: den 



(Jeher dio Sarabai|nys in der Provinz Rio Grande do SnI. 193 

gezähnelten (gesägten) Stachel vom Bagre cabepudo =■■ dickköpfigen Wels 
und einen vom Abiraguay, beides Meerfische, welche indess auch in die 
Buchten und Binnenseen eintreten. Der letztere war zu einem Pfriemen 
bearbeitet, indem (Taf. V, Fig. 13) man ihn von einer Seite glatt geschliffen 
oder geschabt hatte; die Spitze war abgebrochen, und deshalb war er ver- 
muthlich weggeworfen worden. Gräten, Gehörknoclißa^ und Schuppen von 
Fischen habe ich nirgends augetroffen und dies war mir sehr auffallend; 
kleinere Gräten, auch Gehörknochen gehen beim Graben durch den fliegenden 
und nachrollenden Sand nur zu leicht verloren, zumal wenn man auch noch 
die Augen voll davon hat. Fischschuppen wären mir aber schwerlich ent- 
gangen, da sie doch weit häufiger vorkommen müssten, als jene, leichter 
sind und durch ihre Farbe (Glanz) bemerkbarer wären. Man könnte freilich 
annehmen, dass die Leute die Schuppen gar nicht auf die Sambaquys warfen, 
da sie nicht, wie die Muscheln und Knochen, Veranlassung gaben, die Füsse 
zu verletzen; sie blieben also wohl beim Herdfeuer liegen, wo die Fische 
gereinigt worden. Neben diesem Sambaquy fand ich auch eine Feuerstelle, 
oder wenigstens Kohlen, aber auch schon vom Winde zerstreut und mit 
Sand vermischt; Herdsteine waren nicht vorhanden; die Wilden mögen 
dieselben bei etwaigen Wanderungen mitgenommen haben, da solche, weil sie 
sie aus bedeutenden Entfernungen — 5 — 6 Meilen — herbeischleppen mussten, 
grossen Werth für sie hatten. Scherben fand ich wenige, doch unter diesen 
einige sehr fein und sauber ausgearbeitet, mit sehr regelmässigen Eindrücken, 
welche mit einem kleinen, dreieckig gespitztem Holze oder Knochen, nicht, 
wie sonst gewöhnlich, mit den Fingernägeln, gemacht waren; auch glatte, 
weiss bemalte fanden sich, ebenfalls sehr dünn ausgearbeitet. Dann traf 
ich den leider beschädigten Unterkiefer eines Thieres, welches hier jetzt nicht 
mehr vorkommt, mir wenigstens völlig fremd ist, obgleich ich die Thier- 
W'clt dieser Provinz ziemlich kenne. Die zwei nach vorn gerichteten 
mächtigen Zähne deuten auf einen Nager, doch finden sich auch wieder 
solche Unterschiede, die es kaum erlauben, das Stück jener Familie ein- 
zureihen. Ich will hier nur erwähnen, dass die beiden Kieferhälften innigst 
mit einander verwachsen sind, und dass nicht einmal mehr die Spur einer 
Naht vorhanden ist; dies kommt bei keinem hiesigen Nager vor. Ferner 
sind die Wurzeln der beiden erwähnten Zähne nicht, wie bei Nagern, auf- 
wärts gebogen, sondern verlaufen fast gerade nach hinten. Die Alveole ist 
vorn weiter, als hinten, die Zähne können mithin nicht, wie bei jenen, überall 
gleichmässig dick gewesen sein; sie haben auch keinen Halbkreis gebildet, wie 
dies bei echten Nagezähnen immer der Fall; andererseits scheinen 4 Back- 
zähne vorhanden gewesen zu sein, wie bei Nagern durchschnittbch der Fall. 
Möglich, sogar wahischeinlich ist es, dass sich auch hier nicht nur ein 
einzelnes Sambaquy vorfindet, sondern dass eine Kette derselben vorhanden 
ist; wenigstens traf ich einzelne Muschelstficke an Stellen, wohin sie von dem 
explorirten Sambaquy nicht gelangen konnten, mithin von anderen hergeführt 



194 



Theod. Bischoff: 



sein müssen. Untersuchen Hess sich dies nicht; die Sandberge sind zu hoch 
und reichen bis an die höchsten Gipfel der Bäume, welche nur mehr theil- 
weise mit einzelnen Aesten aus dem Sande hervorstehen. 

Beim Umgraben dieses Sambaquy fand ich zu meinem höchsten Er- 
staunen mit Aexten gespitzte Zaunpfähle in demselben, die indess einigen 
Aufschhiss über den Namen dieses Ortes gaben, denn Tapeira heisst ein ein- 
geheo-tes Stück Land. In der Nähe fand ich noch eine ganze Reihe ähn- 
Hclier Pfahlspitzen im Boden stecken, — es musste hier mithin ein Joaquim 
Beroarde-s gewohnt haben, ehe die Dünen ihn vertrieben. Ich erfuhr, dass 
der Wind zuweilen Theile des ehemaligen Anwesens entblösse, davon hatte 
ich mich selbst überzeugt, doch wann der frühere Besitzer vertrieben worden, 
darüber konnte ich nichts Bestimmtes erfahren. Ein TOjähriger Bewohner 
theilte mir mit, dass, als er noch Kind war, jene Gegend schon denselben 
Namen geführt habe und ebenso mit Sand bedeckt gewesen sei, wie heute. 



5. Isolirtes Sambaquy mit Skeletresten in den ueueu Düuen bei dem 

Capaö das Cabras. 

(Tafel V. Figur 6.) 

Es unterscheidet sich vom vorigen dadurch, dass es nicht auf Dünen, 
sondern unmittelbar auf ürboden lagerte; dass es eine fast runde Form mit con- 
vexer Oberfläche hatte; dass ich keine Knochen in denselben fand, wohl aber 
neben demselben die vollständigen Theile eines menschlichen Skelets, freilich 
schon so verwittert und mürbe, dass man die Röhrenknochen wie nassen Thon 
zerschneiden konnte. Schädeltheile waren vorhanden, aber keine Zähne. Die 
Leiche muss in hockender Stellung beigesetzt worden sein, denn einmal 
hatten die unteren Beinknochen, im Sande steckend, eine fast senkrechte 
Stellung; andern theils — wäre sie in horizontaler, gestreckter Lage beigesetzt 
worden, — hätten die Reste mindestens eine Länge von 5 Fuss haben 
müssen, während sie thatsächlich kaum 3 Fuss maassen, und endlich lagen 
auch die Knochen wirr durcheinander aufgehäuft. Fehlte hier die Hand, 
welche die Pflicht hatte, den Leichnam zu bedecken? Hatte man es dem 
Winde überlassen, ihn mit Sand zu überschütten? Reichte das Sambaquy 
früher über das Skelet weg und wurde dieses so vom Winde nach und nach 
entblösst? Eines ist möglich, wie das andere. 

Dies Sambaquy wurde total von mir umgegraben; Knochen, auch von 
Thieren, fand ich nicht, ebenso wenig bearbeitete Steine, aber ich fand drei 
unregelmässig geformte Bruchstücke von Agatsteineu und eine Kry stallspitze, 
•ebenfalls unbearbeitet. Vorzüglich die Agatsteine erregten meine Auf- 
merksamkeit, da solche hier im Urwalde nicht vorkommen, doch erfuhr ich 
von einem alten Brasilianer, welcher früher bei St. Antonio gewohnt, dass, 
in der Nähe dieser Villa ein Bach die Serra geral herunter komme, welcher 
häufig s(jlc.lie Bruchstücke führe: er gab an, solche selbst dort gesucht zu 



Ueber die Sambaquys in der Provinz Rio Grande do Sui. 195 

haben, die er dann zum Feuerschlagen benutzt liabe. Dazu hat sie der 
Bugre, welcher sie aus einer Entfernung von 9 — 10 Legoas herbeischleppte, 
wohl nicht gebraucht, aber wozu sonst? Waren die von mir gefundenen Stücke 
unbrauchbare Abfälle, so erklärt sich ihr \'orkoninien im Sambaquy, wohin 
eben nichts Brauchbares geworfen wurde. 

Ferner fand ich 2 Steinsplitter mit muschelförmigea Bi^uchflächen ; beide 
haben die Form eines querdurchschnittenen, langen Ovals, die runden Kanten 
sind sehr scharf, das stumpfe Ende dick; das eine dieser Messer scheint 
gebraucht worden zu sein, es hat Scharten, das andere nicht. Uebrigens 
ist ja auch nicht gewiss, dass sie gebraucht worden sind. Dass sie im 
Sambaquy lagen, deutet darauf hin, dass sie als Abfälle betrachtet wurden, 
indess scheint es mir unwahrscheinlich, dass die Wilden solche Splitter nicht 
benutzt haben sollten, da scharfe, schneidende Werkzeuge nur mit grosser 
Mühe durch Schleifen herzustellen waren. 

Die hier gefundenen Topfscherben waren dünn und zierlich ausgearbeitet. 



6. Sambaquys in den neuen Dünen, östlich vom Lagoa da Cerquinha. 

(Tafel V. Figur 7.) 
Auch dieses Sambaquy liegt vollständig isolirt, mitten in den neuen 
Dünen, etwa 1 — 1 ^ ä;w von der bereits beschriebenen, am nehmlichen See 
liegenden Sambaquy-Kette entfernt. Es ist das bedeutendste derartiger 
Form, welches ich angetroffen habe. Es liegt auf sandigem Urboden, also sehr 
tief. Es muss erst dünn mit Erde überschüttet gewesen sein, auf welchem 
sich ein Wäldchen ansiedelte, denn man stösst oft auf Wurzeln; dann müssen 
aber auch die Bäume von den neuen Dünen überdeckt worden sein, wo- 
durch sie getödtet wurden. Vor einem oder anderthalb Jahren setzten die 
Dünen ihren Marsch foit, wie mir von einem Bewohner mitgetheilt wurde, und 
entblössten den Hügel; die Winde nahmen schliesslich auch die leichte, die 
Muscheln überlagernde Erdschicht weg, welche, von aller Vegetation ent- 
blösst, keinen Widerstand leisten konnte, so dass jetzt das Sambaquy ganz 
frei liegt. Ob dies längere Zeit so bleiben wird, ist fraglich, da andere 
Dünenketten nachrücken und das Sambaquy abermals bedecken werden, um es 
vielleicht in 100 — 200 Jahren abermals hervortreten zu lassen. Inzwischen leidet 
auch das Sambaquy von den Winden; diese, gewöhnlich von Norden kommend, 
unterhöhlen die Ränder, welche dann abbrechen, und führen dann die 
leichteren Muschelscherben weit fort. Dies Sambaquy hat einen bedeutenden 
Umfang; es ganz umzugraben, dazu fehlte mir die Zeit und eine grössere Zahl 
von Arbeitern ; ich brach es daher nur von verschiedenen Seiten au und, da 
ich mich bald genug überzeugte, dass es sich in keiner Hinsicht von denen 
der anderen tiefliegenden Sambaquys unterschied, dass die Knochen ebenso 
morsch waren, als in jenen, dass überhaupt nur die derberen Markknochen 
übrig waren, die weniger dichten — Wirbel, Rippen, Schädel — längstWer- 



.qp Theod. Bischopp: 

modert waren und ich Hingst aufgegeben hatte, werthvoUe Steine in den 
Samhaqiiys zu suchen, so gab ich das weitere Arbeiten in demselben auf. 
Von Tliierknochen fand ich Schwauzwirbel von Didelphys und Beinknochen 
von Cervus camp., nichts von Fischen und Vögeln. 

Hier machte ich übrigens noch eine Beobachtung, welche ich mir auch 
jetzt noch nicht genügend erklären kann. Der Wind hatte nehmlich nicht 
nur das Sambaquy blossgelegt, sondern auch noch eine grössere Strecke Ur- 
bodens von vielleicht 100—175 m Breite und 200—300 m Länge südlich des- 
selben. Auf dieser ganzen Strecke nun fand ich Steine aller Art, theils roh, 
theils mehr oder weniger bearbeitet, Splitter, Scherben, sogar halbe Koch- 
töpfe. 2 Schleifsteine und eine ganze Anzahl von Spinnsteinen, Bruchstücke von 
Aexten, Topfsteine zum Glätten der Töpfe, diese und auch die Spinnsteine, 
letztere bis auf die Höhlung, unbearbeitet, leider aber keinen einzigen sauber 
gearbeiteten, ganzen Stein. Es waren Personen vor mir dort gewesen, welche 
das wirklich Gute mitgenommen hatten, falls überhaupt etwas vorbanden 
war; sie hatten einen Geneverkrug zerschlagen und die Scherben über den 
wanzen Sambaquy zerstreut, wohl um irgend Jemand zu täuschen, was jedoch 
nur bei dem gehngen kann, der nie wirkliche Scherben von Töpfen der 
Bugres gesehen. 

Auffallend war mir, dass alle diese Gegenstände so weit umher lagen, 
in relativ bedeutenden Entfernungen vom Sambaquy; und eben dies ist es, 
was ich nicht begreife. Wohnten die Wilden theilweise in solchen Ent- 
fernungen, wie und warum schütteten sie ihre Muschelschalen auf einen 
Haufen, warum bildete nicht jede Familie ihr eigenes Sambaquy, nahe ihrer 
Wohnstätte? Wohnten sie dagegen sämmtlich in der Nähe des noch vor- 
handenen Sambaquy, wie kommen dann Steine und zahllose Topfscherben 
in solche Entfernungen von letzterem? Dass nicht nur eine Familie Ur- 
heber dieses mächtigen Sambaquy war, dass, im Gegentheil, eine grössere 
Anzahl derselben hier hauste, und dass ein bedeutender Zeitraum trotzdem 
nöthig war, um Milliarden mal Milliarden Muscheln zu konsumiren, liegt 
auf der Hand. Wie bereits gesagt, lagen sämmtliche Steine südwärts vom 
Samba(juy. Gegen Norden waren bereits Vorläufer anderer Dünen bis nahe 
an das Sambaquy gerückt, östlich und westlich war der freie Raum durch 
hohe Dünen begrenzt. Nach diesen drei Richtungen waren Untersuchungen 
ganz unmöglich, aber wahrscheinlich ist es, dass auch hier noch Manches 
unter dem Sande begraben liegt, und ich muss gestehen, dass ich bis jetzt 
noch keine Lösung dieses Räthsels gefunden habe. Kampbugres (s. den Ab- 
schnitt: Ponto de Area) hinterliessen jene Steine nicht; sie hatten nicht nur 
besser gearbeitetes, sondern auch in der Form verschiedenes Geräth, z. B. die 
Wurfkugcln, welche da, wo solche Leute hausten, häufig umherliegen'^f dort 
aber, wie überhaupt in allen Sarabaquys, welche ich untersuchte, durchaus 
fehlen, da ich weder ganze Kugeln, noch so leicht erkennbare Scherben der- 
selben angetroffen habe. 



üeber die Sambatiuys iu der Provinz Rio Grande do Sui. 197 

7. Sambaquy im Capaö das Cabras. 

(Tafel V. Figur 8.) 

Dieses Capaö, welches jetzt nur noch durch drei, mit etwas Wald be- 
standene Hügel repräsentirt wird, welche je 500 — 800 w von einander ent- 
fernt liegen, muss, ehe die Dünen hineinbrachen, e^j^ ziftamnienhängendes 
Ganzes gewesen sein und wahrscheinlich eine ganze Sambaquys.-Kette ge- 
tragen haben. Blossgelegt war ein Theil eines solchen im nördlichen Capaö; 
der andere, südlich gelegene, ist fast ganz mit Sand überschüttet, so dass nur 
noch einzelne Baumwipfel hervorstehen und es daher, wie auch die bereits ein- 
geebneten Theile der Dünenkette, bald ganz verschwunden sein wird. Hat 
der Sand die Vegetation solcher Hügel getödtet, so findet er schliesslich 
ebenso wenig mehr Halt, als seine Unterlage; der Wind führt alles, schliesslich 
auch die unterhöhlten und dann herabbrechenden Sambaquys, in die weite 
Welt. Das dritte, in der Mitte gelegene Capaö bildet einen Halbkreis, 
welcher nach Westen gegen den See (Lagoa das Cabras) offen ist; inner- 
halb dieses Halbkreises schlugen wir unsere Hütte auf, da wir in demselben 
Schutz fanden, sowohl gegen die drohenden Unbilden des Wetters, als auch 
gegen den die Luft erfüllenden Sand. Der Aussenrand des Wäldchens war 
schon total mit Sand überschüttet, weshalb wir auch keine Sambaquys auf- 
finden konnten. Am Innenrande wuchsen zahlreiche Gravatas, die den 
Boden derart bedeckten, dass ein Eindringen und Untersuchen des Bodens 
sehr schwierig war, zumal da zahllose Baumwurzeln die Arbeit noch mehr 
erschweren mussten. Wir explorirten in Folge dessen nur den nördhchen 
Capaö, auf dessen Ostseite das Sambaquy frei zu Tage trat, da der Sand 
hier den Wald bereits vernichtet hatte und weiter gewandert war. Es war 
eines der dicksten Sambaquys, welche ich angetroffen: an sich etwa AO cm 
hoch, war es mit Erde und Sand beiläufig 1 771 hoch bedeckt, welcher durch 
die Wurzeln der Bäume und Gestrüpp Festigkeit genug gewonnen hatte, um 
den Winden zu widerstehen; die untere Düne, auf welcher das Ganze ruhte, 
mochte 3 — 3^ m hoch sein, vielleicht auch höher, da der Fuss unter einer 
niederen Düne lag. Die Ausbeute war auch hier sehr gering; gleich bei 
Beginn der Arbeit stiessen wir auf ein Skelet, doch war unsere Hoffnung, 
auch den Schädel dazu zu finden, vergebens; es lag auch hier unmittelbar 
unter den Muscheln, in gestreckter Lage, Arm- und Beinknochen waren 
ganz, weichere Knochen bereits vermodert. Wilde Thiere hatten sich einen 
Weg gebahnt, die Muscheln nach und nach weggetreten und dies gerade an 
der Stelle, wo der Schädel natürlicher Weise hätte liegen müssen; ob er 
von jenen Thieren weggewühlt oder zertreten worden, oder ob er schon ver- 
wittert war, ehe sie hier passirten, kann man nicht wissen. Sonst fand ich 
nur einige Steinsplitter, einen Spinnstein, eigentlich nur einen Splitter mit 
einer Höhlung, einen bemalten Scherben, — weiss mit rothen Strichen, — den 
einzigen dieser Art, welchen ich überhaupt antraf; aucii einige andere fein aus- 



198 



Theod. Bischoff: üeber die Sambaquys in der Provinz Rio Grande do Sul. 



gearbeitete Scherben; ferner Knochen von Cervus cainpestris, Schwanz wirbel 
von Beutelratten und Knochen von Capibara. Auch sammelte ich hier den 
Schwanzwirbel eines grösseren Fisches, wahrscheinlich eines Delphin. 

Ich fand ferner in demselben Hügel ein sehr altes Sambaquy, unter 
dem oberen, und mit demselben einen spitzen Winkel bildend (Taf. V, Fig. 8). 
Es bestand, im Gegensatz zu den anderen Sambaquys, nur aus Schalen der 
Marisca, aber auch diese waren schon so verwittert, dass sie bei jeder leisen 
Berührung in Staub zerfielen; Steine fand ich keine, auch keine Scherben, 
und noch weniger Knochen. Es ist dieses, wenn der Zustand der Muscheln 
als Maassstab gelten kann, jedenfalls das älteste aller von mir untersuchten 
Sambaquys. Es wjir höchstens 8 — 10 mi dick. Auffallend war, dass der 
unterlagernde Sand fast 50 cm tief schw^arz gefärbt war, jedenfalls von der, 
zwischen den Muscheln lagernden Modererde. Diese Erscheinung tritt in 
allen Sambaquys auf, doch ist die Erde dann höchstens 10 — 12 cm tief ge- 
färbt. Nur in dem alten Sambaquy am Lagoa da Fortaleza traf ich 
ähnliches. Mir scheint, als ob nicht die Masse der Muscheln eine mehr 
oder weniger tief reichende Färbung verursache, obgleich sie mitwirken mag, 
sondern dass diese nur Folge eines höheren Alters ist; denn sonst müsste das 
4 — 5 Mal dickere, oben lagernde Sambaquy eine, verhältnissmässig, also 
4 — 5 Mal tiefer gehende Färbung des Unterbodens verursacht haben; und 
doch war gerade das Gegentheil der Fall. Man dürfte kaum fehlgehen, 
wenn man annimmt, dass nur bei langanhaltendem, starkem Regen überhaupt 
Wasser bis zu dem Unterlager hinabdringt; die platt aufeinander lagernden 
Muschelstücke, mehr oder weniger verbunden durch Moder und Kalktheile, 
lassen nicht leicht Wasser dahin gelangen, und da solche, lange dauernde 
Hegen doch immer nur Ausnahmen sind, so können neuere Sambaquys kein 
so tief gefärbtes Unterlager haben, als die älteren. Am Lagoa da Fortaleza, 
woselbst in der dortigen Sambaquy-Kette die Muschellager zum Theil auch 
nicht dicker sind, als die jenes alten Sambaquy, war auch der Boden immer 
nur 10—12 cm tief gefärbt, und vielleicht fände sich in diesem ein Mittel, 
da«; Alter der Sambaquys gegenseitig zu bestimmen. 

Meinen Plan, das Sambaquy im Capaö das Cabras ganz umzugraben, 
konnte ich nicht ausführen, da sehr heftige Winde uns beständig so viel 
Sand in die Augen warfen, dass wir fast erblindeten; dazu kam, dass wir 
während der Nacht derart von den beständig heulenden und bellenden Kamp- 
füchsen (Canis vetulus), die sich in dem Gravata-Dickicht rings um unser 
La^er m grosser Anzahl angesiedelt hatten, gestört wurden, dass wir nicht eine 
Minute schliefen. Da die Thiere dicht an uns herankamen, so erlegten wir vier 
deix-lben. ohne uns von unserem Lager zu erheben, erreichten aber nur, dass 
die anderen um so lauter heulten; daher wanderten wir weiter. 



Besprechungen. 

Hugo JentSCH, Die prähistorisdien Alterthümcr aus dem Stadt- und Land- 
kreise Guben. Mit einer JSteindrucktafel. Guben 188(J. 8. Folge. 

Verf. Iiehaudelt in eingehendster Weise den betreffenden Bezirk und unterscheidet auf 
dem Stadtgebiet allein fünf verschiedene Zeitgruppen, ohne jedoch diese Eintheilung auch fär 
andere Gegenden aufsteilen zu wollen. Hervorragende Beachtung verdient kulturgeschichtlich 
der Pfahlbau von Lübbinchen (den Herr Jentsch geneigt ist als slavische Ansiedelung in 
die Uebergangszeit zum Christenthum zu setzen), weil die erhaltenen Ueberreste ein ge- 
nügendes Bild vom Blockbau an jener Stelle gewähren. 

Wegen der Kosten sind die Abbildungen, wie leider so oft, auf eine Tafel eng zu- 
sammen gedrängt, wodurch ihre Klarheit leidet. Es bleibt sehr zu bedauern, dass so wenige 
unserer reichen Landsleute in Stadt und Land sich entschliesseu können, für die Verwerthung 
solcher heimischen Forschungen durch den Druck mit ihren Mitteln fördernd einzutreten. 

Ueber den wissenschaftlichen Schaden, den bereits das Händlerwesen unter den Funden 
anrichtet, weiss auch Verf. zu klagen. W. v. Schulenburg. 



P. TREUTLEIN. Dr. Ed. Schnitzer (Emin Pascha), der ägyptische General- 
gouverneur des Sudan. (Sammlung gemeinverständlicher wissenschaft- 
licher Vorträge von YiRCHO'W und v. HOLTZENDORFF. Neue Folge. 
Serie II, Heft 5.) Hamburg, J. F. KlOHTER, 1887. 8. 52 S. mit einer 
Karte. 

Die kleine Schrift erscheint gerade in dem Augenblick, wo die Blicke der ganzen ge- 
bildeten Welt mit ängstlicher Spannung auf den Erfolg des kühnen Unternehmens gerichtet 
sind, durch welches Hr. Stanley die endliche Befreiung unseres so lange eingeschlossenen 
und so tapfer ausharrenden Landsmannes zu erreichen hofft. Sie gewährt einen vollen Ueber- 
blick über die wechselvollen Geschicke, denen die Stämme des oberen Nils seit ihrer, vor 
verhältnissmässig so kurzer Zeit gemachten Entdeckung unterworfen gewesen sind, und über 
die Wege der grossen Politik, welche den Süden in die Machtsphäre der modernen Kultur 
hineinzuzwingen beabsichtigte. Vor Allem aber lehrt sie uns den Mann selbst kennen, der 
in peinlichster Erfüllung seiner Pflicht und in strengster Einhaltung des schliesslich selbst 
gewählten Zieles auf seinem Posten ausharrt, ob auch rings um ihn her das Gebäude der 
ägyptischen Herrschaft in Trümmern gesunken ist. Eine nach den neuesten Erfahrungen 
berichtigte Uebersichtskarte ist beigefügt. Rud. \irchow. 



Congres international d'anthropologie et d'archeologie prehistoriques, Compt. 
rendu de la huitieme Session, Budapest 1876. Vol. II. Part. I. Resul- 
tats generaux du mouvement archeologique en Hongi-ie par Fr. FloRLAN 
Romer. Budapest 1878. Avec une carte, 2 planches et 119 iigures. 
Partie IL Trouvailles de Tage de bronze en Hongrie par JOS. HaJIPEL. 
Budapest 1886. Avec 127 planches illustrees de 1300 figures. 



.jQA Besprechungen. 

So eben ist Her zweite Theil der Berichte des internationalen Congresses von Budapest 
versendet worden. -Spät kommt ihr", mehr als 10 Jahre nach der Abhaltimg des Congresses, 
.doch ihr kommt", und so mögen die beiden höchst erwünschten Arbeiten der ungarischen 
Archäologen, des so verdienten Florian Romer und des thätigen und unterrichteten Hampel, 
freundlichst willkommen geheissen sein. Das Bediirfniss nach einer genauen Kenntniss der 
ungarischen Archäologie, das seiner Zeit das Motiv zu der Wahl von Budapest als Congressort 
abgegeben hatte, ist in stetigem Wachsen begriffen. Sowohl Deutschland, als Skandinavien 
haben d.is grösste Interesse daran, die Wege ihrer alten Cultur an der Hand authentischer 
Funde südwärts zu verfolgen. Hier erhalten wir nun, nachdem Hr. Franz Pulszki in 
mehreren Monographien vorangegangen war, aus der Hand der bewährtesten Kenner ihrer 
vaterländischen Vorgeschichte, die Leitfäden, an denen wir uns durch die Irrgänge der 
ungarischen Prähistorie hindurchfinden sollen. Mit Recht ist eine breite Fülle von Ab- 
bildungen beigegeben worden, wie sie in ähnlicher Weise früher die nordischen Archäologen 
geliefert haben, und obwohl dieselben nur einen Theil des grossen Materials wiedergeben, so 
werden die beiden Abhandlungen doch viel benutzte und gewiss sehr nützliche Bestandtheile 
unserer archäologischen Bibliotheken bilden. R. ViRCHOW. 



Festschrift zur Begrüssung des XVIII. Kongresses der Deutschen Anthro- 
pologischen Gesellschaft in Nürnberg. Mit 12 lithogr. Tafeln und 31 in 
den Text gedruckten Abbildungen, gr. 8. 91 S. Nürnberg, v. EbNEE. 1887. 

Die Mitglieder der deutschen anthropologischen Gesellschaft wurden in diesem Jahre 
durch eine besonders reich ausgestattete Festschrift überrascht, welche in vortrefflichster 
Weise den verschiedenen, in der Gesellschaft vertreteneu Richtungen entspricht und als ein 
wahres Muster für derartige Localpublikationen bezeichnet werden kann. Hr. Hauptmann 
GÖRiKGER hat, im Anhalt an die prähistorische Karte Bayerns von Hrn. Ohlenschlager, 
eine prähistorische Karte der Umgegend von Nürnberg entworfen, welche noch Forchheim, 
Ansbach, Gunzenhausen und Sulzbach, also den grössten Theil von Mittelfranken umfasst, in 
der jedoch leider der grössere Theil derjenigen Fundstellen, z. B. der Hügelgräber, fehlt, 
welche in der Festschrift selbst beschrieben werden. Diese Karte wird für die Localforscher 
noch grösseren Werth haben, als für die Fremden, da sie mehrere Gebiete aufweist, in denen 
noch fast gar keine Funde gemacht sind. Man sieht daran sehr deutlich, wie viel auf die 
Thätigkeit und die Umsicht einzelner üntersucher ankommt. Als ein positiver Beweis dafür 
kann die reich illustrirte Abhandlung des Hrn. Eidam über die römischen üeberreste, 
namentlich den Limes und die Castra in und um Gunzenhausen dienen, welche die topo- 
graphischen Verhältnisse fast vollständig aufgeklärt hat. Endlich brachte Hr. v. Förster 
eine Beschreibung der Hügelgräber bei Nürnberg, welche er der Hallstatt-Cultur zuweist. Es 
ist nicht ganz klar, ob das Zusammenvorkommen von Leichenbestattung und Leichenbrand in 
demselben Grabhügel derselben Culturperiode zugerechnet werden soll; für eine Beurtheilung 
dieser sehr wichtigen Frage reicht die etwas cursorische Schilderung der einzelnen Fund- 
stellen nicht aus. Auch sollte nicht übersehen werden, dass einzelne der aufgeführten Funde 
sehr bestimmte Hinweise auf altitalische Verbindungen enthalten. Ref. erwähnt namentlich 
(las Grabfeld von Ernhüll und die dort gefundeneu Bronzen, besonders die Kahnfibel (Fig. 13, 
S. GJ<). 

Ganz verschieden von diesen Abhandlungen ist die umfassende Arbeit des Hrn. 
C. RiEUKR „zur Kenntniss der Formen des Hirnschädels", welche mit 5 Tafeln in Farben- 
druck und 7 Tabellentafeln ausgestattet ist. Der Verf. hat darin ein sehr grosses und müh- 
selig duri-hgearbeitetes Material zusammengestellt: 107 Schädel, welclie dem unterfränkischen 
Stamme zugerechnet werden, 70 abnorme Schädel, gleichfalls aus Unterfranken, und 14 sici- 
lianische Schädel, welche Hr. Santi Sirena aus Palermo der Würzburger anatomischen 
Sammlung geschenkt hat. Der Verf. erläutert daran seine Methode der Schädelmessung und 
schildert die Bedeutung derselben gegenüber den bisherigen Methoden, ohne dass jedoch ein 
praktibcher Fortschritt der anthropologischen Anschauung erkennbar wird. RuD. Virchow. 



Besprechiiugen. 201 

Alb. Voss und GUST. STLA[MING. Vorgeschichtliche Alterthümer aus der 
Miiik Brandenburg. Mit einem Yfn'wortc von KüD. VlKi'HOW. Branden- 
burg a. 11. und Berlin, P. Lunitz. 1887. KI. fol. 32 S. Text und 
72 lithogr. Tafeln nebst geographischer Fundkarte. 

Das umfang^reiche Werk, dessen erste Lieferungen in dieser Zeitschrift 1885. S. 239 an- 
gezeigt worden sind, liegt nunmehr vollendet vor. Die günstigen Erwartuflgen, welche damals 
ausgesprochen wurden, hal>eu sich in vollem Maasse bestätigt. Zum ersten Male ist für ein 
bestimmtes Territorium der Mittelmark, die Stadt Brandenburg an der Havel und deren Um- 
gebung, eine vollständige ikonographische Darstellung der prähistorischen Funde geliefert worden, 
welche zugleich für die ganze Provinz einen wichtigen Anhalt des vergleichenden Studiums 
gewährt und die Besonderheiten dieses Gebietes auch den fremden Gelehrten erschliesst. Die 
ungewöhnliche Genauigkeit, mit welcher Hr. Stiaimikg die Localuntersuchungen ausgeführt 
und namentlich die einzelnen Gräberfunde registrirt hat, sowie die sorgfältige Bezeichnung 
jedes einzelnen Fundstückes nach seiner Zugehörigkeit zu einem bestimmten Grabe gestatten 
es mehr, als wir es bisher gewohnt waren, die nähere Zusammenfassung dieser Fundstücke zu 
chronologischen Gruppen durchzuführen. Ilr. Voss hat diese Ordnung mit peinlicher Sorg- 
falt hergestellt und in einem begleitenden Text auch für weniger vorbereitete Leser die Ge- 
sichtspunkte dargelegt, nach welchen die Sonderung vorgenommen wurde; zugleich hat er 
aus seiner reichen Kenntniss der parallelen Funde für die Vergleichung und Erklärung wich- 
tige Aufschlüsse hinzugefügt. 

Nach der Auflassung des Hrn. Voss ist die grosse Mehrzahl der Brandenburger Gräber 
der Tene-Periode zuzuschreiben; er zerlegt dieselbe in zwei Unterabtheilungen, eine ältere 
und eine jüngere. Der Hallstatt-Zeit rechnet er nur die spärlichen Einzelfunde aus Mooren 
u. s. w. zu. Allerdings setzt er zwischen die Hallstatt- und die Tene-Zeit noch gewisse 
^Bronzegräber", in denen von Metall nur Bronze gefunden wurde, aber er lässt es unentschieden, 
wo die Parallelen dazu zu suchen seien. Wie einmal die chronologischen Auffassungen der 
Zeitgenossen sich entwickelt haben, dürfte es jedoch kaum zu umgehen sein, auch diese 
Gräber der Hallstatt-Periode zuzurechnen; wenn man die pommerschen, schlesischen und 
posenschen Gräber in Vergleich zieht, so erscheint es nicht zweifelhaft, dass die Branden- 
burger Bronzegräber dem gleichen archäologischen Horizont angehören. 

Erst nachträglich hat Hr. StiMjVIING einige Gräber der neolithischen Periode in Branden- 
burg selbst und in Kl. Kreutz (Taf. 72) aufgedeckt, deren Geräthe mit den aus der Altmark 
und Thüringen bekannten Formen völlig übereinstimmen. Die Wahrscheinlichkeit, dass bei 
weiteren Forschungen noch mehr derartige Fundorte in der Mark werden entdeckt werden, 
ist darnach nicht gering zu veranschlagen. Für die eigentlich paläolithische Zeit fehlen noch 
alle Anhaltspunkte, denn die geschlagenen Feuersteine und die wenigen Pfeilspitzen gewähren 
keine Sicherheit, dass sie ein so hohes Alter beanspruchen dürfen. 

Reicher fliessen die Materialien für die späteren Perioden, namentlich die römische und 
die sog. Völkerwanderungszeit. Nicht weniger als 15 Tafeln des Werkes sind der ersteren, 
9 der zweiten gewidmet. Warum Hr. Voss gerade die Longobarden als Träger der letzteren 
Cultur bevorzugt, ist aus seiner Darstellung nicht zu ersehen; nach der gangbaren Vor- 
stellung hat eine Besiedelung so weit östlich von der Elbe gelegener Landstriche, zumal in 
so später Zeit, durch Longobarden nicht stattgefunden. Ganz besonders überraschend, auch 
für die Provinz, wird die grosse Zahl von Funden der römischen Kaiserzeit wirken. Freilich 
befindet sich darunter nichts von hervorragender Bedeutung, und die Vermuthung liegt nahe, 
dass die Sachen mehr auf dem Wege eines Tauschverkehrs mit den Übereibischen Stämmen, 
als durch direkte Beziehungen mit den Römern hierhergelangt sind; trotzdem ist der grosse 
Wechsel in dem Grabinventar seit der Tene-Zeit in höchstem Maasse auffällig. 

Aus slavischer Zeit ist nur ein einziges Grab, und zwar ein Skeletgral), bei Rietz im 
Kr. Zauche-Belzig (Taf. 71) aufgedeckt worden; die Beigaben desselben, speciell die thönernen, 
sind höchst charakteristisch. 

Ueber die Nationalität der Bevölkerungen während der vorslavischen Zeit giebt Hr. Voss 
sehr bemerkenswerthe Betrachtungen, auf deren Detail wir verweisen müssen. Es mag hier 
nur erwähnt sein, dass er die Leute der Hallstatt- und Tene-Periode den germanischen 

Zeitschritt für Ethnologie. Jahrg. 1SS7. 15 



n^o Besprechungen. 

Stämmen zuweist, deren Einwanderung er mit dem Auftreten der Bronze in Verbindung 
bringt. Indess ist er geneigt, anzunehmen, dass nicht unerhebliche Bruchtheile der Leute 
der Steinzeit im Lande geblieben seien. — _ . ^ ^ r-u . ^ 

Die Ausstattung des Werkes ist in derselben freigebigen Weise durchgeführt worden, 
welche die ersten Lieferungen erkennen liessen. Vielleicht hätte der Raum ohne Schädigung 
des Ganzen etwas wirthschaftlicher verwendet werden können, indess die Bequemlichkeit der 
Vergleiohung und die Orientirung ist durch die gewählte Anordnung gewiss am besten ge- 
sichert HÖTe daher das stattliche Werk der Aufmerksamkeit der Archäologen bestens em- 

, . , ■ .'' RUD. ViRCHOW. 

pfohlen sein. 

Julius NAUE. Die Hügelgräber zwischen Ammer- und Staffelsee. Stutt- 
gart, Ferd. Encke, 1887, gr. 8. 227 S. Text, 1 Karte und 59 Tafeln 
Abl)ildungen, darunter 22 farbige. 
Der Verf., einer der glücklichsten und vielleicht der fleissigste unter den bayrischen 
Gräberforschern, zugleich ein guter Kenner der einschlagenden Literatur, bietet der archäo- 
logischen Welt in dem vorliegenden Werke eine umfassende und höchst sorgfältige Mono- 
graphie über eines der merkwürdigsten Territorien Süddeutschlands. Letzteres beginnt auf 
den alten Moränenhügeln, welche sich zwischen dem Ammer- und Starnberger- (Wurm-) See 
hinziehen, und verfolgt von da aus den Höhenzug auf dem rechten Ufer der Amper bis zum 
Hochgebirge, in der Umgebung des Staffel-Sees. Ueber 250 Hügelgräber wurden hier von 
ihm selbst oder unter seiner Leitung geöffnet; die Beschreibung jedes einzelnen Grabes ist 
mit fast juristischer Genauigkeit protokoUirt, und was den Werth des Buches ganz besonders 
steigert, der Verf., ein anerkannter Künstler, hat sämmtliche Zeichnungen zu den Abbil- 
dungen selbst geliefert. So ist denn hier ein Ganzes aus einem Gusse hergestellt worden. 

Das G'Sammtergebniss ist ein höchst überraschendes. Fast sämmtliche Gräber gehören 
der Hallstatt-Periode an; 93 rechnet der Verf. zur älteren, 121 zur jüngeren HallstattZeit; 
43 zu einer Uebergangsperiode mit reinem Eisen, welche jedoch nicht mit der Teue-Zeit zu- 
sammenfällt. Hügelgräber der Tene-Zeit fehlen nach der Angabe des Verf. bis jetzt in Ober- 
bayern gänzlich; nur 2, dieser Zeit angehörige Stücke wurden in den obersten Schichten 
eines Grabhügels gefunden. Was die beschriebenen Gräber noch mehr interessant macht, ist 
das Zusammenvorkommen derselben mit zahlreichen Hochäckern; der Verf. liefert von diesen 
ausführliche Schilderungen und Pläne, in denen er mehr, als es bisher geschehen war, die 
alten Wege, die Schutzwerke und selbst die Wohnstätten der Bewohner aufzeichnet. Man 
wird seinen Nachweis, dass die Gräber und die Hochäcker zu einander gehören, als gelungen 
bezeichnen dürfen. 

Mit Recht kommt der Verf. immer von Neuem auf den Reichthum und die hohe Ent- 
wickelung der Technik und der künstlerischen Bestrebungen in der alten Bevölkerung 
zurück. Seine Tafeln entfalten vor dem erstaunten Auge eine Mannichfaltigkeit und Fein- 
heit der Grabbeigaben, welche gestatten, das Leben dieses Volkes sich in allen Richtungen 
zu verge.'^-nwärtigen. Die Sorgfalt in der Hebung der Grabfunde hat es möglich gemacht, 
selbst hüizerne Geräthe und Gegenstände vollständig zu erhalten. Was das Auge des Nord- 
deutschen aber vorzugsweise anzieht, das sind die herrlichsten, schön geformten und zum 
Theil prächtig bemalten Thongefässe, von ähnlicher Art, wie wir sie aus den Hügelgräbern 
Mittelfrankens, Württembergs, Badens, des Elsass und der Schweiz kennen, aber in über- 
wältigender Zahl und Fülle. 

Ref. muss es sich versagen, auf das anziehende Thema von der Beschaffenheit der 
Grabbeigaben näher einzugehen; jeder, der sich eine wirkliche Kenntniss dieses merk- 
würdigen Gebietes und damit eine Quelle des Verständnisses dieser ganz neuen Seite der 
oberbayeriscben Archäologie verschaffen will, wird sich selbst an das Studium machen müssen. 
Nur das Eine mag hervorgehoben werden, dass der Verf., obwohl er vielfach Beziehungen 
des Volkes der Hügelgräber zu Hallstatt selbst und zu anderen südöstlichen Fundplätzen 
heranzieht, im Ganzen doch mehr zu der Annahme südwestlicher Einflüsse neigt. 

Als ein besonderer Glücksfall ist es zu betrachten, dass das bezeichnete Gebiet so lange 
fast unversehrt geblieben ist, obwohl in seiner nächsten Nachbarschaft starke Verwüstungen 



Besprechiinc^en. 203 

der offenbar auch dort vorhanden gewesenen Hügelgräber stattgefunden haben. Aus den Be- 
schreibungen des Verf. geht hervor, was er selbst nicht in ganzer Schärfe betont, dass dieses 
Gebiet, welches, nach der Ausdehnung der Hochäcker zu urtheilen, einst reich bebaut ge- 
wesen sein muss, bald nach dem Schluss der Hallstatt-Periode gänzlich wüst geworden ist 
und seitdem niemals wieder in ähnlicher Weise bel>aut gewesen sein kann. Die Jahrhunderte 
der Tene-Periode sind vergangen, ohne dass sich scheinbar hier wieder ein Volk angesiedelt 
hat. Selbst die Römer haben nur wenige Spuren zurückgelassen: der Verf. hat ein einziges 
Römergrab und in 22 Hügelgräbern, hauptsächlich der nördlicbsten Abtheilung, römische 
Nachbestattungen aufgefunden, das beste Zeichen, dass eigentliche Ansiedelungen auch von 
den Römern hier nicht eingerichtet worden sind. Weite Wälder müssen das Ganze bedeckt 
haben. Das war also ein Desertum, wie wir es im deutschen Norden als Völker- und Stammes- 
grenze so oft antrert'en. Wer waren nun diese Völker? Mit Entschiedenheit weist der Verf. 
den Gedanken zurück (S. 191), dass sie etwas mit den späteren Bajuvaren zu thun gehabt 
haben. Der einzige gut erhaltene Schädel aus einem der Hügelgräber erwies sich als oriho- 
brachycephal, leptoprosop, hypsikouch und leptorrhin; darnach dürfte mau veranlasst sein, 
ihn als einen illyrischen oder celtischen anzusprechen. Wäre das richtig, so musste der ver- 
nichtende Sturm gegen ein solches Volk gerichtet sein, und dann erscheint es wahrschein- 
licher, dass der siegreiche Feind im Westen aufgetreten und nach Osten nicht weiter vor- 
gerückt ist. Waren das die ersten Schaaren der germanischen Invasion, welche schliesslich 
die Helvetior vom Main abdrängte? Hier liegt manches Räthsel verborgen. 

Auch die Anfänge der oberbayerischen Besiedelung geben vielerlei zu denken. Ausser 
einer einzigen Stelle bei Huglfing, wo scheinbar eine Ansieilelung der neolithischen Zeit auf- 
gefunden ist, kennt der Verf. als älteste Zeugen menschlicher Thätigkeit in diesem Bezirk 
nur eine kleine Zahl von ^Bronzegräbern", welche er noch vor die Hailstatt-Periode setzt. 
(Dieselben sind also ganz verschieden von den „Bronzegräbern" des Hrn. Voss in der Mark.) 
Darnach ist er geneigt, das Eintreten eines neuen Volksstammes als Trägers der neuen 
Cultnr anzunehmen (S. 189); er betrachtet diesen als friedliebend und fortschreitender Givi- 
lisation mit eigener Initiative zugewendet, und er glaubt, dass derselbe Stamm bis zum Auf- 
hören der Besiedelung durch allen Wechsel der Geschicke hier sitzen geblieben sei. Aber 
von wo könnte er gekommen sein? Ref. macht darauf aufmerksam, dass in den Gräbern der 
Bronzezeit kein einziges Exemplar einer Fibel gefunden worden ist; die ersten Fibeln, welche 
nachher erscheinen, sind kahnförmige, und ihnen schliessen sich zahlreiche andere von italischem 
Typus an. Nur ein einziges Mal fanden sich ein Paar Bogenfibeln mit reichem Klapper- 
gehänge, ganz nach Hallstatt-Art. Daraus dürfte mit einiger Wahrscheinlichkeit zu folgern 
sein, dass der einwandernde Stamm von Süden kam. Es ist nicht ohne Werth, auf den 
Karten unserer Schulerhebungen zu sehen, dass gerade in diesen Gegenden gegenwärtig die 
brünette Bevölkerung Oberbayerns, insbesondere die braunäugige, am dichtesten sitzt; offenbar 
sind hier von jeher die Einbruchspforten für die Südländer gewesen. Indess das sind Fragen, 
welche erst später mit einer gewissen Sicherheit werden beantwortet werden. Ref. hat sie 
nur hervorgehoben, weil niemals zuvor so dringender Anlass dazu vorgelegen hat. 

Schliesslich sei bemerkt, dass die artistische Ausstattung eine musterhafte ist. Ob das 
Papier des gedruckten Textes für eine lange Zeit Widerstand leisten wird, könnte viel- 
leicht in Zweifel gezogen werden. Die Anordnung der Tafeln hätte etwas beijuemer sein 
können : dadurch, dass die Gegenstände weder nach Funden, noch getrennt nach Zeitaltern vor- 
geführt werden, auch die einzelnen Tafeln keine Bezeichnungen tragen, wird die Benutzung 
nicht wenig erschwert. Aber das lässt sich überwinden, und der Gesammteindruck wird ge- 
wiss bei jedem Leser der sein, dass für die Kenntniss unserer Vorzeit seit Langem kein 
Werk hergestellt worden ist, welches so viel Neues gebracht hat. RüD. Vmcno'W. 

H. PlOSS. Das Weib in der Natur- und Völkerkunde. Anthropologische 

Studien. Zweite, stark vermehrte Ausgabe von Max BARTELS. Leipzig, 

Th. Grieben (L. Fernau) 1887. 2 Bände in 8. 576 und 719 S. mit 

dem Porträt des Verf., 7 lithogr. Tafeln und 107 Abbildungen im Text. 

Das allgemein bekannte Werk des vor einigen Jahren verstorbenen Verfassers wird hier 



rtz-vi Besprechungen. 

dem Publikum in einer neuen, nicht bloss stark vermehrten, sondern auch in hohem Maasse 
verbes<^erten Form geboten. Wurde schon die erste Auflage in wenig mehr, als Jahresfrist 
vergriffen, so darf der neuen Bearbeitung eine glänzende Aufnahme prophezeit werden. Der 
ursprüngl'iche Verf, dessen reiche Kenntnisse im Gebiete sowohl der Gynäkologie, als der 
Ethnologie überall gewürdigt sind, hatte, wie nicht zu verkennen ist, ungewöhnlich zahl- 
reiche Klippen zu durchschiffen. Das Werk sollte einerseits ein populäres, andererseits ein 
wissenschaftliches sein. In dem Versuche, diese beiden Seiten zu vereinigen, stiess es ge- 
legentlich hart an, und man darf sagen, dass einzelne Abschnitte weder populär, noch wissen- 
schaftlich waren. Diese Schwierigkeit ist jetzt in glücklicher Weise überwunden worden. 
Der Bearbeiter hat mit der an ihm geschätzten Sicherheit in erster Linie immer das Be- 
streben festgehalten, den wissenschaftlichen Anforderungen zu genügen; erst in zweiter Linie 
steht bei ihm das Bemühen, die wissenschaftlichen Dinge auch einem grösseren Leserkreise 
verständlich zu machen. So ist der Erfolg in der That ein durchschlagender. Eine andere 
Schwierigkeit bestand darin, dass ein, seiner ganzen Natur nach so schlüpfriger und dem 
Missbrauch ausgesetzter Gegenstand, wie das Weib in seinem natürlichen und gewohnheits- 
mässigen VerhaFten, nur zu häufig in die Verlegenheit führt, entweder zu viel, oder zu wenig 
zu sa"gen. Der Bearbeiter hat es verstanden, auch in dieser Beziehung das Richtige zu 
treffen: indem er ohne Prüderie und Bemäntelung auch die nackteste Nacktheit objektiv und 
nüchtern bespricht, vermeidet er alles Excitireude und zum Missbrauch Anreizende. Vieles 
hat natürlich vorwiegend Interesse für den Sachverständigen, den Arzt und den Physiologen, 
aber der Bearbeiter verfügt über ein so grosses Maass allgemeiner Bildung, ja er ist auch 
in künstlerischen und dichterischen Dingen so bewandert, dass es ihm gewiss gelingen wird, 
auch den Ansprüchen der Philosophen und der Naturfreunde überhaupt zu genügen. Die 
ungeheure Masse des Stoffes, welche in den beiden Bänden zusammengefasst worden ist, 
würde leicht zu einer Erschwerung und Belästigung des Lesers geführt haben, wenn die- 
selbe nicht so vortrefflich geordnet und zugleich in so knapper Ausführung vorgetragen 
wäre, dass das Studium dadurch eher erleichtert wird. Wenige Seiten in dem Werke bringen 
so allgemein Bekanntes, dass der Kenner darüber hinweglesen darf; fast überall wird eine 
solche Fülle von Thatsachen und eine so sichere Kritik geboten, dass auch der Fachmann 
auf immer neue Belehrung rechnen darf. RUD. VlRCHOW. 



Oscar Schneider, l) Ueber Anschwemmung von antikem Arbeitsmaterial 
an der Alexanclrinischen Küste. Dresden 1887, J. Bleyl. 52 S. mit 
2 Tafeln. — 2) Ueber den rothen Porphyr der Alten. Ebendaselbst. 
176 S. mit 2 Karten, 1 Panorama und 8 Lichtdruckbeilagen. — 3) Zur 
Bernsteinfrage, insbesondere über sicilischen Bernstein und das Lynkurion 
der Alten. Ebendaselbst. 213 S. und 1 Tafel. 

Vorstehende drei Abhandlungen sind Separatausgaben aus des Verf. „Naturwissenschaft- 
lichen Beiträgen zur Geographie und Culturgeschichte. Dresden 1883." Da letzteres Werk 
in dieser Zeitschrift 1883. S. 223 besprochen ist und gerade die jetzt separat herausgegebenen 
Abschnitte dort besonders hervorgehoben sind, so dürfen wir darauf verweisen und uns hier 
darauf beschränken, die sehr interessanten und sowohl durch naturwissenschaftliche, als durch 
literarische Kenntnisse belehrenden Abhandlungen der Aufmerksamkeit der Leser von Neuem 
zu empfehlen. RUD. ViRCHOW. 



Verhandlungen 



der 



Berliner Gesellscliaft 



für 



Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte. 



Redigirt 



Rud. Virchow. 



Jahrgang 1887. 



BERLIN. 

Verlag von A. A s ii e r & Co. 

1887. 



Berliner Gesellschaft 

für "*'''' 

Anthropologie, Ethnologie nnd Urgeschichte. 

1887. 



Vorstand, 1. Januar 1887. 

Dr. Rudolf Virchow, Professor, Geh. Med.-Rath, Vorsitzender. 
Dr. Ernst Beyrich, Professor, 

.Stellvertreter 



Geh. Bergratb, 

Dr. Adolf Bastian, Director 
d. ethnol. Abth. desKön. 
Mus. für Völkerkunde, 
Prof., Geh. Reg.-Rath. 

Dr. Robert Hartmann, Professor, Schrift- 
führer. 



Vorsitzenden 



Dr. Albert Voss, Director der vaterl. Abth. 

des Königl. Mus. für Völkerkunde, 

Schriftführer. 
Dr. Otto Olshausen, Schriftführer, W. 

Lützowstrasse 44. 
Wilhelm Ritter, Bankier, Schatzmeister, 

SW. Beuthstrasse 2, vom 1. April ab: 

SW. Charlottenstrasse 74/75. 



Ausschuss, 15. und 21. Januar 1887. 

Dr. W. Koner, Professor, Geh. Reg.-Rath, Obmann. 
H. Deegen, Geh. Ober-Regierungsrath 
E. Friede!, Stadtrath. 
Dr. G. Fritsch, Professor. 
Dr. F. Jagor. 



Dr. W. Reiss, Vorsitzender der Gesellschaft 

für Erdkunde. 
Dr. W. Schwartz, Gyninasialdirector, 
Dr. H. Steinthal, Professor. 
Dr. G. Wetzstein, Consul a. D. 



Ehrenmitglieder, 1. Januar 1887. 

Dom Pedro IL dAlcantara, Kaiser von Brasilien, erwählt den 19. Juni 1875. 

Dr. Heinrich Schliemann, Athen, erwählt 

den 16. April 1881. 
Prof.Dr. Wilh. Schott, ^Mitglied d.K.Akad.d. 
Wissensch.,Berlin,erwähltd. 12. Juni 1872. 



Professor Dr. Ludwig Lindenschmit, Director 
des römisch -germanischen Central 
museums, Mainz, erwählt d. 20. Octo 
ber 1883. 



Correspondirende Mitglieder, 1. Januar 1887, 

mit Angabe des Jahres der Ernennung. 



1. Aspelin, J. R., Dr., Staatsarchaeo- 1874 
log, Helsingfors, Finnland. 

2. Beddoe, John, M. D., F. R. S. 1871 
Cliftou, Glocestershire. 



3. Belluoci, Giuseppe, Professor, Dr., 1881 
Perugia. 

4. Bertrand, Alexandre, Director 1877 
des Museums zu St.-Germain- 
en-Laye, Frankreich. 



(-i) 



1-2. 
13. 
14. 



IT). 
IC. 
17. 
18. 

19. 

2U. 
•2\. 
22. 

23. 

24. 



2G. 



Bessels, Dr., Smithsonian Insti- 
tution. Washington, 1). C. 
Bogdanow, Auatol, Dr. Pro- 
fessor, Moskau. 

Bonaparte, Roland Prinz, Paris. 
Brinton, Daniel G., Dr. med., 
Professor an der Universität von 
Pennsylvania, Philadelphia. 
Burmeister. Hermann, Professor 
Dr., Buenos Aires. 
Calori,Luigi, Professor, Bologna. 
Calvert, Frank, Amer. Consul, 
Dardanellen, Kleinasien. 
Capellini, G., Professor, Bologna. 
Cartailhac, E., Toulouse. 
Casteifranco, Pompeo,E,.Ispettore 
dec;li Scavi e Monumenti d'An- 
tichitä, Mailand. 
Chantre, Ernest, Professor, Sub- 
(lirector des Museums, Lyon. 
Costa, Pereira da, Dr., Professor, 
Lissabon. 

Cunningham, Alexander, Major- 
(4eneral, Calcutta. 
Dawklns, Boyd W., Professor, 
M. A., F. R. S., Rusholme- Man- 
chester. 

Delgado, Joaquim Filippe Nery, 
Chef der Geologisch. Landes- 
aufnahme, Lissabon. 
Düben, Gustaf, Baron von, Pro- 
fessor, Stockholm. 
Duhmberg, Otto von, Dr. Staats- 
rath, Dorpat. 

Dupont, Edouard, Director des 
Kön. naturgeschichtlichen Mu- 
seums, Brüssel. 

Ernst, A., Dr., Director des Natio- 
nalmuseums, Caracas, Vene- 
zuela. 

Evans, John, D. C. L., L. L. D., 
F R. S., Pres. Soc. Ant. and 
Num. Soc. London, Nash Mills, 
Himmel Ilempsted, England. 
Fellenberg, Edmund von, Dr., 
Director der archäolog. und an- 
thropologischen Sammlungen, 
Bftrn. 

Flex, Oscar, Missionär, Ranchi, 
Nagpore, Ostindien. 



1877 

1878 

1885 
1886 



30. 
1871 31. 

1871 !32. 
1875133. 



1871 

1881 
1883 



1881 
1872 
1875 
1877 

1881 

1872 
1879 
1871 

1878 

1874 

1883 

1873 



27. Flower, William Henry, Prof., 1879 
F. R. S., Director des Natural- 
History Museum, London. 

28. Franks, Augustus W., M. A., 1872 
F. R. S. London. 

29. Gemellaro, Director des paläont. 1883 
Museums, Palermo. 
Gerlach, Dr. med , Hongkong. 1880 
Gozzadini, Giovanni, Conte, Se- 1872 
nator, Bologna. 

Grewingk, C., Dr., Prof., Dorpat. 1872 
Gross, V., Dr. med., Neuveville, 1880 
Schweiz. 

34. Gruber, Wenzel, Dr., Professor, 1877 
St. Petersburg. 

35. Guimet, E., Lyon. 1882 

36. Haast, Julius von, Dr., F. R. S., 1871 
Christchurch, New-Zealand. 

37. Hampei, J., Professor, Dr., Gustos 1884 
am Nationalmuseum, Budapest. 

38. Hamy, E. T., Dr., Conservateur 1882 
du Musee d'Ethnographie du 
Trocadero, Paris. 

39. Hayden,F.V., Dr., U.S. Geologist 1876 
in Charge, Washington, D. C. 

40. Heibig, Wolfgang, Dr., Professor 1883 
am Kais. Deutschen Archäolo- 
gischen Institut, Rom. 

41. Heldreich, Dr. von, Professor, 1873 
Director des botanischen Gar- 
tens, Athen. 

42. Hildebrand, Hans, Dr., Reichs- 1872 
antiquar, Stockholm. 

43. Hirth, Friedrich, Dr., Präsident 1886 
d. China Brauch of the R. 
Asiatic Society, Shanghai. 

44. Hoffmann, W. J., Dr. med., Cu- 1886 
rator anthropological Society, 
Washington D. C. 

45. Houtum-Schindler, A., General u. 1878 
Telegraphendirector, Teheran. 

46. Hubrig, Missionär, Canton. 1879 

47. Huxley, Professor, Pr. R. S., 1871 
London. 

48. Ihering, Hermann von, Dr., Na- 1886 
turalist d. Museu Nacional von 

Rio de Janeiro, Rio Grande, 
Brasilien. 

49. Kate, H. ten, Dr., Haag, Nieder- 1886 
lande. 



(5) 



50. Kopernicki, Isidor, Dr., Krakau, 

51. Layard, Edgar Leopold, Briti- 
scher ('onsul, Parä, Brasilien. 

52. Leemans, Dr., Director, Leideu, 
Holland. 

53. Lenhossek, Josef von, Professor 
Dr., Köuigl. Rath, Budapest. 

54. Lepkowski, Josef, Professor Dr., 
Director des Archäologischen 
Cabinets, Krakau. 

55. Lorange, A., Director des Alter- 
thums-Mus., Bergen, Norwegen. 

56. Lortet, L., Prof. Dr., Director 
des naturhistor. Museums, Lyon. 

57. Lubbock, Sir John, M. P., High 
Elms, Farnborough, Kent, Eng- 
land. 

58. Majer, Prof. Dr., Präsident der 
k. k. Akademie, Krakau. 

59. Man, Edward Horace, Assistant 
Superintendent, Port Blair, 
Andamanen. 

60. Mantegazza, Paolo, Prof., Di- 
rector d. Nationalmuseums für 
Anthropologie, Senator, Florenz. 

61. Miklucho-Maclay, N. von, Dr., 
Sydney, Australien. 

62. Montelius, Oscar, Dr., erster 
Amanuensis am Kön. histor. 
Museum, Stockholm. 

63. Moreno, Don Francisco, Director 
des National-Museums, Buenos- 
Aires. 

64. Morselli, Henri, Dr. med., Pro- 
fessor, Turin. 

65. Müller, Baron F. von, Director 
des botanischen Gartens, Mel- 
bourne, Australien. 

66. Müller, Sophus, Dr., Museums- 
inspector, Kopenhagen. 

67. Netto, Ladislau, Dr., Director 
des National-Museums, Rio de 
Janeiro. 

68. NIcoluccI, Giustiniano, Professor 
Dr., Isola di Sora, Neapel. 

69. Ornstein, ß., Dr., früher Chef- 
arzt der griechischen Armee, 
Athen. 

70. Phllippl, Rudolf A., Professor 
Dr., Santiago, Chile. 



1875 


71. 


1871 




1872 


72. 


1876 






73. 


1876 






74. 


1874 


75. 


1883 


76. 


1871 


77. 




78. 


1878 






79. 


1885 






80. 


1871 






81. 


1875 


82. 




83. 


1872 






84. 


1878 






85. 


1881 






86. 


1872 






87. 


1882 






88. 


1885 






89. 


1871 


90. 


1877 


91. 



1871 



92. 



Pigorini, Luigi, Prof., Director 1871 
des ethnographischen und prä- 
historischen Museums, Rom. 
Powell, J. W., Major, Smith- 1876 
souiau Institution, Washington, 
D. C. 

Pulszky, Fraoa^von, Dr., Director 1876 
des Nationalmus., Budapest. 
Radde, Gustav, Dr., Director des 1871 
kaukasischen Museums, Tiflis. 
Radlow, W., Dr., Akademiker, 1884 
Petersburg. 

Räjendraläla Mitra, Bahadur, 1878 
L. L. 1)., Calcutta. 

Rau, Karl, Dr., Smithsonian in- 1872 
stitution, Washington, D. C. 
Retzius, Gustaf, Dr., Professor, 1882 
Stockhohn. 

Riedel, Joh. Gerard, Friedr., 1871 
Holländischer Resident, z. Z. 
Utrecht. 

RIvett-Carnac, J. H., Allahabad, 1882 
Ostindien. 

Romer, Florian, Dr., Canonicus, 1876 
Grosswardein. 

Rütimeyer, Dr., Prof., Basel. 1883 

Rygh, 0., Dr., Prof., Director der 1 879 
Sammlung nordischer Alter- 
thümer, Christiania. 
Salinas, Antonio, Prof., Director 1883 
des Nationalmuseums, Palermo. 
Schomburgk, Rieh., Dr., Director 1879 
des botanischen Gartens, Ade- 
laide, Südaustralien. 
Shortt, John, M. D., Ercaud, 1878 
Shevaroy Hills, Madras Pres., 
Ostindien. 

Spiegelthal, F. W., Schwedischer 1875 
Vice-Consul, Smyrna. 
Steenstrup, Japetus, Professor, 1871 
Kopenhagen. 

Stieda, Ludwig, Dr., Professor, 1883 
Königsberg i. Pr. 

Studer, Theophil, Professor, Dr., 1885 
Bern. 

Topinard, Paul, Professor Dr., 1879 
Gei'eralsecretär der anthropol. 
Gesellschaft, Paris. 

Tschudi, J. J. von, Dr., Jacobshof, 1872 
PostEdlitz, Nieder-Oesterreich. 



(6) 



93. Tubino, Francisco M., Professor, 1871 
Madrid. 

94. Ujfalvy de Mezö-Kövesd, Ch. E. 1879 
de, Professor, Paris. 

95. Undset, lugvald, Dr., Museums- 1881 
assistent, Cliristiania. 

96. Vilanova y Piera, Juan, Prof., 1871 100. Zwingmann, Georg, Dr., Medi 
Madrid. I cinalinspector, Astrachan 



97. Weisbach, A., Dr., K. K. Oesterr. 1871 
Consulatsarzt, Coustantinopel. 

98. Wheeler, George M., Gaptain 1876 
Corps of Eugineers ü. S. Army, 
Washington, D. C. 

99. Zawisza, Graf Jan, Warschau 



1885 
1873 



9. 
10. 
11. 
U'. 
13. 

14. 
15. 
16. 
17. 
18. 
19. 

■2i). 

■n. 

22. 

23. 
24. 

25. 
26. 

27. 
28. 
29 



Ordentliclie Mitglieder 

Abarbanell, Adolf, Dr., Sanitätsratb, | 

Berlin. 

Abd-es-Saläm Ben Abd-er-Rhamän, aus 

Fe<, Marokko, Stud. in Clausthal im 

Harz. 

Abeklng, Ernst, Dr. med., Berlin. 

Achenbach, Dr., Exe, Oberpräsident, 

Potsdam. 

Adler, E., Dr. med., Berlin. 

Adolph, Herrn., Commerzienrath, Tborn. 

Ahlefeldt, Julius von, Premierleutnant, 

Spandau. 

Alberti, G. August, Oberstleutnant 

a. I)., Charlottenburg. 

Albrecht. Paul, Prof. Dr., Hamburg. 

Alfieri, L., Kaufmann, Berlin. 

Aisberg, M., Dr. med., Cassel. 

Althoff. Dr., Geh. Reg.-Rath, Berlin. 

Altrichter, Karl, Gerichtssecretär, 

Wusterhausen a. d. Dosse. 

Andrian-Werburg, Freih. Ferd. v., Wien. 

Appel, Karl, Dr. phil., Berlin. 

Arnold, Karl, Rechtsanwalt, Berlin. 

Arons, Alb., Commerzienrath, Berlin. 

Arzruni, Andreas, Prof. Dr., Aachen. 

Aschenborn, Adolf, K. Bergrath a. D., 

Berlin. 

Aschenborn, Oscar, Dr. med., Berlin. 

Ascherson, F., Dr. phil., Berlin. 

Ascherson, P., Prof. Dr., Berlin. 

Aschoff, L., Dr., Sanitätsratb, Berlin. 

Audouard, A., Major a. D., Charlotten- 
burg. 

Awater, Ad., Dr. med., Berlin. 

Bach, Fricdr., Lehrer, Langsdorf in 

Obt;rhe8sen. 

Bär, Adolf, Dr. med., San.-Rath, Berlin. 

Bässler, Arthur, Dr. phil., Berlin. 

Bail, F., Stadtrath, Berlin. 



am 

30. 

31. 

32. 
33. 

34. 

35. 

36. 



37. 
38. 
39. 
40. 
41. 
42. 
43. 
44. 

45. 
46. 
47. 

48. 

49. 

50. 
51. 
52. 
53. 

54. 

55. 
56. 
57. 



20. Februar 1887. 

Barchewitz, Victor, Dr., Hauptmann 
z. D., Berlin. 

Bardeleben, Prof. Dr., Geh. Ober.-Med.- 
Rath, Berlin. 

Bardeleben, Karl, Prof. Dr. med., Jena. 
Barnewitz, Realgymnasiallehrer, Bran- 
denburg a. H. 

Barschall, Max, Dr., San.-Rath, Berlin. 
Bartels, Max, Dr. med., Berlin. 
Bastian, A., Geh. Reg.-Rath, Professor 
Dr., Director des K. Mus. f. Völker- 
kunde, Berlin. 

Beck, Ludwig, Dr., Rheinhütte, Biebrich. 
Behia, Rob., Dr., Kreiswundarzt, Luckau. 
Behn, W., Maler, Tempelhof b. Berlin. 
Behrend, Adolf, Buchhändler, Berlin. 
Belli, Ludwig, Dr. phil., Frankfurt a. M. 
Benda, C, Dr. med., Berlin. 

Benda, R. v., Rittergutsbesitzer, Berlin. 

Bennigsen, von, Landesdirector, Bennig- 
sen bei Hannover. 

Berendt, G., Prof. Dr., Berlin. 

Bernhardt, Prof. Dr. med., Berlin. 

Bertram, Alexis, Dr. med., Sanitäts- 
ratb, Berlin. 

Beuster, Dr., Sanitätsratb, Berlin. 

Beyfuss, Gustav, Dr., Offizier van 

gezondheid I Kl., Gombong, Java. 

Beyfuss, Otto, Kaufmann, Berlin. 

Beyrich, Prof. Dr., Geh. Bergrath, Berlin. 

Bibliothek,Grossherzogliche,Neustrelitz. 

Bieber, Ernst, Dr., Kaiserl. Deutscher 

Generalconsul, Capstadt, Südafrika. 

Binzer, Ludwig von, Forstmeister a. D., 

Schöneberg bei Berlin. 

BischolT, Prof. Dr., Berlin. 

Blasius, Prof. Dr., Braunschweig. 

Blell, Theodor, Gross-Lichterfelde bei 

Berlin. 



(7) 



5s. Blumenthal, Dr. med., Sanitätsratli , 94. 
Berlin. 

59. Boas, Franz, Dr. phil., New-York. 95. 

60. Böhm, Dr., Medicinalrath, Magdeburg. 

61. Böninger, M., Rentier, Berlin. 96. 

62. Bör, Dr., Königl. Hofarzt, Berlin. 97. 

63. Bötticher, P>ust, Hauptmann a. D., 
Berlin. 08. 

64. Borchardt, Felix, Portraitmaler, F3erlin. 

65. Borghard, A., Fabrikbesitzer, Berlin. 99. 

66. Bork, von, Kammerherr, Mölleubeck, 100. 
Meklenburg-Strelitz. 101. 

67. Born, L., Dr., Berlin. 102. 

68. Bracht, Eugen, Landschaftsmaler, Pro- 
fessor, Berlin. 103. 

69. Bramann, Dr. med., Berlin. 104. 

70. Brand, E. von. Major a. D., Wutzig 

bei Woldenberg in der Neumark. 105. 

71. Brandt, von, kaiserl. deutscher Ge- 
sandter, Peking, China. 106. 

72. Bredow, von, Rittergutsbesitzer, Berlin. 

73. Breslauer, Heinrich, Prof. Dr., Berlin. 107. 

74. Brettschneider, C, Dr. med., Berlin. 108. 

75. Brösike, G., Dr. med., Berlin. 109. 

76. Bruchmann, K., Dr. phil., Berlin. 110. 

77. Brückner seu., Dr. med., Rath, Neu- 
brandenburg. 111. 

78. Brünig, Max, Kaufmann, Berlin. 112. 

79. Brunnemann, Karl, Rechtsanwalt, Stettin. 

80. Buchholz, Rudolf, Gustos des Märki- 113. 
sehen Museums, Berlin. 

81. Budczies, Friedrich, Schulvorsteher 114. 
a. D., Berlin. 

82. Bürkner, August, Rechtsanwalt, Rix- 115. 
dorf bei Berlin. 116. 

83. Bürkner, Heinrich Maria, Redacteur, 
Steglitz bei Berlin. 117. 

84. Bütow, P., Dr. jur., Berlin. 118. 

85. Bütow, H., Geh. Rechnungsrath, Berlin. 119. 

86. Bugge, F., Leutnant a. D., Berlin. 120. 

87. Bujack, G., Dr., Gymnasial-Oberlehrer, 
Königsberg i. Pr. 121. 

88. Busch, Dr., Kais. Deutscher Gesandter, i 122. 
Bucarest, Rumänien. ■ 

89. Buschan, G., Dr. med., München. 123. 

90. Cahnhelm, 0., Dr. med., Dresden. 124. 

91. Caro, Dr., Hofapotheker, Dresden. 

92. Castan, Louis, Besitzer des Panopti- 1 25. 
cums, Berlin. i 

93. Christeller, P., Dr. med., Berlin. 1 126. 



Cochius, Hermann, Dr., Director, 
Berlin. 

Cordel, Oskar, Schriftsteller, Char- 
lottenburg. 

Crampe, Hugo, Dr. phil., Breslau, 
Cremer, Chr. J., Redacteur, Abgeord- 
neter, Berlin. 

Croner, Ed^ttrd, Dr., Sanitätsrath, 
Berlin. 

Curth, G., Dr. med., Berlin. 
Daffis, Ludwig, Kaufmann, Berlin. 
Dames, W., Prof. Dr., Berlin. 
Dammann, F. W., Huddersiield, Eng- 
land. 

Davidsohn, H., Dr. med., Berlin. 
Davidsohn, Ludwig, Sanitätsrath- Dr., 
Berlin. 

Deegen, Hermann, Geh. Ober-Reg.- 
Rath, Berlin. 

Degener, Amtsrichter, Königs-Wuster- 
hausen. 

Degner, Eduard, Dr. phil., Berlin. 
Deneke, Dr. med., Flensburg. 
Dengel^ A., Dr., Stabsarzt d.R., Berlin. 
Dönhoff-Friedrichstein, Graf, Fiiedrich- 
stein bei Lö-wenhagen, Ostpreussen. 
Dönitz, W., Prof., Dr. med., Berlin. 
Döring, R., Dr., Oberstabsarzt a. D., 
Berlin. 

Drawe, Rittergutsbesitzer, Saskozin 
bei Praust, Westpreussen. 
Driemel juu., Gustav, Fabrikbesitzer, 
Guben. 

Driese, E., Kaufmann, Guben. 
Dümichen, Dr., Prof., Strassburg im 
Elsass. 

Dzieduczycki, Graf, Lemberg, Galizien. 
Ebell, A., Dr. med., Berlin. 
Ehrenhaus, S., Dr., Sanitätsrath, Berlin. 
Ehrenreich, Paul, Dr. med., Berlin, 
z. Z. auf Reisen in Brasilien. 
Ende, H., Kön. Baurath, Prof., Berlin. 
Engel, Franz, Dr. med., Helouan, 
Egypten. 

Engel, Hermann, Dr. med., Berlin. 
Eperjesy, Albert von, K. K. Oesterr. 
Kammerherr, Rom. 
Erckert, Roderich von, Generalleut- 
nant a. D., Exe, Berlin. 
Erdmann,Max,Gymnasiallehrer,Guben. 



(8) 



127. 

IL'S. 

129. 

130. 
131. 
132. 
133. 

134. 
135. 

136. 
137. 

138. 

139. 

140. 
141. 
142. 
143. 
144. 
145. 
14G. 
147. 
148. 
149. 
150. 

151. 
152. 
153. 

154. 
155. 
15G. 

157. 
158. 

159. 

160. 
101. 
162. 



Eulenburg, M., Dr., Geh. Sanitätsrath, 
Berlin. 

Ewald, Ernst, Professor, Director des 
K. Kunstgewerbe-iluseums, Berlin. 
Ewald, J. W., Dr., Prof., Mitglied der 
Akademie d. V/issenschaften, Berlin. 
Eyrich, Hmil, Maler, Berlin. 
Fasbender. H., Dr. med., Prof., Berlin. 
Fehleisen, Friedrich, Dr. med., Berlin. 
Felkin, Robert W., Dr. med., Edin- 
burgh. 

Finckh, Theodor, Kaufmann, Stuttgart. 
Finkelnburg, C, Dr., Geh. Reg.-Rath, 
Godesberg bei Bonn. 
FInn, W., Kön. Translator, Berlin. 
Fischer, Dr., Marinestabsarzt, z. Z 
auf Reisen. 

Fischer. Karl, Dr. med., Lenzen a. 
Elbe. 

Fischer, Wilhelm Dr., Realgymnasial- 
director a. D., Bernburg. 
Flesch, Max. Prof., Dr. med., Bern. 
Fraas, Dr., Professor, Stuttgart. 
Fränkel. Bernh., Dr., Prof., Berlin. 
Fränkel, Isidor, Dr. med., Berlin. 
Frank, G., Dr. med., Berlin. 
Freund. G. A., Dr. phil., Berlin. 
Friedel. Ernst, Stadtrath, Berlin. 
Friederich, Dr., Stabsarzt, Dresden. 
Friedländer, Heinr., Dr., Berlin. 
Frisch. A., Druckereibesitzer, Berlin. 
Fritsch, Gustav, Dr. med., Professor, 
Berlin. 

Fritzschen, G., Dr., Amtsrichter,Berlin. 
Fronhöfer, G., Major a. D., Berlin. 
Fürstenbeim, Ernst, Sanitätsrath Dr., 
Berlin. 

Gad, Joh., Dr. med., Berlin. 
Gaffky, Dr. med., Reg.-Rath, Berlin. 
Gentz, C., Professor, Geschichtsmaler, 
Berlin. 

Gericke, Wilhelm, Dr. med., Berlin. 
Gesenius, F., Stadtältester, Director 
des Bcrl. Pfandbriefamts, Berlin. 
Geyger, Adolf., Dr.. phil., Mitglied des 
Kais. Patentamts, Berlin. 
Sörke, Franz. Kaufmann, Berlin. 
Goes Apotheker, Soldin. 
Götz, G., Dr., Obermedicinalrath, 
Neustrelitz. 



163. Götze, Ernst, Kaufmann, Zossen. 

164. Götze, Hugo, Bürgermeister, Wollin, 
Pommern. 

165. Goldschmidt, Leo B. H., Bankier, Paris. 

166. Goldschmidt, Heinr., Bankier, Berlin. 

167. Goldschmidt, Levin, Dr., Prof., Geh. 
Justizrath, Berlin. 

168. Goldstücker, Eug., Buchhändler, Berlin. 

1 69. Goltdammer, Ed., Dr., San.-Rath, Berlin. 

170. Goslich, A., Fabrikbesitzer, Berlin. 

171. Gottschalk, Sigismund, Dr.med., Berlin. 

172. Gottschau, M., Dr. med., Basel. 

173. Grawitz, Paul, Professor, Dr. med., 
Greifswald. 

174. Grempler, Wilhelm, Dr.. Sanitätsrath, 
Breslau. 

175. Greve, Dr. med., Tempelhof b. Berlin. 

176. Griesbach, H., Dr. med., Basel. 

177. Grossmann, Adolf, Dr. med., Berlin. 

178. Grube, W., Dr. phil., Berlin. 

179. Gruber, Hermann, Dr., Director der 
landwirthschaftl. Schule, Schivelbein, 
Reg.-Bez. Köslin. 

ISO. Grünwedel, Albert, Dr. phil., Berlin. 

181. Gubitz, Erich, Dr. med., Breslau. 

182. Gubitz, Rudolf, Notar, Berlin. 

183. Günther, Karl, Photograph, Berlin. 

184. Güssfeldt, P., Dr. phil., Berlin. 

185. Güterbock, Bruno, Dr. phil., Berlin. 

186. Güterbock, Paul, Dr. med., Berlin. 

187. Gusserow, A., Geh. Med.-Rath, Prof. 
Dr., Berlin. 

188. Guttstadt, Albert, Dr. med , Professor, 
Berlin. 

189. Gymnasium, Königl. Luisen-, Berlin. 

190. Haacke, Dr., Sanitätsrath, Stendal. 

191. Haag, Dr. phil., Rector, Charlotten- 
burg. 

192. Hadlich, Dr. med., Pankow b. Berlin. 

193. Hagenbeck, Karl, Hamburg. 

194. Hahn, Gust., Dr., Oberstabs- u. Regi- 
mentsarzt, Berlin. 

195. Hahn, Dr. med., Stabsarzt, Spandau. 

196. Hahn, Eugen, Dr., Sanitätsrath, Dir. im 
allgem. städt. Krankenhause, Berlin. 

197. Hainauer, Oskar, Bankier, Berlin. 

198. Handtmann, E., Prediger, Seedorf bei 
Lenzen a. Elbe, Westpriegnitz. 

190. Hansemann, David, Dr. med., Berlin. 
200. Hansemann, Gustav, Rentier, Berlin. 



(9) 



201. Hardenberg, Freiherr von, Cirossii. Bad. 
Oberzoll inspector, Säckingen. 

202. Harseim. Geh. Kriegsrath, Berlin. 

203. Hartmann, Rob., Dr. med., Prof., Berlin. 

204. Hartmann, Herrn., Dr., Oberlehrer, 
Laiuisberg a. W. 

20Ö. Hartwich, Karl, Apotheker, Tanger- 
niünde. 

206. Haselberg, 0. von, Dr., Sanitätsratb, 
Berlin. 

207. Haselberg, Rudolf von, Dr., Sanitäts- 
ruth, Stralsund. 

208. Hattwich, Emil, Dr. med., Berlin. 
20i). Hauchecorne, W., Dr., Geh. ßergrath, 

Dir. d. K. Bergakademie, Berlin. 

210. Heimann, Ludwig, Redakteur, Berlin. 

211. Helntzel, C, Dr., Lüneburg. 

212. Hempel, G., Fabrikbesitzer, Pulsnitz 
bei Dresden. 

213. Henning, Karl, Dr., Darmstadt. 

214. Henning, R., Dr., Prof., Strassburg im 
Elsass. 

215. Henoch, Anton, Kaufmann, Berlin. 

216. Hermes, Otto, Dr. phil., Director des 
Aquariums, Berlin. 

217. Herter, F., Dr. med., Docent an der 
Universität, Berlin. 

218. Herzberg, Ph., Dr. med., Berlin. 

219. Heudtlass, Julius, Hotelbesitzer, Berlin. 

220. Heydel, Amtsgerichtsrath, Berlin. 

221. Heyden, August von, Prof., Berlin. 

222. Heyden, Otto, Dr., Prof., Berlin. 

223. Hilder, G., Major a. D., Berlin. 

224. Hilgendorf, F., Dr. phil., Berlin. 

225. Hille, Dr. med., Strassburg i. Elsass. 

226. Hirschberg, Julius, Dr. med., Prof., 
Berlin. 

227. Hitzig, Dr., Professor, Halle a. S. 

228. Hoffmann, Immanuel, Landrath, Sprem- 
berg. 

229. Holleben, von, Kais. Deutscher Ge- 
sandter, Tokio, Japan. 

230. Hollmann, M., Landgerichtsrath, Berlin. 

231. Hörn, 0,, Dr,, Kreisphysicus, Tondern. 

232. Hern v. d. Horck, Baron von, auf Reisen 
in Ostasien. 

233. Horwitz, Dr., Justizratb, Berlin. 

234. Hosius, Dr., Prof., Münster in West- 
falen. 

235. Humbert, Geh. Legationsrath, Berlin. 



236. Ideler, Dr., Sanitätsratb, Dalldorf bei 
Berlin. 

237. Israel, Oskar, Dr. med., Berlin. 

238. Jacob, G., Dr. med., Roemhild, Mei- 
ningen. 

239. Jacobsen, Frnil, Dr. phil., Berlin. 

240. Jacobsthal, L^^ProT, Charlotten bürg. 
241; Jatfe, Benno, Dr. phil., Berlin. 

242. Jagor, Fedor, Dr , Berlin. 

243. Jahn, August, Rentier, Lenzen a. E. 

244. Jannasch, R., Dr. jur. et i)hil„ Berlin. 

245. Janssen, C. W., Dr., Amsterdam. 

246. Jaquet, Dr., Sanitätsratb, Berlin 

247. Jentsch,Hugo, Dr., Oberlehrer, Guben. 

248. Joest, Ed., Geh.Commerzienrath,Cöln. 

249. Joest, Wilhelm, Dr., Berlin. 

250. Jörgensen, J. Paul, Dr. phil., Berlin. 

251. Jürgens, Rud., Dr. med., Berlin. 

252. Junker, Wilhelm, Dr., auf Reisen in 
Afrika. 

253. Junker von Langegg, Ferd. Adalb., Dr. 
med., London. 

254. Kahlbaum, Dr. med., Görlitz. 

255. Kaufmann, Richard von, Dr., Prof.. 
Berlin. 

256. Kessel, Hugo, Kaufmann, Berlin. 

257. Kirchhoff, Dr., Prof., Halle a. S. 

258. Klaar, W., Kaufmann, Berlin. 

259. Knack, 0., Geh. Rechnungsrath, Berlin. 

260. Koch, R., Dr., Prof., Geh. Med.-Ratb, 
Berlin. 

261. Kohl, Dr. med., Worms. 

262. Köhler, Dr. med., Posen. 

263. König, C. A., Kaufmann, Berlin. 

264. König, Wilhelm, Dr., Redacteur, Stettin. 

265. Körte, Dr., Geh. Sanitätsratb, Berlin. 

266. Kofier, Friedrich, Rentier, Darmstadt. 

267. Koner, Wilhelm, Dr., Professor, Geh. 
Reg.-Rath, Berlin. 

268. Koiensky, Joseph, Lehrer der Natur- 
wissenschaft, Smichow bei Prag. 

269. Korff, Baron von, Oberst a.D., Berlin. 

270. Korth, Karl, Hotelbesitzer, Berlin. 

271. Koseritz, Karl von, Porto Alegre, Rio 
Grande do Sul, Brasilien. 

272. Krause, Aurelius, Dr. phil., Berlin. 

273. Krause, Eduard, Conservator am K. 
Mus. f. Völkerkunde, Berlin. 

274. Krause, Hermann, Dr. med., Berlin. 

275. Krehl, Gustav, Kaufmann, Berlin. 



(10) 



276. 
•277. 

27». 

279. 

280. 

281. 

282. 

283. 

284. 
285. 

286. 

287. 
288. 
289. 
290. 
291. 
292. 
293. 
294. 
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296. 
297. 
298. 
299. 

30(t. 
301. 
302. 
303. 
304. 



305. 
306. 
307. 

308. 
309. 
310. 

311. 



Kroner. Moritz. Dr. med., Berlin. 
Krzy/anowski, W. von. Probst, Ka- 
mieiiiec bei Wolkowo, Prov. Posen. 
Kuchenbuch, Franz, Anitsgerichtsrath, 
MüiioheLierg. 

Künne, Karl, Buchhändler, Charlotten- 
burg. 

Küster, Ernst. Dr.. Prof., Sanitätsä- 
rath, Berlin. 

Kuhn. M., Dr. phil., Friedeiiau bei 
Berlin. 

Kuntze, Otto, Dr. phil., Berlin. 
Kurtz, F., Dr., Prof., Cordoba, Repü- 
blica Argentina. 

Kurtzhaiss, A.. Consul, Bangkok, Siam. 
Kusserow. H. von, Kön. Preuss. Ge- 
sandter, Hamburg. 
Lahr, Geh. Sanitätsrath, Schweizer- 
hof bei Zehlendorf. 
Landau, H., Bankier, Berlin. 
Landau, Leop., Dr. med., Berlin. 
Landau, W., Dr. phil., Berlin. 
Lange, Pleury, Dr., Prof., Berlin. 
Lange. Julius. Kaufmann, Spandau. 
Langen. Kön. Landbauinspector,Kyritz. 
Langen, A., Captain, Cöln a. Rhein. 
Langerhans, P., Dr. med., Berlin. 
Langerhans, Robert, Dr. med.. Berlin. 
La Pierre, Dr., (ieh.San.-Rath, Berlin. 
Lasard, Ad., Dr., Director, Berlin. 
Lassar, 0., Dr. med., Berlin. 
Lauteschläger, Christian, Dr. med.. 
Würz bürg. 

Lazarus, Moritz, Dr., Prof., Berlin. 
Le Coq, von, Darmstadt. 
Lehmann, Karl F., Dr., Berlin. 
Lehnerdt, Dr.. Sanitätsrath, Berlin. 
Leiningen-Neudenau, Graf Kmich zu, 
Premier -Leutnant im Garde- Füs.- 
Reg., Berlin. 
Lemke, Elisabeth, Berlin. 
Lentz.l'reiherr von, Rittmeister, Berlin. 
Lesser, Adolf, Dr., gerichtl. Stadt- 
physikus, Breslau. 

Lesser. Robert, Bankdirector, Berlin. 
Lessler, Paul, Consul, Dresden. 
Lewin. (ieorg, Dr., Prof., Geh. Med.- 
Bath, Berlin. 

Lewin. Leop., Dr., Geh. Sanitätsrath, 
Berlin. 



312. Lewin. Moritz, Dr. phil., Berlin. 

313. Liebe, Th., Dr., Professor, Berlin. 

314. Liebe, Professor, Gera. 

315. Liebenow, W., Geh. Rechnungsrath, 
Berlin. 

316. Liebermann, B., Geh. Commerzienrath, 
Berlin. 

317. Liebermann, Felix, Dr., Berlin. 

318. Liebermann, Karl, Dr., Prof., Berlin. 

319. Liebreich, Oscar, Dr., Prof., Char- 
lottenburg, Westend. 

320. Lilienfeld, Albert, Dr., Berlin. 

321. Liman, Dr., Prof., Geh. Med.-Rath, 
Berlin. 

322. Löffler, F., Dr., Stabsarzt, Berlin. 

323. Low, E., Dr., Oberlehrer, Berlin. 

324. Löwenheim, Ludw., Kaufmann, Berlin. 

325. Lossen, K. A., Dr. phil., Prof., Berlin. 

326. Lucae, Dr., Professor, Berlin. 

327. Lüdden, Karl, Dr. med., Wollin, Pom- 
mern. 

328. Luhe, Dr., Oberstabsarzt, Demmin in 
Vorpommern. 

329. Lührsen, Dr., Generalconsul, Odessa. 

330. Lunitz, Paul, Verlagsbuchhändler, Bran- 
denburg a. Havel. 

331. Luschan, F. von, Dr., Berlin. 

332. Maass, Karl, Dr., Oberstabsarzt, Berlin. 

333. Maas, Heinrich, Kaufmann, Berlin. 

334. Maas, Julius, Kaufmann, Berlin. 

335. Magnus, P., Dr., Prof., Berlin. 

336. Mantey, Otto, Dr. med., Berlin. 

337. Marasse, S., Dr. phil., Berlin. 

338. Marcuse, Dr., Sanitätsrath, Berlin. 

339. Marcuse, Siegb., Dr, med., Berlin. 

340. Marggraff, A., Stadtrath, Berlin. 

341. Marimon y Tudö, Sebastian, Dr. med., 
Sevilla. 

342. Martens, E. von, Dr., Prof., Berlin. 

343. Marthe, Friedrich, Dr. phil., Professor, 
Berlin, 

344. Martin, A. E., Dr. med., Berlin. 

345. Maska, Karl J., Prof., Neutitschein, 
Mähren. 

346. Mayer, Louis, Dr., San.-Rath, Berlin. 

347. Mehlis, Dr., Dürkheim. 

348. Meitzen, August, Dr., Professor, Geh. 
Reg.-Rath, Berlin. 

349. Mendel, E., Dr. med., Prof., Berlin. 

350. Menger, Henry, Dr. med., Berlin. 



(11) 



351. Meyer, Dr., Geh. Sanitätsrath, Osua- 
brück. 

352. Meyer, Adolf, Ijuclihalter, Berlin. 

353. Meyer, Alfred G., Dr., Oberlehrer, 
Berlin. 

354. Meyer, Hans, Dr., Leipzig. 

355. Meyer, Moritz, Dr., (leh. Sanitäts- 
rath, Berlin. 

356. Meyer, Richard M., Dr. phil., Berlin. 

357. Minden, Georg, Dr. jur., Syndikus des 
städt. Pfandbriefamts, Berlin. 

358. Möller, H., Dr., Professor, Berlin. 

359. Mönch, Karl, Apotheker, Berlin. 

360. Moses, Dr. med., Berlin. 

361. Much, Matthäus, Dr., Wien. 

362. Mühienbeck, Gutsbesitzer, Gr.-Wachlin 
bei Stargard (Pommern). 

3G3. Mühsam, Eduard, Dr. med., Berlin. 

364. Müller, Karl, Dr., Med.-Rath, Han- 
nover, 

365. Müiler-Beeck, Georg, Yokohama, Japan. 

366. Müller, Louis, Dr. phil., Berlin. 

367. Müller, Otto, Buchhändler, Berlin. 

368. Müschner, M., Lehrer, Berlin. 

369. Mützel, Gustav, Thierraaler, Berlin. 

370. Munk, Hermann, Dr., Prof., Berlin. 

371. Nagel, A., Kaufmann, Deggendorf, 
Nieder- Bayern. 

372. Nathan, Heinrich, Kaufmann, Berlin. 

373. Nathanson, F., Dr. med., Berlin. 

374. Nehring, A., Dr , Professor, Berlin. 

375. Neuhauss, Richard, Di*, med., Berlin. 

376. Neumann, Dr., Stabsarzt, Spandau. 

377. Neumann, Hugo, Dr. med., Berlin. 

378. Neumayer, G., Dr., Professor, Wirkl 
Admiralitütsrath, Hamburg. 

379. Niendorff, Oscar, Amtsrichter, Berlin. 

380. Nothnagel, A., Professor, Hofmaler, 
Berlin. 

38L Gesten, Ciustav, Oberingenieur der 
Wasserwerke, Berlin. 

382. Olshausen, Otto, Dr. phil., Berlin. 

383. Oppenheim, Max Freiherr von, Regie- 
rungsreferendar, Rüdesheim. 

384. Orth, A., Dr., Prof., Berlin. 

385. Osborne, Wilhelm, Rittergutsbesitzer, 
Dresden. 

386. Oske, Ernst, Vereid. iMakler, Berlin. 

387. Ossowidzki, Dr. med., Oranienburg, 
Reg.-Bez. Potsdam. 



388. Paasch, Rieh., Dr. med., Berlin. 

389. Pächter, Hermann, Buchhändler, 

BcTÜll. 

390. Pätel, F., Stadtverordneter, Guts- 
besitzer, Berlin. 

391. Patsch. Johannes, Dr. med., Prof., 
Berlin. ^^,^ 

392. Palm, Julius, Dr. med., Berlin. 

393. Pansch, Adolf, Dr. med., Professor. 
Kiel. 

394. Pardo de Tavera, T. H., Dr., Paris. 

395. Pedell, Dr., Stabsarzt, Colberg. 

396. Pena y Fernandez, Dr., aus Sau Sal- 
vador, Berlin. 

397. Petrl, R. J., Dr. med., Berlin. 

398. Pfeiffer, C. W., Frankfurt a. M. 

399. Pfleiderer, Dr., Prof., Charlottenburg. 

400. Pfuhl, Fritz, Dr., Kgl. Gymnasial- 
oberlehrer, Posen. 

401. Philipp, Robert, Dr. med., Berlin. 

402. Pippow, Dr., Kreisphysicus, Eisleben. 

403. Plagge, W., Dr. med., Berlin. 

404. Plessner, August, Dr. med., Berlin. 

405. Ponfick, Dr., Prof., Breslau. 

406. Pringsheim, N., Dr., Prof., Berlin. 

407. Prollius, M. von, Exe, Geh. Leg.-Rath, 
Grossh. Meklenb. Gesandter, Berlin. 

408. Pudil, H., Bauverwalter, Bilin in 
Böhmen. 

409. Quedenfeldt, M., Premierleutnant 
a. D., Berlin. 

410. RabI Rückhard, H., Dr. med., Prof. 
Berlin. 

411. Raffel, Karl, Generalarzt a. D., Berlin. 

412. Rahmer, H., Di*, med., Berlin. 

413. Ramberg, Freiherr G. von, Preniier- 
leutnaut, Berlin. 

414. Raschkow, F., Dr. med., Berlin. 

415. Rath, Paul vom, Amsterdam. 

416. Rausch, Oberstleutnant, Director der 
Kcinigl. Geschützgiesserei, Spandau. 

417. Reichenheim, Ferd., Berlin. 

418. Reichert, Th , Apotheker, Berlin. 

419. Reinhardt, Dr., Oberlehrer. Berlin. 

420. Reiss, W., Dr., Vorsitzender d. Ges. 
f. Erdkunde, Berlin. 

421. Reiss, Eug., Fabrikant, Berlin. 

422. Remak, E. J., Dr. med., Berlin. 

423. Richter, Berth., Bankier, Berlin. 

424. Richter, Isidor, Bankier, Berlin. 



(12) 



■1-J7. 

4L';». 

430. 

431. 
432. 
433. 



434. 
435. 

436. 

437. 

43s. 
43H. 

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41.S. 

441». 
450. 
451. 
452. 
453. 

454. 



455. 
456. 



Riebeck. Paul. Fabrikbesitzer, Halle 
a. Saale. 

Rieck, Dr. med., San.-Rath, Köpenick 
bei Berlin. 

Rieck. R.. Kaiserlicher Stallmeister, 
Herliu. 

Riedel. Bernh.. Dr. meil., Berlin. 
Ringewaldt. August, Fabrikbesitzer, 
Naueu. 

Risal, Don Jose, Dr. med., von Luzon, 
Berlin. 

Ritter. W., Bankier, Berlin. 
Robel. Ernst, Dr. pLil., Berlin. 
Rörig, Adolf, Kön. Oberföster, Ober- 
försterei Rossberg, Post Ebsdorf, Reg.- 
Bez. Kassel. 

Rose, C, Oberst z, D., Berlin. 
Rohlfs. Gerh.,Dr..Kais. Generalconsul, 
Weimar. 

Rosenberg, Robeit, Kaufmann, Heeger- 
mülile bei Eberswalde. 
Rosenkranz, H., Dr. med., Berlin. 
Rosenthal. L., Dr. med., Berlin. 
Roth. Wilhelm, Dr., Generalarzt, 
Dresden. 

Rüge, Karl, Dr, med., Berlin. 
Rüge. .Max, Dr. phil., Steglitz bei 
Berlin. 

Rüge. Paul, Dr. med., Berlin. 
Rummel, L., Versicherungs-Director, 
Berlin. 

Ruyter, Gustav de, Dr. med., Berlin. 
Sachau, E., Dr., Prof., Berlin. 
Samson. Alb., Bankier, Berlin. 
Sander, .Julius, Dr. med., Berlin. 
Sander, Wilh., Dr. med., Medicinal- 
rath. Dalldorf bei Berlin. 
Sarasin, Fritz, Dr. phil., Berlin. 
Sarasin, Paul, Dr. phil., ]ierlin. 
Sarre. Th., Stadtrath, Berlin. 
Sattler, Dr. med., Fluntern b, Zürich. 
Sauer, H(;rmann, Dr.. Rechtsanwalt, 
B-rlin. 

Saurma-Jeltsch, Baron von, Kaiserl. 
Deulbchcr Gesandter, Haag, Nieder- 
lande. 

Schaal. .\.. .Maler, Berlin. 
Schadenberg, Alex., Gro,ss-Glogau, zur 
Zeit auf den i'hilippineu. 
Scheibler. C, Dr., Prof., Berlin. 



458. 

459. 
460. 
461. 
462. 

463. 
464. 
465. 
466. 
467. 

468. 
469. 
470. 

471. 
472. 
473. 



474. 
475. 

476. 
477. 
478. 
479. 
480. 

481. 
482. 
483. 
484. 

485. 

486. 
487. 

488. 

489. 
490. 

491. 
492. 
493. 



Schellhas, P., Dr. jur., Kammer- 
gerichts-Referendar, Berlin. 
Schemel, Max, Fabrikbesitzer, Guben. 
Scherk, P>nst, Dr. med., Berlin. 
Schierenberg, G. A. B., Frankfurt a.M. 
Schillmann, R., Dr., Schulvorsteher, 
Berlin. 

Schirp, Freiherr Fritz von, Berlin. 
Schlemm, Th., Dr., Sanitätsrath, Berlin. 
Schlesinger, H., Dr. med., Berlin. 
Schlössingk, Georg, Dr. jur., Berlin. 
Schmidt, Colmar, Landschaftsmaler, 
Berlin. 

Schmidt, Emil, Dr. med., Leipzig. 
Schmidt, Oscar, Dr. med., Berlin. 
Schneider, Ludwig, Fabrikdirector, 
Gitschin in Böhmen. 
Schoch, Max, Dr. med., Berlin 
Schöler, H., Dr., Professor, Berlin. 
Schöne, Richard, Dr., Wirkl. Geh. 
Ober-Reg.-Rath, Generaldirector der 
Königl. Museen, Berlin. 
Schönlank, William, Berlin. 
Schröter, Dr. med., Eichberg, Rhein- 
gau. 

Schubert, H., Dr., Generalarzt, Berlin. 
Schubert, W., Kaufmann, Berlin. 
Schuchardt, Theodor, Dr., Görlitz. 
Schütz, W., Dr. med., Prof., Berlin. 
Schütze, Alb., Academischer Künstler, 
Berlin. 

Schulenburg, W. von, Gharlottenburg. 
Schultze, J. C., Fabrikbesitzer, Berlin. 
Schultze, Oskar, Dr. med., Berlin. 
Schultze, Wilhelm, Dr., Oberarzt des 
städt. Krankenhauses, Stettin. 
Schumann, Hugo, pract. Arzt, Löcknitz 
in Poiniiiern. 

Schwabacher, Adolf, Bankier, Berlin. 
Schwartz, W., Dr., Gymnasialdirector, 
Berlin. 

Schwarzer, Dr., Grubenbesitzer, Zilms- 
dorf bei Teuplitz, Kr. Sorau. 
Schweinfurth, Georg, Dr., Prof., Cairo. 
Schweitzer, Dr. med., Daaden, Kreis 
Alten kirchen. 

Schwerin, Ernst, Dr. med., Berlin. 
Seier, Eduard, Steglitz bei Berlin. 
Seile, Gustav, Apotheker, Kosten, 
Provinz Posen. 



(13) 



494. Siebold, Haron Alr-xander v., Tokio, 
Japan. 

495. Siebold. Hciurich von, Tokio, Japan. 
49G. Siegmund, Gustav, Dr., Geh. San.- 

Ratl), Berlin. 

497. Siehe. Dr. med., Krei^phys., Calau. 

498. Siemens, Werner, Dr. phil., Geh. 
Reg.-Rath, Berlin. 

499. Siemering, R., Prof., Bildhauer, Berlin. 

500. Sierakowski, Graf Adam, Dr. jur., 
Waplitz bei Altmark, Westpreussen. 

501. Sieskind, Louis J., Rentier, Berlin. 

502. Simon, Th., Bankier, Berlin. 

503. Simonsohn, Dr. med., Friedrichsfelde 
bei Berlin. 

504. Sinogowitz, Eugen, Apotheker, Char- 
lottenburo;. 

505. Sökeland, Hermann, Berlin. 

506. Sommerfeld, Sally, Dr. med., Berlin. 

507. Sonnenburg, Dr., Prof., Berlin. 

508. Souchay, Weinhändler, Berlin. 

509. Steohow, Dr., Stabsarzt, Berlin. 

510. Steinen, Karl von den, Dr. med., z. Z. 
auf Reisen in Brasilien. 

511. Steinthal, Leop., Bankier, Berlin. 

512. Steinthal, IL, Dr., Prof., Berlin. 

513. Strasser, Major, 1. Artillerie-Ofßcier 
vom Platz, Metz. 

514. Strauch, Corvetten-Capitän,Wilhelms- 
hafen. 

515. Strebe!, Hermann, Kaufmann, Ham- 
burg, Eilbeck. 

516. Strecker, Albert, Kreissecretär, Soldin. 

517. Stricker, Rudolf, Verlagsbuchhändler, 
Berlin. 

518. Struck, H., Dr. med., Geh. Ober-Reg.- 
Rath, Berlin. 

519. Stübel. Alfons, Dr., Dresden. 
5"20. Sükey, Georg, Kaufmann, Berlin. 

521. Tappeiner, Dr. med., Schloss Reichen- 
bach bei Meran. 

522. Teige, Paul, Juwelier, Berlin. 

523. Teschendorff, E. , Geschichtsmaler, 
Berlin. 

524. Tessmar, Wilhelm, Rittergutsbesitzer, 
Eichenhagen bei Weissenhöhe, Prov. 
Posen. 

525. Thorner, Eduard, Dr. med., Berlin. 

526. Thunig, Domänenpächter, Kaisershof 
bei Dusznik, Prov. Posen. 



527. Tiedemann, Rittergutsbesitzer, Sla- 
Ijoszcwo bei Mogihio, Pr. Posen. 

528. Timann. I*'., Dr., Stabsarzt, Berlin. 

529. Tischler, Otto, Dr., Director des Prov.- 
M US. der physik. -Ökonom. Gesellschaft, 
Königsberg i. Pr. 

530. Titel, Max, Ij^iufmaun, Berlin. 

531. Tolmatschew, Nicolaus, Dr. uied., Pro- 
fessor, Kasan, Russlaud. 

532. Török, Aurel von, Dr., Prof., Director 
d. authrop. Museums, Budapest. 

533. Travers, G., Kais. Deutscher General- 
Consul, Sydney, Australien. 

534. Treichel, A., Rittergutsbesitzer, Hoch- 
PaJeschken bei Alt-Kischau, Westpr. 

535. Uhl, Oberstleutnant z. D., Memel. 
53G. Ulrich, R. W., Dr. med., Berlin. 

537. Umlauff, J. F. G., Hamburg. 

538. Unruhe-Bomst, Freiherr von, Landrath 
Woilstein, Pr. Posen. 

539. Vater, Moritz, Dr., Oberstabsarzt, 
Spandau. 

540. Verein, anthropologischer, Feldberg 
Meklenburg-Strelitz. 

541. Verein, anthropologischer, Hamburg- 
Altona, Hamburg. 

542. Verein der Alterthumsfreunde,Gentbin. 

543. Verein, historischer, Bromberg. 

544. Verein, Museums-, Lüneburg. 

545. Virchow, Hans, Dr. med., Berlin. 

546. Virchow, Rudolf, Dr., Professor, Geh. 
Med.-Rath, Berlin. 

547. Vorländer, H., Rittergutsbesitzer, 
Dresden. 

548. Vormeng, C, Dr., Stabsarzt a. D., 
Berlin. 

549. Voss, Albert, Dr. med., Director am 
Museum für Völkerkunde, Berlin. 

550. Waldeyer, Dr., Prof., Geh. Medicinal- 
Rath, Berlin. 

551. Wankel, Heinrich, Dr. med., Olmütz. 

552. Wattenbach, Wilhelm, Dr., Professor, 
Berlin. 

553. Weber, W., Maler, Berlin. 

554. Wedekind, Paul, Kaufmann, Berlin. 

555. Wegener, Eduard, Dr. med., Stettin. 

556. Wegscheider, Dr., Geh. Sanitätsrath, 
Berlin. 

557. Weichand, H., Kaufmann, Frankfurt 
a. Main. 



(14) 



538. 
559. 
56U. 
561. 
56-.'. 

5Gö. 
564. 

565. 
56i;. 

667. 

56s. 
569. 

570. 

571. 

57-2. 
573. 

574. 



Weigel. Max, Dr. pbil., Berlin. 

Weigelt. Curt. Dr. phil., Berlin. 

Weineck. Dr., Kector, Lübben. 

Weisbach, Valentin, Bankier, Berlin. 

Weiss. 11., Professor, Geb. Reg.-Rath, 

Berlin. 

Weisser. P.. Dr. med., Berlin. 

Weisstein, Hermann. Reg.- Bauführer, 

Berlin. 

Weithe. Dr. med., Bromberg. 

Wensiercki-Kwilecki, Graf, Wroblewo, 

bei Wrouke, Pr. Posen. 

Werner, F., Dr. med., Sanitätsratb, 

Berlin. 

Wessely, Hermann, Dr., Berlin. 

Westphal, Dr., Prof., Geh. Medicinal- 

rath, Berlin. 

Wetzstein, Gottfried. Dr., Consul 

;i. D.. Berlin. 

Wiechel, Hugo, Betriebs-Ingenieur, 

Dresden-Neustadt. 

Wilke, Theodor, Rentier, Guben. 

Wilski, H., Director, Rummelsburg 

bei Berlin. 

Witt, N.M., Stadtrath, Charlotten bürg. 



575. 

576. 
577. 
578. 
579. 
580. 
581. 

582. 

583. 
584. 
585. 
586. 
587. 

588. 

589. 

590. 

591. 



Wittgenstein, Wilhelm von, Guts- 
besitzer, Berlin. 

Wittmack, L., Dr., Prof., Berlin. 
Woldt, A., Schriftsteller, Berlin. 
Woiff, Alex., Stadtrath, Berlin. 
Wolff, Max, Dr., Prof., Berlin. 
Woiff, Roinh. F., Kaufmann, Berlin. 
Wolffhügel, G.. Dr. med., Regierungs- 
ratli, IJerlin. 

Woworsky, Anton, Rittergutsbesitzer, 
Berlin. 

Wredow, August, Prof., Berlin. 
Wutzer, H., San.-Rath, Dr., Berlin. 
Zabel, Dr., Gymnasiallehrer, Guben. 
Zadek, Ignaz, Dr. med., Berlin. 
Zandt, Walther, Freiherr von, Leut- 
nant, Berlin. 

Zenker, Wilhelm, Dr., Kreisphysikus 
a. D., Bergquell-Frauendorf b. Stettin. 
Zierold, Rittergutsbesitzer, Mietzel- 
felde bei Soldin. 

ZintgrafT, Eugen, Dr. jur., z. Z. in 
Afrika. 
Zülzer, W., Dr. med., Prof., Berlin. 



Schriften-Tauschverkehr. 

Erste Fortsetzung der Uebersicht für 1886, Verhandlungen S. 14-16. 



I. Dentsclilaud. 

Dan zig. Naturforscbende Gesellschaft: Schriften der n. G. 

Trier. (Gesellschaft für nützliche Forschungen: a) Jahresbericht der G. f. n. F. — 

b) Westdeutsche Zeitschrift und Correspondenzblatt für Geschichte und 

Kunst. 

II. Europäisclies Ausland. 

Oesterreich-Uugarii. 

Triest. Societä Adriatica di Scienze naturali: Bollettino della S. A. d. S. n, 
Wien. K. K. naturhistorisches Hofmuseum: Annalen des K. K. n. H. 

Schottland. 

Kdinburgh. Scottish Geographical Society: Scottish Geographica! Magazine. 

Schweiz. 

Aar au. Mittelschweizerische Geographisch -Commercielle Gesellschaft: Fernschau. 
Zürich. Antiquarische Gesellschaft: a) Mittheilungen der A. G. — b) Anzeiger 
für schweizerische Alterthumskunde. 



(15) 

III. Aincrilia. 

Davenport, Iowa, U. S. A. Daveuport Acailomy of Natural Sciences: IVocee- 

dings of tlie Ü. A. o. N. S. 
Philadelphia, Penn'a, U. S. A. American Philosophical Society: Proceedings 

of the A. Ph. S. 
Habana, Cuba. Sociedad Autropologica de la Isla de Cuba: iiftletin de la S. A. 

d. 1. I. d. C. ^'^ 

Veränderung und Verbesserungen zur Uebersicht für 1886. 

Rom. Kais, deutsches archaeologisches Institut; dasselbe liefert jetzt statt der früher 
aufgeführten Werke nur noch: Mittheilungen, Römische Abtheilnng 
(BuUcttino, Sezione Komana). 

Lissabon. Sociedade de Geographia: liefert ausser detti Boletim noch: Actas. 

Cordoba, Republica Argeutina. Academia Nacional de Ciencias, streiche b) Actas. 



Sitzung vom 15. Januar 1887. "*" ' 
Vorsitzender Hr. Virchow. 

(1) Es findet die Wahl des Ausschusses für 1887 in statutenmässiger 
Weise statt. Gewählt werden die Herren Kon er, G. Fritsch, F. Jagor, Üeegea, 
E. Friedel, Wetzstein, Steinthal, W. Reiss und W. Schwartz. 

(2) Als neue Mitglieder werden angemeldet: 
Hr. Dr. phil. Moritz Lewin, Berlin, 

„ Hermann Sökeland, Berlin. 

„ Dr. phil. A. Bässler, Berlin. 

„ Dr. med. Hermann Engel, Berlin. 

„ Kgl. Bergrath a. D. Adolf Aschenborn, Berlin. 

„ Abd-es-Saläm Ben Abd-es-Rhamäu aus Fes in Marokko, z. Zeit 

in Clausthal im Harz. 
„ Dr. Pena y Fernandez aus San Salvador, Berlin. 
Der historische Verein zu Bromberg. 
Hr. Dr. Don Jose Risal aus Luzon, Berlin. 
„ Oberst z. D. C. Rose, Berlin. 
„ Dr. 0. Tischler, Königsberg i. Pr. 
„ Geh. Commerzienrath Ed. Joest, Cöln. 
„ Maler Colmar Schmidt, Berlin. 
„ Dr. 0. Hörn, Kreisphysicus, Tondern. 

„ Max Freiherr von Oppenheim, Regierungsreferendar, Rüdesheim. 
Gestorben sind: am 11. October 1886 Dr. Ab bot, Berlin; am 25. Dezember 1886 
Dr. Wasmausdorff, Berlin. 

Hr. H. ten Kate sendet aus Algier, 30. Dezember 1886, ein Dankschreiben 
für seine Wahl zum correspondirenden Mitgliede. 

• 

(3) Der Vorsitzende begrüsst den in der Sitzung anwesenden Capt. Langen 

von den Key-Inseln und dankt demselben für die Zuwendungen an die Gesellschaft. 

(4) Aus Florenz, 20. November 1886, ist die Anzeige von der Gründung einer 
italienischen asiatischen Gesellschaft eingegangen. Dieselbe wird in dem 
dortigen Indischen Museum im Institut der höheren Studien tagen. Der König 
hat das Protectorat übernommen. Das Präsidium besteht aus den HHrn. Graf 
A. de Gubernatis, Lasinio und Puini; als General-Secretär fungirt Professor 
Em. Schiaparelli. Am 14. November hat die feierliche Eröffnung stattgefunden. 

(5) Hr. P. Schellhas übersendet folgende Mittheilung über 

Maya-Hieroglyphen. 

Hr. Dr. Ed. Sei er hat in einem Vortrage (in der Sitzung vom 17. Juli 1886, 
S. 416 der Verhandlungen im vorig. Jahrg. der Zeitschrift) einige Bemerkungen 

Verhandl. der Bcrl. Aiithropol. Gescüscliiift 1887. 2 



(18) 

weknüpft an meine Abhandlung über die Dresdener Mayahandschrift (S. 12 ff. der 
Zeitschr. f. Ethnol. 188G), worin ich versucht hatte, gewisse Hieroglyphen mit be- 
stimmten mythologischen Figuren in Beziehung zu bringen. Der wesentlichste Punkt 
dieser Bemerkungen ist, dass Hr. Dr. Seier in dem von mir mit ß bezeichneten 
sog. „Gotte mit der Schlangenzunge" nicht den Kukulcan der Mayas, sondern eine 
dem aztekiscben Regengott Tlaloc entsprechende Gottheit sehen will. 

Zunächst sei erwähnt, dass es wohl auf einem Missverständniss beruht, wenn 
Dr. Seier voraussetzt, ich hätte behauptet, der Gott B habe die Zunge einer 
Schlange. Vielmehr dürfte der von mir gebrauchte Ausdruck „die schlangen- 
förmige Zunge" wohl nicht anders zu verstehen sein, als er gemeint war, nehmlich, 
dass die Zunge die Form einer Schlange habe. Und eine solche „schlangen- 
förmige Zunge" d. h. eine Schlange als Zunge, ist ja auch in der That eine Eigen- 
thümlichkeit des aztekischen Tlaloc sowohl, als der Figur B des Codex Dresdensis. 
Man muss bei aufmerksamer Vergleichung beider Göttergestalten der Ansicht Dr. 
Seler's, was die Darstellungen anlangt, unzweifelhaft beipflichten; die üeber- 
einstimmung ist evident und ist auch schon früher constatirt worden. So bezeichnet 
z. B. Cyrus Thomas in dem Study of the Ms. Troano die Figur Dresd. p. 25 
unten links ausdrücklich als einen „Tlalockopf (während L. de Rosny die an- 
scheinend identische Gestalt im C. Gortesianus „dieu au long nez et ä la torche" 
nennt). Indessen geht doch die Symbolik des Gottes B im Cod. Dresd. vielfach 
über die dem aztekischen Tlaloc beigelegten Attribute hinaus, und eben diese reiche 
Symbolik scheint für eine Gottheit von universellerer Bedeutung, als der Tlaloc, zu 
sprechen. Auch sind endlich für die Zulässigkeit einer Debertragung der aztekischen 
Mythologie auf die Darstellungen der Mayas doch nur sehr geringe Anhaltspunkte 
vorhanden. 

"Wenn also auch nach den Ausführungen des Hrn. Dr. Sei er an der Identität 
der Darstellungen des Gottes B mit denen des Tlaloc und an der Aehnlichkeit 
eines Theiles der Symbolik kein Zweifel sein kann, so ist dadurch die Möglichkeit, 
dass unter diesen Tlaloc-Darstelluugeo des Cod. Dresdensis dennoch eine andere 
Gottheit zu erblicken sei, nicht ausgeschlossen. Denn auch Kukulcan-Quetzalcoatl 
erscheint als Gott der 4 Winde, als Wettergott (vgl. Bastian, Culturländer des 
alt. America, II, 485) und es ist nicht unmöglich, dass er bei den Mayas in dieser 
Gestalt dem aztekischen Tlaloc entspricht. 

Jedenfalls erleidet die Lösung der Hauptaufgabe, die ich mir gestellt hatte, 
die Beziehung gewisser Hieroglyphen auf die fragliche Götterfigur, dadurch keine 
Modification. 

Zweifelhaft dürfte es weiter wohl sein, ob dem aztekischen Tlaloc bei den 
Mayas die vier Chac entsprechen, wie Dr. Sei er annimmt. Denn die Chac sind 
wahrscheinlich Gottheiten niederen Ranges, die den Regen- und Windgott begleiten 
und die vier Weltgegenden und Windrichtungen symbolisiren, ähnlich wie die vier 
Winde, die Aeolus nach der späteren griechischen Mythologie als seine dienstbaren 
Geister unter sich hat. Die Chac sind vielmehr (nach den Untersuchungen Cyrus 
Thomas') wahrscheinlich in Darstellungen, wie Dr. 25 — 28, Cort. 41, 42, zu suchen. 
Hieran anknüpfend möchte ich ein neues Resultat in der Deu- 
tung der Gottheiten des Cod. Dresdensis erwähnen, welches wir 
Hrn. Prof. Forste mann verdanken. Es handelt sich um die in 
meiner Abhandlung mit D bezeichnete Gottheit (den „Gott mit 
dem Greisengesicht"), deren Hieroglyphe die nebenstehende ist 
(s. S. 57 meiner Abhandig.). 




(19) 

Herr Förstemann faud nehmlich , dass der in dieser Hieroglyphe als 
deren wichtigster Bestandthoil vorkommende Kopf mit gerändertem Auge (ähnlich 
dem Tlaloc-Auge) mit deiiijcnigeu Zoichen identisch ist, in welchem ich den Mond 
erkannt hatte (S. 71 der Abhdlg.), während Hr. Förstemann („Erläuterungen 
zur Mayahaudschrift der Königl. öffentl. Bibliothek zu Dresden", Dresden 1886, S. 4) 
gleichzeitig darin das Zeichen für den Zeitraum von 20 Tagen entdeckte (Mond = 
Monat = 20 Tage). In der That sieht man an manchen Stel^^.ü selir deutlich, dass 
die Hieroglyphe des Gottes D das Zeichen des Mondes enthält (z. B. Dr. p. 8 unten, 
p. 14 Mitte (f) und unten, p. 15 unten). Der „Gott mit dem Greisengesicht" ist 
unzweifelhaft der Mondgott. Es kommen noch einige Umstände hinzu, die dies 
bestätigen. 

Die Hieroglyphe des Gottes enthält nehmlich ferner auch das Tageszeichen akbal 
(vor der Stirn des Mondgesichtes). Die Bedeutung dieses Tageszeichens ist höchst 
wahrscheinlich „Nacht", „Dunkelheit". Es entspricht ihm in Michoacan das Tages- 
zeichen ettuni in der Bedeutung „schwarz", worauf schon Schultz-Sellack (Bd. 11 
der Zeitschr. f. Ethnol.) aufmerksam gemacht hat. Danach dürfte akbal wohl von 
dem Mayawort akab, „Nacht", „Dunkelheit", herzuleiten sein. Der Mondgott ist aber 
zugleich Nachtgott, wie bei den Azteken der Metzli oder Joaltecutli. Er ist ferner 
auch Gott der Geburten, und trägt als solcher die Schnecke auf dem Kopfe, als 
Symbol des (wie die Schnecke aus dem Gehäuse) aus dem Uterus herauskriechenden 
Kindes (Bastian, Culturländer II, 605). So ist denn auch der Mondgott im Dres- 
densis p. 5 unten mit der Schnecke auf dem Haupte dargestellt. Es sei auch er- 
wähnt, dass dieser Mondgott im Dresdensis nicht selten mit Frauen zusammen 
vorkommt (so p. 9 Mitte, wo er einer Frau gegenüber sitzt, während seine Hiero- 
glyphe allein sich bei den Frauen auf p. 18 zwei Mal findet), offenbar in seiner 
Eigenschaft als Geburtsgott. Endlich ist es nicht unwahrscheinlich, dass die in 
sorgfältig ausgeführten Varianten der Hieroglyphe des Gottes (wie die oben abge- 
bildete) unterhalb des Mondgesichtes befindliche bogenförmige F'igur den Mond in 
seinem Viertel darstellen soll. Es spricht dafür noch die interessante Thatsache, 
dass in Landa's Alphabet eine ganz ähnliche mondviertelförmige Figur gegeben ist, 
mit dem phonetischen Werthe ü. U heist der Mond in Maya. (Vgl. 
American antiquarian, vol. VIII. Chicago 1886, p. 351.) 

Hr. Dr. Sei er spricht in seinem Vortrage noch die Vermuthung aus, dass die 
Namen der Tageszeichen bei den Mayas vielleicht aus der Quiche-Sprache her- 
stammten. Das ist an sich nicht unmöglich, indessen möchte ich es in etwas 
modificirtem Sinne verstehen. Maya und Quiche sind nahe verwandte Sprachen. 
Wenn nun, was wohl als sicher anzunehmen ist, die Namen der Tageszeichen in 
beiden Sprachen uralte Wortstämme enthalten, so ist es allerdings wahrscheinlich, 
dass sie aus einer Zeit stammen, als das Maya und das Quiche sich noch nicht als 
gesonderte Aeste von dem gemeinsamen ürstamm abgezweigt hatten, so dass aus 
diesem Grunde die Tagesnamen der Mayasprache auf die des verwandten Quiche 
hindeuten. 

Endlich sei mir noch gestattet, zu erwähnen, dass die Deutung des Tages- 
namens chicchan als eines irgendwie auf die Schlange bezüglichen Wortes in 
meiner Abhandlung S. 20 und die Beziehung desselben auf den Gott H (S. 63 u. 
64 das.) eine weitere Bestätigung findet durch den Umstand, dass nach Brasseur 
Cod. Troano, Tom. I, p. 75 chic-chan in der Tzendalsprache bedeutet: „serpent qui 
se manifeste en s'elevant", von „chan, serpent, permutatiou du mot can, maya 
et quiche". 

2* 



(20) 

(6) Hr. Max Uhle übersendet mittelst Schreibens aus Dresden vom 17. December 
folgende Mittbeilung über eine 

Kupferaxt von S. Paulo, Brasilien. 

Ich verdanke Herrn R. Krone, welcher kürzlich von einem längeren Aufenthalt 
in Sab Paulo, Brasilien, zurückgekehrt ist, die Mittheilung über eine interessante, 
offenbar prähistorische, kupferne Axt, welche in dortiger Gegend gefunden sein soll. 
Die Mittheilung mit den mir kundgewordenen Umständen des Fundes scheint mir 
so wichtig, dass ich daraus die Erlaubniss schöpfen möchte, der Berliner Gesellschaft 
von dem merkwürdigen Funde Mittheilung machen zu dürfen. 

Die kupferne Axt ist auf Primera ilha, einer kleinen Insel im Ribera Fluss, 
welcher ein kleiner Küstenstrom von ca. 40 Meilen (300 km) Länge in Sao Paulo, 
Brasilien, etwa unter 20° s. Br. ist, gefunden. Auf dem Nebenkärtchen zu Tafel 85 
des Andree'schen Handatlas findet sich der Fluss als Iguape, nach Lage und 
Richtung sonst richtig bezeichnet, wieder. Nach einer auf späteren Vermessungen 
beruhenden neueren Karte, welche ich einsehen konnte, liegt an der Stelle, wo auf 
der Andree'schen Karte Xiririca bezeichnet ist, Primera ilha, der Fundort der Axt. 
Xiririca, eine kleine Stadt von ca. 2000 Einwohnern und immerhin der nächste 
bewohnte Ort in der Nähe der Fundstelle, ist auf der Karte richtiger um einige 
Meilen weiter westlich zu denken. Der Ribera schwillt in der Regenzeit bis zu 
einer Breite, wie die gewöhnliche der Elbe bei Dresden, bei Primera ilha an. Von 
seiner Mündung bis weit oberhalb der Fundstelle der Axt aufwärts ist er schiffbar. 

Die Axt, von welcher eine Umrisszeichnung in natürlicher Grösse, welche für 
den Eindruck genügen möchte, ich beilege, ist aus den Lebmschichten von Primera 
ilha durch einen, Hrn. R.Krone persönlich bekannten alten Mann, einen Bauer, 
hervorgezogen worden, über dessen Zuverlässigkeit keine Zweifel aufkommen sollen. 
Weitere Nachforschungen haben nicht stattgefunden. Die Axt, welche der Angabe 
nach mit einer mehr als 1 mm dicken, wunderschön grünen, glänzenden Patina über- 
zogen ist, kam in den Besitz eines Mannes, welcher sie für Gold geschätzt haben 
soll. Es gelang aber den Bemühungen eines deutschen Ingenieurs, Hrn. Dr. Bauer, 
sie trotzdem an sich zu bringen. Er schenkte sie an das Museum von Rio de 
Janeiro, wo sie sich jetzt befindet. 

Die Gestalt und die Patina der Axt beweisen, dass man es mit einem offenbar 
altperuanischen Erzeugniss zu thun hat. Im Atlas zu Rivero y Tschudi, Antiguedades 
peruanas 1851 ist eine fast vollständig gleiche Axt, die in Peru gefunden ist, auf 
lam. XXXIV, Fig. 6 abgebildet. Selbst in der Grösse sind beide Objecte nur minimal 
verschieden. Ausserdem ist wesentlich nur ein Unterschied in der Farbe (grüne 
Patina gegenüber bronzener Farbe an dem abgebildeten Stück) vorhanden. 

Ich machte darum Hrn. Krone die ailerbestimmtesten Zweifel an der Aechtheit 
und Richtigkeit der Provenienz des Stückes geltend, indem ich mir nicht denken 
konnte, wie ein offenbar altperuanisches Erzeugniss in alter Zeit nach Ost-Brasilien 
gelangt sein sollte. Hr. Krone bestritt mir aber auf das Bestimmteste das Vor- 
handensein und selbst die Möglichkeit einer Täuschung. Die ganze Gegend, wo 
das Stück gefunden sein soll, sei meilenweit unbewohnt und uncultivirt. Es gäbe 
dort weder Jemand, den man mit so Etwas zu täuschen versucht sein könne, noch 
Jemand, der selbst eine solche Täuschung unternehmen könne. Auch die Person des 
unmittelbaren Finders bürge für die Zuverlässigkeit des Fundorts. 

Gegenüber so bestimmten Aeusserungen wage ich für den Augenblick um so 
weniger den bestimmten Glauben an die Unächtheit der Provenienz des Stückes 
von Primera ilha aufrecht zu erhalten, als nur zu bekannt ist, dass v?ir über die 



(21) 




Natürliche Grösse. 

früheren Culturverhältnisse des südamerikanischen Ostens noch äusserst mangelhaft 
und unzureichend informirt sind. Es ist bekannt, dass Martins die These 
einer früheren, viel höheren Cultur in Ost-Brasilien, — bei der man natürlich fragen 
würde, woher sie kam, — auf Grund gewisser Culturzeichen mit Leidenschaft ver- 
treten hat. "Wir wissen eben noch zu wenig über den Osten Südamerikas, um über 
solche Erscheinungen schon zur Tagesordnung übergehen zu können. 

Im Umkreis von ca. 10 Meilen um die Fundstelle liegen zahlreiche Sam- 
baquis, in denen Steinäxte gefunden sind. Unter anderem hat Hr. Krone von 
einem solchen auch eine steinerne Schale mitgebracht, die der Form und dem Grade 
der Perfection nach immerhin an weit westlich in Südamerika Gefundenes erinnern 
könnte. Wie die peruanische kupferne Axt in die Gegend gelangt sein könnte, ist 
mir ein Räthsel. Bei den Xarayes am oberen Paraguay (s. Waitz, Anthropologie 
der Naturv. 1862, 3, 434 ff.) hatte sich die peruanische Cultur einzunisten ange- 
fangen. Doch wären von da bis zur Fundstelle der Axt immer noch weit über 
100 deutsche Meilen. Da die Axt im Lehm, den der Fluss mit sich führt, gefunden 
sein soll, so würde auch nicht ausgeschlossen sein, dass sie eine Strecke weit von 
der Stelle, wo sie verloren ging, von dem Flusse ostwärts geführt wurde. Weit 
kann dies nicht geschehen sein, da der Fluss nur ca. 300 km lang ist. Der andere 
Weg, auf dem man die Axt (durch Ansiedler?) in die Gegend gekommen denken 
könnte, wäre der Seeweg. Die Fundsstelle befindet sich etwa 12 Meilen oberhalb 



(22) 

der Münduag des Flusses, üebrigens gab es einmal auch noch eine andere kupferne 
Axt, welche, weit ausserhalb des peruanischen Culturgebiets beobachtet, aufCultur- 
einfluss von da hinwies. Orellana fand bei einem Volke, w^elches die Omaguas in 
der Gegend von Tabatinga am Amazonenstrom gewesen sein müssen, etwa 100 Meilen 
östlich von Chachapoyas (das nahe der östlichen Grenze des altperuanischen Cultur- 
gebiets lag) eine kupferne Axt ganz von der Art der peruanischen (s. Oviedo, 
Historia general y natural de Indias 1851, L cap. XXIV; 4, 556). 

(7) Herr Dr. 0. Finsch in Bremen schickt folgende Abhandlung über 

Canoes und Canoebau in den Marshall-Inseln. 

Zu den Kunstfertigkeiten der Naturvölker, welche im gesteigerten Verkehr der- 
selben mit der Civilisation zuerst in Verfall gerathen, gehören in hervorragender 
Weise die, welche den Bau von Fahrzeugen betreffen. Während meines Aufent- 
haltes in der Marshallgruppe 1879 und 1880 bemühte ich mich daher, Alles hierauf 
Bezügliche in möglicher Vollständigkeit zu erlangen, und ich gebe im Nachstehenden 
eine Zusammenstellung der diesbezüglichen Resultate. Dieselben werden zeigen, dass 
es selbst vor wenigen Jahren nicht mehr möglich war. Alles zu erlangen, da z.B. voll- 
ständige Muscheläxte nicht mehr zu haben waren, und sie werden den Beweis liefern, 
wie schnell durch den Einfluss des weissen Mannes alle Originalität verschwindet. 

Die an das Königliche Museum für Völkerkunde eingesandten Gegenstände, 
welche den Schiffsbau und die Schifffahrt der Marshall-Insulaner veranschaulichen, 
sind folgende: 

Nr. 1592. „ü-a" (Wa), grosses Segel-Canoe von Jaluit, aus Brotfruchtbaum, 
noch mit Muscheläxten gezimmert; mit Ausleger, Segel, Ruder, Wasserschöpfer, 
mit einem Wort complet mit allem Zubehör; am 22. Mai 1880 von mir gekauft. 

Nach monatelangem vergeblichem Handeln um ein solches Canoe in brauch- 
barem Zustande gelang es mir endlich, und zwar nur durch die damaligen Kriegs- 
verhältnisse auf Jaluit unterstützt, dies Canoe zu erstehen. Der „König" Kabua, in 
Krieg verwickelt, nahm plötzlich sein Versprechen, mir ein Canoe zu verkaufen, zurück, 
da seine ohnehin schwache ^Flotte" (13 Canoes) dies nicht gestattete. Da die 
Gegenpartei unter dem Häuptling Loik mehr Canoes, aber kein Geld besass, so Hess 
sich diese Partei endlich zu dem Kaufe willig finden, und nur diesem Umstände 
hatte ich nach endlosem Handeln den Erfolg zu verdanken. — Jetzt dürfte es wohl 
kaum mehr möglich sein, ein solches Canoe zu erhalten, da diese Art von Fahrzeugen 
immer mehr in Abnahme gekommen ist, überhaupt nie in sehr grosser Anzahl 
vorhanden war. So besass ganz Jaluit, d. h. das ganze Atoll mit ca. 1400 Ein- 
wohnern, etliche 30, und die Flotte von Ebon zählte 13 solcher Fahrzeuge. Die 
Hauptursache des schnellen Verschwindens dieser in ihrer Art wunderbaren Fahr- 
zeuge liegt in dem gesteigerten Verkehr mit Weissen und der Verbreitung einer 
sogenannten Civilisation. Brachte die letztere den Eingebornen auch vollkommenere 
Werkzeuge, so brachten sie die Leute in ihren eigenthümlichen Fertigkeiten und 
Arbeiten nicht vorwärts, sondern zurück, — eine Erscheinung, die ich in der Südsee 
an verschiedenen Orten zu beobachten Gelegenheit hatte. 

Schon im Jahre 1879 waren es eigentlich nur die „Alten", welche vom Canoe- 
bau noch etwas verstanden, aber der jüngeren Generation war diese Kenntniss 
bereits ziemlich oder ganz verloren gegangen. Die Eingebornen zogen es vor, mit 
europäischen Schiffen benachbarte Inseln zu besuchen, und da sie die Ueberlegen- 
heit dieser Schiffe zur Genüge kennen gelernt hatten, bemühten sie sich, solche zu 
erwerben. So kauften die Häuptlinge von Jaluit im Jahre 1879 einen kleinen 




Segelcanoe, Vorderansicht, nach photographischer Aufnahme. 
a Rumpf, b Ere. c Kubak. e Rong. / Billebil. g Gidju, Mast, h Wudjela, Segel. 
/ Do Kubak. k Gag. / Man. m Bellik. 
Grösste Länge des Kiels 4,24. Grösste Länge von Spitze zu Spitze 5,28. Grösste Breite 0,55. 
Grösste Höhe 0,77. Länge des Auslegers 4,34. Höhe des Mastes 4,97. Länge des Ober- 
baumes, Segel 5,56. Länge des ünterbaumes, Segel 5,56. Grösse der Brücke 1,30 x 3,32. 

Figur 2. 




Segelcanoe, Seitenansicht, nach photographischer Aufnahme. 
a a Rumpf, b Ere. c Kubak. d Bedak. g Gidju. Ii Wudjela. / Dokubak. k Gag. m Bellik. 



(24) 

Schuner von 18 Tons, mit dem sie eine erste Fahrt nach Ebon machten. Diese 
Insel ist nur 95 Seemeilen von Jaluit entfernt und wurde noch 1880 nicht selten 
von Canoes besucht, die zu dieser Reise etwa 1 Tag brauchten. Die Eingebornen, 
unbekannt mit Navigation und der Handhabung eines europäischen Schififes, erreichten 
Ebon nicht, sondern landeten nach 17tägiger Fahrt unter unsäglichen Leiden auf 
der Insel Faraulap, westliche Carolinen, in einer Distanz von 1500 Seemeilen!! Mit 
ihren eigenen Canoes pflegte es ilinen zuweilen nicht besser zu gehen. So verliessen 
Anfang August 1880 sieben der grössten Canoes Jaluit, um nach ihrer Heimathinsel 
Ebon zu segeln, erreichten aber nach fast vierwöchentlichem planlosem ümherkreu.zen 
die Insel Milli, wo in Folge des erlittenen Hungers und Durstes von 50 Ein- 
gebornen dieser Canoeflotte 12 starben. In Begleitung von 11 Canoes von Milli 
segelte man am 25 September aufs Neue von dort ab und erreichte in 2 Tagen 
glücklich Jaluit. Von hier brach die vereinigte, jetzt 18 Canoes starke Flotte am 
9. Oetober abermals nach Ebon auf. In einer heftigen Bö gingen 4 Canoes ver- 
loren; die übrigen hielten tapfer zusammen, bemühten sich aber vergeblich, Ebon 
oder überhaupt Land zu finden. Erst am 6 November, also nach fast vierwöchent- 
lichem Umhertreiben, sahen sie die Insel Namurik der Marshallgruppe. Entkräftet 
vor Hunger nahmen sie sich nicht Zeit, die Leeseite der Insel aufzusuchen, wo 
eher ein sicheres Landen zu bewerkstelligen ist, sondern rannten auf der Wetter- 
seite der Insel aufs Riff, wo sämmtlicbe Canoes zerschellten!! Diese That- 
sachen und ein Blick auf die Karte werden zeigen, was von der Steuermannskunst 
der Marshallaner und ihren „Seekarten" (S. 29) zu halten ist. Immerhin gehören 
die Canoes der Marshallaner zu den eigenartigsten und in mancher Hinsicht voll- 
kommensten Modellen der Schiffsbaukunst des Pacific, so dass ich mich glücklich 
schätzen darf, wenn es mir möglich war, ein solches Fahrzeug für das Königliche 
Museum in Berlin noch gerettet zu haben, meines Wissens das einzige 
volUständige, welches überhaupt in einem Museum existirt. 

Das von mir eingesandte Canoe gehört übrigens nicht zu den grössten, sondern 
es giebt oder gab grössere. Doch sind letztere sehr selten, da sich schon der ßrod- 
fruchtbaum nur beschränkt und noch seltener in geeigneter Grösse auf den Inseln 
findet. Man darf sagen, dass, vielleicht mit Ausnahme der nördlichsten Inseln, kein 
Canoe mehr auf den Marshalls-Inseln gebaut wird. Die grossen Canoes waren meist 
Eigenthum der Häuptlinge, welche ihre Hörigen zum Fällen der Bäume, bezw. zum 
Zimmern und Bauen der Canoes anstellten, und es bedarf wohl nicht erst Erwähnung, 
dass der Bau eines solchen Canoes nur mit Muscheläxten eine sehr lange Zeit in 
Anspruch nahm. Da die Eingebornen von Zeit nur sehr schlechte Begriffe haben, 
gelang es mir nicht, annährend sichere Daten zu erfahren. 

Die Werkzeuge zum Bau der Canoes waren im Wesentlichen folgende: 

Mellah, Axt mit Holzstiel und einer Klinge von Muschel (Tridacna). 

Es gelang mir nicht mehr, eine vollständige Axt zu erlangen, 
da die Eingebornen schon genügend eiserne Beile und Aexte besassen. Alles, was 
ich noch erlangte, waren: 

Nr. 1524. eine Axtklinge aus Tridacna. (Letztere „Medjenorr.") 
„ 824. eine desgl. 

„ 152G. eine desgl., Fragment (von mir selbst gefunden). 
,„ 572. ein hölzerner Axtstiel (Fig. 4). 

Die letzteren wurden 1879 noch zuweilen mit einem, mittelst Bindfaden be- 
festigten Hobeleisen als Klinge benutzt. 

Die Muscheläxte der Marshallaner stimmen übrigens ganz mit denen in den 
Carolinen überein, wo diese Art Geräth ebenfalls als antik zu betrachten ist, 



(25) 



Fig[ur 4. 



Hl 




;iiL=_-i:i^ 




Figur 5. 



Figur 6. 





Figur 3: Mellah, VI. 6374 (alte Nr. 1387), V4 natürlicher Grosse. Figur 4: Hölzerner Axtstiel, 
VI. 5837 (alte Nr. 572), Vj^ natürlicher Grösse. Figur 5: Muscholaxt aus Tridacna mit Holz- 
stiel, Kushai, VI. 5057, Yj^ natürlicher Grösse. Figur G: Muschelaxt aus Terebra mit Holz- 
stiel, Nuguoro, VI. 6638 (alte Nr. 1478), V4 natürlicher Grösse. 

wenigstens soweit die östlichsten Inseln in Betracht kommen. So erhielt ich auf 
Kushai (Ualau) nur eine einzige. 

Nr. 1386. Axt mit Holzstiel und Klinge von Tridacna; ausserdem aber 
21 Axtklingen von Tridacna (Nr. 1387 (Fig. 3), 1387a, 1387b, 1387c), wohl die 
letzten, welche hier überhaupt zu erlangen sind. Dieselben stimmen in der Form 
ganz mit solchen aus gleichem Material, z. B. 

Nr. 1478 (1 Stück) von Nuguoro (Fig. 6), und, wie ich hinzufügen will, mit 
solchen von den Salomons-Inseln überein. 

Zum Auszimmern der Höhlung des Canoes bediente man sich übrigens mit 
Vorliebe der Aexte mit einer halbzirkelförmigen Muschelschneide aus Terebra- oder 



(26) 

Mitramuschel, wie ich solche 1885 noch in Neu-Irland in Gebrauch sah, da solche 
zu diesem Zwecke geschickter sind, als eiserne Aexte. 

Alles, was ich in dieser Richtung noch erlangen und für das Königl. Museum 
sichern konnte, waren: 

Nr. 1389. 1 Muschelaxtklinge von Mitramuschel. Kushai. 
, 1390. 1 „ y, Cassismuschel. „ 

„ 1478 b. 2 „ „ Terebramuschel. Nuguoro. 

„ 1478 a. 1 „ mit Holzstiel von Terebramuschel. Nuguoro. 

Es mag bemerkt sein, dass ich nirgends in der Südsee Sägen oder sägenähnliche 
Werkzeuge bei den Eingebornen fand. Sie werden selbst vom russischen und 
albanesischen Zimmermann nur mehr ausnahmsweise gebraucht, da auch diese 
Leute fast Alles, auch das Durchschneiden von Brettern, mit der Axt besorgen. 



Figur 7. 




Figur 8. 




Figur 7: VI. 5875 (alte Nr. 575), V^ natürlicher Grösse. Figur 8: VI. 5833 (alte Nr. 1531) 

Vß natürlicher Grösse. 



Nr. 575. „Luit," eine Art Hammer oder Klopfer aus hartem Holz (Fig. 7). 

Nr. 1531. „Dribal," ein Drillbohrer zum Drehen (Fig. 8). Statt der jetzt all- 
gemein ijblichen Spitze aus Eisen benutzte man früher solche aus Haifischzahn oder 
einem Stift aus Tridacna. Als Bohrer wurden auch: 

Nr. 821. „Aurak," die spitzen Arme von Pteroceras lambis, benutzt. 

Beschreibung des Canoe (Fig. 1 und 2). 
ä) flU-a," der hölzerne Rumpf aus dem Holz des Brodfruchtbaumes. Je nach 
der Grösse und Passlichkeit des letzteren Materials aus einem Kiel- und mehreren 
Seitenstücken bestehend, daher jedes Oanoe eine andere Zusammensetzung der 
Rumpftheile zeigt. 



(27) 

b) „Ere," Auslegergerüst. 

c) „Kubak," Auslegerbalken oder Balancier. 

d) „Bedak," Plattform und 

e) „Rong," Plattform mit 

ff) „Billebil," Häuschen aus Pandanusgeflecht, je nach der Grösse des Canoe 
mit einem, seltener zweien. Sie sind nur sehr klein und gewq^bren nur wenigen 
Personen Unterkommen während der Nacht oder bei schh^chtem Wetter. Die 
Mehrzahl der Reisenden hockt auf der Plattform. 

g) „Gidju" (Gidschu), Mast. 

h) „Wudjela" (Wudschela), Segel aus Pamianusblatt geflochten, aufgerollt und 
mit einer Matte (Hatero) bedeckt. 

i) „Do Kubak," Taue vom Mast zum Ausleger. 

k) „Gäg," Taue vom Mast zum Segel. 

1) „Man," 2 Taue. 

m) „Bellik," Verzierungen der Canoespitzen. 

Zum Canoe gehört noch: 

Nr. ? „Dschewe," Steuerruder. 

Nr. 792 und 574. „Linn," Wasserschöpfer. Da die Canoes ohne Anwendung 
von Harz oder Pech gebaut sind und zwischen die Fugen nur Streifen von Pan- 
danusblatt gelegt werden, so lecken sie beständig; eine Person muss daher un- 
ablässig Wasser ausschöpfen. 

Nr. 1833. ,, Rodjak" (Rodschak), eine grosse Rolle Tauwerk aus Cocosfaser 
gedreht, zum Auftakeln des Canoe; zu demselben Zweck. 

Nr. 1520. desgl. 

Nr. 1522. „Irr in Wudjela" (Irr = Weibermatte; Wudjela = Segel). Mattensegel 
aus Pandanusblatt geflochten; ein 7" breiter und an 200' langer Streifen. Drei und 
ein halber solcher Streifen sind zum Segel des grössten Cauoe genügend. 

Nr. 581. 1 Stück Mattensegel. 

Nr. 808. „Mang," getrocknetes und gespaltenes Pandanusblatt, Material zu 
Segeln. 

Nr. 791. „Bellik," 2 Canoeverzierungen mit Büscheln gespaltener Federn des 
Fregattvogels (Tachypetes) von Milli. Werden in derselben Weise auch in Jaluit 
gebraucht, doch benutzt man hier häufig in der Form ähnliche Verzierungen 
aus Flechtwerk (Körbe), weiss und schwarz angestrichen. Die „Bellik" sind 
als Verzierung der Canoes charakteristisch für die Marshallgruppe, meist für solche 
von Häuptlingen. Ein charakteristischer Zug ist, dass keinerlei Schnitzereien 
an den Canoes vorkommen, dagegen als Verzierung Büschel gespaltener 
Federn des Fregattvogels (Tachypetes aquila), der übrigens sehr selten 
in der Gruppe ist. Solche Fregattvogelfederbüschel (Nr. 559 meiner Sammlung), 
die auch bei den Pantomimen eine hervorragende Rolle spielen (vergl. Nr. 1578 
und 1579 (Berrio) meiner Sammlung), werden am Bellik statt desselben oder an der 
Mastspitze oder dem Tau „Man" (Fig. 1 u. 2, l) angebracht. Dieser Ausputz mit Federn 
ist eine polynesische Sitte, was Beachtung verdient, die, obwohl es in den 
Marshalls keine buntfarbigen Vögel giebt, doch beibehalten wurde. 

Zur Ausrüstung eines Canoe gehört auch 

Nr. 543. „Adja" (Adscha) (2) Trommel, wie sie in den Marshalls immer mehr 
abkommt und in gewissen Theilen der Carolinen (z. B. Kushaii, üalan) bereits ganz 
verschwunden ist. Sie hat die über ganz Polynesien und Melanesien (mit sehr ge- 
ringen Ausnahmen) verbreitete sanduhrförmige Form und ist wegen Mangel ge- 



(28) 

gneter grösserer Eidechsen mit der Kehlhaut oder Magenhaut vom Haifisch über- 
spannt, und zwar nur auf der einen Seite. Beim Aussegeln oder Einsegeln schlagen 
die Weiber diese Trommeln, und zwar mit den Fingern, und singen dazu, — ein Zug, 
der sich ganz ähnlich in Melanesien wiederfindet. Trommelschlagen hält auch 
während der Nacht die Canoes zusammen. 
Früher benutzte man auch 

Nr. 530. Muscheltrompeten aus Tritonium, wie sie allgemein in der Südsee 
(auch in Melanesien) üblich waren und zum Theil noch sind. 
Der Proviant für die Seereisen bestand früher in: 
Nr. 379. „Dschäneguwe", Conserve aus Pandanus oder ßrotfrucht, in Pandanus- 
blatt eingepackt und mit Strick von Cocosfaser eingeschnürt, in der Form und 
Grösse einer Rolle, wie die von mir mitgebrachte zeigt. 
Diese Conserven: 

Dschäneguwe in bob aus Pandanusfrucht und 
„ „ me „ Brodfrucht 

wurden früher noch viel in Jaluit gemacht, namentlich die erstere. Sie besteht in 
dem ausgekochten und an der Sonne getrockneten süssen Safte der Pandanus- 
frucht (Bob), hat einen angenehmen feigenartigen Geschmack, und hält sich über 
ein Jahr lang. 

Ausserdem dienten: 

„Picru," ein säuerlicher Teig aus Brotfrucht, und 

Nr. 1521. „Moggemugg", Arrowroot, Mehl aus einer Pfeilwurzel, das früher 
sehr beliebt war und in beschränkter Menge in Ebou, Namurick und auf den 
nördlichen Inseln bereitet wurde. 

Diese eigenthümlichen Nahrungsmittel sind seither mehr und mehr verdrängt 
worden, da die Eingebornen sich an Schiffsbrod und Reis gewöhnt haben, wie an 
manche andere, durch Weisse eingeführte Conserven. 

Cocosnüsse bilden selbstredend noch heut einen Theil der Ausrüstung bei 
Seereisen, namentlich dient die Milch als Getränk. Ausserdem auch Wasser, das in 
Nr. 582 und 619, Cocosschaalen, aufbewahrt wird, deren Oeffnung durch einen 
Pfropfen aus Pandanusblatt verschlossen wird. Es mag bemerkt sein, dass die Ein- 
gebornen sehr massig im Trinken sind; der Inhalt von ein paar Cocosnüssen 
genügt für eine Person für den ganzen Tag. 

Was die Segelfähigkeit dieser Canoes anbelangt, so ist dieselbe vielfach 
übertrieben geschildert worden. Im Allgemeinen kann man sagen, dass sie vor dem 
Winde so rasch, wie ein europäisches Boot, und weit näher an dem Winde, als ein 
solches, segeln. 4 bis höchstens 6 Seemeilen in der Stunde ist wohl das Höchste, 
was diese Canoes leisten können. 

Der Mast ist nicht feststehend, sondern wird in einer Höhlung auf der Lee- 
seite oder vorn oder hinten eingesetzt. 

Das Segel hat die Form eines sogenannten lateinischen und kann nicht gerefft 
werden. Beim Wenden wird das Segel herabgelassen und der Mast in die ent- 
gegengesetzte Spitze des Canoes getragen und dort eingesetzt. Die Procedur kostet 
somit ziemlich viel Zeit und hat nicht immer den gewünschten Erfolg. 

Der so häufig verbreiteten Annahme gegenüber, als mache der Ausleger- 
balken das umschlagen des Canoe unmöglich, mag bemerkt sein, dass das 
umschlagen keineswegs zu den Seltenheiten gehört. Da alle Eingebornen 
ausgezeichnete Schwimmer sind, so wissen sie sich in solchen Fällen meist zu 
helfen. 



(29) 

Ein Canoe, wie das eingesandte, vermag an 12 Personen zu befördern; auf grossen 
Canoes'liabe ich zuweilen an 40 Personen gezählt. 

Nr. 829. „Medu in ailing," eine sogenannte „Seekarte," ist wolil kaum als 
solche zu betrachten, sondern nur eine rohe Darstellung der einzelnen Inseln der 
Marshallgruppe, Ich habe diese Karte durch Güte von Herrn Capelle von einem 
Eingebornen anfertigen lassen, der als der beste Kenner der ganzen Marshall- 
Inseln galt, überzeugte mich aber, dass seine Kenutnj^^ doch nur eine be- 
schränkte war. 

Nr. 1830. Modell eines Canoe. Dasselbe wurde von Antonio, einem portu- 
gisischen Seeraanne, angefertigt, der seit Jahren auf den Marshalls-Inseln lebte und 
mit den Eingebornen auf das innigste bekannt war. Dieses Modell ist bis in 
die kleinsten Theile eine genaue Wiedergabe und deshalb besonders 
werthvoll. 

Zum Schluss will ich noch anfügen, dass die Canoes der Bewohner der Gilberts- 
Inseln durchaus verschieden sind. Es gelang mir, ein solches Canoe 1879 auf der 
Insel Tacowa zu erstehen. Dasselbe wurde aber wegen Mangel an Platz und Feuer- 
holz an Bord des Arbeiterschiffes, auf dem ich die Reise als Gast mitmachte, sehr 
gegen meinen Willen zerhackt und verfeuert, womit leider ein äusserst interessantes 
Vergleichungsobject verloren ging. 

Die Canoes der Eingebornen in den d'Entrecasteaux-Inseln und an 
der Südostspitze Neu-Guineas sind übrigens viel kunstvoller gebaut, 
als die der Marshalls-Insulaner, Bei ihnen handelt es^ sich nicht nur im Wesent- 
lichen um einen mit Ausleger versehenen ausgehöhlten Baumstamm, sondern sie 
sind schon mehr nach den Regeln der Schiffsbaukunst verfertigt, indem 
sie ausser dem Kiel Seitenborde, die durch Rippen und Querstricke befestigt sind, 
tragen. Sie führen zuweilen 2 Segel und sind reichlich mit, kunstvollen Schnitzereien 
und allerlei Zierrath geschmückt. 

Bei der Grösse dieser, zuweilen 50 bis 60 Fuss langen Fahrzeuge war an das 
Mitbringen eines solchen nicht zu denken. Doch gelang es mir, die folgenden Stücke 
zu sammeln, welche für die eigenthümliche Schiffsbaukunst dieses Gebietes von 
Neu-Guinea als gute Illustrationen dienen können: 

Nr. 453. 1 Canoe, 3 7n lang, von der Insel Normanby, d'Entrecasteaux. Wird 
von einer Person benutzt und stimmt in Bauart, wie Verzierung, ganz mit grossen 
Canoes überein. Von solchen geben 

Nr. 1001. 3 Modelle von Canoes, von Dawson- Strasse, d'Entrecasteaux, eine 
gute Vorstellung, da sie in allen Theilen auf das genaueste gemacht sind. 

Nr 450 und 451. Verzierungen von Canoes, kunstvolle Holzschnitzereien von 
Normanby-Insel. 

Ausserdem enthalten meine Sammlungen aus den Jahren 1884 und 1885 eine 
Menge auf Schifffahrt bezüglicher Gegenstände von der Nordostküste Neu-Guineas 
bis zur Humboldt -Bai, wie von Neu- Irland. 

(8) Hr. C. W. Pleyte Wm. in Leiden übersendet unter dem 20. November 
nachstehende Mittheilungen: 

I) Zwei neue Gegenstände von den Hervey-Inseln. 

Das British Museum besitzt unter seinen Objecten aus Oceanien zwei Gegen- 
stände von den Hervey-Inseln, von welchen, wie ich glaube, bis jetzt noch keine 
Beschreibung gegeben worden ist. 



(30) 

Das erste Stück (Figur 1), ein sogenannter Soul-catcher, besteht aus einer 
langen, aus Cocos-Fasern gedrehten Schnur, woran in unregelmässigen Zwischen- 
räumen Stricke befestigt sind. Das Ganze ist etwa 3 m lang und wird von den 
Eingebornen an einem Baume aufgehängt, wenn sie Jemand ums Leben bringen 
wollen, ohne sich persönlich der Gefahr, welche mit der That verbunden ist, aus- 
zusetzen. Der Seelenfänger wird im Laube verborgen, auf dem Wege, den das 
Opfer täglich geht; bekommt nun der Betreffende eines Tages das Instrument zu 
sehen, etwa dadurch, dass der Wind die Blätter verschiebt, so ist es um ihn ge- 
schehen. Er glaubt sofort, dass seine Seele darin hängen geblieben ist, und regt 
sich deshalb so auf, dass er krank wird vor Angst und Schrecken und bald stirbt. 
Wie die Eingebornen sagen, ist dieses Instrument ein probates Mittel, um Jemanden 
aus der Welt zu schaffen. 

Figur 1. 




Figur 2. 




Das Zweite (Figur 2) ist ein Ohrenzierrath und hat die Form des männlichen 
Gliedes mit den zwei Testikeln. Durch den Penis ist am oberen Ende ein Loch 
gebohrt, wodurch man eine Schnur gezogen hat, um das Ganze über dem Ohre 
befestigen zu können. Dieses Object wurde von einem Häuptling getragen, der 
ihm aphrodisische Kraft zuschrieb und es deshalb auch gebrauchte, um die Mädchen 
an sich zu locken. Ks ist sehr hübsch aus Cachelot-Zahn geschnitten. 

2. Eine Tanzbekleidung von Neu-Guinea. 
Auf der Indian and Colonial Exhibition zu London sah ich unter den von 
der Queensländischen Commission ausgestellten ethnographischen Gegenständen eine 



(31) 

sehr interessante Tanzbekleidung. Das Kleid bestellt aus einem Hut (Figur 3), 
Gürtel (Figur 4), Arm- (Figur 5) und Kniebande (Figur H), und ist von Bastzeug 
zusammengenäht, roth und schwarz bcMnalt und am unteren Rande des Hutes und 
Gürtels mit langen Fasern besetzt. 

Der Hut hat die Form eines Kerzenlöschers, und ist in der Art mit Tlionfarbe 
und aufgenähten Rohrstäbchen geschmückt, dass er ein Antlitz darstellt mit grossen 
Augen und einem ausserordentlich breiten Munde. Aus dem M«nde streckt sich eine 
sehr lange Zunge, die ebenso roth und schwarz bemalt ist. An ihrem Ende, welches 
in drei Theile geschlitzt ist, befindet sich eine mit Federn verzierte Schnur, die an 

Figur 3. 




Figur 4. 




Figur 5 



Figur 6. 



mS^^ 




der Spitze des Hutes befestigt ist, um das Herunterfallen zu vermeiden. Der 
Gürtel ist ebenso von Bastzeug gemacht und mit Fasern umgeben, welche bis zu 
den Knieen herabhängen. Der Tänzer stülpt sich das ganze Kleid über den Kopf 
und wird dann bis zu den Knieen davon bedeckt. Das Kleid hat sehr viel Aehn- 
lichkeit mit dem, das von den Duk-Duk getragen wird. Ich habe in London nicht 
erfahren können, ob sich unter den Eingebornen am Murray River, wo das Kleid 
gemacht ist, eine derartige Ceremonie, wie die der Duk-Duk, vorfindet. Vielleicht 
gelingt es einem Anderen. 



(32) 



(9) Hr. M. Quedenfeldt übergiebt folgende 

Anthropologische Aufnahmen von Marokkanern. 

1. Hadj Mohammed Ben el Habib, etwa 22—24 Jahre alt, aus dem Stamm 
Uled Ihaia, geboren in der Oase Draa, Feldbebauer, untersucht am 11. Februar 1886 
in Casablanca (Dar-el-beida). Ernährungszustand kräftig. Von negerartigem Typus, 
hat auch den eigenthümlichen Negergeruch. Hautfarbe (nach Radde) an der Stirn 44, 
an der Wange 45, am überarm 44, au der Brust etwa 30. Iris dunkelbraun. 
Kopfhaar schlicht, schwarz. Bart sehr schwach, nur am Kinn, schwarz. Keine 
Tättowirung. Kopf lang, breit. Gesicht breit, oval. Stirn niedrig, schräg. Wangen- 
beine vortretend. Lippen voll. Zähne opak. Genitalien circumcidirt. 

2. Hadj el Hassin Ben el Arabi, vom Stamm Uled Ihaia, geboren in Draa, Arbeiter, 
untersucht am 15. Februar 1886 in Casablanca. Ernährungszustand gut. Hautfarbe 
(nach Radde) an der Stirn 44, an der Wange 44, am Oberarm 4-3, an der Brust 29. 
Keine Tättowirung. Iris dunkelbraun, Auge nach Form und Stellung gewöhnlich. Kopf- 
haar schwarz, schlicht. Schwacher Schnurrbart. Kopf lang, breit. Gesicht hoch, 
breit. Stirn gerade, eher hoch als niedrig. Wangenbeine angelegt, Lippen wenig 
vortretend. Zähne opak, weiss. Genitalien beschnitten. Waden gewöhnlich. Die 
inneren Handflächen ganz hell, etwa 32 der Tafel ^). 

3. Kabbor Ben Sid-Mohammed, Araber, ungefähr 19 Jahre alt, vom Stamm 
Dled Ben Sebä, geboren in der Provinz Abda, Schuster, untersucht am 30. März 1886 
in Saffi. Ernährungszustand gut. Hautfarbe (nach Radde) an der Stirn 31, an der 
Wange 31, am Oberarm 33, an der Brust 38. Stark pockennarbig. Iris dunkel- 
braun, Form und Stellung des Auges gewöhnlich. Kopfhaar schwarz, schlicht. Sehr 
schwacher Backen-, Kinn- und Schnurrbart. Kopf lang. Gesicht schmal, oval. 
Stirn mittel. Wangenbeine angelegt. Lippen geschwungen. Zähne, Stellung ge- 
wöhnlich, Aussehen opak. Genitalien beschnitten. 



Marokkaner 



Kopfmaasse. 

Grösste Länge 

Grösste Breite 

Ohrhühe 

Stirnbreite 

Gesichtshöhe A (Haarrand) 

„ H (Nasenwurzel) 

Mittelgesicht (Nasenwurzel bis Mund) 

Gesichtsbreite a (Jochbogen) 

, b (Wangenbeinböcker) 

, c (Kieferwinkel) 

Distanz der inneren Augenwinkel 

, , äusseren „ 

Nase, Höhe 

, Länge 

- Breite 



191 


195 


196 


143 


153 


148 


139 


— 


— 


111 


— 


131 


179 


187 


180 


122 


111 


115 


75 


70 


81 


138 


183 


129 


80 


100 


92 


95 


96 


99 


35 


36 


32 


101 


104 


94 


57 


48 


55 


48 


45 


51 


39 


42 


35 



1) Diese beiden hatten die Wallfahrt nach Mekka gemacht und befanden sich auf dem 
Rücliwege nach ihrer Heimath. 



(83) 



Marokkaner 



Mund, Länge 

Ohrmuschel, Höhe 

Entfernung des Ohrloches von der Nasenwurzel . . 
Horizontalumfang des Kopfes 

II. Körpermaasse. 
Ganze Höhe 

Klafterweite 

Höhe, Kinn 

„ Schulter 

, Ellenbogen 

„ Handgelenk 

, Mittelfinger 

, Nabel 

„ Crista ilium 

„ Symphysis pubis 

„ Trochanter 

„ Patella 

, Malleolus externus 

„ im Sitzen, Scheitel (über dem Sitz) .... 

„ , „ Schulter , , „ .... 

Schulterbreite 

Brustumfang 

Hand, Länge (Mittelfinger) . . . 

„ Breite (Ansatz der 4 Finger) 

Fuss, Länge 

„ Breite 

Grösster Umfang des Oberschenkels 

, „ der Wade 



51 
40 

122^. 

52o' 



1550 

1610 

1380 

1310 

995 

760 

575 

960 

942 

847 

840 

475 

62 

782 

549 

389 

880 

180 

88 

250 

99 

502 

345 



56 

49 

111 

535 



982 

516 

75 



38 

56,5 
100 
551 



1655 


1530 


1770 


1610 


1402 


1320 


1370 


1230 


1300 


952 


725 


720 


544 


545 



894 

423 

65 



387 


905 


352 


823 


186 


190 


93 


94 


241 


240 


110 


123 


481 


443 


362 


321 



Hr. Virchow: Obwohl es nur wenige Personen sind, deren Messung 

Hr. Quedenfeldt ausgeführt hat, so ist es doch ein dankenswerther Anfang. Ich 

will zunächst die Hauptindices mittheilen, welche sich aus der Berechnung der 

gelieferten Maasse für den Kopf ergeben: 1. 2. 3. 

Längenbreitenindex . . 74,9 78,5 75,5 

Gesichtsindex . . : . 88,4 83,4 86,4 

Nasenindex 68,4 87,5 63,6 

Hier treten zwischen den Angehörigen eines Staranoes (1 und 2), der Uled 
Ihaia, grössere Verschiedenheiten hervor, als zwischen dem einen von ihnen (1) 
und dem Araber (3), und zwar ist sonderbarerweise derjenige von den beiden 
Uled Ihaia, den Hr. Quedenfeldt als negerartig bezeichnet, dem Araber ähnlicher, 
als der andere. Am schärfsten ist dieser Gegensatz bei dem Naseuindex, der 
gerade bei dem zweiten ÜIed Ihaia, dem nicht negerartigen, sich dem Neger- 
Index mehr nähert. Da indess bei beiden das Kopfhaar schlicht genannt wird, so 

Verli.aiidl. d. Beil. Authropol. Uesellschaft 1S87. 3 



(34) 

dürfte es fraglich sein, ob eine nahe Descendenz von Negerblut bei einem derselben 
angenommen werden darf. 

In meiner, in der Akademie gelesenen Abhandlung über die Schädel, welche 
Hr. Quedenfeldt von Mogador mitgebracht hat, wies ich schon darauf hin, wie 
wenig über die Unterschiede des ßerberschädels und des Araberschädels bekannt 
ist. Mancherlei Mischungen haben hier jedenfalls stattgefunden, und die Aufklärung 
derselben wird noch manche Arbeit erfordern. Jedenfalls ist das grosse Schädel- 
material von Mogador viel homogener, als die Kopfmaasse der beiden üled Ihaia. 
Denn von 19 Schädeln von Mogador erweisen sich 13 als dolichocephal, 6 als meso- 
cephal: 9 sind leptoprosop, 2 hypsiprosop und 3 charaaeprosop; 13 gehören der 
Leptorrhiuie und nur je 3 der Meso- und der Platyrrhinie an. Wir dürfen daher 
annehmen, dass diese Schädel welche allen Anzeichen nach von Schlöh stammen, 
den Typus dieses Stammes, den ich als Repräsentanten der Masich und der Magusg 
des Herodot auffasste, gut darstellen. 

Es gewährt mir eine besondere Freude, dass meine Abhandlung dem zuver- 
lässigsten Kenner der arabischen Literatur, Hrn. Wetzstein, Veranlassung gegeben 
hat, in zwei Briefen au mich sich ausführlich über die Bezeichnung der marok- 
kanischen Völker, wie sie aus den arabischen Schriftstellern hervorgeht und 
etymologisch herzuleiten ist, auszusprechen. — 

Hr. Wetzstein schreibt unter dem 9. December v. J.: 

Gestatten Sie, dass ich meinem Danke für die freundliche üeberlassung Ihrer 
Abhandlung über südmarokkanische Schädel einige Bemerkungen zu den auf 
S. 1 und 2 derselben erwähnten ethnographischen Namen beifüge. 

Der Name Berber ist, wie Sie richtig bemerken, aus barbari oder ßctpßcipoi 
entstanden. Die Araber brachten das Wort natürlich nicht mit nach Mauritanien, 
sondern fanden es dort vor und nahmen es als den wahren Volksnamen der 
Eingebornen. Als solcher findet es sich in ihren Geschichtswerken schon vor 
900 Jahren, und ist es bis auf den heutigen Tag geblieben. Jäküt's geo- 
graphisches Lexicon beschreibt die eingebornen Völkerstämme Libyens und Mau- 
ritaniens nur unter dem Generalnamen Berber. 

Aber gleichwie vor der arabischen Occupation Barbari neben Mauri herlief, 
so kam unter den Arabern neben dem nunmehrigen Volksnamen Berber der Schimpf- 
name Schülüh in Gebrauch. Der Name ist ein rein arabischer, und wenn 
Prichard glaubt (S. 2), dass sich die Berber selbst Schülüh nennen, so irrt er; 
sie können das Wort ebenso wenig aussprechen wie wir, da der Laut h (^), ein 
stark prononcirter, aber nicht rauher, sondern glatter Guttural, wie in allen euro- 
päischen Sprachen, so auch in der Berbersprache fehlt. Er eignet ausschliesslich 
den Semiten. Die Varianten, welche Sie von dem Worte anführen, — Schoulouh, 
Chlouah, Schluh, Schlöhh (das Kiepert'sche Schillüch ist zu streichen) — erklären 
sich so, dass das kurze ü der ersten Silbe in der Umgangssprache nicht gehört 
wird, und das im Vordermunde gebildete ü der zweiten Silbe mit dem in der 
hinteren Kehle gebildeten Ji nur mittelst eines dazwischen tretenden furtiven ä sich 
zusammensprechen lässt; dieses a wird durch die Umschreibung schlöhh (d. h. schlöh) 
entbehrlich gemacht, da die Bildungsstelle des ö der Kehle näher liegt, als die des u. 
Die hebräische Umschreibung m*?^. schülüäh und niTvT sch'lüäli würde die Aus- 
sprache des Wortes am deutlichsten wiedergeben, wenn nicht die europäischen 
Juden den Buchstaben n nach einer gewiss irrigen Tradition wie das arabische ^ 
und das deutsche ch in Dach und Loch aussprächen. Der Name Schülüh bedeutet 
die ^Strolche, das Raub- und Mordgesindel". Sein Singular ist Schilh (rh^), was 

bei der Schwierigkeit, Ih zusammenzusprechen, wie schiläh und scheläh (Jl7^) lautet, 



(35) 

daher von den Reisenden schilh, schelch und schelah geschrieben. Das Wort 
bedeutet in der ältesten Sprache den langgestreckten Haumast (Hoheslied 4, 13), 
und noch heute heisst auf dem Libanon der starke Ast, am Baum sowohl wie ab- 
gehauen, schiili plur. schüluli; dann wird es übertragen auf rohe, ungeschlachte 
Menschen, und in Damask sagt mau: Steht auf! Ihr liegt ja da, wie schüluli 
el-arab, „Beduinen-Bengel"; ferner ist schilli der Räuber, so öfter in Habicht's 
arabischer 1001 Nacht, z. B. Bd. XI. S. 392; und in Behaetjyin's Vita et res gestae 
Saladini ed. Albert Schultens 1732 heisst es auf S. 206, Saladin habe bei der 
Belagerung von Ptolemais (Jean d'Acre) unter den syrischen Nom.-iden 300 Strolche 
(schüluh) angeworben, welche den Kreuzfahrern Gepäck und Reitpferde stehlen 
und vereinzelt oder schlafend getroffene Männer mit sich fortschleppen oder, wo 
das unmöglich war, tödten mussten. Das passt vortrefflich auf die den Arabern 
immer feindlich gesinnten Berber, ganz besonders auf die Stämme des Atlas, den 
die Araber geradezu gebel es-sulüli, „das Strolchengebirg", nennen, weil sie von 
dort her ununterbrochen bis heutigen Tages überfallen worden sind. Es ist lesens- 
werth, was Leo Africauus, Luis de Marmol u. A. von den Berbern des Atlas 
und ihrem angeerbteu Hasse gegen die Araber berichten. 

Ebenso ist auch Tuareg, die heutige Collectivbezeichnung der in der Sahara 
südlich bis zum Niger hausenden Berberstämme, kein eigentlicher Volksname. Das 
Wort ist, wie uns die arabischen Geschichtsschreiber lehren, richtiger Tawärik zu 
schreiben, was sich jedoch im Idiome der maurischen Araber in Twärik (Tüärik) 
verwandelt, weil sich das kurze a der ersten Silbe vor dem schweren und betonten ä 
der Mittelsilbe nicht halten kann und versehwindet. Da uns nun Heinrich Barth, 
der mit diesen Stämmen persönlich viel verkehrt hat, in einem Excurs über diesen 
Namen derselben in der Deutsch- morgenl. Zeitschr. Bd. X. S. 285 ff. versichert, 
dass sie sich selber niemals Tawärik nennen, sondern nur von den Arabern so 
benannt werden, da ferner dieser Name eine regelrechte arabische Collectivform 
des Singulars täriki (bei Barth nach maurischer Aussprache tärki), „ein Individuum 
der Tawärik -Stämme", ist, so kann man dieses Wort nur für ein rein arabisches 
halten, wenn man auch über seine appellative Bedeutung verschiedener Ansicht 
sein kann. Vom Zeitworte terek, „verlassen, aufgeben, missum facere alqd", 
würde tawärik „populi relinquentes" bedeuten; nach Barth deshalb, weil sie ihr 
ursprüngliches Christenthum aufgegeben. Dass sie bei Beginn des Islam wenigstens 
zum grossen Theile Christen waren, hat Barth genügend nachgewiesen. Dass sie 
aber nach ihrer Bekehrung zum Islam von den Muselmännern selbst sollten Rene- 
gaten genannt worden sein, ist schwer anzunehmen. Es konnte das höchstens im 
Gegensatze zu anderen Berberstämmen geschehen sein, welche Christen geblieben; 
aber wer wären diese anderen? Eher werden doch die in der Heimatb bei ihren 
arabischen Unterjocheru zurückgebliebenen Berberstämme das Christenthum auf- 
gegeben haben, als die Tawärik, welche, um unabhängig und um Christen bleiben 
zu können, auswanderten und im fernen Süden neue Wohnsitze suchten und fanden. 
Näher also liegt es, wenn Tawärik „die Aufgebenden" bedeutet, dass sie so genannt 
wurden, weil sie nach der arabischen Invasion in Mauritauien diese ihre ursprüng- 
liche Heimath aufgegeben und verlassen haben. Dass sie im Laufe der Zeit auch 
das Christenthum verloren haben, ist bekannt. In Abu Dinäri's Geschichte von 
Tunis (Tuneser Druck p. 101) heisst es bei Erwähnung der Almoraviden- Dynastie, 
dieselbe sei durch den Berberstamm Lamtüna gegründet worden, einen Zweig des 
Sanhäga -Volks, des wildesten aller kabäil sahräwia, „der Sahara- Stämme", welche 
keinen Ackerbau und keine Baumfrüchte kennen, sondern nur von Fleisch und 
Milch leben. Es sind — heisst es dort weiter — diejenigen Völker, welche in 



(36) 

unseren Tagen (der Verfasser lebt um 1580, copirt aber wörtlich ältere Quellen) 
Tawärik (^ \J,) genannt werden, im steten Kampfe mit den Schwarzen liegen 

und sich jetzt grösstenthells zum Islam bekennen. 

Kabila (S. 2), ein altes, rein arabisches Wort, ist jede grössere Abzweigung 
eines Volkes, die meistens ihren eigenen Phylarchen hat, jedenfalls als ein für sich 
bestehendes Ganze angesehen wird; sein Plural ist kabä'il. So würden die Araber 
sagen, Alemannen, Franken, Sachsen u. s. w. sind Kabilen des deutschen Volks. 
Doch brauchte man das Wort von jeher mit Vorliebe von den Nomadenstämmen, 
welcher Nation dieselben auch angehören mochten. Wenn also die Franzosen nur 
die algier'schen Berberstämme Kabilen (kabyles) nennen, und nicht auch die dor- 
tigen Araberstänime, wenn sie den Theil Algeriens, dessen Hauptbevölkerung 
Berberstämme sind, la Kabylie (eine französische Wortbildung) und den dortigen 
Dialect la langue kabyle oder nur la kabyle nennen, so ist dieser Sprachgebrauch 
ein nicht zu rechtfertigender, verwerflicher; da er aber zur Zeit besteht, so haben 
wir mit ihm zu rechnen. Dass er in der Berberei selbst unbekannt ist, sieht man 
auch aus S. 5 Z. 6 Ihrer Abhandlung, wo Lieut. Quedenfeldt von den „Araber- 
kabeilen" spricht, welches Wort selbstverständlich in Araber- Kabilen zu verbessern 
ist. — Etymologisch ist kabila (von der Verbalwurzel kbl h'Z'p ^sich gegenüber- 
stehen") der Parallelstamm im Sinne des folgenden Beispiels: Hatte der Ahnherr 
Arar von seiner Gattin Leilä vier Söhne, Ali, Omar, Asad und Mälik, und wird 
jeder dieser Vier der Stammvater einer gens, so heissen diese 4 gentes zusammen 
beni Amr „die Kinder Amr's", während sie unter sich die 4 Parallelstämme 
(Kabilen) der beni Ali, b. Omar, b. Asad und b. Mälik bilden. Die 12 Stämme 
der alttestamentlichen beni Isra'el waren keine Kabilen und werden auch von den 
Arabern niemals so genannt, weil sie nur einen gemeinsamen Vater, aber keine 
gemeinsame Mutter hatten. Aber allmählich verlor das Wort kabila diese ursprüng- 
liche Bedeutung, so dass es jetzt jeden grösseren Stammzweig einer nomadisirenden 
Völkerschaft bezeichnet. — Als Kuriosität erwähne ich noch, dass vor einiger Zeit 
bei mir angefragt wurde, ob das italienische Calibi etwa eine Beziehung zu 
Kannibalen habe? Es ist weiter nichts, als das dem bequemen Italiener mund- 
recht gemachte Cabili. 

Das Wort Amazirgh (S. 1), was als der einheimische Volksname aller 
Berber oder doch der Tawärik angegeben wird, ist zunächst in Amäzir zu ver- 
bessern, da das im heutigen Alphabet der Berbersprache durch das Zeichen | aus- 
gedrückte r, ein dem franz. r grasseye entsprechender gutturaler Schnarrlaut, doch 
unmöglich durch drei Buchstaben wiedergegeben werden kann. Amäzir ist aber 
eine Singularform, die nur ein Individuum, nicht das ganze Volk bezeichnet; man 
hat also statt seiner entweder den regelmässigen Plural Imäziren oder mit Ab- 
werfung des Singularpraefixes A die einfache Collectivform Mäzir herzustellen. 
Jedoch ist Mäzir (z franz.) nicht die einzige Form dieses Volksnamens. Auf der 
ungeheuren Strecke, über welche die Berber verbreitet sind (Abu Dinäri sagt 
a.a.O.: die Berberstämme sind zahllos, die meisten sind in der Sahara ansässig 
und zum Durchreisen ihrer Länder braucht man sechs Monate in der Länge und 
vier in der Breite), giebt es eine Menge Spielarten dieses Namens, wie Mäschir, 
Müschar und Moschar (woraus möglicherweise Strabo's Ma,vpov'<rLoi entstellt ist), 
ferner Mäjer und Müjar (j franz.), Mähir und Möher (welche Form vielleicht dem 
lateinischen Mauri zu Grunde liegt) u. A. 

Der auf S. 1 erwähnte Vorschlag eines deutschen Sprachforschers, die ganze 
Libysche Sprachgruppe Tamascheq zu nennen, bezieht sich darauf, dass der französi- 
sche Gelehrte Mr. A. llanoteau in seiner Grammaire du language parle par les Imou- 



(37) 

char ou Touareg diese Sprache Tamaschek nennt; zwar sei ihr richtiger Name, 
fügt er hinzu, eigentlich Tamaschert, aber die Lautverbindung rt verwandle sich 
in k (das semitische •; , p). Man hat keine Ursache, daran zu zweifeln, dass ein 



u 



solcher Lautiibergang im Dialekte derer, welche Mr. Hanoteau bei seinen Sprach- 
studien consultirte, wirklich stattfindet, aber dennoch hat man diese Sprache richtiger 
das Temäschirt (Te am Anfange und t am Ende des Wortes sind zusammen die Femi- 
ninalbezeichnung) d. h. die Sprache der Mäschir oder der Imoscharen zu nennen. — 

In einem zweiten Schreiben vom 15. December beantwortet Hr. Wetzstein 
eine weitere Anfrage wegen der Mauri folgendermaassen: 

Die Etymologie von Mauri anlangend, so habe ich dieses Wort nicht mit Moschar, 
sondern mit dem von Moschar nur dialektisch verschiedenen, aber von Barth und 
Hanoteau bestens bezeugten Mähir und Möher verglichen, indem ich annahm, die 
Form dieses Wortes habe im Nuraidischen (so nennt man mit Recht oder Unrecht 
das Altmauritanische) dem lateinischen Mauri lautlich näher gestanden. Selbst 
aus Möher konnte Mauri werden, da 6 = au ist und h in der Mitte eines latini- 
sirten Wortes unterdrückt wird. Wenn Sie ein ursprüngliches maor oder ma-ur 
vermuthen, so kann ja die alte Form Mähür oder Mähor gelautet haben. Wir 
wissen nur nichts von der alten Sprache. Von den numidischen Inschriften hat 
man wohl die Schriftzeichen erkannt (sie schliessen sich dem altphoeuikischen Alpha- 
bete an, welches durch die Karthager zu den Völkern Mauritaniens gekommen sein 
wird), aber ihr Inhalt wartet noch auf seinen Oedipus. Jedenfalls ist es beachtens • 
werth, dass in Möher der consonantische Bestand des Wortes Mauri vorhanden ist; 
der vokalische ist, wie wir gesehen, bei den verschiedenen Stämmen verschieden. 
Ob sich neben diesen Variationen des Namens bei gewissen Tawärik- Stämmen 
noch ein dem lateinischen ähnlicher erhalten, kann nur die Zeit lehren, wenn wir 
Volk und Sprache mehr kennen. Wir haben nur erst Vokabularien, kein genügendes 
Wörterbuch, und Hanoteau's Grammaire, obschon preisgekrönt, ist überaus 
mangelhaft; ob eine Silbe lang oder kurz, ob tonlos oder accentuirt, darüber er- 
fahren wir aus dem Buche nichts. Und überall kann Barth nicht aushelfen. Auch 
ist Hanoteau nicht selber unter den Tawärik d. h. in ihrem Lande gewesen. 
Besser ist seine Gram, de la langue kabyle, welche den ßerberdialekt der grossen 
und kleinen Kabylie (südlich und westlich von Constantine) behandelt. — 

Zu meiner brieflichen Notiz über die Tawärik mag noch erwähnt sein, dass ich 
nachträglich in der letzten Auflage des Brockhaus'schen Conversationslexikons u. d. 
N. Tuärik die Angabe lese, der Name sei der Plural des arabischen Wortes tärika 
(mit t hebr. ED und k oder q hebr. p) „der Volksstamm"; diese dem Anschein 
nach recht plausible Ableitung rührt natürlich von einem Arabisten her, aber sie 
ist ein haltloser Einfall, den nur Jemand haben konnte, der den Namen selber nie- 
mals in den Schriften der maurischen Araber gelesen hat. Um über die wahre 
Ableitung keinen Zweifel zu lassen, habe ich in meinem letzten Briefe eine Stelle 
aus Abu Dinäri gegeben, in welcher der Name Tawärik vorkommt. Ausserdem 
bedeutet jenes tärika nicht den Volksstamm (tribus), sondern nur den Familien- 
complex (cognati alicujus), und es gehörte von jeher nur der poetischen Sprache, 
nicht der Sprache des gemeinen Lebens an. 

(10) Hr. Virchow macht Mittheilung über Untersuchungen des Hrn. Dr. Nöth- 
ling, betreffend 

Dolmen im Ostjordanland. 
Hr. Nöthling, der im vorigen Jahre im Auftrage der Akademie der Wissen- 



(38) 

Schäften mit geologischen Untersuchungen in Palaestiua und Syrien beschäftigt war, 
ist bei dieser Gelegenheit auch meinem Wunsche nachgekommen, sich nach den 
megalithischen Monumenten dieser Gegenden umzusehen. Leider hat seine schnelle 
Abreise nach Calcutta, wo er eine Stelle bei dem Geological Survey angenommen 
hat, ihn gehindert, einen ausführlichen Bericht zu erstatten. Nach seiner münd- 
lichen Mittheiluug traf er in der Gegend vou Juba bei Irbid im Adschlun, Ost- 
jordauland, auf einer hochgelegenen Stelle, von der aus man die prächtigste Aus- 
sicht in den Hauran und in das Westjordanlaud hat, mehrere hundert Dolmen. Die- 
selben sind aus grossen Hornsteinplatten errichtet, wie sie in den benachbarten 
Bergen vielfach vorkommen. Der Hornstein bildet daselbst zusammenhängende 
Schichten, die durch die Verwitterung und Abbröckelung des Muttergesteins frei 
gelegt werden, zerbrechen und herabstürzen. Einige 30 der Gräber sind zusammen- 
gefallen; die anderen stehen noch, scheinen aber leer zu sein. Das grösste hat 
eine solche Höhe, dass ein Reiter zu Pferde in dasselbe eindringen kann und 
dann eben . mit dem Kopfe die Decke erreicht. In einem der Gräber gelaug es 
Hrn. Nöthling, Reste eines menschlichen Gerippes zu finden. Bei demselben 
lagen 2 Kupferringe, welche er mir übergeben hat. Der eine ist noch ganz 
vollständig. Er hat eine lichte Weite von 7,8 cm und ist aus einem drehrunden, 
6 mm dicken Stabe hergestellt, dessen ziemlich gerade abgeschnittene Enden 1,5 cm 
weit über einander geschoben sind. Die Oberfläche ist mit einer graubraunen 
Rindenschicht und darunter einer schlechten, graugrünen, matt aussehenden, aber 
sehr fest haftenden Patina überzogen, nach deren Entfernung man eine schwärzliche, 
fast eisenartige Lage trifft; erst unter dieser folgt die röthlichgelbe glänzende 
Schicht des ziemlich harten Metalls, das nach einer Analyse des Hrn. Nöthling 
Kupfer ist. Von Verzierungen ist nichts zu bemerken. — Die gleichzeitig über- 
gebenen Knocheustücke sind Bruchstücke menschlicher Röhrenknochen, die einen 
fast fossilen Charakter angenommen haben. Sie zeigen theils alte, theils frische 
Bruchflächen, durch welche eine ungewöhnliche Dicke der Rinde dargelegt wird; 
die frischen Brüche besitzen ein ganz kreidiges, wie calcinirtes Aussehen, lassen je- 
doch Brandwirkungen nicht erkennen. Aeusserlich sehen die Stücke schmutzig 
gelblich grau aus. Sie kleben stark an der Zuuge und sind verhältnissmässig 
schwer. Offenbar müssen sie lange an der Luft gelegen haben. 

Ausserdem hat mir Hr. Nöthling noch einen Armring aus Kupfer- oder 
Bronzeblech übergeben, den er bei dem Ausräumen einer alten Wasserleitung ge- 
funden hat, welche von Beth-fras (?) 
nach Mres (Gadara) durch einen Berg 
geführt ist. Dieselbe war jetzt trocken 
und Fuss hoch mit Schutt gefüllt, 
in dem zahlreicheThonscherben sicht- 
bar waren. Im Grunde des Schuttes 

Natürliche Grösse. ^^^ der Ring zu Tage. Derselbe 

besteht aus einer dünnen, gegen die 
offenen Enden hin etwas verbreiterten und abgerundeten Blechplatte und trägt 
auf der äusseren Fläche eine perlschnurförmige Reihe kleiner eingestanzter Ringe, 
welche gegen das Ende hin einen ovalen Raum umgrenzen, in welchem ein aus 
gleichen Ringen gebildetes Kreuz angebracht ist. 

(11) Hr. Herm. Adolph in Thorn übersendet folgenden Bericht über eine 

Steinaxt von Kleibaschin, Kreis Thorn. 

Im Mai 1882 fand der Culturingenieur H. Stahl — seinem Bericht zufolge — 




(39) 

beim Drainiren eines tiefen Hauptgrabens des Gutes Kielbaschin, 3 Meilen von 
Thorn, in einer Tiefe von .'),3ö in von der Oberkante des Grabenrandes eine Stein- 
axt und überwies dieselbe im vorigen Jahre dem städtischen Museum in Thorn. 
Eine photographische Aufnahme derselben in fast genau natürlicher Grösse füge 
ich bei. Sie wurde im Triebsand der Grabeusohle, einem Bachgeriune, gefun- 
den. Diese bedeutende Tiefe unter dem Niveau des Erdbodens hat nichts Auf- 
fälliges, wenn man beachtet, dass die ganze Gegend zwischen Kielbaschin und 
Schönsee — einem kleinen Städtchen mit Bahnhof an der Thorn-lnsterburger 
Linie — ein altes Seebecken bildete, welches heute aus Feldern und feuchten 
Wiesen besteht, iu welchen letzteren nahe Schönsee vor etwa 12 Jahren mehrere 
Funde gemacht wurden, die auf Pfahlbauten hinzuweisen scheinen. Der Triebsand, 
iu dem die Steinaxt gefunden wurde, enthielt Muscheln und Schneckengehäuse; 
damit ist also der natürliche Boden des alten Sees deutlich genug bezeichnet, und 
somit könnte auch dieser Fund, gleich dem früheren bei Schönsee, den Bewohnern 
oder den Anwohnern des Sees zugeschrieben werden. 

Die Steinaxt ist zwar sauber gearbeitet, hat aber keine Politur; sie ist 105 mm 
lang, an der Schneide 55 mm und oben am Kopf 25 mm breit. Die Form der Axt 
zeigt sehr bemerklich, dass sie aus einem Rollstein gearbeitet ist, welcher schon 
die zu einer Axt passende F'orm besass, die nur durch Ueberarbeitung zu dem be- 
treffenden Geräth kunstgerecht gestaltet ist. Man könnte hieraus wohl einen all- 
gemein gültigen Schluss ziehen über die Art und Weise, wie in prähistorischer 
Zeit die Auswahl des Materials für gewisse Geräthe stattgefunden hat, was die 
Form derselben anbetraf. Eine andere damit verbundene Frage würde freilich sehr 
nahe liegen, nehmlich die: ob und wie das Material auf seine Haltbarkeit und 
Brauchbarkeit geprüft worden sei; mit anderen Worten: ob die Urvölker die Eigen- 
schaften gewisser Steingattungen kannten und danach eine Auswahl trafen oder 
aber ob sie das Zutreffende rein dem Zufall überliessen. Will man das Letztere 
annehmen, so müssten sich zahlreiche missratliene, verdorbene, geplatzte Artefakte 
von Stein vorfinden; dass aber dergleichen Funde wirklich gemacht worden seien, 
scheint seither nicht constatirt. 

Ich lasse nun das Gutachten folgen, welches der Kgl. Bergassessor Herr 
G. Franke zu Freiberg i. S. über diese Steinaxt zu geben so gütig war: 

„Die Steinaxt besteht aus einem äusserst fein krystallinisch-schiefrigen Ge- 
menge von dunkelolivengrüner, mit ähnlich gefärbtem Diallag innig verwachsener 
Hornblende und grauem, stellenweise in Folge Verwitterung röthlich gefärbtem 
Labrador - Feldspath. Das Gestein stellt sich souach als eine Art Gabbro- 
schiefer dar. 

„Das dem Fundorte der Steinaxt zunächst liegende Vorkommen anstehenden 
Gabbroscbiefers befindet sich zu Rosswein, etwa 37 km nordwestlich von Freiberg 
im sächsischen Erzgebirge. Die Steinaxt ist indess jedenfalls aus einem errati- 
schen Geschiebe nordischen Ursprungs gefertigt worden, welches bereits eine an- 
nähernd keilförmige Gestalt besass und daher unschwer durch Anschleifen in die 
gewünschte Form gebracht werden konnte. Der Kopf der Steinaxt scheint übrigens 
z. Th. diese künstliche Bearbeitung nicht erfahren zu haben, vielmehr noch einen 
Theil der ursprünglichen Oberfläche des Geschiebes darzustellen. 

„Erratische Geschiebe von Gabbroschiefer finden sich nach den eigenen Beob- 
achtungen des Unterzeichneten in der Umgegend von Thorn nicht selten. Es ist 
schwierig den Ursprungsort derselben mit Sicherheil zu bestimmen; sie stammen 
entweder aus den Gebirgen Skandinaviens oder Finlands. Der Umstand, dass 
letzteres einen grossen Reichthum an Hornblendegesteinen sehr mannichfaltigen 



(40) 



Charakters aufweist — im Gegensatz zu Skandinavien, — sowie die Thatsache, 
dass man in der ostdeutschen Tiefebene u. A. sehr häufig erratische versteinerungs- 
führende Kalksteine findet, wie solche in Esthland anstehend vorkommen, dürften 
zu der Annahme berechtigen, dass die fraglichen Geschiebe von Gabbroschiefer aus 
Finland herrühren, von wo sie, anfänglich scharfkantige Felstrümmer, durch Eis- 
massen, welche in der Diluvialzeit in der Richtung von NNO. nach SSW. vor- 
rückten, forttransportirt und dabei allmählich abgeschliffen worden sind, um schliess- 
lich nach dem Abschmelzen des Eises zu Boden zu sinken. Vermöge seiner 
grossen Härte und Zähigkeit eignet sich gerade der Gabbroschiefer vorzüglich zu 
Steinwerkzeugen und ist demnach der, wie oben erwähnt, bei Rosswein i. S. vor- 
kommende Gabbroschiefer von den Ureinwohnern der dortigen Gegend mit Vor- 
liebe zur Anfertigung von Waffen und Werkzeugen benutzt worden. In dem Frei- 
berger Alterthumsmuseum sind verschiedene derartige Stücke aufbewahrt." 
Ich bemerke dazu Folgendes: 

Steinwerkzeuge aus Gabbroschiefer sind seither in der Umgegend von Thorn 
nicht gefunden worden; das hiesige städtische Museum enthält nicht ein einziges 
Stück; um so auffälliger und beachtenswerther ist das Vorkommen zahlreicher der- 
artiger Werkzeuge im Museum zu Freiberg in Sachsen, wodurch, wie es den An- 
schein gewinnt, die Herkunft unserer Steinaxt wahrscheinlich wird, obwohl bisher 
weder von einem Handelswege, noch von einer Einwanderung vom Westen nach 
der Weichsel irgend etwas bekannt ist. 

Die Axt weist aber noch ein Merkmal auf, welches sehr bemerkenswerth er- 
scheint; sie hat, wie die Abbildung zeigt, eine eingeschliffene Rille konischer Form, 

welche etwa ein Viertheil eines 
verticalen Kegelschnittes darstellt, 
offenbar zur besseren Befestigung 
an einem Stiel, Es fragt sich 
nun: wie ist diese Rille seitlich 
eingeschliffen, und zwar in einer 
so schwierigen Weise, wie sie ein 
Konus bedingt.? Die Frage möchte 
vielleicht in Folgendem eine an- 
nehmbare Erklärung finden. Bei 
der Untersuchung der Steinaxt 
kam mir zufällig ein Belemnit 
(Donnerkeil) zur Hand, der auffälligerweise in die konische Rille passte; der Ge- 
danke liegt sehr nahe, dass es ein Belemnit war, der in einen Stab eingefügt, zum 
Einschleifen der Rille gedient hat. Die Belemniten haben die konische Form und 
ein sehr hartes Gefüge, sie sind somit vorzüglich dazu geeignet, Löcher durch 
Steine zu treiben bei starker Drehung eines beschwerten Stabes; jeder Bohrer bildet 
einen Konus, und ich bin der Ansicht, dass die Belemniten die natürlichen Bohrer 
abgaben, mit welchen die Schaftlöcher der Steiuwerkzeuge hergestellt wurden. Die 
Steinaxt von Kielbaschin dürfte in dieser Beziehung ein besonderes Interesse in 
Anspruch nehmen. 

Gerade bei Schluss dieser Schrift geht mir ein Steinhammer zu, welcher vor 
etwa 3 Jahren jenseits der Weichsel sehr nahe Thorn im Sande ohne jede Beilage 
gefunden ist. Derselbe ist recht sauber und geschickt gearbeitet und zwar aus 
einem Rollstein und besteht aus Gabbroschiefer; es ist ein wichtiger Fund, durch 
welchen der Fund der Steinaxt von Kielbaschin wesentlich illustrirt wird. 




natürlicher Grösse. 



(41) 

(12) Hr. Virchow zeigt 

zwei alte bearbeitete Hirschgeweihe von Weissenfeis. 

Unter dem 2G. iSeptetuber ging mir durch das Küuigliche Eisenbahn -ßetrieljsamt 
Weissenfeis die Nachricht zu, dass bei den Erdarbeiten zur Erweiterung des dor- 
tigen Bahnhofes in grösserer Tiefe aus dem thonigen Kiesl)0(len ein in dem Stadium 
der Versteinerung begriffenes Geweih eines Rothhirsch<;s in -«-Stücken ausgegraben 
sei. Dasselbe wurde mir später zugesandt, und da sich daran unzweifelhafte Spuren 
menschlicher Bearbeitung zeigten, auf mein Ansuchen auch ein Situationsplan 
nebst Beschreibung hinzugefügt. 

Darnach liegt die Fundstelle auf dem linken Ufer der Saale, etwas unterhalb 
der Stadt, in fast nördlicher Richtung, etwa 50 m von der Saale entfernt. Die 
Reihenfolge der Schichten an dieser Stelle ist folgende: 

Ackererde 0,80 m 

Lehm 0,30 „ 

Saud 0,50 „ 

Rother Thon und Mergel . 1,10 „ 

Kies 0,20 „ 

Sandiger Lehm .... 0,70 „ 
Letztere Schicht liegt rund 7 m über dem mittleren Wasserstand der Saale. 
In der Kiesschicht, also genauer in 2,9 m Tiefe, wurden die Geweibe gefunden. 
Diese Schicht verschwindet in der Richtung nach Nordwesten, indem hier Sand- 
stein der mittleren ßuntsandsteinformation und darüber Thon und Mergel mit ein- 
zelnen beigemischten Quarzen auftreten. Es wird ausserdem noch bemerkt, dass 
auf dem Plateau des nach Nordwest ansteigenden Höhenzuges sich Kiesgruben 
befinden, in welchen Muscheln (Helix) nicht gefunden werden konnten. 

Bei einer früheren Gelegenheit (Verhandl. 1874. S. 231) habe ich dieses Pla- 
teau erwähnt; es war mir damals gelungen, auf demselben eine grössere Anzahl 
von Brandgruben mit Thonscherben aufzudecken. Indess ist nicht anzunehmen, 
dass diese Brandgruben irgend etwas mit dem gegenwärtigen Funde zu thun haben; 
sie liegen an einer ungleich höheren Stelle, nach meiner damaligen Schätzung etwa 
16 m über dem Spiegel des Flusses, und zwar ganz oberflächlich. 

Die Geweihe stammen vom Hirsch und zwar aller Wahrscheinlichkeit nach 
vom Edelhirsch, obwohl sie eine ungewöhnliche Stärke erreicht haben. Die erst 
frisch entstandenen Brüche haben sich sehr gut vereinigen lassen, so dass das eine 
Geweih in der ganzen Ausdehnung, in der es in die Erde gekommen war, wieder her- 
gestellt werden konnte; an dem anderen fehlt das Endstück, welches, wie der ganz 
frische Bruch lehrt, erst bei oder nach der Ausgrabung abgebrochen ist. Beide 
Geweihe, die übrigens nicht von demselben Thiere herstammen, sind im Leben ab- 
geworfen gewesen, wie die glatten Flächen der gut erhaltenen Rosenstöcke lehren. 
Die Stangen haben eine plattrundliche Gestalt und sind mit grossen Knochen- 
warzen dicht besetzt, zwischen denen sich breite Gefässfurchen hinziehen. In der 
That haben sie eine fast fossile ßeschaflfeuheit: sie sind schwer, auf dem Bruch 
rein weiss und kleben an der Zunge. 

Das grössere Stück, eine Stange der rechten Seite, hat eine Länge von GO cm 
und einen Umfang von 19,5 cm über dem Rosenstock, von 18 cm oben, unterhalb der End- 
theilung; der grösste Querdurchmesser beträgt an beiden Stellen ziemlich gleichmässig 
74 — 75 mm. Querdurchmesser des Roseustocks 70, der Ansatzfläche 52 mm. Die 
Augensprosse endigt nahe über ihrem Ansätze in eine unregelmässige Bruclifläcbe, 
welche so aussieht, als sei sie zuerst durch kurze Hiebe eingehauen und dann ab- 



(42) 

gebrochen. Die folgende Sprosse ist ganz erhalten; sie hat eine Länge von 27,5 cm. 
Am meisten hat das Ende der Stange gelitten: dasselbe liegt dicht über der End- 
theilung, vor welcher die Stange sich verbreitert und abplattet. Die mediale 
Fläche zeigt hier zahlreiche, unregelmässige, meist flache Gruben und Querfurchen, 
die auf den ersten Anblick fast wie Nagespuren eines Thieres, bei genauerer Be- 
trachtung aber mehr wie Eindrücke, durch Schläge mit einem Steininstrument 
hervorgebracht, aussehen. Das Ende der Stange läuft in eine zackige, durch scharfe 
Hiebe zerklüftete und zuletzt wohl auch gebrochene, alte Fläche aus. Daneben 
entspringt eine grosse Sprosse mit einer noch erhaltenen Nebensprosse; dagegen 
ist die Hauptsprosse an ihrer Basis abgehauen. Diese Stelle liefert den Nachweis, 
dass die Hiebe mit einem scharfen Instrument geführt sind. Die Hiebflächen sind 
glatt und mit Absätzen versehen, welche darthun, dass jeder Hieb nur eine kurze 
Strecke eingedrungen ist. Ausserdem liegt noch auf der Vorderkante, unter dem 
Ansatz dieser Sprosse, eine bis in die Spongiosa eindringende Hiebfläche, welche 
fast dreieckig gestaltet und am Ende gebrochen ist. 

Das zweite Geweih, welches von einem noch stärkeren Thiere herstammt, ist 
in seinem defekten Zustande ungleich kürzer, es hat nur eine Gesammtlänge von 
52,5 cm. Sein Querumfang über dem Rosenstock beträgt 22,5 cm. Der Querdurch- 
messer des Rosenstockes selbst misst 80, der der Ansatzstelle 62 mm. Die Augen- 
sprosse ist ganz intakt und ungemein kräftig: ihre Länge misst 31, ihr Umfang 
am Ansatz 15 cm. Etwa 24 cm unter dem frischen Endbruch der Stange hat die 
zweite Sprosse gesessen, die auf ähnliche Weise, wie die früher beschriebenen, 
durch Hieb und Bruch vom Ansätze getrennt ist. Unmittelbar über dieser Stelle 
sieht man an der Stange eine grössere, 50 mm hohe und 30 mm breite, fast ganz glatte 
Fläche, wo Theile der Rindenscbicht der Stange abgehauen sind: bei genauerer Be- 
trachtung erkennt man an queren Absätzen, dass 3 Hiebe hinter einander geführt 
sind, und zwar wahrscheinlich mit einem nicht ganz glatten, aber sehr harten In- 
strument, denn die Fläche ist mit ganz feinen, vollkommen scharfen Längsstreifen 
bedeckt. Sie dürften daher wohl mit einer Steinaxt geschlagen worden sein. 

Wenn somit kein Zweifel darüber bestehen kann, dass beide Geweihe von 
Menschen bearbeitet, und namentlich, dass von denselben einzelne Sprossen durch 
scharfe Hiebe abgetrennt worden sind, so bleibt nur die andere Frage: wie die 
Geweihe in die Kiesschicht gekommen sind. In dieser Beziehung möchte ich das 
Endurtheil den Geologen von Fach vorbehalten. Ich will jedoch ausdrücklich be- 
merken, dass ein Transport durch Wasser nicht wahrscheinlich ist. Spuren von 
Abrundung und Rollung sind nicht deutlich; am ehesten könnte man in dieser 
Beziehung die Umgebung der eingedrückten Grübchen des ersten Geweihes heran- 
ziehen. Im üebrigen sind selbst die spitzen Splitter der Bruchflächen ganz scharf. 
Dagegen ist es wohl »löglich, dass eine Zeit lang Wasser über die Stelle hin- 
gegangen ist, nachdem schon die Geweihe am Bodeo lagen. 

(13) Hr. Virchow bespricht 

ein kindliches Schädeldach aus dem Moor von Frose. 

Durch Hrn. Pastor Becker in Wilsleben erhielt ich im Laufe des vorigen 
Jahres in zwei verschiedenen Sendungen Theile eines menschlichen Schädels, die 
durch Arbeiter des Hrn. Torfinspektor Wolter in Frose in einer Tiefe von 8 Fuss 
in „der See" ausgegraben worden sind. Es hat sich daraus ein Theil des Schädel- 
daches zusammenfügen lassen; da jedoch das Gesicht, die ganze Basis cranii, die 
Squama occipitalis und selbst die mediale Hälfte des linken Parietale fehlen, so 



(43) 

ist eine Messung nur an ein paar Stellen möglich. So beträgt die untere Stirn- 
breite 91, die Distanz der Tubera frontalia 71, die Corouardistanz 115 mm. 

Es war der Schädel eines Kindes und zwar der Form der Scheitelcurve nach 
eines Mädchens. Von der Sutura frontalis ist noch ein letzter Rest am Naseu- 
fortsatz vorhanden; die Stirn ist senkrecht, gut gewölbt, breit, mit deutlichen, er- 
heblich auseinanderstehenden Höckern, gegen die Scheitelcurve fast winklig ab- 
gesetzt. Die Knochen sehr glatt, von gutem, derbem, hellb»ftunem Aussehen, für 
ein Kind ziemlich dick. An der Orbitalfläche des Stirnbeins porös-hyperostotische 
Stellen. Der Gesammtoindruck ist der einer brachycephalen Bildung. 

Hr. Becker erinnert daran, dass in „der See" Fundstücke von augenscheinlich 
sehr hohem Alter gesammelt sind (Mittheilungen des Vereins für Auhaltische Ge- 
schichte und Alterthumskunde. IV. 9. S. 586), wie das Knochenbeil und die 
2 Knochennadeln in der Bernburger Sammlung, die Geschossspitze in unserem 
Museum für Völkerkunde. 

(14) Hr. Becker berichtet d. d. Wilsleben 27. Dec. über Untersuchung von 

Hügeln bei Aschersleben. 

Im Laufe des Sommers wurde in einem Localblatte darauf aufmerksam ge- 
macht, dass sich in der städtischen Feldmark noch einige „Hügel" befänden, die 
jedenfalls Hünengräber wären. In der That scheint der Name „Hügel" hier, wo 
er für eine bestimmte Localität traditionell festgehalten ist, eine Begräbnissstätte 
zu bergen. Genannt wurden ein Hügel auf dem „Dreihügelfelde" südlich von 
Aschersleben, der grüne Hügel, der Athensleber und der Böseborner Hügel 
nördlich davon. Da bestimmte Aussagen vorlagen, dass am Fusse des Böseborner 
Hügels Drnen ausgegraben waren, und zwar in Steinkisten beigesetzte, so wurde 
eine Aufgrabung zuerst in diesem Hügel beschlossen. Bei günstigem Resultate 
wollte man an die anderen gehen. Allein obwohl der etwa 7 — 8 Fuss hohe und 
etwa 20 Schritt lange Hügel sich durchweg als aus guter Humuserde bestehend 
erwies, während der Humus auf weite Strecken ringsum so flach stand, dass schon 
der Pflug häufig den darunter liegenden Stein fasste, wurde nicht das Geringste 
gefunden. Es ist bis auf den ^igewachseueu Boden" gegraben worden. Vielleicht 
ist das Grab — wenigstens eines schien sicher zu erwarten — beim Aufgraben 
von Raubthieren, von deren Höhlen der Hügel ganz durchlöchert war, zerstört, 
vielleicht ist bei Abtragung eines Theils des Hügels — eine solche war ersichtlich 
schon geschehen — das mittlere Grab schon getroffen gewesen, oder es haben die 
früheren Liebhaber von Alterthümern schon Nachsuchung gehalten, genug es war 
nichts mehr vorhanden, und das ist nicht sehr ermuthigend für weitere Hügel- 
uutersuchungen. Nur das möchte ich noch erwähnen, dass ein Arbeiter, der zu- 
gegen gewesen war, nach seiner Aussage, als der von dem Böseborner Hügel früher 
nicht weit gelegene Lausehügel (nicht der Wilsleber, sondern der Aschersleber 
Lausehügel) abgetragen wurde, erzählte, es sei dabei ein Skeletgrab in grosser 
länglicher Steinkiste zu Tage gekommen. Von Beigaben war nichts bemerkt. 

Eine Schadeleber Urne, die „sehr bunt" gewesen sein soll und jedenfalls ein 
Analogen zu der in meinem letzten Bericht erwähnten bildet, ist in die Hände 
des Pastors Zschiesche in Halberstadt gewandert, leider ohne dass ich vorher 
eine Zeichnung, Maasse u. s. w. davon nehmen konnte. 



(44) 

(15) Hr. Virchow zeigt 

Schädel aus einem Steinkammergrabe vom Scharnhop bei Lüneburg. 

Unter dem 10. November v. J. übersandte mir Hr. v. Stoltzenberg-Luttmersen 
eine Reihe von Schädelfragraenten mit folgendem Briefe: 

Seitens des Landes-Directoriums der Provinz Hannover ist mir der Auf- 
trag geworden, das Leichenfeld und die Königsgräber vom Scharnhop archäologisch 
zu untersuchen. In einem der halbzerstörten riesigen Steinbecken ergab die Aus- 
grabung eine Leichenbestattuug ohne Brand; es sind bei der Ausgrabung 3 Schädel 
zum Vorschein gekommen, von denen der eine so wohl erhalten, dass er sich zu 
Messungszwecken noch eignen möchte. Ich halte es daher für zweckdienlich, Ihnen 
die Schädel zur Untersuchung einzusenden." 

Bald nachher ging mir der Hannoversche Courier vom 1. December zu, in 
welchem ein ausführlicher Bericht über die Ausgrabung enthalten ist. Folgendes 
ist das Wesentliche daraus: 

„2'/,. Meile südlich von Lüneburg, zwischen den Forstorten Priorsgehege und 
Freisenmöor, liegt der Hof Scharnhop, ein mehr als 1000 Morgen Acker und Heide 
umfassender, einständiger Bauernhof, den die Klosterkammer vor 2 Jahren an- 
gekauft, um die ganze Fläche zu bewalden. Etwa 1000 Schritt in nördlicher Rich- 
tung von dem Hofe war man bei dem Rajolen des Heidebodens auf ein grosse 
Menge von kleinen Steingräbern gestossen, welche den Hrn. Oberförster Nieder- 
stadt zu Lüneburg veranlasst hatten, hierüber Meldung zu machen. Die Unter- 
suchung des Todtenfeldes ergab, dass dasselbe eine ungeahnt bedeutende Aus- 
dehnung besass; incl. der bereits zerstörten Gräber konnte man annehmen, dass 
auf einem Flächenraum von fast 40 Morgen 900—1000 Grabhügel aufgebaut waren, 
von denen die meisten eine Höhe von etwa 3 Fuss und einen Durchmesser von 
6 — 12 Fuss besassen; die Hügel waren kreisrund, meistens mit einen Cubikfuss 
haltenden oder kleineren Granitfindlingen belegt, welche im Gentrum zu einer 
Steinkiste zusammengestellt, eine Kuochenurne einschlössen, über welche ein etwas 
grösserer Deckstein gelegt war. Einzelne Grabhügel erreichten die Höhe eines 
Meters und hatten dem entsprechend einen bedeutenderen Umfang; sie waren dann 
nur aus etwas kleineren Handsteinen zusammengelegt und enthielten ebenfalls in 
der Mitte des Hügels eine beigesetzte Knochenurne. 

„Fast sämmtliche Urnen, welche ausgegraben wurden, bestanden aus sehr rohem 
Material, Thon mit Granitgruss durchstampft, nur einige am Rande des Todten- 
feldes gelegene Grabhügel zeigten Urnen aus schwarzem Thon von besserer Arbeit. 
Die Urnen selbst waren entweder zertrümmert oder geborsten, indem die Stein- 
kisten, in welche sie eingeschlossen, sich zusammengelagert und die Urnen zer- 
drückt hatten. Möglicherweise könnte auch eingesickerte Feuchtigkeit mit nach- 
folgendem Froste an der Zerstörung schuld gewesen sein. Beigaben wurden in 
den Urnen fast gar nicht gefunden, mit Ausnahme einer eisernen Nadel und 
einigen kleinen Feuersteinmessern. 

„500 Schritt in nordöstlicher Richtung von dem Hofe Scharnhop auf einer Höhe 
liegen in einer Entfernung von 300 Schritt zwei ganz gleichartig erbaute riesige 
Hünengräber, von denen leider fast sämmtliche Decksteine erst in der Mitte dieses 
Jahrhunderts gesprengt worden sind, um als Bausteine benutzt zu werden. Die 
(iräber waren als Gangbauten eingerichtet, hatten etwa 2 m Breite, 25 cm Höhe 
und 15 m lange Grabkammern enthalten, welche meistens von flachseitigen, künst- 
lich gespaltenen Graniten, die gut zusammengestellt, eingeschlossen waren. 

„Die Ausgrabung der zum grossen Theil mit Erde und Stein gefüllten Grab- 



(45) 

kammern ergab in dem östlichen Grabe eine kleine leere Urne, eine Streitaxt 
mit durchbohrtem Loche, einen anderen schweren Streitkeil ohne 
Durchbohrung und 5 theilweise glatt geschliffene Feuersteinkeile. Das 
ausserordentlich hohe Alter des Grabes wurde durch die Verwitterung des Gesteins 
der durchbohrten Steinaxt gezeigt. 

„Die Grabkammer des westlichen, ganz gleichartig angelegten Steingrabes 
enthielt nur eine kleinere und eine grössere, aus rothera Inon bestehende Urne. 
Jedes der Gräber besass noch einen Deckstein. 

„Etwas weiter nordöstlich von den beiden Gangbauten lag ein dritter riesiger 
Steinbau, der 41 m lang und 5 m breit war; 4 — 5 Fuss hohe, mächtige Granite 
bildeten die Wandsteine, zwischen welchen eine wallartige Erdeinschüttung eingelegt 
war. Etwa ein Drittel der Urafassungssteine war gesprengt und fortgeführt; auch 
der Erdwall war an zwei Stellen durchbrochen. Auf der Oberfläche der Erd- 
schüttung war ein Pflaster von kleineren Findlingen angelegt. Die stattgehabte 
Ausgrabung ergab weder Urnen noch calcinirte Knochenreste, sondern nur 3 Schädel 
und einige sehr verwitterte RiJckstände sonstiger Knochentheile in einer Tiefe von 
kaum 3 Fuss. Das uoch oberhalb der Knochenreste befindliche Steinpflaster giebt 
einige Sicherheit für die Beisetzung aus ältester Zeit. 

„Hinter dieser Grabstätte befand sich ein etwa 8 — 10 Fuss hoher Hügel aus 
Rollsteinen, der früher bereits geöffnet war. Am Fusse desselben hatten die Forst- 
arbeiter die verwitterten Knochen eines menschlichen Skelets gefunden. 

„Endlich war in der Mitte dieser Grabstätten ein unbedeutender Erdaufwurf, 
welcher nur durch eine Setzung von grossen Handsteinen sich kenntlich machte, 
die in rechteckigen Formen etwa eine halbe Quadratruthe grosse Plätze einschlössen. 
Die Ausgrabung dieser Grabstätten zeigte, dass in einzelnen derselben Leichen bei- 
gesetzt gewesen waren, deren Knochen jedoch fast vollständig vergangen waren 
und deren frühere Lage nur durch die dunklere Färbung des Erdreichs angezeigt 
wurde. Einige andere dieser Gräber enthielten wiederum verwitterte Knochenurnen. 

„Der Name Scharnhop rührt von diesen Grabstätten her, es war die Stätte, 
wo die Todten bestattet wurden, was in dem Wort „scharren" ausgedrückt wird. 
Die wiederkehrenden Namen Scharnhorst, Scharnbek, Scharnhusen, Scharnberg be- 
kunden fast stets das Vorhandensein von Grabstätten." 

Aus diesen Mittheilungen geht hervor, dass bei Scharnhop mindestens zwei, 
ihrer Zeit nach weit auseinanderliegende Gräberfelder und zwar, wie es so oft der 
Fall ist, nahe bei einander vorhanden waren. Die eine, sehr beträchtliche Gruppe 
bestand aus Steinkistengräbern, welche Urnen mit Leichenbrand enthielten; 
wenn, wie vorauszusetzen ist, das einzige Metallstück, eine eiserne Nadel, in einer 
Urne gefunden wurde, so würde sich daraus wohl noch einigermaassen die Zeit- 
stellung erkennen lassen. Auch eine genauere Beschreibung der Urnen würde 
dazu erheblich beitragen. 

Die zweite Gruppe bestand aus mächtigen Hügelgräbern mit gewaltigen 
Steinkammern, welche offenbar der Steinzeit angehören. Abgesehen von dem 
Bau der Gräber selbst zeugen dafür die Beigaben, welche ausser einzelnen Thon- 
gefässen nur Steingeräth und zwar auch geschliffene und durchbohrte Stücke dar- 
stellten. Obwohl von den Urnen keine genügende Schilderung geliefert ist, so 
wird mau doch kein Bedenken tragen dürfen, diese Gräber der neoli thischen 
Zeit zuzuschreiben. Damit stimmt die nachgewiesene Leichenbestattung. 

Die mir zugegangenen Schädel waren in einem höchst bedenklichen Zustande. 
Von den Gesichtstheilen war nichts erhalten, selbst die Zähne waren ganz verein- 
zelt und im Zerbröckeln begriffen, und von den eigentlichen Schädeln hielten 



(46) 

nur Theile des Daches zusammen; die Basis war nur bei einem zum Theil erhalten. 
Sämmtliche Knochen mussten daher zunächst mit Leimwasser getränkt und 
gehärtet werden; darnach Hessen sich mehrere Theile wieder zusammenfügen. 
Nichtsdestoweniger sind es schlecht bestimmbare Fragmente, was um so mehr zu 
bedauern ist, als neolithische Schädel in Norddeutschland noch immer zu den 
Seltenheiten gehören. 

Nachstehend möge eine kurze Beschreibung folgen: 

1) Ein ziemlich vollständiges Schädeldach, dessen einzelne Abschnitte sich 
jedoch schwer zusammenfügen Hessen; insbesondere ist das Stirnbein viel mehr ge- 
senkt, als dem natürlichen Ansatz entsprechen würde. Dadurch verkürzt sich 
natürlich der Längsdurchraesser. Die Düunheit der Knochen beweist, dass das 
Individuum noch jugendlich war; der Form nach muss es als ein weibliches 
betrachtet werden. Orbitalwülste fehlen gänzlich. Die Stirn ist niedrig und ge- 
rundet, der Nasenfortsatz ziemlich breit, die Scheitelcurve lang gestreckt, die 
Lambdanaht mit kleinen Zwickelbeinen durchsetzt, am Hinterhaupt die Oberschuppe 
vortretend. So entsteht der Eindruck der Dolichocephalie. Damit stimmen 
auch die Maasse. Freilich beträgt die grösste Länge 175 wm und die grösste Breite 
der rechten Hälfte, wo die Schläfenschuppe erhalten ist, 71 mm. Daraus würde 
sich ein Index von 81,1 berechnen, aber die Länge ist, wie schon erwähnt, zu ge- 
ring und die Breite ist wegen der fehlenden Basis wahrscheinlich zu gross. Viel 
mehr entscheidend ist wohl der Längsumfang: das Stirnbein hat 125, die Sagittalis 
127 min, also recht beträchtliche Maasse. 

2) Ein sehr defekter Schädel, von dem nur die rechte Hälfte des Daches, da- 
gegen das Hinterhaupt und die Umgebung des Foramen magnum vollständig er- 
halten sind. Offenbar war es ein älteres Individuum: die Knochen sind durchweg 
dicker, und von den lose vorhandenen Zähneu passt nur für diesen Schädel eine 
Reihe recht grosser Zähne mit starker Abnutzung der Kronen. Darunter befindet 
sich ein Molaris I mit einer Nebenspitze. Vielleicht ist auch dieser Schädel 
ein weiblicher: die Stirn ist niedrig und die Curve macht hier einen schnellen 
üebergang nach hinten. Das Hinterhaupt lang und gut gewölbt. Das Foramen 
magnum rundlich, mit sehr vortretenden Gelenkhöckern. Die Form anscheinend 
dolichocephal: grösste Länge 182 mm, Breite nicht zu bestimmen, dagegen Längs- 
umfang des Frontale 112, der Parietalia 132, der Hinterhauptsschuppe 108 Wim. 
Die gerade Höhe beträgt 132 mm, der Höhenindex also 72,5, was der Ortho- 
cephalie entspricht. 

3) Von diesem, fast noch kindlichen Schädel sind nur das Mittelhaupt und 
ein kleiner Theil der Hinterstirn vorhanden. Wahrscheinlich gehören dazu die 
lose vorhandenen Milchzähne. Die Knochen sind sehr dünn, aussen glatt und mit 
einer feinen Haut abblätternd. Die zackige Sagittalis hat eine Länge von 120 mm. 
Die Form sieht eher breit aus, jedoch gehen bei völligem Mangel der Basis, der 
Seitentheile und der Hinterhauptsschuppe die Parietalia erfahrungsgemäss leicht 
auseinander. 

Im Ganzen überwiegt darnach der Eindruck der Dolichocephalie, die für neo- 
lithische Schädel ganz in der Regel sein würde. Der Umstand, dass von den 
3 Schädeln der eine einem Kinde, der zweite einem jungen Mädchen, der dritte 
wahrscheinlich einer älteren Frau angehört hat, legt es einigermaassen nahe, in 
den ehemaligen Trägern dieser Schädel die Glieder einer Familie zu sehen. 

Es ist endlich zu erwähnen, dass ein kleines tassenartiges Thongefäss von 
äusserst roher Arbeit mitgekommen ist. Der Thon ist oberflächlich stark gebrannt 
und fast rnth, auf dem Bruch schwärzlich und mit Feldspathbrocken durchsetzt, 



(47) 

aussen und innen rauh und uneben; es hat einen etwas eingedrückten, aber flachen 
Boden von 22 mm Durchmesser, umgeben von einem nacli aussen und nach unten 
etwas vortretenden Rande, und weitet sich dann in der Form eines umgekehrten 
Kegels bis zu dem ganz einfachen Rande der 70 mm im Querdurchmesser haltenden 
Mündung auseinander. Seine Höhe beträgt 44 mm. 

In dem mir zugegangenen Zeitungsblatt ist die Vermuthung ausgesprochen, 
dass diese Hügel Königsgräber der Longobarden gewesen seien.' Daran ist sicher- 
lich nicht zu denken. Denn die neolithische Zeit liegt so weit hinter derjenigen 
zurück, in der wir au dieser Stelle Longobarden treffen, dass auch nicht die min- 
deste Wahrscheinlichkeit besteht, es habe schon damals ein solcher Stamm existirt. 
Viel näher an die historische Zeit reichen wahrscheinlich die Urneugräber, welche 
in so grosser Zahl das benachbarte Feld erfüllten; auch ist nicht ganz ausgeschlossen, 
dass zur Zeit der Longobarden noch Leichenbrand geübt wurde. Aber am Ende 
ist doch auch für eine solche Annahme kein anderer Grund vorhanden, als dass 
die Gräber in dem späteren Bardengau liegen. Ja, der Umstand, dass ein so 
kriegerischer Stamm seinen Angehörigen doch wohl Waffen mitgegeben haben wird, 
scheint direct gegen eine derartige Annahme zu sprechen. 

Zufälligerweise ist mir so eben eine höchst interessante Schrift des Herrn 
Wieser (Innsbruck 1887) zugegangen, in welcher „das langobardische Fürstengrab 
und Reihengräberfeld von Civezzano", einem Dorfe östlich von Trient am Ausgange 
des Fersina-Thales, beschrieben wird. Das sehr merkwürdige Grab, auf welches neu- 
lich schon Hr. A. B. Meyer (Verh. 1886 S. 659) hingewiesen hat, enthielt Reste eines 
grossen hölzernen Sarkophages mit höchst eigenthümlichen Eisenzierrathen und dabei 
eine Fülle von Waffen, Bestandtheilen der Rüstung und des Pferdeschmucks, an- 
deres Geräth n. s. w. Sicherlich wird man nicht erwarten können, dass die Longo- 
barden eine gleiche Cultur, wie sie sie nach Jahrhunderten des ümherziehens 
auf fremdem Boden erworben hatten, schon in ihrer Heimath besessen haben. 
Aber man darf auch nicht umgekehrt vermuthen, dass sie eine so ärmliche Aus- 
stattung hatten, wie sie nach dem Ergebnisse der Untersuchungen des Urnenfeldes 
von Scharnhop der dortigen Bevölkerung zugeschrieben werden muss. Denn die 
Ausgrabungen auf zahlreichen Feldern der Nachbarschaft haben uns gelehrt, dass 
seit der Einwirkung der La-Tene-Cultur die Bewohner dieser Landschaften einen 
reichen Besitz von Waffen und Geräth aller Art erworben und dass sie sich daran 
gewöhnt hatten, derartige Sachen in nicht geringer Zahl ihren Todten mit in das 
Grab zu legen. 

(16) Hr. E. H and t mann hat, d. d. Seedorf bei Lenzen, 30. December, dem 
Vorsitzenden folgenden Bericht übersendet über 

Alterthümer der Gegend von Lenzen und Kiebitzberge. 

Der Jahresschluss mahnt, dass wieder Bericht erstattet wird, wie weit wir 
Lenzener den uns obliegenden Forscheraufgaben nachgekommen sind. Solcher 
Bericht ist für dieses Jahr wesentlich vereinfacht durch den glücklichen Umstand, 
dass wir in der Mitte des Jahres die Ehre hatten, Sie und viele andere Berliner 
Herren unter uns zu sehen. Es erübrigt lediglich, einiges zu dem von Ihnen 
Erschauten nachzutragen. 

1. Ihr bei Tisch gesprochenes Wort, dass wir wenigen Forscher hiesiger 
Gegend sämmtlich durch Amt und Lebensstellung vielbeschi'.ftigte Männer mit 
wenig freier Zeit wären, ist leider nur zu sehr in den übrigen Jahresmonaten 
bestätigt worden, so dass in der That nur mühsam Zeit zu Forschungen gewonnen 



(48) 

werden konnte. Nach dem Neuen Hause zur Weiteruntersuchung slavischer Funde 
konnten wir nicht gelangen. Dagegen stellten wir weitere Spuren slavischer 
Töpferei auf dem Kiebitzberg bei Bäckern und auf dem Kamp bei Breetz, 
jene Stelle auf dem rechten, diese flussabwärts auf dem linken Dfer der Löcknitz, 
fest. Au beiden Stellen sind die slavischen Scherben sparsam (während dieselben 
bei Wustrow und bei Neu-Haus zahlreich auftreten), und sie verschwinden fast vor der 
grösseren Menge vorslavischer Scherben. Ein vollständig erhaltenes slavisches 
Gefäss haben wir überhaupt bei unseren Ausgrabungen hier herum noch nicht auf- 
gefunden, während die ganz und theilweise erhaltenen Gefässe vorslavischen 
Charakters, sowohl aus Sand, wie aus Steinpackung und aus grösseren Steinbrunnen- 
ringen entnommen, sehr zahlreich sind. Hierzu sei bemerkt, dass Hr. Stadtrath 
Friedel im October 1882 vom linken Eibufer her aus Metschow am Nordwest- 
abhange des Böhbeck mehrere kleine slavische Scherben für das Märkische 
Museum mitnahm. 



Figur 1. 



Figur 2. 




Figur 1: 16 cffi hoch, oben 21, in der Mitte 28, unten 10 cm im Durchmesser. Figur 2 
Ib mm hoch, oben 85. unten bO mm im Durchmesser. Figur 3: natürliche Grösse. Figur 5 
20 cm hoch, 25 cm Bauchdurchmesser, 17 cm Mündungsweite, 12 C7ii Bodenfläche. Figur 6 
17 cm hoch, ebenso breit im Boden, 37 cm Oeffniuigsdurchmesser. Figur 7a: 45 mm hoch, 
oben 80, unten 4ö mm weit; h: Ab mm Durchmesser; c: 18 mm Durchmesser. 

2. Auf dem Höhbeck ist das örnennest, welches die schönen, glänzend 
schwarzen Gefässe enthielt, leider als erschöpft zu betrachten. Bei dreimaliger 
Anwesenheit fanden wir nur noch 3 unbedeutende braune Urnen dort und die 



(49) 

Hälfte eines Ringos bereits sehr schlechter Bronze, sowie zwei sehr feine Pfeil- 
spitzen aus weissem Keuersteiu (ina Besitz der IlHrn. Paschke und Dalims), wie 
ich ähnliche aus Breetz (weiss) und aus Bäckern (schwarz) seit längerer Zeit habe. 

— Dagegen entdeckten wir etwas mehr westlich auf der Höhe des Berges in etwa 
1 — 2 in Tiefe Steinsetzungen und Urnen älteren Charakters, als die bisher dort 
gefundenen, welche den altgermanischen, bei Gandow gefundenen, ^nlich erscheinen. 
Da diese Wahrnehmung erst in der zweiten Octoberhälfte gemacht wurde, mussten 
wir die weitere Verfolgung dieser Aufgabe auf das nächste Jahr verschieben. Zeich- 
nung einer Urne und Tasse (Fig. 1 und '2) von Hrn. Havemann. 

3. Es gelang mir, in Warnow, woselbst Hr. Prediger Crolovv eine sehr scharf 
gebrannte, völlig konische Urne besitzt, einen eisernen Gürtelhaken (Fig. 3), dessen 
Ränder scharf eingekerbt sind, zu erhalten, welchen ich gelegentlich weiter 
liefern werde. 

4. In Steesow hatte auf Hrn. Paschke's und meine Bitte Hr. Sombart, 
Schöneberger Ufer 62, beim Steinroden seines parcellirt werdenden Gutes Urnen 
heben lassen. Die fünf von mir bei meiner Anwesenheit geleerten Urnen lieferten an 
Beigaben: einen eisernen Gürtelring und Haken, einen dünnen Bronzering (auf den 
Mittelfinger meiner Hand passend). Eine kleine Urne (Fig. 4), 19 cm hoch, gelbgrau, 
mit Henkelschälchen bedeckt, enthielt Knochen und inmitten derselben ein kleines 
Tässchen, in welchem die Kronen von Schneidezähnen und Backenzähnen lagen. 
Hr. Dr. Fischer-Lenzen sprach sich dahin aus, dass diese Zahnkronen von einem 
etwa 7jährigen Mädchen herrühren möchten. Urne und Zahnkronen verwahre ich, 
das Tässchen hat Hr. Amtmann Devers- Bochim. — Eine prächtige Bronzenadel 
mit sehr dickem Knopf, dessen untere Rundung wolkenähnliche Einfurchung trägt, 
beabsichtigt Hr. Sombart dem Museum für Völkerkunde zu überreichen. 

5. Nahe dem Marienberg — meiner Rethraheiligthum- Stätte — fand sich 
in Steinsetzung eine Urne mit Bronzeschnalle. Dass am 11. Juli die schnell über 
den Marienberg fahrenden Berliner Herren nichts gefunden haben, lag wohl daran, 
dass in dem dort schon sehr hoch gewachsenen Forst, der jetzt die vor 11 Jahren 
noch wohl erkennbaren Fundamente des alten Marienklosters ganz verdeckt, das 
Suchen sehr schwer ist. Ich selbst fand vor 10 Jahren nahe dem früheren Kloster- 
brunnen einen Vierteltopfscherben, welchen bald darauf Hr. Stadtrath Friedel 
als ein altgermanisches Stück bestimmte. Ich schenkte denselben in das Scherben- 
magazin des Märkischen Museums. Das Gefilde Jäkel am Fuss des Marienberges 
zum Rudow-See hin, ebenso die Abdachung nach Leuergarten haben ausser dem im 
Märkischen Museum befindlichen ßracteatenfunde uns zahlreiche altgermanische 
Scherben geliefert. 

(3. Der unermüdliche Hr. Havemann-Gandow hat auf seinem Hausurnen- 
Garlin einen merkwürdigen, die darunter stehende Urne (Fig. 5) vollständig über- 
stülpenden konischen Deckel (Fig. 6) gefunden, sowie innerhalb dieser Setzung einen 
Bronzering, eine Tasse und einen schönen Spinnwirtel (Fig. 7 a, b, c). Ein ähn- 
licher grosser, leider zerbrechender Konosdeckel fand sich schon einmal dort 1885. 

7. Einen feingeformten, in einer Art von kleiner Satte ruhenden Spinn- 
wirtel fand Hr. Oberprediger Paschke auf dem Kiebitzberge bei Gandow. 
Ebenfalls dort fand derselbe einen Schlagstein, welcher vollständige Schädelform 
mit Augenhöhlen und Nasenbein darstellt, ein wunderliches Naturspiel. Zahllos 
sind übrigens au dieser Stätte Schlagsteine und Kornreiber. 

8. In Gandow und Lanz vermochte ich festzustellen, dass dort Wendenpfennige 

— deren einen ich glücklich in die Münzsammlung des Hrn. Paschke lieferte — 
gefunden sind, desgl. vorslavische Urnen. Ich selbst hatte schon früher bei Lanz 

Verhandl. d. Herl. Anthropol. Gesellschaft 1887. 4 



(50) 

slavische Scherben gefunden, traf auch in diesem Jahre auf dem Juiitzberge 
bei Lanz kleine sowohl slavische, wie vorslavische Scherben. 

9. Betreffend Mödlich bleibt lebhaft zu bedauern, dass Ihnen in Folge Miss- 
verständnisses die Gruft des Adrairals Giesel van Lier verschlossen blieb. Die 
Gruft wird Ihnen, wenn Sie wieder herkommen sollten, jedenfalls offen stehen, 
nur muss sich der Besucher an Hrn. Küster Schernikau wenden, unglücklicher- 
weise befragten Sie die Leute in Mödlich nach „Holländern". Unter „Holländer" 
versteht man in hiesiger Gegend „Käsemacher". In Folge dessen wussten die Leute 
in Mödlich gar nicht, was sie von den Berlinern, welche einen „Käsemacher" in 
der Admiralsgruft suchten, halten sollten, und waren weniger zugänglich, als sie 
es sonst Fremden gegenüber sind. 

Ausser dem von Ihnen bereits im Abbruch geschauten Rauchhause giebt es 
in Gestalt des Tagelöhner -Hauses der Pfarre Mödlich noch ein in Gebrauch stehen- 
des Rauchhaus. Noch weit bessere, in Thätigkeit stehende Rauchhäuser enthält 
das Dorf Moor. Diese Rauchhäuser entlassen den Rauch nicht ganz oben am 
ülenloch, sondern vielmehr durch quadratische, bezw. oblonge Oeffnungen zwischen 
dem obersten Wandbalken und dem Strohdach. 

Bei den Namens- und Localitätsangaben von Mödlich sei eine kleine Berich- 
tigung gestattet. Der Name „Weber" (Verhandl. 1886 S. 426) kommt daselbst 
nicht vor. Vielmehr wird, zum unterschiede von fünf anderen Wirthen desselben 
Namens Lüdke, der Ihnen zufällig vorgeführte „Weber -Lüdke" genannt, um so 
von seinen Namensvettern „Richter- Lüdke", „Preister-Lüdke" u, s. w. unterschieden 
zu werden. „Fährmann" ist eine erst kürzlich zugezogene Familie. Die ältesten 
Familien Mödlichs wohnen durchaus nicht nahe der Kirche^ sondern flussabwärts 
V2 Stunde entfernt hinter der Pfarre und führen die Namen Röhl, Huth, Mertens, 
auch Theys und Friese kommen vor. In Mödlich, Breetz und Seedorf, sowie in 
der Niederwische waltet die Tradition, dass vom Niederrhein her und aus West- 
falen vor etwa 200 Jahren Neuansiedler gekommen seien, deren ch urfürstlicher 
Statthalter und Anleiter lediglich der Holländer Admiral Giesel van Lier gewesen 
sei. Die Namen Röhl, Thys, Werth, Wendt sprechen in der That mit dafür. Eine 
Familie Weding, welche übrigens mir von dem Gebärsymbol der Kröte zu erzählen 
wusste, leitet sich aus Bayern her. Andere, namentlich des Namens Kroll, Wilke 
und Jestram, behaupten wendischen Ursprung. Die Neubevölkerung war unzvyeifel- 
haft nach dem 30jährigen Kriege eine sehr gemischte. — 

10. Auch betreffend der Kiebitzberge bitte ich gegenüber Verh. 1886 S. 423 
eine Berichtigung zu gewähren. Ich habe nie und nirgends behauptet, dass ich 
alle Kiebitzberge als Tumuli betrachtet wissen will, sondern habe lediglich die 
Frage vorgelegt: „Sind vielleicht Kiebitzberge hier und da als künstliche 
Erhöhungen — sei es als wirkliche Grabstätten, sei es als Mahlzeitstätten für 
Begräbnissfeiern auf Kenotaphen zum Gedächtniss fern im Kriege oder sonstwie 
gefallener Häuptlinge — zu betrachten." Diese Frage, als bisher noch nicht ge- 
löst, erhebe ich hier heute aufs Neue unter specieller Vorlage des mir persönlich 
dazu Veranlassung gebenden Materials. Die Bezugnahme auf den Vogel Kiebitz 
muss ich als ungenügend und nicht sachentsprechend von dem zwiefachen Gesichts- 
punkte des Localforschers wie des Slavisten abweisen. Ich habe persönlich auf 
7 verschiedeneu Kiebitzbergen gestanden und geforscht, nehmlich hier in der 
Prignitz (und Südwest - Meklenburg) bei Gandow, Bäckern, Moor, Breetz (in 
Schmölln war ich nicht selbst, sah diesen Berg nur von fern und folge den Aus- 
sagen Anderer); im Kreise Königsberg i. d. Neumark an der Grenze der 3 Dörfer 



(51) 

Nordhausen, Bellgen, Vietnitz; im Kreise Ost -Sternberg bei Kriescht an der Strasse 
nach Zielenzig. Von diesen 7 Kiebitzbergen liegen nur 3, nehralich bei Gandow, bei 
Breetz und l)ei SchmöUn in Meklenburg, in ehemaligem Sumpfgebiet. Die 4 anderen 
springen lediglich als spitzere Kegel aus anderen Sandhügeln heraus. 
Der unter den ersten 3 befindliche von Breetz hat, nach geringer Sattelsenkung, zum 
Nachbar einen ihm gleich hohen Hügel, welcher den Namen „Möllerberg" führt. 
(Warum ward nicht, wenn's vom Vogel Kiebitz herkäme, dieser im Elbinundations- 
gebiet liegende gleichfalls kleiner Kiebitzberg genannt?) 

Der im Volksmunde Kiebitzberg genannte hohe Hügel südöstlich Kriescht 
trägt den geographischen Namen „Spitzberg". (Mein alter Freund, Hr. Cantor 
Wolle nberg, gerieth jedesmal in komischen Unwillen, wenn wir auf diesen 
Berg zu reden kamen, der nach der Sage — ebenso wie der ihm nicht ferne 
Zeisigberg bei der Krieschter Mittelmühle — die goldene Wiege bergen sollte, und 
äusserte sich: „Dummes Zeug, sonderbare Leute, wo können da jemals Kiebitze 
hingeflogen sein".) 

Der spitze Hügel bei Nordhausen -Vietnitz, auf welchem ich 1865 noch Mal- 
steine eines Hünengrabes antraf, hiess im Volksmunde Kapitzenberg, bezw. Käe- 
witzenberg. Auch er enthielt die goldene Wiege. Dieser Hügel liegt jedwedem 
Sumpf und Wasser ziemlich fern. 

Der Kiebitzberg bei Moor nahe Lenzen ist, wie gesagt, eine Sandspitze unter 
anderen. Ich fand an einem seiner Abhänge vorslavische Scherben. Aus ihm ent- 
steigt in der Johannisnacht ein furchtbar brüllender Priester und nicht sehr fern 
von ihm ruht die goldene Wiege. 

Der Kiebitzberg bei Breetz, auf dem ich vorslavische Scherben nebst bearbeitetem 
P'euerstein fand, und welcher beim Sandabgraben den Eindruck künstlicher Auf- 
schüttung macht, enthält gleichfalls die goldene Wiege. (Goldene Wiegen haben 
wir bei Lenzen ausserdem noch drei: zwei links der Elbe im Höhbek, eine im 
Butterberge am Rudowsee, auf Bochin zu.) Die „goldene Wiege" der Sagen bin 
ich geneigt, als mit der Leiche eines Häuptlings in eine Gruft gelegten "Waffen- 
schmuck, etwa einen Metallschild, anzunehmen. 

Der Kiebitzberg bei Bäckern ist eine offenkundige alte Ansiedelungsstätte. 
Der Kiebitzberg bei Gandow bildet eine vom Garlinberge aus vorspringende Sand- 
ecke, auf welcher ausser zahllossen Scherben und wenigen ganzen Töpfen von uns 
unerklärlich viele Schlagsteine, Kornreiber, einige Spinuwirtel gefunden sind. Es 
macht so recht den Eindruck dessen, was Hr. Dr. Behhi als „Leichenschmaus- 
stätte" bezeichnet. 

Nun haben wir im Neumärkischen Volksdialect noch lebendig das Wort 
„Kapitze" für spitze, künstlich zusammen geschaffte, d.i. geharkte oder 
geschippte Haufen von Sand, Heu, Rohr u. s. w. Ich leitete in jüngeren Jahren 
solches Volkswort philologisch von caput her, bis mich bei meinen slavischen 
Arbeiten ein wendisch verstehender deutscher Lehrer auf die einfachere Herleitung 
von dem slavischen Verbalstamm KoiiiiTb (kopitj) = zusammenscharren auf- 
merksam machte und mir geradezu erklärte: „Kapitzen sind spitzige Erhöhungen, 
weiche Menschenhand zurecht gemacht hat, gelegentlich ländlicher Arbeiten." 
Ich hielt und halte solche Siniiesfassung für eine zu beschränkt enge. Indess sie 
leitete mich hin, statt vom Vogel Kiebitz, bezw. vom lateinischen caput überzugehen 
zu einem volksvererbten und später deutschverderbten Mischwort, wie solches das 
Gebilde „Kapitzenberg" und „Käewitzenberg" bei Nordhausen darbietet. Demgemäss 
fasse ich jetzt Kiebitzberg als Spitzhügel auf, wenn in Sümpfen oder Inundations- 
gebieten, wohl nebenbei im März oder April Kiebitzraststätte, von prähistorischen 



(52) 

Menschen als Lochragender Punkt vielleicht mit Vorliebe zu Mal- und zu Mahl- 
zeitsstätten benutzt. — 

Hr. Virchow erkennt an, dass die gegebenen Erläuterungen geeignet sind, 
die Frage der Kiebitzberge ihrer Lösung näher zu führen. Zunächst werde es 
nöthig sein, die thatsächlichen Verhältnisse über Vorkommen und Beschaffenheit 
dieser „Berge" festzustellen. Unsere Freunde in der Provinz werden der Anregung 
gewiss gern Folge geben. Die Abwehr des Hrn. Handtman, dass er nicht alle 
Kiebitzberge als künstliche Tumuli gedeutet habe, sei begründet; er habe (Verh. 
1883. S. 514) in der That nur gesagt, dass er „dieselben grösstentheils für künst- 
liche Gebilde, also für Tumuli halte.« Wenn sie aber nicht alle künstlich auf- 
geschüttet seien, so werde dadurch freilich die versuchte Erklärung einigermaassen 
zweifelhaft. 

(17) Hr. Carl Altrichter übersendet d. d. Wusterhausen an der Dosse, 
18. November 1886, folgende 

topographische Skizze der Umgegend von Wusterhausen a. D. 

Das Gebiet der Stadt Wusterhausen a. D. wird in seiner grössten Länge von 
Norden nach Süden etwa 7 km und in seiner grössten Breite etwa die Hälfte davon 
austragen. In der Skizze sind angrenzende Gebietstheile, wie Brunn und Trieplatz, 
berücksichtigt. 

Zur besseren üebersicht habe ich die vielartigen Fundstätten in Stationen ge- 
theilt, die mit römischen Zahlen in die Skizze eingetragen sind, wobei ich voraus- 
schicke, dass das ganze Gebiet, nur wenige Strecken ausgenommen, von Stein- 
suchern durchwühlt ist, so dass es bisher nicht gelang, ein vollständiges Grab oder 
auch nur die Gefässscherben begleitende Geräthreste aufzufinden. Station VHI 
und XIV lassen jedoch noch einiges hoffen. 

Bezüglich der einzelnen Funde behalte ich mir Zeichnungen und genauere 
Beschreibung vor; in Nachstehendem will ich vorläufig nur eine Gesammtdarstellung 
des Gefundenen versuchen. 

Station 1. Im ebenen Ackerlande werden in der Tiefe von 1—2 Fuss Stein- 
massen gefunden, die in ihrem Innern Gefässe mit Asche gefüllt enthalten. Bald 
findet sich nur eine Urne, bald stehen etwa tassenkopfgrosse Näpfchen daneben. 
Die geschwärzten Steine der Umgebung, bezw. ömpackung sind so mürbe, dass 
die Chausseeverwaltuug sie als unbrauchbar verwirft. Die Gefässe sind namentlich 
am Halse zertrümmert. Ob Beigaben vorhanden gewesen, ist nicht bekannt; ich 
selbst wohnte keiner Ausgrabung bei. Die vorgefundenen Scherben und grösse- 
ren Bruchstücke zeigen keine Verzierungen. Nordöstlich von der Fundstelle 
sind in diesem Sommer von einem Beamten des Märkischen Museums, ich ver- 
muthe von Hrn. Buchholz, auf Trieplatzer Gebiet Bronzen, namentlich Schwerter, 
und vor Jahren noch auf Brunner Gebiet ein sensenartiges Schlaginstrument und 
eine Pfeilspitze von Bronze gefunden worden. 

Station II. Dicht hinter dem Park des Schlosses Brunn wurde in diesem 
Herbst ein Weg verbreitert und eine etwa 1 m hohe Erdschicht abgehoben. Durch 
Regengüsse wurde auf dieser ausgehobenen Fläche eine Steinschicht freigespült, die 
sich als eine Art Mosaikarbeit aus kleinen Feldsteinen, eingedrückt in den lehmigen 
Boden, darstellte, nachdem ich die Fläche in ihrer ganzen Ausdehnung festgestellt 
und gesäubert hatte. Ich habe an Ort und Stelle eine genaue Zeichnung davon 
gefertigt. 

Station III. Der Wenddorfsberg ist vor Jahren von dem früheren Rektor 



(53) 




Iskraut von hier durchwülilt und daraus angeblich — ich wohnte damals noch nicht 
hier — eine Menge Material fortgeschleppt worden, so dass mir nur die Nachlese 
blieb, die aber bedeutend dadurch erschwert wurde, dass über den ganzen Hügel 
hin Kieferschonungen angelegt worden waren. Gefässscherben mit linearen Orna- 
menten mannichfachster Form und verschiedenster Färbung, angebrannte Knochen 
und ein halbes eisernes Hufeisen von sehr alter Form waren das Ergebniss meiner 
Forschungen. Am Üstabhange fanden sich, etwa 1 Fuss unter der Erdoberfläche, 
auch noch die Ruinen eines mit Feldsteinen sorgfältig ausgesetzten Loches, nach 
ihrer Lage zum Wasser, wie ich annehmen muss, Reste eines vorgeschichtlichen 
Brunnens. 

Station IV. Steiagräber haben vor 40 Jahren hier das Gebiet durchwühlt 
und nach mündlichen Mittheilungen ähnliche Verhältnisse aufgedeckt, wie in 
Station I; jedoch ist es zweifelhaft, ob directe Umpackung der Urnen statt- 
gefunden hat, oder ob von grösseren Steinen gebildete Grabkammern vorhanden waren. 



(54) 

Station V zeigt Gräber, die in gewisser Beziehung von denen der Station 1 
abweichen. Ich habe leider cur eines davon gesehen, als es schon zugeworfen war, 
aber nach der sofortigen Beschreibung des Steingräbers festgestellt, dass die Grab- 
höhle, welche eine Urne auf einem flachen Stein stehend entbielt, mindestens so 
gross war, dass ein Erwachsener bequem darin hätte liegen können. Derselbe 
Mann theilte mir mit, dass ein Stück davon ein mit Steinen ausgesetzter „Brunnen" 
gewesen sei, in dessen Innern Pferdeknochen gelegen hätten. Diese Gräber scheinen 
Reihengräber, die mehrere Meter von einander lagen, gewesen zu sein. Ich habe 
8. Z. Maasse festgestellt und von der eigenthümlichen Masse, die den Boden des 
erwähnten Grabes angeblich bedeckt hat, eine Probe entnommen. Diese Gräber 
ziehen sich am Abhänge einer Bodenerhebung hin, die sich noch über Station VI 
fortsetzt; auf der Höhe scheint das in der Mitte des 16. Jahrhunderts eingegangene 
Dorf Garz gestanden zu haben. Auf dem wahrscheinlichen Gebiet desselben fand 
ich einen Schleifstein, durchlocht, die beiden wohl erhaltenen Granitsteine einer 
Handmühle und ein meisselförmiges Stück Stein, das augenscheinlich von einem 
zugeschliffenen Steine abgesprengt ist. 

Station VI. Seit 40 Jahren werden hier die verschiedenartigsten Gefässe, so- 
wohl nach Farbe und Form als auch nach Herstellungsweise, gefunden, allerdings' 
meist in Trümmern, und zwar ohne dass Merkmale irgend einer ßestattungsart 
kund geworden wären. Ich habe hier vielfache Proben entnommen. Drei sind 
sehr charakteristisch: die eine gehört einem bauchigen Gefäss an, das gerade so 
aussieht und so roth gebrannt ist wie Ziegelstein; die andere weist auf ein Ge- 
fäss ohne Verzierungen, mit ganz rauher, körniger Oberfläche; die dritte auf ein 
ganz schwarzes, aber sehr zierliches Gefäss von glänzendem Aeusseren, in Strich- 
manier geziert. Eine Brandstelle (Heerd?) auf blosser Erde machte sich etwa 
1 Fuss unter der Erdoberfläche bemerkbar. Die nähere Beschreibung der Station 
mit der Begründung für meine Vermuthung, dass hier eine vorgeschichtliche 
Töpferei bestanden habe, habe ich vor etwa 2 Jahren Hrn. Virchow übersandt. 

Station VII. Scherben ohne Verzierungen, Bruchstücke von Stein Werkzeugen, 
darunter ein Stück Feuerstein, worauf durch Schleifen eine Nadel fast bis zum Ab- 
sprengen herausgearbeitet ist, Heerdstellen mit kleinen aneinandergereihten Steinen 
als Unterlage und auch solche ohne Unterlage, erstere nahe der Erdoberfläche, 
letztere bis zu einer Tiefe von 1 m und auch darüber sind hier gesammelt, bezw. 
aufgefunden. Ein idealer Querdurchschnitt ist seiner Zeit von mir entworfen. An 
einer Stelle fand sich in grösserer Tiefe ein Erzkuchen mit einem Zapfen, wohin 
augenscheinlich das ausgeschmolzene Eisen abgeflossen war. Ich habe davon den 
Eindruck, als ob es die Schlacke eines vorgeschichtlichen Hochofens sei, und be- 
merke dabei, dass die Wiesen der Dosseniederung viel Raseneisenstein enthalten 
und im 13. Jahrhundert etwa 15 Minuten nördlich der Station I ein „Iserniollen" 
bestanden hat. 

Station VIII. Ueber den Charakter des Burgwalles und des sogenannten 
kleinen Burgwalles bin ich mit mir noch nicht einig. Ersterer ist in geschicht- 
licher Zeit eine befestigte germanische Niederlassung gewesen; jedoch sind vor 
meinem Hiersein bei Gelegenheit einer Brunnenbohrung Geweihreste, Fischschuppen, 
Fischgrähten und, irre ich nicht, eine Partie angebrannten Roggens, gehoben worden. 
Letzterer (der kleine Burgwall) scheint aber unbenutzt und erheblich höher als jetzt 
gewesen zu sein und mehr oder weniger das Material zur Verwallung der Stadt 
u. 8. w. bergegeben zu haben. Dies bestätigt die Gleichartigkeit der gefundenen 
Scherben mit denen, die in V^allresten gefunden sind. Ist die letztere Annahme 
richtig, so ist es höchst wahrscheinlich, dass sein Inneres Grabkamraern enthält. 



(55) 

Anderea Falles ist es eine spätere vorgeschichtliche Niederlassung, vielleicht auf 
den Anschwemmuugen über einem ehemaligen Pfahlbau. Maulwürfe bringen fort- 
während mit der ausgestos?enen Erde Scherben von grosser Kleinheit und Knocheu- 
reste hervor; auch ein geschliffenes Feuersteinmesser. Drei grössere Stellen werden 
von Maulwürfen gemieden; ich vermuthe darunter Steinpackuugen. 

Station IX. Beim Grundgraben zu einem neuen Hause wurden, ich erfuhr 
leider erst nach mehreren Wochen davon, unweit eines jilißmaligen Flusslaufes 
nach der Seite des Hurgwalles hin, bei 8 Fuss Tiefe ein Pferdeskelet, eine halbe 
Rehkrone mit Resten der Schädeldecke und mit einer Rille, die vom Glätten her- 
rühren möchte, sowie ein langer, anscheinend aus einem Wadenbein gearbeiteter 
Pfriem gefunden. Letztere beide Stücke konnte ich retten, wenngleich den Pfriem 
mit abgebrochener Spitze. An einer anderen Stelle fand sich ein grösserer Block 
Uaseneisenstein, den ich aufhob. 

Station X. Hier wurde beim Pflügen vor etlichen Jahren ein Stück Ren- 
thiergeweih hervorgebracht, bei dem augenscheinlich durch Menschenhand die 
Augensprosse abgesprengt ist. Das Stück ist in meinem Besitz. 

Station XI. Auf dem Windmühlenberge und seiner Umgebung fand ich un- 
zählige Feuersteinstücke und andere Steine, die meines Erachtens Spuren der 
Bearbeitung zeigen. Nicht weit davon im Gall- (Galgen-) Berge wurden Gefässe 
verschiedener Form gefunden, von denen 2 erhalten sind, die sich nebst einer dort 
gefundenen Silbermünze (Nero?) im Besitz des Gastwirths Tiedecke hier be- 
finden. 

Station XII. Im Torfmoor, etwa 1,50 m tief, wurden Reste eines Elchgeweihs, 
eine Speerspitze von Feuerstein (aber nicht geschliffen) und Kiehnäpfel und an 
einer anderen Stelle ein kugliger Feuersteinknollen mit seitlichen Abflachungen 
(Rollkiesel?) gefunden, der nach vorgefundenen Spuren augenscheinlich zum Be- 
hauen anderer Steine gedient hat. Die Steinsachen sind in meinem Besitz; die 
Wurzel des Geweihastes in dem des Kaufmanns Ferdinand Krohn hier. 

Station XIII. Augenscheinlich die Dorflage des iin 14. Jahrhunderts unter- 
gegangenen Dorfes Klempow. Scherben mit Zeichnungen und Metallsachen der ge- 
schichtlichen Zeit sind die bisherigen Funde. Der Durchstich der Gegend zwecks 
Herstellung eines Bahnkörpers ergab nur mittelalterliche Thonscherben. 

Station XIV. Dieser Hügel galt lauge als bedeutungslos. In der Südwest- 
ecke sind Sandgruben angelegt. Nach langem Suchen fand sich ein (der Form 
nach) sehr altes Hufeisen und ornamentirte Scherben, und wandte ich der Station 
grössere Aufmerksamkeit zu. Es fand sich demnächst eine Heerdstelle, wie bei 
Station VII, aber mit einem am Rande aufgekrempten Lehmbelag von eigenthüm- 
licher Zusammensetzung (leider in Stücken), ein Thonwirtel zur Spindel, Bruch- 
stücke von Gefässen mit und ohne Zeichnungen. Die von Osten her in Angriff 
genommene Abtragung des Hügels zu ßahnzwecken hat bis jetzt nichts ergeben. 

Station XV. Bei einer Mergelkuhle wurde ein bearbeiteter Stein gefunden, 
der nach allen Anzeichen als Pflugschaar gedient hat. Ich werde später eine 
Zeichnung davon liefern und auf ihn zurückkommen. 

Nach meiner unmaassgeblichen Ansicht muss im Kiempower See an irgend 
einer Stelle eine vorgeschichtliche Niederlassung bestanden haben, denn im Ostufer 
desselben werden immer wieder Scherben, vom Wasser abgeschliffen, gefunden. 
Leider verbietet ein am Ausfluss des Sees belegenes Mühlwerk das Ablassen des 
Wassers. 



(56) 

(18) Hr. Virchow berichtet über die 

Bernsteinwerkstätte von Butzke bei Beigard, Pommern. 

Der Stettiner Generalversammlung ist auf dem Fusse gefolgt die Gründung 
eines neuen Organs der Gesellschaft für Pommersche Geschichte und Alterthums- 
kunde unter dem Namen „Monatsblätter", welches hauptsächlich bestimmt ist, an- 
regend auf die Landsleute zu wirken und schnelle Kunde der neuen Entdeckungen 
zu geben. Die mit dem neuen Jahre ausgegebene Nr. 1 bringt sofort eine höcbst 
wichtige Mittheilung. 

Etwa eine Meile nordöstlich von Beigard, nicht weit von der Radue, einem 
rechten Nebenflusse der Persante, liegt das Rittergut Butzke. Seine im Allgemeinen 
ebene Feldmark ist von allerlei Wasserläufen, Seen und Torfstichen durchsetzt. In 
einem der letzteren, der 3 — 4 Morgen gross ist, kamen beim Torfstechen kleine 
durchlöcherte Bernsteinstücke in grosser Menge zu Tage, welche jedoch erst Aufmerk- 
samkeit erregten, als in der Nähe eiserne "Waffen der La Tene-Zeit gefunden wurden. 
Hr. Lemcke, der Vorsitzende der Gesellschaft, begab sich selbst an Ort und 
Stelle. Er erhielt alsbald mehr als 800 Bernsteinperlen der verschiedensten Art, 
beinahe 100 römische Thon-, Glas- und Emailperlen, eine Bulla, eine Provinzial- 
fibel von Bronze, ein Drahtg(ivvinde aus Gold, 6,5 g schwer, und 2 römische Denare, 
einen Vespasian und eine Faustina major, also Hinweisungen auf das zweite nach- 
christliche Jahrhundert. 

Die Hauptmasse der Perlen und zugleich Stücke rohen Bernsteins in grosser Zahl 
fanden sich am Rande des sonst sehr tiefen Moores in einer Tiefe von 1,5—3 Fuss 
in einer Schicht von geringwerthigem Torf, über welchem zunächst Sand und zu 
oberst wieder eine Schicht Torf lagen. Mitunter traf man auf ganze Haufen, andre- 
mal lagen die Stücke mehrere Meter von einander entfernt. Die Mehrzahl zeigt die 
Gestalt einer Linse oder Scheibe, einzelne mit excentrischera Bohrloch, andere 
gleichen einer Bommel, einem Hängeschmuck, einer Kugel, einer Röhre, andere 
sind offenbar als Amulette gedacht. Neben solchen, zum Theil sehr sorgfältig ge- 
arbeiteten Stücken giebt es aber auch ganz rohe, durch welche nur ein konisches 
Loch gebohrt ist. Bloss angei^ohrte, unvollendete und halbfertige Stücke liegen 
mit fertigen und kunstvollen bunt durcheinander. Viele zeigen auch Spuren des 
Gebrauchs. 

Somit kann kein Zweifel darüber sein, dass hier eine Bernstein werkstätte 
war. Auf den Feldmarken von Butzke und dem benachbarten Pumlow wurde noch 
vor wenig Jahrzehnten mit solchem Erfolg nach Bernstein gegraben, dass der Pächter 
jährlich 600 Thl. dafür bezahlte. In dem Moore selbst stiess man auf Spuren einer 
Ansiedelung: Scherben von Hausgeräth, eine wohlerhaltene irdene Schöpf- 
kelle mit langem Stiel, Pfahlreste in grösserer Zahl, sowie Stücke gebrannten 
Lehms mitten im Torf. 

Ich bin in diesen Angaben dem Bericht der „Monatsblätter" gefolgt, unser 
Museum für Völkerkunde hat in letzter Zeit auch eine Reihe von Bernstein-Arte- 
fakten von Butzke erworben, welche die mitgetheilten Angaben bestätigen. Am 
meisten einer genaueren Erforschung bedürftig scheinen mir die „Spuren einer An- 
siedelung" zu sein. Nach dem Angeführten sieht es aus, als würde dieselbe in der 
Gestalt einer Pfahlbaustation gedacht. Das wäre ja nicht unmöglich, aber für jene 
Gegend doch eine völlige Neuigkeit. Ich selbst habe seiner Zeit in dem nicht 
allzu weit entfernten Lüptow-See bei Cöslin einen grossen Pfahlbau aufgedeckt (Verb. 
Ib72. S. 165), aber derselbe erwies sich als eine ganz slavische Ansiedelung. Ein 
Pfahlbau aus römischer Zeit ist meines Wissens in keinem der benachbarten Seen 



(57) 

oder Moore aufgefunden worden. Es wäre daher dringend wünschenswerth, diesen 
Punkt genau zu erforschen und namentlich die Fundstücke, vor Allem die Thon- 
scherben, sorgfältig zu sammeln und zu mustern. 

Jedenfalls ist dies die erste Berusteinwerkstätte im Innern des Landes, wo 
allem Anschein nach gegrabener Bernstein verarbeitet worden ist. Die Küste 
ist von da etwa 2 deutsche Meilen entfernt und wenigstens nicht reich an Bern- 
stein, zumal an grösseren Stücken. Andererseits ist die GegQjad be'rühmt durch die 
Zahl und Schönheit der Altfunde, welche daselbst gemacht worden sind (vgl. unter 
Anderem Verh. 18S2. S. 442). Schon vor 50 Jahren hat Giesebrecht (Erster 
Jahresber. d. Ges. f. Pomm. Gesch. u. Alterth. 1827. S. 21) durch diese Gegend eine 
alte Handelsstrasse zu verfolgen gesucht, für welche er urkundliche Belege aus sla- 
vischer Zeit citirt, indem Zölle und Gasthäuser zwischen Colberg und Beigard dem 
Kloster Grobe auf Usedom geschenkt (vgl. L. Giesebrecht, Wendische Geschichten 
I. S. 30) und getrocknete und eingesalzene Seefische auf dieser Strasse nach Polen 
ausgeführt wurden (ebendas. S. 35). Auch machte er schon in seiner ersten Mit- 
theilung darauf aufmerksam, dass die Salzbergwerke von Bochnia und "Wieliczka 
erst im Jahre 1251 eröffnet wurden, und dass vorher wahrscheinlich Colberg 
Salzhandel in das Innere betrieben hat. Die Pommersche Gesellschaft hat damals 
weitere Nachforschungen über diese Handelsstrasse veranlasst. Der Prediger Pri- 
celius in Zwielipp brachte in der That Nachrichten über einen alten Weg bei, 
der von Colberg aus auf der rechten Seite der Persante gelaufen zu sein schien: 
derselbe wurde bei Damgardt und von da aus zwischen Bartin und Zwielipp zur 
Persante verfolgt; hier nahm man eine Brücke über den Fluss an und Hess die 
Strasse über Lustebuhr nach Cörlin zur Mündung der Radue weitergehen. Bei 
Lustebuhr hatte Hr. v. Kameke menschliche Gerippe, welche durch die Länge der 
Schädel und der Gerippe auffielen, ausgraben lassen; dabei waren Spangen und 
Halsbänder aus Knochen, Bernstein und anderen farbigen Stücken gesammelt 
worden. 

Es Hesse sich die Aufzählung derartiger Funde leicht vermehren. Aber es ist 
schwer, die Zeitstellung derselben ohne genauere Nachweise zu bestimmen. Wie 
das Mitgetheilte ergiebt, gehören schon die aufgezählten Funde äusserst verschie- 
denen Zeitaltern an, und wenngleich die Vermuthung nah(^ liegt, dass eine einmal 
bestehende Strasse sich durch lange Zeit hindurch erhalten haben und benutzt sein 
kann, so wird doch erst durch weitere Studien eine brauchbare Unterlage zu 
Schlussfolgerungen gewonnen werden. Dazu fordert der Bernsteinfund von Butzke 
in hohem Maasse auf. Da derselbe bestimmt in die römische Kaiserzeit reicht, so 
würde es in erster Linie darauf ankommen, die römischen Funde der Nachbar- 
kreise zusammenzustellen. In dieser Beziehung möchte ich nochmals auf den Reich- 
thuin des Kreises Schivelbein an römischen Funden (Verh. 1886. S. 605) aufmerk- 
sam machen. Eine in dieser Richtung geführte Strasse würde von der Persante 
zur Rega und von da wahrscheinlich zur Drage führen, somit in das Gebiet, wel- 
ches durch die Schatzfuude von Callies und Schwachenwalde schon lange die Auf- 
merksamkeit der Alterthumsforscher auf sich gezogen hat. — 

Beiläufig erwähnt Hr. Lemcke bei dieser Gelegenheit, dass die Pouimersche 
Gesellschaft ein Amulet aus Bernstein in Gestalt eines Bären von 10 c//t 
Länge und entsprechender Breite und Dicke erworben habe. Der Fundort wird 
nicht angegeben, nur scheint es gleichfalls im Torf gefunden zu sein. Die Füsse 
seien nur durch wulstartige Erhöhungen angedeutet, Kopf und Oberkörper dagegen 
zeigten natürliche Formen. In der Weichengegend sei ein gebohrtes Loch von 
3 mm Durchmesser zum Aufhängen angebracht. 



(58) 

Offenbar handelt es sich hier um eine jener grossen Bernsteinfiguren, wie sie 
in diesen Verhandlungen 1881. S. 297 und 188-1. S, 566 besprochen, sonst aber in 
ähnlicher Weise nicht weiter bekannt sind. Dm so mehr Interesse würde es 
haben, zu erfahren, ob durch die Umstände des Fundes irgend ein Licht auf die 
Deutung desselben gefallen ist. 

(19) Hr. Virchow spricht über 

Silberschätze westlich von der Elbe. 

In meiner Erörterung des Silberschatzes von Ragow in der October-Sitzung 
V. J. (Verh. S. 578) hatte ich erwähnt, dass meine alte These, wonach die Elbe 
die westliche Grenze für die Hacksilberfunde bilde, noch nicht erschüttert sei. 
Indess konnte ich schon damals (in einer Anmerkung) eine Mittheilung des Herrn 
Dannenberg anführen, wonach neuerlich auch westlich von der Elbe einige Münz- 
funde bekannt geworden seien, in denen „vielleicht" orientalisches Silber enthalten sei. 

Hr. Dannenberg hatte die Güte, mir das ihm Bekannte über 2 westfälische 
Funde nach einem Bericbte in v. Sallet's Zeitschr. f. Numismatik (Bd. XIX. S. 254) 
zugehen zu lassen. Dieser Bericht stammt aus dem Westfälischen Merkur. Dar- 
nach ist vor 3 Jahren auf dem Bauernhofe Klatte in der Bauerschaft Klein-Ros- 
harden im Oldenburgischen, 20 Minuten nördlich vom Kirchdorfe Lastrup, 
ein Silberschatz gefunden, bestehend aus Schmucksachen, mehreren Stangen und 
verschiedenen Münzen aus Silber, sowie einem Goldringe. 

Im vorigen Jahre wurde in der Nähe des ersten Platzes ein zweiter Fund ge- 
macht bestehend aus silbernen Schmucksachen und 700 Münzen, das Ganze 
3^2 Pfd. im Gewicht, Auf einem Fruchtkampe, der gerade vor dem Hofraume 
liegt, worauf das Haus steht, sollte bei der sogenannten Wendung zwischen dem 
Acker und der Hecke Erde fortgeschafft werden. Beim Abstechen der Erde stiess 
der Spaten auf einen im Ganzen unbearbeiteten Stein, der oben flach und von etwa 
35 cm Durchmesser war, aber in der Mitte eine Vertiefung von etwa 12 cm Durch- 
messer und 15 cm Tiefe zeigte. In diese Vertiefung war ein irdener Topf mit den 
Silbersachen gestellt, der aber durch eine etwa 5 cm dicke, übergelegte Steinplatte 
von einem Radius von 25 — 30 cm und mit einer centralen Oeffnung von 7 — 8 cm. Durch- 
messer, anscheinend die Hälfte einer alten Handmühle, ganz zerdrückt- war. Die 
Münzen sind der Beschreibung nach vom Kaiser Otto (Münzstelle Cöln), sächsische 
vom Herzog Bernhard, englischß mit Ethelred, Wendenpfennige u. s. w., sowie 
3 orientalische von der Grösse eines Markstückes. Von Schmucksachen fanden 
sich 4 runde Silberplatten von 3—5 cm Durchmesser mit Filigran, sodann „einige 
verzierte Silberstücke, welche wohl zu Spangen gebraucht sind, ferner mehrere glatt- 
polirte Stangen Silber von 5— 10 cm Länge, 1 cm Breite und 0,5 cm Dicke, und 
2 kleine geschmolzene Silberplatten." 

Auf den Rath des Hrn. Dannenberg wendete ich mich wegen genauerer 
Nachrichten an Hrn. W. A. Wippo in Münster. Derselbe hat mir solche auch be- 
reitwillig zugeben lassen. 

Was den ersten Fund anlangt, so waren es 73 Stück, die nach der Bestimmung 
von Hrn. Dannenberg um 1020 vergraben sein müssen. Es war darunter kein 
orientalisches Stück, dagegen ein Paar angelsächsische von Ethelred IL (978 bis 
1016), Münzstätten l>ondou und York. Unter den deutschen werden genannt solche 
von K. Heinrich I. (919—36) Verdun, von K. Otto IIL (983—1002), Münzstellen 
Cöln und Dortmund, auch von Otto und Adelheid, ferner von K. Heinrich IL (1002 
bis 24), Münzstelle Dortmund, B. Willigis von Mainz (975—1011), Herzog Bernhard I. 



(59) - 

und II. von Sachsen (973 — 1011—1059). Kinc niclit geringe Zahl (von Heinrich I., 
Otto III. und Bernhard II.) sind Nachalitnungen, die offenbar im Lande gemacht 
sind. Auch fand sich ein grosser Weudenpl'ennig ältester Art. Ausserdem werden 
erwähnt aus Silber: mehrere Spangen, ein Armband, ein Fingerring, Ohrringe, 
eine Kapsel, ein Anhängsel mit Stein; aus Gold: ein Fingerring, 5,20 <7 schwer, 
und ein Plättchen von 0,55 g, vielleicht eine verschlissene Münze. la einem 
Schreiben des Pastor Dr. Wulf zu Lastrup werden die S^jöugen „Broschen" ge- 
nannt, und zughüch erwähnt, dass der Finder 2 ganze und einen halben Silber- 
barren zurückbehalten habe. 

üeber den zweiton Fund meldet der Pfarrer Dr. Niemann zu Cappelu bei 
Cloppenburg, dass die vorher erwähnten Silberplatten nicht flach, sondern gewölbt, 
fein und hübsch ciselirt seien und auf der Rückseite einen Rand haben, in welclien 
eine einfache Platte passt, sowie dass die polirten Silberstaugen nach beiden Enden 
zu verjüngt und dann scharf abgeschnitten seien. Im ersteren Falle handelt es 
sich also um sill)erne Bullen. 

Da die P^undstelle auf oldenburgischem Boden gelegen ist, so erkundigte ich 
mich bei Hrn. Oberkammerherrn v. Alten nach dem Verbleib und der Beschaffen- 
heit der Sachen. Derselbe hat mir unter dem 5. d. M. mit seiner bekannten Ge- 
fälligkeit folgende Miltheilungen gemacht: 

„Hacksilber hat sich nicht gefunden; es ist mir auch nicht bekannt, das» 
hier zu Lande dergleichen gefunden ist. Wohl Ringgeld oder auch Stangen mit 
Stempelu, in Kreisen bestehend. So habe ich eine Silberstange aus Lastrup: an 
beiden Enden ist diese Stange abgeschnitten, .die Krümmung gebogen. 

„Ich glaube unter den Münzen eine zu haben, welche orientalisch ist; sie steht 
denen, welche in Pommern gefunden, wie es scheint, sehr nahe, ist aber äusserst 
undeutlich. 

„Schliesslich bemerke ich noch, dass in einer Spange eine Münze von König 
Heinrich von England ist, vermuthlich von Heinrich 11., also 12. Jahrhundert. Die 
älteste Münze ist aus dem 10. Jahrhundert von Kaiser Otto dem Grossen (936 bis 
973) und zwar um 962. Die jüngste gehört wohl dem genannten König Hein- 
rich II. an. 

„Spuren blauen F^mails zeigen sich mehrfach. Der Topf, in dem das Ganze 
gelegen, war verdeckt mit einem Handmühlstein von rheinischer Lava, wie wir 
dieselbe hier zu Lande sehr viel finden, selbst als Deckel von Urnen; er hat die 
Form der kleinen bekannten Grapen gehabt, ist aber total zertrümmert, hatte aber 
die Form des Topfes des ersten Fundes. Bei beiden ist sonst nichts gefunden. 
Da aber bei beiden sogenannte Barren verschiedener Form vorkamen, so ist es meiner 
untnaassgeblichen Ansicht nach unzweifelhaft, dass wir es keineswegs mit einem 
Gräberfunde, sondern allein mit einem Begraben des Schatzes in gefahrvollen Zeiten 
zu thun haben. Denn diese sogenannten Barren sind nichts weiter als angefangene 
Arbeiten, d. h. die Grundlagen derselben, wie die Silberschmiede dieselben noch 
heute gebrauchen, wie einer der ersten und gebildetsten Silberschmiede Hannovers 
mir versicherte. 

„Zu bemerken habe ich noch, dass die Töpfe nicht glasirt sind. Das Material 
ist fein geschlemmter, bräunlicher, bei einem schwärzlicher Thon, inwendig und 
auswendig gut geglättet." 

Damit ist vorläufig genügende Aufklärung gewonnen. Keiner der beiden 
Funde enthält Hacksilber. Aber der zweite enthielt orientalische Münzen 
und unter den Schmucksachen wahrscheinlich manche, die unseren arabischen Silber- 
schätzeu verwandt sind. Eine genauere Beschreibung wäre sehr erwünscht. Wahr- 



((>0) 

scheinlich handelt es sich hier um eine ähnliche Ausstrahlung dieses Handels, wie 
sie seiner Zeit Worsaae auf der Ostküste Englands nachgewiesen hat. — 

Der weitere, nach der ersten Anzeige auf Metz bezogene Fund ist nach einer 
neueren Benachrichtigung des Hrn. Dannenberg in Diedenhofen in Loth- 
ringen gemacht. Derselbe soll 3 kg gewogen haben. Hr. Dannenberg hat 
leider nur wenige Münzen daraus gesehen, darunter einen noch unbekannten Denar 
mit der Umschrift Henricus. Freilich ist dabei gemeldet, dass „viel Bruch und 
Ausschuss gemengt" gewesen sei, aber eine genauere Angabe fehlt, und es bleibt 
zweifelhaft, ob wirkliches Hacksilber gemeint war. Jedenfalls ist bis dahin von 
orientalischen Sachen nichts erwähnt. 

In Bezug auf die Hacksilberfunde muss daher auch jetzt noch die Elbe als 
Westgrenze festgehalten werden. Dagegen beweisen die beiden oldenburgischen 
Schatzfunde, dass orientalische Münzen und Schmucksachen mindestens bis zur 
Weser gelangten. Von Mainz wissen wir, wie ich schon früher erwähnte, durch 
das Zeugniss arabischer Reisender, dass dort im 11. Jahrhundert samanidische 
Dirrhems im Umlauf waren. Dies musste sehr auffallend erscheinen, so lange wir 
die orientalischen Münzen nur aus Hacksilberfunden kannten; jetzt ist durch die 
oldenburger Silberfunde der scheinbare Widerspruch gelöst. Die arabische Münze 
cirkulirte im deutschen Reiche als wirkliches Geld und man zerstückelte sie wenig- 
stens nicht im gewöhnlichen Verkehr. Eine völlige Sperre des Handels an der 
Elbe oder ein durch arabische Händler selbst bis dahin betriebener Verkehr wird 
offenbar durch die Verbreitung der Hacksilberfunde nicht angezeigt. Aber die un- 
gemein grosse Häufigkeit der orientalischen Schmucksachen und das Vorkommen 
ungemischter Depots von arabischer Münze in den Gebieten östlich von der Elbe 
lässt nur die Deutung zu, dass die slavischeu Länder in jener Zeit der unaufhör- 
lichen Kriege mit den Deutschen in viel höherem Maasse dem östlichen Handel 
erschlossen waren, als zu irgend einer anderen Periode der prähistorischen oder 
historischen Entwickelung. 

(20) Hr. E. Friedel übersendet mit einem Schreiben vom 5. d. M. die Pro- 
tokolle der Generalversammlung des Gesammtvereins der deutschen 
Geschichts- und Altertbumsvereine zu Hildesheim (6. und 7. September 
1886), dessen Vorsitzender er ist, und lenkt in erster Linie die Aufmerksamkeit 
auf die von dem Vereine angenommenen 

Resolutionen zum Schutz der nationalen Denkmäler. 

Dieselben lauten: 

I. Die Generalversammlung des Gesammtvereins der deutschen Geschichts- und 
Altertbumsvereine ersucht die deutsche Reichsregierung, bei den verbündeten 
deutschen Regierungen Schritte zu thun, um dem Zerstören monumentaler 
Denkmäler aller Zeiten übereinstimmend und planmässig entgegen zu treten. Sie 
empfiehlt, soweit es sich um Denkmäler in den Städten handelt, die vielfach 
vorhandenen partikularrechtlichen Vorschriften, wie sie namentlich in den deutschen 
Städteordnungeu enthalten sind, einheitlich zusammen zu fassen. Sie empfiehlt 
ferner, soweit es sich um Denkmäler auf dem Lande handelt, wofern sie im 
öffentlichen Besitz (von Gemeinden, Domänen u. s. w.) sind, ähnliche Vorschriften, 
wie in den Städteordnungen, zu erlassen, und soweit es sich um Denkmäler auf 
dem Lande in Privatbesitz handelt, in besonderen, näher zu bestimmenden Fällen 
das Entfsiguungsverfahreii zuzulassen. 

II. Di(i Geueralversammluiig empfiehlt zur Unterstützung der Wirksamkeit der 



(61) 

in den einzelnpn deutschen Staaten zum Schutz der nationalen Denkmäler erlassenen 
Gesetze, Polizeiverordnunfren u. s. w. einen Vertrauensrath nach dem Vor- 
hilde Österreichs zu organisiren, in welchen gebildete, Interesse habende Leute 
berufen werden, die über Funde, über Restaurationsarbriten u. dergl. Nacliricht, 
Auskunft und Rath ertheilen. 

III. Die Generalversammlung ersucht die preussische Staatsreg^erung, ein Organ 
zu begründen, in welchem die sämmtlichen, den Schutz der^Tfationalcn Denkmäler 
betreffenden Angelegenheiten erörtert werden. 

IV. Die Generalversammlung empfiehlt eine bessere Organisation der Provinzial- 
museen und eine Verbindung derselben mit den Provinzialvorwaltungen. — 

Der Vorsitzende erinnert daran, dass die deutsche anthropologische Gesellschaft 
bald nach ihrer Gründung Schritte bei den deutschen Bundesregierungen zum 
Schutz der prähistorischen Denkmäler gethan hat (Correspondenzblatt 1871 S. 53) 
und dass sie es nur mit Freuden begrüssen kann, wenn durch einen so angesehenen 
Verein, dessen Interessen freilich viel mehr auf historischem Gebiete wurzeln, die 
sehr schwierige Materie von Neuem und in grösserem Umfange in Anregung ge- 
bracht wird. — 

Hr. Fried el hebt ferner unter den fachwissenschaftlichen Erörterungen des 
Vereins besonders hervor die Besprechung (S. 59) über den 

Schalenstein an der St. Martins-Kirche zu Halberstadt. 

Dieser Stein ist nach seiner Auffassung als ein Näpfchenstein aus früh- 
romanischer Zeit aufzufassen. Derselbe enthalte 5 Näpfchen zur Aufnahme von 
Weihwasser, W^eihöl und Weihsalbe, sowie eine Vertiefung zum Weihen von Waffen- 
stücken, und zeugt für eine directe üebernahme des Näpfchencultus aus dem Heiden-, 
bezv7. Judenthum in das Christenthum, zumal wenn man die altromanischen Weih- 
näpfchen auf rohen Granitblöcken in freiem Felde damit vergleiche, welche in der 
katholischen Zeit Schwedens zu christlichen Cultusacten benutzt worden sind. 

Auch die Aufhängung eines Donar-Hammers im Thurm des Halberstädter 
Doms (S. 57) möchte interessant erscheinen. — 

Herr Virchow bemerkt, dass in der auch von Herrn Friedel erwähnten 
Schrift über die mittelalterlichen und vorchristlichen Alterthümer in den Gauen 
des vormaligen Bisthums Halberstadt von Augustin (herausgegeben 1872 von 
Hrn. A. Friederich), wo der Domplatz mit dem Leggen- oder Lügenstein ab- 
gebildet ist, welcher sich gleichfalls als ein Schalenstein erweist, der letztere als 
ein Denkmal aus der heidnischen Vorzeit angesprochen ist, der „sicherlich als 
Deckstein eines heidnischen Steingrabes oder als ein Opferstein zu betrachten sei*. 
Indess habe Hr. Friedel mancherlei Gründe beigebracht, welche für ein jüngeres 
Alter solcher Steine sprechen, insbesondere das Auffinden von zahlreichen, ähnlich 
gestellten Näpfchen auf den Platten der Nebenaltäre in Halberslädter und Magde- 
burger Kirchen. 

(21) Hr. Friedr. Kofier übersendet, d. d. Darmstadt, 28. December 1886, fol- 
gende Mittheilungen über 

neue Theile des Limes romanus und Hinkelsteine in Hessen. 

„Das vergangene Jahr war für meine Ausgrabungen ausserordentlich ergebniss- 
reich, denn es wurden von mir 6 Kastelle unmittelbar am Limes und eines etwa 
2000 m von demselben entfernt ausgegraben. Zwei dieser Kastelle erreichen bei- 



(62) 

nahe die Grösse der Saalburg. Der Limes ist nun in der Wetterau, wo sich keine 
Spur desselben mehr vorfinden sollte, vollständig von mir festgelegt, denn das ein- 
zige mir noch fehlende Kastell wurde an einer von mir genau bestimmten Stelle 
von einem Lehrer aufgefunden, ist aber noch nicht ausgegraben. Diese von keiner 
Seite geahnten Erfolge haben selbst Hrn. v. Cohausen mit mir ausgesöhnt', der 
mir die grosse Ehre anthun will, den Bericht über meine Forschungen als Anhang 
zu seinem Werke erscheinen zu lassen. 

„Ich arbeite zur Zeit an einem grossen Verzeichnisse sämmtlicher Flurnamen 
Hessens. Diese Arbeit liefert Stoff zu einer Reihe kleinerer Arbeiten, von denen 
„Die Wüstungen in Hessen" mit genauer Ortsangabe bereits im März dem Druck 
übergeben wird. Eine andere Abhandlung: die Hinkelsteine in Hessen (vergl. 
den beigelegten Zeitungsausschnitt über den Kindstein, zu dem ich nur bemerke, 
dass derselbe von mir genau untersucht ward, und dass die Zeichen, Kohlen und 
Scherben, welche ich untergelegt fand, beweisen, dass er ein Grenzstein ist), wird 
in Kürze nachfolgen. 

„Aber auch sonst war ich thätig. Die von Hadrian angelegte rechtsrheinische 
Strasse wurde von mir über Gernsheim hinaus bis etwa in die Nähe des Maines 
verfolgt; von der grossen Römerstätte bei Gernsheim die Verbindung mit den links- 
rheinischen römischen Strassen gefunden (es steht in der Uebergangsrichtung ein 
pfeilerartiger Mauerrest im Rhein); eine römische Strasse ward in der Richtung 
Dieburg- Niedernberg und Stockstadt a. M. gefunden. Ein Zeitungsausschnitt giebt 
Ihnen Nachricht von einer rauthmaasslich römischen Brücke bei Bürgel. Eine 
römische Niederlassung ward bei Biblis, ein fränkisches Todtenfeld ebendaselbst, 
ein anderes bei Leeheinl von mir gefunden, Hügelgräber wurden von mir bei 
Wallerstädten (mit hochinteressanten Funden), bei Bingenheim und Lindheim 
geöffnet. Die archäologische Karte für das Grossherzogthum wurde beendet und 
wird nun mit Staatsunterstützung gedruckt. Die 26 Blatt der Generalstabskarte, 
auf welche sie eingezeichnet, werden auf 2 Blatt übertragen, begleitet von etwa 
10 — 12 Bogen Text. Dazu kommen noch Untersuchungen der verschiedensten Art. 

^Bei einem Besuche der höchsten Theile des Vogelsbergs hörte ich von einem 
dort herrschenden merkwürdigen Gebrauche. Ich fand auf dem Kirchhofe zu 
Breungeshain, wo ich die Fundamente einer im 11. Jahrhundert erbauten Kirche 
aufdeckte, ein Kindergrab, das mit einem kleinen Betttuche überdeckt war, dessen 
4 Enden mit Steinen beschwert waren, um es vor dem Wegfliegen zu sichern. Auf 
Befragen hörte ich, dass es das Grab eines todtgebornen Kindes sei, dass man 
die Gräber todtgeborner Kinder mit Betttüchern zu überdecken pflege, dass dies 
aber auch auf Gräbern von Frauen geschehe, welche im Wochenbett gestorben seien, 
und dass man die Laken liegen lasse, bis sie verfault seien. Etwas Näheres über 
diesen Gebrauch konnte ich nicht erfahren." 

Der Zeitungsbericht über die Brücke bei Bürgel lautet: 
Nach Bürgel, dessen Name wohl von Burg herzuleiten ist, führen von Dieburg, 
Seligenstadt und Hanau (linkes Mainufer) her verschiedene alte Wege, welche zum 
Theil auch alte Strassen genannt werden. Sie vereinigen sich südlich vom Orte 
in der Nähe des Hesselbusches (Haselbusches), zwischen der Theerfabrik und der 
sogenannten alten Hütte. Es unterliegt keinem Zweifel, dass diese Strassen hier 
nicht endigten, sondern sich jenseits des Maines fortsetzten. Auf dem rechten Main- 
ufer bemerkt man anfangs keine Strasse, westlich von Fechenheim aber treten 
Reste einer solchen auf, die sich am Heiligenkreuz unweit Seckbach von der alten 
(römischen) Strasse Heddernheim-Bergen abzweigt und in südöstlicher Richtung 
durch Seckbacher und Fecbenheimer Gemarkung führt. Verlängert man die Rieh- 



(63) 

tung der letzten Strecke, so trifft man auf den VereinigunKspunkt der Strassen 
unweit der alten Hütte. Auf diesen umstand gestützt, suchte vor einigen Tagen 
Hr. Kofier hier nach den üeberresten einer Brücke und fand etwa 20 — 25 Schritt 
vom Dfer entfernt, mitten im Maine, zwischen Wirbeln und Stromschnellen einen 
auf starken Pfäliieu ruhenden grösseren Mauerrest, und li(")itP, dass sich auch in 
der Nähe des linken Ufers ein solcher befinden soll; beide liegen'in der Dichtung 
der obengenannten Strassen. 

Im Volksmund geht die Sage, dass an jener Stelle, welche der Schiffer „eisern 
Mann" nennt und mit grösster Vorsicht befährt, einst eine Brücke gestanden habe. 
Ob dies überhaupt der Fall und ob solche römischen Ursprungs ist, müsste durch 
Baggerungen nachgewiesen werden; ebenso bedürfen die dahinführenden Strassen, 
obschon sie aus römischen Niederlassungen zu kommen scheinen, noch der näheren 
Untersuchung. — 

Der zweite Bericht über den Kindstein zu Unter- Widdersheim enthält 
Folgendes: 

In den mittleren Rheingegenden trifft man zuweilen mitten in den Feldern, in 
der Nähe alter Verkehrsstrassen, hohe und zum Theil auffällig gestaltete Steine, 
bei denen man sofort erkennt, dass sie keine natürliche Bildungen, sogenannte ge- 
wachsene Steine sind, sondern dass sie von Menschenhand aufgerichtet wurden. 
Man begegnet ihnen aber auch zuweilen in den Waldungen und in Gebirgen und 
sie sind hier um so auffälliger, da sie stets aus einer Gesteinsart bestehen, welche 
in der Umgegend nicht vorkommt, und daher mit grosser Mühe an ihren jetzigen 
Standort gebracht sein mussten. Das Volk nennt diese Steine Hinkelsteine, und 
es ist ungewiss, ob der Name eine Verketzerung des Wortes Hünen- oder Hüner- 
Stein ist, was einen aussergewöhnlich grossen Stein bedeuten würde, oder ob, wie 
dies bei Grenzsteinen oft der Fall ist, Eierschalen als niedergelegte Zeichen dar- 
unter vorgefunden wurden. Für das hohe Alter dieser Steine sprechen zweierlei 
Umstände: erstlich, dass man ihre einstige Bedeutung nicht mehr kennt, und zwei- 
tens, dass, wenn der Stein bereits seit vielen Menschenaltern gesprengt, zerschlagen 
und beseitigt ist, die angrenzenden Fluren noch heute ihren Namen nach demselben 
tragen. Vielfach hat die Sage diese Steine mit ihrem Dufte umwoben. Meist sind 
es Riesen, welche den Stein an seinen Staudort gebracht oder ihn einem Feinde 
nachgeworfen haben. Häufig erzählen aber auch die Grossen den Kleinen, dass in 
oder unter dem Steine eine Henne oder Gluck bei ihren Küchlein sitze, und dass 
man, wenn man das Ohr daran halte, die Jungen piepsen höre. Horchen dann 
die Kinder, so wird ihnen das Köpfchen gegen den Stein gestossen mit den Worten: 
Siehst Du, die Gluck beisst, wenn man ihr zu nahe kommt. In unserem Lande 
waren diese Steine einst nichts Seltenes. Jetzt sind die meisten verschwunden, 
aber zahlreiche Fluren, namentlich in Starkenburg und Rheinhessen, tragen noch 
nach ihnen den Namen. E. Wörner gab im 25. Jahrgang des Corresp.- Blattes 
des Gesammt-Vereius der deutschen Geschichts-Vereine eine Verzeichniss von 
17 derselben; die wirkliche Zahl ist aber bedeutend grösser gewesen. Mancher der 
geneigten Leser wird den Hinkelstein bei Aisbach gesehen und von dem langen 
Stein bei Obcr-Saulheim gelesen haben, der bei einer Untersuchung umfiel und 
zwei Menschen erschlug; Niemand aber wird von dem Kindstein bei Uuter-Widders- 
heim gehört haben, den wir vor einem Jahre im dortigen Walde fanden. Dieser 
Monolith sitzt etvvu 3 Minuten vom Orte entfert im Walde, dicht au einem nach 
SO. führenden alten Wege. Seine Höhe beträgt 2,30 m, seine Breite ebensoviel, 
seine Dicke durchschnittlich 1 m und sein Umfang 5,ü0 7?t; nach oben hin verjüngt 
er sich zu einer stumpfen Spitze. Er besteht aus Phonolith, einer Gesteinsart, die 



(64) 

nicht in der Gemarkung von Ünter-Widdersheim, sondern in einem 5—6 km ent- 
fernten Bruche bei Borsdorf vorkommt. Die Untersuchung zeigte, dass derselbe 
70 cm tief im Boden sitzt und also eine Gesammthöbe von 3 m hat. Er ist ringsum 
mit Lungsteinen und Basaltbrocken verkeilt, und vor dem Einsinken in den Lehm- 
boden schützt ihn ein starkes ünterlager aus denselben Steinen. Auch an ihn 
knüpfen sich zwei Sagen. Die eine berichtet: In der Nähe von Unter-Widders- 
heim standen zwei Raubburgen, die eine auf dem Kirchberg, die andere auf der 
Burg (einem zerstörten römischen Kastelle). Der Kirchberger Ritter war ein be- 
sonders starker, wilder Geselle, der die Gegend weit und breit in Angst und 
Schrecken versetzte. Vergebens war das Bemühen, ihn einzufangen, da er bei 
seinen Zügen die List gebrauchte, den Pferden die Eisen verkehrt aufschlagen zu 
lassen, und daher Niemand wissen konnte, ob er zu Hause oder auf einem Zuge 
war. Eines Tages erhielten jedoch die auf der Burg Wind von seiner Abwesen- 
heit, stürmten den Kirchberg, plünderten die Burg und steckien sie in Brand. 
Der Ritter, welcher den Rauch sah, eilte heim, konnte aber die Zerstörer seiner 
Veste nicht mehr erreichen und warf ihnen den 200 Ctr. schweren Kindstein nach, 
doch ohne sie zu verletzen. — Die andere Sage erinnert an die Henne mit den Küch- 
lein, die sich unter den meisten Hiukelsteinen befinden sollen. Unter dem Kind- 
stein hausen die Kindlein, welche noch nicht das Licht der Welt erblickten, und 
führen dort ein solch vergnügtes Leben, dass man sie lachen und schreien hört, 
wenn man das Ohr an den Stein hält. Die Amme im Dorfe hat den Schlüssel zu 
diesem Steine und holt den Kindern, die brav und artig sind, ein Brüdercten oder 
Schwesterchen. In der Nähe von Unter-Widdersheira, z. B. bei Echzell, Bisses, 
Ulfa und im Langsdörfer Walde, standen ähnliche, zum Theil grössere Steine, aber 
die riesenhaften Zeugen einer längst verschwundenen Zeit sind nun ebenfalls ver- 
schwunden, ohne dass sie uns ihre einstige Bestimmung verrathen hätten. Dass 
den Kindstein, der unseres Wissens der letzte Denkstein seiner Art in Oberhessen 
ist, nicht gleiches Schicksal treffe, dafür hat der energische Bürgermeister Schneider 
in Ünter-Widdersheim bereits Sorge getragen. 

(22) Der Vorsitzende theilt mit, dass Hr. P. Taubert, ein junger Botaniker, 
demnäch£,t eine wissenschaftliche Reise in die Cyrenaica antreten wird, und dass 
derselbe versprochen hat, auch den Interessen unserer Gesellschaft seine Aufmerksam- 
keit zuzuwenden. 

Hr. P. Ascherson bemerkt, dass ein anderer Schüler von ihm, Hr. Dr. Hans 
Schinz aus Zürich, nach einem heute erhaltenen Briefe aus der Capstadt vom 
18. December 1886, eine zweijährige Reise in Südwest- Afrika glücklich beendet 
habe und demnächst sich zur Bearbeitung seiner Sammlungen nach Berlin zu 
begeben gedenke. Er ist im Nordwesten bis zum Cunene, im Nordosten bis zum 
Ngami-See gelangt und hat neben der botanischen Erforschung des durchreisten 
Gebiets auch vorzugsweise den ethnologischen Verhältnissen seine Aufmerksamkeit 
zugewendet. 

(2.3) Hr. Franz Boas übersendet dem Vorsitzenden, d. d. Comox, Vancouver 
Island, 17. November 1886, nachstehenden Bericht über 

die Vancouver -Stämme. 

Ich habe mich hauptsächlich unter den Stämmen der Ostküste von Vancouver 
Island aufgehalten, anfänglich unter den Kuakiutl am Nordende, später unter den 



(65) 

Kauitschio am Südende und befinde mich jetzt auf dem Grenzgebiete beider Völker, 
wo ein interessanter Stamm wohnt, welchor sprachlich zu der Seiischen Familie 
gehört, in Bezug auf seine Sitten aber wesentlich unter dem Einflüsse der Kuakiutl 
steht. Es ist dieses das zweite Mal, dass ich einen solchen, über die sprachliche 
Grenze reichenden Einfluss beobachte. Die Wik'-änö von Rivers Inlet, Nachbarn 
der ßelfuhi (Bella- cula), sind den letzteren in Bezug auf Sitten und Sagen sehr 
ähnlich und weichen wesentlich von den übrigen Kuakiutl ab.- Es ist dieses recht 
lehrreich für die Wanderung der Sitten und Sagen von einem Stamme zum anderen, 
welche hier in so ausgedehntem Maasse stattgefunden hat. Die Rabensage der 
Tlinkit und Haida verbreitet sich bis weit nach Süden, verliert aber an Bedeutung 
und Zusammenhang, und bei den südlichen Stämmen der Kuakiutl, den Comox und 
Kauitschin, tritt das Mink an seine Stelle. Alle Streiche, die im Norden von jenem 
erzählt werden, werden hier diesem nachgesagt. Die Vorstellung, dass alle Thiere 
einst Menschen gewesen seien, ist iiber die ganze Küste verbreitet, findet sich aber 
am ausführlichsten und zusammenhängendsten unter den Kauitschin und Kuakiutl. 
Hier steigt der Sohn der Gottheit zur Erde herab, durchwandert die ganze Erde 
und verwandelt alle Wesen in Thiere oder Steine, und schafft dann die neuen 
Menschen, welche vom Himmel zur Erde herabsteigen und die Vorfahren der 
Häuptlingsfamilien sind. Ich muss bemerken, dass nur die Tlinkit, Haida und 
Tsimpsian das Mutterrecht haben. Bei allen übrigen Stämmen gehören die Kinder 
der väterlichen Familie. Bei den Kauitschin erscheint sehr deutlich die Sonne 
als höchste Gottheit. 

Die sprachliche Verschiedenheit der Stämme ist ganz verwirrend, doch müssen 
die Beljula und Kauitschin zu den Selisch gezählt werden. Die Sprache der 
Kauitschin zerfällt in 9 Dialecte, welche von 38 Stämmen gesprochen werden. Ich 
rechne dabei die Comox- Sprache als einen dieser Dialecte, wiewohl die Stämme 
einander nicht verstehen können. Ueber die Comox finden sich vielfach so aben- 
teuerliche Vorstellungen, dass ich mir erlaube, etwas näher auf ihre Wohnsitze ein- 
zugehen. Sie bestanden aus 8 Stämmen, von denen indess 3 ausgestorben sind. 
Ursprünglich besassen sie das ganze Gebiet vom Bute Inlet und die Johnstone 
Passage. Von hier wurden sie indess vor etwa 125 Jahren von den mächtigen 
Lequiltoq, die zum Kuakiutl -Stamme gehören, verdrängt. So kommt es, dass heute 
3 Stämme östlich vom Bute Inlet wohnen, während 2 hier auf Vancouver Island 
vereinigt sind. Ihr heutiges Gebiet gehörte damals den Puntlatsch, einem anderen 
Stamme der selischen Familie. Dieser war durch Kriege mit den West-Vancouver- 
stämmen sehr zusammengeschmolzen, und beide Stämme vereinigten sich. Heute 
wird die Puntlatsch -Sprache nur noch von 2 Familien gesprochen, und ich versuche 
daher, möglichst viel von derselben zu lernen, da sie früheren Beobachtern ganz 
entgangen war. Sprachlich schliessen sich den Comox dann noch die Sischiä'atl 
auf der Sechelt- Halbinsel an. 

Ich theilte vor einiger Zeit Hrn. Prof. Bastian mit, dass ich die mythologische 
Erklärung zu einer ganzen Reihe von Gegenständen aus der Jacobsen 'sehen 
Sammlung gefunden habe. Seitdem habe ich mancherlei zugelernt, wiewohl nicht 
so viel, wie ich wünschen möchte, da es ausserordentlich schwierig ist, zu den 
Objecten die Erklärung zu finden, wenn der Stamm und die Familie, von welcher 
sie kommen, nicht genau bekannt ist. Die Geheimnisse der Häuptlingstänze werden 
vor Uneingeweihten verborgen gehalten, so dass diese auch keine Auskunft darüber 
geben können. Ausserdem werden gewisse Dinge, z. ß. die schönen, mit Hermelin 
verzierten Tanzhüte der Tsimpsian bis zu entfernten Stämmen verhandelt, die dann 
ihre Bedeutung nicht kennen. 

Verhaudl. der Berl. Aiithropol. Geseüscliafl 18ö7. 5 



(66) 

Hier in Comox findet sich in meilenlanger Ausdehnung ein Muscheldamm längs 
der Meeresküste. An manchen Stelleu zeigt er so regelmässige Formen, dass ich 
ihn kaum als Abfallsstätte betrachten mag, wofiir die Indianer ihn ausgeben. Bei 
Nachgrabungen fand ich bislang nur 2 Schädel, welche in der gleichen Weise 
deformirt sind, wie es noch heute hier üblich ist. 

Ich beabsichtige von hier aus nach Nanaimo und dann nach Howes Inlet zu 
gehen, um die dortigen Stämme kennen zu lernen. 

(24) Hr. Virchow hat von Hrn. H. Schi iemann ein von demselben aus- 
gearbeitetes Alemoire über die Zukunft der Insel Cuba vom Januar 188G erhalten, 
in welchem derselbe unter Anderem einige Beiträge liefert zur 

, Bevölkerungsstatistik von Cuba. 

Nach dem letzten Census betrug die Bevölkerung . . 1 521 684 

im December 186 7 1 359 238 
1885 mehr 162 446 
Darunter waren 850 520 Männer und 671 164 Weiber. Diese bestanden aus 

Männer Weiber zusammen 

Spaniern und Creolen 571 766 430 195 1 001 961 

Fremden 7 944 3 316 11260 

Chinesen 46 698 84 46 782 

Farbigen 224 111 237 569 461681 

Die Chinesen sind nach Beendigung ihrer Contrakte grösstentheils in die 
Städte gezogen, wo sie Handelsgeschäfte u. dgl. betreiben. Auch die farbigen 
Weiber arbeiten wenig auf den Plantagen; entweder bleiben sie zu Hause oder 
ziehen gleichfalls in die Städte. Die Arbeit auf den Plantagen wird zum Theii 
durch amerikanische Maschinen, zum Theil durch weisse Arbeiter besorgt, welche 
selbst auf den Zuckerfeldern recht gut aushalten. Die Zahl der Sklaven beträgt 
noch 80 000, aber Hr. Scbliemann meint, dass schon im Jahre 1888 keine mehr 
vorhanden sein werden, da es ihnen erlaubt ist, sich frei zu kaufen. — 

Hr. Virchow: Die Bevölkerungsstatistik von Cuba ist leider eine so un- 
zuverlässige, dass es bis jetzt unmöglich erscheint, irgend eine bestimmte Schluss- 
folgerung daraus zu ziehen. Während Hr. Scbliemann für 1867 ein Total der 
Bevölkerung von 1 359 238 angiebt, findet sich bei den HHrn Behm und Wagner 
(Petermann's Mittheil. Nr. 69 S. 81) für dasselbe Jahr die Zahl von 1424 649. 
Legt man diese Zahl zu Grunde, so würde die Zunahme in 8 Jahren nur 97 035 
betragen, umgekehrt erscheint eine riesige Vermehrung der Zahl für das weib- 
liche Geschlecht; dieselbe beträgt gegen 1867, wo nur 341 645 weisse Frauen an- 
gegeben wurden, 88 550, also nahezu eben so viel, als der ganze, überhaupt vor- 
handene Zuwachs. Hier sind wahrscheinlich sehr viele farbige Frauen als weisse 
gezählt worden, wie es schon Alex. v. Humboldt seiner Zeit angegeben hat. Man 
vergleiche damit die Angaben über die farbige Bevölkerung. Noch im Jahre 1879 
wurden 287 827 freie Farbige und 171087 Sklaven, zusammen 458 914 angegeben; 
nach der von Hrn. Scbliemann für 1886 beigebrachten Zahl würde die ganze Ver- 
mehrung dieser Kategorie 2 767 betragen haben. Nimmt man dagegen die für 1867 
angftführte Zahl von 593 318, so würde eine Abnahme der Farbigen um 131 637 Per- 
sonen anzunehmen sein. Ob die alte Praxis, dieselben Personen bald in die Kate- 
gorie der Farbigen, bald in die der Creolen zu setzen, von den heutigen Statisti- 
kern Cubas verlassen ist, lässt sich leider aus den blossen Zahlen nicht ersehen. 



(fi7) 

(25) Hr. M. Wedding zu Gulbien bvA Dt.-Eylau, Westpreussen, schickt dem 
Vorsitzenden nuter dem 'A. Januar folgende Mittheilung über den 

Einfluss des Lichtes auf die Haut der Thiere. 

Gestatten Sie, dass ich Ihnen, angeregt durch den Zeitungsbericht über einen 
von Ihnen vor einiger Zeit gehaltenen Vortrag, betreffend Acclimatisatioii der 
weissen Rasse in den Tropen, nachstehend eine Beobachtung liSlftheile, die ich über 
den Einfluss des Lichtes bei Thieren gemacht habe. 

Wenn man Buchweizenstroh, ebenso Buchweizenspreu oder den zu Heu ge- 
machten ganzen Buchweizen, au Wiederkäuer verfüttert, im speciellen Falle an Rind- 
vieh und Schafe, so bekommen die Thiere zum Theil blasenförmige Auftreibungen 
der Haut, unter welcher sich eine klare gelbliche Flüssigkeit ansammelt. Ein- 
gehende Untersuchung, warum nicht alle Thiere von dieser im übrigen ungefähr- 
lichen Krankheit befallen wurden, führte mich zu der höchst merkwürdigen Ent- 
deckung, dass 1) die dunkelpignientirten Thiere von der Krankheit überhaupt 
verschont blieben; 

2) dass, je he lief ein Thier war, die Krankheit um so heftiger auftrat; 

3) je mehr die Thiere nicht blos dem diffusen, sondern dem directen 
Sonnenlichte ausgesetzt wurden, desto heftiger die Krankheit war, dergestalt, dass 

4) ganz ins Dunkle gebrachte Thiere ebenfalls nicht krank wurden (wenigstens 
nicht in 4 Tagen); 

5) endlich zeigte eine weisse Kuh, die ich zur Hälfte (die rechte Seite) mit 
Theer schwarz gemacht hatte, auf den weissen Stellen die Krankheit, während 
die geschwärzte Haut gesund blieb, ebenso wie dies bei von Natur bunten 
[schwarz und weiss gescheckten) Thieren der Fall war. 

Es beweist dies zur Evidenz die verschiedene Wirkung des Sonnenlichtes 
auf die verschieden pigmentirte Haut, und es liegt der Schluss nahe, dass ge- 
wisse Krankheitserscheinungen, von denen vorzugsweise der Weisse in den Tropen 
befallen wird, ebenfalls darin ihren Grund haben (neben vielen anderen Faktoren, 
als Lebensweise, u. s.w.), dass die Haut des Weissen nicht pigmentirt ist. Es 
wäre ja nicht unmöglich, dass das Sonnenlicht ausser den sichtbaren, bezw. in 
das Spektrum zerlegbaren, und ausser den unsichtbaren, nur chemisch wirkenden, 
sog. ultravioletten Strahlen, noch andere, unwahrnehmbare, ganz speciell auf den 
lebenden Organismus wirkende Strahlen enthielte, und es wäre ebenso möglich, 
dass die Pigmentirung der Haut bei den südlichen Rassen speciell die Wirkung 
hätte, eben jene letzteren Strahlen zu paralysiren, bezw. zu mildern. 

Diese Theorie auf ihre Richtigkeit hin zu prüfen, müsste man folgenden Ver- 
such machen : die Mannschaft eines in den Tropen stationirten Schiffes unserer 
Marine müsste in 2 Theile getheilt werden, die eine Hälfte bliebe, wie sie ist, die 
andere müsste künstlich pigmentirt, und zwar am ganzen Körper, und nun vom 
Schiffsarzte beobachtet werden, ob gewisse tropische Krankheitserscheinungen bei 
beiden Gruppen gleichmässig auftreten oder nicht. 

Als ein ziemlich lange vorhaltendes Färbemittel würde sich Nussblätter- 
ibkochung empfehlen, jedenfalls giebt es aber noch eine Menge anderer einfacher, 
unschädlicher und festsitzender Färbestoffe. Man könnte versuchsweise ja auch 
direct Schwarz anwenden. 

Während ich dies schreibe, kommt mir noch folgende Idee, die ich ebenfalls 
Ihnen nützutheilen mir erlaube. Wenn einerseits festzustehen scheint, dass, je 
tieller (in Haar, Haut, Augen) eine Menschenrasse ist, sie auch um so edler 
und geistig begabter, vielseitiger veranlagt uud geeignet ist. die Welt und ihre 

5* 



(68) 

Probleme von höherem Standpun kte aus zu betrachten, zu universalisiren — 
so scheint andererseits festzustehen, dass, je heller sie wird, sie sich um so mehr 
von dem Urlypus des Menschen entfernt. Schon aus der einen Thatsache, dass, 
als der blonde Mensch in die Geschichte trat, er auf einem verschwindend 
kleinen Theile der Erde ansässig war (da, wo er im Grossen und Ganzen noch 
jetzt sitzt, wenn er nicht in neuester Zeit ausgewandert ist), folgt, dass der 
Mensch als Gattung nicht blond gewesen sein kann, dass vielmehr die Hellig- 
keit des Menschen das Product langjähriger klimatisch -cultureller Einflüsse, er 
also gewissermaassen ein Kunstproduct ist. Auch darum mag der helle Mensch,- 
in nicht zusagende Verhältnisse gebracht, schneller zu Grunde gehen, und bei Kreu- 
zungen mit dunklen Rassen (Spaniern, Italienern u. s. w.) gewissermaassen in der 
ursprünglicheren Färbung wieder untertauchen. 

Andererseits hat der helle Mensch ohne Zweifel in geistiger Beziehung, im 
Grossen und Ganzen, die dunkleren Rassen überflügelt. — 

Hr. P. Ascherson bemerkt dazu, dass die zoopathologischen Thatsachen, auf 
die sich Hr. Wedding beziehe, ihm schon seit seiner Jugend bekannt seien. Von 
seinem verstorbenen Vater, Dr. F. M. Ascherson habe er als eine in Italien ge- 
machte Beobachtung erwähnen hören, dass, bei Fütterung mit Buchweizenstroh, 
schwarze Thiere und weisse im Dunkeln gesund blieben, während letztere auf 
sonnigen Weiden unter Erscheinungen einer Vergiftung durch ein narkotisches 
Mittel erkrankten. Auch dass bei Hautkrankheiten weissbunter Thiere die weissen 
Hautstellen vorzugsweise erkranken, sei ihm aus derselben Quelle bekannt. Letztere 
Thatsache wurde ihm noch kürzlich von Hrn. Kreisthierarzt R. Ruthe in Swine- 
münde aus dessen eigener Erfahrung bestätigt. Derselbe beobachtete wiederholt 
idiopathisch, und als Symptome anderer schwerer Krankheiten, bei bunten Thieren 
Ausfallen der Haare, Abstossung der Oberhaut und selbst Absterben der Cutis an 
den weissen Stellen. 

Durch die Güte der HHrn. Kreis-Thierarzt Ruthe- Swinemünde und Departe- 
ments-Thierarzt Ollmann- Greifswald sei er auch in den Stand gesetzt, einen 
literarischen Nachweis für die erwähnten Thatsachen beizubringen. In Dammann, 
Gesundheitspflege der landwirthschaftlichen Haussäugethiere, Berlin, Parey. 1883, 
wird S. 411 — 414 die „Buchweizenkrankheit" weisser und weissfleckiger Schafe 
und Schweine eingehend besprochen. „Schwarze Thiere bleiben immer verschont, 
und selbst die durch Staub und Schweiss schmutzig-dunkel gewordeneu leiden 
minder erheblich als die rein weissen Stücke." Daselbst wird auch ältere Literatur, 
z. Th. schon aus dem vorigen Jahrhundert, nachgewiesen. — 

Hr. Virchow bestätigt die Angaben des Vorredners und verweist namentlich 
auf die ausführlichen Erörterungen, welche Gh. Darwin (Das Variiren der Thiere 
und Pflanzen im Zustande der Domestication. Deutsch von V. Carus. II. S. 302, 
444) über die Correlation der Farbe mit constitutionellen Eigenthümlichkeiten 
gegeben hat. Darin sind auch schon die Erfahrungen über den Buchweizen erwähnt. 
Immerhin hat sich die Aufmerksamkeit bisher mehr dem Einflüsse der Hautfarbe 
als solcher zugewandt, und wenn auch gelegentlich der Einfluss des Lichts und der 
Dunkelheit erwähnt wird, so ist doch weniger Werth darauf gelegt worden. Die 
Experimente des Hrn. Wedding verdienen jedenfalls weiter verfolgt zu werden. 
Wahrscheinlich ist ihre Erklärung nicht so einfach, wie er annimmt, da drei ver- 
schiedene ursächliche Momente (das Licht, der Pigmentmangel in Haut und Haar 



(69) 

und die giftige Substanz) concurriren, und wir vorläufig den besonderen Werth jedes 
dieser Momente nicht feststellen können. 

(26) Hr. A. Treichel, Hoch -Paleschken, schickt unter dem .0. d. M. folgende 
Beiträge zur Kenntniss der 

Satorformel. 

I. In einem Aufsatze im Sammler 1886, Nr. 61 (Beil.^.'Augsb. Abendztg.), 
betitelt „Die volksthümliche Blumenpflege in Schwaben", wird der Meerzwiebel, 
Scilla maritima^ dort eine geheimnissvolle Kraft zugetraut und davon als absonder- 
lich mystischer Unsinn folgendes Sympathieniittel gegen die gefürchtete „Schwoine'' 
(Schwinde) bei Menschen und Vieh angeführt, wobei auch die Satorformel (also 
wiederum nicht bloss gegen Hundsbiss!) vorkommt: Man schreibt auf einen Papier- 
streifeu folgende Charaktere: Satorf Arepo f Peret f Opera f Rolas f , wickelt in 
dieses Papier etwas Gummi, Asa foetida und ein wenig von Radix Scillae maritimae, 
näht dasselbe am besten in Hosenleder oder sonst in starkes Zeug und trägt es 
am Leib, bis es völlig geholfen hat. 

Auffallend ist die abwechselnde Schreibart Peret statt 'tenet, wobei das zur 
Noth gültige r, mehr als das gänzlich sinnstörende P, falschem Abschreiben zur 
Last fallen muss. 

H. F. Nork, Mythol. S. 582: Auch Satar, der slavische Saturn, bekannter 
unter seinem anderen Namen Krodo (Krouos), nach welchem die Ortschaft Krotten- 
dorf bei Bärenstein in Sachsen und Krotoschin in Preussisch- Polen heissen, ist 
gut und böse zugleich. Als Princip der Fruchtbarkeit hält er in der Rechten 
ein Gefäss mit Blumen und steht auf einem Fische; das Zeitrad hält er in der 
Hand; aber er hat auch eine gehässige Nebenbedeutung gehabt, wie sich aus 
dem Worte „Crodendüvel", womit man in Sachsen etwas Abscheuliches bezeichnet, 
und aus dem, bald im Scherze, bald aber auch im Ernste genommene „Teufels- 
kröte" vermuthen lassen. In der Kirche zu Simon und »fuda zu Goslar fand sich 
ein dem Krodo geweihter Altar von Erz, oben mit marmorner Einfassung, der jetzt 
im dortigen Museum ist. 

in. Eine andere Lösung der Satorformel. Hr. Dekan Dr. Kolberg 
in Christburg hat die räthselhafte Inschrift eines Petschaftes (vergl. Zeitschr. 
des historischen Vereins für Marien werder, Heft. 20, S. 87 ff.) als eine gekürzte 
lateinische Inschrift (Anagramm) gedeutet, wie sie vielfach auf kirchlichen Monu- 
menten, Altären, Geräthschafteu in älterer und neuerer Zeit vorkomme. Die Kür- 
zung der Worte werde öfters durch Punkte oder Zwischenräume angezeigt, und 
dann liest man das Anagramm leichter. Bei Majuskeln indessen werden die 
Buchstaben, welche Worte bedeuten, nicht selten zusammengeschrieben, und dann 
lese man schwerer. In kirchlichen Kaiendarien finde man beide Arten von Ver- 
kürzungen vertreten, in deren Lesung also für die lateinische Sprache besonders 
Geistliche gewöhnt seien. 

Bei dieser so uneigennützig dargebotenen Hülfe kam es mir in den Sinn, unter 
Vorlage des sämmtlichen, in den Sitzungsberichten unserer Gesellschaft vorhandenen 
Materials über die Satorformel den genannten Herrn um deren etwaige Lösung in 
dem angegebenen Sinne anzugehen, und so konnte derselbe nach näherer Betrach- 
tung des Gegenstandes, auch hinsichtlich der Satorformel, nur erklären, es liege in 
derselben ein lateinisches, mit Abkürzungen geschriebenes Anagramm oder specioll 
Tetragramm vor, wie es sich auf der Tafel des Nürnberger Nationalmuseums (Vergl. 
diese Verh. 1883, S. ;^54) nennt. Den Schlüssel zu seiner Erklärung liefere eben 



(70) 

jene Tafel, sodann auch die Inschrift der Tolltafel von Jeseritz, von welcher im 
Sitz.-Ber. vom 17. Juli 1880 die Rede ist. 

Die weiteren Auslassungen des Hrn. Dr. Kolberg setze ich in fast voller und 
unangetasteter Ausdehnung her, da sie eine wohl annehmbare anderweitige Lösung 
darbieten : 

Bei der Nürnberger Tafel, die als runde Scheibe aus Messing geschildert wird, 
konnten zwei Muthmassungen Platz greifen, welche beide in das katholisch-kirch- 
liche Gebiet hineinreichen. Man konnte sie erstlich als Patene auffassen, auch 
Discus genannt, wie sie bei der Mess- und Communionfeier dient. Dafür sprächen 
viele innere Gründe und namentlich die Beziehungen der innen eingravirten Worte, 
welche auf Messe und Coinmunion hindeuten könnten. Auch würden die beiden in 
einer Richtung gehaltenen Pfeile offenbar anzeigen, wie die Scheibe angebracht, zu 
fassen und zu halten sei. Ebenso würde nicht stören, dass nach heutiger Vorschrift 
allerdings die Patene, wenn sie auch aus Messingguss sein darf, doch vergoldet sein 
rauss, da ja bei ihr nach vielen Jahren, wie das heute nach 10 — 20jährigem Ge- 
brauche des Geräthes geschieht, die Vergoldung durch Abnutzung verschwunden 
und nur die eigentliche Metallmasse übrig geblieben sein kann. Bei dieser Auf- 
fassung ist aber vorauszusetzen, dass die Scheibe noch' einen leeren, mit Inschriften 
nicht versehenen Rand habe und im Ganzen etwa 16 cm im Durchmesser messe, 
um sie als Patena zu nehmen. Nun hat aber die Nürnberger Scheibe, wie aus den 
letzten, gütigen Mittheilungen des Germanischen Nationalmuseums zu erfahren ge- 
wesen, bei etwas über 1 mm. Dicke nur einen Durchmesser von ungefähr 8 cm, so- 
dass also die a. a. 0. gegebene Zeichnung sich mit der wirklichen Grösse decken 
möchte. Deshalb ist jene Ansicht um so mehr fallen zu lassen, als die Patenen in 
früherer Zeit gewöhnlich aus edlerem Metalle, nehmlich aus vergoldetem Silber, zu 
bestehen pflegten. 

Es ist viel eher die folgende Muthmaassung festzuhalten, dass die Scheibe eine 
sog. Pacem-Tafel sei, auch Pacificale, Instrumentum pacis, Osculatorium, Agnus Dei, 
Kusstafel genannt, und zwar aus folgenden Gründen: 

1. Eine bestimmte Grösse weder, noch eine gewisse Form ist für die Pacem- 
Tafel vorgeschrieben; es gab und giebt grosse und kleine, runde und eckige. Sie 
werden in alten Kirchen-Inventarien oft erwähnt; vergl. z. B, die ältesten Schatz- 
verzeichnisse der Ermländischen Kirchen in der Erml. Ztschr. f. Gesch. 1886, S. 525: 
Pacificale parvum rotundum cum panniculo ex quo dependet. 

2. Die zum gewöhnlichen Gebrauche bestimmten Pacem-Tafeln durften und 
dürfen aus Messing gefertigt sein. Vergl. die Cultgegenstände der Kirche Trier. 
Ebenda 1884, S. 104. Die Vorschriftsmässigkeit des Metalls bleibt also gar nicht 
zu bekritteln. 

3. Die Pacificalien tragen sehr häufig Inschriften, Bilder, Embleme religiösen 
Inhaltes, namentlich auch mit Bezug auf das Messopfer, das Lamm Gottes, wie sie 
denn auch Agnus Dei heissen und, im Anschlüsse an das Agnus-Dei- und Pacem- 
Gebet, während der feierlichen Messe vor der Communion zum Kusse an Clerus 
und an Laien herumgereicht werden, ein Symbol des altchristlichen Friedenskusses. 
Vergl. Erml. Ztschr. 1886, S. 550. Agnus Dei pro pacificali cum strophiolo appen- 
dente, d, h. das zum Pacificale dienende Agnus Dei mit dem daran hängenden 
Tüchlein (zum Abwischen und Reinigen desselben). Erwähnen will ich noch, dass 
das Agnus Dei auch in einem literarischen Erzeugnisse des österreichischen Dichters 
L. Frankl (Kaiserin und Bischof) vorkommt, wo Rudolf von Habsburg wort- 
spielend den Bischof von Speier sagen lässt: 



(71) 

„Er soll ein Agnus küssen, was wohl viel frömmer ist, 
Doch meine liebe Agnes, die lass' er ungeküsst!" 

Die Inschriften nun auf der Nürnberger Messingscheibe eignen sich sämmtlich 
für eine Pacem-Tafel, so die dem Evangelium St. -lohannis (I. 14.) entnommenen 
Worte: Verbum caro factum est et habitavit (hier allerdings vergravirt in haditavit) 
in nobis, die Namen der vier Evangelisten, die beim Kreuzestode Christi gesprochenen 
Worte Consummatum est (Job. XIX. 30.), sowie auch die anderen Worte, welche 
noch später beleuchtet werden sollen. Ebenso die Huchstaben AGIA, welche, als 
agia gelesen, bei der Auffassung der Scheibe als Patene, anzeigen möchten, dass hier 
in der Mitte das „Heilige", die Hostie, ihren Platz haben sollte, welche aber, gemäss 
der später zu betrachtenden Abkürzungsweise, zumal sie oberhalb und unterhalb der 
Satorformel stehen, im Zusammenhange mit der Agnus-Dei-Tafel, als Abkürzungen 
der Worte Agnus jacet zu fassen wären. Sie gehören dann zu den Worten Con- 
summatum est, und es ist zu übersetzen: „Es (seil, das Opfer) ist vollbracht, das 
Lamm liegt da." 

Im äussersten Zirkel der Nürnberger Scheibe stehen die Worte: f DEO HO- 
NOREM t ET PATRIAE f LIBERATIONEM f MENTEM SANCTAM f SPON- 
TANEAM, d.h. also: „Gott die Ehre, dem Vaterlande die Befreiung, Gesinnung 
heilig und frei." In diesen Worten ist offenbar die Widmung des Geschenkgebers 
ausgesprochen. Er wünscht dem Vaterlande und der heiligen Gesinnung, d. h. der 
Religion, Befreiung und Freiheit. Danach will es scheinen, dass die Pacem-Tafel, 
welche, nach Angabe des Nürnberger Museums, dem 17. Jahrhunderte angehört, aus 
Ungarn stammt, und gerade hier eignen sich diese lateinischen Worte auch für Laien, 
denen nicht minder jene Tafel zum Kusse gereicht wurde, um sie im Stillen und 
doch sprechend anzustacheln und wachzurufen. Zu jener Zeit seufzte Ungarn 
schwer unter türkischem Joche und kämpfte für die Befreiung des Vaterlandes und 
des Christenthums von der Herrschaft des Halbmondes. Es ist ferner zu bemerken, 
dass dort die Laien, namentlich früher, durchgängig der lateinischen Sprache für den 
Umgang mächtig waren. 

Im zweiten Ringe vom Rande steht allein das Wort: TETRAGRAMMATON. 
Dasselbe bezieht sich offenbar auf die in der Mitte der Scheibe befindlichen vier 
Zeilen, welche, von den vier Seiten gelesen, immer dieselben Worte ergeben. 

S A T O R 



A 


R 


E 


P 





T 


E 


N 


E 


T 





P 


E 


R 


A 


R 





T 


A 


S. 



Ich rechne das Wort TETRAGRAMMATON, zumal es mit den Worten des 
nachfolgenden Ringes: „Verbum caro factum est" nicht in Beziehung gesetzt werden 
kann, zur Widmung, zu den im äussersten Ringe befindlichen Worten. Der Ge- 
schenkgeber widmet aucli das Tetragramm, also die Satorformel. 
Eine Betrachtung möge hier noch einschaltungsweise Platz finden: 
Fragt man, was eigentlich das Wort Tetragramra bedeutet, so ist in dem grossen 
Universal-Lexikon von Zedier (1744) gesagt: „Tetragrammaton Nomen oder der 
vierbuchstabige Namen, sonst auch sanctum tetragi-ammaton, wird der hochheilige 
Name Gottes genannt, weil er fast in allen Sprachen und bei allen Völkern mit 
vier Buchstaben ausgesprochen und geschrieben wird, XIIT' (gelesen Jehovah), 
8eo5, deus u. s. w." Im Lexicou mediae et infimae latinitatis von Migne heisst 
es: „Tetragrammaton = Quatuor litteris constans. Sic apud Judaeos dicebatur Dei 



(72) 

nomen Jehovah, quod exprimere illis erat religioni." Das Wort lässt sich aber 
auch quadratisch als Tetragrammaton behandeln. 

Ohne Rücksicht darauf, dass sämmtliche Worte der Tafel der lateinischen 
Sprache angehören und tief religiöse und bürgerliche, sehr ernste Ideen (wie die 
Befreiung des Vaterlandes) ausdrücken, ist das Tetragramm aus der keltischen 
Sprache erklärt worden, und soll dasselbe in dieser Sprache bedeuten: „Schmerzen 
gegen Brandwunde, Speerwunde von gewandtem W^urf (Sitz.-Ber. vom 19. Jan. 1884, 
S. 67flf.). Ich halte diese Erklärung der Satorformel, wenigstens was ihr Vor- 
kommen auf der Nürnberger Tafel betrifft, für unmöglich. Der Zweck der Tafel 
und der Inhalt der Inschriften scheinen mir alsdann vollständig der Annahme; dass 
in der Mitte eine ganz fremde, der keltischen Sprache angehörige Inschrift, die als 
Zauberformel gegen Wunden, namentlich gegen den Hundebiss, aufgefasst wird, an- 
gebracht wäre, zu widersprechen. 

Der Verfasser der übrigen lateinischen Inschriften und derjenige, welcher das 
Geräth gewidmet hat, die wohl eine und dieselbe Person waren, haben offenbar den 
Sinn des Tetragramms verstanden, und werden also damit einen christlichen, ernsten 
und vernünftigen Gedanken verbunden haben, ebenso gut, wie mit den anderen 
Worten der Inschrift. 

Das Tetragramm enthält meiner Ansicht nach einen allgemeinen, dem Inhalte 
nach sehr bekannten Sinnspruch in lateinischer Sprache, der für viele Gelegenheiten 
passt und als Mittel angesehen werden konnte, um die Widmung: „Gott die Ehre, 
dem Vaterlande Befreiung, Gesinnung heilig und frei!" zu dokumentiren und in 
die That umzusetzen. Darum gerade widmete auch der Geschenkgeber das Tetra- 
gramm. Zu abergläubischen Zwecken passt für diesen Fall natürlich unser Sinn- 
spruch nur äusserst schlecht. Er besagt kurz: „Bete und arbeite." Ich lese 
die Worte, wobei ich die Majuskeln des Spruches beibehalte und die anderen, weg- 
gefallenen Buchstaben klein schreibe, also: 
SAT ORARE 
POTENter ET OPERAre, 
Ratio (oder auch ReligiO) TuA Sit. 
Das heisst zu deutsch: 

„Viel beten 

Und kräftig arbeiten. 

Das sei Deine Lebensweise (oder Religion)!" 
Das Tetragramm kommt, wie aus dem Sitz.-Ber. vom 21. Juli 188.3, S. 354 zu 
ersehen, schon im 16. Jahrhundert vor (bei Hieronymus Cardanus Mediolanensis 
Medicus, de rerum varietate. Lib. XVII. Basil. 1557), ja schon im 3. Jahrhundert, 
wenn es richtig ist, was wir augenblicklich zu controliren ausser Staude sind, dass bei 
Albertus Magnus diese Formel sich vorfindet: Satora robote netobe ratotta (Sitz.- 
Ber. vom 19. Januar 1884, S. 68). Denn diese Worte sind offenbar corrumpirt. Es 
will mir scheinen, dass die Formel eine alte Mönchsregel ist. Auf diesen Gedanken 
führt auch der Umstand, dass die Formel an anderer Stelle (Sitz.-Ber. v. 17. Juli 1880) 
Zusätze hat, die auf die Regel, d. h. die Mönchsregel, verweisen. Wir lesen die 
Formel au jener Stelle nehmlich auf die folgende Art: 

REgula f Omnis: 

t SAT ORARE. 

POTENter ET OPERAre 

Ratio (oder ReligiO) TuA Sit. 

A f SAncta f (cruce) 

VA A RKgula Omnia (zu ergänzen: incipe). 



(73) 

Das heisst zu deutsch: 

„Die ganze Regel ist: 

Viel beten 

Und kräftig arbeiten: 

Das sei Deine Lebensweise (oder: Deine Religion, d. h. Dein ürdensleben). 

Vom heiligen Kreuzzeichen 

Und von der Klosterregel (beginne) Alles." '^^ 

Vermuthlich ist die Formel eine uralte Mönchsregel der Benediktiner. Denn 
diese lagen, bis in die Karolingerzeit hinein, nicht blos dem Gottesdienste, dem Ge- 
bete, der Betrachtung, dem Bücherabschreiben und dergleichen Arbeiten ob, sondern 
verrichteten auch Feld- und Waldarbeiten; erst unter Kaiser Ludwig dem Frommen 
wurde zu Gunsten der Studien die Regel dahin abgeändert, dass für die Priester 
wenigstens letztere Arbeiten fortfielen. Im eigentlichsten Sinne galt daher bei den 
alten Benediktinern der kräftige Spruch: „Viel beten und kräftig arbeiten, sei Deine 
ganze Lebensweise (oder Religion, d. h. Dein Ordensleben.") Religio bedeutet im 
mittelalterlichen Latein viel öfter „Verband", d. h. Ordensverband, Klosterregel und 
Klosterleben, als Religion im heutigen Sinne des Wortes. 

Aus den Klöstern, den Gelehrtenschulen des Mittelalters, ist der kräftige 
Spruch: „Bete und arbeite" in der heute sich absonderlich ausnehmenden Form in's 
Volk gedrungen. Die künstliche Form des Tetragramm verräth eben die Schule. 
Das Volk nahm in früherer Zeit dergleichen lateinische Sinnsprüche leicht genug 
in sich auf, da ein grosser Theil desselben Latein zu sprechen oder wenigstens viele 
Sätze herzusagen und zu verstehen vermochte, wenn auch das Gesprochene nicht 
klassisch klang, sondern vulgäres Latein war. Ich habe bei einer Kirche in Ost- 
preussen vor mehreren Jahren noch einen ganzen Haufen von alten, aus dem 17. 
und 18. Jahrhundert stammenden Zetteln mit allerlei kleinen, lateinischen, frommen 
Sinnsprüchen vorgefunden, welche keine andere Aufgabe haben konnten, als unter 
das Volk vertheilt zu werden. 

Hat sich nun der Aberglaube, woran nach den Mittheilungen in den Sitzungs- 
Berichten nicht zu zweifeln ist, schon, wer weiss, vor wie vielen Jahrhunderten, an 
den kräftigen Spruch: „Bete und arbeite" angehängt und letzteren zur Besprechung 
bei ToUwuth der Menschen und Thiere in manchen Gegenden angewandt, so kann 
darin nichts Eigenthümliches gefunden werden, sondern die Formel theilte damit 
nur das Schicksal anderer frommen Sprüche und heiliger Gegenstände, welche von 
unwissenden und abergläubischen Menschen manchmal ohne bösen Willen, öfters 
aber auch böswillig, gemissbraucht wurden. 

Ich will schliesslich auch meine Vermuthung aussprechen, wie es gekommen 
sein mag, dass der kräftige Spruch, der für den Aberglauben passt, wie die Faust 
auf's Auge, zu abergläubischen Dingen benutzt worden ist. In missverständlicher 
Weise hat Jemand vielleicht die Formel so übersetzt: Viel beten, d. h. besprechen 
und kräftig operiren, das sei Dein Hülfsmittel oder Dein Glaube. „Operiren" und 
„Operation" sind ja auch medicinische Ausdrücke. Dazu kam dann das Alter und 
die absonderliche Form des Spruches. Ich schliesse hieran einen anderen absonder- 
lichen Spruch, in welchem allerdings alle Worte ausgeschrieben sind, bei dem man 
aber auch erst gut zusehen muss, um ihn zu verstehen. Er ist in der Ermländischen 
Ztschr. f. Gesch., Bd. III, S. 294 mitgetheilt und lautet: 

„Sor super scrip li poci 
te norum tor bri atur 
Mor malig cap li mori." 
Es ist wahr, dass die katholischen geistlichen Bücher viel enthalten, was in 



(74) 

starken Abkürzungen geschrieben oder gedruckt ist, und lässt sich somit diese ge- 
gebene Deutungsweise sehr wohl hören und gleich gut annehmen. Nur in der Art 
und Weise, wie Hr. Dr. Kolberg glaubt, dass der Spruch in's Volk gedrungen 
sei mag ich mich nicht mit ihm einverstanden erklären, da, wer aus dem Lateinischen 
so übersetzen könnte, als Kundiger der lateinischen Sprache, jedenfalls böswillig ver- 
fahren sein muss, was aber gar nicht nöthig erscheint. 

Auch an Hergabe von anderen Beispielen, wie es durch ein solches AbkOrzungs- 
Verfahren zu so wunderlichen Formen kommen mag, Hess es Dr. Kolberg nicht 
fehlen, wenn er auch zugiebt, dass die Sache, welche nicht nach unserem heutigen 
Geschmacke sei, Schnörkelei athme, in welcher aber manche Zeiten gross gewesen 
sind. Zunächst indem er den angedeuteten Fall einer gleich räthselhaften Inschrift 
auf einem Fetschafte im Auge hat, löst er die Frage, wie Jemand, der sich ein 
Fetschaft mit dem Namenszuge INRI und dem Kreuzholze in der Mitte schneiden 
und in zwei, um jenes laufenden Ringen die schönen Worte aus dem Hymnus am 
Passionssonntage anbringen lassen will (Arbor decora et fulgida Ornata regis Pur- 
pura Electa digno stipite Tarn Sancta membra tacgere), bei solcher Abkürzung in 
diesem Verse verfahren könne, da es doch unmöglich sei, alle diese Worte auf dem 
kleinen Räume eines Petschaftes anzubringen. Die gekürzte Inschrift (in Majuskeln) 
würde gleich verständnisslos lauten: 

A R D E T F ü 
R R E P ü R 
E L D I S T I 
T A S M E T A. 
Ein anderes Beispiel behandelt einen freigewählten Spruch, ein fast volles 
Anologon zur Satorformel: 

P A T S Dazu wäre die Auflösung: 

A S E R Pater omnipotens, 
T E R E T A seculis remotis 
R E S A Terra et omnes res 
S T A F. A sapientia omniscia tua pendent. 
D. h.: „Allmächtiger Vater, von Ewigkeit hängen die Erde und alle Dinge von 
Deiner allwissenden Weisheit ab," 

Auf dieselbe Art und Weise des abgekürzten Verfahrens fiele es auch gar nicht 
zu schwer, aus irgend einem gegebenen Sinnspruche ein Tetragramm zu formen, 
wobei jedoch noch zu beachten, dass gerade die Vokalisirung und Gliederung der 
lateinischen Sprache ausserdem diesem gewohnten Verfahren Vorschub leistet. Durch 
die Glossen zu den Classikern und für die Vorträge der bedeutendsten Lehrer der 
alten Universitäten mag die Möglichkeit früh erkannt und auch geübt sein. Kirchliche 
Calendarien konnten somit leicht gleiche Verkürzungen bringen, wie zu Anfang be- 
merkt wurde. Auch mache ich darauf aufmerksam, dass noch stärkere Ver- oder 
Abkürzuügen, wegen der grösseren InscriptionsfüUe auf beschränkterem Räume und 
wegen des schwerfälligen Materiales bedingt, sich leicht auch bei den Inschriften 
auf Kirchenglocken werden auffinden lassen. Etwaige Liebhaber davon verweise ich 
u. A. auf Dr. Zechlin: Inschriften an Kirchengeräth aus Schivelbein und Umgegend 
in Halt. Studien, 1883, Jahrg. 33, S. 230£f., und auf einen Artikel über Glocken- 
Inschriften im Ermländischen Pastoralblatte, 1881, S. 127ff. — 

Hr. F. Liebermann macht folgende Mittheilung: 

Die vielbesprochene Formel Sator arepo tenet opera rotas, in der qua- 
dratischen retrograden Form geschrieben, steht am Rande der Englischen Hand- 



(75) 

Schrift Oxford Bodley Digby 5B um das Jahr 1200 nebon lateinischen Gedichten 
von Mitte und Ende des XII. Jahrhunderts, die meist von dem Anglonormaunen 
Serlo von Paris verfasst sind. 

Dies theilt mit Paul Meyer in „Archives des missions scientifiques" 1868, p. 174, 
und verweist dabei auf einen Aufsatz in L'Intermediaire III, 522, 1SG6, Sept. 10. 

(27) Hr. Treichel schreibt über die 

Verbreitung des Schulzenstabes und verwandter Geräthe und Zeichen. 

1. Botschaft durch Feuerzeichen bei den Alten, 
üeber die durch Feuerzeichen verbreiteten Nachrichten der Alten schrieb ich 
schon im 8itz.-Ber. vom 17. Oct. 1885 (S. 396). Es mag in den ältesten Zeiten 
aller Nationen diese Art auch die älteste der Fernsprechkunst gewesen sein, durch 
angezündete Feuer gewisse Signale zu geben und Nachrichten mitzutheilen. Ich 
wünschte nur noch die Art und Weise anzugeben, wie Polybius a. a. 0. sie 
anführt. Nach ihm bedienten sich die Alten verschiedener Instrumente, um 
Signale in die Ferne zu geben; diese Instrumente bestanden grösstentheils in ver- 
schiedenen Arten von Faclieln und wurden daher Pyrosiae genannt. Eleoxenus 
(nach Anderen Democritus) erfand zuerst eine mehr methodische Manier: er 
theilte nämlich das griechische Alphabet in 5 Columneu, Hess zuerst 2 Fackeln 
emporhalten und bezeichnete dann durch die Zahl der Fackeln, die er zur linken 
Seite aufhob, die Columne und durch die zur rechten Seite aufgehobene Zahl der 
Fackeln den Buchstaben, welcher gelesen werden sollte. Derjenige, welcher das 
Signal mittheilte, hatte ein Instrument, welches man Dioptra nannte, und welches 
aus zwei Röhren bestand, von denen man durch die eine blos die linke, durch die 
andere hingegen blos die rechte Seite sehen konnte. Der ganze Apparat musste 
mit einer Mauer von 10 Fuss im umfange und von der Höhe eines ISIenschen um- 
geben sein, damit die über dieselbe gehobenen Buchstaben sehr deutlich erschienen, 
die unterhalb befindlichen hingegen verborgen blieben. Dieses und anderer ähn- 
licher Mittel bediente man sich in älteren Zeiten; später kam aber Alles in Ver- 
gessenheit. 

2. Botschaft durch Schwarz und Weiss. 

Im Jahre 1663 kündigte der Marquis von Worcester in seiner Centurie von 
Erfindungen an, dass er ein Mittel entdeckt habe, mit welchem Jemand von einem 
Fenster aus, an welchem man das Weisse vom Schwarzen zu unterscheiden im 
Stande ist, ohne alles Geräusch mit einem Anderen eine vollkommene Unterredung 
halten könne, und zwar sowohl am Tage, als bei finsterer Nacht. Worin dies Mittel 
bestanden habe, giebt meine Quelle nicht an. (III. Sonnt. Bl. 1886 Nr. 12.) 

3. Balkenverbindung als erster Keim der Telegraphie. 

Im Jahre 1684 theilte der berühmte Dr. Hoope der Royal Society zu London 
einen Telegraphen mit, und gegen das Ende des Jahres 1793 trat endlich Chappe 
mit seinem Telegraphen auf, der dem Hoope's ähnlich ist, obwohl man Chappe 
für dessen Erfinder hält. Die erste Beschreibung dieses Telegraphen brachte ein 
Mitglied des Parlaments von Bordeaux von Paris nach Frankfurt a. M., wo dann 
2 Modelle erbaut und durch Hrn. W. Playfair an den Herzog von York gesandt 
wurden, der dieselben bei der Admiralität einführte. 

Der Telegraph von Chappe bestand aus einer Verbindung verschiedener 
Balken, die durch eine gewisse, ihnen zu ertheilende Bewegung in mannichfaltige 
Formen gestellt werden konnten, welche jede ein Wort oder eine Sache ausdrückten. 



(76) 

Befanden sich nun auf hohen, sich auszeichnenden Gegenständen in gewissen Ent- 
fernungen dergleichen Instrumente aufgerichtet, und theilte das eine dem anderen 
die zugekommenen Zeichen schnell mit, so war man dadurch im Stande, eine Nach- 
richt über weite Räume in kurzer Zeit zu bringen. 

4. Geschoss- und Kanonenkugel-Post. 

Einem im „Archiv für Post und Telegraphie" enthalteneu Aufsatze über die 
Geschichte der Geschoss- und Kanonenkugel -Post entnehmen wir, dass die Kanonen- 
post am 21. April 1475 bei der Belagerung von Neuss durch Carl den Kühnen von 
ßurgund zuerst zur Anwendung gekommen ist. Den Belagerten waren Ersatz- 
truppen vom befreundeten Köln zu Hilfe geeilt; dieselben lagerten sich Neuss 
gegenüber auf den sogenannten „Steinen". Nach einigen, mit grossen Schwierig- 
keiten verknüpften, übrigens gelungenen Versuchen, mit den Neussern in Verbin- 
dung zu treten, entschlossen sich die Kölner, ihre Botschaften in die Stadt hinein- 
zuschiessen; sie sandten aus ihren Feldschlangen 3 Kugeln, die in ihrem Innern 
Briefe enthielten, ab; zwei von ihnen, die in den Rhein fielen, wurden von den 
Belagerten aufgefischt, die nun auch ihrerseits versuchten, ihre Botschaft auf diese 
Weise den Verbündeten zuzusenden, was aber erst nach mehreren vergeblichen 
Versuchen gelang. Zuletzt bildete sich eine reguläre Feldpost mit optischer Tele- 
graphie aus: Wenn auf dem Schannert eine Feuerpfanne brannte, so war das ein 
Zeichen für die Neusser, dass die Kölner Briefe schiessen wollten, und wenn um- 
gekehrt die Neusser einen Wimpel ansteckten, so wussten die Kölner, dass sie an 
demselben Tage noch eine Kugelpost aus Neuss zu erwarten hatten. Im Stadt- 
archiv zu Köln befindet sich noch das Original des ersten, aus Neuss nach den 
Steinen glücklich herausgeschossenen Briefes. 

In späteren Kriegen des Mittelalters wurde die Kanouenkugelpost vielfach 
benutzt und ausgebildet. Der Verfasser des erwähnten Aufsatzes, Postrath Dr. 
Blumberger in Köln, macht mit Recht darauf aufmerksam, dass schon 2^/9 Jahr- 
tausende früher die Einnahme Troja's durch Signalfeuer in einer einzigen Nacht 
vou Kleinasien nach Griechenland gemeldet werden konnte. Die in Betrieb ge- 
setzten Kugelposten bewiesen also nur, dass die Erinnerung an jene Feuersprache 
im Dunkel des Mittelalters gänzlich verloren gegangen, und die Fernsprech- 
kunst, die schnelle Schwester der Post, auf ihre frühesten Uranfänge zurück- 
gegangen war. 

5. Hornsignale innerhalb der Landhagen der Hunnen. 

Waren nach Cäsar (de b. Gall. II. 17), Tacitus (Hist. H. 19, IV. 37) und 
Ammianus Marcellinus (VIII. 2) bei den Deutschen seit Alters her schon 
Landeshagen durch umgebogene Bäume als gebräuchlich erwähnt, so berichtet der 
Mönch von St. Gallen (de rebus Caroli M. II. bei Ducange unter Haja) doch über 
die noch stärkeren Hagen aus Baumstämmen und Erdverschanzungen bei den 
Hunnen (im Jahre 791), deren Land so mit 9 Kreisen umgeben war, dazwischen 
lagen Flecken und Dörfer so, dass von einem zum anderen eines Mannes Ruf gehört 
werden konnte; die Entfernung vom 2. bis zum 3. Kreise betrug 10 deutsche Meilen, 
ebenso bis zum 9., darin waren die Besitzungen und Wohnungen so eingerichtet, 
dass die verschiedenen Hornsignale zwischen den einzelnen vernommen werden 
konnten. 

6, Russland. 

Wie Schiller uns die Verbreitung von Nachrichten durch Feuerzeichen in 
seinem Wilhelm Teil für die Schweiz schildert, so ist doch wohl auf Grund seiner 



(77) 

Vorstudien aus dem Bruchstück und Naclilass Demetrius fast zu entnehmen 
(2. Aufzug, 3. Scene), dass die Feuerglocke gezogen wird, wenn Alle zu Rathe 
kommen sollen. 

7. Norwegen. 

Das Hörn diente als Ladungsmittel nach altnorwegischem Stadtrechte in den 
Städten. Demgemäss wird schon im älteren Drontheiraer Lajgdrecfite ausgesprochen, 
dass Niemand friedlos werden könne, es habe ihn denn zuvor ein Mann zum ping 
(nach Landrecht) oder das Hörn zum Möt (nach Stadtrecht) geladen. So nach 
freundlicher Mittheilung von Hrn. Prof. Dr. K. von Maurer in München. Es 
begegnen sich aber so allerwärts die Belege aus Nord und Süd, und so wenig am 
Ende die einzelne Notiz für sich allein bedeutet, so bedeutsam wird deren gehäuftes 
Auftreten. 

8. Wache Honil! in der Lausitz. 

Honidlo (vom wendischen honzu, ich halte ab) war in der Lausitz, Meissen, 
Thüringen u. s. w. ein göttlicher Nachtwächter. In der Gegend von Merseburg wurde 
er in Gestalt eines Stabes angebetet, an dessen oberstem Ende eine Hand befestigt 
war, die einen eisernen Ring hielt. Diesen Stab trug der Hirte von Haus zu Haus 
und rief an jeder Thüre aus: Wache Honil! (F. Nork Mythol. der Volkssagen, 
S. 584.) Beschriebener Stab und sein Umgang scheinen auf ähnliche Momente hin- 
zudeuten, wie sie beim Schulzenstabe obwalten, ohne jedoch ein klares Bild ab- 
zugeben. 

9. Polnische Signale bei Tannenberg, 15. Juli 1410. 

Nach A. Hörn: Tannenberg (in Altpr. M.-Schr. N. F. Bd. XXH. S. 645) hatte 
der polnische Kriegsrath bestimmt, dass auf seinen Linien Niemand blasen dürfe, 
ausser dem einzigen königlichen Hornisten, während die Schlachtmusik durch Ge- 
schrei und Gesang gebildet wurde, und zwar bedeutete das erste Signal „Aufstehen", 
das zweite „Satteln", das dritte „Ausmarschiren". Wenn man sich über die Bedeu- 
tung dieser Töne in dieser Weise verständigte, so folgt daraus, dass man damals 
noch nicht besondere Signale hatte, sondern alle gleich gewesen sein müssen, sowie, 
dass Bläser oder Trommler nicht vorhanden waren. 

10. Allarmzeichen bei Bernsteinge winnung in Ostpreussen. 
Die vorzüglichste Art der Bernsteingewinnung war seit alten Zeiten nur auf 
das Ablesen des Strandes nach heftigen Stürmen beschränkt. Die Ausbeute war 
im Ganzen hierbei sehr gering. Denn ein grosser Theil des mit Seetang um- 
wickelten und umstrickten Harzes, und namentlich die grösseren Stücke, fallen bald 
nach dem Abstillen des Wetters auf den Meeresgrund, werden hier schnell mit 
Sand bedeckt und dem Auge des Suchenden entzogen. Es kommt daher bei der 
Gewinnung des Bernsteins darauf an, den richtigen Moment abzupassen, in welchem 
das „Kraut" noch „beladen" und nicht zu weit vom Ufer entfernt ist. Zu diesem 
Zwecke stehen bei günstigem Winde Stunden lang Posten an den Seebergen, um 
das Anrücken des Bernsteinkrautes zu beobachten und durch ein Zeichen im 
günstigen Augenblick fast das ganze Dorf in Allarm zu bringen. Die 
Männer eilen dann mit langgestielten Käschern in die See hinein und schleppen 
in diesen die Tangmassen ans Ufer, woselbst von B'rauen und Kindern das kost- 
bare Harz ausgelesen wird. Um die auf den Meeresgrund gefallenen Stücke zu 
erlangen, warten die Bernstein Qscher die wiederkehrende Meeresstille ab und be- 
ginnen dann das „Bernsteinstechen". Aus Booten, weit vorgeneigt, durch- 
spähen sie die grünliche Fluth und mit langen Spiessen und mächtigen, gekrümn)ten, 
zweizinkigen Gabeln lockern die Einen den beschwerlichen Stein und Sand, wäh- 



(78) 

rend die Anderen mit gleich langen Käschernetzen das Bernsteinkraut auffangen 
und emporziehen. 

11. Die Blase in der Stadt Rastenburg in Ostpreussen. 

Nach verbesserter Willkühr der Hüter der Stadt Rastenburg von 1636 (Altpr. M.- 
Schr. Bd. XXII. S. 579 ff.) heisst es in § 7 : „Der Aeltermann soll demjenigen, so zum 
erstenmal die Zeche (das Hüten der Pferde) zu hüten schuldig, dieselbe durch den 
jüngsten mit Zuschickung der Blase (des Hirtenhorns) anmelden lassen. Wenn 
nun derselbe seine Nacht gehütet, soll er dem Aeltermann die Blase wiedergeben, 
der ihm dann andeuten wird, wem er die Wache weiter ansagen soll. Der hier- 
wider handelt, büsset 10 Gr.'' Im 18. Jahrhundert aber hüteten die Bürger nicht 
mehr selbst die Pferde; dieses besorgte ein von der Stadt angestellter Pferdehirt, 
welcher der Zechner hiess. Die Ansage der Hütung scheint nur beim ersten Male 
durch Zuschickung der Blase geschehen zu sein. Späterhin, wie die folgenden 
Paragraphen erweisen, handelt es sich jedoch nur um persönliche Weiterankündi- 
gung. 

Ebenda heisst es im Cap. XXIV. Dist. 2. in ähnlichem Sinne : Im gleichen Fall 
soll ein jeder Bürger und Einwohner in und vor der Stadt seinen Grundzins jähr- 
lich, wenn man die Rathsglocke läuten und ihm ansagen wird, aufs Rathhaus 
bringen. Welcher säumig befunden, der soll ausgepfändet werden und 30 Pf. 
Strafe erlegen. Dist. 3: welcher Bürger und Einwohner in und vor der Stadt sein 
Hirtenlohn und Wächtergeld alle Quartal, wann es ihm augesaget und die Raths- 
glocke geläutet wird, nicht unsäumlich bringen würde, der verbüsset 30 Pf. 
12. Schulzenzeichen aus Ostpreussen. 

Nach gütiger Mittheilung von Frl. R. Lemke wird in Alt-Dollstädt an der 





Sorge, etwa l^j.. Meilen nördlich von 
Christburg in Westpreussen gelegen, als 
Schulzenzeichen das Stück in beifolgen- 
der lebensgrosser Zeichnung gebraucht, 
von welchem sie der Meinung ist, dass 
es der Griff irgend einer älteren Waffe 
sei. Die Masse besteht aus Messing 
oder Bronze; das Nebenstück ist der 
ümriss des oberen Knaufs. 

13. Sturmglocke für Deserteure. 
Die Dorfpapiere von Gruppe, Kr. Schweiz, enthalten (nach H. Märcker, Gesch. 
d. Schweizer Kr. in Ztschr. d. Westpr. Gesch. -Ver., H. XVII, S. 73) folgendes Edikt 
vom 8. Januar 1788, betreffs Anhaltung und Verfolgung der Deserteure: Kein Soldat 
passirt ohne Pass. Entläuft ein Soldat, so wird die Sturmglocke V* Stunde lang 
von Ort zu Ort mit Anschlagen des Klöpfels auf einer Seite geläutet, Pässe besetzt, 
Pferde für Nachsetzende ä 12 Gr. pro Meile bereit gehalten, und wenn Deserteure 



(79) 

eingefangen. dies durch Tüchor von den Kirchthürmen angezeigt. Abliefern gegen 
6 — 12 Thlr. Prämie. Wer hierbei Beihülfe verweigert und unterlässt, 15 Spezies 
Dukaten oder 1 Monat Festungsarbeit Strafe. Vorsatz bedingt harte Freiheitsstrafe. 

14. Westpreussen. 

a) Nach J. Preuschoff: Volksthümliches aus dem grossen Marienburgf-r 
Werder (Sehr. d. Naturf. Ges. in Danzig, N. F., Bd. VI. H. l^J^Sf, S. 182) ist das 
Verhältniss der Hofbesitzer eines Dorfes unter einander ein sehr freundschaftliches, da 
man sich „Nachbar'-' nennt (früher war auch die Bezeichnung „Mitnachbar'* Mode), 
und der Ortsschulze die „Herren Nachbarn" zusammenruft, was doch wieder ein 
Rufmittel voraussetzt. 

b) Uebrigens sei bemerkt, dass der Conservator des städtischen Museums zu 
Graudenz in einem „Eingesandt" des dortigen Geselligen vom November 1886 bei den 
Gemeinde- Vorständen dortiger Kreise um Mittheilung oder Ansichtsendung von sog. 
Schulzenstöcken ersucht. 

15. Pommern. 

a) Im Dorfe Ritzig, Kr. Schivelbein, existirt noch die alte Sitte des Bekann t- 
machens nsit dem Knüppel oder Schulzenstock; jeder Bauer hat die Verpflichtung, 
den Stock zum Nachbar zu schicken. (Dr. Zechliu Die Kreise Schivelbein und 
Dramburg in Balt. Stud., Jahrg. 36, S. 99.) 

b) Flagge zu Hiddensoe. Fast die sämmtlichen Männer von Hiddensoe, 
einer Insel bei Rügen, sind Fischer. Sie fischen in Gesellschaften von einigen 
zwanzig und halten auf dem Lande Berathungen ab in Angelegenheiten ihres Haupt- 
gewerbes. Eine Flagge, an einem Mäste aufgezogen, zeigt jedesmal das Haus an, 
in dem die Berathuug stattfindet. Ich sah im Dorfe Neuendorf eine solche Raths- 
versammlung, wie sie eben auseinander ging: die Männer ernst und würdevoll, und 
jeder in der Hand einen Theerquast, der wohl als Zeichen der Würde galt. (Joh. 
Trojan Kleine Bilder. Minden i. W., 1886.) 

16. Mark Brandenburg. 
Dass auch noch jetzt in der Mark der Schulzenstock bekannt ist, beweist, was 
mir Herr Prof. G. Foure in Berlin aus Müggelheim im Kreise Teltow erzählte. 
Dort wird vom Gemeinde- Vorsteher eine Keule nebst dem Zettel umhergeschickt 
und nach dreimaligem Anklopfen, wenn Niemand da oder der Einwohner etwa ver- 
feindet ist. auf der Schwelle (qua Tisch) des Hauses hingelegt. 

17. Aus Nordböhmen.. 

Im eigentlichen Riesengebirge böhmischen Antheiles, also in den Ortschaften 
um Schatzlar (Gewährsmann Wenzel Patzak, Lehrer), Marschendorf, Gross- und 
Klein-Aupa (Gewährsmann Carl Scholz, Steueramts-Adjunct), Schwarzenthai (Ge- 
währsmann Wenzel Fink, Lehrer), Hohenelbe (Gewährsmann Joseph Schier, Lehr- 
amtszögling) wurde das „Gebote", welcher Ausdruck heute noch bei allen Land- 
bewohnern hier für Aufforderung zum Steuerzahlen und für dieses selbst allgemein 
im Gebrauche ist, bis zum Aufhören der Patrimonial-Gerichtsbarkeit im Jahre 1848 
in der Weise gehandhabt, dass der Büttel (Amtsdiener), mit einem gewöhnlichen, 
starken Gehstocke versehen, von Haus zu Haus, von Baude zu Baude (bekanntlich 
die Sennhütten des Riesengebirges, meist auch als Touristenlogis eingerichtet) ging, 
mit demselben an eines der Fenster der betreffenden Wohnung klopfte und dabei 
sagte: „Suntch (= Sonntag), Mountich (= Montag) u. s. w. Gschöss (= Steuern) 
zähla!« 

In der Braunauer Gegend, um Labney (Gewährsmann Cölestin Hofmann, 
Lehramts-Candidat), wufde das Gebot in der Weise bewerkstelligt, dass der „Richter" 



(80) 

einen Stock aus hartem Holze in der Grösse eines starken Gehstockes in das ihm 
zunächst liegende Haus sandte. Einer der Bewohner desselben trug ihn in die 
nächste Wohnung u. s. w., bis der „Gebotestock" wieder bei dem Richter anlangte. 

In Nordwestböhraen wieder, um Odritsch bei Buchau (GeAvährsmann Carl 
Papsch, Lehramtszögling), war der Gebolestock von grösserem umfange, mit einer 
Art Behältniss, mit einem Schieber verschliessbar, versehen, in welcher der „Ge- 
botezettel«* lag, den der Büttel in jedem Hause seines Sprengeis präsentirte. 

Gegenwärtig geschieht die mündliche oder schriftliche Aufforderung zum Steuer- 
entrichten in allen Gegenden des böhmischen Riesengebirges durch den Gemeinde- 
diener, und nur die Ausdrücke „Gebote", „Gebotebrief, „Gebotegihn", „Gebote- 
zähla" erinnern noch an die frühere Art der Geschossleistungen. (Berichterstatter; 
Hr. Fortbildungsschullehrer Johannes Böhm, Trautenau.) 

18. Aus Nordmähren. 

Bezüglich des „Gebot" habe ich bei älteren Leuten Nachfrage gehalten. Man 
versteht auch hier darunter die Einhebung der Steuer und der Landes- und Ge- 
meindeumlagen. Verständigt werden aber die Zahlungspflichtigen nicht weiter, da 
die Einhebung immer am ersten Sonntage oder Feiertage im Monate geschieht und 
auch früher so geschehen sein soll. Zur Zeit der Erbrichterei (der Besitzer des 
Erbgerichts war Richter im Dorfe) wurden bei Abhaltung von Geboten auch Strafen 
verhängt wegen Diebstahls, Betrügereien, Raufereien u. s. w. Männer wurden krumm 
geschlossen, erhielten Prügelstrafe; Frauen bekamen die „Fidel", ein Holzbrett mit 
Löchern, in welche der Hals und die Hände gesteckt wurden. (Mitgetheilt vom 
Lehrer Victor Haage in Wüstseibersdorf, in Nordmähren; Wüstseibersdorf liegt un- 
gefähr 1 Meile südsüdöstlich von Altstadt, also in der Gegend des Altvaters und 
des (glatzer) Grossen Schneeberges.) 

19. Aus Schlesien. 

a) Einladung zu einem „Gebote", entnommen der „Bise- Weiber-Lade" aus 
P. Wendelin's „Humoristische Pilin kägn ollerhand Muckn und Grilln". Ober- 
glogau 1867. 

Ma verzählt sich a su halt: 

's Krummbholz ging rim und's Gerichte^) vom Orte Hess önson-) mit Bötn, 
Ornanzen benimt'), es solin sich de Werthe*) am Möntich ^) der kommenden Fosnich*) 
Obends im Sekse eim Kratschem hibsch eistelln, doch ja nich allene, sondern de 
Weibr och mit; die tärrschten') nich fahln zur Stelle, 's thäte sihr Noth, doss a 
Weibern de Pflichto kägn de Monne*) nochdricklich vir'-') wiedr wördn gerickt"), 
weil's lange schund'") har wär!^^) 

In den alten, einfachen Zeiten wurde eine Gemeindeversammlung dadurch an- 
gesagt, dass eine Ordonnanz dem einen Hause den Zweck derselben bekannt machte 
und ein Holz übergab, das dieses mit der gleichen Botschaft an sein Nachbarhaus 
gelangen Hess. So kam die Anmeldung um's ganze Dorf. Jetzt hat man dafür 
Tagewächter, die mühsam Haus für Haus laufen müssen. 

Die sehr gute, vielleicht etwas zu drastische Schilderung (auch mundartlich) 
eines „Gebote" findet sich in den Schles. Provinzial-Blättern. Jahrg. 1868, S. iOiS.: 
.,Das Gebote" von Ernst Langer. 

b) Der alte Gebotsknüppel in Borkowitz, Kr. Falckenberg in Schlesien, war 
eine uralte Wachholderwurzel; bei a waren die Arme kaum um die Breite eines 

1) Das Gericht, der Gerichtsscholze. 2) Ansagen. 3) benannt, genannt. 4) Wirthe. 
5) Montag. 6) Fastnacht. 7) dürften. 8) gegen die Männer. 9) vorgerückt, vorgehalten. 
10; schon. 11) nehmlich, dass die letzten Vorhaltungen gescheh^. 



(81) 

Centimeters von einander enÜerul, und das Ganze lag in einer Ebene, abgesehen 
von den beiden Enden c und d, welche in entgegengesetzter Richtung divergirten. 
Herr Oberlehrer Dr. Schmidt, z. Z. in Lauenburg i. Pom., welcher mir freundlichst 
dariiber berichtete, hat in seiner .lugend denselben wohl hundert Male weiter ge- 
tragen; das musste aber immer sehr eilig gehen, oft genug in schnellstem Trabe 
auf's Feld zum Vater, und dann zurück. Der Gebotszettel war stets mit rohem 
Zwirne angebunden. ^ - 

In den Kreisen Brieg und Neisse gab es (nach dem Berichte von Herrn Dr. 
Schmidt) einfache Knüppel. Zur Zeit seines Grossvaters, der zugleich Erbscholze 
oder auch Erbrichter genannt wurde, namentlich in den genannten Kreisen, sowie 
in denen von Leobschütz und Glatz, hatte dieser einen mächtig dicken Rohrstock 
mit sehr gewichtigem Silberknopfe. Weil der Stock nur wenig kürzer, wie der 
Mann selbst, war, häufig dieserhalb angeärgert, pflegte er stets zu sagen : Du, Rind- 
schel (Rindviehchel), bist's gar nicht werth, dass ich Dich mit dem Stabe haue, ob- 
schon Du es wohl verdient! Der Stab wurde oft genug in's Gebot in den Kretscham 
mitgenommen und diente dort alsSceptrum; wie mit einem Heroldsstabe stiess der 
Scholze damit auf den Boden und gebot Ruhe für's Gebot. Stets wurde der Stock 
geschwungen vom Scholzen oder vom stellvertretenden Gerichtsmanne, wenn er 
die jungen Leute zur Musterung (Canton) oder die Ausgehobenen zur Kreisstadt 
führte; dann dünkte er sich besonders wichtig und waltete seines Amtes mit grosser 
Strenge. Niemals durften sich die Ausgehobenen beim Canton betrinken oder mit 
einander alte Unthatsschulden abrechnen, wie's häufig genug geschieht; dieser 
Cantontag war kein Sauftag, und hatte vielmehr etwas Ernst-Feierliches. 

c) In Zadel, Kr. Franken stein, führt das Gebotzeichen den Namen Krumm- 
holz. Die Bekanntmachungen werden auf einen Zettel in der Grösse eines Quartblattes 
geschrieben; dieser wird auf eine geschälte Baumwurzel geheftet und von Nachbar 
zu Nachbar weiter befördert. In manchen Orten vertritt ein Brettchen die Stelle 
der Wurzel. In vielen Orten der Odergegend hat der Wächter, Gemeindebote oder 
Flurschütz die Bekanntmachungen in den einzelnen Häusern zu verkündigen. 
(Gewährsmann: Lehrer Ruppert in Breslau.) 

d) In Mittel-Conradswaldau, Kr. Landeshut i. Schi., geht der Gemeinde- 
bote mit dem Steuerzettel (Quartblatt) von Haus zu Haus und sammelt bei dieser 
Gelegenheit die Steuerquittungsbücher ein, welche er dem Steuererheber zustellt. 
Dieser quittirt in seiner Wohnung sämmtliche Bücher, und begiebt sich Sonntags 
mit denselben in den Kretscham, wo er sie an diejenigen austheilt, welche die 
Steuer erlegen. Er braucht auf diese Weise nicht erst im Kretscham zu quittiren, 
was bei der grossen Gemeinde eine wesentliche Zeitersparniss und für die Gemeinde- 
mitglieder eine Erleichterung ist. Das Einsammeln der Bücher geschieht erst seit 
etwa 8 Jahren. (Gewährsmann: Lehrer Gottwald in Breslau.) 

e) Aus Zobten am Berge. In den meisten Dörfern am Zobtenberge geschieht 
das Gebotsagen noch jetzt durch Herumgeben des Gebotzeichens; nur in den 
grösseren Ortschaften, wie in Rogau (= Rosenau), Bankau, Wernersdorf, Naselwitz, 
Jordansmühl u. s. w., werden die Bekanntmachungen der Ortsbehörde durch den 
Gemeindeboten besorgt. Das Gebotzeichen besteht entweder a) aus einem Krumm- 
holz (Krumphulze), so in Klein -Bielau, Ströbel, Stein, Prschiedrowitz, Schwentuig, 
Gross -Sägewitz u. s. w., b) aus einem Stabe, wie in Mörscbelwitz, Floriausdorf 
u. s. w,, oder endlich c) aus einem Eisen, und zwar in Marxdorf aus einem Huf- 
eisen, in Kratzkau aus einem halbkreisförmigen Eisen mit Ringen an den Enden. 

Die Krummhölzer sind entweder sonderbar geformte Baum wurzeln oder Aeste, 

Verhaiidl. d. Berl. Aiithropol. Ciesellsch.-ift lö87. 6 



(82) 

oder es wird, wie in Kaltenhaus, behufs Herstellung eines Krummholzes ein Eichen- 
zweig ringförmig umgebogen und so lange wachsen gelassen, bis das äussere Ende 
mit dem stärkeren Theile fest verbunden und genügend stark geworden ist. 

Das Gebotzeichen wird vom Gemeindevorsteher (Schulzen), entweder das eine 
Mal rechts, das nächste Mal links, um' das Dorf geschickt, oder es geschieht diese 
Abwechselung erst nach Ablauf eines Jahres. (Mitgetheilt vom Vorschussvereins- 
Director, Ackerbürger A. Gühmann, in Zobten a. Berge.) 

f) Seiferdau, Kr. Schweidnitz, Reg.-Bez. Breslau. Der alte Brauch der 
Gebote" hat sich hier in unveränderter Form bis heute erhalten. Das Gebotzeichen 

führt den Namen „Gebotstock" und besteht aus einem Stück Hirschgeweih. An 
dieses wird ein Zettel befestigt, mit der Mittheilung an die Dorfbewohner, welche 
Abgaben (Königl. Steuern, Gemeindeabgaben u. s. w.), und wann sie zu entrichten 
sind. Die Bewohner des einen Hauses sind verpflichtet, es denen des anderen 
Hauses zuzustellen; in der Regel giebt es der Besitzer selbst weiter. In das erste 
Haus trägt es der Gemeindebote („Flurschütze"). Versäumnisse kommen nicht vor 
und ist daher irgend welche Bestrafung nicht vorgesehen. Von einem früheren 
Brauche ist nichts bekannt; der vorstehend beschriebene aber findet sich in allen 
Dörfern der Umgegend. (Hermann Bauch, städtischer Lehrer.) 

g) Ober-Pomsdorf bei Patschkau, Reg.-Bez. Breslau. Auch in diesem 
Dorfe ist genannter Brauch zu Hause, und zwar in derselben Form, wie in Seifer- 
dau, nur mit dem Unterschiede, dass das Gebotzeichen hier „Krummholz" heisst 
(mundartlich „Krumphulz"), weil der Zettel an ein gebogenes Holz gebunden wird. 
Dasselbe hat ungefähr eine S-Form. (Hermann Bauch, städtischer Lehrer.) 

h) Aus Oberschlesien. Die mährisch -böhmisch sprechenden Bewohner von 
Beneschau, Kr. Leobschütz, in Oberschlesien kennen den Ausdruck „Gebote" nicht. 
Solleu dort Steuern oder andere Bekanntmachungen angesagt werden, so geht die 
„Ordonnanz", d. h. der Gemeindebote, von Haus zu Haus. Längere Bekannt- 
machungen werden ihm schriftlich mitgegeben. Ist die Sache sehr eilig, so geht 
er trommelnd durch das Dorf und ruft das Bekanutzumacheude aus, wenn dann 
ein Haufe um ihn versammelt ist. 

Ein dem Wort „Gebote" entsprechender Ausdruck existirt, wie schon gesagt, 
nicht. Man sagt in Beneschau „Uznameni", Bekanntmachung. (Gewährsmann: 
cand. phil. Goldammer in Breslau.) 

20. Zur philosophisch-historischen Beleuchtung des Botenstockes bringt Herr 
Dr. C. Heintzel in Lüneburg folgende Punkte vor: 

\. Das Krumbholz, in diesem Bande 8. 258 Fig. 6, erinnert in seiner Grund- 
form an die Wurfwaffe der Australueger, den Bumerang. 

2. Der geworfene Bumerang kehrt zu demjenigen zurück, welcher ihn ver- 
sendete; das Krumbholz als Botschaftsmittel gelangt zu demjenigen zurück, welcher 
es ausschickte. 

3. Nach G. Freitag, in Ingo und Ingraban, war das krumme Eichenholz, die 
Wurfkeule, die voiksthümliche Waffe der Vandalen. (Für Freitag's Behauptung 
liegt mir allerdings keinerlei Belag vor; doch traue ich dem verehrten Landsmann 
wohl zu, dass er für das, was er einst schrieb, genügende Unterlage gehabt hat.) 

■i. Der Sage nach haben die Ureinwohner Schlesiens, die Vandalen, sich noch 
zur Zeit der polnischen Herrschaft in vereinzelten Gemeinden im Gebirge eigen- 
artig erhalten. Der Name der Stadt Nimptsch deutet auf den Polen fremde Be- 
wohner. 

5. Sollte zwischen dem heutigen Krumbholz und der krummen Holzwaffe der 
Vandalen nicht ein latenter prähistorischer Zusammenhang bestehen? 



(83) 

(28) Hr. Trcichel liefert folgende Nachträge zu dem 

Vorkommen von Schlittknochen und Rundmarken. 

1) In Bezug auf Schlittknochen in Bayern versichert Herr Prof. Dr. 
K. von Maurer in München, dass selbige in dortigen Bergen, zumal bei Knaben, 
noch immer in Gebrauch sind, z. B. auf dem Schliersee, der leicht -zufriert, sei es 
ein beliebter Spass, auf Knochen zu laufen. 

Ebenso ist der gleiche Gebrauch im Norden von Alters her üblich. Schon 
zu Anfang des 12. Jahrhunderts rühmte sich K. Eystiern Magnusson: „Kunna ok 
a isleggjern" in Joenmanna sägur Bd. VII. S. 120. Und noch heutigen Tages 
dienen die Isleggjer, d. h. Eisknochen, in Norwegen als Schlittschuhe (Ivar Aasen 
in Norsk Ordbog S. 329), ganz wie auch auf Island. In Norwegen gebraucht man 
jetzt vorwiegend Pferdeknocheu zu solchem Behufe, auf Island aber Schafknochen. 

2) Rundmarken in Westpreussen. Von Hrn. Dekan Dr. Kolberg in 
Christburg liegt mir der folgende Bericht über Rundmarken vor, welcher beweist, 
dass in sehr vielen Fällen die Rundmarken ihre Entstehung dem Spielen der Kinder 
verdanken, und zugleich den Grund dafür angiebt, wie es kommt, dass dieselben 
sich meist auf der Südseite, aber auch auf der West- und Ostseite, unten in der 
Nähe der Fundamente, befinden. Hr. Dr. Kolberg theilt mir mit, v\ras er aus 
eigener Erfahrung über die Näpfchen der Kirche zu Tolkemit weiss. 

„Als ich in Gegenwart meiner mehr als 70jährigen, jetzt verstorbenen Mutter 
vor ein paar Jahren über diesen Gegenstand sprach, erzählte sie mir: „Die Höh- 
lungen in den Ziegeln haben wir Kinder beim Spielen auf dem Kirchhofe ge- 
macht." Ich selber erinnerte mich denn auch daran, dass ich mit anderen Knaben 
öfters beim Spiele auf dem Kirchhofe Löcher in das Fundament und darüber hinaus 
in die Ziegel gebohrt hatte. Die Sache oder der Schabernak vielmehr, den die 
Kinder beim Spiel in früherer Zeit getrieben, wurde zu Folge j-enes Gespräches 
unter der Jugend in Tolkemit ruchbar und fand leicht erklärlicherweise aufs Neue 
Nachahmung. Vor etwa 2 Jahren habe ich mir beim Besuche in Tolkemit die 
neu gefertigten Näpfchen angesehen; sie sind so, wie die alten, und zwar mit 
einer Thonscherbe hergestellt, welche mit dem Finger rund herum gedreht wird, 
wie ein Bohrer. Die Löcher der Näpfchen werden manchmal ziemlich hoch an- 
gebracht. Ein Knabe steigt dem anderen nehmlich auf die Schultern oder auf das 
Gesimse und arbeitet die Löcher aus. Wer am höchsten das Loch machen kann, 
ist der „beste Mann". (Aehnlich nennen Kinder sich ja König, wer zuerst die 
Suppe aufgegessen hat oder wer zuerst aus dem Bette aufgestanden ist.) 

.,Die Löcher befinden sich aber nur auf der mehr nach Süden zu gelegenen 
Seite, weil da die Sonnen- und Lichtseite und deshalb mehr die Spielseite der sich 
tummelnden Jugend ist. Ich kann mich aus meiner Kindheit nicht erinnern, dass 
wir Kinder jemals auf der Nordseite der Kirche gespielt hätten. Dort lief man 
blos beim Umlauf um die ganze Kirche, beim „Schwärmen" oder „Jagen" vorüber. 
Die Nordseite blieb daher vom Schabernak des Einbohrens in die Wände ver- 
schont. * 

„Das Einbohren, Drehen und Ziegeistaubhervorbringen nannte man „Mühlchen 
machen", und man sprach dabei oft die Worte: „Der Müller ist ein Dieb, der Müller 
ist ein Dieb." Ob anderwärts dergleichen Spiel von den Kindern auf dem Kirch- 
hof getrieben worden, ist mir unbekannt; es lässt sich aber wohl vermuthen. dass 
es geschehen. Wenn an den Wänden mancher Kirchen die Rundmarken, Längs- 
rillen und Näpfchen nicht vorkommen, so dürfte es daher rühren, dass dort die 
spielende Jugend auf dein Kirchhofe und den an die Kirche stossenden Strassen 

6* 



(84) 

sich nicht oder weniger herumgetummelt oder dergleichen Spielchen von vornherein 
Ernst entgegengebracht hat. Dieser Auslassung füge ich dann noch hinzu, dass 
als Grund dafür, dass die Südseite bei (alten) Kirchen gerade die Sonnenseite ist, 
der anzusehen sein dürfte, dass die Baurichtung der Kirchen, und in ihnen der 
Altäre, stets nach Osten zu, von wo ja alles Heil kommt, genommen wird." 

(29) Hr. von Kaufmann legt 

Alterthümer aus Rudelsdorf, Kr. Nimpsch, 

und Umgegend vor, und zwar Thongefässe, einen Goldring, Bronzen und einen 
Steinhammer. 

An dem Lohe-Fluss befinden sich prähistorische „Wohnstätten" und Begräbniss- 
plätze, auf welchen der Tischlermstr. Schneider in Rudelsdorf wiederholt Aus- 
grabungen veranstaltet hat und weitere in Aussicht stellt'). 

Das Gräberfeld liegt in der Nähe des Serpentinbruchs von Jordansmühl, der 
vor einigen Jahren die Aufmerksamkeit besonders durch seine Nephritadern auf 
sich zog (Verh. 1884 S. 255, 359). Es handelt sich dabei um einen Friedhof, in 
welchem die Leichenbrandreste in Urnen beigesetzt sind. Um diese Urnen stehen 
ohne bestimmte Anordnung kleinere Beigefässe. 

Eine grössere Anzahl dortiger Fundstücke befindet sich im Museum zu Breslau. 
Von den von Hrn. von Kaufmann vorgezeigten Stücken Nr. 1 — 18 übergiebt 
derselbe die unter Nr. 1 — 6 aufgeführten im Namen des Hrn. Dr. Darmstädter, 
hierselbst, dem Königl. Museum für Völkerkunde als Geschenk. Vorgezeigt wurden: 

1. Eine Urne, 10 cm hoch, schwarz und blank (Fig. 1). 

2. Eine kleinere Urne, 6 cm hoch, schwarz und blank (Verzierung Fig. 1 a). 

3. Eine tiefe Schale mit einem kleinen Henkel, fast 6 cm hoch, schwarz und 
blank, der Boden ist mit concentrischen Riefelungen versehen, um den Bauch 
schlingt sich ein wellenförmig gezogener Wulst, in dessen Winkeln 4 Knöpfe un- 
regelmässig vertheilt sind, dazwischen sind die Winkel mit Strichornament aus- 
gefüllt (Fig. 2). 

4. Ein Napf mit nach innen etwas eingestülptem Rand und verzierter Innen- 
fläche, schwarz und blank (Fig. 4). 

5. Ein Gefäss mit einem Henkel und vier Buckeln, schwarz, doch nicht so 
gut geglättet, wie die vorigen, also nicht blank (Fig. 3). 

6. Ein kleiner Topf mit zwei, 1 '/s cw unter dem Rande befindlichen Henkeln, 
8,5 cm hoch, grösste Breite 10 cm, Halsweite 7,5 cm. 

7. Ein kleiner Topf ohne Henkel, röthlich, 2 cm unter dem Hals drei parallele 
Horizontalstriche, 2 cm tiefer, um die weiteste Ausladung des Gefässes, ebenfalls 
drei Horizontalstriche; zwischen diesen Strichsystemen senkrechte Striche in Ab- 
ständen von je 3 mm. Höhe 6,5 cm, grösste Breite 8,2 cm, Halsweite 5,5 cm. 

8. Eine Schale mit einem Henkel, grau, 3 cm hoch, 7,5 zu 8,5 cm Randdurch- 
messer. 

9. Fjine Kinderklapper, keulenförmig, schwarz und blank, mit Dreiecksverzierung 
(Fig. 6). 



1) Ueber die früheren Ausgrabungen des Hrn. Schneider, z. Th. im Verein mit Herrn 
V. Dücker und Anderen unternommen, ist Näheres in „Schlesiens Vorzeit in Bild und 
Schriff XIII. 1875 zu finden, woselbst Hr. W. J. Hodann „über die Aschenfelder bei Treb- 
nitz und die dort gemachten archäologischen Funde" berichtet. Vgl. die Mittheilungen des 
Hrn. V. Dücker in der Sitzung vom 14. Mai 1871 (Verh. S. 81). 



(85) 



figj. 



i'igZ. 





Fcg3. 



FigJS: 




!}jQ ruxi, £fr: 



FiS-^- 





Fig. 5. 




Fig. 6. reg. 7. J^igJ- 



Iig.8. ^^i9. 




10. Eine Kinderklapper in Gestalt eines Vogels, der Kopf fehlt, hellgrau, 
der Rücken schraffirt (Fig. 7 a und b). 

11. Eine kleine bemalte Urne, unten roth, der Hals und die mit der Spitze 
nach unten stehenden Dreiecke schwarz (Fig. 5). 

12. Ein kleines Thongefäss mit Caunellirung (Fig. 8), darin 

13. ein kleiner Goldring (Fig. 9). Die anscheinend gewaltsam aufgebogene 
feine Drahtspirale ist an die aufgebogene, stärkere Oehse an zwei Stelleu angelöthet; 
die beiden anderen stärkeren Oehsen hängen lose ineinander und an der Spirale. 

14. Ein Bronze- Armring, äusserer Durchmesser 7,5 zu 7 cm bei 8 mm Metall- 
stärke; die äussere Fläche ist mit imitirter Torsion verziert, die innere glatt. 

15. Ein Fingerring, bestehend aus mehreren Windungen torquirteu dünnen 
Bronzedrahtes (zerbrochen). 



(86) 

16. Eine gerade Bronzenadel mit doppelkegelförmigem Kopf, 17,2 cm lang, 
zerbrochen. 

17. Fragmente einer zweiten Bronzeuadel. 

18. Ein Serpentin -Hammer, 7,5 cm lang, 3,5 cm hoch, 3,5 cm breit. Von der 
oberen Fläche her ist mit einem röhrenförmigen Instrument ein Bohrloch 1,8 cm 
tief eingetrieben, in dem der Bohrzapfen, noch vollständig vorhanden, bis an die 
Oberfläche reicht. Der Hammer ist aus demselben Gestein gefertigt, das in den 
nephritführenden Serpentinlagern von Jordansmühl gebrochen wird. 

Die beigefügten Zeichnungen sind von Hrn. E. Krause im Maassstab 3 : 10 
(Fig. 9 in Vi) angefertigt. 

Da Hr. Schneider im Herbste dieses Jahres umfangreichere Ausgrabungen 
vorzunehmen gedenkt, so wird noch öfter Gelegenheit sein, auf diese interessante 
Fundstelle zurückzukommen. Es sei hier nur noch auf einen ganz besonders 
interessanten Fund aufmerksam gemacht, über den Hr. Schneider, wie folgt, 
schreibt: „Die wichtigste Fundstelle ist das Nachbardorf Trebnig. Dort haben Dr- 
völker auch schon auf eine primitive Art Eisen geschmolzen." Er schliesst dies 
aus dem Vorkommen von aus Lehm aufgebauten Heerden, die Dr. Hodann 
a. a. 0. S. 239 näher beschreibt und für Koch- oder Opferstellen anspricht. 
Hr. Schneider hat mehrere dieser Heerde näher untersucht und darin Schlacken 
gefunden, wodurch er zu obigem Schluss kam. Er schreibt in einem Briefe an 
Conservator E. Krause über diese Heerde: „Die in der Beschreibung (Schles. 
Vorz. Xni 1875 S. 239) bezeichneten Feuerstellen mit Schlacke habe ich später 
als Schmelzöfen festgestellt. Es sind spitze Kegel von Lehm; sie stehen, wo sie 
noch erhalten, in der Humusschicht. Wenn man die Spitze öffnet, ist ein hohler 
Raum. Den Boden bildet eine Schicht Eisenschmelz. Hebt man diese Schicht 
heraus, so stösst man auf Schlacke, die mit Holzkohle gemischt ist. Der Durch- 
messer des Hohlraumes ist an der Basis 0,50 m, seine Höhe 0,80 m. Eisenstein 
befindet sich in geringer Tiefe in nächster Nähe am Johnsberg. " — 

Hr. Virchow erinnert daran, dass Hr. v. Duck er (Verh. 1871 S. 82) schon 
die These aufgestellt habe, es sei an diesen Orten „Eisen in kleinen Feuern fabricirt 
worden". Was die vorgelegten Thongefässe von Rudelsdorf betreffe, so zeigen die- 
selben eine höchst überraschende üebereinstimmung mit dem Thongeräth von 
Zaborowo. Ganz besonders gilt dies von den in Fig. 1, 2 und 5 abgebildeten 
Gefässen. Von diesen ist Fig. 2 so ähnlich einem schwarzen polirten Gefäss mit 
erhaben aufgesetzter Wellenleiste von Zaborowo, dass man glauben könnte, 
sie seien aus derselben Werkstätte hervorgegangen. Ebenso besitze er ein Gefäss 
von Zaborowo mit abwechselnden rothen und braunen dreieckigen Feldern, 
welches mit B'ig. 5 völlig übereinstimmt. Punktkreise und Punktgruppen, wie in 
Fig. 1, gehören zu den häufigeren Verzierungen in Zaborowo. Das Meiste von da 
ist nicht abgebildet, aber auf der Berliner Ausstellung von 1880 vorgeführt worden. 
Er verweist auf seine Mittheilungen in den Sitzungen vom 14. November 1874 
(Verh. S. 219 Taf. XV) und vom 14. Mai und 28. Juni 1875 (Verh. S. 111 und 
158 Taf. XI). In der ersten dieser Mittheilungen habe er schon nachgewiesen, 
dass sich Analogien zu den Funden von Zaborowo bis auf das linke Oderufer und 
bis zur Katzbach verfolgen lassen. Die jetzige Vorlage bringe neue Beweise für 
diesen Zusammenhang. 



J 



(87) 

(30) Hr. G. Oesten bespricht die 

Ueberreste der Wendenzeit in Feldberg und Umgegend. 

Bevor ich meine neuen Ermittelungen über Stadt und Umgebung von Feldberg 
in Meklenburg-Strelitz vorlege, möchte ich zunächst einige Mittheilungen über die 
Hydrographie der Gegend machen, die für das Verständniss derselben von Wichtig- 
keit sind. '^"' 

Wie Sie aus der Kartenskizze, welche im Maassstabe (1 : 12500) nach der 
neuen Generalstabsaufnahme angefertigt ist, ersehen wollen, besteht ein wesentlicher 




Theil der Umgebung von Feldberg aus Wasserflächen. Die in der Karte dunkler 
gehaltenen Seeenflächen Haussee, Lucin, Zausen, Dreez und Carwitzer See, bilden 
ein zusammenhängendes System von gleicher Höhenlage des Wasserspiegels. 

Es wird einleuchten, dass die letztere für die Ausdehnung und Formation der 
Landflächen von Einfluss ist; ebenso wird ersichtlich sein, dass der Erdboden der 
Inseln und Halbinseln in gleicher Höhe mit dem offenen Wasserspiegel mit Wasser 
durchtränkt ist, Aufgrabungeu also, sobald sie tiefer eindringen, als der Wasser- 
spiegel liegt, in das Grundwasser gelangen müssen. 

Dieser Seeencomplex besitzt zwei natürliche Abflüsse, einen unterirdischen und 
einen oberirdischen. 

Der erstere hat seinen Weg vom Dreez- See aus durch die Bodenschichten des 



(88) 

davor liegenden Erdrückens in den mit seinem Spiegel 9,5 m tiefer liegenden 
Crüselin-See, aus diesem in die Havel, also in das Eibgebiet. 

Die Wassermenge, welche auf diesem Wege abgeführt wird, ist von natürlichen 
Verhältnissen abhängig, und daher bei der Constanz derselben auch eine ziemlich 
unveränderliche. Im 16. Jahrhundort ist wiederholt versucht worden, dieses natür- 
liche Verhältniss zu verändern, das vorhandene Gefälle nutzbarer zu machen; diese 
Versuche haben damals aber einen dauernden Erfolg nicht gehabt. Hierüber sind 
Urkunden und Protocolle vorhanden. 

Der oberirdische Abfluss der Seen führt aus dem Carwitzer See (Meklenburg) 
in den Meilen -See (Brandenburg), und weiter in die Ucker, also in's Odergebiet. 
Dieser Abfluss ist der menschlichen Einwirkung zugänglicher gew^esen. Gegen- 
wärtig führt derselbe nur Wasser ab, wenn der Wasserstand im See eine gewisse, 
zwischen Brandenburg und Meklenburg vertragsmässig vereinbarte, Höhe übersteigt. 

Zur Wendenzeit war dieser Abfluss erheblich tiefer angelegt, der Wasserstand 
des Seeen-Coraplexes daher ein entsprechend niedriger. Hierfür sind zahlreiche 
Beweise vorhanden. 

Mitten im Carwätzer See befindet sich eine Untiefe. Man sieht über derselben 
bei etwa 1,5 m Wasserstand durch das klare Wasser den Grund und darauf die 
Stümpfe von gefällten starken Eichen. Der Grund des Wassers war hier also 
einstmals festes Land; der Wasserspiegel befand sich entsprechend tiefer. 

Auf dem Jäger -Werder, einer Insel im Carwitzer See (bei 6 des Plans), habe 
ich im Jahre 1883 bei einer Grabung die Reste eines kleinen Eisenschmelzofens 
gefunden. Es waren Theile der konisch nach unten verjüngten Laibung des Ofens 
aus gebranntem Lehm vorhanden; der unterste cylindrische Theil des Ofens war 
noch mit Eisenschlacken gefüllt. Dieser Theil füllte sich aber bei der Ausgrabung 
mit Wasser, reichte also bis unter den gegenwärtigen Grundwasserstand hinunter. 
Zur Zeit des Betriebes dieses Ofens kann das Wasser so hoch nicht gestanden haben. 

In dem Durchstich vom Haussee nach dem Lucin befinden sich unter Wasser, 
sehr wohl erhalten, bis zu 40 cm starke, scharf vierkantig bearbeitete, eichene 
Pfähle, noch mit dahinter liegenden eichenen Bohlen, als eine bollwerkartige Ufer- 
befestigung desselben. 

Diese jetzt versunkene Uferbefestigung hat für die gegenwärtige flache Lage 
der üferränder keinen Sinn, sie beweist aber, dass einstmals hier ein erheblich 
tiefer liegender Durchstich vorhanden gewesen sein muss. Die über denselben 
führende Brücke heisst noch heute die „hohe Brücke", ein Name, den sie einst- 
mals mit Recht geführt haben wird, der ihr aber heute nicht mehr gegeben werden 
würde. Dieser ehemals tiefe Durchstich spricht zugleich dadurch, dass er den ver- 
tieften Abfluss in den Meilen -See (bei 1) als Vorfluth zur Voraussetzung hat, für 
den einheitlichen hydrographischen Charakter dieser Landschaft, ebenso aber auch 
für eine Einheitlichkeit des Gemeinwesens der Bewohner. 

Ein fernerer Beweis für den ehemals, und zwar zur Wendenzeit, niedrigeren 
Wasserstand ist die Burg Feldberg auf der jetzigen Amtshalbinsel, dem Amtshof. 
Diese Burg kann frühestens unmittelbar nach dem Ende der Wendenzeit, also 
um die Mitte oder gegen das Ende des 13. Jahrhunderts erbaut worden sein. 
(Um 1244 wurde die Stadt Friedland gegründet, um 1248 Neubrandenburg und 
Lychen, 1292 Kloster Wanzka, 1298 die Johanniter- Commende Nemerow, 1299 
Kloster Himmelpfort u. s w.) Von derselben sind noch die starken Umfassungs- 
mauern mit 2 achteckigen Pfeilern in der Mitte und der untere Theil des Thurmes 
vorhanden. In den Mauern sieht man noch die tiefen und geräumigen Fenster- 
nischen mit Ueberresten der gemauerten Sitze und Kannrückchen; Alles in etwas 



(89) 

roher, aber doch charakteristischer Ausführung. Aber der Fussboden dieser Burg- 
räurae liegt 2,5 /« unter dem jetzigen Terrain. Der einstige Rittersaal dient jetzt 
als Kartoffellceller für das über demselben erbaute Amtshaus. 

Beim Bau der Burg war noch der niedrige Wasserstand vorhanden. Unter 
dem später aufsteigenden Wasser ist das Terrain um die Burg versunken. Die 
von dem jetzigen Inhaber, dem Grossherzogl. ürosten Kammerherrn von der 
Lancken, freundlichst gestatteten Aufgrabungen lehren, dtlS's man Boden auf- 
geschüttet hat, um wieder Raum über Wasser zu gewinnen, üeber die alten 
Räume hat man alsdann Tonnengewölbe geschlagen und hierauf die neuere Bebau- 
ung ausgeführt. Die Oberfläche der alten Wendenzeit aber liegt hier unter dem 
Schutte der nachfolgenden Jahrhunderte, und zum grossen Theil unter dem gegen- 
wärtigen Wasserspiegel begraben. 

Es wird einleuchten, dass der Punkt, wo der Abfluss aus dem Seeensysteme 
in die ücker stattfindet, von jeher für den Wasserstand, die Ufer und die Besiedelung 
derselben von der grössten Wichtigkeit gewesen ist. Als nach der Wendenzeit 
dieser Abfluss verfiel, der Wasserstand in den Seeen wuchs, entstanden dadurch 
grosse Uebelstände. Inzwischen (1304) war das Land Stargard, von Brandenburg 
abgetrennt, als Mitgift der Beatrix au den Herzog Heinrich von Meklenburg gekommen. 
Durch eine alsdann folgende geringe Verschiebung der Grenze, wie im Plan ersicht- 
lich, war dem ersteren die Verfügung über den Punkt der Vorfluth verloren ge- 
gangen; hieraus entstanden im XVI. Jahrhundert politische Verwickelungen zwischen 
Meklenburg und Brandenburg, über welche ausführliche historische Nachrichten 
vorhanden sind. 

Die Erhöhung des Wasserstandes hat, bezüglich der wendischen Reste, zur 
Folge gehabt, dass ein ansehnlicher Theil derselben vom Wasser überdeckt worden 
ist und sich daher besser erhalten hat, als dies sonst der Fall gewesen sein würde. 
Zugleich ist jedoch dieser Umstand von ungünstigem Einflüsse auf die Zugänglich- 
keit und die Erlangung der Alterthümer. 

Complicirt wird dieses Verhältniss da, wo zugleich eine erhebliche Verlandung 
der Wasserflächen durch Anschüttung und durch allmähliche Anhäufung von Cultur- 
resten, wie auf der Halbinsel Feldberg, welche fortdauernd besiedelt gewesen ist, 
stattgefunden hat. 

Schematisch dargestellt liegt hier die Sache so: 



n 


t 


l 


I. 








^ 


. c- 




R---- 


— -'-^ 


-"^^v- -S- 


--A- 








"^■^^^5^-^ 



Es bezeichnen A B den Wasserstand zur Wendenzeit, CD den gegenwärtigen, 
EFG die Bodenobertiäche zur Wendenzeit, UIK die gegenwärtige. 

Gräbt man bei a in den Boden, so findet man, unter einer verhältnissmässig 
flachen modernen Schicht, die Oberfläche der wendischen Cultur im Trocknen, bei 
b dagegen bereits tiefer und unter Grundwasser, und bei c dasselbe in höherem 
Maasse. Die Schwierigkeiten der Ausgrabung nehmen mit der Wassertiefe so 
schnell zu, dass man mit gewöhnlichen Geräthen und Arbeitskräften häufig kaum 
bis auf die alte Oberfläche vorzudringen im Stande ist. 

Ich gehe nun dazu über, die an Ort und Stelle vorhandenen und aufgefun- 
denen üeberreste der wendischen Cultur aufzuzählen und einige Fundstücke vor- 



(90) 

zulegen. Zunächst die mehrfach erwähnte und in den Grenzprotocollen von Erasmus 
Behm 1556 und Tilemann Stella 1578 beschriebene alte Landwehr, welche als 
treduppelter Graben mit Wall" von den Fürstenwerder'schen Seen durch eine 
Kette von Brüchen nach dem Krewitz-See geführt war, sich zwischen Meilen- und 
Carwitz-See, dann zwischen Dreez- und Crüselin-See fortsetzte, und deren weitere 
Fortsetzung zwischen Godeudorfer und Drewen-See ich in einem früheren Berichte 
(1884) nachgewiesen habe. Es dürfte kaum noch einem Zweifel begegnen, dass 
diese alte Landwehr die Grenze des Gaus der Redarier gebildet hat, und zwar 
wahrscheinlich bis zum Krewitz-See mit den Dkrern, von da an mit den Re- 
zenen. 

Der hervorragende Punkt in dieser alten ümwallung ist das eiserne Thor, 
zwischen Meilen- und Carwitz-See (bei 1), Isenporte in den Urkunden oft genannt. 
Dasselbe stellte sehr wahrscheinlich einen Haupteingang, und zwar jedenfalls einen 
stark befestigten, in den Redarier-Gau dar, umfasste aber auch den wichtigen 
hydrographischen Schlüssel der Landschaft, die Abflussschleuse des Seen-Complexes. 
Noch in den genannten Urkunden des XVL Jahrhunderts ist bemerkt, dass hier 
der Graben dreidoppelt und wohl 2 Ruthen tief war, und ein Weg darüber führte. 
Die Stelle heisst noch heute „Iser Purt". 

Hieran schliessen sich die Brücken im Carwitzer See, welche von einer Insel 
zur anderen über denselben führten, über welche mehrmals berichtet ist (3, 4, 5, 
6 im Plan). Auf den Inseln und Halbinseln des Carwitzer Sees, sowie an den 
Ufern desselben, des Lucin und Dreez, finden sich überall Ueberreste der wendi- 
schen Zeit. Von den von mir gefundenen Sachen erlaube ich mir vorzulegen: 
mehrere Tafeln mit zum Theil reich ornamentirten Gefässscherben, ein in den 
Verh. Jahrgang 1882 besprochenes kleines Feuerstein-Instrument, mehrere Spinn- 
wirtel, ein eisernes Beil, Messer u. s. w. 

Auf der Karte sind diejenigen Flächen, wo bis jetzt wendische Reste gefunden 
worden sind, schraffirt dargestellt. Die Ausgrabung derselben lässt sich, soweit sie 
nicht unter Wasser liegen, bei Carwitz verhältnissmässig leicht bewirken, weil die 
wendische Schicht hier nur an wenigen Stellen von einer späteren Culturschicht 
überlagert ist, dagegen findet man an manchen Punkten, unterhalb der wendischen 
Scherben, solche aus vorwendischer Zeit, von welchen auch einige auf den Ta- 
feln zu sehen sind; dieselben sind von dem wendischen Fabrikat leicht zu unter- 
scheiden. Von den üeberresten der wendischen Cultur in Feldberg selbst habe 
ich bereits die Uferbefestigung in dem Durchstich zwischen Haussee und Lucin bei 
D (fehlt auf dem Plan) erwähnt. Auf der Halbinsel Feldberg stösst man vielfach 
auf Reste von Bauten aus Eichenholz, und zwar regelmässig da, wo der Culturboden 
der alten Zeit unter dem jetzigen Wasserstande liegt, das Holz sich also hat er- 
halten können. 

Auf dem Specialplan S. 91 ist die Halbinsel Feldberg in ihrer jetzigen Gestalt 
mit der gegenwärtigen Bebauung, sowie, punktirt, diejenige Umrissform dargestellt, 
welche von der früheren Oberfläche über den jetzigen Wasserstand hervortreten 
würde, wenn man sich die durch den Culturschutt der späteren Jahrhunderte allmäh- 
lich gebildete Verlandung, wie ich dieselbe durch meine Aufgrabungen ermittelt 
habe, fortgenommen denkt. Die Insel Feldberg würde hiernach aus 2, durch eine 
schmale Landenge (bei T-') verbundenen grösseren Theilen und einem, eine kleine 
Insel bildenden, dritten Theil bestehen. Könnte man nun auch den Wasserspiegel 
auf seine Höhe zur Wendenzeit zurücksenken, so würde namentlich die östlich von 
r* gelegene Insel an Oberfläche wieder gewinnen und vielleicht mit dem Haupt- 
theil nahezu wieder zusammenstossen, so dass eine eigenthümliche Dreigestaltung 
der Insel Feldberg noch mehr hervortreten würde. 



Ausser dem in 
meinem vorjähri- 
gen Berichte ge- 
nannten Funde von 
Holzbauten habe 
ich gefunden: Auf 
der Atutsinsel (d 8) 
in 1,8 7» Tiefe im 
Boden und 0,4 iii 
unter Wasser zwei 
rechtwinklig über- 
einander liegende 
behaiiene eichene 
Balken. Bei 2,8 w 
Tiefe unter Terrain 
und 1,4 m Tiefe im 
Grundwasser habe 
ich hier die alte 
Bodenoberfläche 
nicht erreicht. Fer- 
ner einen Holzbau, 
aus vier eichenen 
Pfählen und zwei 
wagerechten eiche- 
nen Balken beste- 
hend, am einstigen 
Ufer der Haupt- 
insel beim jetzigen 
Weidendamm in 
öS, 1,4 munter Ter- 
rain-Oberfläche, 
anscheinend eine 

Uferbefestigung 
oder Theile der 
früheren Brücke. 
Ferner fünf wei- 
tere Pfühle der 
Brücke von der 
Hauptinsel nach der 
Amtsinsel (Amts- 
hof) in c 8, so dass 
diese Brücke durch 
sieben Pfähle jetzt 
vollständig consta- 
tirtist. Die Pfähle 
bestehen aus Ei- 
chenholz, sind 20 
bis 25 cm stark, 
vierkantigbehauen, 
und stehen in nur 




(92) 

1 3 m Abstand einander gegenüber. An einer Stelle fand ich noch einen Längs- 
holm in verschobener Lage. Die Brücke war also fest gebaut, jedoch nur schmal, 
kann nicht für Fuhrwerk, kaum für Reiter gedient haben, wurde daher wahrscheinlich 
nur für Fussgänger benutzt. Die Brückenpfähle waren zunächst durch einen Längs- 
holm an jeder Seite verbunden, auf welchen erst die Querverbindung stattfand. An 
einer Stelle steckte neben dem Hauptpfahl ein kleinerer Pfahl im Morast, von dem 
die Spitze erhalten war. Diese habe ich herausgenommen und lege sie hier vor. 
Sonst sind alle Pfähle und Holzbalken in ihren Stellen verblieben, ich habe die- 
selben nur geometrisch festgelegt, so dass ich sie zu jeder Zeit wieder auffinden 
und an Ort und Stelle vorzeigen kann. Auf der Karte sind die Stellen, wo Eichen- 
holz und Pfähle vorhanden sind, mit E bezeichnet, die Fundstellen von Topf- 
scherben und anderen Stücken mit S. 

Von den kleineren Fundstücken auf der Halbinsel Feldberg lege ich vor: 
mehrere Tafeln mit ornamentirten Gefässscherbeu, Eiseusachen, Messer, Pfeilspitze, 
einen Kamm aus Knochen, ein Gefäss mit Wellenverzierung, in Bruchstücken, aber 
ziemlich vollständig, den unteren Theil eines Gefässes, ein kleines Gefäss, eine An- 
zahl geschlagener Feuersteine, an einer und derselben Stelle auf der Amtsinsel ge- 
funden einen Spinnwirtel, einen eigenthümlichen Stechschlüssel aus bronzeartigem 
Metall, auf der einen Seite gezeichnet, anscheinend durch den Gebrauch verbogen. 
An Masse und Ornamentirung der Scherben werden Sie die vollständige Ueber- 
einstimmung derselben mit den Carwitzer bemerken. Es sind jedoch auch Scherben 
von jener blaugrauen Masse dabei, welche jedenfalls schon der nachwendischen, 
christlichen Zeit angehören. Ich bemerke aber, dass ich alle Zwischenstufen 
zwischen diesen und den groben, älteren, wendischen Gefässscherbeu, vorlegen kann, 
so dass es schwer sein dürfte, zu bestimmen, wo die christliche Zeit anfängt und 
das Wendenthum aufhört. 

Ich habe ferner noch Fundstücke von dem auch bereits bekannten Schlossberg- 
Burgwall vorzulegen: wieder mehrere Tafeln mit ornamentirten Gefässscherben, 
deren üebereinstimmung mit den Feldberger und Carwitzer in die Augen springt 
und die Zusammengehörigkeit dieser Culturstätten darthut, ferner Knochenpfrieme, 
bearbeitete Feuersteine und einen schön verzierten grossen Hornkamm. 

An dem Schlossberg-Burgwall ist die Lage auffallend und bemerkenswerth: die- 
selbe ist in einem gewissen Abstände vom Haussee, jedoch so gewählt, dass der 
Burgwall den Zugang zu Feldberg von Norden beherrscht. Hierbei muss 
erwähnt werden, dass die üferbildungen des Haussees für befestigte wendische 
Ansiedelungen vielfach besonders geeignete Punkte darbieten, dass aber auffallender 
Weise hier nirgends Spuren davon zu finden sind, ausser auf der Insel 
Feldberg selbst. Nach der Karte von Tilemann Stella von 1578 ist damals noch 
fast rund um den Haussee herum Wald vorhanden gewesen. 

Endlich muss ich noch eine Anlage hier wieder erwähnen, die in ähnlicher 
Beziehung zu Feldberg gestanden haben mag, wie der Schlossberg. Das ist der 
sogenannte „ Hünenkirchhof " im Hullerbusch, eine ümwalluug, welche so liegt, dass 
man von ihr aus sowohl die ßrückenstrasse von Carwitz überblicken, als auch nach 
Feldberg hineinsehen kann, und ausserdem so, dass sie den über den Hullerbusch 
und Carwitz möglichen Zugang nach Feldberg, ganz so, wie der Schlossberg 
die Strasse von Norden her, beherrscht. Es ist kaum anzunehmen, dass die 
Lage dieser ßurgwälle eine zufällige und planlose sein sollte, vielmehr ist ersicht- 
lich, dass sie Glieder einer geordneten, die Einheit eines Gemeinwesens 
verrathenden Besiedelungssystems sind, welches sich hier an den Ufern der 
Seen ausbreitete. 



(93) 

Innerhalb dieser alten Umwallung habe ich bis jetzt noch nichts finden können, 
dagegen habe ich in dieser selbst die Fundamente einer auf eigeuthiimlichc Weise 
hergestellten, etwa 1 m starken Mauerung gefunden. Der die Fugen der Feldsteine 
ausfüllende Mörtel besteht nehmlich, allem vVnscheiue nach, aus einem Gemisch von 
Lehm, Kalk, Asche und Kohlenpartikeln und bildet gewissermaassen einen auf 
rohe "Weise zubereiteten Cement, besitzt auch eine nicht unerhebliche Festigkeit. 
Augenscheinlich hat man zum Bau der Mauer Lehm und K*lk mit Holz abwech- 
selnd geschichtet, die ganze Packung heruntergebrannt, dann die Steine^ auf die 
gebrannte Masse gesetzt und die Fugen derselben, vielleicht unter Zugabe von 
Wasser, damit ausgefüllt. Die Art der Herstellung dieses Mauerwerks würde wohl 
seine Zugehörigkeit zur Wendenzeit bestätigeu. 

Ich habe vor einigen Jahren die Vermuthung ausgesprochen, dass in dieser 
Landschaft das vielgesuchte Rethra gefunden werden könnte, und zwar das Heilig- 
thum auf den Carwitzer Inseln, Die damalige Besichtigung und Prüfung der Oert- 
lichkeit durch Mitglieder der anthropologischen Gesellschaft und die weiteren 
Nachforschungen haben meiner Vermuthung eine andere und, wie ich glaube, besser 
begründete Richtung gegeben. 

Gestatten Sie mir, zu zeigen, wie die Ortsangaben der beiden bekannten Chit)- 
nisten, Thietmar von Merseburg und Adam von Bremen, auf die vorliegende 
Oertlichkeit angewendet werden können, ohne dass man nöthig hat, das Eine oder 
das Andere ihrer anscheinend zwar unvollständigen und nicht nach eigener Wahr- 
nehmung, jedenfalls aber doch sorgfältig und gewissenhaft gemachten Angaben aus- 
zuschliessen oder in Zweifel zu ziehen, und wie die zwischen beiden scheinbar 
vorhandenen Widersprüche sich dabei lösen. Thietmar sagt: es ist eine „urbs 
quaedam", eine Art urbs im Gau Riederierun, Riedegost mit Namen (Amtsbezirk 
Feldberg), die von einem heiligen Hain umgeben ist (derselbe würde rings um den 
Feldberger Haussee zu denken sein); dieselbe ist „tricoruis", dreihörnig und 
enthielt „in se continens" drei Thore, je eines für jedes cornu. Tricornis darf 
meines Erachtens nur mit dreihörnig übersetzt werden und setzt die Lage im 
Wasser voraus. Hörn ist ein Landvorsprung im Wasser. Es ist ein amtlicher 
Bericht des herzoglichen Raths Tileman Stella vom Jahre 1578 vorhanden, der 
eine Beschreibung des Carwitzer Sees enthält; in demselben heisst es: „der See 
hat hin und wieder Hörn er. Krümmen, Kanten und Winkel u. s. w." Der Aus- 
druck war damals mithin schriftgemäss; er wird noch heute gebraucht, ich erinnere 
nur au „Schildhorn". Eine urbs tricornis bedeutet daher: eine im Wasser liegende, 
aus drei Landvorsprüngen bestehende, wie die Amtsinsel Feldberg früher gewesen). 
Es heisst bei Thietmar weiter: Zwei Thore (T' und T- im Plan) waren allen 
Besuchern geöffnet, das dritte (T^), kleinste, welches nach Osten gerichtet war 
(nach dem Amtshof Feldberg), durfte nur von den Opfernden betreten werden, 
und zeigte auf einen Pfad am See und auf einen gar furchtbaren Anblick (Thiet- 
mar setzt also die Lage im W^asser voraus). 

Adam von Bremen berichtet von der weltbekannten civitas Rethre (pagus 
Riederierun bei Thietmar?. das ganze besiedelte Seenthal vom eisernen Thor 
bis Feldberg) im Lande der Redarier, Sitz des Götzendienstes. Dort ist für die 
Götter, deren Haupt Redigast war, ein templum aufgerichtet (Amtshof Feldberg); 
eine hölzerne Brücke führt hinüber, über welche nur den Bescheid Suchenden 
der Zutritt gestattet ist (wie bei Thietmar; es ist auch zu bemerken, dass bei 
beiden Chronisten der Name Riedegost, bezw. Redigast mit derselben örtlichen 
Stelle verknüpft erscheinen würde). Die „civitas" selbst, sagt Adam weiter, ist 
undique lacu profundo inclusa, allenthalben von einem tiefen See umfasst (den 



(94) 

vollen Eindruck hiervon wird man haben, wenn man den Weg vom eisernen Thor 
nach Feldberg zurücklegt), hat 9 Thore (hintereinander liegend zu denken, vom 
eisernen Thor bis nach dem Amtshof Feldberg), neunfach umschliesst die Styx die, 
welche den Götzen dienen, also das templum. (Hierzu ist zu bemerken, dass vom 
eisernen Thor bis nach dem Amtshof Feldberg 8 Uebergänge über Wasserarme 
mittelst Brücken thatsächlich festgestellt sind, nehmlich bei den Punkten 1 und 
3—9 des Plans. Der neunte üebergang wird sich bei Punkt 2, dem Conower 
Ziegeuberg, finden, derselbe bildet noch heute bei hohem Wasserstande eine Insel. 
Da er landwirthschaftlich zu Conow gehört, ist der früher trennende Wasserarm 
wahrscheinlich verschüttet. Mehr als 9 Wasserübergänge sind nicht möglich. 

Wenn meine Vermuthung eine begründete ist, so wird ein entscheidender 
Fund in der urbs Riedegost, an dem Ort des templum des Redigast, dem heutigen 
Amtshof Feldberg, gemacht werden müssen. — 

Hr. Virchow: Die beiden Hauptstellen bei Thietmar und Adam von Bremen 
sind seiner Zeit von Hrn. Alfred G. Meyer (Verhandl. 1881. S. 270) ausführlich 
besprochen worden. Dabei ist auch der Gebrauch der Bezeichnung urbs (bei 
T^hietmar) und civitas (bei Adam) dargelegt (ebendas. 8. 273) und die Möglich- 
keit zugestanden worden, dass urbs die Stadt, civitas den Gau bedeutet habe. 
Wie es scheint, legt Herr Oesten diese Unterscheidung seiner Auslegung zu 
Grunde. — 

Hr. Oesten bestätigt dies. — 

Hr. Virchow: Ich habe erst neulich (Verh. 1886. S. 569) bei Gelegenheit der 
Besprechung von Nicmitsch eine päpstliche Urkunde von 1205 erwähnt, in welcher 
von Givitates Niempze und Cprewe „offenbar in dem Sinne von Landschaftea oder 
Gauen (Burgwarden)" die Rede ist. Die Möglichkeit, dass in diesem Sinne auch 
von einer Civitas Rethre gesprochen werden konnte, dürfte damit dargethan sein. 
Es fragt sich nur, ob an der betreffenden Stelle bei Adam nicht besondere Gründe 
gegen eine solche Annahme sprechen, und dies scheint mir der Fall zu sein. Denn 
es heisst: Civitas ipsa novem portas habet, undique lacu profundo inclusa, pons lig- 
neus transitum praebet etc. Hier ist offenbar nur von einem See die Rede, in 
welchem die Civitas ipsa gelegen ist. Dies passt auf die Landschaft oder den 
Gau nicht. Wenn man die Autorität Adam's anerkennt, so wird man also auch 
Civitas im Sinne von Urbs, wie Thietmar sagt, nehmen müssen; dem widerstreitet 
auch die Annahme, dass Feldberg als Rethra zu deuten sei, nicht. 



Ausserordentliche Sitzung vom 22. -Januar 1887. 
Vorsitzender Hr. Virchow. 

(1) Der Ausschuss hat Hrn. Kon er zum Obmann erwählt, 

(2) Hr. Grempler meldet in einem Schreiben vom 22. Januar, dass am Tage 
zuvor der Custos des Breshiuer Museums, Dr. Luchs begraben worden ist. Der- 
selbe habe seit 2 Jahren gekränkelt und sei schliesslich an Nierenschrumpfung mit 
Hypertrophie des linken Herzventrikls gestorben. 

Der Vorsitzende giebt dem Schmerze um den Verlust des hochverdienten 
Mannes Ausdruck, dem die Provinz Schlesien und die archäologische Wissenschaft 
die Herstellung des schönen Alterthums-Museums in Breslau und eine grosse Reihe 
vortrefifl icher Localforscungen verdankt. 

(3) Der Hr. Cultusminister übersendet unter dem 21. Januar eine Abschrift 
einer von ihm, in Geraeinschaft mit dem Minister des Innern, an sämmtliche Ober- 
präsidenten erlassenen Verfügung vom 30. December 1886, betreffeud 

die unbefugten Aufgrabungen vorgeschichtlicher Alterthümer und die Verschleppung der Funde. 

Die unbefugten Aufgrabungen der Ueberreste der Vorzeit — Stein- und Erd- 
monumente, Gräberfelder, Reihengräber, Urnenfriedhöfe, Wendenkirchhöfe, Stein- 
häuser, Hünengräber, Hünen- oder Riesenbetten, Ansiedlungsplätze, Ringwälle, Land- 
wehren, Schanzen, Mauerreste, Pfahlbauten, Bohlbrücken u. s. w. aus römischer, 
heidnisch -germanischer oder unbestimmbar vorgeschichtlicher Zeit, — sowie die 
Verschleppung der dabei gewonnenen Fundstücke haben neuerdings in verschiedenen 
Provinzen des Staates einen umfang angenommen, welchem die Staatsbehörden im 
allgemeinen Interesse entgegenzutreten haben werden. Nachdem ich, der Minister 
der geistlichen pp. Angelegenheiten, bereits durch meinen Erlass vom 12. Juli 188G 
ü. IV 2224 n. Ew. Excellenz Fürsorge für diesen Gegenstand im Allgemeinen in 
Anspruch genommen habe, und durch die in Gemeinschaft mit dem Hrn. Minister 
für Landwirthschaft, Domänen und Forsten erlassene Verfügung vom 15. Januar 
1886 U. IV Nr. 121 M. d. g. A. Nr. 753 M. f. L. D. u. F. Il/lII. die Ausgrabungen 
auf fiskalischem Terrain der Domänen- und Forstverwaltung von der Genehmigung 
der Centralstellen abhängig gemacht worden sind, bestimmen wir nunmehr in 
Ansehung der Liegenschaften der städtischen und ländlichen Gemein - 
den im ganzen Staatsgebiete, dass in allen Fällen vor Beginn derartiger Aus- 
grabungen, bezw. vor Ertheilung der erforderlichen Genehmigung der Aufsichts- 
behörde unter Darlegung der obwaltenden Umstände an uns Bericht zu erstatten 
ist. Nachdem unsererseits dem Conservator der Kunstdenkmäler Gelegenheit zur 
etwaigen Einwirkung auf die einzelnen Fälle gegeben worden ist, und, so weit als 
nöthig, die sachverständige Leitung der bezüglichen Arbeiten, sowie die Sicherung 
der etwaigen Fundstücke vorgesehen ist, werden wir — eventuell unter Aufstellung 



(96) 

der der Sachlage entsprechenden Bedingungen — die Vornahme der Ausgrabungen 
genehmigen. 

Es unterliegt keinem Zweifel, dass die Eingangs beregten Denkmäler der Vor- 
zeit als Sachen von besonderem historischen und wissenschaftlichen Werthe an- 
zusprechen sind, zu deren Veräusserung oder wesentlichen Veränderung, insbesondere 
AufgrabuDg, ßloslegung, Zerstörung ihres äusseren Ansehens, gänzlichen oder theil- 
weisen Entfernung ihres Inhalts — es sei durch die Gemeinde selbst, oder mit 
ihrer Erlaubniss durch Dritte — ein Gemeindebeschluss und die Genehmigung des- 
selben durch die vorgesetzte Aufsichtsinstauz erforderlich ist. 

Vergl. §§ IG und 30 Zuständigkeitsgesetz vom 1. August 1883 für die 
Kreisordnungs- Provinzen, § 50 Nr. 2 der Städteordnung vom 30. Mai 1853 
für die sechs östlichen Provinzen, § 49 Nr. 2 bezw. § 53 Nr. 2 der Städte- 
ordnung vom 19. März 185G und der Landgeraeindeordnung vom 19. März 
1886 für Westfalen, § 4G Nr. 2 bezw. § 96 der Städteordnung vom 15. Mai 
1856 und der Landgemeindeordnung vom 23. Juli 1845 für die Rhein- 
provinz, § 71 Nr. 2 Gesetz vom 14. April 1869, betreffend die Verfassung 
und Verwaltung der Städte und Flecken der Provinz Schleswig-Holstein, 
Circular-Erlass vom 5. Nov. 1854. Min. ßl. d. inn. Verw. p. 1855 S. 2. 
Dies trifft zunächst, und ohne Rücksicht auf ihren Inhalt, alle sich äusserlich 
als Werke von Menschenhand kenntlich machenden Stein- und Erdmonumente un- 
bestimmten Alters (frühgescbichtliche und vorgeschichtliche unbewegliche Denk- 
mäler), speciell die heidnischen Grabstätten, als Reihengräber, Hünengräber, Riesen- 
betten, einzelne Tumuli, Ansiedlungsplätze pp., wobei zu beachten ist, dass nicht 
selten schon die äussere Lage und Anordnung der Grab- und anderen Denkmäler, 
auch abgesehen von ihrem Inhalt und ihrer inneren Anordnung, für die Erkennt- 
niss der besonderen Culturrichtung eines untergegangenen Volks oder Volksstammes 
von Wichtigkeit ist. 

Es ist nothwendig, dass die Königlichen Regierungen sich durch die von ihnen 
in Anspruch zu nehmende freie Thätigkeit der Localinstanzen, die Königlichen 
Landräthe, Localbaubeamten und Kreisschulinspectoren, die Amtsvorstände, die 
Geistlichen und Lehrer, oder durch andere geeignete und ortskundige Vertrauens- 
männer, welche ihnen die überall bestehenden wissenschaftlichen Vereine für die 
Alterthumskunde an die Hand geben können, alluiählich eine üebersicht über das 
Vorhandensein und den Zustand der frühgeschichtlichen und vorgeschichtlichen 
Stein- und Erddenkmäler ihres Bezirks verschaffen, die bedeutenderen zutreffenden 
Falls in die Lagerbücher der Gemeinden aufnehmen lassen und Alles vorbereiten, 
was die demnächstige Festlegung derselben in den vorhandenen Kreis- und Bezirks- 
karten grösseren Maassstabs, worüber s. Z. besondere Bestimmungen vorbehalten 
bleiben, ermöglicht. 

Aber auch die nicht zu Tage liegenden Grabstätten pp., die etwa bei absicht- 
licher oder zufälliger Aufgrabung des Grund und Bodens gefunden werden, charak- 
terisiren sich in dem Augenblicke als Gegenstände von besonderem historischen 
und wissenschaftlichen Werthe, wo sie aufgedeckt werden, dergestalt, dass jede 
eigenmächtige Zerstörung, Veräusserung oder Veränderung ihrer Gesamratanordnung 
oder ihres Inhalts (Urnen und Thongefässe, Steine, Waffen und Geräthe aus Stein 
oder Metall, Münzen, Gegenstände von Glas, Bernstein und anderen Stoffen pp.) 
oder gar Entfremdung der letzteren unterbleiben muss. 

Die Kommunalbehörden werden dafür verantwortlich gemacht werden können, 
dass in solchen Fällen sogleich der weiteren ßloslegung Einhalt gethan, die Anlage 
und deren Inhalt in jeder möglichen Weise gegen Veräusserung oder Entfremdung 
geschützt und thunlichst bald an die Aufsichtsbehörde berichtet wird. In den 



(97) 

Contracten mit Bau- und anderen Unternehmern kann das Erforderliche vorgesehen 
werden. 

Befinden sich Gegenstände der vorgedachten Art, wie Urnen, Waffen pp. und 
andere frühgeschichtliche oder vorgeschichtliche bewegliche Denkmäler, es sei von 
früheren Ausgrabungen her oder aus anderen Erwerbsquellen, im Besitze von 
Gemeinden, so unterliegen auch diese dem obgedachten Veräusserungs- und Ver- 
änderungsverbote, von welchem nur die Aufsichtsbehörde nacfef- vorgängiger Zustim- 
mung der Centralinstanzen dispensiren kann. 

Ew. Excellenz ersuchen wir ergebenst, die ihnen unterstellten Verwaltungs- 
organe, so weit dieselben für diese Angelegenheit in Betracht kommen, gefälligst 
mit entsprechender Anweisung zur practischen Geltendmachung der entwickelten 
Gesichtspunkte zu versehen und mit den Proviuzial -Verwaltungen wegen analoger 
Anweisung an die communalständischen Beamten gefälligst in Verbindung zu treten. 
Der Minister der geistlichen, Unterrichts- und Der Minister des Innern 

Medicinal-Angelegeuheiten In Vertretung: 

V. Gossler. Herrfurth. 

(4) Die erste Nummer des Journals der neuen anthropologischen Gesell- 
schaft zu Bombay (The Journal of the Anthropological Society of Bombay. 1886) 
ist eingetroffen. Dasselbe enthält, ausser Aufsätzen über indische religiöse Gebräuche, 
eine Note über das Einbalsamiren im alten Indien, eine Abhandlung über die Ghosis 
oder Gaddi Gaolis im Deccan und endlich einen Bericht über den haarigen 
Mann vonBirma (dritte Generation), der demnächst eine Reise nach Europa 
antreten sollte. 

(5) Hr. R. Forrer juu. in Zürich übersendet einen Beitrag zu den Diskussionen 

über die 

räthselhaften grossen, gebogenen Bronzenadeln mit Schlussring. 

„Hr. Olshausen fragt nach der Altersbestimmung dieser Geräthc und führt 

an, dass mit dem Hohenhöwener Exemplar zusammen 2 Lanzenspitzen und eine 

Fibel (Bronze) gefunden worden seien. Dieser Fund wäre somit der Bronzezeit 

zuzuweisen, und damit stimmt bestätigend das archäologische Material überein, mit 

dem man die fraglichen Bronzenadeln im Zürichsee zusammen gefunden hat. Alle 

jene Zürichsee-Nadeln fraglicher Form zeigen die schöne Bronzefarbe, wie sie die 

Beile, Haarnadeln, Messer u. s. w. unserer Bronzepfahlbauten in genau gleicher 

Weise vorführen, — im Unterschied zu den Bronzen der Teuezeit, die durchweg in 

einer helleren Farbe erscheinen i). Der Pfahlbau „Grosser Hafner", der ein, mit 

dem Hohenhöwener Stück vollständig übereinstimmendes Geräthe geliefert hat, 

zeigt, neben Stein und Kupfer, die Bronzecultur in ihrer Blüthe. Als jenes 

Stück im Jahre 1883 gefunden wurde, habe ich keinen Augenblick gezögert, es 

für letztere Epoche in Anspruch zu nehmen. Dies bestätigen wiederum die etwa 

8, mir vom „Haumesser" bei Wollishofen bekannten ähnlichen Stücke •'). Jener 

Pfahlbau gehört wiederum in die Zeit der Bronze und ist unzweifelhaft eine 

der reichsten und interessantesten Bronzestationen der Schweiz. Wir dürften somit 

nicht fehl gehen, wenn wir die fraglichen Nadeln dem ausgebildeten Bronzealter 

zuweisen. 



1) Vgl. „Antiqua" 1886 S. 15. 

2) Vgl. „Antiqua" 1886 S. 31 und Taf. VIT Fig. 3, ferner J. Heierli, Der Pfahlbau 
Wollishofen'' (Mittheil. d. ant. Ges.) und Dr. v. Rau, Juliheft dieser Verhandl. 

Verhandl. der Berl. Anthropol. Gesellschaft 18S7. 7 



(98) 

Wenn Hr. Dr. v. Rau indessen einen italischen Ursprung für diese Stücke in 
Anspruch nehmen möchte, so bedauere ich, dem widersprechen, vielmehr für einen 
einheimischen Ursprung eintreten zu müssen. Die bei diesen Nadeln zum 
Ausdruck gekommene Technik passt vollständig zu derjenigen unserer Pfahlbauten, 
und wenn wir bedenken, dass diese Objecte in ihrer Mehrzahl bisher nur hier, in 
unseren Pfahlbauten gefunden worden sind, Italien dagegen unseres Wissens ohne 
genügende Parallelen dasteht, so kann der einheimische Ursprung wohl kaum be- 
zweifelt werden. — 

Was die Verwendung, bezw. den Zweck dieser Nadeln anbetrifft, so wird 
hier vorläufig Alles nur unsichere Vermuthung bleiben. Als das „Gross-Hafner- 
Stück" zum Vorschein kam, dachte ich, wie betont, anfangs an eine Waffe, später 
aber an eine grosse Schmucknadel, bezw. Gewandnadel. Im Letten bei Zürich, in Hall- 
statt u. a, Ü. hat man ebenfalls grosse und unverhältnissmässig schwere Nadeln in 
mehreren Exemplaren gefunden, und man wird nicht umhin können, sie als Geräthe 
zu deuten, die zum Zusammenhalten der Kleider getragen worden sind. (Einer unserer 
Freunde meinte einst scherzhaft, sie möchten vielleicht verlassenen Pfahlbau-Schönen 
als Werkzeug der Gerechtigkeit gegen ihre untreuen Geliebten gedient haben.) 
Ob aber die fraglichen Bronzegeräthe zu Nadeln im Sinne der „Säbelnadeln" 
gedient haben, muss ich dahingestellt sein und anderen zu entscheiden überlassen. 
Beiläufig gesagt, trägt eines der im Besitze der Züricher antiquarischen Gesell- 
schaft befindlichen Stücke in dem grossen Schlussring zwei kleine Bronzeringel. 

(6) Hr. M. Müschner hält einen Vortrag über 

das Spreewaldhaus ^). 

Das Niederwendische, so weit ich es kenne, zerfällt in 3 Dialecte. Am 
rechten Spreeufer, nördlich von Peitz, in der Gegend Fehrow-Tauer, wird das 1 
ohne Ausnahme scharf ausgesprochen. „Ja som zelala" (ich habe gearbeitet), sagt 
das Mädchen aus Fehrow. — Die eigentlich spreewäldische Mundart findet sich 
am linken Spreeufer und südlich von Peitz am rechten. Hier wird das in slavischen 
Schriften durchstrichene 1 (1) wie u, wie das englische w ausgesprochen. „Ja som 
zelala", sagt das Mädchen aus Burg. — Die dritte Mundart findet man in der Rich- 
tung Peitz -Forste. Dort wird das r hinter k und p als r prononcirt, während es 
in den beiden erstgenannten Districten wie seh lautet. „Kromicu kraj a prosareju 
daj" (^Brot schneide und Bettler gieb"), sagen die Gross -Lieskower; der Spree- 
wälder hingegen: „Kromicu kraj a prosareju daj" (spr. Kschomizu kschaj a pschossa- 
reju daj). Es dürften hiernach die heutigen Wenden Ueberreste verschiedener 
Stämme sein. 

So zerrissen die Wenden indess nach ihrer sprachlichen Seite zu sein scheinen, 
um so mehr üebereinstimmung scheint mir in der Auswahl des Terrains zur Anlage 
ihrer Dörfer zu herrschen, um so einheitlicher kommen sie mir in der Anlage des 
Hofes vor, um so mehr Uniformität findet man sammt und sonders in ihren Wohn- 
stuben. 

Bei der Anlage der Dörfer, deren Namen eine treffende Bezeichnung der 



1) Die Ueberschrift ist nicht ganz zutreffend und müsste etwa „der wendische Bauerhof" 
lauten. Sie ist indessen gewählt worden, da der Aufsatz ein Pendant zu demjenigen von 
W. von Schulenburg in der Zeitschrift für Ethnologie 1886 S. 123 ff. sein soll, und da 
spreewäidisch mit wendisch gar oft identificirt wird, ob mit Recht, will ich dahingestellt sein 
lassen. 



(99) 




<7 ufnno- 




a. 


-01Z- 

c. 


n<3.. 


ä 


a. 




j)arc/r.an. 



jDiot 



Dorfstrasse,' droga. 



Orts- Individualität sind, scheint in erster Linie auf deren Lage zum Wasser geachtet 
worden zu sein. Fast überall finden wir hinter den Gärten den Abzugsgraben, 
das bleibende Andenken an die ehemalige Niederung, die das, aus Hof und Garten 
abfliesseude Wasser aufnahm. Liegt ein Ort an einem fliessenden Wasser, so finden 
wir dasselbe im Allgemeinen erst hinter den Gärten. Diese ehemalige Niederung 
hinter den Gärten hat verschiedene Namen, die aber im Grossen und Ganzen so 
ziemlich dasselbe besagen. Sie heisst z. B. les (Hain), blota, blosco (Hain?)'), klin 
(Keil, Pfahl), wolse (Erlenbusch), brjazki (Birkenhain), zagumnami (hinter den 
Gärten) u, s. w. Besonders die Namen bJota, blosco und klin scheinen darauf hin- 
zudeuten, dass sich dort eine Art Holzschutz gegen das Eindringen des Wassers 
in das Dorf befunden haben mag. 

Ein wenig höher, womöglich von dem les aus allmählich aufsteigend, liegt 
der Garten (gumno), in dem fast durchgängig die Scheune (broziia) und der Back- 
ofen (pjac) zu finden sind. Diese beiden gehören also nicht zum dwor (Hof). Nach 
meinem Dafürhalten sehen wir in diesem wendischen gumno das bekannte Jumne. 
Der Local von gumno heisst gumiie, und in alten Urkunden finden wir gar oft die 



1) Der Spreewald heisst wend. blota; Sumpf = blota im polnischen u. s. w. 



(100) 

'wendisch klingenden Ortsnamen in diesem Casus'). Nun könnte dagegen der 
Einwand gemacht werden: Wie kommt das j an die Stelle des g? Darauf möchte 
ich erwidern, dass diese beiden Laute ihre Rollen nicht selten vertauschen, dass 
es im Lüneburgisch- sowohl, wie im Meklenburgisch -Wendischen eine ziemliche An- 
zahl von Wörtern giebt, die da ein tj haben, wo das heutige Wendisch ein k, bezw. 
g hat, z. B. lüneburgisch: weitje — wiki (Marktplatz [Stadt]), tjäupal — kupil 
(kaufte), tjöhlu — kolaso (Rad), stjoht — skot (Vieh), djuhl — gola (Wald), wildje 
auch wileje — welgi (sehr), wiltja — welika (gross); meklenburgisch: tjerita — köryto 
(Krippe), tjorda — twarda (hart), sjot — swet (Welt) u. s. w. Leider habe ich eine 
Vocabel für Garten im Altwendischen bis jetzt noch nicht gefunden, aber angesichts 
der genannten Wahrnehmungen und in Anbetracht des Umstandes, dass das heu- 
tige Niederwendische sich mit jenem Altwendischen ziemlich nahe berührt, fühle 
ich mich in der Annahme bestärkt: Jumne bedeute „Garten", event. „im Garten". 
In dem District Lieskow-Weissagk bei Cottbus heisst der Garten guwno, und 
bekanntlich steht Guben in alten Urkunden so ähnlich verzeichnet. 

Jumneta ist eine Form von Jumne und würde etwa so viel besagen als „ein 
gartenähnliches Land" oder „ein viele Gärten enthaltender Landstrich". Wir 
könnten im heutigen Wendischen analog dieser Form sagen „gumnate"; ich habe 
indessen diese Form, die durchaus nicht sprachwidrig ist, — ich erinnere nur an 
gownate, — nie gehört, sondern statt dessen das etwas längere gumnowate. 

Dass Jumne auch Julin genannt wird, dass diese Insel also zwei verschie- 
dene Namen hat, ist keine vereinzelte Erscheinung, z. B. heisst Branitz bei Cottbus 
auch Rogenc, Horno bei Spremberg auch Lesce, Julin ist das wendische go- 
lina; denn der Wald (gola) heisst im Lüneburgischen djuhl. „Mala wa djuhl", 
sagt Parum-Schulz in seiner Chronik, d. h. mala wo goli (die [der?] Kleine ist 
im Walde). 

Die Scheune steht also im Garten. Sie ist vollständig aus Holz construirt, 
ruht auf einigen mächtigen Feldsteinen und ist mit Stroh gedeckt. Hierbei muss 
ich bemerken, dass ich mich in meinen Ausführungen nirgends auf die Abweichun- 
gen der Gegenwart beziehe, sondern mich an die noch bestehenden Gehöfte alten 
Styls halte und das Ergebniss meiner dreissigjährigen Beobachtungen etwa in die 
Zeit vor 1864 verlege. Der Name brozna (Scheune) scheint mit waten (brozis) 
zusammenzuhängen und darauf hinzudeuten, dass man, um zur Scheune zu ge- 
langen, waten musste, dass der Garten also eine niedrigere Lage hatte als der 
Hof. In den Vierteln (a) liegen quer auf den Schwellen starke Stangen an ein- 
ander gereiht, auf denen der Segen der Ernte ruht, ohne von unten feucht zu 
werden. Es bereitete Kindern keine Schwierigkeit, unter der Scheune hindurch- 
zukriechen. Die in letzter Zeit gebauten Scheunen zeigen ausnahmslos ein ge- 
mauertes Fundament. Die Tenne (c) ist genau so breit wie das Scheunenthor (b). 
Der Backofen (pjac) steht bald vor, bald hinter der Scheune, aber stets auf 
der Seite im Garten, auf der auf dem Grundstück das Wohnhaus steht. Was Hr. 
W. V. Schulenburg darüber schreibt, trifft zu. 

Nun kämen wir zu dem wendischen Bauerhof (dwör). Derselbe wird von 
2 — 4 Gebäuden gebildet, die so zu einander stehen, dass sie ein Rechteck, bezw. 
ein Quadrat, den eigentlichen Hof, einschliessen und mit der Umzäunung ein ab- 
geschlossenes Ganze bilden. Mit der Giebelseite zur Strasse stehen stets das Wohn- 



1) Der Wende hat für Wiese zwei Bezeichnungen: a) lug, loc. luze, aus dem der Name 
Lausitz (wend. luiiica) entstanden ist, und der dem deutschen Luch entspricht, und b) luka, 
loc. luce, die Wiese in eigentlichem Sinne. Usedom = luze (spr. use) dorn - Wiesenheim. 



(101) 

haus und das Stallgebäudo, und diese beiden scLeiueu auch wendischen Ursprungs 
zu sein, während das Thoihaus (toruz), wie der Name schon sagt, der deutschen 
Hofanlage entlehnt ist. Die Gebäude des einen Grundstücks berühren sich in den 
seltensten Fällen mit denen des Nachbars. Entweder der, hin und wieder zum 
Altentheil gehörige, kleine Obstgarten (gumnysko) oder der Gemüsegarten (zagrodka) 
liegt zwischen beiden. 

Der Zaun heisst plot. Eigenthümlich ist es, dass der, der 'Wohnstube gegen- 
überliegende, an der Strassengrenze stehende Zaun „parchan" ') genannt wird, wel- 
ches Wort etwa den Sinn von „Strassenkothabliulter" hat. In vielen Fällen ist 
dieser Parchan nicht aus Latten, sondern aus ziemlich hohen Brettern hergestellt. Hin 
und wieder fand man ihn bis zur Brusthöhe aus dicken Bohlen errichtet, auf denen 
die bekannten Schwertchen im Kreuzgang ein mächtiges Gesims trugen. Name 
wie Bauart also lassen darauf schliessen, dass der Parchan dem beim nassen Wetter 
durch schnelles Fahren auf der ehemals unchaussirten Dorfstrasse emporgeschleu- 
derten Strassenschmutz den Zugang zu dem Lehmhäuschen (Blockhaus, zum Theil 
mit Lehm überstrichen, oder auch Fachwerk, mit Lehm ausgeklebt) versagen sollte. 
Ich brauche wohl nicht erst zu erwähnen, dass dieser Parchan, der mit den ge- 
flochtenen Zäunen und Holzhäusern einer Dorfseite nicht selten das Gepräge einer 
hölzernen Mauer gab, auf dem Aussterbeetat sich befindet. Para = Morast, Strassen- 
koth; Dorf Parey = im Morast; Parchim(??). 

In der Fluchtlinie des parchan ist die Strassenfront des Thorhauses (töruz). 
In der Mitte desselben bemerkt man das mächtige Thor (2) — rota — mit der 
Thür (1) — dworowe zurja d. h. Hoftbür — über der hohen Thürschwelle (prog). 
Wo das Thorhaus fehlt, da verbietet in der Regel ein Thor und Thür enthaltender 
Bretterzaun dem Nachbarn, wie dem Fremdling, einen Blick auf das Leben und 
Treiben drinnen. Manchmal fehlt der auf der Zeichnung im Thoihaus befindliche 
Stall (3). In diesem Falle reicht der Thorweg (4) — töruz — unmittelbar an die 
Giebelwand. In dem stallähnlichen Raum (5) wird, falls er nicht zum Stall oder 
zur Gesindekammer eingerichtet ist, die Streu aufbewahrt; hier liegen auch Pflug 
(cholyj) und Egge (brona). 

Der Hofraum (dwor) vertieft sich nach der Mitte zu allmählich zu der gno- 
zica (Dunggrube), in welche sich das Wasser zusammenzieht, und wo die tiefste 
Stelle trügerisch mit schwimmender Streu (swaüo) überdeckt ist. An den Ge- 
bäuden entlang ist durch aufgeworfene Erde ein nicht ganz ebener, aber einiger- 
maassen sicherer Gang (damcyk d. h. kleiner Damm) geschaffen. In der Ecke 
zum Brunnen (r), der entweder vor oder hinter einem mit der Giebelseite zur 
Strasse stehenden Gebäude steht, befindet sich die Rinne (jj) — köryto — zum 
Tränken der Rinder, die im Sommer auf die Weide (pastwa) gehen. 

Das Wohngebäude (wjaza) steht in der Regel so, dass zwischen ihm und 
dem genannten parchan Raum genug für ein Vorgärtchen vorhanden ist. Jedoch 
wird er erst in neuerer Zeit dazu eingerichtet. Früher lag derselbe unbenutzt da 
und wurde podloknom d. li. „unterm Fenster" genannt, ja, er diente wohl gar als 
Scherbenplatz. — Im Hausflur (wjaza) steht die auf den Boden führende Treppe 
(2). Die unansehnliche Thür (4) führt zu der sogenannten kuchiia (Küche?), die 
lediglich aus dem unteren, erweiterten Theil des Schornsteins gebildet wird und 
durchaus nicht als Küche nach deutscher Anschauung dient. Bei Neubauten kommt 

1) Slav. parkan = Plankenzaun. Im Niederwendischen heisst aber jedweder Zaun plot, 
sofern er nicht die auf dem Situationsplan mit „parchan" bezeichnete Stelle einnimmt. 



(102) 

diese Art von kuchiia nirgends mehr vor. — Die Thür (5) im Hausflur führt zu der 
komöra (Kammer), die oft zur Ausgedingerstube eingerichtet ist. 

Manchmal findet man im Hausflur noch eine Thür (6). Dieselbe liegt der 
Stubenthür (3) gegenüber und führt in den angrenzenden Kuhstall. Nach der 
neueren Bauordnung soll das nicht mehr gestattet sein, eine steinerne Giebel- 
wand soll Stall und Hausflur von einander trennen. Mir scheint die alte Form die 
acht wendische zu sein, und das um so mehr, wenn ich bedenke, wie sehr heute 
noch dem Wenden sein Vieh ans Herz gewachsen ist, und dass er dasselbe als 
etwas Göttliches bezeichnet. Gott = bog, Gottes = boga und das Adjektivum 
bozy, böza, boze z. B. Gottes Kinder = boze zisi; Vieh = zbözo, d. h. aus (von) 
dem Göttlichen. Der Viehmarkt heisst hingegen skötne wiki; Vieh auch sköt, 
dobytk. 

Die Stube (spa) dient zugleich als Wohnstube, Schlafstube und Küche. An 
derselben Wand, an der im Hausflur die Treppe auf den Boden führt, steht in 
der Stube ein, unserem Küchenspind nicht unähnliches, meist roth angestrichenes 
Möbel (2), dessen oberer Theil, der zwei oder mehr Reihen bunter Porzellanteller, 
die mit ihrer blumenreichen Innenseite nach dem Tisch blicken, und bunte Tassen 
trägt, polica genannt wird, und dessen unterer Theil den Namen spiska (Schrank) 
führt. — In dem Winkel (1) zwischen polica und Thür hängt das lange Handtuch 
(hantwal, sant), das an Wochentagen einfach weiss, an Sonn- und Festtagen aber 
an beiden Enden bunt gestickt und fast nach russischer Art mit blauen, rothen u. s. w. 
seidenen Bändchen zierlich geschmückt ist. Ja, dann prangt an dieser Stelle wohl 
gar jene schneeweisse, buntgestickte Schärpe (hantwal, sant), die der druzba (Braut- 
führer) umhatte, als er mit seinem klirrenden Schleppsäbel die jetzt emsige Haus- 
frau als cesna newesta (Braut) zum Traualtar führte, als er diese Braut um den 
bekanntlich hohen Preis aus dem Verbände der Dorfmädchen loskaufte, und als er 
in später Abendstunde im Namen der Braut die rührenden Abschiedsworte an die 
Eltern, Geschwister, Verwandten und Bekannten derselben richtete. — An der Wand 
der Hofseite und an der der Strassenseite befindet sich die, an die Mauer befestigte 
Bank (3) (wawa, walka). An dem Ende zu der polica fehlt wohl auf der Bank 
niemals und nirgends der irdene Wasserkrug (krusk) oder Wassertopf (gjanc). — 
Der Tisch (4) steht in der für ihn bestimmten Stubenecke stets so, dass er von 
zwei Seiten von der langen Bank (3) eingeschlossen wird. Der Hofwand gegen- 
über steht vor dem Tisch (blido) die, unserer Küchen bank ganz ähnliche Holz- 
bank (5) — blidko d. h. kleiner Tisch — , und der Stuhl (6) — stol — , falls ein 
solcher vorhanden ist, hat seinen Platz vor dem Tisch, nach der Thür zu. Nie- 
mals darf auf dem Tische das Brot fehlen. Brot = kleb, ein Laib Brot = kfomica, 
ein kleines rundes Brot = kölac, die Stulle, d. h. Schnitte Brot = skiba. Das 
angeschnittene Brot (kfomica) liegt, die Schnittfläche stets der Thür abgewendet, 
auf dem Tisch vor dem Stuhl (6) und ist sorgfältig mit dem Tischtuch (rubisco) 
zugedeckt, damit der Segen nicht aus dem Hause weiche. — Zwischen den Strassen- 
fenstern hängt ziemlich hoch der kleine Spiegel (gledalko), zwischen Fenster und 
Ehebett (7) die Wanduhr (zeger). Das mehr als zweispännige Ehebett (postola) 
— die Ehegatten schlafen stets beisammen — ist durch schöne Falten bildende, 
bunte Vorhänge (forangi) einigermaassen vor allzu neugierigen Blicken geschützt. 
Das Fussende dieses grossen und auffällig hohen Bettes stösst an den Herren- 
kleiderschrank (8) — spiska — , dessen Front nach der Hölle (9) — heia — zeigt. 
Hinter dem Ehebett befindet sich in einzelnen Fällen noch eine Kammer, eine Art 
Speisekammer, in der auch die für die Damengarderobe unentbehrliche Lade (lotka) 
nicht fehlt. Ein Keller (piwnica) trat früher seltener auf, und wo ein solcher sich 



(103) 

befand, da lag er unter der eben genannten Kammer, welche in Folge dessen wohl 
an zwei Stufen höher lag, als der Fussboden der Stube. — In der Hölle (9) sieht 
es ziemlich bunt aus. Da steht das Bett (a) der Grossmutter, bezw. der Grosseltern 
(eine Ausgedingerw'ohnung scheint neueren Datums zu sein), oder es ist, falls diese 
nicht mehr leben, von der Tochter des Hauses occupirt. Vor dem Bett liegt das 
für den Tagesbedarf erforderliche Breunmaterial u. s. w. — Der aus Kacheln er- 
richtete Ofen (b) (kameny) hat die Gestalt eines Cubus, der^Yielleicht etwas über 
50 cm Abstand von der Stubeudecke hat. — Den Zweck des Ofenrohres erfüllt 
eine Art Nebenofen (d), glinka genannt, welcher, aus Ziegelsteinen und Lehm her- 
gestellt, etwa nur halb so hoch, aber ebenso tief wie der Ofen ist. Auf dieser 
glinka liegt im "Winter in der Regel klein gehauener Kiehn zum Trocknen u. s. w. 
Die an glinka und Ofen entlang führende Bank (c) heisst mui'ka, mit deren Höhe 
erst der eigentliche Ofen beginnt. Die wendischen Bezeichnungen lassen darauf 
schliessen, dass ehemals der Ofen aus Steinen (kamen = Stein), die glinka aus 
Lehm (glina) errichtet gewesen sein mag, derart, dass um beide herum ein kleiner, 
zum Sitzen und Ruhen dienender, von Steinen und Lehm aufgeführter Wall (Mauer = 
murja) geführt hat. Das, was Hr. W. v. Schulenburg über den Ofen schreibt 
scheint diese Ansicht zu bestärken. — Der Kamin (e) (pjacyk d. h. kleiner Back- 
ofen) befindet sich stets bei der Stubenthür, der polica gegenüber, fast unmittelbar 
in der kucbna, wie die Zeichnung zeigt. Die Kaminecke an der Glinka wird 
nugusk (nugel) genannt. Dort sitzt in den langen Winterabenden die Hausfrau 
vor ihrem Spinnrädchen, während der Hausherr auf dem davorstehenden Hauklotz 
(kusk) den Kiehn zerkleinert oder, auf der Murjka lang hingestreckt, schnarcht. — 
Wird die Wohnung zur Spinustube eingerichtet, dann wandert der schwere Tisch 
an das Ehebett, die Bank (5) — blidko — wird davor gestellt, und an 20 Spinn- 
rädchen schnurren bald darauf in Reihe und Glied vor wawa, blidko und mui'ka. 
Es sei mir gestattet, vor dem Verlassen der Stube noch ein Wort über die 
walka') (Bank) zu sagen. Als ich einmal in Saspow bei Cottbus mich nach dem 
nächsten Wege nach Merzdorf erkundigte, wurde mir der kurze Bescheid: „zi pfez 
walku!" Die walku in der Spree nicht kennend, combinirte ich, es müsse, da ein 
über einen Bach führender, langer Balken auch walka genannt wird, ein solcher 
Steg dort irgendwo über die Spree führen; aber ich fand keinen Steg und watete 
aufs Gerathewohl hindurch. Nachträglich erfuhr ich, dass die sogenannte walka 
kein Steg, sondern eine, fast quer durch die dort sehr breite Spree gehende Un- 
tiefe, eine Art Saudbank (Fuhrt) sei. Walki heisst in Dissenchen bei Cottbus eine 
Feldmark, die an der Stelle liegt, wo ein nachweisbarer alter Weg durch eine 
sumpfige Niederung führte. Ob dieser ehemalige Uebergang, denn nach diesem 
ist die Feldmark zweifelsohne bezeichnet, auch die Gestalt eines quer durch 
die Niederung führenden Dammes gehabt hat, oder nach Art schmaler Holz- 
brücken construirt gewesen ist, das weiss ich leider nicht. Kurz, walka (Bank) 
bedeutet auch eine Art Uebergang und scheint mit unserem deutscheu „Wall" ver- 
wandt zu sein. Darf man hiernach nicht annehmen, dass auch die walka oder wala 
in der Stube ursprünglich ein Damm oder Wall, ähnlich der mui'ka am Ofen, ge- 
wesen sein mag? dass Pritzwalk ehemals derart befestigt gewesen sein mag, — 
Riedel in seinem Werk bestätigt es, — dass es ganz von Wasser umgeben 



1) Die grosse Bank heisst lawa, die kleine lawka, und ich bin geneigt, sie in Folge der 
verschiedenen Aussprache auch wawka (walka) zu bezeichnen, um mich so dem deutschen 
„Wall, walken, wälzen, Welle* nähern zu können. Wendisch zwala = die Welle, russisch 
lawka = die Bude. 



(104) 

und auf fraglichen Uebergängen (prez = durch, walki) erreichbar gewesen sei? 
Auch Pasewalk (d. h. unterhalb der Fuhrt) scheint hierher zu gehören. 

Der Stall heisst groz, das Stallgebäude groze d. h. die Ställe. Seine Lage 
ergiebt sich aus der Zeichnung. Groz ist offenbar der Local von gorod oder grod 
(Burg), wo wir das Wurzelwort gor (gora = Berg) finden, Ten golc jo na groze, 
d. h. der Knabe ist in der Burg; na kralojskim groze = im königlichen Schloss. Un- 
willkürlich drängt mich diese innige Beziehung zwischen Stall und Burg, zwischen 
groz und grod, zu einer kleinen etymologischen Excursion, Die Idee der Einzäunung, 
der ümgürtung liegt zu Grunde den Worten: im Gothischen gards (Haus), garda 
(Stall), im Englischen garden, yard, gird, im Schwedischen gärd (umzäunter Platz, 
Gehöft, Burg), im Dänischen giärde (Zaun), gaard (Hof, Haus), im Althochdeutschen 
garto (Zaun, Garten), im Neuhochdeutschen Garten, Gurt, im Lateinischen hortus, 
chors, cors, im Slavischen grod, gorod (Burg), groz u. s. w. Die Folgerungen aus 
diesen Andeutungen liegen auf der Hand. Nur wollte ich noch hinzufügen, dass 
die slavischen Namen, da in denselben das Wurzelwoit gor (gora = Berg) nicht 
fehlt, auf eine terrestrische ümgürtung schliessen lassen, und dies scheint den 
Thatsachen nicht zu widersprechen. Denn der wendische Bauerhof hat nach der 
Mitte zu eine Vertiefung, die gnozica (Dunggrube), rechts und links hinter den 
Stallgebäuden, also nach dem kleinen Obstgarten (gumnysko) und nach dem kleinen 
Gemüsegarten (zagrodka) zu, eine in gar vielen Fällen noch heute merkliche, sanfte 
Abdachung. Also steht das Stallgebäude auf einer künstlichen Bodenerhebung, auf 
einem Wall (gorod?). 

Eigenthümlich ist die Bezeichnung zagroda, zagrodka (Gemüsegarten) d, h. 
etwa „hinter der Burg", hinter dem Burgwall (?). Der Wende kann sich die za- 
grodka kaum anders als hinter oder vor dem Stallgebäude liegend vorstellen, da- 
gegen den Obstgarten (gumno) in der Umgebung der Scheune und den kleinen 
Obstgarten (gumnysko) zwischen seinem und des Nachbars Hof, also analog 
dem Gemüsegarten (zagrodka). Mir ist es, als gelte es noch der jüngsten Ver- 
gangenheit und zum Theil noch der Gegenwart, wenn Herr Friedel in seinem 
Werkchen „Die Stein-, Bronze- und Eisenzeit in der Mark Brandenburg" S, 41 
schreibt: „Die wendischen Burgwälle sind aus Erde aufgeschüttet, entweder mit 
künstlichen Gräben versehen, oder in der Mehrzahl direkt in Sümpfen oder Seen 
augelegt, sei es auf einer natürlichen Bodenerhebung, sei es auf einem Pfahlrost 
oder einem Packwerk aus Baumstämmen und Zweigen, welches mit Steinen be- 
schwert ist, den eigentlichen Wall trägt, und in dessen Innerem über dem höchsten 
Grundwasserstande trockenen Boden gewährt," Es gehört nicht zu den Seltenheiten, 
dass man in Ortschaften der Niederlausitz, in einer Tiefe von 1 m und darüber, 
Packwerk aus, mit Steinen belasteten Zweigen findet. Ich habe dies in dem 
so sandigen Dorf Dissenchen gesehen und von anderen Orten gehört. 

Selbstverständlich muss, da die Scheune von den Stallgebäuden etwas entfernt 
liegt, die Futterkammer (rezari'ia) in der Nähe des Viehes sein. 

Falls dem Thorhause gegenüber hinter der gnozica nicht ein zweites Thorhaus 
errichtet ist, befindet sich in einem Seitengebäude ein Schuppen (supon oder pöd- 
chromom d. h. unterm Gebäude) für Wagen und Ackergeräth, auch für die, von 
dem Bauer selbst zu besorgende Tischlerei, Stellmacherei und Böttcherei. 

Der Holzplatz (woslonisro d. h. Ort, wo Spähne sind) liegt entweder im Garten 
oder hinter einem Seitengebäude. Hier bearbeitet der Bauer auch das zum Aus- 
bessern seiner Gebäude nöthige Holz. 

An einem Ende eines Seitengebäudes findet man den hohen Brunnen {z) — 
studüa — mit dem mächtigen Ziehbrunnen (zwöd d, i. aus dem Wasser), und ge- 



(105) 

wohnlich steht in der Nähe die Rinne (y) zum Tränken des Viehes, das im Sommer 
auf die Weide geht. 

Der Raum über einem Stall heisst nadgrozu, sofern er sich über mehrere Ställe 
hinzieht, nagrozami, falls er zur Aufbewahrung von Heu (seno) dient, chllnv, und 
halten Hühner daselbst nächtliche Ruh, gredlo. — ßeachtenswerth scheint noch zu 
sein, dass die genannten beiden Seitengebäude (Wohnhaus und Stallgebäude) fast 
nirgends fehlen, vom Einhüfner herab bis zum Kossäten, ferner, dass zwischen 
Stube, Hof und Dorf in einer Hinsicht eine gewisse Uebereinstimmung nicht zu 
verkennen ist. Nehmlich, wie sich um die gnozica Damm und Gebäude ziehen, so 
um den Dorfteich, der gar verschiedene Bezeichnungen hat, nicht selten Strasse 
und Dorf, so um den Estrich, Bank und W^and. Im Lüneburg.-Wendischen heisst 
die Stube dwarneitz, welches Wort wohl mit dwör (Hof) zusammenhängen mag. 

Hierbei wollte ich bemerken, dass das wendische Wörterbuch von Zwahr Un- 
genauigkeiten und Irrthümer enthält, wie es im Casopis der Masica Serbska nach- 
gewiesen ist. — Was Hr. v. Schulenburg in der Fussnote über das Wiesenerz 
schreibt, ist im Allgemeinen zutreffend, nur wollte ich noch hinzufügen, dass wir 
den Kaseneisenstein zygaz'nik und das Wiesenerz zygaz nennen. — 

Hr. Virchow macht darauf aufmerksam, dass bei der Erklärung wendischer 
Ortsnamen die heutigen, sehr veränderten Formen häufig nicht zur Ableitung aus 
der alten Sprache geeignet seien; man müsse vielmehr stets auf die älteste urkund- 
liche Namensform zurückgehen. So hiess Usedom ursprünglich Uznam. Vineta 
sei wahrscheinlich nur durch eine falsche Lesung aus IVMNETA entstanden und 
dieses sei die skandinavische und wahrscheinlich nicht die wendische Form. — 

Hr. V. Schulenburg bemerkt, dass im Bezirk von Burg (Oberspreewald) die 
brückenartigen Stege, die über die Fliesse führen, wendisch tawa und auch von den 
wendisch redenden Bewohnern deutsch Bank genannt werden. 

(7) Hr. Ed. Seier spricht über 

den Codex Borgia und die verwandten aztekischen Bilderschriften. 

Unter den in der Kingsborough'schen Sammlung enthaltenen Bilderschriften 
nicht historischen Inhalts befindet sich eine Anzahl, die ihrem Inhalt und der Art 
der Darstellung nach unstreitig zusammengehören. Das sind 

1. der zweite Theil des Codex Telleriano Remensis und die vorderen Tafeln 
des Codex Vaticauus A.; 

2. der Codex Borgia, Vaticanus B., Bologna, Fejerväry und Cod. Land., welche 
letztere beide wieder, dem Styl der Darstellung nach, unter sich die 
grösste Aehnlichkeit zeigen; 

3. der Codex Vieunensis und die Codices der Bodley- Sammlung, welchen 
sich ein im Besitz des Frhrn. von "Waecker-Gotter, des deutschen 
Ministerresidenten in Mexico, befindlicher Codex anschliesst, der mit leider 
ziemlich verwischten tzapotekischen Legenden versehen ist. 

Für die ersten beiden dieser Codices, den Codex Telleriano Remensis und 
Vaticanus A., existiren verlässliche Interpretationen, aus den ersten Zeiten nach der 
Conquista stammend und von Missionaren herrührend, die in langjährigem per- 
sönlichem Verkehr mit der Bilderschrift kundigen Eingebornen standen. Für die 
anderen fehlen solche. Denn die Interpretation, welche der Jesuit Fabregat für 



(106) 

den Codex Borgia geliefert hat, ist nur eine Studie auf Grund des, von den beiden 
erstgenannten gelieferten Materials und stammt aus einer Zeit, wo die Kenntniss 
der alten Bilderschrift im Volke nicht mehr vorhanden war. Bei einer Durch- 
musterung der Handschriften der Gruppe 2 erkannte ich, dass die Hauptdarstellungen 
des Codex Telleriano Remensis und Vaticanus A., theils direct, theils in verwandten 
Darstellungen, auch in den Handschriften dieser Gruppe wiederkehren. Diese 
Wahrnehmung veranlasste mich, eine genaue Confrontation dieser Handschriften 
vorzunehmen, um, von dem, durch die vorhandene Interpretation des Codex Telle- 
riano Remensis und Vaticanus A. gegebeneu festen Punkte aus, womöglich zu einer 
Erklärung des Inhalts dieser Schriften vorzudringen. Dabei ergab sich, dass die 
Handschriften dieser Gruppe in der That nicht verschiedene Dinge behandeln, 
sondern dass eine bestimmte, verhältnissmässig kleine Zahl von Grundschriften in 
den verschiedenen dieser Handschriften typisch wiederkehrt. 

Die Anordnung der Theile und die Folge der Darstellungen ist in den ver- 
schiedenen Codices sehr verschieden. Der Fortgang ist theils von links nach rechts 
(von vorn nach hinten), theils von rechts nach links (von hinten nach vorn), über 
verschiedene Blätter weggehend, oder auch unten rechts beginnend, nach links 
fortschreitend und dann umkehrend, oben nach rechts sich bis zum Anfang fort- 
setzend, oder umgekehrt. Beim Codex Telleriano Remensis, Vaticanus A. und 
Bologna bezeichnet das erste Blatt der Kingsborough'schen Zählung den Anfang 
des Codex; beim Codex Fejervary und Codex Land das letzte Blatt. Beim Codex 
Borgia bezeichnet das 38. Blatt der Kingsborough'schen Zählung den Anfang, 
und die Darstellung schreitet dann von rechts nach links bis zum Blatt 1 fort und 
setzt sich weiter von Blatt 76 bis zurück zum Blatt 39 fort. Der Codex Vaticanus B. 
enthält zwei verschiedene Theile: der eine beginnt auf Blatt 49 und ist von vorn 
nach hinten zu lesen, der andere auf Blatt 48 und ist rückwärts von hinten nach 
vorn zu lesen. 

Bei der folgenden Liste von Parallelstellen ist überall die Kingsborough'sche 
Zählung zu Grunde gelegt. Ich beginne mit dem Codex Bologna, dessen Anfang 
das erste Blatt der Kingsborough'schen Zählung ist. Es ist 

Cod. Bologna 1—8 = Cod. Borgia 31 — 38 = Cod. Vat. B. = 49 — 56, 
, 9-11= „ „ 61-62= „ , , =13-17, 
„ „ 12 — 13= „ Fejervary 11 — 12 unten =den oberen Mittelgruppen 

der unteren Abtheilung der Blätter 63 — 66 des Codex 
Borgia, 
„ „ 14 — 24 enthalten, wie die Blätter 23 — 40 des Codex Fejervary, 

neben den Figuren hohe Zahlenzusammenstellungen. Die Bedeutung der- 
selben habe ich aber noch nicht enträthseln und directe Parallelen auch 
noch nicht auffinden können. 
Beim Codex Fejervary ist überall von hinten nach vorn zu lesen, und ich 
beginne daher mit den hinteren Blättern: 

Cod. Fejervary 44 hat eine gewisse Parallele in Cod. Laud 1 und ausserdem, 
wie Cyrus Thomas nachgewiesen, in Blatt 41, 42 des Maya Codex Cor- 
tesianus. 
Cod. Fejervary 41— 43 = Cod. Borgia 25, = Cod. Vat. B. 67 — 70 unten und 71. 
Die Blätter 31 — 40 des Cod. Fejervary sind interessant durch die hohen Zahlen, 
die auf ihnen angegeben sind. Sie erinnern dadurch an Cod. Bologna 14 — 24, 
doch habe ich noch keine directe Parallele ausfindig machen können. 
Das Gleiche gilt von Blatt 29 — 30 und von Blatt 23 — 28. 



(107) 

Cod. Fejervüry 20 — 22 unten = Cod. Vat. B. 57 — 59 oben, 
y, „ 16 — 19 unten, hat keine directen Parallelen, 

„ „ ■ 16 — 22 oben = Cod. Borgia 22 — 34, 

= „ Vat. B. 81 — 90 oben, 
„ „ 13 — 15 unten = „ Vat. B. 57 — 59 unten, 

„ „ 13 — 15 oben = „ Borgia 60, 

„ „ 11 — 12 unten = „ Bologna 12—13, =^den 'oberen Mittel- 

gruppeu der unteren Abtheilung der Blätter 63 
bis 66 des Codex Borgia, 
Cod. Fejerväry 11 — 12 oben, hat keine directen Parallelen, 
„ y, 8^10 unten = Cod. Borgia 58, 

y, „ 2 — 7 unten, Parallelen fehlen, 

„ „ 5 — 10 oben, Parallelen fehlen, 

„ „ 3—4 oben = Cod. Vat. ß. 72 — 75, = den Gruppen der obe- 

ren rechten Ecke der unteren Abtheilung der 
Blätter 63 — 66 des Cod. Borgia, 
„ „ 2 oben, hat keine directe Parallele, 

„ „ 1, hat ebenfalls keine directen Parallelen. 

Beim Codex Laud ist ebenfalls von hinten nach vorn zu lesen. Dieser Codex 
er, wie schon oben erwähnt, im Styl grosse Aehnlichkeit mit dem Codex Fejervary 
at, fällt insofern aus der Reihe der übrigen heraus, als bei ihm nur wenige Stücke 
irect mit anderen zu parallelisiren sind. Es sind das 

Blatt 33— 38 = Codex Borgia 55 — 57 = Cod. Vat. B. 81 — 90 unten, 
„ 2, das zu vergleichen ist mit Codex Borgia 22 unten, 
„ 1, das zu vergleichen ist mit Blatt 44 des Codex Fejervary. 
Beim Codex Borgia beginne ich mit Blatt 38, das ohne Zweifel den Anfang 
es Codex bezeichnet, und es ist überall von hinten nach vorn zu lesen. 
Cod. Borgia 31 — 38 = Cod. Bologna 1 — 8 = Cod. Vat. B. 49 — 56, 

„ „ 26—30 = „ Vat. B. 3 — 10 und 76—80, 

„ „ 25 = „ Vat, B. 67 — 70 unten, 

= „ Fejervary 41 — 43, 
„ „ 22 oben bis 24= „ Vat. B. 81— 90 oben, 

= „ Fejervary 16 — 22 oben, 

j, «22 unten ist zu vergleichen mit dem Blatt 2 des Codex Laud. 

Die 20 Tageszeichen sind den verschiedenen Körpertheilen 

eines Gottes zugeschrieben; nur steht hier der Gott Tezcatlipoca, 

auf dem Blatt des Codex Laud der Gott Tlaloc, 

„ „ 18 — 21, eine sehr merkwürdige und interessante Darstellung, für 

die ich aber noch keine directe Parallele gefunden habe, 
„ „17 oben = Cod. Vat. B. 20 b, 

„ „ 15 — 17 habe ich ebenfalls noch keine Parallele ausfindig machen 

können, 
„ „ 14 = Cod. Vat. B. 27, 
„ „13 fehlt eine directe Parallele, 

„ „ 12 = Cod. Vat. B. 28, 

r, „ 11 ist eine der vorigen (12) verwandte Darstellung; eine directe 

Parallele ist in den anderen Codices nicht zu finden. 
Auf Blatt 10 beginnt eine Anzahl complicirter Darstellungen, die in den 
nderen Codices keine Parallelen haben, und deren Bedeutung zu enträthseln mir 



(108) 

bisher auch noch nicht gelungen ist. Sie setzen sich bis Blatt 1 und von Blatt 76 
bis Blatt 69 fort. 

Die beiden rechten Felder der oberen und mittleren Reihe des Blattes 68 des 
Cod. Borgia sind = Cod. Vat. B. 61 — 62. 

Die anderen Felder dieser Reihen und die obere und mittlere Reihe des 
Blattes 67 = Cod. Vat. B. 18 — 20a. 

Die unteren Reihen der Blätter 67 und 68 enthalten offenbar eine, den vorigen 
verwandte Darstellung, directe Parallelen fehlen aber in den anderen Codices. 

Cod. Borgia 62b — 66 unten ist eine interessante Darstellung. Wir finden hier 
eine Art Compilation, eine Zusammenstellung der Gottheiten und Symbole, die auf 
die vier Himmelsrichtungen Bezug haben. Die Darstellung als Ganzes hat keine 
directen Parallelen in den anderen Codices, vpohl aber die einzelnen Theile der- 
selben. So sind 

die unteren Mittelgruppen zu vergleichen mit Cod. Vat. B. 65 — 66, 
die oberen Mittelgruppen = Cod. Bologna 12 — 13, 

= „ Fejerväry 11 — 12 unten, 
die Gruppen der rechten oberen Ecke = Cod. Vat. B. 72 — 75, 

= Cod. Fejerväry 3 — 4 oben. 
Für die anderen Gruppen habe ich noch keine directen Parallelen gefunden. 
Doch ist Cod. Borgia 62 b offenbar zu vergleichen mit der in der mittleren 
Reihe unten des Cod. Viennensis 37 befindlichen Gruppe: 
Cod. Borgia 62b — 66 oben = Cod. Vat. B. 67—70 oben, 
„ „ 62 a oben = „ „ „ 1, 

„ „ 61 — 62a unten = „ „ „ 13 — 17, 

= ,, Bologna 9 — 11, 
„ „ 60 = „ Fejerväry 13 — 15 oben, 

„ 59 = „ Vat. B. 21, 

„ „ 58 = „ Fejerväry 8 — 10 unten, 

„ „ 55 — 57 = „ Vat. B. 81-90 unten, 

= „ Land. 33 — 38, 
„ „ 45 — 54 = „ Vat. B. 29—48, 

= „ Teil. Rem. IL 1 — 33, 
= „ Vat. A. 17 — 56, 
„ „ 44 hat keine directen Parallelen, 

„ 43 = „ Vat. B. 24, 

55 55 ^^ ^^ >■> 5> >J ^"^5 

55 5J ^■'^ ^^ 5' 55 '> 5 

„ „ 39 — 40 hat keine directen Parallelen. 

Codex Vaticanus ß. enthält verschieden angeordnete und zu lesende Theile 
Ich beginne mit 

Cod. Vat. B. 1 = Cod. Borgia 62, 

„ 2 fehlen directe Parallelen, 

„ 3 — 10 (von hinten nach vorn zu lesen), = Cod. Vat. B. 76 — 8C 

= Cod. Borgia 26 — 30, 
„ 11 — 12 fehlen directe Parallelen, 
„ 13 — 17 (von hinten nach vorn zu lesen), = Cod. Borgia 61 — 62 

= Cod. Bologna 9 — 11, 
„ 18 — 20a (von hinten nach vorn zu lesen), = Cod. Borgia 67 bis 

68 a, 
„ 20b = Cod. Borgia 17, 



(109) 

Cod. Vat. ß. 21 (hierzu gehört auch die Reihe der Tages/eichen, die auf der 
rechten Seite des vorhergehenden Blattes 20 b steht), 
— Cod. Borgia 59, 

» 55 35 ^^ ^^ 55 33 ^^1 
55 55 55 ■^" = 33 5) 41, 
55 33 35 ''^ ^^ 55 35 ^O, 

35 5. 55 25 hat keine directen Parallelen in den Cofiices dieser Gruppe, 
dagegen sind die 12 Figuren, die auf der linken Seite des Blattes 25 des Codex 

Viennensis stehen, in directe Parallele zu stellen mit den 9 Figuren hier. Uebrigens 

das einzige Beispiel einer Concordanz des Wiener Codex mit den Codices der 
Borgia- Gruppe, das mir bisher aufgestossen ist, 
Cod. Vat. B. 26 hat keine directen Parallelen, 

„ „ „ 27 = Cod. Borgia 14, 

35 53 33 'io = jj „ 12, 

55 55 55 29 — 48 (von hinten nach vorn zu lesen), = Cod. Borgia 45 — 54, 

= Cod. Teil. Rem. II. 1— 33, = Cod. Vat. A. 17-56, 
35 53 55 49—56 (von vorn nach hinten zu lesen), = Cod. Borgia 31 — 38 

= Cod. Bologna 1—8, 
„ ,, „ 57 — 59 oben = Cod. Fejerväry 20—22 unten, 
„ „ „57 — 59 unten = „ „ 13— 15 unten, 

„ „ „ 60 hat keine directe Parallele, 
55 53 33 61 — 62 = den beiden rechten Feldern der oberen und mittleren 

Reihe des Blattes 68 des Codex Borgia, 
„ „ „ 63 — 64 hat keine directe Parallele, 
55 33 55 65 — 66 ist zu vergleichen mit den unteren Mittelgruppen der 

unteren Abtheilungen der Blätter 63 — 66 des Cod. Borgia, 
55 55 53 67 — 70 oben = Cod. Borgia 62 — 66 oben, 
55 33 53 67 — 70 unten (von vorn nach hinten zu lesen) und 71, = Cod. 

Borgia 25, = Cod. Fejerväry 41— 43, 
53 33 33 72 — 75 (von vorn nach hinten zu lesen), = Cod. Fejerväry 3 — 4 
oben, = den Gruppen der oberen rechten Ecke der unteren Ab- 
theilung der Blätter 63 — 66 des Codex Borgia, 
55 33 35 76 — 80 (oben beginnend, von vorn nach hinten und rücklaufend 
unten von hinten nach vorn zu lesen), = Cod. Vat. B. 3 — 10 
= Cod. Borgia 26 — 30, 
5) 55 "3 81 — 90 oben (von vorn nach hinten zu lesen), = Cod. Borgia 22 

bis 34, = Cod. Fejerväry 16 — 22 oben, 
35 53 33 81 — 90 unten (von hinten nach vorn zu lesen), = Cod. Borgia 55 

bis 57, = Cod. Land 33 — 38, 
„ „ „ 91 — 96 hat keine directen Parallelen. 
Was nun den Inhalt dieser Schriften angeht, so ist derselbe im Wesentlichen 
astrologischer Natur. 

Wie bekannt, bildete die Grundlage der aztekischen Zeitrechnung ein Monat 
70n 20 Tagen, dessen einzelne Tage besonders, und zwar mit den Namen bestimmter, 
greifbarer Gegenstände, Thiere u. A., bezeichnet wurden. Der Ursprung dieser 
deichen ist unbekannt. Man hat vielfach versucht, für diesen Monat von 20 Tagen 
3ine astronomische Grundlage zu finden; bisher mit nicht viel Glück. Mir scheint 
ias vigesimale Zahlsystem, das bei sämmtlichen Völkern des mexikanischen Völker- 
creises im Gebrauch war, eine genügende Erklärung zu bieten. Neben dieser Rech- 



(110) 

nung läuft einher eine andere, bei der die Tage in Gruppen von 13 Tagen zusammen- 
gefasst wurden. Diese Gruppen hatten, wie es scheint, eine bestimmte astronomische 
Bedeutung. Sie bezeichneten einmal den Zeitraum (ixto^oliztli, „das Wachen* 
genannt), in welchem der Mond des Nachts am Himmel sichtbar ist; und dann 
den Zeitraum (cochiliztli, „das Schlafen" genannt), in welchem der Mond nur 
bei Tage am Himmel erscheint und des Nachts unsichtbar bleibt^). Durch eine 
Combination dieser beiden Rechnungen, indem man die Tage einmal mit dem ihnen 
zukommenden Tageszeichen (einem der 20) benannte, andererseits die Ziffer angab, 
welche ihnen nach ihrer Stellung in der Woche von 13 Tagen zukam, ergab sich, 
dass erst nach einem Zeitraum von 13 X 20, bezw. 20 X 13, d. h. 260 Tagen es 
eintraf, dass ein Tag wieder dasselbe Zeichen und dieselbe Ziffer erhielt, wie ein 
vorhergehender. Dieser Zeitraum von 260 Tagen wurde Tonalamatl, „Buch der 
Sonnen oder der Tage", genannt, und dieses Tonalamatl ist es, welches die eigent- 
liche Wissenschaft der Tonalpouhque, der „Sonnenzähler" oder Auguren, ausmacht. 

Wir haben in den Berichten der alten Missionare bestimmte Angaben darüber,' 
wie diese Auguren verfuhren. Es galten nehmlich sowohl von den Ziffern (1 — 13), 
wie von den 20 Zeichen die einen für glücklich, die anderen für unglücklich, die 
dritten für indifferent oder richtiger für zweifelhaft, bald Glück, bald Unglück 
bringend; und zwar wurde nicht nur Zeichen und Ziffer des Tages selbst beachtet, 
sondern das Anfangszeichen einer Woche von 13 Tagen erstreckte seinen Einfluss 
über die ganze Woche. Der Einfluss, den ein Zeichen übte, äusserte sich übrigens 
in bestimmter Art, je nach Natur und Bedeutung des Zeichens. Weiter aber ergaben 
sich einerseits aus der Natur des Zeichens Beziehungen zu bestimmten Gottheiten, 
andererseits wurden wohl auch bestimmte Reihen von Gottheiten oder Manifestationen 
einer Gottheit zu den verschiedenen Abtheilungen des Tonalamatl in Beziehung 
gesetzt. Denn anders lässt es sich wohl kaum verstehen, wenn Duran-) das Hand- 
werkszeug eines solchen Auguren beschreibt als „un papel pintado de cuantos idolos 

habia y adoraban, donde tenian cada idolo en su casa junto a estos dieses 

estaban pintadas las letras de los dias del mes de su calendario. Sobre este papel 
echaban suertes y conforme ä como caia pronosticaban ; y si caia la suerte sobre 
el Dios de la vida, decian que era de larga vida" etc. 

Wenden wir uns nun zu unseren Handschriften, so zeigt uns die Hauptmasse 
derselben weiter nichts als Darstellungen des Tonalamatl, vollständig oder in ver- 
kürzter Form, mit Figuren von Göttern, die, wie es scheint, den einzelnen Ab- 
theilungen desselben präsidiren. 

Die Anordnung des Tonalamatl ist dabei eine zweifache: 

Einmal ist dasselbe, in Wochen abgetheilt, aufgeführt, jede Woche mit der ihr 
präsidirenden Gottheit. Das ist die Redaction, die im Codex Telleriano Remensis 
II. 1—33 und Cod. Vat. A. 17 — 56, sowie in Cod. Borgia 45 — 54 und Vat. ß. 
29 — 48 vorliegt. Die Interpreten des Cod. Teil. Rem. und des Vat. A. geben die 
Namen der Gottheiten an, und die Figuren der anderen Codices entsprechen diesen 
genau. Sie sind von grossem Interesse, weil wir darunter Namen finden, die von 
den Historikern nicht oder nur ganz beiläufig erwähnt werden. Die ganze Reihe 
der Kalendergottheiten ist offenbar eine von den Gottheiten des staatlichen Cultus 
verschiedene. Auf eine Discussion der Bedeutung derselben kann ich hier nicht 
eingehen; sie soll an anderer Stelle gegeben werden, wo ich auch die Modificationen, 



1) Gama, Dos piedras p. 27. 

2) Edit. Mexico II. p. 259. 



(111) 

welche die Codices Borgia und Vaticanus B. gcgcuübcr Teil. Rem. und Vat. A. 
zeigen, besprechen werde. 

Bei der zweiten Redaction des Tonalaraatl sind die Zeichen der ersten 4 Wochen 
(4X13 Tage) hinter einander geschrieben, darüber die der zweiten, darüber die 
der dritten, vierten und fünften 4 Wochen. So erhalten wir 4 X 13 = 52 Vertical- 
reihen von je 5 übereinander stehenden Zeichen, wo jede 5. Reihe immer wieder 
dieselben Zeichen, nur in anderer Reihenfolge, enthält und Slle Zeichen derselben 
Reihe dieselbe Ziffer tragen. So ist das TonalamatI im Codex Bologna 1 — 8, im 
Codex Borgia 31 — 38 und Vaticanus B. 49 — 56 geschrieben. Die Verticalreihen 
sind am Fuss- und Kopfende von Götterfiguren oder symbolischen Darstellungen 
begleitet, in denen eine bestimmte, nicht sehr grosse, wiederkehrende Zahl bestimmter 
Typen zu erkennen ist. Die Bedeutung dieser Figuren ist offenbar in sämmtlichen 
3 Codices die gleiche, doch sind die Darstellungen in den verschiedenen Codices 
nicht ganz correlat. Beispielsweise entspricht im Codex Vaticanus B. zwar die 
untere Reihe der Darstellungen der unteren Reihe in den beiden anderen Codices 
genau, die obere Reihe dagegen erscheint in einzelnen Partieen gegen die obere 
Reihe des Codex Borgia um eine oder gar zwei Stellen verschoben. 

Bei beiden Redactionen sind ausserdem, in einzelnen Codices, die auf einander 
folgenden Tage begleitet von einer von 9 Gottheiten, deren Reihe gewöhnlich als die 
„senores de la noche" oder „acompaiiados de la noche" bezeichnet wird. 
Ihre Namen sind nehmlich im Boturini mit der Silbe yohua componirt. Augen- 
scheinlich bedeutet das aber nichts anderes als „der von dem und dem Gott beglei- 
tete" und ist Bezeichnung des betreffenden Tages. Denn -hua ist Suffix des 
Besitzers und -yo die Silbe, welche Concreta in Abstracta verwandelt, eine Um- 
wandlung, die regelmässig vorgenommen werden muss, wenn ein Gegenstand als 
von Natur zu einem anderen gehörig betrachtet werden soll. Auch diese Gott- 
heiten galten, wie die Tageszeichen selbst und wie die Nummern, die ein Tag in 
seiner Woche hat, theils als glücklich, theils als unglücklich, theils als zweifelhaft. 
Man sieht, was für ein weites Feld diese Combination von Nummer, Zeichen und 
Gottheit dem Auguren eröffnete. Was nun die Gottheiten selbst angeht, so geht aus 
dem Blatt 44 des Codex Fejervary unzweifelhaft hervor, dass die Zahl von 9 da- 
durch zu Stande kommt, dass immer je 2 einer der 4 Himmelsrichtungen zu- 
geschrieben und einer der Götter das Centrum oder, wenn man will, die Richtung 
von oben nach unten oder umgekehrt bezeichnet. Das Centrum bezeichnet Xiuhteotl, 
der Gott des Feuers, dem Osten werden Itztli (Tezcatlipoca) und Tonatiuh, 
dem Süden Cinteotl und Mictlanteotl, dem Westen Chalchiuhtlicue und 
Tlacolteotl, dem Norden Tepeyollotl und Tlaloc zugeschrieben. 

Neben den vollständigen Darstellungen des TonalamatI finden sich nun aber 
auch solche, welche dasselbe in abgekürzter Form darstellen, gewissermaassen nur 
einzelne springende Punkte desselben hervorheben. 

So finden wir auf den Tafeln 67 und 68 des Codex Borgia und entsprechend 
auf den Tafeln 18 — 20 des Cod. Vaticanus B. die Wochen ce ma(;atl (eins Hirsch), 
ce quiahuitl (eins Regen), ce o^omatli (eins Affe), ce calli (eins Haus) 
und ce quauhtli (eins Adler) dargestellt durch das Anfangs- und Endzeichen 
der Woche, ein dazwischen liegendes Zeichen und 10 Punkte. Und neben ihnen 
smd Frauengestalten gezaiehnet, verschieden gefärbt und in Tracht und Ansehen 
der Tla(^,olteotl gleichend (der Göttin der Liebe, d. h. der, welche die sündliche 
Liebe, den Ehebruch, verfolgt). Nun finden wir im Sahagun gerade diese 5 Tage 
angegeben, als die Tage oder Wochen, an denen die Cihuapipiltin, die gespenstischen 



(112) 

Weiber, die im Westen hausen, zur Erde niedersteigen, die Kinder mit Krankheit 
schlagend und die Männer zur Unzucht und Sünde verleitend. Es unterliegt keinem 
Zweifel, dass auf den genannten Tafeln diese gefährlichen Wochen und die Art 
ihrer Gefahr bezeichnet werden sollten. 

Bei weitem der Mehrzahl der Grundschriften liegt aber nicht das in Wochen 
abgetheilte Tonalamatl, sondern die Redaction desselben zu Grunde, welche die 
Tageszeicheu in 52 Verticalreihen von je 5 Zeichen ordnet. Es sind dann immer 
einzelne dieser Verticalreihen voll hingeschrieben und die Zwischenglieder durch 
Punkte markirt. Wichtig sind vor allem diejenigen Blätter, auf denen das Tonala- 
matl in 4 Abschnitte gegliedert ist. Vier ist die Zahl der Himmelsrichtungen, und 
so wird vier überhaupt die heilige Zahl. Alles, was in Mythologie und Glauben 
unter der Vierzahl untergebracht wird, hat also auf diesen Blättern seine Stelle. 
Ausser der Viertheilung kommt aber auch Sechstheilung, Achttheilung u. s. w. vor, 
und die verschiedenartigsten Reihen von Göttern (und Festen?) können also auf 
diese Weise in den Rahmen des Tonalamatl untergebracht werden. Auf Einzel- 
heiten einzugehen, muss ich mir versagen, ich hoffe, wie erw^ähnt, die ganze Materie 
an anderer Stelle eingehender besprechen zu können. 

Schliesslich werden die Tageszeichen selbst einfach wie Ziffern gebraucht, um 
bestimmte Reihen von Gottheiten in ihrer Ordnung aufzuführen. 

So finden wir die Gottheiten, welche in den Codd. Teil. Remensis und Vaticanus 
A. und übereinstimmend im Codex Borgia und Vaticanus B. als Tutelargottheiten 
der Wochenanfänge angegeben sind, im Cod. Borgia (26 — 30) und Vaticanus B. 
(3 — 10 und 76 — 80) in nahezu derselben Reihenfolge aufgeführt, aber neben ihnen 
nicht die 20 Wochenanfänge, sondern die 20 Tageszeichen in der Ordnung, wie 
sie im Monat einander folgen. Nur eine Unregelmässigkeit ist zu notiren. Beim 
11. Zeichen (o9omatli Affe), welches auch das 11. Zeichen in der Reihe der 
Wochenanfänge bildet, ist der, den Schluss der Reihe der Wochentutelargottheiten 
bildende Feuergott eingeschoben. Darnach aber geht die Reihe regelmässig weiter 
bis zu Xochiquetzal, die also hier den Schluss der Reihe bildet, während sie 
unter den Tutelargottheiten der Woche an vorletzter Stelle steht. 

Desgleichen findet sich auf der Tafel 25 des Cod. Borgia, und entsprechend 
Cod. Vat. B. 67 — 71 unten und Cod. Fejerväry 41 — 43, mit den Tageszeichen 1 — 9 
versehen, die Reihe der 9 sogenannten sefiores de la noche (s. oben). 

Auf anderen Tafeln ist in anscheinend unregelmässiger Weise eine Reihe von 
Gottheiten neben den voll hingeschriebenen oder durch Punkte angedeuteten Tages- 
zeichen eines oder zweier Monate aufgeführt. 

Schliesslich findet sich, und zwar übereinstimmend Cod. Borgia 55 — 57, Cod. 
Vat. B. 81 — 90 unten und Cod. Laud. 33 — 38 eine Reihe von Gottheiten, neben 
denen keine Tageszeichen stehen, sondern die Ziffern 2 — 26 durch Punkte mar- 
kirt sind. 

Dass das Sonnenjahr aus 365 Tagen besteht, wurde von den Mexikanern un- 
streitig schon früh erkannt^). So ergab sich, dass bei dem gleichmässigen Weiter- 
zählen von den zwanzig Tageszeichen nur vier, nehmlich das erste, sechste, eilfte 
und secbszehnte, auf die Anfangstage der Jahre fielen. Nach diesen Anfangs- 
tagen wurden die Jahre benannt. Es scheint, dass die Reihe der Tageszeichen ur- 
sprünglich mit acatl (Rohr) begann. So wurden wenigstens die zwanzig Zeichen 

1) Der Codex Fuenleal sagt- Contavan el ano del equino(jio per mar(;o quando el sol 
bazia derecha la sombra, y luego como se sintia que el sol subia, contavan el primer dia. 



(113) 

bei den in altvaterischer Sitte lebenden Bewohnern der rauhen Berge von Meztitlan '; 
und bei den Nahua des fernen Nicaragua'^) gezählt. Später wurde, wie es scheint, 
der Anfang des Jahres um 52 Tage zurückgeschoben, während die Jahre in alter 
Weise weiter benannt wurden, so dass also das Jalir ce acatl (eins Rohr) mit 
deno Tage ce cipactli (eins Meerungeheuer) begann. Die vier Zeichen nun, 
acatl (Rohr) tecpatl (Feuerstein) call (Haus) tochtli (Kaninchen), denen die 
Aufgabe, die Jahre zu bezeichnen, blieb, gewannen dadurch -4)esondere Bedeutung, 
und in der Vierzahl dieser Zeichen wurde selbstverständlich wieder die geheime 
Beziehung zu den Himmelsrichtungen und zu der heiligen Zahl erkannt. Dem- 
gemäss wurden auch die Jahre glückbringend oder Unglück verheissend, je nach 
dem Zeichen, das sie trugen, oder je nach der Himmelsrichtung, der sie angehörten. 

Wir lesen im Duran'), dass die Jahre acatl, die dem Osten angehören, als 
reiche, fruchtbare, glückliche galten; die Jahre tecpatl, die dem Norden angehören, 
der Region, von welcher der erstarrende kalte Wind bläst, galten als unfruchtbar 
und dürr; die Jahre calli, die zum Westen gehören, wo die Sonne sich verbirgt, 
galten als nasse und regenreiche; die Jahre tochtli, die dem Süden angehören, 
sind unsicher, meist unglückbringend. 

Fast wörtlich dasselbe, möchte man sagen, finden wir auch auf einigen Tafeln 
der Codices angegeben, nehmlich dem Codex Borgia 12 und Cod. Vat. B. 21. Wir 
sehen die Zeichen der Jahre ce acatl, ce tecpatl, ce calli, ce tochtli und, neben 
ihnen, die ihrer Anfangstage ce cipactli, ce niiquiztli, ce 09omatli, ce cozcaquauhtli. 

öeber den Zeichen ce acatl, ce cipactli steht unter einem feuchten, wolken- 
tragenden Himmel Tlaloc schwarz und als Kopfschmuck ein Cipactli tragend, das 
Symbol der Fruchtbarkeit, Wasser auf die Erde giessend, die hier durch ein Cipactli 
dargestellt ist, aus welchem in reicher Fülle Maiskolben hervorspriessen. 

üeber den Zeichen ce tecpatl, ce miquiztli steht unter einem Hinamel, 
der glühende Sonnenstrahlen herabsendet, Tlaloc, gelb und das Haupt mit einem 
Todtenschädel geschmückt. Die Erde ist in Schollen geborsten, und die kümmer- 
lichen Maiskolben werden von aus der Luft herabfliegenden seltsamen Heuschrecken 
verzehrt. 

üeber den Zeichen ce calli, ce 09omatli steht, unter einem wasserreichen 
Himmel, Tlaloc, in die blaue Farbe des Wassers gekleidet, mit einem Affenkopf 
als Kopfschmuck. Unter ihm schwillt das Wasser und ersäuft fast schon die da- 
selbst aufspriessenden Maispflanzen. 

üeber den Zeichen ce tochtli, ce cozcaquauhtli schliesslich steht, eben- 
falls unter einem dürren, Sonnenpfeile herabschiessenden Himmel, Tlaloc, in rothe 
Farbe gekleidet, das Haupt mit einem Geierkopf geschmückt. Die auf der dürren, 
gelben Erde aufspriessenden Maispflanzen werden von Kaninchen gefressen. 

üeber den Zeitraum dieser vier Jahre gehen die Darstellungen der hier be- 
sprochenen Codices anscheinend nicht hinaus. Was die hohen Zahlen auf den 
oben angegebenen Blättern des Codex Bologna, Codex Fejerväry und Codex Laud. 
bedeuten, habe ich noch nicht ermitteln können. Im Wiener Codex und in den 
Bodley Codices dagegen knüpft die besondere Darstellung überall an die Coin- 
cidenz eines bestimmten Tages und eines bestimmten Jahres des 52 jährigen Cyclus 
an. Die Zeichen der Jahre sind hier durch ein eigenthümliches, an ein A er- 



1) Vgl. Mendoza, Colleccion de Documentos ineditos IV. iladrid (1865). 

2) Oviedo IV. p. 52. 

3) ed. Mexico II. p. 254, 255. 

Verhundl. d. Beri. Aiitliropol. Gesellschaft 1887. 8 



(114) 

innerndes Zeichen ausgezeichnet. Ich will nicht unerwähnt lassen, dass dasselbe 
Zeichen auch auf den interessanten Darstellungen der Tafeln 62—66 des Codex 
Borgia vorkommt, so dass also hier auf eine der Gliederung des Toualamatl parallel 
gehende Viertheilung des 52 jährigen Cyclus Bezug genommen ist. 

(8) Herr "W. Dönitz spricht unter Vorzeigung zahlreicher archäologischer 

Gegenstände über 

vorgeschichtliche Gräber in Japan. 

Als ich im Jahre 18SÜ zu längerem Aufenthalt nach Kyushu ging, der süd- 
lichsten der 4 grossen japanischen Inseln, nahm ich mir vor, prähistorischen Gegen- 
ständen und besonders ihren Fundstätten meine Aufmerksamkeit zuzuwenden, denn 
in der Hauptstadt des Reiches waren mir früher Urnen, Steinwaffen und Schmuck- 
sachen gezeigt worden, welche aus dem Süden stammen sollten, ohne dass ich 
genaueres über ihre Herkunft hätte erfahren können. Meine Nachforschungen im 
Süden waren anfänglich ganz fruchtlos, denn so oft ich bei meinen Ausflügen 
nach Höhlen fragte, wurden mir ganz andere Dinge gezeigt, als was ich suchte. 
Ich lernte dadurch zwar ausgezeichnet schöne Basalthöhlen kennen; man zeigte mir 
Felsgalerien, welche gewisse Thäler auch bei üeberschwemmungen zugänglich 
machten, aber vorgeschichtliche Fundstätten traf ich nicht, bis ich endlich 1885, 
im letzten Jahre meines dortigen Aufenthaltes, zufällig einige Dolmen auffand, die 
eine ganze Reihe von Entdeckungen nach sich zogen. Ich hatte eben bis dahin 
das rechte Wort nicht gekannt, das mir die Berge aufthat. Nachdem ich aber bei 
Gelegenheit meines Fundes gehört hatte, wie solche Bauten im Volksmunde heissen, 
brauchte ich nur nach „Felswohnungen der Teufel", Onino iwa-ya, zu fragen, um zu 
erfahren, ob solche Höhlen in der Nachbarschaft vorhanden wären oder nicht. Und 
ein glücklicher Zufall wollte es, dass ich bald darauf auch Bekanntschaft mit Höhlen 
machte, welche in den Berg gehauen waren. 

Bei Gelegenheit einer Ferienreise in abgelegene Gegenden war nehmlich meine 
Frau eines Tages vorausgefahren, hatte vom Wagen aus auffallende Löcher in 
einer steil abfallenden Bergwand bemerkt und sich sofort an ihre Untersuchung 
gemacht. Als auch ich !^päter diese Löcher sah und ausstieg, um sie genauer zu 
besichtigen, fand ich meine Frau schon mit Ausgraben beschäftigt. Einen Urnen- 
deckel hatte sie bereits geborgen. 

Es giebt also auf der Insel Kyushu zwei Arten von Felskammern: in den 
Stein gehauene und aus Felsblöcken aufgebaute. Letztere entsprechen 
durchaus dem, was wir Dolmen nennen. Alle aber haben sie das Gemeinsame, 
dass sie, mit sehr seltenen Ausnahmen, in geringer Höhe über der Thalsohle an- 
gelegt sind und niemals hoch in die Berge hinaufreichen. Am zahlreichsten fand 
ich sie in den Ausläufern der Gebirge, in der Nähe grösserer Flüsse, aber durch- 
aus nicht immer in unmittelbarer Nachbarschaft derselben, ihr Eingang ist ge- 
wöhnlich einer südlichen Richtung zugekehrt. 

Die von mir besuchten Dolmen stellen einen hohen Kuppelraum dar, in wel- 
chen vermittelst einer schmalen, thürartigen Oeffnung ein bedeckter Gang mündet, 
der an seinem freien Ende gleichfalls thürartig verengt ist. Die Seitenwände dieser 
Thore bestehen gewöhnlich je aus einem behauenen Felsblock; darüber liegt ein 
breiter, unterseits flacher Stein. Die vier senkrechten Seitenwände des Kuppel- 
raumes, welche in rechten Winkeln auf einander stossen, bestehen unten aus mäch- 
tigen, zum Theil roh behauenen Quadern, oben aus flacheren, breiten Steinen, die 
sich dachziegelförmig decken, und somit ein Gewölbe bilden, das durch einen mäch- 



(115) 

tigen Flachstein abgeschlossen wird. Spuren roher Bearbeitung sah ich nur an 
der Innenfläche der Steine; aber sie sind nicht behauen worden, um sie besser an 
einander zu fijgon. Wo sie nicht aufeinander passten, hat man kleinere Bruch- 
stücke untergelegt oder zwischengekeilt. Dabei ist aber der Bau so widerstands- 
fähig, dass ich unter einer grossen Anzahl von Kammern nur eine gefunden habe, 
deren Decke eingestürzt war. Spuren einer Einfügung von etwaigen Verschluss- 
stückeu an den beiden thorartig verengten Enden der (iäng». konnte ich nirgends 
auffinden. 

Alle Dolmen sind mit einer dicken Erdschicht bedeckt und würden als Hügel 
leicht zu erkennen sein, wenn das üppig wuchernde Gestrüpp mit seinen Dornen 

• Figur 1. 




und Schlingpflanzen nicht jede Uebersicht über solche Gegenden unmöglich machte 
und das Vordringen des menschlichen Fusses unglaublich erschwerte. 

Nachdem ich in einigen Kammern die mehr oder weniger dicke Erdschicht 
am Boden fortgeräumt hatte, stiess ich auf eine Pflasterung von Rollsteinen von 
sehr ungleicher Grösse. In einem Falle, wo ich die ganze Pflasterung freilegte, 
fand ich, in der hinteren Ecke rechts, den Boden von einem grossen Flachstein 
eingenommen, auf welchen die hier zusammenstossenden "Wände aufgesetzt waren, 
so dass ich ihn nicht entfernen konnte. Ob er zufällig dort lag oder absichtlich 
beim Bau dorthin gelegt worden war, Hess sich nicht entscheiden. 

8* 



(116) 



um einen Begriff von der Grösse eines solchen Steinbaues zu geben, will ich 
nur anführen, dass man mit ausgestrecktem Arm die Decke nicht erreichen kann, 
und dass die Bodenfläche gewöhnlich mehr als 6 qm umfasst, nicht selten das 
Doppelte und darüber. Die Länge des Ganges schwankt zwischen einem und meh- 
reren Metern. 

Von zwei Dolmen am Fusse des Kömpira- Berges bei Saga, kann ich fol- 
gende Maasse anführen; 





I. 


11. 


Eingang, Breite . . 


. 0,90 


0,95 


Höhe . . 


. 0,85? 


0,90? 


Gang, Länge . . . 


. 1,00 


2,50 


Kuppelthor, Breite . 


- • 


0,70 


„ Höhe . 


. . — 


1,30 


Kuppel, Breite . . 


. . 2,40 


2,25 


„ Tiefe 


. 2,40 


2,60 


Höhe . . 


. . 2,60 


3,00 



In Fig. 1 ist der Eingang einer solchen Felskammer, von innen nach aussen 
gesehen, dargestellt. 

Manche Dolmen sind zweikammerig, in der Weise, dass zwei Kuppelräume, 
durch ein Thor verbunden, unmittelbar hinter einander liegen. Die beiden grössten 
zweikammerigen Höhlen, welche ich gesehen habe, fand ich auffälliger Weise in 
der Ebene, und zwar dicht bei einander, in der Nähe des Städtchens Yoshii in 
der Provinz Tshikugo. Die eine von ihnen ist die einzige zweistöckige, welche 
ich selber sah. Sie enthält im hinteren Theile der zweiten Kammer, in einer Höhe 
von etwa 7 Fuss, einen breiten Flachstein quer herüber eingefügt, eine Art Hänge- 
boden bildend. 

Da die Errichtung so grosser zweikammeriger und zweistöckiger Bauwerke 
eine weit grössere Erfahrung voraussetzt, als die Erbauung der meist kleineren und 
einfachen Kammern in den Bergen, so wird man w^ohl annehmen dürfen, dass die 
Dolmenerbauer sich erst dann in die Ebene hinabgewagt haben, als sie schon über 
grössere technische Hilfsmittel und Erfahrungen verfügten. Möglicherweise aber 
kommen hier auch Veränderungen der Flussläufe und des Wasserspiegels in Be- 
tracht, wie sie nachweislich noch zu einer Zeit stattgefunden haben, als der Mensch 
schon diese Gegenden bewohnte. 

In den Berg gehauene Höhlen traf ich nur an zwei Orten, und beide Male 
waren sie in der Anlage verschieden. 

In der Provinz Tshikuzen, im Kreise Onga, beim Dorfe Kamöda, liegen 
deren etwa 12 in einem thonhaltigen Sandstein, 10 — 20 Fuss über dem dicht daran 
vorbeiführenden Wege. Sie sind von ungleicher Grösse, indem ihre Grundfläche 
einen Kreis von 4 — 6 Fuss Durchmesser bildet. Die Wände steigen senkrecht an, 
und gehen mit einem scharfen Absatz in die gleichmässig und sehr flach gewölbte 
Decke über. Ihre Höhe mag durchschnittlich 
372 Fuss betragen. Gepflastert sind sie nicht. 
Fig. 2 stellt einen senkrechten Durchschnitt 
einer dieser Kammern dar. 

In früheren Zeiten war die Höhlenanlage 
an diesem Orte eine viel bedeutendere, als sie 
jetzt erscheint, wie ich von einem 8()jährigen, 
geistig noch sehr frischen Augenzeugen erfuhr. 
Der alte Mann erzählte mir, dass man in seiner 



Figur 2. 




(117) 

Kindhei-t eine vorspringende Bergecke behufs Wegeverbesseruug abgetragen liabe. 
Dabei wurden viele Höhlen zerstört, und andere, welche man vorher nicht kannte, 
aufgedeckt. Ob alle Höhlen einzeln für sich bestanden oder, zum Theil wenigstens, 
zusanunenhingen, wusste er sich nicht zu entsinnen. Die jetzt noch vorhandenen 
Höhlen halieu jede ihren besonderen Eingang. Das Volk nennt sie Oköre-ana, 
„Wechselfieberhöhlen", weil der alte Mann in seiner Jugend einmal'mit 5 oder 6 an- 
deren Kinder das Wechselfieber bekommen hatte, nachdem sie in den Höhleu 
herumgekrochen waren. Jetzt, sagte er selber, nachdem sie frei gelegt sind, kann 
man ungefährdet hineingehen, und uns selbst hat das Nachgraben darin nicht ge- 
schadet. 

Eine zweite Gruppe in den Berg gehauener Höhlen sah ich in Maraeda, 
Kreis Hita, in der Provinz Buugo. Sie liegen im Fusse eines, isolirt in der 
Ebene sich erhebenden, alten Schlossberges, der ursprünglich eine Insel in einem 
Binnensee gewesen ist, denn in der ganzen weiten Hochebene findet der Bauer, 
bei tiefem Umpflügen seiner Reisfelder, noch öfter Bootsplanken und selbst ganze 
Boote in der Erde. Die dortigen Höhlen sind einkaramerig und haben ungefähr 
gleiche Grösse, bei etwa 7 Fuss Tiefe und über 4 Fuss Höhe. Die Vorderwand 
ist sehr schmal und wird fast vollständig von der Thüröffnung eingenommen, wäh- 
rend die Hinterwand viel breiter ist. Die Seitenwände sind unten leicht concav 
und divergiren nach oben, während die Hinterwand senkrecht ansteigt. Ein scharfer 
Einschnitt trennt die Seitenwäude von der spitzbogenartig gewölbten Decke. 
Fig. 3 stellt die Hinterwand, Fig. 4 die Bodenfläche und Fig. 5 den Eingang und 
die Vorderwaud von innen dar. Aussen um die Eingänge der Höhlen ist das Ge- 



Figur 4. 



Figur 5. 



Figur 3. 






stein (Tuff) Thürpfosten-artig eingeschnitten, wie Fig. 6 zeigt, doch liess sich nicht 
ermitteln, ob dies nicht eine spätere Zuthat ist. Kleinere, viereckige Löcher im 
Fels, die man auch auf der Zeichnung dargestellt sieht, stammen mit Sicherheit 
aus neuester Zeit und dienten zur Aufnahme von Lampen, wenn der Weg er- 
leuchtet werden sollte. Dass aber die Gestalt des Berges in neuerer Zeit Um- 
änderungen erfahren hat, geht aus der Inschrift eines dicht am Wege stehenden 
Deukmales hervor, welche besagt, dass man im Jahre 1817 (im 15. Jahre der 
Periode ßunkwa) einen neuen Weg zur Burg angelegt und dabei mehrere Höhlen 
zerstört oder blossgelegt habe. Die darin gefundenen irdenen Gefässe und mensch- 
lichen Gebeine wurden an der Stelle dieses Denkmals erfurchtsvoU der Erde wieder 
übergeben. Ferner spricht der Verfasser dieser Inschrift seine Verwunderung dar- 
über aus, dass keine Holzreste vorgefunden wurden, jedenfalls im Hinblick darauf, 



(118) 

Figur 6. 






>*'•■ 










dass die Todten gewöhnlich in hölzernen Gefässen bestattet werden. Er scheint 
nicht gewusst zu haben, dass die Feuerbestattung im Alterthum sehr verbreitet 
war, sich in Japan bis in die Gegenwart hinein erhalten hat und jetzt wieder einen 
neuen Aufschwung nimmt. 

So weit reichen meine eigenen Beobachtungen. Nun soll es aber noch einen 
dritten Typus solcher gegrabenen Höhlen geben, bestehend nehralich aus einer 
grösseren Kammer, in welche ringsherum kleinere Kammern einmünden. Da ich 
jedoch keine Gelegenheit mehr hatte, eine solche Höhle aufzusuchen, so muss ich 
mich darauf beschränken, ihr Vorhandensein einfach zu erwähnen. 

So viel über das Vorkommen und die Beschaffenheit der Felskammern. Es 
fragt sich nun, was enthalten sie und wozu dienten sie? 

Meine Bemühungen, durch eigene Nachgrabungen zur Lösung dieser Fragen 
beizutragen, sind nahezu erfolglos geblieben, und zwar, wie ich später von einem 
eifrigen japanischen Sammler erfuhr, aus dem sehr triftigen Grunde, weil die 
Höhlen mit blossgelegtem Eingang alle schon geplündert sind, und zwar so gründ- 
lich, dass ich, in den Dolmen wenigstens, nichts weiter fand, als eine kleine Silber- 
flitter, wie sie bis in die neueste Zeit hinein auf den Li u-Kiu- Inseln, auf Fäden 
gereiht, als Geld benutzt wurden. Etwas glücklicher war ich bei Kamöda, wo 
ich, ausser dem schon erwähnten Urnendeckel, wenigstens noch einen Haufen zu- 
sammengebackener calcinirter Menschenknochen fand und dazu ein Bruchstück vom 
Rande einer Urne. Dass aber die Urne selber fehlte und der Deckel nicht zu den 
noch vorhandenen Randstücken passt, ist Beweis genug, dass die Höhle mehrere 
Thongefässe enthalten hat, aber auch schon durchsucht und beraubt worden ist. 

Wahrscheinlich hat man dabei, absichtlich oder aus Versehen, den Rand der 
Urne zerschlagen und ihren Inhalt, die Knochen, als widerwärtige Beigabe aus- 
geschüttet und liegen lassen. Eines aber, scheint mir, kann mau mit ziemlicher 
Sicherheit aus meinem Funde schliessen: Diese kleinen gegrabenen Höhlen dienten 
als Begräbnissplätze. Dasselbe bezeugt auch die erwähnte Inschrift bei Mameda 
von den dortigen Höhlen. 

Unberührte Dolmen werden nur selten und dann ganz zufällig gefunden, wenn 
nehralich in den Bergen gerodet wird, um neues Land für den Ackerbau zu ge- 
winnen. Wer aber einen solchen Bau aufdeckt, der verheimlicht ihn entweder, 
um die Ausbeute nicht der Regierung ausliefern zu müssen, oder er lässt ihn ganz 
unberührt, aus Scheu vor dem Unbekannten oder vor den Teufeln, welchen diese 
Bauten ja als Behausung dienen sollen. 

Unter diesen Umständen muss ich mich also auf das Zeugniss von Alterthums- 
forschern und Antiquitätenhändlern berufen, wenn ich raittheile, was man in den 
Dolmen findet. 



(11!-)) 



Eine kleine Sammlung, die ich z. Th. habe abltilden lassen, gewährt einen 
schnellen Ueberblick. Da findet man Thouwaare, Schmucksachen, steinerne Pfeil- 
spitzen, Obsidiansplitter, und schliesslich ein verrostetes Schwert. Dazu würden 
noch Knochen gehören, von denen ich aber nichts besitze. 

Beginnen wir mit der Betrachtung der gebrannten Waare. Ihre Farbe ist 
meistens grau, wie die Dachziegel in Japan; doch kommen auch einzelne Stücke 
aus rothem Thon vor. Das Material ist durchgehends sel^r^ unrein; häufig en- 
thält es grosse Quarzköruer. Alle Gefässe sind auf der Drehscheibe geformt. Der 
Halstheil ist fast immer nachträglich augesetzt, sowohl bei Gefässen mit enger 
Oeffnung, wie bei Urnen mit sehr weitem Halse. 

Ein Gefäss mit schief aufsitzendem Halse (ähnlich wie Fig. 7) trägt die un- 
verkennbaren Spuren der Fingernägel rings um den Hals herum, wo sie sich beim 
Zusammenkneten der beiden Theile eindrücken mussten. Besser noch erkennt man 
es, wenn man die Innenseite betastet oder mit Hülfe eines Kehlkopfspiegels be- 
trachtet. Das nachträgliche Ansetzen des Halses wird übrigens noch heute in Japan 
vielfach geübt, besonders bei solcher Waare, welche, wie die kleinen irdenen Thee- 
kiinnen, über einer auseinandernehmbaren Form gearbeitet wird. 



Figur 7. 



Figur 8. 



Figur 8a. 



Figur 8b. 






In den beifolgenden Abbildungen zeigt sich schon eine auffallende Mannich- 
faltigkeit, die in meiner Sammlung noch viel autfälliger hervortritt. Da sind weit- 
bauchige Urnen mit scharf aufgesetztem, geradem und engem Halse, zu dem jeden- 
falls noch ein Deckel gehörte; andere mit weiter Oeffnung und umgelegtem Rande, 
Fig. 8. Aehuliche Formen zeigen die Figuren 8a, b und c. 




Figur 9. 



Figur 10. Figur 11. Fi-^ur 12. 






Im Gegensatz dazu ist in Fig. 9 der Bauch stark zusammengeschrumpft, wäh- 
rend der trompetenförmige Halstheil das üebergewicht hat. Auch Fig. 10 stellt 
eine ähnliche Form dar. Andere wieder sind plattgedrückt, mit excentrisch an- 
gesetztem Halse (Fig. 7 und 12). Daneben kommt auch die Feldflaschen-Form 
vor, manchmal mit kleinen, undurchbrochenen Henkeln am Rande, dicht neben 
dem Halse. Das deutet darauf hin, dass das Gefäss zum Aufhängen mittelst einer 
Schnur bestimmt war, vermuthlich an einer Wand, weil die eine Seite stärker ab- 
geflacht ist, als die andere. 



(120-) 

Andere Gefässe, wie z. B. das in Fig. 9 wiedergegebene, dessen Bauch von 
einer scharf geschnittenen, kreisrunden Oeffnung durchbohrt ist, wurden vermuth- 
lich mittelst eines Stieles befestigt. 

Ich komoie nun zu einer zweiten Reihe von Gefässen. Es sind ziemlich tiefe 
Schalen, zu welchen manchmal ein Deckel passt, und welche auf einem angesetzten, 
verhältnissmässig hohen Fusse ruhen, der immer durchbrochen ist und durch- 
brochen sein muss, weil er sonst beim Brennen aufreissen würde. Beim An- 
bringen dieser, immer sehr scharfrandigen Oeffnungen hat man, wie es scheint, aus 
der Noth eine Tugend gemacht, indem man sie in mehrfacher Anzahl einschnitt, 
und so vertheilte, dass sie zugleich decorativ wirken (Fig. 12«, b, c und 13). 

Was endlich die vorliegenden Deckel betrifft, zu denen mir leider die passen- 
den Gefässe fehlen, so sind sie, wie der Asiate sich ausdrücken würde, theils 
männlich, theils weiblich: die einen greifen über, die anderen sind zum Einsetzen. 

Damit ist nun bei weitem nicht alles erschöpft, was die Einbildungskraft und 
die Geschicklichkeit der alten Töpfer hervorgebracht hat, wie aus den Zeichnungen 
Fig. 14 — 17 hervorgeht, zu denen ich die Originale bei einem Trödler und bei 
einem Antiquitätensammler antraf. Fig. 14 ist ein Stück von über 60 cm Höhe, 
welches fast wie ein Leuchtthurm aussieht. Es stellt eine kleine Schale auf sehr 
hohem Fusse dar. Letzterer besteht aus einem Conus mit daraufgesetztem Cylinder. 
Höchst merkwürdig sind die Verzierungen; deon ausser den gewöhnlichen ein- 
gedrückten Kreisen und Wellenlinien finden wir noch plastisch aufgesetzte Thiere, 
an deren Bestimmung wohl auch ein besserer Zoologe, als ich es bin, verzwei- 
feln dürfte. Unten, um den oberen Theil des Kegels, treiben sich einige Vier- 
füssler herum. Die am Cylinder klebenden Thiere stellen wohl Schildkröten dar, 
während die zahlreichen kleinen Dinger am oberen, etwas aufgeblähten Ende des 
Cylioders und an der Aussenfläche der abschliessenden Schale Vögel bedeuten 
sollen. 

Weiter finden wir in Fig. 15 eine Drne, deren Bauch oben, neben dem Halse, 
drei kleinere Urnen von derselben Gestalt trägt, wie das Hauptgefäss. Ausserdem 
ist sie in ihrem breitesten Theile an einer Seite von zwei Löchern durchbohrt, die, 
wie man denken sollte, doch nur die Bedeutung haben können, eine Handhabe 
für die Befestigung abzugeben. Dem widerspricht aber die merkwürdige Thatsache, 
dass dieses Gefäss auf der eben beschriebenen Schale mit dem Leuchtthurm-artigen 
Fuss ruhend gefunden wurde. Wir werden aus diesem Umstände zugleich den 
Schluss ziehen müssen, dass viele von den vorher erwähnten Schalen zu Unter- 
sätzen für Urnen mit stark gewölbtem Boden dienten. Selbst für recht grosse 
örnen fehlt es nicht an passenden Schalen, wie Fig. 126 zeigt. In anderen Fällen 
hat man die kugelbäuchigen Gefässe von vornherein fest mit ihren Füssen ver- 
bunden, wovon mau in Fig. 12 ö und 12c Beispiele findet. 

Zwei andere, höchst merkwürdige Gefässe geben die P'iguren 16 und 17 wieder: 
Pig. 16 macht auf uns den Eindruck einer Tonne, mit einem Trichter im Spund- 
loch. Der Japauer dagegen wird darin nichts weiter sehen, als eine Vase, di-reu 
Bauch unter der Form eines aus Stroh geflochtenen Keissackes dargestellt ist. Das 
in Fig. 17 dargestellte Gefäss ist flach, unten in zwei Ecken ausgezogen. Ueber 
seinen Bauch verlaufen Zeichnungen, welche wohl den Anschein erregen sollen, 
als wäre es aus mehreren Stücken zusammengenäht. Auf mich hat es den Ein- 
druck gemacht, als ahmte es einen genähten Lederbeutel nach. 

Ich gebe noch die Abbildung eines Gesichtsziegels (Fig. 18), der zwar nicht 
zu den Gräberfunden gehört, aber sehr all ist und aus Dazaifu stammt, der alten 



(121) 

Hauptstadt des japanischen Reiches, in der Provinz Tshikuzen aufKvushn 
welche aber schon vor 900-1000 Jahren ihre Bedeutung verlor und .schi.esslich 
ganz zu Grunde ging. Das heutige Dazaifu steht an einer ganz anderen Stelle 
Aber an der Stelle der alten Stadt findet n^an noch die Spuren grossartiger Palast- 
und lempelanlagen, und man gräbt dort Ziegel aus, ^ie sie heute nicht mehr ge- 
macht werden. Da ich mir einen Gesichtsziegel, die sehr selten jind. nicht ver- 
schaften konnte, so habe ich wenigstens einen gewöhnlichen 5«egel und ein Bruch- 
stück eines anderen mitgebracht, welcher Randverzierungen trägt, die eben so gut 
griechischen oder römischen Ursprungs sein könnten (Fig. 19). 



Figur 12 lt. 



Figur 12 Ij. 



Figur 13. 




Die Verzierungen der Thonwaare aus den Dolmen sind möglichst einfach, 
•lan sieht ausser den Spuren der Drehscheibe noch absichtlich tiefer eingedrückte 
Preise, einfach oder zu mehreren, und dazwischen kurze Linien, gerade oder schräg 
;estellt, die entweder mit dem einfachen Stäbchen oder mit dem Kamm eingedrückt 
wurden. Daneben kommt noch die einfache oder mehrfache Wellenlinie vor, und 
:orbgeaechtartige Muster, die manchmal den ganzen Bauch des Gefässes bedecken 
üd jedenfalls mit einem Stempel eingedrückt worden sind. Das ist, im Grunde ge- 
lommen, alles, was ich gesehen habe. Eine Ausnahme machen nur die beiden 
ussergewöhnlichen Gefasse von der Form des Reissacks und des Beutels, wo die 
erzierungen eben in der Nachahmung des dargestellten Gegenstandes bestehen. 




® ^ 



(122) 

Ich komme nun zu den in den Dolmen gefundenen Schmucksachen. Das eigen- 
artigste darunter ist das, was die Japaner kudatama und magatama nennen, 
und was nichts weiter bedeutet, als werthvolle Steine in Röhrenform oder gebogen. 
Die Magatama sind von halbmondförmiger Gestalt, aber das Ende des einen Hornes 
ist breiter als das andere und quer durchbohrt. Es erinnert an eine, in Japan 
sehr beliebte Figur, an das Tomoye, das wohl am bekanntesten ist unter der 
Form des Mitstomoye, des dreifachen Tomoye (Fig. 20). Das zweifache heissst 

„. „„ Futatomoye. Es liegt nahe, daran 

Figur 20. 

zu denken, dass der Figur eine Vor- 
stellung lasciven Charakters zu 
Grunde liegt, indessen habe ich Be- 
stimmtes darüber nicht in Erfahrung 
bringen können. 

Ferner möchte ich darauf auf- 
merksam machen, dass es in Japan einige Schmetterlinge giebt, welche dieses 
Zeichen tragen, doch würde es zu weit führen, jetzt darauf einzugehen. 

Die röhrenförmigen Steine haben sich bis jetzt in Gebrauch erhalten, aller- 
dings in Thon nachgeahmt, und dabei sehr viel grösser als die alten. Sie dienen 
den Bauern zum Ausschmücken des Pferdegeschirres. 

Das Material zu diesen Halbmonden, Röhren und kleineren, perlenartigen 
Dingen haben Steine geliefert von den verschiedensten, doch meist grünen Farben 
und von den verschiedensten Härtegraden. Manche werden vom Stahl nicht an- 
gegriffen, andere sind so weich, dass der Fingernagel sie ritzt. So weit ich beur- 
theilen kann, ist Nephrit darunter. Daneben kommen aber auch richtige Glas- 
perlen vor, meist blau oder hellgrün und durchscheinend, doch auch opake, unter 
anderen zinnoberrothe. 

Von anderweitigem Schmuck habe ich nur Ringe kennen gelernt, die mit Gold- 
oder Silberblech übei'zog-en sind. Sie bilden keinen geschlossenen Kreis, sondern 
stehen immer offen, und zwar in der Art, dass die beiden scharf abgeschnittenen 
Enden einander gegenüberstehen. Meist sind sie so eng, dass kaum oder nicht 
einmal der Finger eines Japaners hindurchgeht. 

Was endlich die Waffen betrifft, so haben wir Pfeile und vielleicht auch Lanzen- 
spitzen aus Stein, meistens geschlagen, doch manchmal auch geschliffen, je nach 
der Art des Materials. Ferner Obsidiansplitter und Bruchstücke von Messern aus 
demselben Gestein, Ausserdem aber werden öfter eiserne Schwerter gefunden, von 
denen auch eines in meinen Besitz gelangt ist. Selbstverständlich ist es fast 
völlig vom Rost verzehrt, aber es lässt noch deutlich seine ursprüngliche Form 
erkennen, und diese ist auffallend modern. Auch einen eisernen Steigbügel hat 
man in der Nähe von Saga gefunden und vergoldete Knöpfe oder Buckel aus 
Eisen, die vermutblich an Helmen oder Schilden gesessen haben. 

Diese Aufzählung enthält durchaus nicht Alles, was in den Dolmen vorkommt, 
aber ich habe es vorgezogen, mich auf das zu beschränken, was ich selber bei . 
japanischen Sammlern gesehen habe, und zwar unter Umständen, welche einen \ 
etwaigen Betrug mit grosser Sicherheit ausschliessen. üass ich aber überhaupt 
an die Möglichkeit von Fälschungen dachte, dazu hatte mein Besuch in Dazaifu 
Veranlassung gegeben, wo man mir sehr harmlos erzählte, dass die Bauern die 
so beliebten und schon selten werdenden alten Ziegel nachmachten und tief auf 
ihren Aeckern vergrüben, um sie nach Bedarf wieder hervorzuholen. Ja, es soll 
Familien geben, welche dabei einen Turnus von 50 Jahren einhalten, so dass, was 



(123) 

heute eingegraben wird, erst nach 50 Jahren wieder ans Licht kommt. Auch die 
Steinwaffen sollen nachgemacht werden, nicht aber die andere Thonwaare, weil 
sich so wenig Liebhaber dazu finden, dass ein solches Geschäft nicht lohnen würde. 
Ich bin indessen an der Richtigkeit dieser Behauptung irre geworden, als ich bei 
einem Trödler die beiden merkwürdigen Dinge sah, welche ich ja auch habe ab- 
bilden lassen, den Reissack und den Lederbeutel in Thon. Die ganze Behandlung 
dieser beiden Stücke ist derart, dass sie gewiss nicht von d^iselben Menschen an- 
gefertigt worden sind, welche die übrige Waare hergestellt haben. Zudem war das 
Beutelgefäss glasirt, während sonst jede Spur von Glasur fehlt. Trotzdem aber 
braucht keine Fälschung vorzuliegen; das Gefäss kann aus einer späteren Zeit 
stammen, als die übrige, rohe Thonwaare, und doch in den Dolmen gefunden sein, 
wie wir gleich sehen werden. 

Wenn man nehmlich noch einmal das, was ich habe vorlegen können, ül)er- 
hlickt, so wird man sagen, dass das recht verschiedenartige Dinge sind, zwischen 
denen es schwer halten dürfte, einen Zusammenhang herzustellen. Steinerne Pfeil- 
spitzen und Übsidianmesser passen nicht recht zu einem Schwerte von Stahl und 
von eleganter Form, ebenso wenig, wie die, augenscheinlich sehr mühsam mit dürf- 
tigen Hülfsmitteln geschliffenen Stein-Zierrathen zu den recht modern aussehenden 
Glasperlen und goldplattirten Kupfer- oder Eisenringen. Um das Räthsel zu lösen, 
müsste man unterrichtet sein über die Lagerung dieser Gegenstände in den Dolmen 
und über ihre verhältnissmässige Häufigkeit. Leider habe ich nichts entscheidendes 
ermitteln können, weil die Finder darauf nicht geachtet hatten. Da aber die japa- 
nische Regierung, auf die Wichtigkeit solcher Untersuchungen aufmerksam gemacht, 
die Sache jetzt selber in die Hand genommen hat, so dürfen wir wohl schon für 
die nächste Zeit Berichte über sorgfältig geleitete Ausgrabungen erwarten. Wenn 
wir somit unser endgültiges Urtheil auch noch aufschieben müssen, so sind wir, 
meines Erachtens, doch schon aus der Natur der gefundenen Gegenstände berech- 
tigt, zu schliessen, dass wenigstens einzelne Dolmen noch zugänglich waren und 
zu irgend welchen Zwecken benutzt wurden, als ihre ursprüngliche Bedeutung 
schon längst in Vergessenheit gerathen war. Diese Meinung wird unterstützt durch 
viele Erzählungen und Sagen, welche erst in historischer Zeit entstanden sind, und 
in denen es heisst, dass in dieser oder jener Periode Teufel in den Holden der 
Berge hausten, von wo aus sie das umliegende Land unsicher machten und raubten 
und mordeten, und mancher Berg, wie beispielsweise der Oye-yama, hat dadurch 
eine traurige Berühmtheit erlaugt. Die Teufel der Sage waren in der That nichts 
weiter als gewöhnliche Räuberbanden, zu deren Unterdrückung, wie geschichtlich 
beglaubigt ist, oft bedeutende Streitkräfte aufgeboten werden mussten. Da nun 
natürliche Höhlen in den japanischen Bergen wirklich recht selten sind, so kann 
man unter den hier genannten Höhlen nur die Dolmen verstehen, worauf noch ganz 
besonders der volksthümliche Name derselben hinweist. Ich hatte ja schon er- 
wähnt, dass man sie Felswohnungen der Teufel uennt. Seit diesen Zeiten der Un- 
sicherheit sind aber schon wieder gegen 6Ü0 Jahre vergangen, lange genug, um 
viele dieser Kammern versanden zu lassen und die äusserlichen Spuren ihres 
späten Gebrauches zu verwischen. 

Diese Auffassung erklärt zur Genüge, warum wir in manchen Dolmen so wenig 
zu einander passende Geräthe finden. Dann bleiben uns aber als wesentlich nur 
die Thongefässe, die menschlichen Knochen und wahrscheinlich auch das Stein- 
geräth (Waffen und Schmuck) übrig, und es zeigt sich, dass in Japan, ebenso wie 
bei uns, die Dolmen Begräbnissplätze darstellen. Ob sie das ausschliesslich waren, 



(124) 

bleibt dahingestellt, deoa mau kann die Vermutliung nicht von der Hand weisen, 
dass sie auch sonst noch zu religiösen Verrichtungen dienten, sollte es auch nur 
eine Art von Todtencultus gewesen sein. Zu dieser Annahme veranlasst mich die 
Form so vieler Gefässe, welche darauf berechnet zu sein scheint, nur vorüber- 
gehend zur Aufnahme irgend welcher Gegenstände zu dienen. Auch die Erhal- 
tung^ dieser Gefässe spricht dafür, denn alle ihre Eindrücke und auch ihre zu- 
fälligen Ecken und Rauhigkeiten sind so scharf geblieben, als ob sie eben erst aus 
dem Feuer hervorgegangen wären. Sie sind also wenig und selten gebraucht 
worden, während sie andererseits, gegenüber den Aschenurnen, mit zu viel Aufwand 
von Geschicklichkeit hergestellt sind, um anzunehmen, dass sie nichts weiter dar- 
stellen, als Beigaben beim Begräbniss. 

Bei dieser Gelegenheit kann ich nicht unerwähnt lassen, dass in vielen Dolmen 
jetzt ein buddhistischer Heiliger, den man Jizo nennt, aufgestellt ist. Auch ihm 
werden Blumenspendeu dargebracht, aber da er noch in geschichtlicher Zeit auf 
japanischer Erde gewandelt hat, so ist sein Cultus nicht als eine Fortsetzung des- 
jenigen zu betrachten, der in alten Zeiten hier stattgefunden haben mag. 

Nun bleiben noch die zwei wichtigsten Fragen zu erledigen: Zu welcher Zeit 
sind die Dolmen gebaut worden, und wer hat sie errichtet? 

Die erste Frage wird man geneigt sein, dahin zu beantworten, dass sie aus 
vorgeschichtlicher Zeit stammen. Indessen muss man doch berücksichtigen, dass 
die Erfahrungen in Europa nicht ohne weiteres Anwendung auf ein Land finden, 
welches durch die ganze Breite Asiens von uns getrennt ist. "Wenn die Dolmen 
Europas vorgeschichtlichen Ursprunges sind, so kann in Japan ihre Erbauung 
trotzdem bis in geschichtliche Zeiten hineinreichen. In Japan selber glaubt man 
das und nimmt an, dass sie den Menschen als Zufluchtsstätten dienten, wenn es 
galt, sich gegen gewisse Naturgewalten zu schützen, z. B. „wenn es Feuer vom 
Himmel regnete, oder wenn ein feuriger Wind wehte". Diese Auffassung muss als 
rein willkürlich zurückgewiesen werden. Ich will zwar nicht leugnen, dass, beim 
Hereinbrechen vulkanischer Verwüstungen, Menschen sich in Dolmen verkrochen 
haben mögen, aber erbaut wurden sie zu diesem Zwecke nicht, denn wir haben 
gesehen, dass sie vor allen Dingen als Grabstätten dienten. Die üeberlieferung 
lässt uns also in Stich, und die Geschichte desgleichen. Man darf nehmlich nicht 
vergessen, dass die japanische Geschichte viel später beginnt, als man früher glaubte. 
Die japanische Regierung hat zwar für die Eroberung des Landes eine bestimmte 
Jahreszahl festgesetzt, 660 v. Chr., aber die einigermaassen beglaubigte Geschichte 
dürfte nicht über das dritte Jahrhundert unserer Zeitrechnung zurückreichen, wäh- 
rend die ersten Geschichtswerke gar erst aus dem siebenten Jahrhundert stammen. 
Da auch die chinesische Geschichte uns keine nennenswerthen Aufschlüsse über 
Japan bringt, so bleiben die Anfänge der Geschichte Japans vorläufig noch in 
Dunkel gehüllt, in welches die Mythe und archäologische Funde nur spärliche 
Strahlen werfen. 

Die Mythe berichtet, dass, mehrere Generationen hindurch, die Götter ihre 
Söhne auf die Erde sandten, um die dort lebenden bösen Teufel zu vertreiben. 
Anfangs kämpften sie mit entschiedenem Unglück oder machten sogar gemein- 
schaftliche Sache mit den Teufeln, nahmen sich von ihnen Weiber und kehrten 
nicht zurück. Endlich aber wurde das Land doch unterworfen, und der erste Be- 
herrscher desselben, Jimmu Tenno, gilt als der Stammvater des noch jetzt re- 
gierenden Kaiserhauses. Dabei muss man aber im Auge behalten, dass der Norden 
der Hauptinsel erst ungefähr im achten Jahrhundert unserer Zeitrechnung und 
nocli später unter die Botujässigkeit der Japaner gerieth. 



(125) 

Hier haben wir also einen deutlichen unterschied zwischen einem eingesessenen 
und einem erobernden Volke. Waren beide Völker aber auch ihrem Wesen nach 
verschieden? Vielleicht nicht, denn das erobernde Volk hatte ja vorher schon 
Sitze im Lande selbst, in Hyuga, im Südosten von Kyushu. Von hier aus ging 
der Eroberuugszug nach Norden. Das schliesst aber andererseits nicht aus, dass 
die göttlichen Vorfaliren der Eroberer, wie sie von der Mythe bezeichnet werden, 
doch, von aussen her kommend, erst eingewandert waren, thfd ich glaube es mit 
aller Bestimmtheit. 

In den nördlichen Provinzen nehnilich, welche erst vor nahezu 1000 Jahren 
dem übrigen Lande einverleibt wurden, lässt sich noch viel Ainoblut nachweisen, 
woraus man schliessen möchte, dass die unterworfenen Stämme überall Aino 
waren, ein Volk, das jetzt auf Yezo und Sachalin zurückgedrängt und auf einige 
100 000 Menschen zusammengeschmolzen ist. Wenn die Besiegten aber keine Aino 
waren, so standen sie sicher auf ähnlicher Bildungsstufe. Die jetzt herrschende 
Rasse hat einen ganz anderen Typus als die Aino, und dabei zeigt sie durchaus 
kein einheitliches Gepräge. Ausser Ainoblut lassen sich noch malaiische Elemente 
nachweisen. Wahrscheinlich also ist der Anstoss zur Eroberung von einem Volke 
ausgegangen, das ausserhalb Japans im Süden wohnte, und welches malaiischer 
Abstammung oder wenigstens mit Malaien gemischt war. 

Eine solche Annahme erklärt mancherlei und hilft über viele Schwierigkeiten 
hinweg. Dass die Malaien gute Waffenschmiede sind, ist bekannt, und in J;ipan 
war das erobernde Volk den Eingeborenen durch die Vollendung seiner Waffen 
weit überlegen; ja, die Aino besitzen heut zu Tage noch kein Eisen. Wenn nun 
das erobernde Volk von aussenher kam, so ist es ganz natürlich, dass es haupt- 
sächlich aus Kriegern bestand, die sich um die Gewerbe des Friedens wenig 
kümmerten. Töpfer sind sie jedenfalls nicht gewesen, sonst würden sie, nach dem 
Eroberungszuge der Kaiserin Jingo Kogu nach Korea, nicht Töpfer von dort ins 
Land gerufen haben, um diese Zeit (nach 200 p. Chr.) scheinen aber auch die 
Koreaner noch nicht viel von dieser Kunst verstanden zu haben, denn das, was 
uns an alter Waare oder an Nachbildungen derselben erhalten blieb, ist unglaub- 
lich plump und roh, und wird durch die Dolmenfunde weit in den Schatten ge- 
stellt. Solche alte koreanische Waare wird jetit noch in den ästhetischen Tliee- 
gesellschaften (tsha no yü) gebraucht, und wer sich ächte Waare nicht verschaffen 
kann, nimmt mit Nachahmungen vorlieb. Nur einen Vorzug hat die Koreawaare, 
sie besitzt Glasur, und zwar Salzglasur wie Email. Die Eroberer Japans dagegen 
scheinen Glasur nicht gekannt zu haben, worauf zwei alterthümliche Gebräuche 
hindeuten. Den Verstorbenen werden Opfer in kleinen, flachen Schalen von un- 
glasirtem, schwach gebranntem Thon dargebracht, und zu Neujahr wird ein aroma- 
tisch gemachter Sake (Reisbier) aus ähnlichen, nur etwas grösseren Schalen ge- 
trunken. Es sind dies, wie es scheint, uralte Gebräuche, und es ist wohl kaum 
daran zu denken, dass man die Thongefässe jetzt einfacher macht als früher. 

Halten wir also alte koreanische Waare, ächte oder in Japan nachgemachte, 
mit den Dolmeufunden zusammen, so müssen wir gestehen, dass es die Verfertiger 
der letzteren in der Behandlung des Thons weiter gebracht hatten, und dass sie 
sich in der Formgebung schon auffallend frei bewegten. Deshalb lässt sich die 
Thonwaare in den Dolmen nicht auf koreanischen Einfluss zurückführen und muss 
in eine frühere Zeit verlegt werden. Ob aber diese alten Thonkünstler zugleich 
auch die Erbauer der Dolmen waren, darüber möchte ich mich jetzt noch nicht 
aussprechen. Bedenklich ist nehralich der Umstand, dass alle Stücke, die ich ge- 
sehen habe, auf der Drehscheibe gefertigt sind, welche doch den Erbauern der 



(126) 

europäischen Dolmen noch unbekannt war. Nehmen wir dies als Maassstab für 
die Beurtheilung der japanischen Dolmen, so werden wir zu der Annahme gedrängt, 
dass in Japan nach einander drei Völker ansässig gewesen sind: erstens die Dolmen- 
bauer, zweitens die Verfertiger der besprochenen Thouwaare, welche wahrscheinlich 
das von Jimmu unterworfene Volk darstellen, und drittens das japanische Volk in 
seiner jetzigen Zusammensetzung. 

Eine solche Annahme hat sehr viel für sich, denn wenn wir auch unter den 
jetzigen Japanern malayische und A ino-Elemente finden, so weist doch das 
Volk in seiner Gesammtheit einen Typus auf, der vom Malayen wie vom Aino 
wesentlich verschieden ist. Man rechnet allgemein die Japaner zu den Mongolen, 
aber sie unterscheiden sich auf den ersten Blick so sehr von denjenigen Mongolen, 
welche die gegenüberliegende Küste des Festlandes bewohnen, dass es schwer hält, 
sich einen unmittelbaren Zusammenhang mit denselben vorzustellen. Dazu kommt, 
dass die, in geschichtlicher Zeit mehrfach vorgekommenen Zuzüge aus China und 
Korea so gut wie gar keine Spuren hinterlassen haben, weil sie gegenüber der 
Masse des Volkes so unbedeutend waren, dass sie nach bekanntem Gesetz in ihm 
aufgehen raussten. 

Wenn wir also die Japaner Mongolen nennen, so stellen sie jedenfalls einen 
selbständigen Stamm dar, der sich entweder in seiner Eigenart noch erhalten hat, 
trotz des unverkennbaren Einflusses, welchen Malayen und Aino auf ihn ausübten, 
oder der gerade durch diese Einflüsse sein eigenthümliches Gepräge erhalten hat. 
Bei dieser Gelegenheit möchte ich aber darauf aufmerksam machen, dass man bei 
weiteren Untersuchungen über diese Fragen mehr als bisher die Bewohner der 
Philippinen wird heranziehen müssen, die oft den Japanern recht ähnlich sind. 

Fassen wir das alles kurz zusammen, so ergiebt sich, dass wir in Japan 
mehrere auf einander folgende und sich z. Th. mit einander mischende Völker an- 
nehmen müssen, weshalb es kein Bedenken haben würde, in den Dolmenerbauern 
ein anderes Volk zu vermuthen, als dasjenige, welches die besprochene Thonwaare 
geliefert hat. Unter allen umständen aber hat das japanische Volk in seiner 
jetzigen Zusammensetzung weder die Dolmen erbaut, noch die Thonwaare darin 
niedergelegt. — 

Hr. Olshausen glaubt zu erkennen, dass einer der vorgelegten eisernen Ringe 
aus dickem Draht, aber von kleinem Durchmesser zweifach plattirt sei, erst mit 
Kupfer oder Bronze, dann mit Gold. Aehnliche Technik zeigen die Nietköpfe 
mancher Schildbuckel aus später Zeit in Europa, so die an einem grossen Buckel 
etwa aus dem 9. Jahrhundert, gefunden in einem Brandgrabe auf der Insel Amrum, 
Schleswig-Holstein. 

(lü) Hr. G. A. B. Schierenberg übersendet aus Frankfurt a. M., IG. December 
1886, die nachstehende Grundrisszeichnung des 

Mithraeum in dem Externsteine 

und macht auf die Aehnlichkeit desselben mit dem kürzlich entdeckten Mithras- 
Tempel zu Ostia aufmerksam. Besonders bemerkenswerth sei es, dass das Tauf- 
becken, welches sich im Externsteine in der Sohle des Fussbodens tinde, ebenso J 
in Ostia wiederkehre. Dagegen seien au letzterer Stelle wohlerhaltene Dar- ! 
Stellungen der Thierkreisbilder, aber nicht in der Reihenfolge der Monate. Daher j 
würde es sehr lehrreich sein, darüber Genaueres zu erfahren. Die Stelle in den i 
JSotizie degli Scavi di Antichitä, 1886 Maj. laute: Nel piano dei sedili sono ! 



(127) 




pRUNDRISS Des /AlTHF^ÄEUM 

EXTEI^NSTEINEN. '^^^iSs— 

rappresentate le 12 costellazioni, perö senz'ordiue, ossia contro le normale successione 
dei mesi e delle staziotii. Ogni simbolo e accompagnato da una grande Stella. 

(11) Eingegangene Schriften. 

1. Brinton, Daniel G., The conception of love in sorae American languages, 

Philadelphia 1886; Gesch. d. Verf. 

2. Steinen, Karl von den, Die Bedeutung des Schingü für die Ethnologie des 

nördlichen Südamerika. Aus der Revue coloniaie internationale; Gesch. d. 
Verf. 
'S. Derselbe, Besprechung von Joaö Barboza Rodrigues': Die Krischana-Indi- 
aner; Ausland 1887, 1; Gesch. d. Verf. 

4. Vedel, E., Bornholms Oldtidsnainder og Oldsager, Kjöbenhavn 1886; Gesch. 

d. Verf. 

5. Brinton, D. G., The phonetic elements in the graphic Systems of thc Mayas 

and Mexicans; from American Antiquarian Nov. 1886; Gesch. d. Verf. 

6. Forrer, R., jun., Die Frage nach einer Hörn- resp. Knochenzeit, insbesondere 

in Bezug auf die Schweiz; aus Mittheilungen d. anthrop. Ges. Wien Bd. 16; 
Gesch. d. Verf. 

7. Jacob, Georg, Der nordisch - baltische Handel der Araber im Mittelalter, 

Leipzig 1887; überreicht durch Hrn. Virchow. 
H Nicolaysen, N., Norske Fornlevninger, Kristiania 1862 — 66; und Mindcs- 

milrker af Middelalderens Kunst i Norge; durch Kauf. 
9. Petermann 's Geographische Mittheilungen 1886. 
U). Proceedings of the Royal Geographical Society 1886. 

11. Globus 49 und 50, 1886. 

12. Ausland 1886. 

9 — 12 Geschenke des Herrn K. Künne, 
\'i. Original-Mittheilungeu aus der ethnologischen Abtheiluiig der K. Museen zu 
Berlin, I 1886, Heft 2 — 4; Gesch. der General Verwaltung. 

14. „Fernschau", Jahrbuch der mittelschv?eizerischen geographisch-commercielleu 

Gesellschaft in Aarau, Bd. 1, 1886; zur Einleitung des Tauschverkehrs, 

15. Schriften d. phys.-öconom. Ges. zu Königsberg, Jalirgg. 12, 13, 15 — 17; Gesch. 

d. Ges. 

16. Proceedings of the Davenport Academy of natural Sciences, Vol. IV, 1882 — 84; 

zur Einleitung des Tauschverkehrs. 



(128) 

17. The Scottish Geographica! Magazine Vol. I and II, 1885 und 86; zur Einlei- 

tung des Tauschverkehrs mit d. Scottish Geographica! Society. 

18. Verhandlungen des deutschen wissenschaftlichen Vereins zu Santiago, Heft 4 

Valparaiso 1886. 

19. Protokolle der Generalversammlung d. Gesammtvereins d. deutscheu Geschichts- 

uud Alterthumsvereiue zu Hildesheira, Berlin 1886; aus dem Corresp.- 
Blatt des Gesammtvereins; überreicht durch Hrn. Friede]. 

20. Festschrift zum fünfzigjährigen Jubiläum des naturvrissenschaftlichen Vereins 

der Provinz Posen, 1887; überreicht durch Director Schwartz. 



Couferenz vom 11. Februar 1887, 3 Uhr Nachmittags, in der Auja des Museums 

für Völkerkunde. "* "^ 



Ethnographie von Hawaii. 
Vorsitzender Hr. Virchow: 

Es ist eine besonders glückliche Verbindung von Umständen, welche uns heute 
zum ersten Mal .in einem Räume zusammenführt,* von dem wir hoffen dürfen, dass 
er für eine lange Zukunft das gedeihliche Zusammenwirken unserer Gesellschaft mit 
der Verwaltung des neuen Museums für Völkerkunde ermöglichen wird. Eine 
reiche Sammlung ethnographischer Gegenstände von Hawaii, welche, fast wider Er- 
warten, auf einem, durch jähe Culturveränderungen in kürzester Zeit gänzlich ver- 
änderten Boden als ein werthvoUes Nebenproduct einer, ganz anderen Aufgaben 
gewidmeten Reise gewonnen und unserem Museum zugeführt worden ist, soll durch 
den Sammler selbst der Gesellschaft erläutert werden. 

Hr. Dr. Arning war für zwei Jahre mit den Mitteln der Humboldt-Stiftung 
hinausgesendet worden, um den Aussatz, der sich neuerlich in schrecklicher Häufig- 
keit über die hawaiische Inselgruppe verbreitet hat, zu studiren und, wenn möglich, 
die Ursachen, insbesondere die Uebertragbarkeit desselben zu ermitteln. Wie in 
dem, an die Königliche Akademie der Wissenschaften (Sitzungsberichte 1886. 
S. 1141) erstatteten Berichte dargelegt worden ist, sind manche der Voraussetzungen, 
welche auf Grund früherer Berichte gehegt werden mussten, nicht zugetroffen, und 
die ätiologischen Fragen haben auch diesmal nicht ihre volle Lösung gefunden. 
Dafür sind die wichtigsten Erfahrungen über den Verlauf und die Formen, in wel- 
chen die vielgestaltige Krankheit auftritt, gemacht worden. Diese weiter aus- 
einanderzusetzen, ist hier nicht der Ort. 

Wohl aber dürfen wir uns und dem jungen Forscher aufrichtig Glück wün- 
schen, dass er eine Seite der Beobachtung in fruchtbarster Weise entwickelt hat, 
für welche er am wenigsten vorbereitet erschien. Er hat die letzten Spuren der 
alten Cultur mit einer solchen Schärfe des Blicks und einer solchen Feinheit des 
Verständnisses entdeckt, dass die Ethnographie der merkwürdigen Inselgruppe durch 
ihn eine ganz neue Gestalt angenommen hat. Auf die reiche Schädelsammlung, 
die er uns gleichzeitig überbracht, und auf die vorzüglichen photographischen Auf- 
nahmen von Eingeborenen, die er zum grossen Theil selbst ausgeführt hat, werden 
wir ein anderes Mal zurückkommen. Heute haben wir nur zu sehen und zu hören, 
und ich darf mich darauf beschränken, Hrn. Arning im Namen der Gesellschaft 
herzlich willkommen zu heissen. — 

Hr. Ed. Arning: 

Es gereicht mir zur hohen Freude, Ihnen heute einzelne Stücke aus einer 
ethnographischen Sammlung vorführen zu können, zu deren Anlegung ein 2', .^ jäh- 
riger Aufenthalt auf der Hawaiischen Inselgruppe mir Gelegenheit gab. Seit Jahr- 
zehnten hatte man sich gewöhnt, Polynesien, speciell die Hawaii- oder Sandwich- 

Verhandl. der Berl. Aiitbropol. Gesellscluift 1SS7. \) 



(130) 

Inseln, als für die ethnologische Forschung verloren anzusehen. Der alles 
nivellirende Einfluss unserer modernen Cultur hatte auf diesem engen Insel- 
gebiet, wo keine grossen Länderstrecken, keine mächtigen und wehrhaften Völker- 
schaften ihrer schnellen Verbreitung hindernd in den Weg traten, so rasend schnell 
mit der Originalität der Volkssitte aufgeräumt, dass, bereits nach einem Viertel- 
Jahrhundert ihres Einflusses, Alt-Hawaii als auf immer verschwunden betrachtet 

werden konnte. 

Doch nicht der plötzlichen üeberschweramung mit angelsächsischer Cultur 
allein ist dieses schnelle Hinsterben der Originalität zuzuschreiben, nein, die alte 
hawaiische Cultur trug iu sich selber den Keim des Todes. Sie war siech und in 
Unnatur entartet, als am Ende des vorigen und Anfang dieses Jahrhunderts spo- 
radisch, und von 1820 an in ihrer ganzen Wucht unsere Civilisation dort eindrang. 
Ohne Schriftsprache, der mächtigen Förderin der Ideenentwickelung, und ohne 
neue Impulse von irgend einer Richtung her, hatte das hawaiische Volk iu Jahr- 
hunderte, vielleicht Jahrtausende langer Isolirung sein Geistesleben^ wenn nicht er- 
schöpft, so doch durch Reproduction des einmal Gegebenen in immer intensiverer 
Art zu einem lästigen Zwange umgestaltet. So erklärt sich, dass Hawaii mit seinen 
überlebten Institutionen, mit seinem unerträglich gewordenen Cultus- und Tabu- 
System aus freien Stücken brach, sobald die ersten Strahlen unserer Cultur es 
erreichten. Das volle Licht derselben ging auf über ein, bereits ohne die uralt 
bestimmenden Normen lebendes Volk! 

Das Resultat dieses selbständigen Vorgehens der Hawaiier war ein viel gründ- 
licheres Aufräumen mit fast allem der alten Cultur Zugehörigen, als vielleicht ge- 
schehen wäre, wenn allein die Missionare das Volk zum Aufgeben des alten Götter- 
glaubens bestimmt hätten. Die Tempel wurden nicht nur verlassen, sondern zer- 
stört, die Feder- und Holz -Idole in Massen verbrannt, die Steingötzen um- 
gestürzt und ins Meer und in Sümpfe versenkt. 

Die Kenntniss dieses Umstaudes und die thatsächlichen Misserfolge mancher 
Sammler hatten den Inseln den Ruf verschafft, für die Ethnographie verloren zu 
sein, und es ist charakteristisch, dass in den grossen Museen das an hawaiischen 
Gegenständen Vorhandene fast ausschliesslich aus dem ersten Grundstock der 
Sammlungen übernommen worden ist. 

In der That scheint auch das moderne Hawaii, wie es der Reisende bei kür- 
zerem Aufenthalt von der Hauptstadt Honolulu aus oder durch den Besuch einiger 
der grossen Zuckerplantagen kennen lernt, ethnographisch wenig Originelles zu 
bieten. Die Hauptetappe auf der grossen Weltlinie von San Francisco nach Neu- 
seeland und Australien bildend, und mit seiner gewaltigen Rohrzuckerproduction 
eine maassgebende merkantile Stellung einnehmend, hat Hawaii durch weisse und 
chinesische Einwanderer, die das eingeborene Element jetzt bereits an Zahl über- 
treffen, seine ürsprünglichkeit auf immer eingebüsst. 

Im nördlichen Stillen Ocean, eben noch innerhalb der Tropenzone gelegen, und 
fast das ganze Jahr hindurch vom kühlenden Passatwind gefächelt, setzen die frucht- 
baren Inseln mit ihrer gleichmässig sommerlichen Temperatur und in ihrer Immu- 
nität von mörderischen Klimafiebern dem nordischen Europäer und Amerikaner 
kein Hinderniss der Ansiedelung und des Fortkommens entgegen. Das Resultat 
ist, dass es viele weisse Familien giebt, die schon in der dritten und vierten Gene- 
ration auf den Inseln leben, und, wenn auch nicht Ureinwohner, doch immerhin 
Hawaiier sind und Hawaii als ihre Heimath betrachten. Ebenso, und dieser Faktor ist 
für die Assimilation vielleicht noch wichtiger, haben es von jeher weder Weisse 
noch Chinesen, selbst nicht die sonst auf „farbiges Blut" so stolz herabblickenden 



(131) 

Neu -Engländer verschmäht, Ehen mit eingeborenen Frauen einzugehen, in der 
richtigen Empfindung, dass die Polynesier eine ganze andere, uns viel näher 
stehende Rasse darstellen, als diejenigen dunklen Völker, welche dem Amerikaner 
wesentlich bekannt sind, Indianer und Neger. — In dieser Beziehung steht Hawaii 
überliaupt wohl exceptiouell dar. Ein eingeborner König regiert ein Volk, dessen 
Minderzahl aus Eingeborenen besteht, und Fremde aller Nationen, feiugebildete 
Chinesen mit eingeschlossen, verkehren miteinander und den besseren Familien der 
Hawaiier auf der gleichen Stufe socialer Beziehungen. Schliesslich muss das ra- 
pide Aussterben der autochtlionen Rasse für das Schwinden der alten Cultur ver- 
antwortlich gemacht werden. Die verschiedensten Umstände haben ein Sinken der 
eingeborenen Bevölkerungszahl, von etwa 400 ÜOü zu Cook's Zeiten, auf 40 000 im 
Jahre 1884 veranlasst, und trotz aller Versicherungen der Regierung, dass bessere 
hygienische Bedingungen dem weiteren Aussterben ein Ziel gesetzt haben, ist der 
völlige Untergang der reinen Rasse wohl nur die Frage von Decennien. 

Auch mir erschien in der ersten Zeit meines fast 3jährigen Aufenthalts auf 
den Inseln Alt- Hawaii ganz entschwunden; erst allmählich merkte ich, dass 
hier und da noch manches gute alte Stück der Vorzeit aufzutreiben war, und so 
ist es mir gelungen, schliesslich noch eine ziemlich umfangreiche Sammlung anzu- 
legen, von der ich hoifen will, dass sie, im Verein mit den kostbaren Stücken, 
welche das Berliner Museum für Völkerkunde schon aus Hawaii besitzt, dazu dienen 
möge, eine möglichst deutliche Anschauung der auf ewig untergegangenen hawaii- 
schen Cultur zu geben. 

Wesentlich dreien Umständen glaube ich es danken zu müssen, dass es mir 
glückte, nicht nur sporadisch Einiges aufzusammeln, sondern eine systematische 
Collection anlegen zu können. Zunächst brachte mich meine Stellung als Arzt, 
der in das Land kam, um die Lepra, den Hauptfeind, den die eingeborene 
Rasse jetzt hat, zu studireu, von vorneherein mit dem Volk, auch in den 
schwer zugänglichen Districten der Inseln, in innigere Berührung, als die meisten 
anderen Fremden, welche sich, eben dieser weitverbreiteten Krankheit halber, 
scheuen, die Eingeborenen in ihren Hütten aufzusuchen, und trug mir Zutrauen 
und Sympathien ein, die ich ausnutzen konnte. Weiterhin fiel in die Zeit meines 
Aufenthaltes der Beginn einer jetzt bereits ausartenden Reaction gegen das Fremde, 
welche vom König künstlich hervorgerufen und unterhalten wurde, und wenn es 
mir auch nicht gelang, von dem für ethnologische Zwecke gewiss hochwichtigen 
Treiben der neugegründeten Geheiraclubs Keuntniss zu erlangen, in welchen die 
alt-hawaiischen Mysterien der Priester- und Häuptlings-Kaste wieder aufleben, so 
förderte der, neben mir, auch von Mitgliedern der königlichen Familie betriebene 
Sammeleifer manche in Vergessenheit gerathene Reliquie der Vergangenheit aus 
ihren nur noch den alten Leuten bekannten Verstecken zu Tage und auf den 
Liebhabermarkt. Auf diesem konnten dann die seltenen Stücke, allerdings zu 
hohen Preisen, erstanden werden. Auch aus Auctionsverkäufen des Nachlasses 
mehrerer hochstehender Personen ist manches Werthvolle in meine Sammlung ge- 
kommen. Als dritten wichtigen Factor des Gelingens möchte ich hervorheben, 
dass ich das Gewonnene nicht in Kisten und Kasten verstaute, sondern in einem 
eigens dazu eingerichteten Räume aufstellte. Es war eine Freude, zu sehen, mit 
welcher Ehrfurcht die Eingeborenen, welche ich jederzeit gerne hineinführte, diesen 
Raum betraten, wie die noch in den alten Leuten steckende Scheu sie zaghaft die 
tabuirten königlichen Geräthe und die Götterbilder anstaunen Hess, wie sie schliess- 
lich dann anfingen, über die Herstellung und Verwendung des Eir^elnen zu er- 
zählen, und dabei auch bin und wieder von dem Vorhandensein ähnlicher oder 

9* 



(132) 

noch besserer Stücke in dieser und jener Familie Andeutungen fallen Hessen, die 
mich auf neue Spuren brachten. Speciell den Widersachern der jetzigen neuen 
Dynastie verdanke ich mauchen Schatz, dessen Vorhandensein mir verrathen wurde, 
damit er nicht in die Hände des Königs falle. Für Vieles bin ich aber auch 
der Vermittelung befreundeter weisser Familien zu Dank verpflichtet, die ihren 
Einfluss bei den, ihnen speciell ergebenen Eingeborenen ihrer Nachbarschaft für 
mich und meine Sammlung verwendeten. 

Ehe ich nun dazu übergehe, einzelne auserwählte Stücke der Sammlung vor- 
zuführen, möchte ich, ganz im Allgemeinen, einen Ueberblick davon zu geben 
versuchen, was Sie unter dem zusammengebrachten Material erwarten dürfen und 
was nicht. 

Als die Polynesier auf ihrem grossen Zuge ostwärts auch Hawaii bevölkerten, 
brachten sie manche Techniken« mit, welche wir, wenngleich nach vielen Rich- 
tungen hin eigenartig entwickelt, auf den Sandwich - Inseln ebenso, wie bei 
den Samoanern, Tahitiern u. s. w. finden. Da ist, um von dem Menschen und 
seiner Bekleidung zu reden, vor Allem das ßastzeug, die Kapa, zu erwähnen. 
Denn Webstühle kannten sie nicht, und Felle standen ihnen bei dem absoluten 
Mangel an jagdbaren Thieren nicht zur Verfügung. Darum vermissen wir auch 
bei den Hawaiiern die sonst für Naturvölker so charakteristischen Gegenstände, 
die sich auf Jagd und den Schutz gegen eine gefährliche Fauna beziehen. Nur 
den Vögeln wurde mit Schlingen und Vogelleim nachgestellt, und zwar der Federn 
wegen, welche zu Götzenbildern, den Federmänteln und Helmen der Häuptlinge 
und zu Tanzschmuck verarbeitet wurden. Reiche Ausbeute gab mir hingegen das 
Fischereigewerbe, das, soweit die Chinesen sich desselben nicht bemächtigt haben, 
noch heute nach den uralten Methoden und auch mit einem guten Theil des alten 
Aberglaubens betrieben wird. 

Der Mangel an verarbeitbarem Thon — denn der vorhandene zerbröckelt beim 
Brennen und wird nur zum Reinigen der Haare und mitunter als Speise gebraucht, — 
führte zur ausschliesslichen Verwendung von Kokusnüssen, Kürbissen und Holz 
zur Anfertigung von Gefässen. Dies wirkt wiederum in zweierlei Richtungen be- 
stimmend: einmal fehlt die durch den gefügigen Thon gegebene Anregung zur 
reichen Formgestaltung und freier Ornamententwickelung des Geräthes, und zwei- 
tens weist der alleinige Gebrauch von Holz- und Kürbissgefässen auf das Zubereiten 
der Nahrung durch Backen hin, da ein Kochen derselben durch die Natur der Ge- 
fässe ausgeschlossen ist. 

Der Mangel an verhüttbaren Erzen hat auf den Inseln die Steinzeit bis in 
unser Jahrhundert hinein fortdauern lassen. Mit St